der Gewalt über sie zu setzen; welches doch ein missliehes und ungerechtes Mittel dazu ist, andere Menschen zu seinen Absichten zu gebrauchen; weil es theils den Widerstand aufruft, und unklug, theils der Freiheit unter Gesetzen, worauf Jedermann Anspruch machen kann, zuwider und ungerecht ist. — Was die mittelbare Beherrschungskunst betrifft, z. B. die des weiblichen Geschlechts durch Liebe, die es dem männlichen gegen sich einflösst, dieses zu seinen f) Absichten zu brauchen, so ist sie unter jenem Titel nicht mit begriffen, weil sie keine Gewalt bei sich führt, sondern den Unterthänigen durch seine eigene Neigungen ff) zu beherrschen und zu fesseln weiss. — Nicht als ob der weibliche Theil unserer Gattung von der Neigung, über dem männlichen zu herrschen frei wäre (wovon gerade das Gegentlieil wahr ist), sondern weil es sich nicht desselben Mittels zu dieser Absicht als das männliche bedient; nämlich nicht des Vorzuges der Stärke (als welche hier unter dem Worte herrschen gemeint ist), sondern der Reize, welche eine Neigung des andern Theiles, beherrscht zu werden, in sich enthält.
c.
Habsucht.
c.
Habsucht.
Geld ist die Loosung, und wen Plutus begünstigt, vor dem öffnen sich alle Pforten, die vor dem minder Reichen verschlossen sind. Die Erfindung dieses Mittels, welches sonst keine Brauchbarkeit hat (wenigstens nicht haben darf), als blos zum Verkehr des Fleisses der Menschen, hiemit aber auch alles Physischguten unter ihnen zu dienen, vornehmlich nachdem es durch Metalle repräsentirt wird, hat eine Habsucht hervorgebracht, die zuletzt, auch ohne Genuss, in dem blossen Besitze, selbst mit Verzichtung (des Geizigen) auf allen Gebrauch, eine Macht enthält, von der man glaubt, dass sie den Mangel jeder anderen zu ersetzen hinreichend sei. Diese 3. Buch. Vom Begehrungsvermögen. §. 84.
ganz geistlos, wenngleich nicht immer moralisch verwerfliche, doch blos mechanisch geleitete Leidenschaft, welche vornehmlich dem Alter (zum Ersatz seines natürlichen Unvermögens) anhängt, und die jenem allgemeinen Mittel, seines grossen Einflusses halber, auch schlechthin den Namen eines Vermögens verschafft hat, ist eine solche, die, wenn sie eingetreten ist, keine Abänderung verstattet und, wenn die erste der dreien gehasst, die zweite gefürchtet, sie, als die dritte, verachtet, macht*).77) Von der Neigung des Wahnes als Leidenschaft. Unter dem Wahne, als eine Triebfeder der Begierden, verstehe ich die innere praktische Täuschung, das Subjective in der Bewegursache für objectiv zu halten. — Die Natur will von Zeit zu Zeit stärkere Erregungen der Lebenskraft, um die Thätigkeit des Menschen aufzufrischen, damit er nicht im blossen Geniessen das Gefühl des Lebens gar einbüsse. Zu diesem Zwecke hat sie sehr weise und wohlthätig dem von Natur faulen Menschen Gegenstände seiner Einbildung nach, als wirkliche Zwecke (Erwerbungsarten von Ehre, Gewalt und Geld) vorgespiegelt, die ihm, der ungern ein Geschäft übernimmt, doch genug zu schaffen machen und mit Nichtsthun viel zu thun geben; wobei das Interesse, das er daran nimmt, ein Interesse des blossen Wahnes ist, und die Natur also wirklich mit dem Menschen spielt und ihn (das Subject) zu seinem Zwecke spornt; indessen dass dieser in der Ueberredung steht (objectiv), sich selbst einen eigenen Zweck gesetzt zu haben. — *) Hier ist die Verachtung im moralischen Sinne zu verstehen, denn im bürgerlichen, wenn es sich zutrifft, dass, wie Pope sagt: „der Teufel in einem goldenen Regen von fünfzig auf hundert dem Wucherer in den Schooss fällt und sich seiner Seele bemächtigt," bewundert vielmehr der grosse Haufe den Mann, der so grosse Handelsweisheit beweiset.
Kant, Anthropologie. 13 194 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik. Diese Neigungen des Wahnes sind, gerade darum, weil die Phantasie dabei Selbstschöpferin ist, dazu geeignet, um im höchsten Grade leidenschaftlich zu werden, vornehmlich wenn sie auf einen Wettstreit der Menschen angelegt sind.
