SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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gleichfalls eine Vorsorge der Natur für die Gesundheit, und eine Wittwe, die, wie man sagt, sich nicht will trösten lassen, d. i. die Ergiessung der Thränen nicht gehindert wissen will, sorgt, ohne es zu wissen oder eigentlich zu wollen, für ihre Gesundheit. Ein Zorn, der in diesem Zustande einträte, würde diesen Erguss, aber zu ihrem Schaden, bald hemmen; obzwar nicht immer Wehmuth, sondern auch Zorn Weiber und Kinder in Thränen versetzen kann. — Denn das Gefühl seiner Ohnmacht gegen ein Uebel, bei einem starken Affect (es sei des Zorns oder der Traurigkeit) ruft die äusseren natürlichen Zeichen zum Beistand auf, die dann auch (nach dem Recht des Schwächeren), eine männliche Seele wenigstens, entwaffnen. Dieser Aus- druck der Zärtlichkeit als Schwäche des Geschlechts aber darf den th eilnehmenden Mann nicht bis zum Weinen, aber doch wohl bis zur Thräne im Auge rühren; weil er in ersteren Falle sich an seinem eigenen Geschlecht vergreifen und so mit seiner Weiblichkeit dem schwächeren Theil nicht zum Schutze dienen, im zweiten aber gegen das andere Geschlecht nicht die Theilnehmung beweisen würde, welche ihm seine Männlich- keit zur Pflicht macht, nämlich dieses in Schutz zu nehmen; wie es der Charakter, den die Ritterbücher dem tapferen Mann zueignen, mit sich bringt, der gerade in dieser Beschützung gesetzt wird.

Warum aber lieben junge Leute mehr das tragische Schauspiel und führen dieses auch lieber auf, wenn sie ihren Eltern etwa ein Fest geben wollen; Alte aber lieber das Komische, bis zum Burlesken? Die Ursache des Ersteren ist zum Theil ebendieselbe als die, welche die Kinder treibt, das Gefährliche zu wagen; ver- muthlich durch einen Instinct der Natur, um ihre Kräfte zu versuchen, zum Theil aber auch, weil bei dem Leicht- sinn der Jugend, von dem herzbeklemmenden oder schreckenden Eindrücken, sobald das Stück geendigt ist, keine Schwermuth übrig bleibt, sondern nur eine an- genehme Müdigkeit, nach einer starken inneren Motion, welche aufs Neue zur Fröhlichkeit stimmt. Dagegen verwischt sich bei Alten dieser Eindruck nicht so leicht, und sie können die Stimmung zum Frohsinn nicht so leicht wieder in sich hervorbringen. Ein Harlekin, der 180 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

behenden Witz hat, bewirkt durch seine Einfälle eine wohlthätige Erschütterung des Zwerchfelles und der Ein- geweide; wodurch der Appetit für die darauffolgende gesellschaftliche Abendmahlzeit geschärft und durch Ge- sprächigkeit gedeihlich wird. 73) Allgemeine Anmerkung.

Gewisse innere körperliche Gefühle sind mit Affecten verwandt, sind es aber doch nicht selbst; weil sie nur augenblicklich, vorübergehend sind und von sich keine Spur hinterlassen; dergleichen das Gräuseln ist, welches die Kinder anwandelt, wenn sie von Ammen des Abends Gespenstererzählungen anhören. — Das Schauern, gleichsam mit kaltem Wasser Uebergossen werden wie beim Regenschauer), gehört auch dahin. Nicht die Wahr- nehmung der Gefahr, sondern der blosse Gedanke von Gefahr, — obgleich man weiss, dass keine da ist, — bringt diese Empfindung hervor, die, wenn sie blosse An- wandlung, nicht Ausbruch des Schrecks ist, eben nicht unangenehm zu sein scheint.

