Mit der f) Entwicklung der Keime zur Fortpflanzung entwickelt sich zugleich der Keim der Verrückung; wie diese dann auch erblich ist. Es ist gefährlich, in Familien zu heirathen, wo auch nur ein einziges solches Subject vorgekommen ist. Denn es mögen auch noch so viel Kinder eines Ehepaares sein, die vor dieser schlimmen Erbschaft bewahrt bleiben, weil sie z. B. insgesammt dem Vater oder seinen Eltern und Voreltern nach- schlagen, so kommt doch, wenn die Mutter in ihrer Familie nur ein verrücktes Kind gehabt hat (ob sie selbst gleich von diesem Uebel frei ist), einmal ff) in dieser Ehe ein Kind zum Vorschein, welches in die mütterliche Familie einschlägt (wie man es auch aus der Gestalt- ähnlichkeit abmerken kann) und an geerbte Gemüths- störung an sich hat.
Man will öfters die zufällige Ursache dieser Krank- heit anzugeben wissen, so dass sie als nicht angeerbt, sondern zugezogen vorgestellt werden solle, als ob der Unglückliche selbst daran Schuld sei. „Er ist aus Liebe toll geworden", sagt man von dem Einen; von dem Anderen: „er wurde aus Hochmuth verrückt;" von einem Dritten wohl gar: „er hat sich üb er studirt". — Die Verliebung in eine Person von Stande, der die Ehe zu- zumuthen die grösste Narrheit ist, war nicht die Ursache, sondern die Wirkung der Tollheit, und was den Hoch- muth anlangt, so setzt die Zumuthung eines nichts be- deutenden Menschen an Andere, sich vor ihm zu bücken, und der Anstand, sich gegen ihn zu brüsten, eine Toll- heit voraus, ohne die er auf ein solches Betragen nicht gefallen sein würde.
f) In der 1. Ausgabe beginnt dieser Paragraph: „Es giebt kein gestört Kind. — Mit der" u. s. w.
ff) 1. Ausgabe: „nachschlachten, die Mutter aber hat in ihrer...gehabt (ob sie...frei ist), so kommt doch einmal" 124 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Was aber das Ueberstudiren *) anlangt, so hat es' damit wohl keine Noth, um junge Leute davor zu warnen. Es bedarf hier bei der Jugend eher der Spornen als des Zügeis. Selbst die heftigste und anhaltendste An- strengung in diesem Punkt kann wohl das Gemüth er- müden, so dass der Mensch darüber gar der Wissen- schaft gram wird, aber es nicht verstimmeu, wo es nicht vorher schon verschoben war, und daher Geschmack an mystischen Büchern und an Offenbarungen fand, die über den gesunden Menschenverstand hinausgehen. Da- hin gehört auch der Hang, sich dem Lesen der Bücher, die eine gewisse heilige Salbung erhalten haben, bloe dieses Buchstabens halber, ohne das Moralische dabei ZT* beabsichtigen, ganz zu widmen, wofür ein gewisser Autor den Ausdruck: „er ist schrifttoll", ausgefunden hat.
Ob es einen Unterschied zwischen der allgemeinen Tollheit {delirium generale) und der an einem bestimmten Gegenstande haftenden {delirium circa objectum) gebe, daran zweifle ich. Die Unvernunft (die etwas Positives, nicht blosser Vernunftmangel ist) ist ebensowohl, wie die Vernunft, eine blosse Form, der die Objecte können an- gepasst werden, und beide sind also aufs Allgemeine gestellt. Was nun aber beim Ausbruche der ver- rückten Anlage (der gemeiniglich plötzlich geschieht) dem Verrückten zuerst in den Wurf kommt (die zufällige aufstossende Materie, worüber nachher gefaselt wird), darüber schwärmt nun der Verrückte fortan vorzüglich; weil es durch die Neuigkeit des Eindruckes stärker als das übrige Nachfolgende in ihm haftet.