Die Spiele des Knaben im Ballschlagen, Ringen, Wettrennen, Soldatenspielen; — weiterhin des Mannes im Schach- und Kartenspiel (wo in der einen Beschäftigung der blosse Vorzug des Verstandes, in der zweiten zugleich der baare Gewinn beabsichtigt wird); endlich des Bürgers, der in öffentlichen Gesellschaften mit Faro oder Würfeln sein Glück versucht, — werden insgesammt unwissentlich von der weiseren Natur zu Wagstücken, ihre Kräfte im Streit mit Anderen zu versuchen, angespornt; eigentlich damit die Lebenskraft überhaupt vor dem Ermatten bewahrt und rege erhalten werde. Zwei solcher Streiter glauben, sie spielen unter sich, in der That aber spielt die Natur mit Beiden, wovon sie die Vernunft klar überzeugen kann, wenn sie bedenken, wie schlecht die von ihnen gewählten Mittel zu ihrem Zwecke passen. — Aber das Wohlbefinden während dieser Erregung, weil es sich mit (obgleich übelgedeuteten) Ideen des Wahnes verschwistert, ist eben darum die Ursache eines Hanges zur heftigsten und lange dauernden Leidenschaft*).
Neigungen des Wahnes machen den schwachen Menschen abergläubisch und den Abergläubischen schwach, d. i. geneigt, von Umständen, die keine Natur Ursachen (etwas zu fürchten oder zu hoffen) sein können, dennoch interessante Wirkungen zu erwarten. Jäger, Fischer, auch Spieler (vornehmlich in Lotterien) sind abergläubisch, und der Wahn, der zu der Täuschung: das Subjective für objectiv, die Stimmung des inneren Sinnes für Erkenntniss der Sache selbst zu nehmen, verleitet, macht zugleich den Hang zum Aberglauben begreiflich. 7S) *) Ein Mann in Hamburg, der ein ansehnliches Vermögen daselbst verspielt hatte, brachte nun eine Zeit mit Zusehen der Spielenden zu. Ihn fragte ein Anderer« wie ihm zu Muthe wäre, wenn er daran dächte, ein solches Vermögen einmal gehabt zu haben. Der erstere antwortete: „wenn ich es noch einmal besässe, so wüsste ich doch nicht es auf angenehmere Art anzuwenden".
3. Buch. Vom Begehrungsvermögen. 195 Von dem höchsten physischen Gut. Der grösste Sinnengenuss, der gar keine Beimischung von Ekel bei sich führt, ist im gesunden Zustande Ruhe nach der Arbeit. — Der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit in jenem Zustande ist Faulheit. — Doch ist eine etwas lange Weigerung, wiederum an seine Geschäfte zu gehen, und das süsse far niente zur Kräftensammlung darum noch nicht Faulheit; weil man (auch im Spiel) angenehm und doch zugleich nützlich beschäftigt sein kann, und auch der Wechsel der Arbeiten, ihrer specifischen Beschaffenheit nach, zugleich so vielfältige Erholung ist; dahingegen an eine schwere unvollendet gelassene Arbeit wieder zu gehen, ziemliche Entschlossenheit erfordert.
Unter den drei Lastern: Faulheit, Feigheit und Falschheit scheint das Erstere das Verächtlichste zu sein. Allein in dieser Beurtheilung kann man dem Menschen oft sehr unrecht thun. Denn die Natur hat auch den Abscheu vor anhaltender Arbeit manchem Subject weislich in seinem für ihn sowohl als Andere heilsamen Instinct gelegt; weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholten Kräftenaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte. Demetrius hätte daher nicht ohne Grund immer auch dieser Unholdin (der Faulheit) einen Altar bestimmen können; indem, wenn nicht Faulheit noch dazwischen träte, die rastlose Bosheit weit mehr Uebels, als jetzt noch ist, in der Welt verüben würde f ); wenn nicht die Feigheit sich der Menschen erbarmte, der kriegerische Blutdurst die Menschen bald aufreiben würde, und, wäre nicht Falschheit (da nämlich unter vielen, sich zum Complott vereinigenden Bösewichtern in grosser Zahl [z. B. in einem Regiment] immer Einer sein wird, der es verräth), bei der angebornen Bösartigkeit der menschlichen Natur ganze Staaten bald gestürzt sein würden.
Die stärksten Antriebe der Natur, weiche die Stelle der unsichtbar das menschliche Geschlecht durch eine 196 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik. höhere, das physische Weltbeste allgemein besorgende Vernunft (des Weltregierers) vertreten, ohne dass menschliche Vernunft dazu hinwirken darf, sind Liebe zum Leben und Liebe zum Geschlecht; die erstere, um das Individuum, die zweite, um die Species zu erhalten, da dann durch Vermischung der Geschlechter im Ganzen das Leben unserer mit Vernunft begabten Gattung fortschreitend erhalten wird, ungeachtet dieses absichtlich an ihrer eigenen Zerstörung (durch Kriege) arbeitet; welche doch die immer an Cultur wachsenden vernünftigen Geschöpfe, selbst mitten in Kriegen, nicht hindert, dem Menschengeschlecht in kommenden Jahrhunderten einen Glückseligkeitszustand, der nicht mehr rückgängig sein wird, im Prospect unzweideutig vorzustellen.
