Mit einer ganz gewöhnlichen Dosis der Vernunft, aber zugleich diesem Phlegma von der Natur ausgestattet, ohne zu glänzen, und doch von Grundsätzen, nicht vom Instinct ausgehend, hat der Kaltblütige nichts zu bereuen. Sein glückliches Temperament vertritt bei ihm die Stelle der Weisheit, und man nennt ihn, selbst im gemeinen Leben, oft den Philosophen. Durch dieses ist er Anderen überlegen, ohne ihre Eitelkeit zu kränken. Man nennt ihn auch oft durchtrieben; denn alle auf ihn losgeschnellte Ballisten und Katapulten prallen von ihm als einen Wollsacke ab. Er ist ein verträglicher Ehemann und weiss sich die Herrschaft über Frau und Verwandte zu verschaffen, indessen dass er scheint Allen zu Willen zu sein, weil er durch seinen unbiegsamen, aber überlegten Willen den ihrigen zu dem seinen umzustimmen versteht; wie Körper, welche mit kleiner Masse und grosser Geschwindigkeit den Stoss ausüben, durchbohren, mit weniger Geschwindigkeit aber und grösserer Masse das ihnen entgegenstehende Hinderniss mit sich fortführen, ohne es zu zertrümmern.
Wenn ein Temperament die Beigesellung eines andern sein soll — wie das gemeiniglich geglaubt wird — z. B.
Das sanguinische Das melancholische A B I) Das cholerische Das phlegmatische 212 Anthropologie. II. Thoil. Anthropol. Charakteristik. so widerstehen sie entweder einander, oder sie neutralisiren sich. Das erstere geschieht, wenn das sanguinische mit dem melancholischen, ingleichen wenn das cholerische mit dem phlegmatischen in einem und demselben Subject als vereinigt gedacht werden will: denn sie (A. nnd B, ungleichen C und D) stehen gegen einander im Widerspruch. — Das Zweite, nämlich die Neu* tralisirung, würde in der (gleichsam chemischen) Mischung des sanguinischen mit dem cholerischen, und des melancholischen mit dem phlegmatischen (A und C, imgleicheu B und D) geschehen. Denn die gutmüthige Fröhlichkeit kann nicht in demselben Act mit dem abschreckenden Zorn zusammenschmelzend gedacht werden, ebensowenig wie die Pein des Selbstquälers mit der zufriedenen Ruhe des sich selbst genügsamen Gemüths. — Soll aber einer dieser zwei Zustände in demselben Subject mit dem andern wechseln, so giebt das blosse Launen, aber kein bestimmtes Temperament ab.
Also giebt es keine zusammengesetzten Temperamente; z. B. ein sanguinisch - cholerisches (welches die Windbeutel alle haben wollen, indem sie alsdann gnädige, aber doch auch strenge Herren zu sein vorgaukeln), sondern es sind in Allem deren nur vier, und jedes derselben einfach, und man weiss nicht, was aus dem Menschen gemacht werden soll, der sich ein gemischtes zueignet.
Frohsinn und Leichtsinn, Tiefsinn und Wahnsinn, Hochsinn und Starrsinn, endlich Kaltsinn und Schwachsinn sind nur als Wirkungen des Temperaments in Beziehung auf ihre Ursache unterschieden *). s- *) Welchen Einfluss die Verschiedenheit des Temperaments auf die öffentlichen Geschäfte, oder umgekehrt diese (durch die Wirkung*, die die gewohnte Uebung in diesem auf jenem) hat. will man dann auch, theils durch Erfahrung, theils auch mit Beihülfe der muthmasslichen Gelegenheitsursachen erklügelt haben. So heisst es z. B.
In der Religion ist der Choleriker orthodox.
der Sanguinische Freigeist, der Melancholische S c h w ä r m e r, der Phlegmatische Indifferent ist.
A. Vom Charakter der Person. §. 87.
III.
Vom Charakter, als der Denkungsart.
Von einem Menschen schlechthin sagen zu können: „er hat einen Charakter", heisst sehr viel von ihm, nicht allein gesagt, sondern auch gerühmt; denn das ist eine Seltenheit, die Hochachtung gegen ihn und Bewunderung erregt. Wenn man unter dieser Benennung überhaupt das versteht, wessen man sich zu ihm sicher zu versehen hat, es mag Gutes oder Schlimmes sein, pflegt man dazu zu setzen: er hat diesen oder jenen Charakter, und dann bezeichnet der Ausdruck die Sinnesart. — Einen Charakter aber schlechthin zu haben, bedeutet, diejenige Eigenschaft des Willens, nach welcher das Subject sich selbst an bestimmte praktische Principien bindet, die er sich durch seine eigene Vernunft unabänderlich vorgeschrieben hat. Ob nun zwar diese Grundsätze auch bisweilen falsch und fehlerhaft sein dürften, so hat doch das Formelle des Wollens überhaupt, nach festen Grundsätzen zu handeln (nicht wie in einem Mückenschwarm, bald hiehin, bald dahin abzuspringen), etwas Schätzbares und Bewunderungswürdiges in sich, wie es denn auch etwas Seltenes ist.
