SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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. sten getrübt...Bei einer alten Frau, welche an Lungenentzündung starb, fand man die linke Gehirnhälfte vollkommen gesund, die rechte aber fast in allen ihren einzelnen Theilen atrophisch, und dieses Weib hatte nie geringsten psychischen Störung gelitten #**).« (Friedrich’s Handb. 60.) Lo: get berichtet von einem 29jährigen Manne, dessen geistige Kräfte? merkliche Abweichung darboten, ungeachtet die ganze rechte Hemisphäre » des grossen Gebirns, mit Ausnahme der Basaltheile, fehlte. (Longet, Anat.et Physiol. du syst. nerv. 4842. I. 669.) — Neumann führt einen Fall an, in welchem eine Kugel eine ganze Hemisphäre zerstört hatte, ohne die Besin- nung zu rauben. (Neumann, von den Krankheiten des Gehirns des Men- schen. Coblenz 1833. S. 88.) — Abercrombie berichtet von einer Frau, bei welcher die Hälfte des Gehirns in eine krankhafte Masse aufgelöst war, und die dennoch, eine Unvollkommenheit des Sehens abgerechnet, alle ihre « geistigen Vermögen bis zum letzten Augenblicke behielt, so dass sienoch _ einige Stunden vor ihrem Tode einer fröhlichen Gesellschaft in einem be- freundeten Hause beiwohnte. (Abercrombie, inquiries etc.) — Ein Mann, dessen O’Holloran erwähnt, erlitt eine solche Verletzung am Kopfe, dass ein grosser Theil der Hirnschale auf der rechten Seite weggenommen wer- den musste; und da eine starke Eiterung eingetreten war, so wurde bei jedem Verbande durch die Oeffnung eine grosse Menge Eiler mit grossen Quantitäten des Gehirns selbst entfernt. So geschahe es 47 Tage hindurch, und man kann berechnen, dass fast die Hälfte des Gehirns, mit Materie ver- mischt, auf diese Weise ausgeworfen wurde. Dessenungeachtet behielt der Kranke alle seine Geisteskräfte bis zu dem Augenblicke seiner Auflösung, so wie auch während dieses ganzen Krankheilszustandes seine Gemütlhs- stimmung ununterbrochen ruhig war. j Es verhält sich mit beiden Hirnhemisphären factisch eben so wie mit zwei Pferden, die vor einen und denselben Wagen ge- spannt sind. Man kann das eine Pferd ausspannen und der Wagen geht noch in demselben Sinne wie früher fort, nicht minder das andere, und hienach könnte man meinen, sie seien beide gleich. überflüssig für den Gang des Wagens; der Wagen würde auch noch gehen, wenn man beide ausspannt. Aber dann steht erstill: *) Anat. lib. III. cap. 5. **, Nasse’s Zeitschr. 1825. Heft 3. S. 478. **) Bell, ind. revue medic. Mai 1831.

und auch während beide am Wagen sind, sind sie nicht blos da, sich für etwaigen Wegfall des andern zu vertreten, sondern auch sich in dem Zuge zu unterstützen; denn spannt man das eine aus, so geht der Wagen träger, oder wenn etwa noch gleich schnell wegen stärkern Antriebes des einen Pferdes, doch mit minderer Dauer.

Für den ersten Anblick muss es freilich sehr paradox er- scheinen, dass Wegfall oder Zerstörung einer ganzen Hemisphäre des Gehirnes den normalen Gang des Seelenlebens so wenig oder gar nicht benachtheiligt, indess viel kleinere Schädigungen auf einer Seite oder nicht correspondirende Schädigungen auf beiden Seiten des Gehirnes oft die grössten Störungen darin hervorrufen. Aber auch diess erklärt sich leicht aus der Solidarität, in der die Thätigkeit der Hemisphären bezüglich ihrer psychischen Leistun- gen steht und lässt sich an dem nur eben gebrauchten Bilde er- läutern. Wenn von zwei Pferden vor einem Wagen das eine wild oder lahm durch einen localen Schaden wird, so wird der Gang des andern mit gestört, weil sie eben nur in Verbindung ziehen können; spannt man das wilde oder lahme ganz aus, so hört die Störung auf, und geht blos der Wagen schwächer; daher unstrei- tig manche Geistesstörungen durch Amputation eines Theiles des Gehirns eben so gehoben werden könnten, als man manche an- dere Schäden durch Amputation des schadhaften Theiles hebt, liesse sich anders die Operation ohne Gefahr für das Leben aus- führen. N Inzwischen, was wir nicht willkührlich vornehmen können und mögen, kann wieder durch äussere oder innere von unserer Willkühr unabhängige Umstände erfolgen. So gehören wahr- scheinlich hieher die niebt zu selten vorkommendenFälle, dass der Wahnsinn kurz vor dem Tode aufhört, indem der Tod die kran- ken Theile des Gehirns, welche durch ihren Zusammenhang mit gesunden eine Störung des geistigen Lebens bewirken, vor den gesunden zerstört. Auch ist diess im Wesentlichen die Erklärung, welche Friedreich, in dessen Handb. d. allg. Pathol. der psych. Krankhh. S. 497 mehrere Fälle dieser Art zusammengestellt sind, davon giebt.

