SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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Der AfFect ist Ueberraschung durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüths (animus sui compos) aufgehoben wird. Er ist also übereilt, d. i. er wächst geschwinde zu einem Grade des Gefühls, der die Ueber- legung unmöglich macht (ist unbesonnen). — Die AfFect- losigkeit, ohne Verminderung der Stärke der Triebfedern zum Handeln, ist das Phlegma im guten Verstände: eine Eigenschaft des wackeren Mannes (animi strenui), sich durch die Stärke jener nicht aus der ruhigen Ueber- legung bringen zu lassen. Was der Affect des Zorns nicht in der Geschwindigkeit thut, das thut er gar nicht; und er vergisst leicht. Die Leidenschaft des Hasses aber nimmt sich Zeit, um sich tief einzuwurzeln und es seinem Gegner zu denken. — Ein Vater, ein Schulmeister können nicht strafen, wenn sie die Abbitte (nicht die Recht- fertigung) anzuhören nur die Geduld gehabt haben. — Nöthigt Einen, der im Zorn zu euch in's Zimmer tritt, um euch in heftiger Entrüstung harte Worte zu sagen, höflich, sich zu setzen; wenn es euch hiemit gelingt, so wird sein Schelten schon gelinder; weil die Gemächlichkeit des Sitzens eine Abspannung ist, welche mit den drohenden Geberdungen und dem Schreien im Stehen sich nicht wohl vereinigen lässt. Die Leidenschaft hingegen (als zum Be- gehrungsvermögen gehörige Gemüthsstimmung) lässt sich Zeit, und ist überlegend, so heftig sie auch sein mag, um ihren Zweck zu erreichen. — Der AfFect wirkt wie ein Wasser, was den Damm durchbricht; die 166 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Leidenschaft wie ein Strom, der sich in seinem Bette immer tiefer eingräbt. Der Affect wirkt auf die Gesund- heit wie ein Schlagfluss, die Leidenschaft wie eine Schwindsucht oder Abzehrung. — Er ist wie ein Rausch, den man ausschläft, obgleich Kopfweh darauf folgt; die Leidenschaft aber wie eine Krankheit aus verschlucktem Gift oder Verkrüppelung anzusehen, die einen innern oder äussern Seelenarzt bedarf, der doch mehrentheils keine radikalen, sondern fast immer nur palliativ heilende Mittel zu verschreiben weiss.

Wo viel Affect ist, da ist gemeiniglich wenig Leidenschaft; wie bei den Franzosen, welche durch ihre Lebhaftigkeit veränderlich sind, in Vergleichung mit Italienern und Spaniern (auch Indiern und Chinesen), die in ihrem Groll über Rache brüten, oder in ihrer Liebe bis zum Wahnsinn beharrlich sind. — Affecte sind ehrlich und offen, Leidenschaften dagegen hinterlistig und versteckt. Die Chinesen werfen den Engländern vor, dass sie ungestüm und hitzig wären, „wie die Tataren", diese aber jenen, dass sie ausgemachte (aber gelassene) Betrüger sind, die sich durch diesen Vorwurf in ihrer Leidenschaft gar nicht irre machen lassen. — Affect ist wie ein Rausch, der sich ausschläft; Leiden- schaft als ein Wahnsinn anzusehen, der über einer Vorstellung brütet, die sich immer tiefer einnistelt. — Wer liebt, kann dabei doch noch sehend bleiben; der sich aber verliebt, wird gegen die Fehler des geliebten Gegenstandes unvermeidlich blind; wiewohl der Letztere acht Tage nach der Hochzeit sein Ge- sicht wieder zu erlangen pflegt. — Wen der Affect wie ein Raptus anzuwandeln pflegt, der ist, so gutartig jener auch sein mag, doch einem Gestörten ähnlich; weil es ihn aber schnell darauf reuet, so ist es nur ein Paroxysmus, den man Unbesonnenheit betitelt. Mancher wünscht wohl sogar, dass er zürnen könne, und Sokrates war im Zweifel, ob es nicht auch manchmal gut wäre, zu zürnen; aber den Affect so in seiner Gewalt zu haben, dass man kaltblütig überlegen kann, ob man zürnen solle oder nicht, scheint etwas Wider- sprechendes zu sein. — Leidenschaft dagegen wünscht sich kein Mensch. Denn wer will sich in Ketten legen lassen, wenn er frei sein kann?