Es kommt hiebei nicht auf das an, was die Natur aus dem Menschen, sondern was dieser aus sich selbst macht; denn das Erstere gehört zum Temperament (wobei das Subject grossentheils passiv ist), und nur das Letztere giebt zu erkennen, dass er einen Charakter habe. Alle andere gute und nutzbare Eigenschaften desselben haben einen Preis, sich gegen andere, die ebenso viel Nutzen schaffen, austauschen zu lassen: das Talent einen Marktpreis, denn der Landes- oder Gutsherr kann einen solchen Menschen auf allerlei Art brauchen; — das Temperament einen Aifectionspreis; man kann Allein das sind so hingeworfene Urtheile, die für die Charakteristik so viel gelten, als scurrilischer Witz ihnen einräumt (valent quantum possunt), (d. h. sie gelten so weit es angeht).
214 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
sich mit ihm gut unterhalten, er ist ein angenehmer Gesellschafter; — aber — der Charakter hat einen inneren Werth *) und ist über allen Preis erhaben. 83) Von den Eigenschaften, die blos daraus folgen, dass der Mensch einen Charakter hat oder ohne Charakter ist.
1) Der Nachahmer (im Sittlichen) ist ohne Charakter, denn dieser besteht eben in der Originalität der Denkungsart, er schöpft aus einer von ihm selbst geöffneten Quelle seines Verhaltens. Darum aber darf der Vemunftmensch doch auch nicht Sonderling sein; *) Ein Seefahrer hörte in eiuer Gesellschaft dem Streite zu, den Gelehrte über den Rang unter sich, nach ihren Facultäten führten. Er entschied ihn auf seine Art, nämlich: wie viel ihm wohl ein Mensch, den er gekapert hätte, beim Verkauf auf dem Markt iu Algier einbringen würde. Den Theologen und Juristen kann dort kein Mensch brauchen; aber der Arzt versteht ein Handwerk und kann für baar gelten. — König Jacob I. von England wurde von der Amme, die ihn gesäugt hatte, gebeten: er möchte doch ihren Sohn zum Gentleman (feinen Mann) machen. Jacob antwortete: das kann ich nicht; ich kann ihm wohl zum Grafen, aber zum Gentleman muss er sich selbst machen. — Diogenes (der Cyniker) ward (wie die vorgebliche Geschichte lautet) auf eiuer Seereise bei der Insel Creta vveggekapert und auf dem Markte bei einem öffentlichen Sklavenverkauf ausgeboten. Was kannst Du, was verstehst Du? fragte ihn der Mäkler, der ihn auf eine Erhöhung gestellt hatte. „Ich verstehe zu regieren", antwortete der Philosoph, „und Du suche mir einen Käufer, der einen Herrn nöthig hat". Der Kaufmann, über dieses seltsame Ansinnen in sich selbst gekehrt, schlug zu in diesen seltsamen Handel, indem er einen Sohn dem Letzteren zur Bildung übergab, aus ihm zu machen, was er wollte, selbst aber einige Jahre in Asien Handlung trieb und dann seinen vorher ungeschlachteten Sohn in einen geschickten, wohlgesitteten, tugendhaften Menschen umgebildet zurück erhielt. — So ungefähr kann man die Gradation des Menschenwerthes schätzen.
A. Vom Charakter der Person. §. 87.
ja er wird es niemals sein, weil er sich auf Principien fusst, die für Jedermann gelten. Jener ist der Nachäffer des Mannes, der einen Charakter hat. Die Gutartigkeit aus Temperament ist ein Gemälde aus Wasserfarben und kein Charakterzug; dieser aber in Carricatur gezeichnet ist ein frevelhafter Spott über den Mann von wahrem Charakter getrieben; weil er das Böse, was einmal zum öffentlichen Gebrauch (zur Mode) geworden, nicht mitmacht und so als ein Sonderling dargestellt wird.
