zu nähern vermögen. Es findet sich aber das, was ich bei mir ge- funden habe, und wobei ich nach sorgsamer und oft wiederholter Beobachtung stehen bleiben muss, keineswegs Alles eben so bei Anderen wieder, wie man aus den weiter unten angeführten Fäl- len ersehen wird.
Erinnerungs- und Phantasiebilder erscheinen mir im Allge- meinen immer wie etwas der Körperlichkeit Ermangelndes, Lufti- ges, Gehauchtes, dem gleichsam materielleren Eindrucke der Nachbilder gegenüber.
So ist die Zeichnung der Erinnerungs- und Phantasiebil- der bei mir ganz ohne Vergleich unbestimmter, verwaschener, als ‘ die der Nachbilder. Klare scharfe Umrisse vermag ich gar nicht, auch nur an den geläufigsten Erinnerungsbildern der Gegenstände, die mir täglich vor Augen sind, zu erhalten, indess die Nachbilder mit entsprechender Schärfe als direct gesehene Gegenstände auf- treten.
Nachbilder im geschlossenen Auge sind je nach den Hellig- keitsverhältnissen der angeschauten Objeete zu dem Grunde, auf dem sie erschienen, entweder tiefer schwarz oder lichter als der umgebende Grund des Auges und als das gleichförmige Schwarz des Sehfeldes. Erinnerungsbilder hingegen machen mir im Allgemeinen einen schwächeren Eindruck als das Schwarz selbst. Von Weiss zu Schwarz giebt es eine Skale continuirlich abgestufter Helligkeit und das tiefste Schwarz ist das reine Augen- schwarz. Frage ich mich nun, wohin diese Skale führen würde, wenn ich sie noch unter das Schwarz fortgesetzt dächte, so wird man meines Erachtens auf den undeutlichen Eindruck der Erin- nerungs- und Phantasiebilder geführt.
Farben kann ich an den Erinnerungsbildern farbiger Ge- genstände mit aller Bemühung nicht oder nur in flüchtigem, zwei- felhaftem Scheine bei Erinnerung an sehr frappante Eindrücke reprodueiren *); indess ich lebhafte farbige Nachbilder im offenen wie geschlossenen Auge erhalte. Auch träume ich nie in Farben, sondern alle meine Erlebnisse im Traume erscheinen mir wie in einer Art Dämmerung oder Nacht vorgehend.
Ich bin nicht im Stande, selbst das geläufigste Erinnerungs- *) So wenn ich an durchschnittene Eier auf Spinat denke, wo das Weiss, Gelb und Grün sehr scharf gegen einander absticht.
bild auch nur kurze Zeit stetig festzuhalten, sondern muss es, um es länger zu betrachten, gewissermassen immer von Neuem wiedererzeugen; es ändert sich nicht sowohl von selbst, als es verschwindet immer wieder von selbst. Will ich es aber mit gleichgerichteter Intention oft hinter einander wiedererzeugen, so gelingt es bald gar nicht mehr, indem die Aufmerksamkeit oder Productionsthätigkeit sich schnell abstumpft. Diess ist aber keine Abstumpfung der Erinnerungsthätigkeit überhaupt; denn ich bin — und diess scheint mir der Beachtung werth — nicht gehindert, statt dessen sofort ein anderes geläufiges Erinnerungsbild, so deut- lich, als es mir überhaupt möglich ist, vorzustellen, und, wenn auch für dieses die Aufmerksamkeit oder Productionsthätigkeit sich erschöpft hat, zum ersten Bilde zurückzukehren, wo ich es wieder mit der anfänglichen Deutlichkeit produciren kann. Diess gilt selbst von ganz verwandten Bildern; wie ich z. B. oft den Versuch mit zwei auf derselben Photographie befindlichen Portrait- figuren oder neben einander hängenden Portraits in meinem Wohnzimmer angestellt habe, deren keines ich oft hinter einander in Erinnerung reprodueiren kann, wohl aber beide in mehrfachem Wechsel. Setze ich jedoch diesen Wechsel etwas rasch oft hinter- einander fort, so finde ich mich endlich für beide Bilder abge- stumpft, kann aber zu einem dritten Bilde mit Erfolg übergehen.
Nachbilder kann ich überhaupt nicht durch Willkühr um - wandeln. Erinnerungsbilder kann ich leicht nach Willkühr mit anderen vertauschen, viel schwieriger allmälig in andere umwan- deln oder phantastisch ändern.