Von dem höchsten moralisch -physischen Gut. Die beiden Arten des Gutes, das physische und moralische können nicht zusammen gemischt werden t; denn so würden sie sich neutralisiren und zum Zwecke der wahren Glückseligkeiten gar nicht hinwirken; sondern Neigungen zum Wohlleben und zur Tugend im Kampfe mit einander, und Einschränkung des Princips der ersteren durch das der letzteren machen zusammenstossend den ganzen Zweck des wohlgearteten, einem Theil nach sinnlichen, dem anderen aber moralisch intellectuellen Menschen aus; der aber, weil im Gebrauch die Vermischung schwerlich abzuhalten ist, eine Zersetzung durch gegenwirkende Mittel {reagenüa bedarf, um zu wissen, welches die Elemente und die Proportion ihrer Verbindung ist, die, mit einander vereinigt, den Genuss einer gesitteten Glückseligkeit verschaffen können.
Die Denkungsart der Vereinigung des Wohllebens mit der Tugend im Umgange ist die Humanität.
f) Der Anfang dieses Paragraphen lautet in der 1. Ausg.: „Beide können nicht zusammengemischt werden;u u. s. w.
3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. §. 86. 197 Es kommt hier nicht auf den Grund des ersteren an; denn da fordert Einer viel, der Andere wenig, was ihm dazu erforderlich zu sein dünkt, sondern nur auf die Art des Verhältnisses, wie die Neigung zum ersteren durch das Gesetz des letzteren eingeschränkt werden soll. Die Umgänglichkeit ist auch eine Tugend, aber die Umgangsneigung wird oft zur Leidenschaft. Wenn aber gar der gesellschaftliche Genuss, prahlerisch, durch Verschwendung erhöht wird, so hört diese falsche Umgänglichkeit auf, Tugend zu sein, und ist ein Wohlleben, was der Humanität Abbruch thut. 79) Musik, Tanz und Spiel machen eine sprachlose Gesellschaft aus (denn die wenigen Worte, die zum letzteren nöthig sind, begründen keine Conversation, welche wechselseitige Mittheilung der Gedanken fordert). Das Spiel, weiches, wie man vorgiebt, nur zur Ausfüllung des Leeren der Conversation nach der Tafel dienen soll, ist doch gemeiniglich die Hauptsache; als Erwerbmittel, wobei Affecten stark bewegt werden, wo eine gewisse Convention des Eigennutzes, einander mit der grössten Höflichkeit zu plündern, errichtet und ein völliger Egoismus, so lange das Spiel dauert, zum Grundsatze gelegt wird, den Keiner verläugnet; von welcher Conversation, bei aller Cultur, die sie in seinen Manieren bewirken mag, die Vereinigung des geselligen Wohllebens mit der Tugend, und hiemit die wahre Humanität schwerlich sich wahre Beförderung versprechen dürfte.
Das Wohlleben, was zu der letzteren noch am besten zusammenzustimmen scheint, ist eine gute Mahlzeit in guter (und wenn es sein- kann, auch abwechselnder) Gesellschaft; von der Chesterfield sagt: dass sie nicht unter der Zahl der Grazien /und auch nicht über die der Musen sein müsse*).
*) Zehn an einem Tische; weil der Wirth, der die Gäste bedient, sich nicht mitzählt.