Noch direeter können hieher einige merkwürdige Fälle bezo- gen werden, wo die Verwundung des Gehirns mit Verlust von Gehirnsubstanz vortheilhaft für die Intelligenz gewesen zu sein mv Tun ARE Ge scheint. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Vortheil hiebei aus demselben Gesichtspuncte zu betrachten ist, den das Trepaniren hat, sofern nämlich mit Verminderung der Gehirnsubstanz ein nachtheiliger Druck, den das Gehirn wahrscheinlich vorher erlitt, recht wohl vermindert werden konnte, der die geistigen Vermö- | gen vorzugsweise beeinträchtigt. In der That litten die Indivi- duen, bei denen dieser vortheilhafte Erfolg vom Verluste der Hirn- substanz beobachtet ward, vorher.an Kopfschmerz, Stumpfsinn oder träumerischem Wesen, was Alles sehr wohl von einem Drucke auf das Gehirn abhängen konnte. En A) Ich habe 4 Fälle, die hieher gehören, gefunden, einer ist in den Nov. Act, nat. cur. II. 864; ein anderer in the north - americ. med. surg. Journ.

4830. Jan. p. 243; ein dritter in Carresi selecta, Siena 4830. dec. Er vierter in!’Institut. 4836. no. 434 mitgetheilt.

Man übersieht leicht, wie der Fall der Zerstörung einer Hirn- hälfte mit der Spaltung eines Thieres zusammenhängt. Ob (die einander gleichen Segmente des psychophysischen Systems hinter oder neben einander liegen, ist-nur ein unwesentlicher Unter- schied, und ob das abgespaltete Stück zerstört wird oder nicht, ist für das überlebende ebenfalls gleichgültig. Es findet nur der Unterschied statt, dass beim Menschen nicht eben so wie bei den niedern Thieren eine volle Trennung des ganzen Systems in der Art, dass beide Theile fortleben, stattfinden kann. Im Uebri- gen stimmen beide Fälle darin überein, dass vor der Spaltung die beiden Theile des Geschöpfes in Eins empfinden, und sich in der psychischen Leistung unterstützen, aber auch der eine Theil den einen andern missen kann, und doch noch dieselbe, nur schwä- chere, psychische Leistung als vorher giebt.

Unstreitig gehört der organische Zusammenhang der Theile selbst zu den Bedingungen, die zur lebendigen Erhaltung jedes einzelnen, und mithin auch zur Erhaltung der psychophysischen Thätigkeit über der Schwelle darin, beitragen, aber in den höhern Geschöpfen ist diese Solidarität viel stärker als in den niedern.

Könnten beide Hälften eines in der Längsmittellinie getheilten Menschen überhaupt noch fortleben, d. h. die psychophysis { Thätigkeiten noch in beiden Hälften über der Schwelle fortbeste- hen, so würden wir unstreitig eben so gut die Verdoppelung einer Menschen - als Thierseele durch die Trennung der sich seitlich entsprechenden und vertretenden Hälften erzielen können, als wir Pe a 9 er Da P E sie bei Thieren durch Trennung der hintereinander liegenden sich entsprechenden Segmente zu erzielen im Stande sind.

Es wäre jedoch müssig, viel darüber nachzudenken, wie sich die beiden Hälften eines getheilten Menschen beim Fortleben ver- halten würden, da der Fall nicht zu verwirklichen ist. Unstreitig würden sie mit gleichem Gemüthszustande, gleichen Anlagen, Kenntnissen, Erinnerungen, gleichem Bewusstsein überhaupt be- ginnen, nach Massgabe aber, als sie in verschiedene Verhältnisse kämen, sich verschieden entwickeln.

