SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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Immanuel Kant's ANTHROPOLOGIE in pragmatischer Hinsicht.

Herausgegeben und erläutert von J. H. von Kirchmann.

Dritte Auflage.

Leipzig, 1880.

ERICH KOSCHNY.

Vorwort des Herausgebers.

Es war ursprünglich die Absicht, in die philosophische Bibliothek nur die drei Hauptwerke Kant's, d. h. seine Kritiken der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und der Urtheilskraft aufzunehmen; indess haben diese Werke in der hier gebotenen Form einen so unerwartet schnellen Absatz gefunden, dass schon sechs Monate nach dem Erscheinen der ersten, 2500 Exemplare starken Auf- lage eine zweite von der Kritik der reinen Vernunft vor- bereitet werden muss. Es ist dies ein höchst erfreuliches Zeichen, wie gern das grössere gebildete Publikum sich mit Kant's Philosophie zu beschäftigen bereit ist, wenn ihr dieselbe in einer leichten und billigen Form zugäng- lich gemacht wird, und wenn durch fortlaufende Er- läuterungen auch der ungeübte Leser angeleitet wird, in den Kern des Vortrages einzudringen und durch die Gegenüberstellung entgegengesetzter Ansichten ein selbst- ständiges Urtheil sich zu bilden. Es ist in dieser Be- ziehung ein grosser Unterschied, ob ein Leser nur den Gedanken des Schriftstellers, ich möchte sagen, gehor- sam zu folgen braucht, oder ob er hie und da in diesem schlaffen, rein nachfolgenden Denken gehemmt wird und durch entgegengesetzte Ausführungen zur eigenen Prü- fung genöthigt wird. Nur der letztere Weg führt zur wahren geistigen Besitznahme eines philosophischen Werkes. Es ist dabei gar nicht nöthig, dass der Leser VI Vorwort des Herausgebers.

den in den kritischen Erläuterungen entwickelten An- sichten beitrete; er mag dem Autor trotz solcher Kritik beistimmen, oder eine eigene dritte Ansicht sich bilden; immer wird erst durch einen solchen geistigen Kampf, in dem er selbst mit verwickelt wird, die wahre Herrschaft über den gebotenen Stoff ge>yonnen. Bei der Schwierig- keit, einzelne Werke von Kant durch Kauf sich zu ver- schaffen uno* bei dem hohen Preise der Gesammt-Aus- gaben seiner Werke, kann man annehmen, dass bis jetzt die Kenntniss der Kant'schen Philosophie wenig über den Kreis der Gelehrten hinausgegangen ist; erst jetzt, wo dritthalb Tausend Exemplare seiner Hauptwerke in dieser bequemen und billigen Form in das gebildete Publikum übergegangen sind und diese Zahl bis zum nächsten Jahre sich wahrscheinlich verdreifachen wird, kann man sagen, dass die deutsche Nation beginne, Kant's Philosophie kennen zu lernen; ein Ereigniss, was in seiner Bedeutung nicht hoch genug angeschlagen werden kann.

Unter solchen Umständen schien es geboten, in die gegenwärtige Sammlung auch die übrigen bedeutenderen Werke von Kant aufzunehmen, und vielleicht ist es in nicht allzulanger Zeit möglich, in der gegenwärtigen Form eine Gesammt- Ausgabe der Werke Kant's herzu- stellen, welche dann unter einem besonderen entsprechen- den Titel und mit einem fortlaufenden erläuternden Commentar dem Publikum zu einem überaus billigen Preise zugänglich gemacht werden kann.

Wenn die volle Besitznahme der Grundgedanken Kant's durch das Studium seiner drei Kritiken erlangt worden ist, so werden die übrigen Werke dieses grossen Mannes einen doppelten Genuss gewähren; sie zeigen den Vorwort des Herausgebers.

VII consequenten Ausbau jener Principien nach allen Rich- tungen des Wissens, und ihr Inhalt ist trotz seiner Origina- lität alsdann viel leichter zu fassen und zu beherrschen.