198 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik. Wenn ich eine Tischgesellschaft aus lauter Männern von Geschmack (ästhetisch vereinigt) nehme *), so wie sie nicht blos gemeinschaftlich eine Mahlzeit, sondern einander selbst zu geniessen die Absicht haben (da dann ihre Zahl nicht viel über die Zahl der Grazien betragen kann); so muss diese kleine Tischgesellschaft nicht sowohl die leibliche Befriedigung, — die ein Jeder auch für sich allein haben kann, — sondern das gesellige Vergnügen, wozu jene nur das Vehikel zu sein scheinen muss, zur Absicht haben; wo dann jene Zahl eben hinreichend ist, um die Unterhaltung nicht stocken, oder auch in abgesonderten kleinen Gesellschaften mit dem nächsten Beisitzer sicli theilen zu lassen, befürchtet werden darf. Das Letztere ist gar kein Conversationsgeschmack, der immer Cultur bei sich führen muss, wo immer Einer mit Allen (nicht blos mit seinem Nachbar; spricht; da hingegen die sogenannten festlichen Tractamente (Gelag und Abfütterung) ganz geschmacklos sind. Es versteht sich hiebei von selbst, dass in allen Tischgesellschaften, selbst denen an einer Wirthstafel, das, was daselbst von einem indiscreteu Tischgenossen zum Nachtheil eines Abwesenden öffentlich gesprochen wird, dennoch nicht zum Gebrauch ausser dieser Gesellschaft gehöre und nachgeplaudert werden dürfe. Denn ein jedes Symposium hat, auch ohne einen besonderen dazu *) An einer festlichen Tafel, an welcher die Anwesenheit der Dame die Freiheit der Herren von selbst aufs Gesittete einschränkt, ist eine bisweilen sich ereignende plötzliche Stille ein schlimmer, lange Weile drohender Zufall, bei dem Keiner sich getraut, etwas Neues, zur Fortsetzung des Gesprächs Schickliches hineinzuspielen; weil er es nicht aus der Luft greifen, sondern es aus der Neuigkeit des Tages, die aber interessant sein muss, hernehmen soll. Eine einzige Person, vornehmlich wenn es die Wirthin des Hauses ist, kann diese Stockung oft allein verhüten und die Conversation im beständigen Gange erhalten; dass sie nämlich, wie in einem Concert, mit allgemeiner und lauter Fröhlichkeit beschliesst und eben dadurch desto gedeihlicher ist; gleich dem Gastmahle des Plato, von dem der Gast sagte: „deine Mahlzeiten gefallen nicht allein, wenn man sie geniesst, sondern auch so oft man an sie denkt".
getroffenen Vertrag, eine gewisse Heiligkeit und Pflicht zur Verschwiegenheit bei sich, in Ansehung dessen, was dem Mitgenossen der Tischgesellschaft nachher Ungelegenheit ausser derselben verursachen könnte; weil ohne dieses Vertrauen das der moralischen Cultur selbst so zuträgliche Vergnügen in Gesellschaft, und selbst diese Gesellschaft zu gemessen, vernichtet werden würde. — Daher würde ich, wenn von meinem besten Freunde in einer sogenannten öffentlichen Gesellschaft (denn eigentlich ist eine noch so grosse Tischgesellschaft immer nur Privatgesellschaft, und nur die staatsbürgerliche überhaupt in der Idee ist öffentlich), — ich würde, sage ich, wenn von ihm etwas Nachtheiliges gesprochen würde, ihn zwar vertheidigen und allenfalls auf meine eigene Gefahr mit Härte und Bitterkeit des Ausdrucks mich seiner annehmen, mich aber nicht zum Werkzeuge brauchen lassen, diese üble Nachrede zu verbreiten und an den Mann zu tragen, den sie angeht. — Es ist nicht blos ein geselliger Geschmack, der die Conversation leiten muss, sondern es sind auch Grundsätze, die dem offenen Verkehr der Menschen mit ihren Gedanken im Umgange zur einschränkenden Bedingung ihrer Freiheit dienen sollen.
Hier ist etwas Analogisches im Vertrauen zwischen Menschen, die mit einander an einem Tische speisen, mit alten Gebräuchen, z. B. des Arabers, bei dem der Fremde, sobald er Jenem nur einen Genuss (einen Trunk Wasser) in seinem Zelte hat ablocken können, auch auf seine Sicherheit rechnen kann; oder wenn der russischen Kaiserin Salz und Brod von den aus Moskau ihr entgegenkommenden Deputirten gereicht wurde, und sie durch den Genuss desselben sich auch vor aller Nachstellung durch's Gastrecht gesichert halten konnte. — Das Zusammenspeisen an einem Tisch wird aber als die Förmlichkeit eines solchen Vertrags der Sicherheit angesehen.
Allein zu essen (Solipsismus convictorn) ist für einen philosophirenden Gelehrten ungesund *); nicht :) Denn der Philosophirende muss seine Gedanken 200 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Restauration? sondern (vornehmlich, wenn es gar einsames Schwelgen wird) Exhaustion; erschöpfende Arbeit nicht belebendes Spiel der Gedanken. Der geniessende Mensch, der im Denken während der einsamen Mahlzeit an sich selbst zehrt, verliert allmälig die Munterkeit, die er dagegen gewinnt, wenn ein Tischgenosse ihm durch seine abwechselnden Einfälle neuen Stoff zur Belebung darbietet, welchen er selbst nicht hat ausspüren dürfen.