2) Die Bösartigkeit als Temperamentsanlage ist doch weniger schlimm als die Gutartigkeit der letzteren ohne Charakter; denn durch den letzteren kann man über die erstere die Oberhand gewinnen. — Selbst ein Mensch von bösem Charakter (wie Sylla), wenn er gleich durch die Gewaltthätigkeit seiner festen Maxime Abscheu erregt, ist doch zugleich ein Gegenstand der Bewunderung; wie Seelenstärke überhaupt in Vergleichung mit Seelengüte, welche freilich beide in dem Subject vereinigt angetroffen werden müssen, um das herauszubringen, was mehr Ideal als in der Wirklichkeit ist, nämlich: zum Titel der Seelengrösse berechtigt zu sein.
3) Der steife, unbiegsame Sinn bei einem gefassten Vorsatz (wie etwa an Karl XII.) ist zwar eine dem Charakter sehr günstige Naturanlage, aber noch nicht ein bestimmter Charakter überhaupt. Denn dazu werden 'aximen erfordert, die aus der Vernunft und moralischraktischen Principien hervorgehen. Daher kann man icht füglich sagen: die Bosheit dieses Menschen ist eine haraktereigenschaft desselben; denn alsdann wäre sie euf lisch; der Mensch aber billigt das Böse in sich nie, nd so giebt es eigentlich keine Bosheit aus Grundsätzen ondern nur aus Verlassung derselben. — — Man hut also am besten 5 wenn man die Grundsätze, welche ''en Charakter betreffen, negativ vorträgt. Sie sind: a. Nicht vorsätzlich unwahr zu reden; daher auch behutsam zu sprechen, damit man nicht den Schimpf des Viderrufens auf sich ziehe.
b. Nicht heucheln; vor den Augen gut gesinnt scheinen, inter dem Rücken aber feindselig sein.
c. Sein (erlaubtes) Versprechen nicht brechen; wozu auch gehört: selbst das Andenken einer Freundschaft 216 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
die nun gebrochen ist, noch zu ehren und die ehemalige Vertraulichkeit und Offenherzigkeit des Anderen nicht nachher zu missbrauchen.
d. Sich nicht mit schlechtdenkenden Menschen in einen Geschmacksumgang einzulassen und, des noscitur ex socio etc. *) eingedenk, den Umgang nur auf Geschäfte einzuschränken. e. Sich an die Nachrede aus dem seichten und boshaften Urtheil Anderer nicht zu kehren; denn das Gegentheil verräth schon Schwäche; wie auch die Furcht des Verstosses gegen die Mode, welche ein flüchtiges, veränderliches Ding ist, zu mässigen, und wenn sie denn schon einige Wichtigkeit des Einflusses bekommen hat, ihr Gebot wenigstens nicht auf die Sittlichkeit auszudehnen.
Der Mensch, der sich eines Charakters in seiner Denkungsart bewusst ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern muss ihn jederzeit erworben haben. Man kann auch annehmen, dass die Gründung desselben gleich einer Art der Wiedergeburt, eine gewisse Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst thut, sie und den Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen Epoche, ihm unvergesslich mache. — Erziehung, Beispiele und Belehrung können diese Festigkeit und Beharrlichkeit in Grundsätzen überhaupt nicht nach und nach, sondern nur gleichsam durch eine Explosion, die auf den Ueberdruss am schwankenden Zustande des Instincts auf einmal erfolgt, bewirken. Vielleicht werden nur wenige sein, die diese Revolution vor dem 30sten Jahre versucht, und noch Wenigere, die sich vor dem 40sten festgegründet haben. — Fragmentarisch ein besserer Mensch werden zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch, denn der eine Eindruck erlischt, während dessen man an einem anderen arbeitet, die Gründung eines Charakters aber ist absolute Einheit des inneren Princips des Lebenswandels überhaupt. — Auch sagt man: dass Poeten keinen Charakter haben, z. B. ihre besten Freunde zu be- Aus dem Umgang erkennt man den Charakter. A. d. H I A. Vom Charakter der Person. §. 87. 217 leidigen, ehe sie einen witzigen Einfall aufgäben; oder dass er bei Hofleuten, die sich in alle Formen fügen müssen, gar nicht zu suchen sei, und dass es bei Geistlichen, die dem Herrn des Himmels, zugleich aber auch den Herren der Erde in einerlei Stimmung den Hof machen, mit der Festigkeit des Charakters nur misslich bestellt sei, dass also einen inneren (moralischen) Charakter zu haben wohl nur ein frommer Wunsch sei und bleiben werde. Vielleicht aber sind wohl gar die Philosophen daran Schuld; dadurch, dass sie diesen Begriff noch nie abgesondert in ein genugsam helles Licht gesetzt und die Tugend nur in Bruchstücken, aber nie ganz in ihrer schönen Gestalt vorstellig und für alle Menschen interessant zu machen gesucht haben.