Es ist hier mit Kant's „Anthropologie in pragma- tischer Hinsicht" der Anfang gemacht worden; ihr werden zunächst seine Werke über die Religion und über die Ethik nachfolgen. Die Anthropologie ist, obgleich sie zeitlich das letzte Werk Kant's ist, hier vorangestellt worden, weil bis jetzt, abgesehen von der nur zum Theil hierher gehörenden Ethik Spinoza's, sich noch keine Gelegenheit geboten hSt, ein Werk über die Philosophie der Seele in die Philosophische Bibliothek aufzunehmen und es doch hohe Zeit ist, die Leser mit diesem wichtigen Zweige der Philosophie näher bekannt zu machen. Allerdings ist dies Werk Kant's weniger philosophisch als seine frühern; aliein gerade durch seine populäre Darstellung wird es als passender Anfang für dieses Gebiet gelten können, und in den Erläuterungen wird es möglich sein, das Fehlende zu ergänzen und auf die neuern Fortschritte in diesem Gebiete aufmerksam zu machen.

Die Anthropologie Kant's erschien zuerst 1^8$ in Königsberg bei Nicolovius. Im Jahre 1800 folgte eine zweite Ausgabe, bei der Kant selbst manche Ver- änderungen vorgenommen hat, theils in Bezeichnung der einzelnen Abschnitte, theils in Beziehung auf den Text, wo einzelne Perioden und Paragraphen um- gestellt worden sind. Die späteren Ausgal^n von 1820 und 1833 stimmen dann mit dieser zweiten Ausgabe überein. Die vorliegende Ausgabe giebt den Text nach der zweiten Ausgabe von 1800; aber die Abweichungen der ersten Ausgabe sind in Anmerkungen mit dein Zei- chen f ebenso beigefügt worden, wie dies bei den Kri- VIII Vorwort des Herausgebers.

tiken geschehen ist. In Bezug auf Rechtschreibung sind auch hier dieselben Grundsätze, wie bei den Kritiken befolgt worden.

Die am Ende der einzelnen Paragraphen beigesetzten Ziffern beziehen sich auf die Erläuterungen, welche in einem besonderen Hefte in derselben Weise, wie bei den drei Kritiken nachfolgen werden. Die Lebensbeschreibung Kant's findet sich in Band II. der Philosophischen Biblio- thek bei der Kritik der reinen Vernunft.

Berlin, im Juni 1869.

v. Kirchmann.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Bei der hier erscheinenden zweiten Auflage von Kant's Anthropologie ist nur zu bemerken, dass sie in einem, in den Seitenzahlen und sonst genauen Abdruck der ersten Auflage besteht, wobei nur auf eine noch grössere Gorrectheit des Textes gehalten worden ist.

Berlin, im October 1872.

y. Kircliinaiin.

Vorwort zur dritten Auflage.

Diese dritte Auflage stimmt in der Seitenzahl genau mit den frühem und es sind nur noch die wenigen Druckfehler der frühern berichtigt worden.

Berlin, im December 1879.

v. Kirclimann.

Inhalts - Verzeichniss.

Seite I. Anthropologie in pragmatischer Hin- sicht. 1798.

Vorrede 1 Erster Theil. Anthropologische Didak- tik. Von der Art, das Innere sowohl, als das Aeussere des Menschen zu erkennen. 5 1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. 7 Vom Bewusstsein seiner selbst. § 1. 7 Vom Egoismus. § 2 8 Anmerkung. Ueber die Förmlichkeit der egoistischen Sprache 11 Von dem willkürlichen Bewusstsein seiner Von dem Beobachten seiner selbst. § 4 13 Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne uns ihrer bewusst zu sein. § 5 16 Von der Deutlichkeit und Undeutlichkeit im Bewusstsein seiner Vorstellungen.

Von der Sinnlichkeit im Gegensatz mit dem Verstände. 8 7 23 Apologie für die Sinnlichkeit. §8—10 27 Vom Können in Ansehung des Erkennt- nissvermögens überhaupt. § 10 a.. 32 Von dem künstlichen Spiel mit dem Von dem erlaubten moralischen Schein.