In keinem Falle stellen sich mir Gegenstände im Erinnerungs- felde in anderen Verhältnissen zu einander dar, als es den For- men der Anschauungen mit offenen Augen entspricht, und eben so kann meine Phantasie mit ihren Schöpfungen nicht aus diesen Gränzen heraus. So kann ich mir keinen Menschen zu- gleich en face und von seiner Rückseite vorstellen, obwohl mit der Vorstellung gleichsam um ihn herumgehen.
Was mir sehr unerwartet war und ich doch bei wiederholten Beobachtungen nicht anders finden kann, ist, dass es mir leichter gelingt, Erinnerungsbilder mit einer, zwar stets nur sehr gerin- gen, aber doch verhältnissmässig grösseren Deutlichkeit bei of- fenen Augen, als beigeschlossenen Augen zu erzeugen; nur muss ich dabei gänzlich die Aufmerksamkeit vom Aeusseren K Fur ZT7 u abstrahiren; so dass es mir entschwindet, was mir an sich nicht schwer ist und um so leichter gelingt, wenn ich die Augen nie- derschlage und wie träumend gegen den Boden richte. Es kommt mir so zu sagen vor, als ob bei gänzlichem Schlusse der Augen der Lichtstoff fehlte, die Bilder daraus zu weben, als wenn das Augenschwarz nichts dazu hergäbe, und störender für ihre Wahr- nehmung wirkte, als des Tages sanfte Helligkeit. — Hingegen bin ich zum abstracten Denken niemals besser als früh Morgens im Dunkel im Bette aufgelegt.
Nachbilder scheinen sich in gleicher Richtung mit zu bewe- gen, wenn man Kopf oder Augen bewegt; ob dasselbe mit Erin- nerungsbildern der Fall sei, fällt mir wegen der grossen Schwäche derselben und der Schwierigkeit, überhaupt noch etwas davon präsent zu erhalten, wenn ich zugleich etwas Anderes mit Be- wusstsein vornehme, schwer zu beurtheilen. Doch hat es mir im- mer geschienen, dass z. B. ein Thurm, ein Baum, der Mond am Himmel, wenn ich mir sie nur (sei es mit offenen oder geschlosse- nen Augen) feststehend vorstelle, auch ihre Lage in der Vor- stellung unverändert beibehalten, während ich Kopf oder Augen hin- und herbewege. Wie es sich mit nicht absichtlich durch Vor- stellung fixirten Erinnerungsbildern verhält, vermag ich nicht zu sagen; sie verschwinden mir bei jeder Bewegung des Kopfes oder der Augen, wenn ich zugleich Acht geben will, ob sie bewegt oder nicht bewegt erscheinen; indem sie diese Theilung der Aufmerk- samkeit nicht vertragen.
Das Sehfeld, in welches sich die Nachbilder einzeichnen und das scheinbare Sehfeld der Erinnerungsbilder bieten für die Er- scheinung folgende Unterschiede dar. Das Feld der Nachbilder bei geschlossenen Augen, das schwarze Sehfeld, scheint mir von sehr beschränkter Grösse, ohne alle Tiefe, unmittelbar vor meinen Au- gen oder mit der Verticalebene derselben selbst coineidirend. Selbst wenn ich die Nachbilder sehr verschieden ferner Gegen- stände zugleich im geschlossenen Auge habe, erscheinen sie mir doch wie auf einer Fläche neben einander und ihrer Grösse nach nur durch den Gesichtswinkel bestimmt, unter dem die Objecte erschienen, welche das Nachbild gaben, so dass die Täuschung, die uns bei offenen Augen zur anderen Natur geworden ist, dass gleich grosse, verschieden ferne Gegenstände auch gleich gross u Du erscheinen, in den Nachbildern dieser Gegenstände verschwindet, worüber ich positive Erfahrungen habe*).
In allen diesen Hinsichten verhält sich die Erscheinung des Feldes der Erinnerungs- und Phantasiebilder bei mir ganz anders. Da wir die Gegenstände immer vor uns sehen, so bin ich aller- dings auch von selbst geneigt, die Gegenstände, an die ich mich erinnere, vielmehr vor mir als hinter mir befindlich vorzustellen; aber ich kann sie nicht nur beliebig weit vor mir, sondern auch hinter mir, seitlich, über, unter mir befindlich vorstellen, kann mir selbst zugleich oder in schnellem Wechsel einen Thurm vor mir und einen Thurm hinter mir vorstellen, die Gegenstände vor mir ebensowohl hinter einander als neben einander vöfstellen.
