SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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Andern bald besänftigen, zürnt alsdann, ohne zu hassen, und liebt wohl gar den noch desto mehr, der ihm bald nachgegeben hat. — Seine Thätigkeit ist rasch, aber nicht anhaltend. — Er ist geschäftig, aber unterzieht sich selbst ungern den Geschäften, eben darum, weil er es nicht anhaltend ist, und macht also gern den blossen Befehlshaber, der sie leitet, aber selbst nicht ausführen will. Daher ist seine herrschende Leiden- schaft Ehrbegierde; er hat gern mit öffentlichen Ge- schäften zu thun und will laut gepriesen sein. Er liebt daher den Schein und den Pomp der Formalitäten, nimmt gern in Schutz und ist dem Scheine nach gross- müthig, aber nicht aus Liebe, sondern aus Stolz; denn er liebt sich mehr selbst. — Er hält auf Ordnung und scheint deshalb klüger, als er ist. Er ist habsüchtig, um nicht filzig zu sein; ist höflich, aber mit Ceremonie, steif und geschroben im Umgange und hat gern irgend einen Schmeichler, der das Stichblatt seines Witzes ist, leidet mehr Kränkungen durch den Widerstand Anderer gegen seine stolzen Anmaassungen, als je der Geizige durch seine habsüchtigen; weil ein Bischen kaustischen Witzes ihm den Nimbus seiner Wichtigkeit ganz weg- bläst, indessen dass der Geizige doch durch den Gewinn dafür schadlos gehalten wird. Mit einem Wort, das cholerische Temperament ist unter allen am wenigsten glücklich, weil es am meisten den Widerstand gegen sich aufruft.

Das phlegmatische Temperament des Kaltblütigen.

Phlegma bedeutet Affectlosigkeit, nicht Träg- heit (Leblosigkeit), und man darf den Mann, der viel Phlegma hat, darum sofort nicht einen Phlegmatiker oder ihn phlegmatisch nennen, und ihn unter diesem Titel in die Ciasse der Faulenzer setzen.

Phlegma, als Schwäche, ist Hang zur Unthätig- keit, sich durch selbst starke Triebfedern zu Geschäften nicht bewegen zu lassen. Die Unempfindlichkeit dafür A. Vom Charakter der Person. §. 87. 211 ist willkürliche Unnützlichkeit, und die Neigungen gehen nur auf Sättigung und Schlaf.

Phlegma, als Stärke, ist dagegen die Eigenschaft: nicht leicht oder rasch, aber, wenngleich langsam, doch anhaltend bewegt zu werden. — Der, welcher eine gute Dosis von Phlegma in seiner Mischung hat, wird langsam warm, aber e$ behält die Wärme länger. Er geräth nicht leicht in Zorn, sondern bedenkt sich erst, ob er auch zürnen solle; wenn andererseits der Chole- rische rasend werden möchte, dass er den festen Mann ni-cht aus seiner Kaltblütigkeit bringen kann.

Mit einer ganz gewöhnlichen Dosis der Vernunft, aber zugleich diesem Phlegma von der Natur ausgestattet, ohne zu glänzen, und doch von Grundsätzen, nicht vom Instinct ausgehend, hat der Kaltblütige nichts zu bereuen. Sein glückliches Temperament vertritt bei ihm die Stelle der Weisheit, und man nennt ihn, selbst im gemeinen Leben, oft den Philosophen. Durch dieses ist er Anderen überlegen, ohne ihre Eitelkeit zu kränken. Man nennt ihn auch oft durchtrieben; denn alle auf ihn los- geschnellte Ballisten und Katapulten prallen von ihm als einen Wollsacke ab. Er ist ein verträglicher Ehemann und weiss sich die Herrschaft über Frau und Verwandte zu verschaffen, indessen dass er scheint Allen zu Willen zu sein, weil er durch seinen unbiegsamen, aber über- legten Willen den ihrigen zu dem seinen umzustimmen versteht; wie Körper, welche mit kleiner Masse und grosser Geschwindigkeit den Stoss ausüben, durchbohren, mit weniger Geschwindigkeit aber und grösserer Masse das ihnen entgegenstehende Hinderniss mit sich fortführen, ohne es zu zertrümmern.