Mit einem Worte: Wahrhaftigkeit im Inneren des Geständnisses von sich selbst und zugleich im Betragen gegen jeden Anderen sich zur obersten Maxime gemacht, ist der einzige Beweis des Bewusstseins eines Menschen, dass er einen Charakter hat; und da diesen zu haben das Minimum ist, was man von einem vernünftigen Menschen fordern kann, zugleich aber auch das Maximum des inneren Werths (der Menschenwürde), so muss, ein Mann von Grundsätzen zu sein (einen bestimmten Charakter zu haben), der gemeinsten Menschenvernunft möglich und dadurch dem grössten Talent, der Würde nach, überlegen sein. 84) Von der Physiognomik. Sie ist die Kunst, aus der sichtbaren Gestalt eines Menschen, folglich aus dem Aeusseren, das Innere desselben zu beurtheilen; es sei seiner Sinnesart oder Denkungsart nach. — Man beurtheilt ihn hier nicht in seinem krankhaften, sondern gesunden Zustande; nicht wenn sein Gemüth in Bewegung, sondern wenn es in Ruhe ist. — Es versteht sich von selbst, dass, wenn der, welchen man in dieser Absicht beurtheilt, inne wird, dass man ihn beobachte und sein Inneres ausspähe, sein Gemüth nicht in Ruhe, sondern im Zustande des Zwanges und der inneren Bewegung, ja selbst des Unwillens sei, sich eines Anderen Censur ausgesetzt zu sehen.
218 Anthropologie. II. TheiL Anthropol. Charakteristik. Wenn eine Uhr ein gefälliges Gehäuse hat, so kann man daraus (sagt ein berühmter Uhrmacher) nicht mit Sicherheit urtheilen, dass auch das Innere gut sei; ist das Gehäuse aber schlecht gearbeitet, so kann man mit ziemlicher Gewissheit schliessen, dass auch das Innere nicht viel tauge; denn der Künstler wird doch ein fleissig und gut gearbeitetes Werk dadurch nicht in Misscredit bringen, dass er das Aeussere desselben, welches die wenigste Arbeit kostet, vernachlässigt. — Aber nach der Analogie eines menschlichen Künstlers mit dem unerforschlichen Schöpfer der Natur, wäre es ungereimt, auch hier zu schliessen: dass er etwa einer guten Seele auch einen schönen Leib werde beigebracht haben, um den Menschen, den er schuf, auch bei andern Menschen zu empfehlen und in Aufnahme zu bringen, oder auch umgekehrt, einen von dem anderen (durch das hic nlger est, hunc tu Romane caveto) *) abgeschreckt haben werde. Denn der Geschmack, der einen blos subjectiven Grund des Wohlgefallens oder Missfallens eines Menschen an dem andern (nach ihrer Schönheit oder Hässlichkeit enthält, kann der Weisheit, welche objectiv das Dasein derselben mit gewissen NaturbeschafFenheiten zum Zweck hat (den wir schlechterdings nicht einsehen können» nicht zur Richtschnur dienen, um diese zwei heterogenen Dinge, als in einem und demselben Zweck vereinigt, im Menschen anzunehmen.
Von der Leitung der Natur zur Physiognomik. Dass wir dem, welchem wir uns anvertrauen sollen, er mag uns auch noch so gut empfohlen sein, vorher in's Gesicht, vornehmlich in die Augen sehen, um zu erforschen, wessen wir uns gegen ihn zu versehen haben, ist ein Naturantrieb, und das Abstossende oder Anziehende in seiner Geberdung entscheidet über unsere Wahl, oder maclit uns auch bedenklich, ehe wir noch seine Sitten erkundigt haben, und so ist nicht zu streiten, dass es eine physiognomische Charakteristik gebe, die *) Auf deutsch: Hier ist ein Schwarzer; Römer, sieh* dich vor! A. d. H.
A. Vom Charakter der Person. §. 87.
aber nie eine Wissenschaft werden kann, weil die Eigentümlichkeit einer menschlichen Gestalt, die auf gewisse Neigungen oder Vermögen des angeschauten Subjects hindeutet, nicht durch Beschreibung nach Begriffen, sondern durch Abbildung und Darstellung in der Anschauung oder ihrer Nachahmung verstanden werden kann, wo die Menschengestalt im Allgemeinen, nach ihren Varietäten, deren jede auf eine besondere innere Eigenschaft des Menschen im Inneren hindeuten soll, der Beurtheilung ausgesetzt wird.