Man scheint bisher in Verlegenheit gewesen zu sein, unter welchen Gesichtspunct man die Erfolge der Spaltungsversuche an niedern Thieren fassen soll. Offenbar entstehen zwei Seelen aus einer durch Theilung des Körpers, an dem vorher die eine Seele hing. Also scheint sich der Vorgang nicht anders fassen zu lassen, als dass die Seele mit dem Körper in zwei getheilt wird. Aber der Begriff der Einfachheit der Seele widersprach; und ich habe schon S. 4143 angeführt, wie man Seitens der auf diesem Begriffe fus- senden Ansicht vom einfachen Seelensitze es vorgezogen hat, statt einer Theilung der Seele das Erwachen einer neuen Seele in der einen der getrennten Hälften anzunehmen, aber auch angegeben, was hindert, dieser Auffassung sich zu fügen.

Die Sache ist die, dass man mit der abstracten Kategorie der Einfachheit nicht ausreicht, die wesentlichen Verhältnisse, unter welche die Seele treten kann, zu decken. So einfach man die Seele nennen mag, so ist doch gewiss, dass die Intensität ih- res Bewusstseins zunehmen und abnehmen kann, auf die Hälfte herabkommen, und auf das Doppelte steigen, und ganz unter den Nullpunet sinken kann. Hienach kann man einfach und das Thatsächliche scharf bezeichnend sagen; die Seele wird bei jener Spaltung des Körpers der Zahl nach verdoppelt, der Intensität nach getheilt, doch mit der Möglichkeit des Wiederersatzes des Intensitätsverlustes, den jede durch Abspaltung erlitten hat, wenn die Reproduction ihres Trägers gross genug ist.

Es kann auch der Fall sein, dass von beiden getrennten Thei- len blos der eine oberhalb der Schwelle bleibt, der andere ganz darunter sinkt; dann lebt blos der eine fort; so, wenn man ein Stück vom Gehirne abschneidet; oder dass beide durch die Tren- nung anfangs unter die Schwelle sinken, aber sich allmälig wie- der darüber erheben, dann tritt das getrennte Bewusstsein erst nach einiger Zeit ein; oder dass beide dauernd unter die Schwelle sinken; oder dass, wenn beide getrennte Theile psychophysisch verschieden sind, auch die Qualität des Bewusstseinszustandes für die getrennten Theile eine verschiedene wird.

Unter welchen der verschiedenen möglichen Fälle die Plüger- schen und so viele verwandte Versuche treten, ob ein Kopf ohne Rumpf, ob ein Rumpf ohne Kopf bei höheren Khisckingen und dem Menschen noch eine Zeit lang empfinden könne, sind Fragen, die nach den Erörterungen im 37. Kapitel noch nicht sicher zu ent- scheiden sind. Wir wissen bisher weder, ob eine psychophysische Bewegung über der Schwelle bei irgend einem lebenden Geschöpfe in das Rückenmark hineinreichen kann, noch ob sie sich nach 4 Trennung vom Kopfe darüber erhalten kann, noch welche Ver- schiedenheiten etwa zwischen verschiedenen Thierklassen beste-- hen; und so sinnreich die angestellten Versuche und darüber ge- pflogenen Erörterungen sind, so bleibt immer noch die Möglichkeit verschiedener Auslegung übrig.

Zu den Spaltungsvorgängen, welche eine extensive Verdop- pelung der Seelen zur Folge haben, gehört die Geburt des Men- schen und der höheren Thiere. Nur kommt diese Verdoppe- lung hier nicht dadurch zu Stande, dass zwei ähnliche Theil- systeme, die über der Schwelle zusammenhängen, getrennt wer— den, sondern dass ein ‘solches unter der Schwelle, der Organismus des Kindes, von einem solchen über der Schwelle getrennt wird, und durch die Trennung selbst über die Schwelle tritt. Die Reize der Aussenwelt gehören nämlich zu den Bedingungen, welche ein sonst dazu disponirtes System über die Schwelle zu heben ver- mögen, wie das Erwecken aus dem Schlafe beweist, daher das abgetrennte Kind, ungeachtet ihm durch Trennung des Zusam- menhanges mit der Mutter eine Lebensbedingung entzogen wird, doch erst mit dieser Trennung zu erwachen vermag. Bei niederen Thieren tritt an die Stelle der Fortpflanzung durch Geburten zum Theil die freiwillige Spaltung des ganzen Organismus über der Schwelle, und der Unterschied zwischen beiden Fällen hat hie- nach auch nicht den Charakter eines absoluten.