Der Schwindel, und selbst die Seekrankheit scheint ihrer Ursache nach in die Classe solcher idealen Gefahren zu gehören. — Auf einem Brett, was auf der Erde liegt, kann man ohne Wanken fortschreiten; liegt es aber über einem Abgrunde, oder für den, der nerven- schwach ist, auch nur über einen Graben, so wird oft die leere Besorgniss der Gefahr wirklich gefiihrlich. Das Schwanken eines Schiffes, selbst bei gelindem Winde, ist ein wechselndes Sinken und Gehobenwerden. Bei dem Sinken ist die Bestrebung der Natur sich zu heben (weil alles Sinken überhaupt Vorstellung von Gefahr bei sich führt), mithin die Bewegung des Magens und der Eingeweide von unten nach oben zu mit einem Anreiz zum Erbrechen mechanisch verbunden, welcher alsdann noch vergrössert wird, wenn der Patient in der Kajüte zum Fenster derselben hinausschaut und wechselweise bald den Himmel, bald die See in die Augen bekommt, wodurch die Täuschung eines unter ihm weichenden Sitzes noch mehr gehoben wird.

Ein Acteur, der selbst kalt ist, übrigens aber nur Verstand und starkes Vermögen der Einbildungskraft besitzt, kann durch einen affectiven (gekünstelten) Affect oft mehr rühren als durch den wahren. Ein ernst- lich Verliebter ist in Gegenwart seiner Geliebten ver- legen, ungeschickt und wenig einnehmend. Einer aber, der blos den Verliebten macht und sonst Talent hat, kann seine Rolle so natürlich spielen, dass er die arme Betrogene in seine Schlingen bringt; gerade darum, weil sein Herz unbefangen, sein Kopf klar, und er also im ganzen Besitze des freien Gebrauchs seiner Geschick- lichkeit und Kräfte ist, den Schein des Liebenden sehr natürlich nachzumachen.

Das gutmüthige (offenherzige) Lachen ist (als zum Affect der Fröhlichkeit gehörend) gesellig; das hämische (Grinsen) feindselig. Der Zerstreute (wie Terrasson mit der Nachtmütze statt der Perrücke auf dem Kopf und dem Hute unter dem Arm, voll von dem Streit über den Vorzug der Alten und der Neuen in Ansehung der Wissenschaften, gravitätisch einherschreitend) giebt oft zum ersteren Anlass; er wird belacht, darum aber doch nicht ausgelacht. Der nicht unverständige Sonderling wird belächelt, ohne dass es ihn was kostet; er lacht mit. — Ein mechanischer (geistloser) Lacher ist schal und macht die Gesellschaft schmack- los. Der darin gar nicht lacht, ist entweder grämlich oder pedantisch. — Kinder, vornehmlich Mädchen, müssen früh zum freimüthigen ungezwungenen Lächeln gewöhnt werden; denn die Erheiterung der Gesichts- züge hiebei drückt sich nach und nach auch im Inneren ab und begründet eine Disposition zur Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Geselligkeit, weiche diese Annäherung zur Tugend des Wohlwollens frühzeitig vorbereitet.

Einen in der Gesellschaft zum Stichblatt des Witzes (zum Besten) zu haben, ohne doch stachlicht zu sein (Spott ohne Anzüglichkeit), gegen den der Andere mit dem seinigen zu ähnlicher Erwiderung gerüstet und so ein fröhliches Lachen in sie zu bringen bereit ist, ist eine gutmüthige und zugleich cultivirende Belebung der- selben. Geschieht dieses aber auf Kosten eines Einfalts- pinsels, den man wie einen Ball dem Anderen zu- schlägt, so ist das Lachen, als schadenfroh, wenigstens unfein, und geschieht es an einem Schmarotzer, der sich 182 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Schwelgens halber zum muthwilligen Spiele hingiebt oder zum Narren machen lässtf), ein Beweis vom schlechten Geschmack sowohl als stumpfen moralischen Gefühle derer, die darüber aus vollem Halse lachen können. Die Steile eines Hofnarren aber, der zur wohl- thätigen Erschütterung des Zwerchfelles der höchsten Person durch Anstichelung ihrer vornehmen Diener die Mahlzeit durch Lachen würzen soll, ist, wie man es nimmt, über und unter aller Kritik.

Von den Leidenschaften ff).