Wenn ich früh Morgens nach hereingebrochenem Tage noch im Bette liege, und die ruhig gehaltenen offenen Augen etwa einmal schliesse, stellt sich mir gewöhnlich das schwarze Nachbild des weissen Bettes unmittelbar vor mir und das weisse Nachbild des schwarzen Ofenrohres an der gegenüberstehenden, ziemlich entfernten Wand der langen Kammer, in der ich schlafe, zugleich mit grosser Intensität dar. Beide erscheinen mir wie auf einer Fläche neben einander, und indess ich mit offenen Augen die ganze Länge des weissen Bettes zu erblicken meine, stellt sich mir im Nachbilde bei geschlossenen Augen nur ein verhältniss- mässig schmaler schwarzer Streifen statt dessen dar, in Betracht der grossen Verkürzung, in der ich das Bett gesehen. Statt dessen reprodueirt das Erinnerungsbild die ganze Täuschung der Erschei- nung bei offenen Augen.
Kurz, während mir das schwarze Sehfeld mit seinem Inhalte von Nachbildern nur zwei Dimensionen ohne Tiefe zu haben scheint, scheint mir das Sehfeld der Erinnerungsbilder drei Dimensionen mit Tiefe wie das Sehfeld bei offenen Augen zu haben. Wenigstens gilt diess insofern, als ich mir eine ganze Ge- gend, einen Stadttheil, ein Zimmer oder dergleichen auf einmal vorstelle.
Um das Nachbild eines begränzten Gegenstandes, z. B. einer Lichtflamme, im geschlossenen Auge wahrzunehmen, muss ich die Aufmerksamkeit auf das schwarze Sehfeld des geschlossenen Au- ges richten. Das Nachbild nimmt eine bestimmte, nicht willkühr- *) Pogg. XLIV. 524.
lich von mir zu ändernde, Stelle dieses Sehfeldes ein, und wird von demselben so umgeben, dass die Verhältnisse seiner Hellig- keit und Lage zu demselben unmittelbar aufgefasst und beurtheilt werden können. Hingegen, um ein Erinnerungs- oder Phantasie- bild wahrzunehmen, muss ich die Aufmerksamkeit von dem schwarzen Sehfelde in demselben Sinne abziehen, als ich sie dazu von der Sphäre der Gehörs-, Getastempfindungen u. s. w. abzie hen muss, und je mehr ich sie davon abziehe, desto deutliel vermag mir ein Erinnerungs- oder Phantasiebild zu erscheinen. Manchmal zwar scheint es mir zu gelingen, ein Erinnerungsoder Phantasiebild auf das schwarze Sehfeld zu projieiren, oder in 2. dieses so z# sagen mit der Phantasie Bilder hineinzumalen. Aber es scheint diess nur darauf zu beruhen, dass ich am meisten geneigt bin, das Erinnerungsbild vorn zu suchen oder dahin zu verlegen; es gelingt mir doch nicht so, dass ich mir der Verhältnisse - des Bildes zum Felde ruhig bewusst werden könnte; sondern ich fühle dabei eine eigenthümliche Anstrengung, welche in dem Ver- suche zu beruhen scheint, den schnellen Wechsel zwischen dem Sehfelde der Nachbilder und Vorstellungsbilder in Coineidenz zu verwandeln und werde mir auch nie eines vollkommenen Gelin- gens bewusst.
Damit hängt Folgendes zusammen: Ich bin sehr wohl im Stande, ein grösseres Erinnerungsbild, was eine Mehrheit unter- P scheidbarer Theile einschliesst oder auch eine Mehrheit zusam- menhängender Erinnerungsbilder gleichzeitig mit Bewusstsein auf- zufassen, oder, insofern statt einer wirklichen Gleichzeitigkeit ein sehr schnelles Durchlaufen den Schein der Gleichzeitigkeit erwe- cken sollte, was streng zu unterscheiden nicht wohl möglich ist, das rasche successive Ueberschauen mit einem Gefühle vollkom- mener Continuität der Thätigkeit, als bleibe ich in demselben Felde, zu thun. Ganz eben so wie mit Erinnerungsbildern für sich verhält es sich mit Nachbildern für sich. Auch kann ich zwischen bewusster Auffassung von Nachbildern und Erinnerungsbildern sehr schnell wechseln, bin aber durchaus nicht im Stande, ein Nachbild und Erinnerungsbild gleichzeitig oder mit dem Scheine der Gleichzeitigkeit bewusst aufzufassen, und habe im Uebergange von einem zum anderen nicht dasselbe Gefühl der Gontinuität, wie wenn ich im Anschauungsfelde der Erinnerungsbilder oder b Nachbilder für sich bleibe.