Wenn ein Temperament die Beigesellung eines andern sein soll — wie das gemeiniglich geglaubt wird — z. B.

Das sanguinische Das melancholische A B I) Das cholerische Das phlegmatische 212 Anthropologie. II. Thoil. Anthropol. Charakteristik.

so widerstehen sie entweder einander, oder sie neu- tralisiren sich. Das erstere geschieht, wenn das san- guinische mit dem melancholischen, ingleichen wenn das cholerische mit dem phlegmatischen in einem und dem- selben Subject als vereinigt gedacht werden will: denn sie (A. nnd B, ungleichen C und D) stehen gegen ein- ander im Widerspruch. — Das Zweite, nämlich die Neu* tralisirung, würde in der (gleichsam chemischen) Mischung des sanguinischen mit dem cholerischen, und des melan- cholischen mit dem phlegmatischen (A und C, imgleicheu B und D) geschehen. Denn die gutmüthige Fröhlichkeit kann nicht in demselben Act mit dem abschreckenden Zorn zusammenschmelzend gedacht werden, ebensowenig wie die Pein des Selbstquälers mit der zufriedenen Ruhe des sich selbst genügsamen Gemüths. — Soll aber einer dieser zwei Zustände in demselben Subject mit dem andern wechseln, so giebt das blosse Launen, aber kein bestimmtes Temperament ab.

Also giebt es keine zusammengesetzten Tempe- ramente; z. B. ein sanguinisch - cholerisches (welches die Windbeutel alle haben wollen, indem sie alsdann gnädige, aber doch auch strenge Herren zu sein vorgaukeln), sondern es sind in Allem deren nur vier, und jedes derselben einfach, und man weiss nicht, was aus dem Menschen gemacht werden soll, der sich ein gemischtes zueignet.

Frohsinn und Leichtsinn, Tiefsinn und Wahnsinn, Hochsinn und Starrsinn, endlich Kaltsinn und Schwach- sinn sind nur als Wirkungen des Temperaments in Be- ziehung auf ihre Ursache unterschieden *). s- *) Welchen Einfluss die Verschiedenheit des Temperaments auf die öffentlichen Geschäfte, oder umgekehrt diese (durch die Wirkung*, die die gewohnte Uebung in diesem auf jenem) hat. will man dann auch, theils durch Erfahrung, theils auch mit Beihülfe der muthmasslichen Gelegenheitsursachen erklügelt haben. So heisst es z. B.

In der Religion ist der Choleriker orthodox.

der Sanguinische Freigeist, der Melancholische S c h w ä r m e r, der Phlegmatische Indifferent ist.

A. Vom Charakter der Person. §. 87.

III.

Vom Charakter, als der Denkungsart.

Von einem Menschen schlechthin sagen zu können: „er hat einen Charakter", heisst sehr viel von ihm, nicht allein gesagt, sondern auch gerühmt; denn das ist eine Seltenheit, die Hochachtung gegen ihn und Be- wunderung erregt.

Wenn man unter dieser Benennung überhaupt das versteht, wessen man sich zu ihm sicher zu versehen hat, es mag Gutes oder Schlimmes sein, pflegt man dazu zu setzen: er hat diesen oder jenen Charakter, und dann bezeichnet der Ausdruck die Sinnesart. — Einen Charakter aber schlechthin zu haben, bedeutet, diejenige Eigenschaft des Willens, nach welcher das Subject sich selbst an bestimmte praktische Principien bindet, die er sich durch seine eigene Vernunft un- abänderlich vorgeschrieben hat. Ob nun zwar diese Grund- sätze auch bisweilen falsch und fehlerhaft sein dürften, so hat doch das Formelle des Wollens überhaupt, nach festen Grundsätzen zu handeln (nicht wie in einem Mücken- schwarm, bald hiehin, bald dahin abzuspringen), etwas Schätzbares und Bewunderungswürdiges in sich, wie es denn auch etwas Seltenes ist.