So viel von den Verhältnissen der psychophysischen Gontie nuität und Discontinuität des Hauptbewusstseins nach räum- licher Beziehung. Nun besteht aber für jedes Individuum im Be- sondern noch eine CGontinuität des Hauptbewusstseins durch die Succession der Zeit, welche sich als Forterhaltung der Identität oder Einheit desselben durch den Zeitlauf ausspricht und den Zu- sammenhang einer Reihe successiver Phänomene in derselben Seele begründet. Hiebei kann man es auffallend finden, dass das zeit- weise Sinken der Hauptwelle im Schlafe unter die Schwelle keine entsprechende Unterbrechung der Continuität des Hauptbewusst- seins bei dem Individuum hervorruft, als das räumliche Sinken unter die Schwelle zwischen den Individuen, da sich vielmehr nach jedem neuen Erwachen das neue Bewusstsein in Conti- nuität mit dem alten fühlt. Dieser Unterschied kann mit Wahr- scheinlichkeit darauf geschrieben werden, dass die Oscillation jedes psychophysisch thätigen Punctes der Zeit nach continuirlich in sich bleibt, wogegen eine räumliche Continuität wegen der, von der exacten Naturwissenschaft statuirten und nothwendig zu statuirenden atomistischen Disposition der Materie an sich nicht stattfindet, daher auch nur insofern von einer Continuität der Welle oberhalb der Schwelle die Rede sein kann, als die Reihen- folge der psychophysisch thätigen Tbeilchen oberhalb der Schwelle nicht durch solche unter der Schwelle unterbrochen ist, wobei der Zukunft noch manche genauere Bestimmung zu machen übrig bleibt.

So wenig die Continuität des Hauptbewusstseins in der Zeit durch dasHerabsinken der psychophysischen Hauptwelle im Schlafe unterbrochen wird, so wenig ist es der Fall durch den Uebergang auf ganz andere Materien, und durch den Wechsel der Formen, wie sich erfahrungsmässig dadurch beweist, dass der Organismus sich durch den Stoffwechsel fortgehends erneuert, und der Leib des Greisen im Allgemeinen aus ganz anderen und in anderen Formen zusammengefassten Materien besteht, als der des Kindes, obne dass die Continuität des Hauptbewusstseins irgendwie da- durch unterbrochen wird. Ueberhaupt sind, so weit wir Erfah- rungen darüber machen können, nur Möglichkeiten bekannt, die- ses Continuum zeitweise unbewusst werden zu lassen, indem die Seele in Schlaf versinkt, aber nicht die Continuität aufzuheben, indem nach jedem Erwachen das frühere Bewusstsein sich iden- tisch mit dem alten verknüpft, und das System aus der neuen Materie das frühere Bewusstsein identisch fortbehält.

Eine Bedingung besteht hiebei. Die Seele kann im Zeitlaufe von einem materiellen Systeme auf ein nach Stoff und Form ganz dt ae; anderes übergehen; aber nicht überspringen; sondern die neuen Materien müssen in das alte psychophysische System eintreten, indess die alten austreten, wie im Stoffwechsel allmälig geschieht, oder die alte psychophysische Bewegung muss sich in continuo auf neue Materien überpflanzen, wie bei dem Wechsel der Aufmerk- samkeit plötzlich geschieht.

'Hieran lässt sich eine wichtige Folgerung knüpfen. Der Gedeiiel dass wir im Uebergange zu einem künftigen Leben auf andere Planeten, die Sonne, oder in ferne Himmel versetzt werden, d.h. dass unser psychisches Leben sich fortan an das dort vorgehende physische Leben knüpfen werde, hat nen Boden. Sondern, wenn es eine künftige Fortexistenz giebt, kann sie nur daraufsich gründen, dass die Hauptwelle unseres psychophysischenSystems, an der unser Hauptbewusstsein hängt, von dem Theile des irdischen Sy- > stems, an dem sie jetzt hängt, oder in dem sie jetzt die Schwelle übersteigt, auf einen andern Theil oder weitern Theil dieses Systems in conlinuo über- gehe, welche Möglichkeiten zu discutiren jedoch hier nicht der Ort ist.