Bei Gelegenheit der S. 473 angeführten Erfahrung in meinem Schlafzimmer habe ich versucht, das Erinnerungsbild, in dem ich Bett und Ofenrohr hinter einander zu sehen meine, aus dem Nach- bilde, in dem Alles wie auf einer Fläche erscheint, herzustellen, indem ich es durch die Vorstellung selbst darein umzuwandeln suchte; und man könnte meinen, es müsse noch leichter gelingen, das Erinnerungsbild aus dem Nachbilde herzustellen, als es frisch zu erzeugen. Aber der Versuch gelang nicht, sondern die Auf- merksamkeit musste erst ganz vom Nachbilde abgezogen werden, um das Erinnerungsbild mit dem Scheine des Vorn und Hinten herzustellen.
Wenn wir die Aufmerksamkeit von einem Sinnesgebiete auf das andere wenden, so haben wir zugleich ein bestimmtes, nicht zu beschreibendes, aber von Jedem leicht in der Erfahrung zu re- producirendes Gefühl der abgeänderten Richtung, was wir als das Gefühl einer verschieden localisirten Spannung bezeichnen können. Wir fühlen eine nach vorn gerichtete Spannung in den Augen, eine seitlich gerichtete in den Ohren, die mit dem Grade der Aufmerksamkeit wächst, je nachdem wir etwas aufmerksam fixiren, auf etwas aufmerksam horchen, wesshalb man auch von einer Spannung der Aufmerksamkeit selbst spricht. Am deutlich- sten fühlt man den Unterschied, wenn man mit der Richtung der Aufmerksamkeit zwischen Auge und Ohr schnell wechselt. Ent- sprechend verschieden in Beziehung zu den verschiedenen Sinnes- organen localisirt sich das Gefühl, je nachdem wir etwas fein rie- chen, schmecken, tasten wollen.
Nun aber habe ich ein ganz analoges Gefühl der Spannung, als wenn ich etwas recht scharf mit Gesicht oder Gehör auflassen will, wenn ich mir ein Erinnerungs- oder Phantasiebild möglichst deutlich vergegenwärtigen will; und dieses ganz analoge Gefühl ist ganz anders localisirt. Während bei möglichst scharfer Auffas- sung von objectiven sichtbaren Gegenständen, so wie von Nach- bildern, die Spannung deutlich nach vorn geht und bei Wendung der Aufmerksamkeit zu anderen Sinnessphären nur die Richtung zwischen den äusseren Sinnesorganen wechselt, indess der übrige Kopf nach dem Gefühle spannungslos ist, zieht sich bei der Be- schäftigung der Erinnerungs- oder Phantasiethätigkeit die Span- nung dem Gefühle nach ganz von den äusseren Sinnesorganen ab, und scheint vielmehr den Theil des Kopfes, den das Gehirn aus- /. "ROEOEER füllt, einzunehmen; und will ich mir z. B. eine Gegend oder Per- son vor mir recht lebhaft vergegenwärtigen, so wird sie um so leb- hafter vor mir auftauchen, nicht je mehr ich die Aufmerksamkeit nach Vorn spanne, sondern je mehr ich sie so zu sagen dahinter zurückziehe. Noch Einiges hierüber weiter unten.
Hallucinationen vor dem Einschlafen, wie sie so viele Perso- nen haben, kommen bei mir nicht vor; und das lebhafte Licht- flackern, was ich wegen krankhaften Zustandes meiner Augen stets im geschlossenen Auge habe, gestaltet sich nie zu bestimm- ten Figuren, noch kann ich es durch Phantasiethätigkeit dazu ge- stalten.
Nach Allem stellen sich die Erinnerungs- und Phantasiebilder bei mir in einer, wie es scheint bei Anderen seltenen, Schwäche dar, selbst wenn ich die Erinnerungs- und Phantasiethätigkeit noch so sehr anstrenge, indess sich Nachbilder mit grösster Leich- tigkeit und grosser Intensität, oft lästig, bei mir einstellen; und ich keinen Anlass habe, meinen Farbensinn bei offenen Augen für weniger entwickelt zu halten, als den von anderen Personen.