Von den Affecten insbesondere. A.

Von der Regierung des Gemüths in Ansehung der Affecten.

Das Princip der Apathie: dass nämlich der Weise niemals im Affect, selbst nicht in dem des Mitleids mit den Uebeln seines besten Freundes sein müsse, ist ein ganz richtiger und erhabener moralischer Grundsatz der stoischen Schule; denn der Affect macht (mehr oder weniger) blind. — Dass gleichwohl die Natur in uns die Anlage dazu eingepflanzt hat, war Weisheit der Natur, um provisorisch, ehe die Vernunft noch zur ge- hörigen Stärke gelangt ist, den Zügel zu führen, nämlich den moralischen Triebfedern zum Guten noch die des pathologischen (sinnlichen) Anreizes, als einstweiliges Surrogat der Vernunft, zur Belebung beizufügen. Denn übrigens ist Affect, für sich allein betrachtet, jederzeit unklug; er macht sich selbst unfähig, seinen eigenen Zweck zu verfolgen, und es ist also unweise +), ihn in sich vorsätzlich entstehen zu lassen. — Gleichwohl kann die Vernunft in Vorstellung des Moralisch - Guten durch Verknüpfung ihrer Ideen mit Anschauungen (Beispielen), die ihnen unterlegt werden, eine Belebung des Willens hervorbringen (in geistlichen oder auch politischen Reden an's Volk, oder auch einsam an sich selbst), und also nicht als Wirkung, sondern als Ursache eines Affects in Ansehung des Guten seelenbelebend sein, wobei diese Vernunft doch immer noch den Zügel führt, und ein Enthusiasmus des guten Vorsatzes bewirkt wird, der aber eigentlich zum Begehrungsvermögen und nicht zum Affect, als einem stärkeren sinnlichen Gefühl ge- rechnet werden muss. — 163 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.

Die Naturgabe einer Apathie, bei hinreichender Seelenstärke, ist, wie gesagt, das glückliche Phlegma (im moralischen Sinne). Wer damit begabt ist, der ist zwar darum eben noch nicht ein Weiser, hat aber doch die Begünstigung von der Natur, dass es ihm leichter wird als Anderen, es zu werden.

Ueberhaupt ist es nicht die Stärke eines gewissen Gefühls, welche den Zustand des Affects ausmacht, sondern der Mangel der Ueberlegung, dieses Gefühl mit der Summe aller Gefühle (der Lust oder Unlust) in seinem Zustande zu vergleichen. Der Reiche, welchem sein Be- dienter bei einem Feste einen schönen und seltenen gläsernen Pokal im Herumtragen ungeschickter Weise zerbricht, würde diesen Zufall für nichts halten, wenn er in demselben Augenblicke diesen Verlust eines Ver- gnügens mit der Menge aller Vergnügen, die ihm sein glücklicher Zustand als eines reichen Mannes darbietet, vergliche. Nun überlässt er sich aber ganz allein diesem einen Gefühl des Schmerzes (ohne jene Berechnung in Gedanken schnell zu machen); kein Wunder also, dass ihm dabei so zu Muthe wird, als ob seine ganze Glück- seligkeit verloren wäre. 69) B.

Von den verschiedenen Affecten selbst.