Vom Sinne der Betastung...41 Vom Gehör 42 Von dem Sinn des Sehens...43 Inhalts -Verzeichniss.

Seite Von den Sinnen des Geschmacks und Riechens. r 45 Allgemeine Anmerkung über die äusseren Sinne 45 Vom inneren Sinn. § 22 50 Von den Ursachen der Vermehrung oder Verminderung der Sinnenempfindungen dem Gradtf nach. § 23 52 a. Der Contrast 52 b. Die Neuigkeit 53 c. Der Wechsel 54 d. Die Steigerung bis zur Vollendung 55 Von der Hemmung, Schwächung und dem gänzlichen Verlust des Sinnenvermö- Von der Einbildungskraft. § 26.. 59 Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen nach seinen verschiedenen Arten. § 29 68 A. Von dem sinnlichen Dichtungsver- mögen der Bildung 68 B. Von dem sinnlichen Dichtungsver- mögen der Beigesellung...70 C. Das sinnliche Dichtungsvermögen der Verwandtschaft 71 Von dem Vermögen der Vergegenwärti- gung des Vergangenen und Zukünftigen durch die Einbildungskraft. § 32. 78 A. Vom Gedächtniss 78 B. Von dem Vorhersehungsvermögen 83 C. Von der Wahrsagergabe...85 Von der unwillkürlichem Dichtung im gesunden Zustande, d. i. vom Traume Von dem Bezeichnungsvermögen. § 89 89 Anhang 93 Vom Erkenntnissvermögen, sofern es auf Verstand gegründet wird. § 38.. 96 Anthropologische Vergleichung der drei oberen Erkenntnissvermögen mit ein- Inhalts - Verzeiehniss.

XI Seite Von den Schwächen und Krankheiten der Seele in Ansehung ihres Erkenntniss- A. Allgemeine Eintheilung 103 B. Von den Gemüthsschwächen im Er- kenntnissvermögen 108 C. Von den Gemüthskrankheiten...116 Zerstreute Anmerkungen. § 51...123 Von den Talenten im Erkenntnissvermögen.

Von dem speeifischen Unterschiede des ver- gleichenden und des vernünftelnden A. Von dem produetiven Witze...127 B. Von der Sagacität oder der Nach- forschungsgabe 130 C. Von der Originalität des Erkenntniss- vermögens oder dem Genie...131 2. Buch. Vom Gefühl der Lust und Un- Eintheilung 138 Von der sinnlichen Lust. § 58—64.. 138 A. Vom Gefühl für das Angenehme, oder der sinnlichen Lust in der Em- pfindung eines Gegenstandes...138 Von der langen Weile und dem Kurz- weil 141 B. Vom Gefühl für das Schöne, d. i. der theils sinnlichen, theils intel- lectuellen Lust in der reflectirten Anschauung, oder dem Geschmack.

Der Geschmack enthält eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Mo- Anthropologische Bemerkungen über den Geschmack 156 B. Vom Kunstgeschmack 158 Von der Ueppigkeit 162 Inhalts -Verzeichniss.