Wo möglich noch schwerer als im Felde des Gesichtssinnes producire ich Erinnerungen im Gebiete anderer Sinne. So bin ich noch weniger im Stande, mir den Klang der Stimme meiner Frau oder anderer Personen, mit denen ich täglich umgehe, mit irgend welcher Deutlichkeit in der Erinnerung zu reprodueiren, als ihr Gesicht, wenn schon ich dieselben Personen bei wirklichem Hören ihrer Stimme im Dunkeln unter Tausenden wiedererkennen würde. Gar nicht gelingt mir die Reproduction mit Geruchs- und Ge- schmacks-Empfindungen. Einfache Melodien jedoch kann ich nach öfterem Hören wohl merken und mir die Erinnerung daran durch ein leises Nachsingen oder leise Bewegungen des Kehlkopfes, als sänge ich, erleichtern. Das Localgefühl des Besinnens auf Empfin- dungen in anderen Sinnesgebieten als dem des Gesichtes scheint mir mit dem Localgefühle in diesem übereinzustimmen; manche rauschende Musik jedoch glaube ich ohne Besinnen in der Erinne- rung doch mehr wie mit den Ohren zu hören.
So weit zunächst die eigenen Beobachtungen. Mit diesen fand ich die Wahrnehmungen Anderer, welche ich zur Selbstbeobach- tung veranlasste, im Allgemeinen um so mehr übereinstimmend, je mehr sie in der Schwäche der Erinnerungs- und Phantasiebil- der mit mir übereinstimmten, constatirte aber dabei leicht die beiden Thatsachen, dass die Lebhaftigkeit dieser Bilder bei ver- schiedenen-Personen ausnehmend verschieden ist, und dass, je mehr sich diese Phänomene sinnlichen Phänomenen als wie den Nachbildern in der Stärke nähern, um so mehr auch die anderen angegebenen Verschiedenheiten derselben davon schwinden, so dass schliesslich nur der wesentliche Unterschied der spontanen und nicht spontanen Erzeugung und Abänderung zwischen beiden übrig zu bleiben scheint.
Es würde von Interesse sein, diesen Gegenstand statistisch zu bearbeiten, und ich bedauere, die früher wirklich beabsichtigte derartige Verfolgung des Gegenstandes doch über anderen Gegen- ständen vernachlässigt zu haben, so dass mir gegenwärtig kein so ausgedehntes Material zur Vergleichung zu Gebote steht, als ich selbst wünschte. Vielleicht jedoch würde aus einer grösseren Zahl von Fällen auch nicht viel mehr zu lernen sein, als aus den fol- gends mitzutheilenden, verhältnissmässig wenigen, die ich noch in letzter Zeit gesammelt habe. Uebrigens liegt auf derHand, dass es überhaupt schwer ist, genaue, zuverlässige Angaben in diesem Gebiete zu erhalten, da es schon schwer ist, solche zu geben und nur die rechten Ausdrücke dabei zu finden. Eine sorgfältige und wiederholte Selbstbeobachtung mit Abhaltung von Selbsttäuschun- gen, und eine bestimmte Fragestellung, wenn man Angaben von Anderen verlangt, mit Vorsicht, ihnen nicht Antworten in den Mund zu legen, wird dabei vorausgesetzt. Auch wird sich eine objective Garantie, dass man bei Befragung Anderer recht verstan- den worden sei und recht verstanden habe, und dass überall ganz vergleichbare Umstände der inneren Beobachtung stattgefunden haben, bezüglich mancher Puncte kaum geben lassen.
Unstreitig ist in letzter Hinsicht nöthig, auf vergleichbare Objecte der Erinnerung Bezug zu nehmen, um vergleichbare Ant- worten erwarten zu können, ohne dass mir doch ein Halten an ganz bestimmten Gegenständen von Nutzen scheint. Nur hat man zu unterscheiden, ob es sich um geläufige oder nicht geläufige Er- innerungen, um beschränkte Erinnerungsbilder, wie von einer Rose, einem Gesichte, einem Thurme, die ich gewöhnlich als Bei- spiele anwende, oder unbeschränkte, wie von einer ganzen Ge- gend, handelt, und ob die Erinnerungen unter Zuziehung dieser oder jener Associationsmittel gewonnen sind. Um nicht mit Com- plicationen zu beginnen, scheint mir zweckmässig, vorerst Erinzz nerungen an Anschauungen auszuschliessen, die unter Mithülfe eigener Thätigkeit gewonnen sind, deren Erinnerung dann asso- ciationsweise mit der des angeschauten Objectes zusammenwirkt, wie wenn der Maler sich malend, ein Spaziergänger durch die Gegend, die er vorstellt, sich gehend denkt. Eine weitere Fort- setzung dieser Birlieckikiögen würde übrigens wahrscheinlich noch auf manche Rücksichten und Unterscheidungen führen, die dabei zu machen sind, und bei diesem ersten Versuche, dlması Ge- biet einer genaueren Beobachtung zu unterwerfen, noch nicht sich dargeboten haben.