Das Gefühl, welche das Subject antreibt, in dem Zustande, darin es ist, zu bleiben, ist angenehm; das aber, was antreibt, ihn zu verlassen, unangenehm. Mit Bewusstsein verbunden, heisst das erstere Ver- gnügen (yoluptas), das zweite Missvergnügen (taedium. Als Affect heisst jenes Freude, dieses Traurigkeit. — Die ausgelassene Freude (die durch keine Be- sorgniss eines Schmerzes gemässigt wird) und die ver- sinkende Traurigkeit (die durch keine Hoffnung ge- lindert wird), der Gram, sind Affecten, die dem Leben drohen. Doch hat man aus den Sterbelisten ersehen, dass doch mehr Menschen durch die erstere, als durch die letztere das Leben plötzlich verloren haben; weil 3 Buch. Vom Begehrimgs vermögen. §. 74. 169 der Hoffnung, als Affect, durch die unerwartete Er- öffnung der Aussicht in ein nicht auszumessendes Glück, das Gemüth sich ganz tiberlässt und so der Affect, bis zum Ersticken, steigend ist; dagegen den immer fürch- tenden Grame doch natürlicherweise vom Gemüthe auch immer noch widerstritten wird, und er also nur langsam tödtend ist.

Der Schreck ist die plötzlich erregte Furcht, welche das Gemüth ausser Fassung bringt. Einem Schreck ähnlich ist das Auffallende, was stutzig (noch nicht bestürzt) macht, und was das Gemüth erweckt, sich zur Ueberlegung zu sammeln; es ist der Anreiz zur Verwunderung (welche schon Ueberlegung in sich enthält). Erfahrenen widerfährt das nicht so leicht; aber zur Kunst gehört es, das Gewöhnliche von einer Seite, da es auffallend wird, vorzustellen. Der Zorn ist ein Schreck, der zugleich die Kräfte zum Wider- stande gegen das Uebel schnell rege macht. Furcht über einen, unbestimmtes Uebel drohenden Gegenstand ist Bangigkeit. Es kann einem Bangigkeit anhängen, ohne ein besonderes Object dazu zu wissen: eine Be- klommeaheit aus blos subjectiven Ursachen (einem krank- haften Zustande). Scham ist Angst aus besorgter Ver- achtung einer gegenwärtigen Person und, als solche, ein Affect. Sonst kann Einer sich auch empfindlich schämen ohne Gegenwart Dessen, vor dem er sich schämt; aber dann ist es kein Affect, sondern, wie der Gram, eine Leidenschaft, sich selbst mit Verachtung an- haltend, aber vergeblich zu quälen; die Scham dagegen, als Affect, muss plötzlich eintreten.

Affecten sind überhaupt krankhafte Zufälle (Sympto- men) und können (nach einer Analogie mit Brown's System) in sthenische, aus Stärke, und asthenische, aus Schwäche, eingetheilt werden. Jene sind von der erregenden, dadurch aber oft auch erschöpfenden, diese von einer die Lebenskraft abspannenden, aber oft dadurch auch Erholung vorbereitenden Beschaffenheit. — Lachen mit Affect ist eine convulsi vische Fröh- lichkeit. Weinen begleitet die schmelzende Em- pfindung eines ohnmächtigen Zürnens mit dem Schick- sal oder mit andern Menschen, gleich einer von ihnen 170 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

erlittenen Beleidigung; und diese t) Empfindung ist W eh - muth. Beide aber, das Lachen und das Weinen ff), heitern auf; denn es sind Befreiungen von einem Hinder- niss der Lebenskraft durch Ergiessungen (man kann nämlich auch bis zu Thränen lachen, wenn man bis zur Erschöpfung lacht). Lachen ist männlich, weinen da- gegen weiblich (beim Manne weibisch), und nur die Anwandlung zu Thränen, und zwar aus grossmüthiger, aber ohnmächtiger Theilnehmung am Leiden Anderer, kann dem Mann verziehen werden, dem die Thräne im Auge glänzt, ohne sie in Tropfen fallen zu lassen, noch weniger sie mit Schluchzen zu begleiten und so eine widerwärtige Musik zu machen. 70) Von der Furchtsamkeit und der Tapferkeit.

Bangigkeit, Angst, Grauen und Entsetzen sind Grade der Furcht, d. i. des Abscheues vor Gefahr. Die Fassung des Gemüths, die letztere mit Ueberlegung zu übernehmen, ist der Muth; die Stärke des inneren Sinnes (ataraxia), nicht leicht wodurch in Furcht gesetzt zu werden, ist Unerschrockenheit. Der Mangel des ersteren ist Feigheit *), des zweitem Schüchternheit.