Bei einer vollen Tafel, wo die Vielheit der Gerichte nur auf das lange Zusammenhalten der Gäste (coenam ducere) abgezweckt ist, geht die Unterredung gewöhnlich durch drei Stufen: 1) Erzählen, 2) Räsonniren und 3) Scherzen. — A. Die Neuigkeiten des Tages, zuerst einheimische, dann auch auswärtige, durch Privatbriefe und Zeitungen eingelaufene. — B. Wenn dieser erste Appetit befriedigt ist, so wird die Gesellschaft schon lebhafter; denn weil beim Vernünfteln Verschiedenheit der Beurtlieilung über ein und dasselbe auf die Baiin gebrachte Object schwerlich zu vermeiden ist, und Jeder furtdauernd bei sich herumtragen, um durch vielfältige Versuche ausfindig zu machen, an welche Principien er sie systematisch anknüpfen solle, und die Ideen, weil sie nicht Anschauungen sind, schweben gleichsam in der Luft ihm vor. Der historisch- oder mathematich- Gelehrte kann sie dagegen vor sich hinstellen, und so sie, mit der Feder in der Hand, allgemeinen Regeln der Vernunft gemäss, doch gleich als Facta, empirisch ordnen, und so, weil das Vorige in gewissen Punkten ausgemacht ist, den folgenden Tag die Arbeit von da fortsetzen, wo er sie gelassen hatte. — Was den Philosophen betrifft, so kann man ihn gar nicht als Arbeiter am Gebäude der Wissenschaften, d. i. nicht als Gelehrten, sondern muss ihn als Weisheitsforscher betrachten. Es ist die blosse Idee von einer Person, die den Endzweck alles Wissens sich praktisch und (zum Behuf desselben) auch theoretisch zum Gegenstande macht, und man kann diesen Namen nicht im Plural, sondern nur im Singular brauchen (der Philosoph urtheilt so oder so); weil er eine blosse Idee bezeichnet, Philosophen aber zu nennen, eine Vielheit von dem andeuten würde, was doch absolute Einheit ist.
doch von der seinigen eben nicht die geringste Meinung hat, so erhebt sich ein Streit, der den Appetit für Schüssel und Bouteille rege und, nach dem Maasse der Lebhaftigkeit dieses Streits und der Theinahme an demselben, auch gedeihlich macht. — C. Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen während desselben ziemlich reichlichen Genuss endlich beschwerlich wird, so fällt die Unterredung natürlicherweise auf das blosse Spiel des Witzes, zum Theil auch dem anwesenden Frauenzimmer zu gefallen; auf welches die kleinen muthwilligen, aber nicht beschämenden Angriffe auf ihr Geschlecht die Wirkung thun, sich in ihrem Witz selbst vortheilhaft zu zeigen, und so endigt die Mahlzeit mit Lachen; welches, wenn es laut und gutmüthig ist, die Natur durch Bewegung des Zwerchfells und der Eingeweide ganz eigentlich für den Magen zur Verdauung, als zum köperlichen Wohlbefinden bestimmt hat; indessen dass die Theilnehmer am Gastmahle, Wunder wie viel! Geistescultur in einer Absicht der Natur zu finden wähnen. — Eine Tafelmusik bei einem festlichen Schmause grosser Herren ist das geschmackloseste Unding, was die Schwelgerei immer ausgesonnen haben mag.
Die Regeln eines geschmackvollen Gastmahls, das die Gesellschaft animirt, sind: a) Wahl eines Stoffs zur Unterredung, der Alle interessirt und immer Jemandem Anlass giebt, etwas schicklich hinzuzusetzen, b) Keine tödtliche Stille, sondern nur augenblickliche Pause in der Unterredung entstehen zu lassen, c) Den Gegenstand nicht ohne Noth zu variiren und von einer Materie zu einer andern abzuspringen; weil das Gemüth am Ende des Gastmahls wie am Ende eines Drama (dergleichen auch das zurückgelegte ganze Leben des vernünftigen Menschen ist) sich unvermeidlich mit der Rückerinnerung der mancherlei Acte des Gesprächs beschäftigt; wo denn, wenn es keinen Faden des Zusammenhanges herausfinden kann, es sich verwirrt fühlt und in der Cuitur nicht fortgeschritten, sondern eher rückgängig geworden zu sein mit Unwillen inne wird. — Man muss einen Gegenstand, der unterhaltend ist, beinahe erschöpfen, ehe man zu einem andern übergeht und beim Stocken des Gesprächs etwas anderes damit Verwandtes zum Versuch in die Ge- 202 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik. Seilschaft unbemerkt zu spielen verstehen; so kann ein Einziger in der Gesellschaft unbemerkt und unbeneidet diese Leitung der Gespräche tibernehmen, d; Keine Rechthaberei weder für sich, noch für die Mitgenossen der Gesellschaft entstehen oder dauern zu lassen; vielmehr da diese Unterhaltung kein Geschäft, sondern nur Spiel sein soll, jene Ernsthaftigkeit durch einen geschickt angebrachten Scherz abwenden, e) In dem ernstlichen Streite, der gleichwohl nicht zu vermeiden ist, sich selbst und seinen Affect sorgfältig so in Disciplin zu erhalten, dass wechselseitige Achtung und Wohlwollen immer hervorleuchte; wobei esf) mehr auf den Ton (der nicht schreihälsig oder arrogant sein muss), als auf den Inhalt des Gesprächs ankommt; damit keiner der Mitgäste mit dem anderen entzweiet aus der Gesellschaft in die Häuslichkeit zurückkehre.