Ich will nun zunächst die speciellen Angaben einiger mehr oder weniger ausführlich von mir befragten Personen mittheilen, dann einiges Allgemeine über den Gegenstand bemerken. Hoffent- lich wird man den Raum, den diese Mittheilungen in Anspruch nehmen, nicht zu sehr bedauern; da Detailangaben über das Ver- halten der Phänomene bei verschiedenen Personen doch der ein- zige Weg sind, der überhaupt zu Etwas führen kann, und es bis- her an dieser Erfahrungsunterlage fast ganz fehlte. Denn fast nur die Fälle, wo die Erinnerungsbilder sich Hallueinationen nähern h oder in solche übergehen, haben bis jetzt die Aufmerksamkeit auf sich gezogen; ünstreitig aber gilt vor Allem, erst nachzusehen, wie sich die Erscheinungen in Normalfällen verbale F - Die folgenden Fälle sind nach dem aufsteigenden Grade der Annäherung an sinnliche Phänomene, den sie mir nach der Schil- derung zu haben scheinen, geordnet.
4) Ch. H. Weısse, Prof. der Philosophie, mit mir in gleichem Alter (59 Jahre), scheint bezüglich der Erinnerungsbilder sich auf einer ganz ähn- lichen Stufe als ich zu befinden; indem er eben so wenig deutliche Farbe oder Zeichnung daran produeiren kann. Er hat, wenn er die Augen schliesst, eben so wenig wie ich ein rein schwarzes Gesichtsfeld, sondern allerlei farb- losesLicht darin, woraus sich aber, je länger er die Augen geschlossen hält, um so bestimmter geformte Phantome weben, was bei mir nicht der Fall ist. Um sie zu beobachten, muss er die Aufmerksamkeit ganz entsprechend rich- ten, als wenn er mit offenen Augen äussere Gegenstände betrachten will, sie vertreten ihm in dieser Hinsicht (eben so wie bei mir das Lichtflackern) ganz die Stelle derselben; wogegen er, um Erinnerungsbilder zu erhalten, eben so wie ich, die Aufmerksamkeit ganz von diesem Felde zurückziehen muss, durchaus die Erinnerungsbilder mit jenen sinnlichen Bildern nicht z gleich ins Auge fassen oder in das Feld derselben hineinmalen kann, was bei ihm so entschieden der Fall ist, dass er die unten folgenden entgegengesetzten Angaben Anderer als auf unrichtiger Auffassung des Sachverhaltes be- ruhend anzusehen geneigt war.
2) A. W. Volkmann, Professor der Anatomie und Physiologie, eben- falls 59 Jahre alt, kann ebenfalls nur »überaus schwache und undeutliche Erinnerungsbilder« produeiren, sowohl was Form als Farbe anlangt, doch scheint ihm der Grad der Deutlichkeit merklich variiren zu können, ohne dass er die Umstände, von denen diess abhängt, anzugeben vermöchte. Vor dem Einschlafen hat er häufig, aber in sehr verschiedener Deutlichkeit, die bekannten Hallucinationen, »unter Umständen so deutlich, dass die Phanta- siebilder den objectiven Bildern an Deutlichkeit der Contour und Intensität der Farben kaum nachstehen«, nicht minder erscheinen ihm im Traume Ge- genden und andere Gegenstände mit Farben *). Hingegen sieht er nicht leicht Nachbilder und hat beim Schlusse der Augen normalerweise ein rein schwarzes (ob ganz lichtstaubloses?) Sehfeld. Beim Versuche, Erinnerungs- bilder festzuhalten, entschwinden sie periodisch, oder, wie er sich lieber ausdrücken möchte, »werden periodisch zu einem blossen Gedankendinge.