Die Continuitäts- und Discontinuitäts-Verhältnisse, welche für die Hauptwellen stattfinden, können sich für deren Oberwelle: 3 wiederholen, und hieran wird natürlicherweise die Unterscheidu f und Nichtunterscheidung dessen, wasim Bewusstsein ist, zu ‚knüpfen sein. Eine Hauptwelle, die in sich oberhalb der Hauptschwelle AB zusammenhängt, kann doch Oberwellen tragen, die unterhalb ihrer Schwelle A’B’ zusammenhängen; nach folgendem Schema: *) a s e d e Dass alle Oberwellen a, b, ce...oberhalb derselben Haupt- schwelle in einer Hauptwelle zusammenhängen, ordnet sie dem- selben Hauptbewusstsein ein und unter, dass sie aber zugleich dis- continuirlich über ihrer eigenen Schwelle sind, lässt sie innerhalb dieses Hauptbewusstseins unterscheiden. En u *) Diess Schema stellt die Erhebung der Oberwellen über die Schwelle in gleicher Richtung mit der Erhebung der Unterwellen dar, wobei dar abstrahirt ist, dass Oberwellen eben so gut durch Bewegung in entge; B- setzter als gleicher Richtung mit den Unterwellen die Schwelle übersteigen können; worauf es hier nicht ankommt. ur 54 Schon früher (Kap. 34) habe ich diese Ansicht in Bezug auf die extensiven Empfindungen geltend gemacht. Bei intensiven, wie bei Tönen, durfte die Unterscheidbarkeit durch die Wirkung der Aufmerksamkeit daran hängen.

Wenn correspondirende Fasern der Netzhaut nur eine iden- tische Empfindung geben, nicht zwei, wenn beide Gehirnhälften sich stets nur in einem Gedanken vereinigen, so werden sie, d. h. die Thätigkeiten in ihnen, nicht nur über der Hauptschwelle, sondern auch über der Oberschwelle zusammenhängen müssen.

Unstreitig hat die Vertheilung der psychischen Leistung auf zwei gleiche Hirnhälften beim Menschen und den höheren Thieren, und auf eine Mehrheit hintereinander liegender oder symmetrisch im Kreise geordneter ähnlicher Segmente bei den niederen Thieren, ihre wichtige teleologische Bedeutung, und es wird damit ein Bei- spiel zu den unzähligen Beispielen gefügt, die wir in der Einrich- tung des Organismus finden können, dass mit geringstmöglichem Aufwande an Mitteln die grösstmöglichen Leistungen erzielt wer- den, und mit derselben Einrichtung eine Mehrheit von Zwecken zugleich erfüllt wird.

Denn diese Einrichtung erfüllt einmal den Zweck, dass Ver- letzungen nicht so leicht die psychische Integrität benachtheiligen können, indem ein Theil zur Vertretung und bei vielen Thieren selbst zur Anknüpfung des Wiederersatzes des anderen da ist; sie tritt zweitens bei niederen Thieren als eins der Mittel auf, die Seelen zu vervielfältigen,, sie macht drittens nach den Principien, die im 21. Kapitel entwickelt sind, möglich, mit einem gegebenen Quantum psychopbysischer Thätigkeit mehr zu leisten, als wenn es auf einen Punct oder in zu engem Raume concentrirt wirken müsste, wobei freilich vorausgesetzt, was noch nicht bewiesen ist, dass die für discret empfindenden Puncte gültigen Gesichts- puncte auch für die in continuo empfindenden gültig bleiben.

Schliessen wir die Betrachtungen, die wir in diesem und ei- nem früheren Kapitel an unser Schema geknüpft haben, noch mit einigen Betrachtungen allgemeinster Natur ab, welche in Verbin- dung mit denen des folgenden Kapitels geeignet sein können, auf die grosse Tragweite der Psychophysik einen Vorblick thun zu lassen.

Unsere Hauptwellen, an denen unser Hauptbewusstsein hängt, tragen Wellen, an denen unsere besonderen Bewusstseinsphänomene hängen. Aber können nicht unsere Hauptwellen ihrerseits als Oberwellen einer grösseren Hauptwelle betrachtet werden? Physisch sind sie es wirklich, warum nicht auch psychophysisch? denn die gesammte Thätigkeit des irdischen Systemes: ist unter dem Schema einer grossen Welle darstellbar, wozu die Thätig- keitssysteme der einzelnen organischen Geschöpfe nur als kleine Oberwellen gehören; und die Thätigkeitssysteme der einzelnen Weltkörper sind wieder nur Oberwellen des allgemeinen Systems der gesammten Bewegungen der Natur. Der Stufenbau, der sich in uns hinein fortsetzt, setzt sich auch über uns hinaus fort. Wenn nun die Oberwellen in uns, an denen die unterscheid- baren Bewusstseinsphänomene in uns hängen, nur discontinuir- lich über ihrer Schwelle, aber continuirlich über unserer Haupt- schwelle sind, werden nicht auch dieHauptwellen, an denen unser Hauptbewusstsein hängt, nur discontinuirlich über ihrer Schwelle, aber continuirlich über einer tieferen Hauptschwelle sein? Das würde mitführen, dass es zu unserm Hauptbewusstsein noch ein allgemeineres giebt, welches das unsere eben so als seine Be- sonderheiten umfasst, wie das unserige seinerseits wieder seine Besonderheiten umfasst.