So unbedeutend diese Gesetze der verfeinerten Menschheit auch scheinen möge, vornehmlich wenn man sie mit dem Reinmoralischen vergleicht, so ist doch Alles, was Geselligkeit befördert, wenn es auch nur in gefallenden Maximen oder Manieren bestände, ein die Tugend vor; theilhaft kleidendes Gewand, welches der letzteren auch in ernsthafter Rücksicht zu empfehlen ist. — Der Purismus des C y n i k e r s und die F 1 e i s c h e s t ö d t u n g des Ana chore ten, ohne gesellschaftliches Wohlleben, sind verzerrte Gestalten der Tugend und für diese nicht einladend, sondern von den Grazien verlassen, können sie auf Humanität nicht Anspruch machen. 80) Der Anthropologie zweiter Theil.
Die anthropologische Charakteristik.
Von der Art, das Innere des Menschen aus dem Aeusseren zu erkennen.
Eintheilung.
1) Der Charakter der Person, 2) der Charakter des Geschlechts, 3) der Charakter des Volks, 4) der Charakter der Gattung.
A. Der Charakter der Person. In pragmatischer Rücksicht bedient sich die allgemeine, natürliche (nicht bürgerliche) Zeichenlehre (semiotica universalis) des Worts Charakter in zweifacher Bedeutung, da man theils sagt: ein gewisser Mensch hat diesen oder jenen (physischen) Charakter; theils er hat überhaupt einen Charakter (einen moralischen), der nur ein einziger oder gar keiner sein kann. Das Erste ist das Unterscheidungszeichen des Menschen als eines sinnlichen, oder Naturwesens; das Zweite desselben als eines vernünftigen, mit Freiheit begabten Wesens. Der Mann von Grundsätzen, von dem man sicher weiss, wessen man sich, nicht etwa von seinem Instinct, sondern von seinem Willen zu versehen hat, hat einen Charakter. — Daher kann man in der Charakteristik, ohne Tautologie, in dem, was zu seinem Begehrungsvermögen gehört (praktisch ist), das Charakteristische in a) Naturell oder Naturanlage, b) Temperament oder Sinnesart, und c) Charakter schlechthin oder Denkungsart eintheilen. — Die beiden ersten Anlagen zeigen an, was sich aus dem Menschen machen lässt; die zweite (moralische), was er aus sich selbst zu machen bereit ist. 81) 206 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
I.
Von dem Naturell. Der Mensch hat ein gut Gemüth, bedeutet: er ist nicht störrisch, sondern nachgebend; er wird zwar aufgebracht, aber leicht besänftigt und hegt keinen Groll (ist negativ - gut). — Dagegen, um von ihm sagen zu können: „er hat ein gut Herz", ob dieses zwar auch zur Sinnesart gehört, will schon mehr sagen. Es ist ein Antrieb zum Praktisch - guten, wenn es gleich nicht nach Grundsätzen verübt wird, so: dass der Gutmüthige und Gutherzige beides Leute sind, die ein schlauer Gast brauchen kann, wie er will. — Und so geht das Naturell mehr (subjectiv) aufs Gefühl der Lust oder Unlust, wie ein Mensch vom andern afficirt wird (und jenes kann hierin etwas Charakteristisches haben), als (objectiv) aufs Begehrungsvermögen; wo das Leben sich nicht blos im Gefühl, innerlich, sondern auch in der Thätigkeit, äusserlich, obgleich blos nach Triebfedern der Sinnlichkeit offenbart. In dieser Beziehung besteht nun das Temperament, welches von einer habituellen (durch Gewohnheit zugezogenen) Disposition noch unterschieden werden muss; weil dieser keine Naturanlage, sondern blosse Gelegenheitsursachen zum Grunde liegen.
II.
Vom Temperament. Physiologisch betrachtet, versteht man, wenn vom Temperament die Rede ist, die körperliche Constitution (den schwachen oder starken Bau) und Complexion (das Flüssige, durch die Lebenskraft gesetzmässig Bewegliche im Körper; worin die Wärme oder Kälte in Bearbeitung dieser Säfte mit inbegriffen ist).