Es kommt hiebei nicht auf das an, was die Natur aus dem Menschen, sondern was dieser aus sich selbst macht; denn das Erstere gehört zum Temperament (wobei das Subject grossentheils passiv ist), und nur das Letztere giebt zu erkennen, dass er einen Charakter habe.

Alle andere gute und nutzbare Eigenschaften des- selben haben einen Preis, sich gegen andere, die ebenso viel Nutzen schaffen, austauschen zu lassen: das Talent einen Marktpreis, denn der Landes- oder Gutsherr kann einen solchen Menschen auf allerlei Art brauchen; — das Temperament einen Aifectionspreis; man kann Allein das sind so hingeworfene Urtheile, die für die Charakte- ristik so viel gelten, als scurrilischer Witz ihnen einräumt (valent quantum possunt), (d. h. sie gelten so weit es angeht).

214 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

sich mit ihm gut unterhalten, er ist ein angenehmer Gesellschafter; — aber — der Charakter hat einen inneren Werth *) und ist über allen Preis erhaben. 83) Von den Eigenschaften, die blos daraus folgen, dass der Mensch einen Charakter hat oder ohne Charakter ist.

1) Der Nachahmer (im Sittlichen) ist ohne Cha- rakter, denn dieser besteht eben in der Originalität der Denkungsart, er schöpft aus einer von ihm selbst ge- öffneten Quelle seines Verhaltens. Darum aber darf der Vemunftmensch doch auch nicht Sonderling sein; *) Ein Seefahrer hörte in eiuer Gesellschaft dem Streite zu, den Gelehrte über den Rang unter sich, nach ihren Facultäten führten. Er entschied ihn auf seine Art, nämlich: wie viel ihm wohl ein Mensch, den er gekapert hätte, beim Verkauf auf dem Markt iu Algier einbringen würde. Den Theologen und Juristen kann dort kein Mensch brauchen; aber der Arzt versteht ein Handwerk und kann für baar gelten. — König Jacob I. von England wurde von der Amme, die ihn gesäugt hatte, gebeten: er möchte doch ihren Sohn zum Gentleman (feinen Mann) machen. Jacob antwortete: das kann ich nicht; ich kann ihm wohl zum Grafen, aber zum Gentleman muss er sich selbst machen. — Diogenes (der Cyniker) ward (wie die vorgebliche Geschichte lautet) auf eiuer Seereise bei der Insel Creta vveggekapert und auf dem Markte bei einem öffentlichen Sklavenverkauf aus- geboten. Was kannst Du, was verstehst Du? fragte ihn der Mäkler, der ihn auf eine Erhöhung gestellt hatte. „Ich verstehe zu regieren", antwortete der Philosoph, „und Du suche mir einen Käufer, der einen Herrn nöthig hat". Der Kaufmann, über dieses seltsame Ansinnen in sich selbst gekehrt, schlug zu in diesen seltsamen Handel, indem er einen Sohn dem Letzteren zur Bildung übergab, aus ihm zu machen, was er wollte, selbst aber einige Jahre in Asien Handlung trieb und dann seinen vorher ungeschlachteten Sohn in einen geschickten, wohlgesitteten, tugendhaften Menschen umgebildet zurück erhielt. — So ungefähr kann man die Gradation des Menschenwerthes schätzen.

A. Vom Charakter der Person. §. 87.

ja er wird es niemals sein, weil er sich auf Principien fusst, die für Jedermann gelten. Jener ist der Nach- äffer des Mannes, der einen Charakter hat. Die Gut- artigkeit aus Temperament ist ein Gemälde aus Wasser- farben und kein Charakterzug; dieser aber in Carricatur gezeichnet ist ein frevelhafter Spott über den Mann von wahrem Charakter getrieben; weil er das Böse, was ein- mal zum öffentlichen Gebrauch (zur Mode) geworden, nicht mitmacht und so als ein Sonderling dargestellt wird.