Die subjective Möglichkeit der Entstehung einer gewissen Begierde, die vor der Vorstellung ihres Gegen- standes vorhergeht, ist der Hang (propensio). — Die innere Nöthigung des Begehrungsvermögens zur Besitznehmung dieses Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt, ist der In st inet (wie der Begattungstrieb, oder der Elterntrieb des Thieres, seine Jungen zu schützen u. dergl.). — Die dem Subject zur Regel (Gewohnheit) dienende sinnliche Begierde heisst Neigung {inclinatiö). — Die Neigung, durch welche die Vernunft gehindert wird, sie, in Ansehung einer gewissen Wahl, mit der Summe aller Neigungen zu vergleichen, ist die Leidenschaft (passio animi).

Man sieht leicht ein, dass Leidenschaften, weil sie sich mit der ruhigsten Ueberlegung zusammenpaaren lassen, mithin nicht unbesonnen sein dürfen, wie der Affect, daher auch nicht stürmisch und vorübergehend, sondern sich einwurzelnd, selbst mit dem Vernünfteln zusammen bestehen können, — der Freiheit den grössten Abbruch thun, und wenn der Affect ein Rausch ist, die Leidenschaft eine Krankheit sei, welche alle Arznei- mittel verabscheut und daher weit schlimmer ist als f) 1. Ausgabe: „hingiebt (sich zum Narren inachen zu lassen.)"

ff) 1. Ausg. „Vom Begehrungsvermögen."

3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. §. 79. 183 alle jene vorübergehende Gemütsbewegungen, die doch wenigstens den Vorsatz rege machen, sich zu bessern; statt dessen die letztere eine Bezauberung ist, die auch die Besserung ausschlägt.

Man benennt die Leidenschaft mit dem Worte Sucht (Ehrsucht, Rachsucht, Herrschsucht u. dergl.), ausser die der Liebe nicht, in dem Verliebtsein. Die Ursache ist, weil, wenn die letztere Begierde (durch den Genuss) befriedigt worden, die Begierde, wenigstens in Ansehung ebenderselben Person, zugleich aufhört, mithin man wohl ein leidenschaftliches Verliebtsein (so lange der andere Theil in der Weigerung beharrt), aber keine physische Liebe als Leidenschaft aufführen kann; weil sie in An- sehung des Objects nicht ein beharrliches Princip enthält. Leidenschaft setzt immer eine Maxime des Subjects voraus, nach einem von der Neigung ihm vor- geschriebenen Zwecke zu handeln. Sie ist also jederzeit mit der Vernunft desselben verbunden, und blossen Thieren kann man keine Leidenschaften beilegen, so wenig wie reinen Vernunftwesen. Ehrsucht, Rachsucht u. s. w., weil sie nie vollkommen befriedigt sind, werden eben darum unter die Leidenschaften gezählt, als Krankheiten, wider die es nur Palliativmittel giebt.

Leidenschaften sind Krebsschäden für die reine praktische Vernunft und mehrentheils unheilbar; weil der Kranke nicht geheilt sein will und sich der Herr- schaft des Grundsatzes entzieht, durch den dieses allein geschehen könnte. Die Vernunft geht auch im Sinnlich- praktischen vom Allgemeinen zum Besonderen nach dem Grundsatze: nicht einer Neigung zu gefallen die übrigen alle in Schatten oder in den Winkel zu stellen, sondern darauf zu sehen, dass jene mit der Summe aller Neigungen zusammen bestehen könne. — Die Ehr- begierde eines Menschen mag immer eine durch die Vernunft gebilligte Richtung seiner Neigung sein; aber der Ehrbegierige will doch auch von Anderen geliebt sein, er bedarf gefälligen Umgang mit Anderen, Er- haltung seines Vermögenszustandes u. dergl. mehr. Ist er nun aber leidenschaftlich-ehrbegierig, so ist er 184 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.

blind für diese Zwecke, wozu ihn doch seine Neigungen gleichfalls einladen, und dass er von Andern gehasst, oder im Umgange geflohen zu werden, oder durch Auf- wand zu verarmen Gefahr läuft, — das übersieht er Alles. Es ist Thorheit (den Theil seines Zweckes zum Ganzen zu machen), die der Vernunft selbst in ihrem formalen Princip gerade widerspricht.