Psychologisch aber erwogen, d. i. als Temperament der Seele (Gefühls- und Begehrungsvermögens), werden jene von der Blutbeschaffenheit entlehnte Aus- A. Vom Charakter der Person. §. 87. 207 drücke nur als nach der Analogie des Spiels der Gefühle und Begierden mit körperlichen bewegenden Ursachen (worunter das Blut die vornehmste ist) vorgestellt.
Da ergiebt sich nun, dass die Temperamente, die wir blos der Seele beilegen, doch wohl ingeheim das Körperliche im Menschen auch zur mitwirkenden Ursache haben mögen; — ferner dass, da sie erstlich die Obereintheilung derselben im Temperamente des Gefühls und der Thätigkeit zulassen, zweitens jede derselben mit Erregbarkeit der Lebenskraft (intensiö) oder Abspannung (remissiö) derselben verbunden werden kann, — gerade nur vier einfache Temperamente (wie Iii den vier syllogistischen Figuren durch den medius terminus) aufgestellt werden können; das sanguinische, das melancholische, das cholerische, und das phlegmatische; wodurch dann die alten Formen beibehalten werden können, und nur eine, dem Geist dieser Temperamentenlehre angepasste, bequemere Deutung erhalten.
Hiebei dient der Ausdruck der Blutbeschaffenheit nicht dazu: die Ursache der Phänomen des sinnlich afficirten Menschen anzugeben, — es sei nach der Humoral - oder der Nervenpathologie, sondern sie nur den beobachteten Wirkungen nach zu classiflciren; denn man verlangt nicht vorher zu wissen, welche chemische Blutmischung es sei, die zur Benennung einer gewissen Temperamentseigenschaft berechtige, sondern welche Gefühle und Neigungen man bei der Beobachtung des Menschen zusammenstellt, um für ihn den Titel einer besonderen Classe schicklich anzugeben.
Die Obereintheilung der Temperamentslehre kann also die sein: in Temperamente des Gefühls f) und Temperamente der Thätigkeit, und diese kann durch Untereintheilung wiederum in zwei Arten zerfallen, die zusammen die vier Temperamente geben. — Zu den Temperamenten des Gefühls ft) zähle ich nun das sanguinische, A, und sein Gegenstück, das melancholische, B. — Das erstere hat nun die Eigenthümlichf) 1. Ausg.: „der Empfindung" ff) 1. Ausg.: „der Empfindung". In der folgenden Ueberschrift bezeichnet aber auch die 1. Ausg. diese Classe als „Temperamente des Gefühls".
208 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. keit, dass die Empfindung schnell und stark afficirt wird, aber nicht tief eindringt (nicht dauerhaft ist; dagegen in dem zweiten die Empfindung weniger auffallend ist, aber sich tief einwurzelt. Hierin muss man diesen Unterschied der Temperamente des Gefühls, und nicht in den Hang zur Fröhlichkeit oder Traurigkeit setzen. Denn der Leichtsinn des Sanguinischen disponirt zur Lustigkeit, der Tiefsinn dagegen, der über einer Empfindung brütet, benimmt dem Frohsinne seine leichte Veränderlichkeit, ohne darum eben Traurigkeit zu bewirken. — Weil aber alle Abwechselung, die man in seiner Gewalt hat, das Gemüth überhaupt belebt und stärkt, so ist der, welcher Alles, was ihm begegnet, auf die leichte Achsel nimmt, wenngleich nicht weiser, doch gewiss glücklicher, als der an Empfindungen klebt, die seine Lebenskraft starren machen.
I.
Temperamente des Gefühls.
A.
Das sanguinische Temperament des Leichtblütigen. Der Sanguinische giebt seine Sinnesart an folgenden Aeusserungen zu erkennen. Er ist sorglos und von guter Hoffnung; giebt jedem Dinge für den Augenblick eine grosse Wichtigkeit, und den folgenden mag er daran nicht weiter denken. Er verspricht ehrlicher Weise, aber hält nicht Wort; weil er nicht vorher tief genug nachgedacht hat, ob er es auch zu halten vermögend sein werde. Er ist gutmüthig genug, Anderen Hülfe zu leisten, ist aber ein schlimmer Schuldner und verlangt immer Fristen. Er ist ein guter Gesellschafter, scherzhaft, aufgeräumt, mag keinem Dinge gern grosse Wichtigkeit geben (vive la bagatelle!) und hat alle Menschen zu Freunden. Er ist gewöhnlich kein böser Mensch, aber ein schlimm zu bekehrender Sünder, den A. Vom Charakter der Person. §. 87.
zwar etwas sehr reuet, der aber diese Reue (die nie ein Gram wird) bald vergisst. Er ermüdet unter Geschäften und ist doch rastlos beschäftigt in dem, was blos Spiel ist; weil dieses Abwechselung bei sich führt, und das Beharren seine Sache nicht ist.