« Die Lage des Erinnerungsbildes im absoluten Raume ändert sich mit der Augenstellung, so dass er sich beim Erheben der Augen das Erinnerungs- bild auch oben vorstellt**). Er kann sich die Erinnerungsbilder nur vor sich vorstellen. Er findet keinen wesentlichen Unterschied in der Leichtigkeit der Erzeugung der Erinnerungsbilder bei offenem und geschlossenem Auge. Gilt es Erinnerungsbilder bei geschlossenem Auge zu produciren, so muss er die Aufmerksamkeit dermassen in dem Erinnerungsbilde concentriren, dass ihm »darüber die Empfindung des schwarzen Sehfeldes an Deutlichkeit verliert«, und es gelingt ihm nicht, ein einzelnes Erinnerungsbild so in das schwarze Sehfeld hineinzumalen, dass es von demselben umgeben schiene, wie es bei einem Nachbilde der Fall ist. Jedoch scheint ihm »die gleichzei- tige Auffassung eines Erinnerungsbildes und Nachbildes wohl möglich, wenn nicht etwa die Empfindungen des Nachbildes und Erinnerungsbildes so schnell alterniren, dass man sie für gleichzeitig bestehend hält. Aber das ohnehin in Form und Farbe äusserst undeutliche Erinnerungsbild wird durch die gleichzeitige Gegenwart des Nachbildes noch undeutlicher und die Re- flexion auf dasselbe anstrengender.« Er findet bei Producirung der Erinne- rungsbilder »eine gewisse Anstrengung im Kopfe unverkennbar, in den Au- gen keine«; eben so scheint ihm »Erinnerung an Gehörtes eine Anstrengung des Kopfes zu veranlassen, und das Localgefühl der Erinnerungen an Sicht- bares und Hörbares ungefähr gleich.« Das Gefühl im Kopfe bei angestreng- tem Besinnen »ähnelt einem inneren Drucke. « *) Hiezu folgende Bemerkung: »In meinen Träumen sind, glaube ich, die Gehörwahrnehmungen constanter lebhaft als die Farben. Geruchsträume kann ich mich nicht erinnern gehabt zu haben. Geschmacksträume habe ich bestimmt nie. Ich esse im Traume gar nicht selten, aber stets ohne Ge- schmacksempfindung. « **) Es ist versäumt worden, die Frage darauf zu stellen, ob diess auch noch der Fall ist, wenn er den Gegenstand der Erinnerung während der Be- wegungen der Augen oder des Kopfes absichtlich als feststehend vorstellt.
3) W. Hankel, Prof. der Physik, 46 Jahre alt, erinnert sich, dass er als Knabe Erinnerungsbilder willkührlich mit sinnlicher Lebhaftigkeit, als wenn er sie mit Augen sähe, erzeugen und diese Bilder abändern konnte; doch ist diess jetzt nicht mehr der Fall. Immer noch aber vermag er sich deutlich Gegenstände mit ihren Farben (so z. B. das Farbenspectrum) und mit ihrer Form vorzustellen; aber nicht mehr mit dem Charakter sinnlicher Phänomene, nicht mehr, als wenn er sie mit Augen sähe. Von einem be- stimmten Orte, - wo sie ihm erschienen, kann er nicht sprechen, oder eine bestimmte Beziehung derselben zum schwarzen Sehfelde bei geschlossenen Augen angeben, von dem er vielmehr bei Erzeugung eines Erinnerungsbil- des die Aufmerksamkeit eben so abstrahiren muss, wie von äusseren Ge- genständen. Auch kann er Erinnerungsbilder nicht so in das schwarze Seh- feld hineinmalen, dass sie wie Nachbilder von demselben umgeben erschie- nen. Nachbilder sieht er nicht eben schwierig,.hat vor dem Einschlafen keine Hallucinationen, aber im Schlafe viel Träume. Sein Sehfeld bei im Dunkeln geschlossenen Augen ist rein schwarz, nur mit dem wohl überall normalen, jedoch ohne besonders darauf gerichtete Aufmerksamkeit leicht zu über- sehenden, sparsam eingestreutenLichtstaube. Er producirt im Ganzen leich- ter Erinnerungsbilder bei offenen als geschlossenen Augen. Er kann solche festhalten, ohne dass sie sich unwillkührlich ändern, wobei sich nur, wie selbstverständlich, die Aufmerksamkeit allmälig abstumpft. "Einen Thurm | kann er sich eben so leicht hinter sich als vor sich vorstellen, ein Farben- spectrum leichter vor sich als hinter sich. Ob die Erinnerungsbilder bei Be- „ wegung des Kopfes und der Augen sich mit bewegen, schien ihm schwer zu entscheiden. Die Erzeugung von Erinnerungsbildern scheint ihm von einem binter der Stirn localisirten Gefühle der Intention begleitet; dieses Gefühl aber beim Besinnen auf Melodien weiter rückwärts liegend als beim Besin- e nen auf Sichtbares. Das Anstrengungsgefühl beim’ ange scheint ihm mehr expansiv, als contractiv.