Man sagt auch von Jemandem, dem es im Kopfe übergesprungen ist: „er hat die Linie passirt"; gleich als ob ein Mensch, der zum ersten Mal die Mittellinie *) Dass sich Kaufleute überhandeln und über ihre Kräfte in weitläufige Plane verlieren, ist eine gewöhnliche Erscheinung. Für die Uebertreibung des Fleisses junger Leute aber (wenn ihr Kopf nur sonst gesund war) haben besorgte Eltern nichts zu fürchten. Die Natur verhütet solche Ueberladnng des Wissens schon von selbst dadurch, dass den Studirenden die Dinge anekeln, über die er kopfbrechend und doch vergeblich ge- brütet hat.
des heissen Weltstrichs überschreite, in Gefahr sei, den Verstand zu verlieren. Aber das ist nur Missverstand. Es will nur so viel sagen, als: der Geck, der ohne lange Mühe durch eine Reise nach Indien auf einmal Gold zu fischen hoffte, entwirft schon hier als Narr seinen Plan; während dessen Ausführung aber wächst die junge Toll- heit, und bei seiner Zurückkunft, wenn ihm auch das Glück hold gewesen, zeigt sie sich entwickelt, in ihrer Vollkommenheit.
Der Verdacht, dass es mit Jemandes Kopfe nicht richtig sei, fällt schon auf Den, der mit sich selbst laut spricht, oder darüber ertappt wird, dass er für sich im Zimmer gestikulirt. — Mehr noch, wenn er sich mit Eingebungen begnadigt oder heimgesucht und mit höheren Wesen im Gespräche und Umgange zu sein glaubt; doch dann eben nicht, wenn er zwar andere heilige Männer dieser übersinnlichen Anschauungen vielleicht für fähig einräumt, sich selbst aber dazu nicht auserwählt zu sein wähnt, ja es auch nicht einmal zu wünschen gesteht, und also sich ausnimmt.
Das einzige allgemeine Merkmal der Verrücktheit ist der Verlust des Gemeinsinnes {sensus communis) und der dagegen eintretende logische Eigensinn {sensus privatus), z. B. ein Mensch sieht am hellen Tage auf seinem Tisch ein brennendes Licht, was doch ein dabei stehender Anderer nicht sieht, oder hört eine Stimme, die kein Anderer hört. Denn es ist ein subjectiv-nothwendiger Probirstein der Richtigkeit unserer Urtheile überhaupt, und also auch der Gesundheit unseres Verstandes, dass wir diesen auch an den Ver- stand Anderer halten, nicht aber uns mit dem unsrigen isoliren, und mit unserer Privatvorstellung doch gleich- sam öffentlich urtheilen. Daher das Verbot der Bücher, die blos auf theoretische Meinungen gestellt sind (vor- nehmlich, wenn sie aufs gesetzliche Thun und Lassen gar nicht Einfluss haben), die Menschheit beleidigt. Denn man nimmt uns ja dadurch, wo nicht das einzige, doch das grösste und brauchbarste Mittel unserer eigenen Gedanken zu berichtigen, welches dadurch geschieht, dass wir sie öffentlich aufstellen, um zu sehen, ob sie auch mit dem Verstände Anderer zusammenpassen, weil sonst etwas blos Subjectives (z. B. Gewohnheit oder 126 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik, Neigung) leichtlich für objectiv würde gehalten werden; als worin gerade der Schein besteht, von dem man sagt, er betrügt, oder vielmehr, wodurch man verleitet wird, in der Anwendung einer Regel sich selbst zu betrügen. — Der, welcher sich an diesen Probirstein gar nicht kehrt, sondern es sich in den Kopf setzt, den Privatsinn, ohne oder selbst wider den Gemeinsinn schon für gültig anzuerkennen, ist einem Gedankenspiel hingegeben, wobei er nicht in einer mit Anderen gemeinsamen Welt, sondern (wie im Traum) in seiner eigenen sich sieht, verfährt und urtheilt. — Bisweilen kann es doch blos an den Ausdrücken liegen, wodurch ein sonst helldenkender Kopf seine äusseren Wahrnehmungen Anderen mittheilen will, dass sie nicht mit dem Princip des Gemeinsinnes zusammenstimmen wollen, und er auf seinem Sinne be- harret. So hatte der geistvolle Verfasser der Oceana, Harrington, die Grille, dass seine Ausdünstungen (effluvia) in Form der Fliegen von seiner Haut ab- sprängen. Es können dieses aber wohl elektrische Wirkungen auf einen mit diesem Stoff überladenen Körper gewesen sein; wovon man auch sonst Erfahrung gehabt haben will, und er hat damit vielleicht nur eine Aehnlich- keit seines Gefühls mit diesem Absprunge, nicht das Sehen dieser Fliegen andeuten wollen.