Herzhaft ist Der, welcher nicht erschrickt; Muth hat Der, welcher mit Ueberlegung der Gefahr nicht weicht; tapfer ist Der, dessen Muth in Gefahren, anhaltend ist. Wagehalsig ist der Leichtsinnige der sich in Gefahren wagt, weil er sie nicht kennt Kühn, der sie wagt, ob er sie gleich kennt; tollkühn der bei sichtbarer Unmöglichkeit, seinen Zweck zu er reichen, sich in die grösste Gefahr setzt (wie Karl XII f) 1. Ausg.: „die letztere" ff) „das Lachen und das Weinenu Zusatz der 2. Ausg.

*) Das Wort Poltron (von pollex truncatus hergenommen wurde im späteren Lateinischen mit murcus gegeben, und be deutet einen Menschen, der sich den Daumen abgehackt, um nicht in den Krieg ziehen zu dürfen.

bei Bender). Die Türken nennen ihre Braven (vielleicht durch Opium) Tolle. — Feigheit ist also ehrlose Ver- zagtheit.

Erschrockenheit ist nicht eine habituelle Beschaffen- heit, leicht in Furcht zu gerathen; denn diese heisst Schüchternheit; sondern blos ein Zustand und zufällige Disposition, mehrentheils blos von körperlichen Ursachen abhängend, sich gegen eine plötzlich aufstossende Ge- fahr nicht gefasst genug zu fühlen. Einem Feldherrn, der im Schlafrock ist, indem ihm die unerwartete An- näherung des Feindes angekündigt wird, kann wohl das Blut einen Augenblick in den Herzkammern stocken, und an einem gewissen General bemerkte sein Arzt, dass? wenn er Säure im Magen hatte, er kleinmüthig und schüchtern war. Herzhaftigkeit ist aber blos Tem- peramentseigenschaft. Der Muth dagegen beruht auf Grundsätzen und ist eine Tugend. Die Vernunft reicht dem entschlossenen Mann alsdann Stärke, die ihm die Natur bisweilen versagt. Das Erschrecken in Gefechten bringt sogar wohlthätige Ausleerungen hervor, welche einen Spott (das Herz nicht am rechten Ort zu haben) sprichwörtlich gemacht haben; man will aber bemerkt haben, dass diejenigen Matrosen, welche, bei dem Auf- rufe zum Schlagen, zum Orte ihrer Entledigung eilen, hernach die Muthigsten im Gefechte sind. Eben das bemerkt man doch auch an dem Eeiher, wenn der Stoss- falk über ihm schwebt und jener sich zum Gefecht gegen ihn anschickt.

Geduld ist demnach nicht Muth. Sie ist eine weib- liche Tugend; weil sie nicht Kraft zum Widerstande aufbietet, sondern das Leiden (Dulden) durch Gewohn- heit unmerklich zu machen hofft. Der unter dem chirur- gischen Messer oder bei Gicht- und Steinschmerzen schreit, ist darum in diesem Zustande nicht feig oder weichlich; es ist so wie das Fluchen, wenn man im Gehen an einen freiliegenden Strassenstein (mit dem grossen Zeh, davon das Wort hallucinari hergenommen) stösst, vielmehr ein Ausbruch des Zornes, in welchem die Natur durch Geschrei das Stocken des Bluts am Herzen zu zerstreuen bestrebt ist. — Geduld aber von besonderer Art beweisen die Indianer in Amerika, welche, wenn sie umzingelt sind, ihre Waffen wegwerfen und, 172 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

ohne um Pardon zu bitten, sich ruhig niedermachen lassen. Ist nun hiebei mehr Muth, als die Europäer zeigen, die sich in diesem Falle bis auf den letzten Mann wehren? Mir scheint es blos eine barbarische Eitelkeit zu sein: ihrem Stamme dadurch die Ehre zu erhalten, dass ihr Feind sie zu Klagen und zu Seufzern, als Beweis- thümer ihrer Unterwerfung, nicht sollte zwingen können.

