Es ist schwer den Eindruck des Affects durch keine Miene zu verrathen; sie verräth sich durch die pein- liche Zurückhaltung in der Geberde oder im Tone von selbst, und wer zu schwach ist, seine Affecten zu be- herrschen, bei dem wird auch das Mienenspiel (wider den Dank seiner Vernunft) das Innere blossstellen ft i was er gern verbergen und den Augen Anderer ent- ziehen möchte. Aber die, welche in dieser Kunst Meister sind, werden, wenn man sie doch erräth, nicht eben für die besten Menschen, mit denen man im Ver- trauen handeln kann, gehalten, vornehmlich, wenn sie Mienen zu künsteln geübt sind, die dem, was sie thun, wiedersprechen.
Die Auslegungskunst der Mienen, welche unvorsätzlich das Innere verrathen, aber doch hiebei vorsätzlich lügen, kann zu vielen artigen Bemerkungen Anlass geben, wo- von ich nur einer Erwähnung thun will. — Wenn Jemand, der sonst nicht schielt, indem er erzählt, sich auf die Spitze seiner Nase sieht und so schielt, so ist das, was er erzählt, jederzeit gelogen. — Man muss aber ja nicht den gebrechlichen Augenzustand eines Schielenden dahin zählen, der von diesem Laster ganz frei sein kann.
soffenes Weib rufen, bei deren Anblick die ganze Gesell- schaft in ein helles Lachen gerieth und ausrief: Heidegger! Ihr habt die Wette verloren! — Das geht so geschwind nicht, antwortete dieser; denn nun lasst das Weib meine Perrücke, und ich will ihre Cornette aufsetzen: dann wollen wir sehen. Wie das geschah, fiel Alles in's Lachen bis zum Sticken; denn das Weib sah wie ein ganz manierlicher Mann, der Kerl aber wie eine Hexe aus. Dies beweist, dass um Jemandem f) schön, wenigstens erträglich hübsch zu heissen, man sein Urtheil nicht schlechthin, sondern immer nur relativ fällen muss, und dass für einen Kerl Jemand darum noch gar nicht hässlich heissen dürfe, weil er etwa nicht hübsch ist. — Nur ekelhafte Leibesschäden im Gesicht können zu diesem Ausspruch berechtigen.
f) „Jemandem" Zusatz der 2. Ausg. ff ) 1. Ausgabe: „blossstellen machen".
A. Vom Charakter der Person. §. 87. 225 Sonst giebt es von der Natur constituirte Geberdungen, durch welche sich Menschen von allen Gattungen und Klimaten einander, auch ohne Abrede, verstehen. Da- hin gehört das Kopfnicken (im Bejahen), das Kopf- schütteln (im Verneinen), das Kopfaufwerfen (im Trotzen), das Kopfwackeln (in der Verwunderung), das Naserümpfen (im Spott), das Spöttisch-Lächeln (Grinsen), ein langes Gesicht machen (bei Abweisung des Verlangten), das Stirnrunzeln (im Verdruss), das schnelle Maulaufsperren und Zuschliessen (Bah), das zu sich hin und von sich weg Winken mit Händen, das Hände über den Kopf zusammen-Schlagen (im Erstaunen), das Faustballen (im Drohen), das Verbeugen, das Fingerlegen auf den Mund (compescere läbella), um Verschwiegenheit zu gebieten, das Auszischen u. dergl. 86) Zerstreute Anmerkungen.
Oft wiederholte, die Gemüthsbewegung auch un- willkürlich begleitende Mienen werden nach und nach stehende Gesichtszüge; welche aber im Sterben ver- schwinden; daher, wie Lavater anmerkt, das im Leben den Bösewicht verrathende abschreckende Gesicht sich im Tode (negativ) gleichsam veredelt; weil nun, da alle Muskeln nachlassen, gleichsam der Ausdruck der Ruhe, welche unschuldig ist, übrig bleibt. — So kann es auch kommen, dass ein Mann, der seine Jugend unverführt zurückgelegt hatte, in späteren Jahren, bei aller Gesund- heit, doch durch Liederlichkeit ein anderes Gesicht be- kommt; aus welchem aber auf seine Naturanlage nicht zu schliessen ist.
Man spricht auch von gemeinem Gesicht im Gegen- satz mit dem vornehmen. Das letzte f) bedeutet nichts weiter als eine angemaasste Wichtigkeit, mit höfischer Manier der Einschmeichelung verbunden, welche nur in grossen Städten gedeiht, da sich Menschen an einander Kant, Anthropologie.