Die Verrückung mit Wuth (rabies), einem Affecte des Zorns (gegen einen wahren oder eingebildeten Gegen- stand), welcher ihn gegen alle Eindrücke von aussen un- empfindlich macht, ist nur eine Spielart der Störung, die öfters schreckhafter aussieht, als sie in ihren Folgen ist, welche, wie der Paroxysmus in einer hitzigen Krankheit, nicht sowohl im Gemüth gewurzelt, als vielmehr durch materielle Ursachen erregt wird und oft durch den Arzt mit einer Gabe gehoben werden kann. 52) Von den Talenten im Erkenntnissvermögen.
Unter Talent (Naturgabe) versteht man diejenige Vorzüglichkeit des Erkenntnissvermögens, welche nicht von der Unterweisung, sondern der natürlichen Anlage des Subjects abhängt. Sie sind der productive Witz {ingenium strictius s> materialiter dictum), dieSagacität und die Originalität im Denken (das Genie).
Der Witz ist entweder der vergleichende {Ingenium comparans), oder der vernünftelnde Witz (ingenium argutans). Der Witz paart (assimilirt) heterogene Vor- stellungen, die oft nach dem Gesetze der Einbildungs- kraft (der Association) weit auseinanderliegen, und ist ein eigenthümliches Verähnlichungsvermögen, welches dem Ver- stände (als dem Vermögen der Erkenntniss des Allgemeinen), sofern er die Gegenstände unter Gattungen bringt, an- gehört. Er bedarf nachher der Urtheilskraft, um das Besondere unter dem Allgemeinen zu bestimmen und das Denkungsvermögen zum Erkennen anzuwenden. — Witzig (im Reden oder Schreiben) zu sein, kann durch den Mechanismus der Schule und ihren Zwang nicht erlernt werden, sondern gehört, als ein besonderes Talent, zur Liberalität der Sinnesart in der wechsel- seitigen Gedankenmittheilung (veniam damus petimusque vicissim); einer schwer zu erldärenden Eigenschaft des Verstandes überhaupt, — gleichsam seiner Gefälligkeit, die mit der Strenge der Urtheilskraft (Judicium discretivum) in der Anwendung des Allgemeinen auf das Besondere (der Gattungsbegriffe auf die der Species) contrastirt, als welche das Assimilationsvermögen sowohl als auch den Hang dazu einschränkt.
Von dem specifischen Unterschiede des vergleichenden und des vernünftelnden Witzes.
Ä.
Von dem productiven Witze.
Es ist angenehm, beliebt und aufmunternd, Aehnlich- keiten unter ungleichartigen Dingen aufzufinden und so, was der Witz thut, für den Verstand Stoff zu geben, um seine Begriffe allgemein zu machen. Urtheilskraft dagegen, welche die Begriffe einschränkt und mehr zur 128 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Berichtigung als zur Erweiterung derselben beiträgt, wird zwar in allen Ehren genannt und empfohlen, ist aber ernsthaft, strenge und in Ansehung der Freiheit zu denken einschränkend, eben darum aber unbeliebt. Des vergleichenden Witzes Thun und Lassen ist mehr Spiel; das der Urtheilskraft aber mehr Geschäft. — Jener ist eher eine Blüthe der Jugend, diese mehr eine reife Frucht des Alters. — Der im höheren Grade in einem Geistesproduct beide verbindet, ist sinnreich (perspiöax).
Witz hascht nach Einfällen; Urtheilskraft strebt nach Einsichten. Bedachtsamkeit ist eine Burgemeister- t ugen d (die Stadt, unter dem Oberbefehl der Burg, nach gegebenen Gesetzen zu schützen und zu ver- walten). Dagegen kühn (hardi), mit Beiseitesetzung der Bedenklichkeiten der Urtheilskraft, absprechen, wurde dem grossen Verfasser des Naturystems Buffon von seinen Landsleuten zum Verdienst angerechnet, ob es zwar als Wagestück ziemlich nach Unbescheidenheit (Frivolität) aussieht. — Der Witz geht mehr nach der Brühe, die Urtheilskraft nach der Nahrung. Die Jagd auf Witzwörter (bo?is?nois), wie sie der Abt Trublet reichlich aufstellte und den Witz dabei auf die Folter spannte, macht seichte Köpfe, oder ekelt den gründlichen nachgerade an. Er ist erfinderisch in Moden, d. i. den angenommenen Verhaltungsregeln, die nur durch die Neuheit gefallen und, ehe sie Gebrauch werden, gegen andere Formen, die ebenso vorübergehend sind, ausgetauscht werden müssen.