Daher sind Leidenschaften nicht blos, wie die Affecten, unglückliche Geraüthsstimmungen, die mit vielen Uebeln schwanger gehen, sondern auch ohne Ausnahme böse, und die gutartigste Begierde, wenn sie auch auf das geht, was (der Materie nach) zur Tugend, z. B. der Wohlthätigkeit, gehörte, ist doch (der Form nach), sobald sie in Leidenschaft ausschlägt, nicht blos prag- matisch verderblich, sondern auch moralisch ver- werflich.

Der Affect thut einen augenblicklichen Abbruch an der Freiheit und der Herrschaft über sicli selbst. Die Leidenschaft giebt sie auf und findet ihre Lust und Befriedigung am Sklavensinn. Weil indessen die Ver- nunft mit ihrem Aufruf zur innern Freiheit doch nicht nachlässt, so seufzt der Unglückliche unter seinen Ketten, von denen er sich gleichwohl nicht losreissen kann; weil sie gleichsam schon mit seinen Gliedmaasen ver- wachsen sind.

Gleichwohl haben die Leidenschaften auch ihre Lob- redner gefunden (denn wo finden die sich nicht, wenn einmal Bösartigkeit in Grundsätzen Platz genommen hat)? und es heisst: „dass nie etwas Grosses in der Welt ohne heftige Leidenschaften ausgerichtet worden, und die Vorsehung selbst habe sie weislich gleich als Springfedern in die menschliche Natur gepflanzt". — Von den mancherlei Neigungen mag man wohl dieses zugestehen, derer, als eines natürlichen und thierischen Bedürfnisses, die lebende Natur (selbst die des Menschen) nicht entbehren kann. Aber dass sie Leiden- schaften werden dürften, ja wohl gar sollten, hat die Vorsehung nicht gewollt, und sie in diesem Gesichts- punkt vorstellig zu machen, mag einem Dichter ver- ziehen werden (nämlich mit Pope zu sagen: „ist die Vernunft nun ein Magnet, so sind die Leidenschaften Winde"); aber der Philosoph darf diesen Grundsatz nicht an sich kommen lassen, selbst nicht um sie als eine provisorische Veranstaltung der Vorsehung zu preisen, welche absichtlich, ehe das menschliche Geschlecht zum ge- hörigen Grade der Cultur gelangt wäre, sie in die mensch- liche Natur gelegt hätte.

Einteilung der Leidenschaften.

Sie werden in die Leidenschaften der natürlichen (angebornen) und die der aus der Cultur der Menschen hervorgehenden (erworbenen) Neigung eingetheilt.

Die Leidenschaften der ersteren Gattung sind die Freiheits- und Geschlechtsneigung, beide mit AfFeet verbunden. Die der zweiten Gattung sind Ehr- sucht, Herrschsucht und Habsucht, welche nicht mit dem Ungestüm eines Affects, sondern mit der Beharrlich- keit einer auf gewisse Zwecke angelegten Maxime ver- bunden sind. Jene können erhitzte (passiones ardentes), diese, wie der Geiz, kalte Leidenschaften {friegidae) ge- nannt werden. Alle Leidenschaften aber sind immer nur von Menschen auf Menschen, nicht auf Sachen gerichtete Begierden, und man kann zu einem fruchtbaren Acker, oder dergleichen Kuh, zwar zur Benutzung derselben viel Neigung, aber keine Affection (welche in der Neigung zur Gemeinschaft mit Anderen besteht) haben; viel weniger eine Leidenschaft. 74) A.

Von der Freiheitsneigung als Leidenschaft.

Sie ist die heftigste unter allen am Naturmenschen, in einem Zustande, da er es nicht vermeiden kann, mit Anderen in wechselseitige Ansprüche zu kommen.