Nachdem die Carricaturzeichnungen menschlicher Köpfe von Baptista Porta, welche Thierköpfe, nach der Analogie mit gewissen charakteristischen Menschen -Gesichtern verglichen darstellen, und daraus auf eine Aehnlichkeit der Naturanlagen in beiden schliessen lassen sollten, längst vergessen, Lavater's weitläuftige, durch Silhouetten zu einer, eine Zeit lang allgemein beliebten und wohlfeilen Waare gewordene Verbreitung dieses Geschmacks aber neuerdings ganz verlassen worden; — nachdem fast nichts mehr, als etwa die, doch zweideutige Bemerkung (des Herrn v. Archenholz) übrig geblieben ist: dass das Gesicht eines Menschen, das man durch eine Grimasse für sich allein nachahmt, auch zugleich gewisse Gedanken oder Empfindungen rege mache, die mit dem Charakter desselben übereinstimmen; — so ist die Physiognomik, als Ausspähungskunst des Inneren im Menschen vermittelst gewisser äusserer unwillkürlich gegebener Zeichen, ganz aus der Nachfrage gekommen, und nichts von ihr übrig geblieben, als die Kunst der Cultur des Geschmacks, und zwar nicht an Sachen, sondern an Sitten, Manieren und Gebräuchen, um durch eine Kritik, welche dem Umgange mit Menschen und der Menschenkenntniss überhaupt beförderlich wäre, dieser zu Hülfe zu kommen. 85) Einteilung der Physiognomik.
Von dem Charakteristischen 1) in der Gesicht sbildung. 2) In den Gesichtszügen. 3) In der habituellen Gesichtsgeber dung (den Mienen).
220 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
A. Von der Gesichtsbildung. Es ist merkwürdig, dass die griechischen Künstler auch ein Ideal der Gesichtsbildung (für Götter und Heroen) im Kopfe hatten, welches immerwährende Jugend und zugleich von allen Affecten freie Ruhe, — in Statüen f), Cameen und Intaglio's, — ohne einen Reiz hineinzulegen, ausdrücken sollte. — Das griechische perpendikuläre Profil macht die Augen tiefer liegend, als es nach unserem Geschmacke (der auf den Reiz angelegt ist) sein sollte, und selbst eine mediceische Venus entbehrt desselben. — Die Ursache davon mag sein, dass, da das Ideal eine bestimmte unabänderliche Norm sein soll, eine aus dem Gesicht von der Stirn in einem Winkel abspringende Nase (wo dann der Winkel grösser oder kleiner sein kann) keine bestimmte Regel der Gestalt, wie es doch das, wTas zur Norm gehört, erfordert, — abgeben würde. Auch haben die neueren Griechen, ungeachtet ihrer sonst dem übrigen Körperbau nach schönen Bildung, doch jene ernste Perpendikularität des Profils in ihrem Gesichte nicht, welches jene Idealität in Ansehung der Kunstwerke ft) als Urbilder zu beweisen scheint. — Nach diesen mythologischen Mustern kommen die Augen tiefer zu liegen, und werden an der Nasenwurzel etwas in Schatten gestellt; dagegen man die für schön gehaltenen Gesichter der Menschen jetziger Zeiten mit einem kleinen Absprung der Nase von der Richtung der Stirn (Einbucht an der Nasenwurzel) schöner findet.
Wenn wir über Menschen, so wie sie wirklich sind, unseren Beobachtungen nachgehen, so zeigt sich, dass eine genau abgemessene Regelmässigkeit gemeiniglich einen sehr ordinären Menschen, der ohne Geist ist, anzeige. Das Mittelmaass scheint das Grundmaass und die Basis der Schönheit, aber lange noch nicht die f) „Statüen" Zusatz der 2. Ausg. ff) 1. Ausg.: „der Gemmen".
A. Vom Charakter der Person. §.87. 221 Schönheit selbst zu sein; weil zu dieser etwas Charakteristisches erfordert wird. — Man kann aber dieses Charakteristische auch ohne Schönheit in einem Gesichte antreffen, worin der Ausdruck ihm doch, obgleich in anderer (vielleicht moralischer oder ästhetischer Beziehung, sehr zum Vortheil spricht; d. i. an einem Gesichte bald hier, bald da an Stirn, Nase, Kinn oder Farbe des Haares u. s. w. tadeln, dennoch aber gestehen, dass für die Individualität der Person es doch empfehlender sei, als wenn die Regelmässigkeit vollkommen wäre; weil diese gemeinhin auch Charakterlosigkeit bei sich führt.