Die Consequenz dieser Auffassung führt zur Ansicht eines in der Natur allgegenwärtigen bewussten Gottes, in dem alle Gei- ster leben, weben und sind, wie er in ihnen, mit, den Weltkör- pern inwohnenden, individuellen geistigen Zwischenstufen zwi- schen ihm und uns, welche die geschöpflichen Geister eben so einheitlich verknüpft in sich tragen, wie sie ihrerseits im göttli- chen Geiste getragen werden, und wie die geschöpflichen Geister wieder ihre Sinneskreise und diese ihre Sonderempfindungen in sich tragen. Diese Ansicht kann auf Grund der Analogieen und Zusammenhänge, welche der im Menschen selbst sich schon dar- bietende Stufenbau gewährt, weiter entwickelt und gestützt werden.

Hiemit tritt die Aussicht auf unsere eigene Fortexistenz nach dem Tode von mehreren Seiten in Beziehung. Besonders nahe liegt folgender Gesichtspunkt: Wenn ein Bild in unserem Auge, geknüpft an Oberwellen, nach seinem Erlöschen im Auge noch einen Erinnerungsnachklang binterlässt, welcher eintritt in ein allgemeineres und höheres Reich von Erinnerungen und Gedanken des allgemeinen oder Hauptbewusstseins, so dürfen wir glauben, dass etwas Entsprechendes unseren Hauptwellen begegnen wird, sofern sie ihrerseits Ober- wellen über einer tieferen Schwelle sind, und dass unsere Geister somit nach dem Tode eingehen in ein höheres Geisterreich in Gott. Auch diese Ansicht kann auf Grund von Analogieen und Zu- sammenhängen, welche unser diesseitiges Leben darbietet, weiter entwickelt und gestützt werden. Es ist aber dieses wie jenes für jetzt vielmehr Sache der Naturphilosophie und einer religiösen Naturanschauung, als Sache der Psychophysik, welche nach ih- rem heutigen Stande erst nur Anknüpfungspuncte dazu zu gewäh- ren vermag. y Ausführlich findet man diese Ansichten in meiner Schrift » Zend-Avesta oder die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpuncte der Naturbetrachtung. « 3 Thle. 1851 und kürzer in der neuen: » Ueber die Seelenfrage « 1860, dargestellt. Der Anfang und die erste Anlage der jetzigen Schrift haben sich selbst erst im Zusammenhange mit den Betrachtungen, die in jenen dargelegt sind, entwickelt; und so mag es natürlich sein, dass sie auf ihrem Wege wieder zu den dort dargelegten Ansichten zurückführt.

XLVI. Frage nach der Natur der psychophysischen Bewegung.

Haben wir auch die wichtigsten Fragen der inneren Psycho- physik bis zu gewissen Gränzen behandeln können, ohne anderer ‚Voraussetzungen über die Natur der psychophysischen Bewegung zu bedürfen, als dass sie als körperliche Bewegung die allgemein- sten Verhältnisse körperlicher Bewegung theilt, so mag doch zum Schlusse die Frage nach ihrer Natur noch mit ein paar Worten näher erwogen werden.

Die Frage theilt sich wesentlich in zwei: 4) Kann sich das Psychische nur an die Bewegungen eines besonderen Substrates knüpfen?

2) Kann sich das Psychische nur an eine besondere Art, An- ordnung, Form von Bewegungen knüpfen?