2) Die Bösartigkeit als Temperamentsanlage ist doch weniger schlimm als die Gutartigkeit der letzteren ohne Charakter; denn durch den letzteren kann man über die erstere die Oberhand gewinnen. — Selbst ein Mensch von bösem Charakter (wie Sylla), wenn er gleich durch die Gewaltthätigkeit seiner festen Maxime Abscheu er- regt, ist doch zugleich ein Gegenstand der Bewunderung; wie Seelenstärke überhaupt in Vergleichung mit Seelen- güte, welche freilich beide in dem Subject vereinigt an- getroffen werden müssen, um das herauszubringen, was mehr Ideal als in der Wirklichkeit ist, nämlich: zum Titel der Seelengrösse berechtigt zu sein.

3) Der steife, unbiegsame Sinn bei einem gefassten Vorsatz (wie etwa an Karl XII.) ist zwar eine dem Cha- rakter sehr günstige Naturanlage, aber noch nicht ein bestimmter Charakter überhaupt. Denn dazu werden 'aximen erfordert, die aus der Vernunft und moralisch- raktischen Principien hervorgehen. Daher kann man icht füglich sagen: die Bosheit dieses Menschen ist eine haraktereigenschaft desselben; denn alsdann wäre sie euf lisch; der Mensch aber billigt das Böse in sich nie, nd so giebt es eigentlich keine Bosheit aus Grundsätzen ondern nur aus Verlassung derselben. — — Man hut also am besten 5 wenn man die Grundsätze, welche ''en Charakter betreffen, negativ vorträgt. Sie sind: a. Nicht vorsätzlich unwahr zu reden; daher auch behutsam zu sprechen, damit man nicht den Schimpf des Viderrufens auf sich ziehe.

b. Nicht heucheln; vor den Augen gut gesinnt scheinen, inter dem Rücken aber feindselig sein.

c. Sein (erlaubtes) Versprechen nicht brechen; wozu auch gehört: selbst das Andenken einer Freundschaft 216 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

die nun gebrochen ist, noch zu ehren und die ehemalige Vertraulichkeit und Offenherzigkeit des Anderen nicht nachher zu missbrauchen.

d. Sich nicht mit schlechtdenkenden Menschen in einen Geschmacksumgang einzulassen und, des noscitur ex socio etc. *) eingedenk, den Umgang nur auf Geschäfte einzuschränken.

e. Sich an die Nachrede aus dem seichten und bos- haften Urtheil Anderer nicht zu kehren; denn das Gegen- theil verräth schon Schwäche; wie auch die Furcht des Verstosses gegen die Mode, welche ein flüchtiges, ver- änderliches Ding ist, zu mässigen, und wenn sie denn schon einige Wichtigkeit des Einflusses bekommen hat, ihr Gebot wenigstens nicht auf die Sittlichkeit aus- zudehnen.

Der Mensch, der sich eines Charakters in seiner Denkungsart bewusst ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern muss ihn jederzeit erworben haben. Man kann auch annehmen, dass die Gründung desselben gleich einer Art der Wiedergeburt, eine gewisse Feier- lichkeit der Angelobung, die er sich selbst thut, sie und den Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vor- ging, gleich einer neuen Epoche, ihm unvergesslich mache. — Erziehung, Beispiele und Belehrung können diese Festigkeit und Beharrlichkeit in Grundsätzen über- haupt nicht nach und nach, sondern nur gleichsam durch eine Explosion, die auf den Ueberdruss am schwan- kenden Zustande des Instincts auf einmal erfolgt, be- wirken. Vielleicht werden nur wenige sein, die diese Revolution vor dem 30sten Jahre versucht, und noch Wenigere, die sich vor dem 40sten festgegründet haben. — Fragmentarisch ein besserer Mensch werden zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch, denn der eine Eindruck erlischt, während dessen man an einem anderen ar- beitet, die Gründung eines Charakters aber ist ab- solute Einheit des inneren Princips des Lebenswandels überhaupt. — Auch sagt man: dass Poeten keinen Charakter haben, z. B. ihre besten Freunde zu be- Aus dem Umgang erkennt man den Charakter. A. d. H I A. Vom Charakter der Person. §. 87. 217 leidigen, ehe sie einen witzigen Einfall aufgäben; oder dass er bei Hofleuten, die sich in alle Formen fügen müssen, gar nicht zu suchen sei, und dass es bei Geist- lichen, die dem Herrn des Himmels, zugleich aber auch den Herren der Erde in einerlei Stimmung den Hof machen, mit der Festigkeit des Charakters nur misslich bestellt sei, dass also einen inneren (moralischen) Cha- rakter zu haben wohl nur ein frommer Wunsch sei und bleiben werde. Vielleicht aber sind wohl gar die Philosophen daran Schuld; dadurch, dass sie diesen Begriff noch nie abgesondert in ein genugsam helles Licht gesetzt und die Tugend nur in Bruchstücken, aber nie ganz in ihrer schönen Gestalt vorstellig und für alle Menschen interessant zu machen gesucht haben.