Wer nur nach eines Anderen Wahl glücklich sein kann (dieser mag nun so wohlwollend sein, als man immer will), fühlt sich mit Recht unglücklich. Denn welche Gewährleistung hat er, dass sein mächtiger Nebenmensch in dem Urtheile über das Wohl mit dem seinen zusammenstimmen werde? — Der Wilde (noch nicht an Unterwürfigkeit Gewöhnte) kennt kein grösseres Unglück, als in diese zu gerathen, und das mit Recht, 186 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

so lange noch kein öffentliches Gesetz ihn sichert; bis ihn Disciplin allmählich dazu geduldig gemacht hat. Daher sein Zustand des beständigen Krieges, in der Ab- sicht, Andere so weit wie möglich von sich entfernt zu halten und in Wüsteneien zerstreut zu leben. Ja das Kind, welches sich nur eben dem mütterlichen Schoosse entwunden hat, scheint, zum Unterschiede von allen anderen Thieren, blos deswegen mit lautem Geschrei in die Welt zu treten, weil es sein Unvermögen, sich seiner Gliedmaassen zu bedienen, für Zwang ansieht und so seinen Anspruch auf Freiheit (wovon kein anderes Thier eine Vorstellung hat) sofort ankündigt *). — Nomadische *) Lucrez, als Dichter, wendet dieses in der That merk- würdige Phänomen im Thierreiche anders: Vagituque locum lugubri complet, ut aequom'st Quoi tantum'n vita restet transire malorum!

(Mit traurigem Geschrei erfüllt es den Ort, wie es billig ist, da ihm ein Leben mit so viel Uebel zu durchwandern bevorsteht.)

Diesen Prospect kann das neugeborne Kind nun wohl nicht haben; aber dass das Gefühl der Unbehaglichkeit in ihm nicht vom körperlichen Schmerz, sondern von einer dunkeln Idee (oder dieser analogen Vorstellung) von Freiheit und der Hinderniss derselben, dem Unrecht, herrühre, entdeckt sich durch die, ein paar Monate nach der Geburt, mit seinem Geschrei verbindenden Thränen; welches eine Art von Er- bitterung anzeigt, wenn es sich gewissen Gegenständen zu nähern, oder überhaupt nur seinen Zustand zu verändern be- strebt ist und daran sich gehindert fühlt. — Dieser Trieb, seinen Willen zu haben und die Verhinderung daran als eine Beleidigung aufzunehmen, zeichnet sicli durch seinen Ton auch besonders aus und lässt eine Bösartigkeit hervorscheinen, welche die Mutter zu bestrafen sich genöthigt sieht, aber gewöhnlich durch noch heftigeres Schreien erwidert wird. Ebendasselbe geschieht, wenn es durch seine eigene Schuld fällt. Die Jungen anderer Thiere spielen, die des Menschen zanken frühzeitig untereinander, und es ist, als ob ein gewisser Kechtsbegriff (der sich auf die äussere Freiheit bezieht) sich mit der Thierheit zugleich entwickele und nicht etwa allmählich erlernt werde.

Völker, indem sie (als Hirtenvölker) an keinen Boden geheftet sind, z. B. die Araber, hängen stark an ihrer obgleich nicht völlig zwangsfreien Lebensart und haben dabei einen so hohen Geist, mit Verachtung auf die sich anbauenden Völker herabzusehen, dass die davon unzertrennliche Mühseligkeit in Jahrtausenden sie davon nicht hat abwendig machen können. Blosse Jagdvölker (Olenni-Tungusif) haben sich gar durch dieses Freiheitsgefühl (von den anderen mit ihnen verwandten Stämmen getrennt) wirklich veredelt. — So erweckt nicht allein der Freiheitsbegriff unter moralischen Gesetzen einen Affect, der Enthusiasmus genannt wird, sondern die blos sinnliche Vorstellung der äusseren Freiheit erhebt die Neigung, darin zu beharren oder sie zu erweitern, durch die Analogie mit dem Kechtsbegriffe bis zur heftigen Leidenschaft.