Seile 3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. 164 Von den Affecten in Gegeneinanderstellung derselben mit der Leidenschaft. § 72. 165 Von den Affecten insbesondere. § 73 — 77 167 A. Von der Regierung des Gemüths in Ansehung der Affecten 167 B, Von den verschiedenen Affecten selbst 168 Von der Furchtsamkeit und der Tapferkeit 170 Von Affecten, die sich selbst in Ansehung ihres Zweckes schwächen 175 Von den Affecten, durch welche die Natur die Gesundheit mechanisch befördert. 177 Allgemeine Anmerkung 180 Eintheilung der Leidenschaften...185 A. Von der Freiheitsneigung als Leiden- schaft 185 B. Von der Rachbegierde als Leidenschaft 188 C. Von der Neigung zum Vermögen, Ein- fluss überhaupt auf andere Menschen zu haben 189 a. Ehrsucht 190 b. Herrschsucht 191 c. Habsucht 192 Von der Neigung des Wahns als Leiden- schaft 193 Von dem höchsten physischen Gut...195 Von dem höchsten moralisch-physischen Gut 196 Zweiter Theil. Die anthropologische Charakteristik. Von der Art, das Innere des Menschen aus dem Aeusseren zu er- kennen 203 A. Vom Charakter der Person. § 87.. 205 1. Vom Naturell 206 2. Vom Temperament 206 I. Temperamente des Gefühls...208 A. Das sanguinische Temperament des Leichtblütigen 208 B. Das melancholische Temperament des Schwerblütigen...209 Inhalts -Verzeichniss. XIII Seite IL Temperamente der Thätigkeit.. 209 C. Das cholerische Temperament des Warmblütigen 209 D. Das phlegmatische Temperament des Kaltblütigen 210 III. Vom Charakter als der Denkungsart 213 Von den Eigenschaften, die blos daraus folgen, dass der Mensch einen Cha- rakter hat oder ohne Charakter ist 214 Von der Physiognomik 217 Von der Leitung der Natur zur Physiognomik 218 Eintheilung der Physiognomik. 219 A. Von der Gesichtsbildung.. 220 B. Von dem Charakteristischen in den Gesichtszügen...222 C. Von dem Charakteristischen Zerstreute Anmerkungen...225 B. Der Charakter des Geschlechts.. 228 Zerstreute Anmerkungen...232 Pragmatische Folgerungen...235 6r. Der Charakter des Volks...239 D. Der Charakter der Race...250 E. Der Charakter der Gattung...252 Grundzüge der Schilderung des Cha- rakters der Menschengattung.. 263 Die Vorrede Kant's.

Alle Fortschritte in der Kultur, wodurch der Mensch seine Schule macht, haben das Ziel, diese erworbenen Kenntnisse und Geschicklichkeiten zum Gebrauch für die Welt anzuwenden; aber der wichtigste Gegenstand in derselben, auf den er jene verwenden kann, ist der Mensch: weil er sein eigener letzter Zweck ist. — Ihn also, seiner Species nach als mit Vernunft begabtes Erd- wesen zu erkennen, verdient besonders Weltkenntniss genannt zu werden; ob er gleich nur einen Theil der Erdgeschöpfe ausmacht.

Eine Lehre von der Kenntniss des Menschen, syste- matisch abgefasst (Anthropologie), kann es entweder in physiologischer oder in pragmatischer Hinsicht sein. — Die physiologische Menschenkenntniss geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was Er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll. — Wer den N furursachen nachgrübelt, worauf z. B. das Erinnerungsvermögen beruhen möge, kann über die im Gehirn zurückbleibenden Spuren von Eindrücken, welche die erlittenen Empfindungen hinter- lassen, hin und her (nach dem Cartesius) vernünfteln, muss aber dabei gestehen, dass er in diesem Spiel seiner Vorstellungen blosser Zuschauer sei, und die Natur machen lassen muss, indem er die Gehirnnerven und Fasern nicht kennt, noch sich auf Handhabung derselben zu seiner Absicht versteht, mithin alles theoretische Ver- nünfteln hierüber reiner Verlust ist. — — Wenn er aber die Wahrnehmungen über das, was dem Gedächt- niss hinderlich oder beförderlich befunden worden, dazu Kant, Anthropologie. 1 2 Anthropologie.

benutzt, um es zu erweitern oder gewandt zu machen, und liiezu die Kenntniss des Menschen braucht, so würde dieses einen Theil der Anthropologie in pragmatischer Absicht ausmachen, und das eben ist die, mit welcher wir uns hier beschäftigen.