Hässlichkeit aber soll man keinem Gesichte vorrücken, wenn es nur in seinen Zügen nicht den Ausdruck eines durch Laster verdorbenen Gemüths, oder auch einen natürlichen, aber unglücklichen Hang dazu verräth; z. B. einen gewissen Zug des hämisch Lächelnden, sobald er spricht, oder auch der Dummdreistigkeit ohne mildernde Sanftheit, im Anblick dem Anderen in's Gesicht zu schauen und dadurch zu äussern, dass man sich aus jenes Mannes Urtheile nichts mache. — Es giebt Männer, deren Gesicht (wie der Franzose spricht) rebarbaratif ist, mit denen man, wie man sagt, Kinder zu Bett jagen kann, oder die ein von Pocken zerrissenes und groteskes, oder, wie der Holländer es nennt, wanschapenes (gleichsam im Wahn, im Traume gedachtes) Gesicht haben, aber doch zugleich so viel Gutmüthigkeit und Frohsinn zeigen, dass sie über ihr eigenes Gesicht ihren Spass treiben, das daher keinesweges hässlich genannt werden darf, ob sie es wohl gar nicht übel nehmen, wenn eine Dame von ihnen (wie von dem Pelisson bei der Academie Francaise) sagt: „ Pelisson missbraucht die Erlaubniss, die die Männer haben, hässlich zu sein". Noch ärger und dummer f) ist es: wenn ein Mensch, von dem man Sitten erwarten darf, einem Gebrechlichen, wie der Pöbel, seine körperlichen Gebrechen sogar, welche oft nur die geistigen Vorzüge zu erhöhen dienen, gar vorrückt; welches, wenn es gegen in früher Jugend Verunglückte f) 1. Ausg.: „und zugleich dummer" 222 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. geschieht (durch: du blinder, du lahmer Hund), sie wirklich bösartig und sie gegen Wohlgebildete, die sich darum besser dünken, nach und nach erbittert macht.
Sonst sind die Einheimischen ungewohnten Gesichter der Fremden für Völker, die aus ihrem Lande nie herauskommen, gemeiniglich ein Gegenstand des Spottes für diese. So rufen die kleinen Jungen in Japan, indem sie den dorthin handelnden Holländer nachlaufen: „0 welche grosse Augen, welche grosse Augen"! und den Chinesen kommen die rothen Haare mancher Europäer, die ihr Land besuchen, widrig, die blauen Augen derselben aber lächerlich vor.
Was die blossen Hirnschädel betrifft und ihre Figur, welche die Basis ihrer Gestalt ausmacht, z. B. die der Neger, der Kalmücken, der Südsee- Indianer u. A., so wie sie von Camper und vorzüglich von Blumenbach beschrieben werden, so gehören die Bemerkungen darüber mehr zur physischen Geographie, als zur pragmatischen Anthropologie. Ein Mittleres zwischen beiden kann die Bemerkung sein, dass die Stirn des männlichen Geschlechts auch bei uns flach, die des weiblichen aber mehr kuglig zu sein pflegt.
Ob ein Hügel f) auf der Nase einen Spötter anzeige, — ob die Eigenheit der Gesichtsbildung der Chinesen, voh denen man sagt, dass der untere Kinnbacken etwas über den oberen hervorrage, eine Anzeige ihres Starrsinnes, oder die der Amerikaner, deren Stirn von beid<ai Seiten mit Haaren verwachsen ist, ein Zeichen eines angeborenen Schwachsinnes sei u. s. w., sind Conjecturen, die nur eine unsichere Auslegung verstatten.
B.
Von dem Charakteristischen in den Gesichtszügen.
Einem Manne schadet es, selbst im Urtheile des weiblichen Geschlechts nicht, in seinem Gesichte durch Hautfarbe oder Pockennarben verunstaltet und unlieblich A. Vom Charakter der Person. §. 87. 223 geworden zu sein; denn wenn Gutmüthigkeit in seinen Augen und zugleich der Ausdruck des Wackeren im Bewusstsein seiner Kraft mit Ruhe verbunden aus seinen Blicken hervorleuchtet, so kann er immer beliebt und liebenswürdig sein und dafür allgemein gelten. — Man scherzt mit solchen und ihrer Liebenswürdigkeit {per anüphrasiri) *), und eine Frau kann auf den Besitz eines solchen Ehemannes stolz sein. Ein solches Gesicht ist nicht Carricatur, denn diese ist vorsätzlich -übertriebene Zeichnung (Verzerrung) des Gesichts im Affeet, zum. Auslachen ersonnen, und gehört zur Mimik; es muss vielmehr zu einer Varietät gezählt werden, die in der Natur liegt und ist kein Fratzengesicht zu nennen (welches abschreckend wäre), sondern kann Liebe erwecken f)> ob es gleich nicht lieblich, und ohne schön zu sein, doch nicht hässlich ist **).