Was nun die erste Frage anlangt, so kann man daran den- ken, und es haben viele daran gedacht, dem Psychischen ein ganz exclusives Substrat unterzulegen, welches eben nur dazu bestimmt sei, die dem Psychischen unterliegenden Bewegungen zu vollzie- hen, ohne mit irgend einem der bekannten physischen Substrate identifieirt werden zu können, und man hat diesem ee wohl den Namen Nervenäther beigelegt. Der Hauptgrund dazu ist wohl der, dass man keinem der bekannten physischen Agentien oder Substrate zugetraut hat, Träger des Psychischen zu sein; nur sieht man nicht’ ein, was ein unbekanntes physisches Agens; soll es anders noch unter den physischen Platz greifen, mehr leisten könnte, worauf sein psy- chischer Zauber ruben soll. Will man es aber aus der Reihe der physischen Agentien ganz hinausrücken, so geräth man ganz ins Dunkle mit einem Worte, was weder Physisches noch Psychisches "bedeuten soll, und verlässt die Grundvoraussetzung der Psycho- physik selbst, welche die ist, dass die psychischen Veränderun- gen gesetzlich mit physischen zusammenhängen; auch hängen sie ja factisch mit solchen zusammen; das Hinausrücken des strates in ein hyperphysisches Gebiet leistet also nichts Anderes, als uns den Boden unter den Füssen wegzuziehen, den wir haben. Unstreitig bleibt, ohne Rückgang auf sehr allgemeine Ansich- ten, wie wir sie im Eingange dieses Werkes aufgestellt haben, etwas Unerklärtes, und: jedenfalls auf dem Gebiete der Psycho- physik selbst, die sich blos an factische Gesichtspunete hält, nicht Erklärliches dabei, wie überhaupt ein physisches Substrat durch seine Bewegungsweise Träger, ja nur äusserer Änreger von Bewusstseinsphänomenen werden kann; aber die Erklärlichkeit wird nicht vermehrt, sondern das Räthselhafte nur um ein Räthsel mehr vermehrt, wenn wir ein neues physisches Agens als sei- nen Träger fingiren wollen, ohne angeben zu können, was es vor den andern dazu geeignet machen soll, und’ohne einen anderen Grund für sein Dasein zu haben, als das Bedürfniss zu rar} was doch nicht dadurch erklärbar ist. Bemerken wir weiter: wie soll der supponirte ek liche Nervenäther in die Nerven kommen, und wie soll er im Tode dieselben verlassen, wenn ihm nicht eine allgemeinere Verbreitung über die Nerven und die Organismen überhaupt beigelegt wird? Soll er erstenfalls neu entstehen, letztenfalls vergehen? Dann hört er auf, ein Physisches zu sein. - Allen diesen Schwierigkeiten entgeht man, wenn man ar nimmt, dass die Bewegungen desselben allgemeinen Aethers, der durch die äussere Natur wie durch die Organismen verbreitet unter gewissen, in unseren Organismen erfüllten, Bedingungen Empfindung, allgemeiner Bewusstseinsphänomene mitführen kön- nen. Auch ist diess wohl die Ansicht der meisten von denen, die überhaupt eine klare Ansicht in diesen Dingen haben.

Vorzugsweise ein imponderables Agens vor den pon- derablen Substraten hiezu in Anspruch zu nehmen, können wir durch folgende Puncte veranlasst werden.

Durch die Erfahrung sind wir gebunden, das Nervensystem als Hauptherd unserer psychischen Phänomene zu betrachten. Die Einrichtungdesselben istaber nicht geeignet, ähnliche Bewegungen des Wägbaren, als das Blut in unsern Adern vollzieht, zuzulassen, indess nichts hindert, irgendwelche Bewegungen eines imponde- rabeln Agens darin anzunehmen. Die Erregbarkeit aller Nerven durch Elektrieität, mancher auch durch Licht und Wärme, lässt vermuthen, dass das durch die Bewegung des Imponderabeln an- regbare Spiel auch selbst das Unwägbare betreffe; die Phänomene der elektrischen Fische und die Dubois’schen Untersuchungen treten von anderer Seite unterstützend hinzu. Auch erscheint das Nervensystem nur als eine Ergänzung des Kreislaufsystemes, wel- ches tropfbare Flüssigkeiten führt, und des Athemsystems, welches Luft führt, wenn wir es wesentlich bestimmt halten, den Schau- platz für die Bewegungen eines unwägbaren Agens darzubieten. Von der anderen Seite darf man jedoch nicht übersehen, dass durch die Natur der Nerven moleculare Schwingungen des Wäg- baren so wenig ausgeschlossen werden, als des Unwägbaren, und dass in einem Systeme aus wägbaren und unwägbaren Theilen nicht wohl Schwingungen des einen stattfinden können, ohne solche des anderen mitzuführen; dass ferner das Nervensystem nicht ohne Mitwirkung des Kreislaufes thätig sein kann, und eine erhöhte Thätigkeit desselben eine vermehrte Thätigkeit des Kreis- laufes und der dadurch unterhaltenen chemischen Processe voraussetzt, bei welchen nothwendig wägbare Theile concurriren; endlich, dass die Natur der Reize nichts entscheidet, indem die Nerven auch durch mechanische und chemische Reize erregt wer- den können; und es eben so möglich ist, durch Bewegung un- wägbarer Agentien das Wägbare als durch Bewegung wägbarer Agentien das Unwägbare in Bewegung zu setzen.