Eine solche Anthropologie, als Weltkenntniss, welche auf die Schule folgen muss, betrachtet, wird eigentlich alsdann noch nicht pragmatisch genannt, wenn sie eine ausgebreitete Erkenntniss der Sachen in der Welt, z. B. der Thiere, Pflanzen und Mineralien in verschiedenen Ländern und Klimaten, sondern wenn sie Erkenntniss des Menschen als Weltbürgers enthält. — Daher wird selbst die Kenntniss der Menschenracen als zum Spiel der Natur gehörender Produkte, noch nicht zur pragmatischen, sondern nur zur theoretischen Welt- kenntniss gezählt.

Noch sind die Ausdrücke: die Welt kennen und Welt haben in ihrer Bedeutung ziemlich weit aus ein- ander; indem der Eine nur das Spiel versteht, dem er zugesehen hat, der Andere aber mitgespielt hat. — Die sogenannte grosse Welt aber, den Stand der Vor- nehmen, zu beurtheilen, befindet sich der Anthropolog in einem sehr ungünstigen Standpunkte, weil diese sicli unter einander zu nahe, von Anderen aber zu weit befinden.

Zu den Mitteln der Erweiterung der Anthropologie im Umfange gehört das Reisen; sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen. Man muss aber doch vorher zu Hause, durch Umgang mit seinen Stadt- oder Landesgenossen*) sich Menschenkenntniss erworben haben, wenn man wissen will, wonach man auswärts suchen solle, um sie im grösseren Umfange zu erweitern. Ohne einen *) Eine grosse Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben be- finden, die eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Innern des Landes sowohl, als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt, — eine solche Stadt, wie etwa Königs- berg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntniss, als auch der Weltkenntniss genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann.

Vorrede.

3 Vorrede.

3 solchen Plan (der schon Menschenkenntniss voraussetzt) bleibt der Weltbürger in Ansehung seiner Anthropologie immer sehr eingeschränkt. Die Generalkenntniss geht hierin immer vor der Lokalkenntniss voraus, wenn jene durch Philosophie geordnet und geleitet werden soll, ohne welche alle erworbene Erkenntniss nichts, als fragmentarisches Herumtappen und keine Wissenschaft abgeben kann.

Allen Versuchen aber, zu einer solchen Wissenschaft mit Gründlichkeit zu gelangen, stehen erhebliche, der menschlichen Natur selber anhängende Schwierigkeiten entgegen.

1. Der Mensch, der es bemerkt, dass man ihn beob- achtet und zu erforschen sucht, wird entweder verlegen (genirt) erscheinen, und da kann er sich nicht zeigen, wie er ist; oder er verstellt sich, und da will er nicht gekannt sein, wie er ist.

2. Will er auch nur sich selbst erforschen, so kommt er, vornehmlich was seinen Zustand im Affekt betrifft, der alsdann gewöhnlich keine Vorstellung zulässt, in eine kritische Lage: nämlich dass, wenn die Triebfedern in Aktion sind, er sich nicht beobachtet; und wenn er sich beobachtet, die Triebfedern ruhen.

3. Ort und Zeitumstände bewirken, wenn sie an- haltend sind, Angewöhnungen, die, wie man sagt, eine andere Natur sind und dem Menschen das Urtheil über sich selbst erschweren; wofür er sich halten, viel- mehr aber noch, was er aus dem Anderen, mit dem er im Verkehr ist, sich für einen Begriff machen soll; denn die Veränderung der Lage, worein der Mensch durch sein Schicksal gesetzt ist, oder in die er sich auch, als Abenteurer, selbst setzt, erschweren es der Anthropologie sehr, sie zum Rang einer förmlichen Wissenschaft zu erheben.

Endlich sind zwar eben nicht Quellen, aber doch Hülfs- mittel zur Anthropologie: Weltgeschichte, Biographien, ja Schauspiele und Romane. Denn obzwar beiden letzteren eigentlich nicht Erfahrung und Wahrheit, sondern nur Erdichtung untergelegt wird, und Uebertreibung der Charaktere und Situationen, worein Menschen gesetzt 1* Anthropologie. Vorrede.

werden, gleich als im Traumbilde aufzustellen, hier er- laubt ist, jene also nichts für die Menschenkenntniss zu lehren scheinen, so haben doch jene Charaktere, so wie sie etwa ein Eichardson oder Moliere entwarf, ihren Grundzügen nach aus der Beobachtung des wirklichen Thuns und Lassens der Menschen genommen werden müssen; weil sie zwar im Grade übertrieben, der Qualität nach aber doch mit der menschlichen Natur überein- stimmend sein müssen.