Der Muth als Affect (mithin einerseits zur Sinnlich- keit gehörend) kann aber auch durch Vernunft erweckt und so wahre Tapferkeit (Tugendstärke) sein. Sich durch Sticheleien und mit Witz geschärfte, eben dadurch aber nur desto gefährlichere, spöttische Verhöhnungen dessen, was ehrwürdig ist, nicht abschrecken zu lassen, sondern seinen Gang standhaft zu verfolgen, ist ein moralischer Muth, den Mancher nicht besitzt, welcher in der Feldschlacht, oder dem Duell, sich als einen Braven beweist. Es gehört nämlich zur Entschlossenheit, etwas, was die Pflicht gebietet, selbst auf die Gefahr der Ver- spottung von Anderen, zu wagen, sogar ein hoher Grad von Muth, weil Ehr liebe die beständige Begleiterin der Tugend ist, und Der, welcher sonst wider Gewalt hin- reichend gefasst ist, doch der Verhöhnung sich selten gewachsen fühlt, wenn man ihm diesen Anspruch auf Ehre mit Hohnlachen verweigert f).

Der Anstand, der einen äusseren Anschein von Muth giebt, sich in Vergleichung mit Anderen in der Achtung nichts zu vergeben, heisst Dreistigkeit; im Gegensatz der Blödigkeit; einer Art von Schüchternheit und Be- sorgniss, Anderen nicht vortheilhaft in die Augen zu fallen. — Jene kann, als billiges Vertrauen zu sich selbst, nicht getadelt werden. Diejenige Dreis tigkeit *) aber im Anstände, welche Jemandem den Anschein giebt, sich f) Dieser Satz: „Es gehört...verweigert." ist an dieser Stelle Zusatz der 2. Ausg. In der 1. Ausg. steht er nach dem folgenden Absätze und lautet dort: „Endlich ge- hört auch zum Muth, der rein moralisch ist, die Entschlossen- heit, etwas, was die Pflicht gebietet zu wagen. Hiezu gehört ein hoher Grad von Muth, weil Ehrliebe" u. s. w.

*) Dieses Wort sollte eigentlich Dräustigkeit (von Dräuen oder Drohen), nicht Dreistigkeit geschrieben werden; aus dem Urtheil Anderer über ihn nichts zu machen, ist Dummdreistigkeit, Unverschämtheit; im gemilderten Ausdruck aber Unbescheidenheit; diese gehört also nicht zum Muthe, in der sittlichen Bedeutung des Worts.

Ob Selbstmord auch Muth oder immer nur Verzagt- heit voraussetze, ist nicht eine moralische, sondern blos eine psychologische Frage. Wenn er verübt wird, blos um seine Ehre nicht zu überleben, also aus Zorn, so scheint er Muth; ist es aber die Erschöpfung der Geduld im Leiden durch Traurigkeit, welche alle Geduld lang- sam erschöpft, so ist es ein Verzagen. Es scheint dem Menschen eine Art von Heroismus zu sein, dem Tod gerade in's Auge zu sehen und ihn nicht zu fürchten, wenn er das Leben nicht länger lieben kann. Wenn er aber, ob er gleich den Tod fürchtet, doch das Leben auf jede Bedingung zu lieben immer nicht aufhören kann, und so eine Gemüthsverwirrung aus Angst vor- hergehen muss, um zum Selbstmorde zu schreiten, so stirbt er aus Feigheit, weil er die Qualen des Lebens nicht länger ertragen kann. — Die Art der Vollführung des Selbstmordes giebt diesen Unterschied der Gemüths- stimmung gewissermassen zu erkennen. Wenn das dazu gewählte Mittel plötzlich und ohne mögliche Rettung tödtend ist, wie z. B. der Pistolenschuss oder (wie es ein grosser Monarch, auf den Fall, dass er in Gefangen- schaft geriethe, im Kriege bei sich führte), ein ge- schärftes Sublimat oder tiefes Wasser und mit Steinen angefüllte Taschen; so kann man dem Selbstmörder den Muth nicht streiten. Ist es aber der Strang, der noch von Anderen abgeschnitten, oder gemeines Gift, das durch den Arzt noch aus dem Körper geschafft, oder ein Schnitt in den Hals, der wieder zugenäht und ge- heilt werden kann; bei welchen Attentaten der Selbstweil der Ton oder auch die Miene eines solchen Menschen Andere besorgen lässt, er könne auch wohl grob sein. Ebenso schreibt man liederlich für lüderlich, da doch das erste einen leichtfertigen, muthwilligen, sonst nicht unbrauchbaren und gutmüthigen, das zweite aber einen verworfenen, jeden Anderen anekelnden Menschen (vom Wort Luder) bedeutet.