6.
Von dem Charakteristischen der Mienen ff).
Mienen sind in's Spiel gesetzte Gesichtszüge, und in dieses wird man durch mehr oder weniger starken Affect *) Anthiphrosis ist die Benennung, welche mit dem Wesen des Benannten im Widerspruch steht, so heisst z. B. das schwarze Meer bei den Alten Pontus euxinus (gastliches Meer) während es Axinus (ungastlich) war. A. d. H. f) 1. Ausg.: „Dass sind nicht Zeichnungen in Carricatur; denn...Mimik. Jene Zeichnung muss zu einer Varietät...liegt und kein Fratzengesicht ist (welches abschreckend wäre), sondern was geliebt werden kann, ob es gleich" u. s. w.
ff) Die 1. Ausgabe hat als Ueberschrift nur den Buchstaben C.
**) Heidegger, ein deutscher Musikus in London, war ein abenteuerlich gestalteter, aber aufgeweckter und gescheuter Mann, mit dem auch Vornehme der Conversation halber gern in Gesellschaft waren. — Einstmals fiel es ihm ein, in einer Punscbgesellschaft gegen einen Lord zu behaupten, dass er das hässlichste Gesicht in London sei. Der Lord sann nach und schlug ihm eine Wette vor, dass er ihm noch ein hässlicheres aufstellen wollte, und nun Hess er ein ver- 224 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
gesetzt, zu welchem der Hang ein Charakterzug des Menschen ist. Es ist schwer den Eindruck des Affects durch keine Miene zu verrathen; sie verräth sich durch die peinliche Zurückhaltung in der Geberde oder im Tone von selbst, und wer zu schwach ist, seine Affecten zu beherrschen, bei dem wird auch das Mienenspiel (wider den Dank seiner Vernunft) das Innere blossstellen ft i was er gern verbergen und den Augen Anderer entziehen möchte. Aber die, welche in dieser Kunst Meister sind, werden, wenn man sie doch erräth, nicht eben für die besten Menschen, mit denen man im Vertrauen handeln kann, gehalten, vornehmlich, wenn sie Mienen zu künsteln geübt sind, die dem, was sie thun, wiedersprechen.
Die Auslegungskunst der Mienen, welche unvorsätzlich das Innere verrathen, aber doch hiebei vorsätzlich lügen, kann zu vielen artigen Bemerkungen Anlass geben, wovon ich nur einer Erwähnung thun will. — Wenn Jemand, der sonst nicht schielt, indem er erzählt, sich auf die Spitze seiner Nase sieht und so schielt, so ist das, was er erzählt, jederzeit gelogen. — Man muss aber ja nicht den gebrechlichen Augenzustand eines Schielenden dahin zählen, der von diesem Laster ganz frei sein kann.
soffenes Weib rufen, bei deren Anblick die ganze Gesellschaft in ein helles Lachen gerieth und ausrief: Heidegger! Ihr habt die Wette verloren! — Das geht so geschwind nicht, antwortete dieser; denn nun lasst das Weib meine Perrücke, und ich will ihre Cornette aufsetzen: dann wollen wir sehen. Wie das geschah, fiel Alles in's Lachen bis zum Sticken; denn das Weib sah wie ein ganz manierlicher Mann, der Kerl aber wie eine Hexe aus. Dies beweist, dass um Jemandem f) schön, wenigstens erträglich hübsch zu heissen, man sein Urtheil nicht schlechthin, sondern immer nur relativ fällen muss, und dass für einen Kerl Jemand darum noch gar nicht hässlich heissen dürfe, weil er etwa nicht hübsch ist. — Nur ekelhafte Leibesschäden im Gesicht können zu diesem Ausspruch berechtigen.
f) „Jemandem" Zusatz der 2. Ausg. ff ) 1. Ausgabe: „blossstellen machen".