15 226 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
reiben und ihre Rauhigkeit abschleifen. Daher Beamte, auf dem Lande geboren und erzogen, wenn sie mit ihrer Familie zu städtischen ansehnlichen Bedienungen erhoben werden, oder auch standesmässig sich dazu nur quali- ficiren, nicht blos in ihren Manieren, sondern auch in dem Ausdruck des Gesichts etwas Gemeines zeigen. Denn da sie in ihrem Wirkungskreise sich ungenirt fühlten, indem sie es fast nur allein mit ihren Untergebenen zu thun hatten, so bekamen die Gesichtsmuskeln nicht die Biegsamkeit, in allen Verhältnissen, gegen Höhere, Geringere und Gleiche, das ihrem Umgange und den damit verbundenen Affecten angemessene Mienenspiel zu cultiviren, welches, ohne sich etwas zu vergeben, zur guten Aufnahme in der Gesellschaft erfordert wird. Dagegen die in städtischen Manieren geübten Menschen von gleichem Rang, indem sie sich bewusst sind, hierin über Andere eine Ueberiegenheit zu haben, dieses Bewusstsein, wenn es durch lange Uebung habituell wird, mit bleibenden Zügen in ihrem Gesichte abdrucken.
Devote, wenn sie lange in den mechanischen Andachtsübungen discipiinirt und gleichsam darin erstarrt sind, bringen, bei einer machthabenden Religion oder Cultus, in ein ganzes Volk Nationalzüge innerhalb der Grenzen derselben hinein, welche sie selbst physiognomisch charakterisiren. So spricht Herr Fr. Nicolai von fatalen gebenedeieten Gesichtern in Baiern; dagegen John Bull von Altengland die Freiheit, unhöflich zu sein, wohin er kommen mag, in der Fremde oder gegen den Fremden in seinem eigenen Lande, schon in seinem Ge- sichte bei sich führt. Es giebt also auch eine National- physiognomie, ohne dass diese eben für angeboren gelten darf. — Es giebt charakteristische Auszeichnungen in Gesellschaften, die das Gesetz der Strafe zusammengebracht hat. Von den Gefangenen in Rasphuis in Amsterdam, in Bicetre in Paris und in Newgate in London merkt ein geschickter reisender deutscher Arzt an, dass es doch mehrentheils knochigte und sich in ihrer Ueberiegenheit bewusste Kerle waren; von Keinem aber wird es erlaubt sein, mit dem Schauspieler Quin zu sagen: „wenn dieser Kerl nicht ein Schelm ist, so schreibt der Schöpfer keine leserliche Hand". Denn um so gewaltsam ab- A. Vom Charakter der Person. §. 87. 227 zusprechen, dazu würde mehr Unterscheidungsvermögen des Spiels, welches die Natur mit den Formen ihrer Bildung treibt, um blos Mannichfaltigkeit der Temperamente hervor- zubringen, von dem, was sie hierin für die Moral thut oder nicht thut, gehören, als wohl irgend ein Sterblicher zu besitzen sich anmaassen darf. 87) B. Der Charakter des Geschlechts.
In alle Maschinen, durch die mit kleiner Kraft eben- soviel ausgerichtet werden soll, als durch andere mit grosser, muss Kunst gelegt sein. Daher kann man schon zum Voraus annehmen, dass die Vorsorge der Natur in die Organisirung des weiblichen Theiles mehr Kunst ge- legt haben wird als in die des männlichen, weil sie den Mann mit grösserer Kraft ausstattete als das Weib, um Beide zur innigsten leiblichen Vereinigung, doch auch als vernünftige Wesen, zu dem ihr am meisten an- gelegenen Zwecke, nämlich der Erhaltung der Art zu- sammenzubringen, und überdies sie in jener Qualität (als vernünftige Thiere) mit gesellschaftlichen Neigungen ver- sah, ihre Geschlechtsgemeinschaft in einer häuslichen Verbindung fortdauernd zu machen.
Zur Einheit und Unauflöslichkeit einer Verbindung ist das beliebige Zusammentreten zweier Personen nicht hinreichend: ein Theilmusste dem anderen unterworfen, und wechselseitig einer dem anderen irgend worin über- legen sein, um ihn beherrschen oder regieren zu können. Denn in der Gleichheit der Ansprüche Zweier, die einander nicht entbehren können, bewirkt die Selbstliebe lauter Zank. Ein Theil muss im Fortgange der Cultur auf heterogene Art überlegen sein; der Mann dem Weibe durch sein körperliches Vermögen und seinen Muth, das Weib aber dem Manne durch ihre Naturgabe, sich der Neigung des Mannes zu ihr zu bemeistern; dahin- gegen im noch uncivilisirten Zustande die Ueberlegenheit blos auf der Seite des Mannes ist. — Daher ist in der Anthropologie die weibliche Eigentümlichkeit mehr als die des männlichen Geschlechts ein Studium für den B. Vom Charakter des Geschlechts. 229 Philosophen. Im rohen Naturzustande kann man sie ebenso wenig erkennen, als die der Holzäpfel und Holz- birnen, deren Mannichfaltigkeit sich nur durch Pfropfen und Inoculiren entdeckt; denn die Cultur bringt diese weiblichen Beschaffenheiten nicht hinein, sondern veranlasst sie nur, sich zu entwickeln und unter begünstigenden Um- ständen kennbar zu werden.