Ich glaubedaher, dass inder Erfahrung keine entscheiden- den Gründe vorliegen, die Thätigkeit des Nervensystems über- ‚Fechner, Elemente der Psychoplysik. 11: 35 2 wu haupt und mithin auch die psychophysische Thätigkeit desselben allein an das Imponderable zu knüpfen. Hätten aber auch die unwägbaren Agentien einen Vorzug, so bliebe es immer wahrscheinlich, dass sie ihn nicht durch eine Eigenthümlichkeit ihrer Substanz, sondern nur durch ihre Bewegungsweise erhalten, in- sofern weder so schnelle Schwingungen noch so schnelle Bewegungsfortpflanzungen im Gebiete des Wägbaren als Unwägbaren bekannt sind. Der Umstand, dass aus den psychophysischen Elementarformeln die Masse verschwindet und blos der Bewegungszustand eingeht (Th. II. S. 29 f.), ist in der That sehr geeignet, die Voraussetzung zu unterstützen, dass es überhaupt nur auf den Bewegungszustand in diesem Gebiete ankommt. Ausserdem ist auch die Möglichkeit nicht streng abgewiesen, dass die wägbaren und unwägbaren Stoffe ihren letzten Elementen nach gar nicht verschieden sind, und ihre Verschiedenheit selbst nur auf Verhältnissen der Anordnung und Bewegung ruhe..

Vermuthungen über diese Puncte weiter auszuführen, wäre nutzlos; es genügt, an die Möglichkeiten erinnert zu haben. In jedem Falle, wenn auch die unwägbaren Substanzen durch ihre Bewe- gungsweise eine bevorzugte Bedeutung für die psychischen Phä- nomene behalten sollten, wird den wägbaren immerdie wichtigste Bedeutung für die Organisation der Systeme bleiben, wodurch die Form dieser Bewegungen bestimmt wird. Und gewiss wird in einer künftigen allgemeinsten mathematischen Fassung beides, Organisation und Bewegung, nicht unabhängig von einander zu fassen und zu behandeln sein.

Nach jeder Ansicht, die wir hegen mögen, bleibt das Sub- strat des Psychischen ein durch die ganze Welt verbreitetes und durch allgemeine Kräfte zu einem System verknüpftes, und die zweite Frage tritt uns nun entgegen, ob sich das Psychische nur an eine besondere Art, Anordnung, Form von Bewegungen knü- pfen kann.

Da wir wissen, dass Bewegungen, die factisch geeignet sind, Bewusstseinsphänomene mitzuführen, doch nur unter einen ge— wissen Grad der Lebhaftigkeit zu sinklin brauchen, damit das Bewusstsein erlösche; so bietet sich uns hiemit natürlicherweisd) die Möglichkeit dar, die Quantität des Bewusstseins, wozu Da- sein und Nichtdasein gehört, überhaupt nur von der Quantität, nicht aber von der Qualität der psychophysischen Thätigkeit ee De 1 fl, ‚ Dei abhängig zu machen, diese vielmehr nur mit der Qualität der Bewusstseinsphänomene in Beziehung zu setzen.

Hienach würde jede Bewegung, unter welcher Form und an welchem Substrate sie auch auftritt, wenn sie mit ihrer Geschwin- digkeit entweder erster oder zweiter Ordnung (wozwischen nach dem 30. und 32. Kapitel noch die Wahl ist), einen gewissen Werth übersteigt, einen Beitrag zum Bewusstsein, sei es zu unserm oder anderm oder einem allgemeinen Bewusstsein geben; und jede besondere Bewegungsform, d.h. Zusammenordnung und Folge von Geschwindigkeitsmomenten im Stande sein, ein psychisches Phänomen von zugehöriger Form zu tragen, wenn die in diese Form eingehenden Momente gemeinsam einen gewissen Grössen- werth übersteigen.