Der Witz mit Wortspielen ist schal, leere Grübelei (Mikrologie) der Urtheilskraft aber pedantisch. Lau- nigter Witz heisst ein solcher, der aus der Stimmung des Kopfs zum Paradoxen hervorgeht, wo hinter dem treuherzigen Ton der Einfalt doch der (durchtriebene) Schalk hervorblickt, Jemanden (oder auch seine Mei- nung) zum Gelächter aufzustellen; indem das Gegen- theil des Beifallswürdigen mit scheinbaren Lobsprüchen erhoben wird (Persifflage), z. B. Swift's „Kunst, in der Poesie zu kriechen", oder Butt ler 's Hudibras; ein solcher Witz, das Verächtliche durch den Contrast noch verächtlicher zu machen, ist durch die Ueberraschung des Unerwarteten sehr aufmunternd, aber doch immer nur ein Spiel und leichter Witz (wie der des Voltaire); dagegen der, welcher wahre und wichtige Grundsätze in der Einkleidung aufstellt (wie Young in seinen Satiren), ein centnerschwerer Witz genannt werden kann, weil es ein Geschäft ist und mehr Bewunderung als Belustigung erregt.
Ein Sprichwort (proverbium) ist kein Witz wort (bon mot)] denn es ist eine gemein gewordene Formel, welche einen Gedanken ausdrückt, der durch Nach- ahmung fortgepflanzt wird und im Munde des Ersten wohl ein Witzwort gewesen sein kann. Durch Sprich- wörter reden, ist daher die Sprache des Pöbels und be- weist den gänzlichen Mangel des Witzes im Umgange mit der feineren Welt.
Gründlichkeit ist zwar nicht eine Sache des Witzes; aber sofern dieser durch das Bildliche, was er den Ge- danken anhängt, ein Vehikel oder eine Hülle für die Vernunft und deren Handhabung für ihre moralisch- praktischen Ideen sein kann, lässt sich ein gründlicher Witz (zum Unterschiede des seichten) denken. Als eine von den, wie es heisst, bewunderungswürdigen Sentenzen Samuel Johnson's über Weiber, wird die in Waller's Leben angeführt: „er lobte ohne Zweifel Viele, die er zu heirathen sich würde gescheut haben, und heirathete vielleicht Eine, die er sich geschämt haben würde, zu loben". Das Spielende der Antithese macht hier das ganze Bewundernswürdige aus; die Vernunft gewinnt dadurch nichts. — Wo es aber auf streitige Fragen für die Vernunft ankam, da konnte sein Freund Boswell keinen von ihm so unablässig gesuchten Orakelspruch herauslocken, der den mindesten Witz verrathen hätte; sondern Alles, was er über die Zweifler im Punkte der Religion, oder des Rechts einer Regierung, oder auch nur die menschliche Freiheit überhaupt heraus- brachte, fiel, bei seinem natürlichen und durch Ver- wöhnung von Schmeichlern eingewurzelten Despotismus des Absprechens, auf plumpe Grobheit hinaus, die seine Verehrer Rauhigkeit*) zu nennen belieben; die aber *) Boswell erzählt, dass, da ein gewisser Lord in seiner Gegenwart sein Bedauern äusserte, dass Johnson nicht eine Kant, Anthropologie. 9 130 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.
sein grosses Unvermögen eines in demselben Gedanken mit Gründlichkeit vereinigten Witzes bewies. — Auch scheinen die Männer von Einflüsse, die seinen Freunden kein Gehör gaben, welche ihn als ein für's Parlament ausnehmend taugliches Glied vorschlugen, sein Talent wohl gewürdigt zu haben. — Denn der Witz, der zur Abfassung des Wörterbuchs einer Spraehe zureicht, langt darum noch nicht zu, Vernunftideen, die zur Einsicht in wichtigen Geschäften erforderlich sind, zu erwecken und zu beleben. Bescheidenheit tritt von selbst in das Gemütli Dessen ein, der sich hierzu berufen sieht, und Misstrauen in seine Talente, für sich allein nicht zu ent- scheiden, sondern Anderer Urtheile (allenfalls unbemerkt) auch mit in Anschlag zu bringen, war eine Eigenschaft, die Johnson nie anwandelte.:>:i B.