Mit einem Worte: Wahrhaftigkeit im Inneren des Geständnisses von sich selbst und zugleich im Betragen gegen jeden Anderen sich zur obersten Maxime gemacht, ist der einzige Beweis des Bewusstseins eines Menschen, dass er einen Charakter hat; und da diesen zu haben das Minimum ist, was man von einem vernünftigen Menschen fordern kann, zugleich aber auch das Maximum des inneren Werths (der Menschenwürde), so muss, ein Mann von Grundsätzen zu sein (einen bestimmten Cha- rakter zu haben), der gemeinsten Menschenvernunft mög- lich und dadurch dem grössten Talent, der Würde nach, überlegen sein. 84) Von der Physiognomik.

Sie ist die Kunst, aus der sichtbaren Gestalt eines Menschen, folglich aus dem Aeusseren, das Innere des- selben zu beurtheilen; es sei seiner Sinnesart oder Denkungsart nach. — Man beurtheilt ihn hier nicht in seinem krankhaften, sondern gesunden Zustande; nicht wenn sein Gemüth in Bewegung, sondern wenn es in Ruhe ist. — Es versteht sich von selbst, dass, wenn der, welchen man in dieser Absicht beurtheilt, inne wird, dass man ihn beobachte und sein Inneres aus- spähe, sein Gemüth nicht in Ruhe, sondern im Zustande des Zwanges und der inneren Bewegung, ja selbst des Unwillens sei, sich eines Anderen Censur ausgesetzt zu sehen.

218 Anthropologie. II. TheiL Anthropol. Charakteristik.

Wenn eine Uhr ein gefälliges Gehäuse hat, so kann man daraus (sagt ein berühmter Uhrmacher) nicht mit Sicherheit urtheilen, dass auch das Innere gut sei; ist das Gehäuse aber schlecht gearbeitet, so kann man mit ziemlicher Gewissheit schliessen, dass auch das Innere nicht viel tauge; denn der Künstler wird doch ein fleissig und gut gearbeitetes Werk dadurch nicht in Misscredit bringen, dass er das Aeussere desselben, welches die wenigste Arbeit kostet, vernachlässigt. — Aber nach der Analogie eines menschlichen Künstlers mit dem un- erforschlichen Schöpfer der Natur, wäre es ungereimt, auch hier zu schliessen: dass er etwa einer guten Seele auch einen schönen Leib werde beigebracht haben, um den Menschen, den er schuf, auch bei andern Menschen zu empfehlen und in Aufnahme zu bringen, oder auch umgekehrt, einen von dem anderen (durch das hic nlger est, hunc tu Romane caveto) *) abgeschreckt haben werde. Denn der Geschmack, der einen blos subjectiven Grund des Wohlgefallens oder Missfallens eines Menschen an dem andern (nach ihrer Schönheit oder Hässlichkeit enthält, kann der Weisheit, welche objectiv das Dasein derselben mit gewissen NaturbeschafFenheiten zum Zweck hat (den wir schlechterdings nicht einsehen können» nicht zur Richtschnur dienen, um diese zwei heterogenen Dinge, als in einem und demselben Zweck vereinigt, im Menschen anzunehmen.

Von der Leitung der Natur zur Physiognomik.