B.
Das melancholische Temperament des Schwerblütigen. Der zur Melancholie Gestimmte (nicht der Melancholische; denn das bedeutet einen Zustand, nicht den blossen Hang zu einem Zustande) giebt allen Dingen, die ihn selbst angehen, eine grosse Wichtigkeit, findet allerwärts Ursache zu Besorgnissen und richtet seine Aufmerksamkeit zuerst auf die Schwierigkeiten; so wie dagegen der Sanguinische von der Hoffnung des Gelingens anhebt, daher Jener auch tief, so wie Dieser nur oberflächlich denkt. Er verspricht schwerlich; weil ihm das Worthalten theuer, aber das Vermögen dazu bedenklich ist. Nicht dass dieses Alles aus moralischen Ursachen geschähe (denn es ist hier von sinnlichen Triebfedern die Rede), sondern weil ihm das Widerspiel Ungelegenheit, und ihn eben darum besorgt, misstrauisch und bedenklich, dadurch aber auch für den Frohsinn unempfänglich macht. — Uebrigens ist diese Gemüthsstimmung, wenn sie habituell ist, doch der des Menschenfreundes, welche mehr ein Erbtheil des Sanguinischen ist, wenigstens dem Anreize nach, entgegen; weil der, welcher selbst die Freunde entbehren muss, sich schwerlich Anderen gönnen wird.
II.
Temperamente der Thätigkeit.
C.
Das cholerische Temperament des Warmblütigen.
Man sagt von ihm: er ist hitzig, brennt schnell auf wie Strohfeuer, lässt sich durch Nachgeben des Kant, Anthropologie. 14 210 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. Andern bald besänftigen, zürnt alsdann, ohne zu hassen, und liebt wohl gar den noch desto mehr, der ihm bald nachgegeben hat. — Seine Thätigkeit ist rasch, aber nicht anhaltend. — Er ist geschäftig, aber unterzieht sich selbst ungern den Geschäften, eben darum, weil er es nicht anhaltend ist, und macht also gern den blossen Befehlshaber, der sie leitet, aber selbst nicht ausführen will. Daher ist seine herrschende Leidenschaft Ehrbegierde; er hat gern mit öffentlichen Geschäften zu thun und will laut gepriesen sein. Er liebt daher den Schein und den Pomp der Formalitäten, nimmt gern in Schutz und ist dem Scheine nach grossmüthig, aber nicht aus Liebe, sondern aus Stolz; denn er liebt sich mehr selbst. — Er hält auf Ordnung und scheint deshalb klüger, als er ist. Er ist habsüchtig, um nicht filzig zu sein; ist höflich, aber mit Ceremonie, steif und geschroben im Umgange und hat gern irgend einen Schmeichler, der das Stichblatt seines Witzes ist, leidet mehr Kränkungen durch den Widerstand Anderer gegen seine stolzen Anmaassungen, als je der Geizige durch seine habsüchtigen; weil ein Bischen kaustischen Witzes ihm den Nimbus seiner Wichtigkeit ganz wegbläst, indessen dass der Geizige doch durch den Gewinn dafür schadlos gehalten wird. Mit einem Wort, das cholerische Temperament ist unter allen am wenigsten glücklich, weil es am meisten den Widerstand gegen sich aufruft.
Das phlegmatische Temperament des Kaltblütigen.
Phlegma bedeutet Affectlosigkeit, nicht Trägheit (Leblosigkeit), und man darf den Mann, der viel Phlegma hat, darum sofort nicht einen Phlegmatiker oder ihn phlegmatisch nennen, und ihn unter diesem Titel in die Ciasse der Faulenzer setzen.
Phlegma, als Schwäche, ist Hang zur Unthätigkeit, sich durch selbst starke Triebfedern zu Geschäften nicht bewegen zu lassen. Die Unempfindlichkeit dafür A. Vom Charakter der Person. §. 87. 211 ist willkürliche Unnützlichkeit, und die Neigungen gehen nur auf Sättigung und Schlaf.
Phlegma, als Stärke, ist dagegen die Eigenschaft: nicht leicht oder rasch, aber, wenngleich langsam, doch anhaltend bewegt zu werden. — Der, welcher eine gute Dosis von Phlegma in seiner Mischung hat, wird langsam warm, aber e$ behält die Wärme länger. Er geräth nicht leicht in Zorn, sondern bedenkt sich erst, ob er auch zürnen solle; wenn andererseits der Cholerische rasend werden möchte, dass er den festen Mann ni-cht aus seiner Kaltblütigkeit bringen kann.