Man nennt bei blossen Thieren auch die heftigste Neigung (z. B. der Geschlechtsvermischung) nicht Leiden- schaft; weil sie keine Vernunft haben, die allein den Begriff der Freiheit begründet und womit die Leiden- schaft in Collison kommt; deren Ausbruch also dem Menschen zugerechnet werden kann. — Man sagt zwar von Menschen, dass sie gewisse Dinge leidenschaft- lich lieben (den Trunk, das Spiel, die Jagd), oder hassen (z. B. den Bisam, den Branntwein); aber man nennt diese verschiedenen Neigungen oder Abneigungen nicht ebenso viel L eidenschaften, weil es nur soviel verschiedene Instincte, d. i. so vielerlei blos-Leidendes im Begehrungsvermögen sind und daher nicht nach den Objecten des Begehrungsvermögens, als Sachen, deren es unzählige giebt), sondern nach dem Princip des Ge- brauchs oder Missbrauchs, den Menschen von ihrer Person und Freiheit unter einander machen, da ein Mensch den anderen blos zum Mittel seiner Zwecke macht, classificirt zu werden verdienen. — Leidenschaften gehen eigentlich nur auf Menschen und können auch nur durch sie befriedigt werden.

Diese Leidenschaften sind Ehrsucht, Herrsch- sucht, Habsucht.

Da sie Neigungen sind, welche blos auf den Besitz 188 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

der Mittel gehen, um alle Neigungen, welche unmittel- bar den Zweck betreffen, zu befriedigen, so haben sie insofern den Anstrich der Vernunft: nämlich der Idee eines mit der Freiheit verbundenen Vermögens, durch welches allein Zwecke überhaupt erreicht werden können, nachzustreben. Der Besitz der Mittel zu beliebigen Absichten reicht allerdings viel weiter, als die auf eine einzelne Neigung und deren Befriedigung gerichtete Neigung. — Sie können auch daher Neigungen des Wahnes genannt werden, welcher darin besteht: die blosse Meinung Anderer vom Werthe der Dinge dem wirklichen Werthe gleich zu schätzen. 75) B.

Von der Rachbegierde als Leidenschaft.

Da Leidenschaften nur von Menschen auf Menschen gerichtete Neigungen sein können, sofern diese auf mit einander zusammenstimmende oder einander widerstreitende Zwecke gerichtet, d. i. Liebe oder Hass sind, der Rechts- begriff aber, weil er unmittelbar aus dem Begriff der äusseren Freiheit hervorgeht, weit wichtiger und den Willen weit stärker bewegender Antrieb ist, als der des Wohlwollens, so ist der Hass aus dem erlittenen Unrecht, d. i. die Rachbegierde eine Leidenschaft, welche aus der Natur des Menschen unwiderstehlich hervorgeht und, so bösartig sie auch ist, doch die Maxime der Vernunft, vermöge der erlaubten Rechts- begierde, deren Analogon jene ist, mit der Neigung verflochten und eben dadurch eine der heftigsten und am tiefsten sich einwurzelnden Leidenschaften; die, wenn sie erloschen zu sein scheint, doch immer noch insgeheim einen Hass, Groll genannt, als ein unter der Asche glimmendes Feuer überbleiben lässt.

Die Begierde, in einem Zustande mit seinen Mit- menschen und in Verhältniss zu ihnen zu sein, da Jedem das zu Theil werden kann, was das Recht will, ist freilich keine Leidenschaft; sondern ein Bestimmungs- grund der freien Willkür durch reine praktische Ver- nunft. Aber die Erregbarkeit derselben durch blosse Selbstliebe, d. i. nur zu seinem Vortheil, nicht zum Be- hufe einer Gesetzgebung für Jedermann, ist sinnlicher Antrieb des Hasses, nicht der Ungerechtigkeit, sondern des gegen uns Ungerechten; welche Neigung (zu ver- folgen und zu zerstören), da ihr eine Idee, obzwar freilich selbstsüchtig angewandt, zum Grund liegt, die Rechtsbegierde gegen den Beleidiger in Leidenschaft der Wiedervergeltung verwandelt, die oft bis zum Wahnsinne heftig ist, sich selbst dem Verderben auszusetzen, wenn nur der Feind demselben nicht entrinnt und (in der Blut- rache) diesen Hass gar selbst zwischen Völkerschaften erblich zu machen; weil, wie es heisst, das Blut des Be- leidigten, aber noch nicht Gerächten, schreie, bis das unschuldig vergossene Blut wieder durch Blut, — sollte es auch das eines seiner unschuldigen Nachkommen sein, — abgewaschen wird. 76) G.