A. Vom Charakter der Person. §. 87. 225 Sonst giebt es von der Natur constituirte Geberdungen, durch welche sich Menschen von allen Gattungen und Klimaten einander, auch ohne Abrede, verstehen. Dahin gehört das Kopfnicken (im Bejahen), das Kopfschütteln (im Verneinen), das Kopfaufwerfen (im Trotzen), das Kopfwackeln (in der Verwunderung), das Naserümpfen (im Spott), das Spöttisch-Lächeln (Grinsen), ein langes Gesicht machen (bei Abweisung des Verlangten), das Stirnrunzeln (im Verdruss), das schnelle Maulaufsperren und Zuschliessen (Bah), das zu sich hin und von sich weg Winken mit Händen, das Hände über den Kopf zusammen-Schlagen (im Erstaunen), das Faustballen (im Drohen), das Verbeugen, das Fingerlegen auf den Mund (compescere läbella), um Verschwiegenheit zu gebieten, das Auszischen u. dergl. 86) Zerstreute Anmerkungen. Oft wiederholte, die Gemüthsbewegung auch unwillkürlich begleitende Mienen werden nach und nach stehende Gesichtszüge; welche aber im Sterben verschwinden; daher, wie Lavater anmerkt, das im Leben den Bösewicht verrathende abschreckende Gesicht sich im Tode (negativ) gleichsam veredelt; weil nun, da alle Muskeln nachlassen, gleichsam der Ausdruck der Ruhe, welche unschuldig ist, übrig bleibt. — So kann es auch kommen, dass ein Mann, der seine Jugend unverführt zurückgelegt hatte, in späteren Jahren, bei aller Gesundheit, doch durch Liederlichkeit ein anderes Gesicht bekommt; aus welchem aber auf seine Naturanlage nicht zu schliessen ist.
Man spricht auch von gemeinem Gesicht im Gegensatz mit dem vornehmen. Das letzte f) bedeutet nichts weiter als eine angemaasste Wichtigkeit, mit höfischer Manier der Einschmeichelung verbunden, welche nur in grossen Städten gedeiht, da sich Menschen an einander Kant, Anthropologie.
226 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. reiben und ihre Rauhigkeit abschleifen. Daher Beamte, auf dem Lande geboren und erzogen, wenn sie mit ihrer Familie zu städtischen ansehnlichen Bedienungen erhoben werden, oder auch standesmässig sich dazu nur qualificiren, nicht blos in ihren Manieren, sondern auch in dem Ausdruck des Gesichts etwas Gemeines zeigen. Denn da sie in ihrem Wirkungskreise sich ungenirt fühlten, indem sie es fast nur allein mit ihren Untergebenen zu thun hatten, so bekamen die Gesichtsmuskeln nicht die Biegsamkeit, in allen Verhältnissen, gegen Höhere, Geringere und Gleiche, das ihrem Umgange und den damit verbundenen Affecten angemessene Mienenspiel zu cultiviren, welches, ohne sich etwas zu vergeben, zur guten Aufnahme in der Gesellschaft erfordert wird. Dagegen die in städtischen Manieren geübten Menschen von gleichem Rang, indem sie sich bewusst sind, hierin über Andere eine Ueberiegenheit zu haben, dieses Bewusstsein, wenn es durch lange Uebung habituell wird, mit bleibenden Zügen in ihrem Gesichte abdrucken.
Devote, wenn sie lange in den mechanischen Andachtsübungen discipiinirt und gleichsam darin erstarrt sind, bringen, bei einer machthabenden Religion oder Cultus, in ein ganzes Volk Nationalzüge innerhalb der Grenzen derselben hinein, welche sie selbst physiognomisch charakterisiren. So spricht Herr Fr. Nicolai von fatalen gebenedeieten Gesichtern in Baiern; dagegen John Bull von Altengland die Freiheit, unhöflich zu sein, wohin er kommen mag, in der Fremde oder gegen den Fremden in seinem eigenen Lande, schon in seinem Gesichte bei sich führt. Es giebt also auch eine Nationalphysiognomie, ohne dass diese eben für angeboren gelten darf. — Es giebt charakteristische Auszeichnungen in Gesellschaften, die das Gesetz der Strafe zusammengebracht hat. Von den Gefangenen in Rasphuis in Amsterdam, in Bicetre in Paris und in Newgate in London merkt ein geschickter reisender deutscher Arzt an, dass es doch mehrentheils knochigte und sich in ihrer Ueberiegenheit bewusste Kerle waren; von Keinem aber wird es erlaubt sein, mit dem Schauspieler Quin zu sagen: „wenn dieser Kerl nicht ein Schelm ist, so schreibt der Schöpfer keine leserliche Hand". Denn um so gewaltsam ab- A. Vom Charakter der Person. §. 87. 227