Von der Sagacität oder Nachforschungsgabe.
Um etwas zu entdecken (was entweder in uns selbst oder anderwärts verborgen liegt), dazu gehört in vielen Fällen ein besonderes Talent, Bescheid zu wissen, wie man gut suchen soll; eine Naturgabe, vorläufig zu urth eilen (Judicii praetrii), wo die Wahrheit wohl zu finden sein möchte, den Dingen auf die Spur zu kommen und die kleinsten Anlässe der Verwandtschaft zu benutzen, um das Gesuchte zu entdecken oder zu erfinden. Die Logik der Schulen lehrt uns nichts hierüber. Aber ein Baco von Verulam gab ein glänzendes Beispiel an seinem Organon von der Methode, wie durch Experimente die verborgene Beschaffenheit der Natur- dinge könne aufgedeckt werden. Aber selbst dieses feinere Erziehung gehabt hätte, Baretti gesagt habe: »Nein, nein, Mylord! Sie hätten mit ihm machen mögen, was Sie gewollt, er wäre immer ein Bär geblieben". Doch wohl ein Tanzbär? sagte der Andere, welches ein Dritter, sein Freund, dadurch zu mildern vermeinte, dass er sagte: rEr hat nichts vom Bären, als das Fell".
Beispiel reicht nicht zu, eine Belehrung nach bestimmten Regeln zu geben, wie man mit Glück suchen solle, denn man muss immer hiebei etwas zuerst voraussetzen (von einer Hypothese anfangen), von da man seinen Gang an- treten will, und das muss nach Principien, gewissen An- zeigen zufolge, geschehen, und darin liegt's eben, wie man diese auswittern soll. Denn blind, auf gut Glück, da man über einen Stein stolpert und eine Erzstufe findet, hiemit auch einen Erzgang entdeckt, es zu wagen, ist wohl eine schlechte Anweisung zum Nachforschen. Dennoch giebt es Leute f) von einem Talent, gleichsam mit der Wünschelruthe in der Hand den Schätzen der Erkenntniss auf die Spur zu kommen, ohne dass sie es gelernt haben; was sie denn auch Andere nicht lehren, sondern es ihnen nur vormachen können; weil es eine Naturgabe ist. 54) C.
Von der Originalität des Erkenntnissvermögens oder dem Genie.
Etwas erfinden, ist ganz was Anderes, als etwas entdecken. Denn die Sache, welche man entdeckt, wird als vorher schon existirend angenommen, nur dass sie noch nicht bekannt war, z. B. Amerika vor dem Columbus; was man aber erfindet, z. B. das Schiesspulver, war vor dem Künstler *), der es machte, noch gar nicht bekannt. Beides kann Verdienst *) Das Schiesspulver war lange vor des Mönchs Schwarz Zeit schon in der Belagerung von Algeziras gebraucht worden, und die Erfindung desselben scheint den Chinesen an- zugehören. Es kann aber doch sein, dass jener Deutsche, der dieses Pulver in seine Hände bekam, Versuche zur Zer- gliederung desselben (z. B. durch Auslaugen des darin be- findlichen Salpeters, Abschwemmung der Kohle und Ver- brennung des Schwefels) machte, und so es entdeckt, obgleich nicht erfunden hat.
9* 132 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
sein. Man kann aber etwas finden, was man gar nicht sucht (wie der Goldkoch den Phosphor), und da ist es auch kein Verdienst. — Nun heisst das Talent zum Erfinden das Genie. Man legt aber diesen Namen immer nur einem Künstler bei, also Dem, der etwas zu machen versteht, nicht Dem, der blos Vieles kennt und weiss; aber auch nicht einem blos nachahmenden, sondern einem seine Werke ursprünglich hervor- zubringen aufgelegten Künstler; endlich auch diesem nur, wenn sein Product musterhaft ist, d. i. wenn er es ver- dient, als Beispiel (exemplar) nachgeahmt zu werden. — Also ist das Genie eines Menschen „die musterhafte Originalität seines Talents" (in Ansehung dieser oder jener Art von Kunstproducten). Man nennt aber auch einen Kopf, der die Anlage dazu hat, ein Genie; da alsdann dieses Wort nicht blos die Naturgabe einer Person, sondern auch die Person selbst bedeuten soll. — In vielen Fächern Genie zu sein, ist ein vastes Genie wie Leonardo da Vinci).