Eine systematisch entworfene und doch populär (durch Beziehung auf Beispiele, die sich dazu von jedem Leser auffinden lassen) in pragmatischer Hinsicht abgefasste Anthropologie führt den Vortheil für das lesende Publi- kum bei sich, dass durch die Vollständigkeit der Titel, unter welche diese oder jene menschliche, in's Praktische einschlagende, beobachtete Eigenschaft gebracht werden kann, so viel Veranlassungen und Aufforderungen dem- selben hiemit gegeben werden, jede besondere zu einem eigenen Thema zu machen, um sie in das ihr zugehörende Fach zu stellen, wodurch die Arbeiten in derselben sich von selbst unter die Liebhaber dieses Studiums vertheilen und durch die Einheit des Plans nachgerade zu einem Ganzen vereinigt werden, wodurch dann der Wachsthum der gemeinnützigen Wissenschaft befördert und beschleu- nigt wird. *) x) *) In meinem anfänglich frei übernommenen, späterhin mir als Lehramt aufgetragenen Geschäfte der reinen Philoso p Ii ie habe ich einige dreissig Jahre hindurch zwei auf Welt kennt - niss abzweckende Vorlesungen: nämlich (im Winter-) Anthro- pologie und (im Sommerhalbjahre) physische Geographie gehalten, welchen als populären Vorträgen beizuwohnen, auch andere Stände gerathen fanden; von deren ersterer dies das gegenwär- tige Handbuch ist; von der zweiten aber ein solches, aus meiner zum Text gebrauchten, wohl keinem Anderen als mir leser- lichen Handschrift zu liefern, mir jetzt für mein Alter kaum noch möglich sein dürfte.

Der Anthropologie erster Theil.

Anthropologische Didaktik.

Von der Art, das Innere sowohl als das Aeussere des Menschen zu erkennen.

Erstes Buch. Vom Erkenntnissvermögen.

Vom Bewusstsein seiner selbst, f) Dass der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere auf Erden lebende Wesen. Dadurch ist er eine Person und vermöge der Einheit des Bewusstseins, bei allen Veränderungen, die ihm zustossen mögen, eine und dieselbe Person, d. i. ein von Sachen, dergleichen die vernunftlosen Thiere sind, mit denen man nach Belieben schalten und walten kann, durch Hang und Würde ganz unterschiedenes Wesen; selbst wenn er das Ich noch nicht sprechen kann; weil er es doch in Gedanken hat; wie es alle Sprachen, wenn sie in der ersten Person reden, doch denken müssen, ob sie zwar diese Ichheit nicht durch ein besonderes Wort ausdrücken. Denn dieses Vermögen (nämlich zu denken) ist der Verstand.

Es ist aber merkwürdig, dass das Kind, was schon ziemlich fertig sprechen kann, doch ziemlich spät (viel- leicht wohl ein Jahr nachher) erst anfängt, durch Ich zu reden, so lange aber von sich in der dritten Person sprach (Karl will essen, gehen u. s. w.), und dass ihm gleichsam ein Licht aufgegangen zu sein scheint, wenn es den Anfang macht, durch Ich zu sprechen; von welchem Tage an es niemals mehr in jene Sprechart zurückkehrt. — Vorher fühlte es blos sich selbst, jetzt f) § 1 — 6 sind in der 1. Ausgabe als „erster Abschnitt" bezeichnet.

3 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

denkt es sich selbst. — Die Erklärung dieses Phänomens möchte dem Anthropologen ziemlich schwer fallen.