Dass wir dem, welchem wir uns anvertrauen sollen, er mag uns auch noch so gut empfohlen sein, vorher in's Gesicht, vornehmlich in die Augen sehen, um zu er- forschen, wessen wir uns gegen ihn zu versehen haben, ist ein Naturantrieb, und das Abstossende oder An- ziehende in seiner Geberdung entscheidet über unsere Wahl, oder maclit uns auch bedenklich, ehe wir noch seine Sitten erkundigt haben, und so ist nicht zu streiten, dass es eine physiognomische Charakteristik gebe, die *) Auf deutsch: Hier ist ein Schwarzer; Römer, sieh* dich vor! A. d. H.

A. Vom Charakter der Person. §. 87.

aber nie eine Wissenschaft werden kann, weil die Eigen- tümlichkeit einer menschlichen Gestalt, die auf gewisse Neigungen oder Vermögen des angeschauten Subjects hindeutet, nicht durch Beschreibung nach Begriffen, sondern durch Abbildung und Darstellung in der An- schauung oder ihrer Nachahmung verstanden werden kann, wo die Menschengestalt im Allgemeinen, nach ihren Varietäten, deren jede auf eine besondere innere Eigenschaft des Menschen im Inneren hindeuten soll, der Beurtheilung ausgesetzt wird.

Nachdem die Carricaturzeichnungen menschlicher Köpfe von Baptista Porta, welche Thierköpfe, nach der Analogie mit gewissen charakteristischen Menschen -Ge- sichtern verglichen darstellen, und daraus auf eine Aehn- lichkeit der Naturanlagen in beiden schliessen lassen sollten, längst vergessen, Lavater's weitläuftige, durch Silhouetten zu einer, eine Zeit lang allgemein beliebten und wohlfeilen Waare gewordene Verbreitung dieses Geschmacks aber neuerdings ganz verlassen worden; — nachdem fast nichts mehr, als etwa die, doch zwei- deutige Bemerkung (des Herrn v. Archenholz) übrig geblieben ist: dass das Gesicht eines Menschen, das man durch eine Grimasse für sich allein nachahmt, auch zugleich gewisse Gedanken oder Empfindungen rege mache, die mit dem Charakter desselben übereinstimmen; — so ist die Physiognomik, als Ausspähungskunst des Inneren im Menschen vermittelst gewisser äusserer un- willkürlich gegebener Zeichen, ganz aus der Nachfrage gekommen, und nichts von ihr übrig geblieben, als die Kunst der Cultur des Geschmacks, und zwar nicht an Sachen, sondern an Sitten, Manieren und Gebräuchen, um durch eine Kritik, welche dem Umgange mit Menschen und der Menschenkenntniss überhaupt beförderlich wäre, dieser zu Hülfe zu kommen. 85) Einteilung der Physiognomik.

Von dem Charakteristischen 1) in der Gesicht s- bildung. 2) In den Gesichtszügen. 3) In der habituellen Gesichtsgeber dung (den Mienen).

220 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

A.

Von der Gesichtsbildung.

Es ist merkwürdig, dass die griechischen Künstler auch ein Ideal der Gesichtsbildung (für Götter und Heroen) im Kopfe hatten, welches immerwährende Jugend und zugleich von allen Affecten freie Ruhe, — in Statüen f), Cameen und Intaglio's, — ohne einen Reiz hineinzulegen, ausdrücken sollte. — Das griechische perpendikuläre Profil macht die Augen tiefer liegend, als es nach unserem Geschmacke (der auf den Reiz angelegt ist) sein sollte, und selbst eine mediceische Venus entbehrt desselben. — Die Ursache davon mag sein, dass, da das Ideal eine bestimmte unabänderliche Norm sein soll, eine aus dem Gesicht von der Stirn in einem Winkel abspringende Nase (wo dann der Winkel grösser oder kleiner sein kann) keine bestimmte Regel der Gestalt, wie es doch das, wTas zur Norm gehört, erfordert, — abgeben würde. Auch haben die neueren Griechen, ungeachtet ihrer sonst dem übrigen Körper- bau nach schönen Bildung, doch jene ernste Perpen- dikularität des Profils in ihrem Gesichte nicht, welches jene Idealität in Ansehung der Kunstwerke ft) als Ur- bilder zu beweisen scheint. — Nach diesen mytholo- gischen Mustern kommen die Augen tiefer zu liegen, und werden an der Nasenwurzel etwas in Schatten ge- stellt; dagegen man die für schön gehaltenen Gesichter der Menschen jetziger Zeiten mit einem kleinen Absprung der Nase von der Richtung der Stirn (Einbucht an der Nasenwurzel) schöner findet.