Das eigentliche Feld für das Genie ist das der Ein- bildungskraft; weil diese schöpferisch ist und weniger als andere Vermögen unter dem Zwange der Regeln steht, dadurch aber der Originalität desto fähiger ist. — Der Mechanismus der Unterweisung, weil diese jederzeit den Schülern zur Nachahmung nöthig, ist dem Auf- keimen eines Genies, nämlich was seine Originalität be- trifft, zwar allerdings nachtheilig. Aber jede Kunst be- darf doch gewisser mechanischer Grundregeln, nämlich der Angemessenheit des Products zur untergelegten Idee, d. i. Wahrheit in der Darstellung des Gegenstandes, der ge- dacht wird. Das muss nun mit Schulstrenge gelernt werden und ist allerdings eine Wirkung der Nachahmung. Die Einbildungskraft aber auch von diesem Zwange zu befreien, und das eigenthümliche Talent, sogar der Natur zuwider, regellos verfahren und schwärmen zu lassen, würde vielleicht originale Tollheit abgeben; die aber freilich nicht musterhaft sein und also auch nicht zum Genie ge- zählt werden würde.
Geist ist das belebende Princip im Menschen. In der französischen Sprache führen Geist und Witz einerlei Namen, esprit. Im Deutschen ist es anders. Man sagt: eine Rede, eine Schrift, eine Dame in Ge- Seilschaft u. s. w. ist schön, aber ohne Geist. Der Vor- rath von Witz macht es hier nicht aus; denn man kann sich auch diesen verekeln, weil seine Wirkung nichts Bleibendes hinterlässt. Wenn alle jene obgenannte Sachen und Personen geistvoll heissen sollen, so müssen sie ein Interesse erregen und zwar durch Ideen. Denn das setzt die Einbildungskraft in Bewegung, welche für dergleichen Begriffe einen grossen Spielraum vor sich sieht. Wie wäre es also: wenn wir das französische Wort genie mit dem deutschen eigenthümlicher Geist ausdrückten; denn unsere Nation lässt sich be- reden, die Franzosen hätten ein Wort dafür aus ihrer eigenen Sprache, dergleichen wir in der unserigen nicht hätten, sondern von ihnen borgen müssten, da sie es doch selbst aus dem Lateinischen (genius) geborgt haben, welches nicht Anderes als einen eigenthümlichen Geist bedeutet.
Die Ursache aber, weswegen die musterhafte Origi- nalität des Talents mit diesem mystischen Namen be- nannt wird, ist, weil Der, welcher dieses hat, die Aus- brüche desselben sich nicht erklären, oder auch, wie er zu einer Kunst komme, die er nicht hat erlernen können, sich selbst nicht begreiflich machen kann. Denn Un- sichtbarkeit (der Ursache zu einer Wirkung) ist ein Nebenbegriff vom Geiste (einem genius, der dem Talent- vollen schon in seiner Geburt beigesellt worden), dessen Eingebung gleichsam er nur folgt. Die Gemüthskräfte aber müssen hiebei vermittelst der Einbildungskraft har- monisch bewegt werden; weil sie sonst nicht beleben, sondern sich einander stören würden, und das muss durch die Natur des Subjects geschehen; weshalb man Genie auch das Talent nennen kann, „durch welches die Natur der Kunst die Regel giebt".
Ob der Welt durch grosse Genies im Ganzen sonder- lich gedient sei, weil sie doch oft neue Wege einschlagen und neue Aussichten eröffnen, oder ob mechanische Köpfe, wenn sie gleich nicht Epoche machten, mit ihren all- täglichen, langsam am Stecken und Stabe der Erfahrung fortschreitenden Verstände nicht das Meiste zum Wachs- 134 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
thum der Künste und Wissenschaften beigetragen haben, indem sie, wenngleich Keiner von ihnen Bewunderung erregte, doch auch keine Unordnung stifteten, mag hier unerörtert bleiben. — Aber ein Schlag von ihnen, Geniemänner (besser Geniealfen) genannt, hat sich unter jenem Aushängeschilde mit eingedrängt, welcher die Sprache ausserordentlich von der Natur begünstigter Köpfe führt, das mühsame Lernen und Forschen für stümperhaft erklärt, und den Geist aller Wissenschaft mit einem Griffe gehascht zu haben, ihn aber in kleinen Gaben concentrirt und kraftvoll zu reichen vorgiebt. Dieser Schlag ist, wie der der Quacksalber und Marktschreier, den Fortschritten in wissenschaftlicher und sittlicher Bildung sehr nachtheilig, wenn er über Religion, Staats- verhältnisse und Moral, gleich dem Eingeweihten oder Machthaber, vom Weisheitssitze herab im entscheidenden Tone abspricht und so die Armseligkeit des Geistes zu verdecken weiss. Was ist hiewider Anderes zu thun, als zu lachen und seinen Gang mit Fleiss, Ordnung und Klarheit geduldig fortzusetzen, ohne auf jene Gaukler Rücksicht zu nehmen?