Die Bemerkung, dass ein Kind vor dem ersten Viertel- jahr nach seiner Geburt weder Weinen noch Lächeln äussert, scheint gleichfalls auf Entwicklung gewisser Vorstellungen, von Beleidigung und Unrechtthun, welche gar zur Vernunft hindeuten, zu beruhen. — Dass es den in diesem Zeitraum ihm vorgehaltenen glänzenden Gegenständen mit Augen zu folgen anhebt, ist der rohe Anfang des Fortschreitens von Wahrnehmungen (Ap- prehension der Empfindungsvorstellung), um sie zur Er- kenntniss der Gegenstände der Sinne, d. i. der Er- fahrung zu erweitern.

Dass ferner, wenn es nun zu sprechen versucht, das Radbrechen der Wörter es für Mütter und Ammen so liebenswürdig und diese geneigt macht, es beständig zu herzen und zu küssen, es auch wohl, durch Erfüllung jedes Wunsches und Willens, zum kleinen Befehlshaber zu verziehen: diese Liebenswürdigkeit des Geschöpfs, im Zeitraum seiner Entwicklung zur Menschheit, muss wohl auf Rechnung seiner Unschuld und Offenheit aller seiner noch fehlerhaften Aeusserungen, wobei noch kein Hehl und nichts Arges ist, einerseits, andererseits aber auf den natürlichen Hang der Ammen zum Wohlthun an einem Geschöpf, welches einschmeichelnd sich des Anderen Willkür gänzlich überlässt, geschrieben werden, da ihm eine Spielzeit, die glücklichste unter allen, eingewilligt wird, wobei der Erzieher dadurch, dass er sich selber gleichsam zum Kinde macht, diese Annehmlichkeit noch- mals geniesst.

Diese Erinnerung seiner Kinderjahre reicht aber bei Weitem nicht bis an jene Zeit; weil sie nicht die Zeit der Erfahrungen, sondern blos zerstreuter unter den Begriff des Objects noch nicht vereinigter Wahrnehmun- gen war. 2) Vom Egoismus.

Von dem Tage an, wo der Mensch anfängt, durch Ich zu sprechen, bringt er sein geliebtes Selbst, wo er nur darf, zum Vorschein, und der Egoismus schreitet unaufhaltsam fort; wenn nicht offenbar (denn da wider- steht ihm der Egoismus Anderer), doch verdeckt und mit scheinbarer Selbstverleugnung und vorgeblicher Be- scheidenheit, um sich desto sicherer im Urtheil Anderer einen vorzüglichen Werth zu geben.

Der Egoismus kann dreierlei Anmaassungen enthalten: die des Verstandes, des Geschmackes und des praktischen Interesses, d. i. er kann logisch, oder ästhetisch, oder praktisch sein.

Der logische Egoist hält es für unnöthig, sein Ur- theil auch am Verstände Anderer zu prüfen, gleich als ob er dieses Probirsteins {criterium veritatis externurri) gar nicht bedürfe. Es ist aber so gewiss, dass wir dieses Mittel, uns der Wahrheit unseres Urtheils zu versichern, nicht entbehren können, dass es vielleicht der wichtigste Grund ist, warum das gelehrte Volk so dringend nach der Freiheit der Feder schreit; weil, wenn diese verweigert wird, uns zugleich ein grosses Mittel entzogen wird, die Richtigkeit unserer eigenen Urtheile zu prüfen und wir dem Irrthum preisgegeben werden. Man sage ja nicht, dass wenigstens die Ma- thematik privilegirt sei, aus eigener Machtvollkommen- heit abzusprechen: denn wäre nicht die wahrgenommene durchgängige Uebereinstimmung der Urtheile des Mess- künstlers mit dem Urtheile aller Anderen, die sich diesem Fache mit Talent und Fleiss widmeten, vorhergegangen, so würde sie selbst der Besorgniss, irgendwo in Irrthum zu fallen, nicht entnommen sein. — Giebt es doch auch manche Fälle, wo wir sogar dem Urtheil unserer eignen Sinne allein nicht trauen, z. B. ob ein Geklingel blos in unseren Ohren, oder ob es das Hören wirklich ge- zogener Glocken sei, sondern noch Andere zu befragen nöthig finden, ob es ihnen nicht auch so dünke. Und ob wir gleich im Philosophiren wohl eben nicht, wie die Juristen sich auf Urtheile des Rechtserfahrenen, uns auf Anderer Urtheile zur Bestätigung unserer eigenen berufen dürfen, so würde doch ein jeder Schriftsteller der keinen Anhang findet, mit seiner öffentlich erklärten Meinung, die sonst von Wichtigkeit ist, in Verdacht des Irrthums kommen.