Wenn wir über Menschen, so wie sie wirklich sind, unseren Beobachtungen nachgehen, so zeigt sich, dass eine genau abgemessene Regelmässigkeit gemeiniglich einen sehr ordinären Menschen, der ohne Geist ist, anzeige. Das Mittelmaass scheint das Grundmaass und die Basis der Schönheit, aber lange noch nicht die f) „Statüen" Zusatz der 2. Ausg. ff) 1. Ausg.: „der Gemmen".

A. Vom Charakter der Person. §.87. 221 Schönheit selbst zu sein; weil zu dieser etwas Charak- teristisches erfordert wird. — Man kann aber dieses Charakteristische auch ohne Schönheit in einem Ge- sichte antreffen, worin der Ausdruck ihm doch, obgleich in anderer (vielleicht moralischer oder ästhetischer Be- ziehung, sehr zum Vortheil spricht; d. i. an einem Ge- sichte bald hier, bald da an Stirn, Nase, Kinn oder Farbe des Haares u. s. w. tadeln, dennoch aber ge- stehen, dass für die Individualität der Person es doch empfehlender sei, als wenn die Regelmässigkeit voll- kommen wäre; weil diese gemeinhin auch Charakter- losigkeit bei sich führt.

Hässlichkeit aber soll man keinem Gesichte vor- rücken, wenn es nur in seinen Zügen nicht den Aus- druck eines durch Laster verdorbenen Gemüths, oder auch einen natürlichen, aber unglücklichen Hang dazu verräth; z. B. einen gewissen Zug des hämisch Lächelnden, sobald er spricht, oder auch der Dummdreistigkeit ohne mildernde Sanftheit, im Anblick dem Anderen in's Ge- sicht zu schauen und dadurch zu äussern, dass man sich aus jenes Mannes Urtheile nichts mache. — Es giebt Männer, deren Gesicht (wie der Franzose spricht) rebarbaratif ist, mit denen man, wie man sagt, Kinder zu Bett jagen kann, oder die ein von Pocken zerrissenes und groteskes, oder, wie der Holländer es nennt, wanschapenes (gleichsam im Wahn, im Traume gedachtes) Gesicht haben, aber doch zugleich so viel Gutmüthigkeit und Frohsinn zeigen, dass sie über ihr eigenes Gesicht ihren Spass treiben, das daher keines- weges hässlich genannt werden darf, ob sie es wohl gar nicht übel nehmen, wenn eine Dame von ihnen (wie von dem Pelisson bei der Academie Francaise) sagt: „ Pelisson missbraucht die Erlaubniss, die die Männer haben, hässlich zu sein". Noch ärger und dummer f) ist es: wenn ein Mensch, von dem man Sitten erwarten darf, einem Gebrechlichen, wie der Pöbel, seine körperlichen Gebrechen sogar, welche oft nur die geistigen Vorzüge zu erhöhen dienen, gar vorrückt; welches, wenn es gegen in früher Jugend Verunglückte f) 1. Ausg.: „und zugleich dummer" 222 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

geschieht (durch: du blinder, du lahmer Hund), sie wirk- lich bösartig und sie gegen Wohlgebildete, die sich darum besser dünken, nach und nach erbittert macht.

Sonst sind die Einheimischen ungewohnten Gesichter der Fremden für Völker, die aus ihrem Lande nie heraus- kommen, gemeiniglich ein Gegenstand des Spottes für diese. So rufen die kleinen Jungen in Japan, indem sie den dorthin handelnden Holländer nachlaufen: „0 welche grosse Augen, welche grosse Augen"! und den Chinesen kommen die rothen Haare mancher Europäer, die ihr Land besuchen, widrig, die blauen Augen derselben aber lächerlich vor.