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mörder, wenn er noch gerettet wird, gemeiniglich selbst froh wird und es nie mehr versucht; so ist es feige Ver- zweiflung aus Schwäche, nicht rüstige, welche noch Stärke der Gemüthsverfassung zu einer solchen That erfordert.

Es sind nicht immer blos verworfene, nichtswürdige Seelen, die auf solche Weise der Last des Lebens los- zuwerden beschliessen; vielmehr hat man von solchen, die für wahre Ehre kein Gefühl haben, dergleichen That nicht leicht zu besorgen. — Indessen da sie doch immer grässlich bleibt, und der Mensch sich selber dadurch zum Scheusal macht, ist es doch merkwürdig, dass, in Zeitläuften der öffentlichen und für gesetzmässig erklärten Ungerechtigkeit eines revolutionairen Zustandes (z. B. des Wohlfahrtsausschusses der französischen Republik) ehr- liebende Männer (z. B. Roland) der Hinrichtung nach dem Gesetz durch Selbstmord zuvorzukommen gesucht haben, den sie in einer constitutionellen selbst für verwerflich erklärt haben würden. Der Grund davon ist dieser. Es liegt in dieser Hinrichtung nach einem Gesetz etwas Beschimpfendes, weil sie Strafe ist, und wenn jene un- gerecht ist, so kann Der, welcher das Opfer des Gesetzes wird, diese nicht für eine verdiente anerkennen. Dieses aber beweist er dadurch, dass, wenn er dem Tode einmal geweiht worden, er ihn nun lieber wie ein freier Mensch wählt und ihn sich selbst anthut. Dalier auch Tyrannen (wie Nero) es für eine Gunstbezeugung aus- gaben, zu erlauben, dass der Verurtheilte sich selbst um- brächte; weil es dann mit mehr Ehre geschah. — — Die Moralität aber hievon verlange ich nicht zu ver- theidigen.

Der Muth des Kriegers aber ist von dem des Duellanten noch sehr verschieden, wenngleich das Duell von der Regierung Nachsicht erhält, und gewissermaassen "Selbsthülfe wider Beleidigung zur Ehrensache in der Armee gemacht wird, in die sich das Oberhaupt der- selben nicht mischt; ohne sie doch durch's Gesetz öffent- lich erlaubt zu machen. — Dem Duell durch die Finger zu sehen, ist ein vom Staatsoberhaupt nicht wohl über- dachtes schreckliches Princip; denn es giebt auch Nichts- würdige, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um etwas zu gelten, und die, für die Erhaltung des Staats etwas mit ihrer eigenen Gefahr zu thun, gar nicht gemeint sind.

Tapferkeit ist ge setzmässiger Muth, in dem, was Pflicht gebietet, selbst den Verlust des Lebens nicht zu scheuen. Die Furchtlosigkeit macht's allein nicht aus, sondern die moralische Untadelhaftigkeit {mens conscia recti) muss damit verbunden sein, wie beim Ritter Bayard {Chevalier sans peur et sans reproche).n) Von Affecten, die sich selbst in Ansehung ihres Zwecks schwächen.

(Impotentes animi motus.)

Die Affecten des Zorns und der Scham haben das Eigene, dass sie sich selbst in Ansehung ihres Zweckes schwächen. Es sind plötzlich erregte f) Gefühle eines Uebels als Beleidigung, die aber durch ihre Heftigkeit zugleich unvermögend machen, es abzuwehren.