Von der Neigung zum Vermögen, Einfluss überhaupt auf andere Menschen zu haben.

Diese Neigung nähert sich am meisten der technisch- praktischen Vernunft, d. i. der Klugheitsmaxime. — Denn anderer Menschen Neigungen in seine Gewalt zu bekommen, um sie nach seinen Absichten lenken und bestimmen zu können, ist beinahe eben so viel, als im Besitz Anderer, als blosser Werkzeuge seines Willens zu sein. Kein Wunder, dass das Streben nach einem solchen Vermögen, auf Andere Einfluss zu haben, Leidenschaft wird.

Dieses Vermögen enthält gleichsam eine dreifache Macht in sich: Ehre, Gewalt und Geld; durch die, wenn man in Besitz derselben ist, man jedem Menschen, wenn nicht durch einen dieser Einflüsse, doch durch den anderen beikommen und ihn zu seinen Absichten brauchen kann. — Die Neigungen hiezu, wenn sie Leidenschaften werden, sind Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht. Freilich dass hier der Mensch der Geck (Betrogene) seiner eigenen Neigungen wird und 190 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

im Gebrauche solcher Mittel seinen Endzweck verfehlt; aber wir reden hier auch nicht von Weisheit, welche gar keine Leidenschaften verstattet, sondern nur von der Klugheit, mit weicher man die Narren hand- haben kann.

Die Leidenschaften überhaupt aber, so heftig sie auch immer, als sinnliche Triebfedern, sein mögen, sind doch in Ansehung dessen, was die Vernunft dem Menschen vorschreibt, lauter Schwächen. Daher das Ver- mögen des gescheuten Mannes, jene zu seinen Absichten zu gebrauchen, verhältnissmässig desto kleiner sein darf, je grösser die Leidenschaft ist, die den andern Menschen beherrscht.

Ehrsucht ist die Schwäche der Menschen, wegen der man auf sie durch ihre Meinung, Herrschsucht durch ihre Furcht und Habsucht durch ihr eigenes Interesse Einfluss haben kann. — Allerwärts ein Sklavensinn, durch den, wenn sich ein Anderer desselben bemächtigt, er das Vermögen hat, ihn durch seine eigenen Neigungen zu seinen Absichten zu gebrauchen. — Das Bewussteein aber dieses Vermögen an sich und des Besitzes der Mittel, seine Neigungen zu befriedigen, erregt die Leiden- schaft mehr noch, als der Gebrauch derselben.

a.

Ehrsucht.

a.

Ehrsucht.

Sie ist nicht Ehr liebe, eine Hochschätzung, die der Mensch von Anderen, wegen seines inneren (mo- ralischen) Werthes, erwarten darf, sondern Bestreben nach Ehren ruf, wo es am Schein genug ist. Man darf dem Hochmuth (einem Ansinnen an Andere, sich selbst in Vergleichung mit uns selbst gering zu schätzen, eine Thorheit, die ihrem eigenen Zweck zuwiderhandelt), — diesem Hochmuth, sage ich, darf man nur schmeicheln, so hat man durch diese Leidenschaften des Thoren über ihn Gewalt. Schmeichler *), Jaherren, die einem *) Das Wort Schmeichler hat wohl uranfänglich Schmiegler heissen sollen (Einen, der sich schmiegt und 3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. §. 83. 191 bedeutenden Manne gern das grosse Wort einräumen, nähren diese ihn schwach machende Leidenschaft und sind die Verderber der Grossen und Mächtigen, die sich diesem Zauber hingeben.