Was die blossen Hirnschädel betrifft und ihre Figur, welche die Basis ihrer Gestalt ausmacht, z. B. die der Neger, der Kalmücken, der Südsee- Indianer u. A., so wie sie von Camper und vorzüglich von Blumen- bach beschrieben werden, so gehören die Bemerkungen darüber mehr zur physischen Geographie, als zur prag- matischen Anthropologie. Ein Mittleres zwischen beiden kann die Bemerkung sein, dass die Stirn des männlichen Geschlechts auch bei uns flach, die des weiblichen aber mehr kuglig zu sein pflegt.

Ob ein Hügel f) auf der Nase einen Spötter an- zeige, — ob die Eigenheit der Gesichtsbildung der Chi- nesen, voh denen man sagt, dass der untere Kinn- backen etwas über den oberen hervorrage, eine Anzeige ihres Starrsinnes, oder die der Amerikaner, deren Stirn von beid<ai Seiten mit Haaren verwachsen ist, ein Zeichen eines angeborenen Schwachsinnes sei u. s. w., sind Conjecturen, die nur eine unsichere Auslegung verstatten.

B.

Von dem Charakteristischen in den Gesichtszügen.

Einem Manne schadet es, selbst im Urtheile des weiblichen Geschlechts nicht, in seinem Gesichte durch Hautfarbe oder Pockennarben verunstaltet und unlieblich A. Vom Charakter der Person. §. 87. 223 geworden zu sein; denn wenn Gutmüthigkeit in seinen Augen und zugleich der Ausdruck des Wackeren im Bewusstsein seiner Kraft mit Ruhe verbunden aus seinen Blicken hervorleuchtet, so kann er immer beliebt und liebenswürdig sein und dafür allgemein gelten. — Man scherzt mit solchen und ihrer Liebenswürdigkeit {per anü- phrasiri) *), und eine Frau kann auf den Besitz eines solchen Ehemannes stolz sein. Ein solches Gesicht ist nicht Carricatur, denn diese ist vorsätzlich -übertriebene Zeichnung (Verzerrung) des Gesichts im Affeet, zum. Auslachen ersonnen, und gehört zur Mimik; es muss vielmehr zu einer Varietät gezählt werden, die in der Natur liegt und ist kein Fratzengesicht zu nennen (welches abschreckend wäre), sondern kann Liebe erwecken f)> ob es gleich nicht lieblich, und ohne schön zu sein, doch nicht hässlich ist **).

6.

Von dem Charakteristischen der Mienen ff).

Mienen sind in's Spiel gesetzte Gesichtszüge, und in dieses wird man durch mehr oder weniger starken Affect *) Anthiphrosis ist die Benennung, welche mit dem Wesen des Benannten im Widerspruch steht, so heisst z. B. das schwarze Meer bei den Alten Pontus euxinus (gastliches Meer) während es Axinus (ungastlich) war. A. d. H.

f) 1. Ausg.: „Dass sind nicht Zeichnungen in Carricatur; denn...Mimik. Jene Zeichnung muss zu einer Varietät...liegt und kein Fratzengesicht ist (welches abschreckend wäre), sondern was geliebt werden kann, ob es gleich" u. s. w.

ff) Die 1. Ausgabe hat als Ueberschrift nur den Buch- staben C.

**) Heidegger, ein deutscher Musikus in London, war ein abenteuerlich gestalteter, aber aufgeweckter und gescheuter Mann, mit dem auch Vornehme der Conversation halber gern in Gesellschaft waren. — Einstmals fiel es ihm ein, in einer Punscbgesellschaft gegen einen Lord zu behaupten, dass er das hässlichste Gesicht in London sei. Der Lord sann nach und schlug ihm eine Wette vor, dass er ihm noch ein hässlicheres aufstellen wollte, und nun Hess er ein ver- 224 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

gesetzt, zu welchem der Hang ein Charakterzug des Menschen ist.