Wer ist mehr zu fürchten: Der, welcher in heftigen Zorn erblasst, oder der hiebei erröthet? Der Erstere ist auf der Stelle zu fürchten; der Zweite desto mehr hinterher (der Rachegier halber). Im ersteren Zustande erschrickt der aus der Fassung gebrachte Mensch vor sich selbst, zu einer Heftigkeit im Gebrauche seiner Gewalt hingerissen zu werden, die ihn nachher reuen möchte. Im zweiten geht der Schreck plötzlich in die Furcht über, dass das Bewusstsein seines Unvermögens der Selbstvertheidigung sichtbar werden möchte. — Beide, wenn sie sich durch die behende Fassung des Gemüths Luft machen können, sind der Gesundheit nicht nachtheilig; wo aber nicht, so sind sie theils dem Leben selbst gefährlich, theils, wenn ihr Ausbruch zu- rückgehalten wird, hinterlassen sie einen Groll, d. i. eine Kränkung darüber, sich gegen Beleidigung nicht mit Anstand benommen zu haben; welche aber vermieden f) In der 1. Ausg. fängt dieser Paragraph an: „Sie sind Zorn und Scham. Plötzlich erregte" u. s. w.

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wird, wenn sie nur zu Worten kommen können. So aber sind beide Affecten von der Art, dass sie stumm machen und sich dadurch in einem unvortheilhaften Lichte dar- stellen.

Der Jaehzorn kann durch innere Disciplin des Ge- müths noch wohl abgewendet werden; aber die Schwäche eines überzarten Ehrgefühls in der Scham lässt sich nicht so leicht wegkünsteln. Denn, wie Hume sagt (der selbst mit dieser Schwäche, — der Blödigkeit, öffentlich zu reden, — behaftet war), macht der erste Versuch zur Dreistigkeit, wenn er fehlschlägt, nur noch schüchterner und es ist kein anderes Mittel, als von seinem Um- gange mit Personen, aus deren Urtheil über den An- stand man sich wenig macht, anhebend, allmälig von der vermeinten Wichtigkeit des Urtheiis Anderer über uns abzukommen und sich hierin innerlich auf den Fuss der Gleichheit mit ihnen zu schätzen. Die Gewohnheit hierin bewirkt die Freimüthigkeit, welche von der Blödig- keit und beleidigenden Dreistigkeit gleich weit ent- fernt ist.

Wir sympathisiren zwar mit der Scham des Anderen, als einem Schmerz, aber nicht mit dem Zorn desselben, wenn er uns die Anreizung zu demselben in diesem Affect gegenwärtig erzählt; denn vor Dem, der in diesem Zustande ist, ist Der, welcher seine Er- zählung (von einer erlittenen Beleidigung) anhört, selbst nicht sicher.

Verwunderung (Verlegenheit, sich in das Un- erwartete zu finden) ist eine das natürliche Gedanken- spiel zuerst hemmende, mithin unangenehme, dann aber das Zuströmen der Gedanken zu der unerwarteten Vor- stellung desto mehr befördernde und daher angenehme Erregung des Gefühls; Erstaunen heisst aber dieser Affect eigentlich alsdann nur, wenn man dabei gar un- gewiss wird, ob die Wahrnehmung wachend oder träumend geschehe f). Ein Neuling in der Welt verwundert sich über Alles; wer aber mit dem Lauf der Dinge durch vielfältige Erfahrung bekannt geworden ft)> macht f) 1. Ausg.: „sie ist aber eigentlich alsdann nur, wenn . geschehe, der Affect des Erstaunens", ff) 1. Ausg.: „der mit dem...bekannt geworden".

es sich zum Grundsatze, sich über nichts zu verwundern {nihil admirari). Wer hingegen mit forschendem Blicke die Ordnung der Natur, in der grossen Mannigfaltigkeit derselben, nachdenkend verfolgt, geräth über eine Weisheit, deren er sich nicht gewärtig war, in Er- staunen; eine Bewunderung, von der man sich nicht losreissen (sich nicht genug verwundern) kann; welcher Affect aber alsdann nur durch die Vernunft angeregt wird und eine Art von heiligem Schauer ist, den Ab- grund des Uebersinnlichen sich vor seinen Füssen er- öffnen zu sehen. 72) Von den Affecten, durch welche die Natur die Gesundheit mechanisch befördert.