Das Genie scheint auch, nach der Verschiedenheit des Nationalschlages und des Bodens, dem es angeboren ist, verschiedene ursprüngliche Keime in sich zu haben und sie verschiedentlich zu entwickeln. Es schlägt bei den Deutschen mehr in die Wurzel, bei den Italienern in die Krone, bei den Franzosen in die Blüthe, und bei den Engländern in die Frucht.
Noch ist der allgemeine Kopf (der alle verschieden- artige Wissenschaften befasst) vom Genie, als dem er- finderischen, unterschieden. Der erstere kann es in demjenigen sein, was gelernt werden kann; nämlich der die historische Erkenntniss von dem, was in Ansehung aller Wissenschaften bisher gethan ist, besitzt (Poly- histor), wie Jul. Cäs. Scaliger. Der letztere ist der Mann, nicht sowohl von grossem Umfange des Geistes, als intensiver Grösse desselben, in allem Epoche zu machen, was er unternimmt (wie Newton, Leib- niz). Der architektonische, der den Zusammen- 1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 57. 135 hang aller Wissenschaften, und wie sie einander unter- stützen, methodisch einsieht, ist nur subalternes, aber doch nicht gemeines Genie. — Es giebt aber auch gigantische Gelehrsamkeit, die doch oft cyklopisch ist, der nämlich ein Auge fehlt: nämlich das der wahren Philosophie, um diese Menge des historischen Wissens, die Fracht von hundert Kameelen, durch die Vernunft zweckmässig zu benutzen.
Die blossen Naturalisten des Kopfs (eleves de la nature, Autodidacti) können in manchen Fällen auch für Genies gelten, weil sie, ob sie zwar Manches, was sie wissen, von Anderen hätten lernen können, für sich selbst ausgedacht haben und in dem, was an sich keine Sache des Genies ist, doch Genies sind: wie es, was mechanische Künste betrifft, in der Schweiz Manche giebt, welche in diesen Künsten Erfinder sind; aber ein früh- kluges Wunderkind (ingenium praecox), wie in Lübeck Hein ecke oder in Halle Bar ati er, von ephemerischer Existenz, sind Abschweifungen der Natur von ihrer Regel, Raritäten für's Naturalienkabinet, und lassen ihre über- frühe Zeitigung zwar bewundern, aber oft auch von Denen, die sie beförderten, im Grunde bereuen. 55) Weil am Ende der ganze Gebrauch des Erkenntniss- vermögens zu seiner eigenen Beförderung, selbst im theoretischen Erkenntnisse, doch der Vernunft bedarf, welche die Regel giebt, nach welcher es allein befördert werden kann; so kann man den Anspruch, den die Ver- nunft an dasselbe macht, in die drei Fragen zusammen- fassen, welche nach den drei Facultäten desselben ge- stellt sind: Was will ich? (fragt der Verstand)*), Worauf kommt's an? (fragt die Urtheilskraft), Was kommt heraus? (fragt die Vernunft). Die Köpfe sind in der Fähigkeit der Beantwortung aller dieser drei Fragen sehr verschieden. — Die erste erfordert nur einen klaren Kopf, sich selbst zu verstehen; *) Das Wollen wird hier blos im theoretischen Sinne ver- standen: Was will ich als wahr behaupten?