Eben darum ist es ein Wagestück, eine der all- gemeinen Meinung, selbst der Verständigen, wider- 10 Anthropologie. I. Theil. Anthropolog. Didaktik.

streitende Behauptung ins Publikum zu spielen. Dieser Anschein des Egoismus heisst die Paradoxie. Es ist nicht eine Kühnheit, etwas auf die Gefahr, dass es unwahr sei, sondern nur, dass es bei Wenigen Eingang finden möchte, zu wagen. — Vorliebe ftir's Paradoxe ist zwar logischer Eigensinn, nicht Nachahmer von Anderen sein zu wollen, sondern als seltener Mensch zu erscheinen, statt dessen ein solcher oft nur den Seltsamen macht. Weil aber doch ein Jeder seinen eigenen Sinn haben und behaupten muss (si omnes patres sie, at ego non sie. Abaelard), so ist der Vorwurf der Paradoxie, wenn sie nicht auf Eitelkeit, sich blos unterscheiden zu wollen, gegründet ist, von keiner schlimmen Bedeutung. — Dem Paradoxen ist das Alltägige entgegengesetzt, was die gemeine Meinung auf seiner Seite hat. Aber bei diesem ist ebenso wenig Sicherheit, wo nicht noch weniger, weil es einschläfert; statt dessen das Paradoxon das Geniüth zur Aufmerksamkeit und Nachforschung erweckt, die oft zu Entdeckungen führt.

Der ästhetische Egoist ist derjenige, dem sein eigener Geschmack schon genügt, es mögen nun Andere seine Verse, Malereien, Musik u. dergl. noch so schlecht finden, tadeln oder gar verlachen. Er beraubt sich selbst des Fortschritts zum Besseren, wenn er sich mit seinem Urtheil isolirt, sich selbst Beifall klatscht und den Probirstein des Schönen der Kunst nur in sich allein sucht.

Endlich ist der moralische Egoist der, welcher alle Zwecke auf sich selbst einschränkt, der keinen Nutzen worin sieht, als in dem, was ihm nützt, auch wohl als Eudämonist, blos im Nutzen und der eigenen Glückselig- keit, nicht in der Pflichtvorstellung, den obersten Be- stimmungsgrund seines Willens setzt. Denn weil jeder andere Mensch sich auch andere Begriffe von dem macht, was er zur Glückseligkeit rechnet, so ist's gerade der Egoismus, der es so weit bringt, gar keinen Probirstein des ächten Pflichtbegriffs zu haben, als welcher durchaus ein allgemein geltendes Princip sein muss. — Alle Eudämonisten sind daher praktische Egoisten.

Dem Egoismus kann nur der Pluralismus entgegen- gesetzt werden, d. i. die Denkungsart: sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern 1. Buch. Vom Erkenntnissvemiögen. §. 2.

11 als einen blossen Weltbürger zu betrachten und zu ver- halten. — So viel gehört davon zur Anthropologie. Denn was diesen Unterschied nach metaphysischen Begriffen betrifft, so liegt er ganz ausser dem Felde der hier ab- zuhandelnden Wissenschaft. Wenn nämlich blos die Frage wäre, ob ich, als denkendes Wesen, ausser meinem Da- sein noch das Dasein eines Ganzen anderer, mit mir in Gemeinschaft stehender Wesen (Welt genannt) anzunehmen Ursache habe, so ist sie nicht anthropologisch, sondern blos metaphysisch.

Anmerkung.

lieber die Förmlichkeiten der egoistischen Sprache.