Durch einige Affecten wird die Gesundheit von der Natur mechanisch befördert. Dahin gehört vornehmlich das Lachen und das Weinen f ). Der Zorn, wenn man (doch ohne Widerstand zu besorgen) brav schelten darf, ist zwar auch ein ziemlich sicheres Mittel zur Ver- dauung, und manche Hausfrau hat keine andere innig- liche Motion, als das Ausschelten der Kinder und des Gesindes, wie dann auch, wenn sich Kinder und Ge- sinde nur hiebei geduldig betragen, eine angenehme Müdigkeit der Lebenskraft durch die Maschine sich gleich- förmig verbreitet; aber ohne Gefahr ist dieses Mittel doch auch nicht wegen des besorglichen Widerstandes jener Hausgenossen.

Das gutmüthige (nicht hämische, mit Bitterkeit ver- bundene) Lachen ist dagegen beliebter und gedeihlicher; nämlich das, was man jenem persischen König hätte empfehlen sollen, der einen Preis für den aussetzte, „welcher ein neues Vergnügen erfinden würde ". — Die dabei stossweise (gleichsam convulsivisch) geschehende Ausathmung der Luft (von welcher das Niesen nur ein kleiner, doch auch belebender Affect ist, wenn ihr Schall f) Statt dieser Anfangsworte stehen in der 1. Ausgabe als Ueberschrift die Worte: „Sie sind das Lachen und das Weinen."

Kant, Anthropologie.

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un verhalten f) ertönen darf), stärkt durch die heilsame Bewegung des Zwerchfelles das Gefühl der Lebenskraft. Es mag nun ein gedungener Possenreisser (Harlekin) sein, der uns zu Lachen macht, oder ein zur Gesellschaft der Freunde gehörender durchtriebener Schalk, der nichts Arges im Sinne zu haben scheint, „der es hinter den Ohren hat" und nicht mitlacht, sondern mit schein- barer Einfalt eine gespannte Erwartung (wie eine ge- spannte Saite) plötzlich loslässt; so ist das Lachen immer Schwingung der Muskeln, die zur Verdauung gehören, welche diese weit besser befördert, als es die Weisheit des Arztes thun würde. Auch eine grosse Albernheit einer fehlgreifenden Urtheilskraft kann, — freilich aber auf Kosten des vermeintlichen Klügeren, — ebendieselbe Wirkung thun *).

Das Weinen, ein mit Schluchzen geschehendes (convuisivisches) Einathmen, wenn es mit Thränenerguss verbunden ist, ist, als ein schmerzlinderndes Mittel, *) Beispiele von Letzterem kann man in Menge geben. Ich will aber nur eines anführen, was ich aus dem Munde der verstorbenen Frau Gräfin von K — g habe, einer Dame, die die Zierde ihres Geschlechts war. Bei ihr hatte der Graf Sagramoso, der damals die Einrichtung des Maltheser- ritterordens in Polen (aus der Ordination Ostrog) zu besorgen den Auftrag hatte, den Besuch gemacht, und zufälligerweise war ein aus Königsberg gebürtiger, aber in Hamburg für die Liebhaberei einiger reichen Kaufleute zum Naturalien- sammler und Aufseher dieser ihrer Kabinette angenommener Magister, der seine Verwandten in Preussen besuchte, hinzu- gekommen, zu welchem der Graf, um doch etwas mit ihm zu reden, im gebrochenen Deutsch sprach: „ick abe in Amburg eine Ant geabt (ich habe in Hamburg eine Tante gehabt); aber die ist mir gestorben". Fluchs ergriff der Magister das "Wort und fragte: „warum Hessen Sie sie nicht abziehen und ausstopfen"? Er nahm das englische Wort Ant. welches Tante bedeutet, für Ente, und weil er gleich darauf fiel, sie müsse sehr rar gewesen sein, bedauerte er den grossen Schaden. Man kann sich vorstellen, welches Lachen dieses Missversteheu erregen musste.