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und diese Naturgabe ist, bei einiger Kultur, ziemlich gemein; vornehmlich wenn man darauf aufmerksam macht. — Die zweite treffend zu beantworten, ist weit seltener; denn es bieten sich vielerlei Arten der Bestimmung des vorliegenden Begriffs und der scheinbaren Auflösung der Aufgabe dar; welche ist nun die einzige, die dieser genau angemessen ist? (z. B. in Processen oder in Be- ginnen gewisser Handlungsplane zu demselben Zwecke). Hiezu giebt es ein Talent der Auswahl des in einem ge- wissen Falle gerade Zutreffenden (Judicium discretivum), welches sehr erwünscht, aber auch sehr selten ist. Der Advocat, der mit viel Gründen ausgezogen kommt, die seine Behauptung bewähren sollen, beschwert dem Richter sehr seine Sentenz, weil er selbst nur herumtappt; weiss er aber nach der Erklärung dessen, was er will, den Punkt zu treffen (denn der ist nur ein einziger), worauf es ankommt, so ist es kurz abgemacht, und der Spruch der Vernunft folgt von selbst.
Der Verstand ist positiv und vertreibt die Finster - niss der Unwissenheit, — die Urtheilskraft mehr negativ zur Verhütung der Irrthümer aus dem dämmernden Lichte, darin die Gegenstände erscheinen. — Die Vernunft verstopft die Quelle der Irrthümer (die Vor- urtheile) und sichert hiemit den Verstand durch die Allgemeinheit der Principien. — Büchergelehrsamkeit vermehrt zwar die Kenntnisse, aber erweitert nicht den Begriff und die Einsicht, wo nicht Vernunft dazukommt. Diese ist aber noch vom Vernünfteln, dem. Spiel mit blossen Versuchen im Gebrauche der Vernunft ohne ein Gesetz derselben, unterschieden. Wenn die Frage ist: ob ich Gespenster glauben soll? so kann ich über die Möglichkeit derselben auf allerlei Art vernünf- teln; aber die Vernunft verbietet, abergläubisch, d. i. ohne ein Princip der -Erklärung des Phänomens nach Erfahrungsgesetzen die Möglichkeit desselben an- zunehmen.
Durch die grosse Verschiedenheit der Köpfe, in der Art, wie sie ebendieselben Gegenstände, imgleichen sich unter einander ansehen, durch das Reiben derselben an einander und die Verbindung derselben sowohl als ihre Trennung bewirkt die Natur ein sehenswürdiges Schau- spiel auf der Bühne der Beobachter und Denker von unendlich verschiedener Art. Für die Classe der Denker können f) folgende Maximen (die als zur Weisheit führend bereits oben erwähnt worden) ff) zu unwandelbaren Ge- boten gemacht werden: 1) Selbst denken.
2) Sich (in der Mittheilung mit Menschen) in die Stelle jedes Anderen zu denken.
3) Jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken.
Das erste Princip ist negativ (nullius addictus jurare in verba magistri), das der zwangsfreien; das zweite positiv, der liberalen, sich den Begriffen Anderer bequemenden, das dritte der consequenten (folge- rechten) Denkungsart; von deren jeder, noch mehr aber von ihrem Gegentheil die Anthropologie Beispiele auf- stellen kann.
Die wichtigste Revolution in dem Inneren des Menschen ist: „der Ausgang desselben aus seiner selbst- verschuldeten Unmündigkeit". Statt dessen, dass bis da- hin Andere für ihn dachten, und er blos nachahmte oder am Gängelbande sich leiten Hess, wagt er es jetzt, mit eigenen Füssen auf dem Boden der Erfahrung, wenn- gleich noch wackelnd, fortzuschreiten. 56) f) 1. Ausg.: «Für die letztere Art können" u. s. f. ff) „(die — worden)" Zusatz der 2. Ausg.
* Zweites Buch, f ) Das Gefühl der Lust und Unlust Eintheilung.
1) Die sinnliche, 2) die intellectuelle Lust. Die erste re entweder A) durch den Sinn (das Ver- gnügen), oder B) durch die Einbildungskraft (der Geschmack); die zweite (nämlich intellectuelle) ent- weder a) durch darstellbare Begriffe oder b) durch Ideen, und so wird auch das Gegentheil, die Un- lust, vorgestellt werden. 57) Von der sinnlichen Lust.
A. tt) Vom Gefühl für das Angenehme oder der sinnlichen Lust in der Empfindung eines Gegenstandes.
Vergnügen ist eine Lust durch den Sinn, und was diesen belustigt, heisst angenehm. Schmerz ist die Unlust durch den Sinn, und was jenen hervorbringt, ist f) 1. Ausg.: „Zweites Hauptstück." ff) 1- Ausg.: „Erster Abschnitt."
2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 58. 139