Hochmuth ist eine verfehlte, ihrem eigenen Zwecke entgegenhandelnde Ehrbegierde, und kann nicht als ein absichtliches Mittel, andere Menschen (die er von sich abstösst) zu seinen Zwecken zu gebrauchen, angesehen werden; vielmehr ist der Hochmüthige das Instrument der Schelme, Narr genannt. Einstmals fragte mich ein sehr vernünftiger, rechtschaffener Kaufmann: „warum der Hochmüthige auch jederzeit niederträchtig sei?" (Jener hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass der mit seinem Reich thum, als überlegener Handelsmacht, Gross- thuende, beim nachher eingetretenen Verfall seines Ver- mögens, sich auch kein Bedenken machte, zu kriechen.) Meine Meinung war diese: dass, da der Hochmuth das Ansinnen an einen Anderen ist, sich selbst, in Ver- gleichung mit jenem, zu verachten, ein solcher Ge- danke aber Niemand in den Sinn kommen kann, als nur dem, welcher sich selbst zu Niederträchtigkeit bereit fühlt, der Hochmuth an sich schon von der Nieder- trächtigkeit solcher Menschen ein nie trügendes vor- bedeutendes Kennzeichen abgebe.

b.

Herrschsucht.

b.

Herrschsucht.

Diese Leidenschaft ist an sich ungerecht, und ihre Aeusserung bringt Alles wider sich auf. Sie fängt aber von der Furcht an, von Andern beherrscht zu werden, und ist darauf bedacht, sich bei Zeiten in den Vortheil biegt), um einen einbilderischen Mächtigen, selbst durch seinen Hochmuth nach Belieben zu leiten; so wie das Wort Heuchler (eigentlich sollte es Häuchler geschrieben werden) einen, seine fromme Demuth vor einem vielvermögenden Geistlichen durch in seine Rede gemischte Stossseufzer vorspiegelnden Betrüger — hat bedeuten sollen.

192 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

der Gewalt über sie zu setzen; welches doch ein miss- liehes und ungerechtes Mittel dazu ist, andere Menschen zu seinen Absichten zu gebrauchen; weil es theils den Widerstand aufruft, und unklug, theils der Freiheit unter Gesetzen, worauf Jedermann Anspruch machen kann, zuwider und ungerecht ist. — Was die mittelbare Beherrschungskunst betrifft, z. B. die des weiblichen Ge- schlechts durch Liebe, die es dem männlichen gegen sich einflösst, dieses zu seinen f) Absichten zu brauchen, so ist sie unter jenem Titel nicht mit begriffen, weil sie keine Gewalt bei sich führt, sondern den Unterthänigen durch seine eigene Neigungen ff) zu beherrschen und zu fesseln weiss. — Nicht als ob der weibliche Theil unserer Gattung von der Neigung, über dem männlichen zu herrschen frei wäre (wovon gerade das Gegentlieil wahr ist), sondern weil es sich nicht desselben Mittels zu dieser Absicht als das männliche bedient; nämlich nicht des Vorzuges der Stärke (als welche hier unter dem Worte herrschen gemeint ist), sondern der Reize, welche eine Neigung des andern Theiles, beherrscht zu werden, in sich enthält.

c.

Habsucht.

c.

Habsucht.

Geld ist die Loosung, und wen Plutus begünstigt, vor dem öffnen sich alle Pforten, die vor dem minder Reichen verschlossen sind. Die Erfindung dieses Mittels, welches sonst keine Brauchbarkeit hat (wenigstens nicht haben darf), als blos zum Verkehr des Fleisses der Menschen, hiemit aber auch alles Physischguten unter ihnen zu dienen, vornehmlich nachdem es durch Metalle repräsentirt wird, hat eine Habsucht hervorgebracht, die zuletzt, auch ohne Genuss, in dem blossen Besitze, selbst mit Verzichtung (des Geizigen) auf allen Gebrauch, eine Macht enthält, von der man glaubt, dass sie den Mangel jeder anderen zu ersetzen hinreichend sei. Diese 3. Buch. Vom Begehrungsvermögen. §. 84.

ganz geistlos, wenngleich nicht immer moralisch ver- werfliche, doch blos mechanisch geleitete Leidenschaft, welche vornehmlich dem Alter (zum Ersatz seines natür- lichen Unvermögens) anhängt, und die jenem allgemeinen Mittel, seines grossen Einflusses halber, auch schlecht- hin den Namen eines Vermögens verschafft hat, ist eine solche, die, wenn sie eingetreten ist, keine Ab- änderung verstattet und, wenn die erste der dreien ge- hasst, die zweite gefürchtet, sie, als die dritte, verachtet, macht*).77) Von der Neigung des Wahnes als Leidenschaft.