4) M. W. Drobisch, Professor der Mathematik und Philosophie, ei- nige Jahre jünger als ich, erzeugt leicht farbige Erinnerungsbilder von far- bigen Gegenständen, indess ihm nicht leicht gelingt, eine feste bestimmte Zeichnung derselben zu erhalten oder die Bilder stetig festzuhalten, da viel- mehr die Phantasie solche so zu sagen alsbald zerspielt. Im Traume sieht er manchmal Gegenden mit orientalischer Farbenpracht. Auch Nachbilder er- scheinen ihm sehr leicht, so dass sie bei Schluss seiner Augen (von denen das linke in der Sehkraft gelähmt ist) noch eine Zeit lang sein Gesichtsfeld zu erfüllen pflegen; jedoch endlich dasselbe leer lassen. Vor dem Einschla- fen hat er oft die bekannten Gesichtshallucinationen. Darüber, ob er die Er- innerungsbilder leichter bei oflenen oder geschlossenen Augen erzeugt, mochte er sich nicht entscheiden. Um Erinnerungsbilder bei Schluss der Augen zu produciren, muss er die Aufmerksamkeit vom schwarzen Sehfelde abwenden, kann die Bilder nicht auf dasselbe projiciren, noch mit Nach dern zugleich auflassen. Die Sehfelder der Erinnerungs- und Nachbilder scheinen ihm verschieden und das Augenschwarz entschwindet seinem wusstsein, während er sich mit sichtbaren Gegenständen beschäftigt. Doch PP aa nn Be z I yen- Wi >» scheint ihm, als wenn er beim Schauen geläufiger Erinnerungsbilder die Augen brauchte, nicht den Kopf dahinter; eben so wie er auch beim Erin- nern an geläufige Gehörseindrücke ein Gefühl wie vom Gebrauche der Oh- ren, beim Erinnern anGeschmackseindrücke wie vom Schmecken der Zunge hat. Um ein nicht geläufiges Erinnerungsbild erst sich deutlich zu machen, fühlt er jedoch die Anstrengung vielmehr wie im Kopfe hinter den Augen, als in den Augen. Beim Gefühle des Besinnens, als wenn er sich den Kopf über etwas zerbrechen wollte, hat er nicht sowohl (wie ich) ein Gefühl der Zusammenziehung der Kopfhaut, sondern als wenn der Kopf von Innen her- aus zersprengt werden sollte, und der Schädel dem Drucke von Innen Wi- derstand leistete. Er erzeugt Erinnerungen in anderen Gebieten als dem des Gesichtes eben so leicht als in diesem selbst.
In Betreff der speciellen Frage, ob die Erinnerungsbilder sich mit Kopf und Augen zu bewegen scheinen, erklärte er sich nach meiner Bitte um nä- here schriftliche Aufzeichnung so: »Ich kann eigentlich nicht so unbedingt, uneingeschränkt sagen, dass Erinnerungsbilder mir mit Kopf und Augen sich zu bewegen scheinen, dass ich ihre Bewegung wahrnehmen könnte, vielmehr verhält sich die Sache so. Ich stehe am Fenster meines Zimmers, sehe von da den Pauliner- thurm nach seiner Lage gegen das Kirchdach, das Bibliothekgebäude etc. und dies alles wieder eingerahmt von dem Fenster. Von diesem Ganzen bleibt mir nun ein Erinnerungsbild, das mir innerlich ganz eben so vor Augen schwebt, wie es, wenn ich es an jener Stelle sehe, vor Augen steht. Nun kann ich mich umdrehen, in das Nebenzimmer gehen etc., so wird, wenn ich mich jener Ansicht erinnere, das Bild immer in derselben Lage gegen meinen Körper vor mir schweben, wie die gesehenen Gegen- stände vor mir standen, und das bleibt sich gleich, wenn ich auf- und ab- gehe, mich drehe. Ebendeshalb weil das Bild in Bezug auf meinen Körper oder wenigstens den Kopf und die Augen insbesondere seine Lage nicht än- dert, kann ich nicht sagen, dass ich eine Bewegung des Bildes beobach- tete, sondern ich komme nur durch Reflexion dazu, eine solche Bewe- gung anzunehmen, wenn ich mir bewusst werde, dass die Stellung meiner Augen und meines Körpers eine andere geworden ist. Stelle ich mir vor — abwärts vom Fenster gehend —: »»die Kirche liegt hinter dir, indess der Thomasthurm vor dir liegt««, so kann ich mir das »»hinter mir«« zwar vor- stellen, aber nicht auf einmal mit dem »»vor mir««, sondern mir ist's, als müsste ich mich erst zu diesem Zwecke umsehen. «