Die Weiblichkeiten heissen Schwächen. Man spasst darüber; Thoren treiben damit ihren Spott, Vernünftige aber sehen sehr gut, dass sie gerade die Hebezeuge sind, die Männlichkeit zu lenken und sie zur Erreichung ihrer Absichten zu gebrauchen. Der Mann ist leicht zu er- forschen, die Frau verräth ihr Geheimniss nicht; obgleich das der Anderen (wegen ihrer Redseligkeit) schlecht bei ihr verwahrt ist. Er liebt den Hausfrieden und unter- wirft sich gern ihrem Regimente, um sich nur in seinen Geschäften nicht behindert zu sehen; sie scheut den Hauskrieg nicht, den sie mit der Zunge führt, und zu welchem Behuf die Natur ihr Redseligkeit und affectvolle Beredtheit gab, die den Mann entwaffnet. Er fusst sich auf das Recht des Stärkeren, im Hause zu befehlen, weil er es gegen äussere Feinde schützen soll; sie auf das Recht des Schwächeren: vom männlichen Theile gegen Männer geschützt zu werden, und macht durch Thränen der Erbitterung den Mann wehrlos, indem sie ihm seine Ungrossmüthigkeit vorrückt.
Im rohen Naturzustande ist das freilich anders. Das Weib ist da ein Hausthier. Der Mann geht mit Waffen in der Hand voran, und das Weib folgt ihm mit dem Gepäck seines Hausraths beladen. Aber selbst da, wo eine barbarische bürgerliche Verfassung Vielweiberei ge- setzlich macht, weiss das am meisten begünstigte Weib in ihrem Zwinger (Harem genannt) über den Mann die Herrschaft zu erringen, und dieser hat seine liebe Noth, sich in dem Zank Vieler um Eine (welche ihn beherrschen soll) erträglicherweise Ruhe zu schaffen.
Im bürgerlichen Zustande giebt sich das Weib den Gelüsten des Mannes nicht ohne Ehe weg, und zwar die der Monogamie; wo, wenn die Civilisirung noch nicht bis zur weiblichen Freiheit in der Galanterie (auch andere Männer, als den einen, öffentlich zu Lieb- habern zu haben) gestiegen ist, der Mann sein Weib 230 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik, bestraft, das ihn mit einem Nebenbuhler bedroht*). Wenn diese aber zur Mode, und die Eifersucht lächer- lich geworden ist (wie das dann im Zeitpunkt des Luxus nicht ausbleibt), so entdeckt sich der weibliche Cha- rakter: mit ihrer Gunst gegen Männer auf Freiheit und dadurch zugleich auf Eroberung dieses ganzen Geschlechts Anspruch zu machen. — Diese Neigung, ob sie zwar unter dem Namen Koketterie in üblem Ruf steht, ist doch nicht ohne einen wirklichen Grund zur Rechtfertigung. Denn eine junge Frau ist doch immer in Gefahr, Wittwe zu werden, und das macht, dass sie ihre Reize über alle, den Glücksumständen nach ehefähige Männer ausbreitet; damit, wenn jener Fall sich ereignet, es ihr nicht an Be- werbern fehlen möge.
Pope glaubt, man könne das weibliche Geschlecht (versteht sich, den cultivirten Theil desselben) durch zwei Stücke charakterisiren: die Neigung zu herrschen, und die Neigung zum Vergnügen. — Von dem letzteren aber muss man nicht das häusliche, sondern das öffentliche Vergnügen verstehen, wobei es sich zu ihrem Vortheil zeigen und auszeichnen könne; da dann die *) Die alte Sage von den Russen, dass die Weiber ihre Ehemänner im Verdacht hielten, es mit anderen Weibern zu halten, wenn sie nicht dann und wann von diesen Schläge bekämen, wird gewöhnlich für Fabel gehalten. Allein in Cook's Reisen findet man: dass, als ein englischer Matrose einen Indier auf Otaheite sein Weib mit Schlägen züchtigen sah, jener den Galanten machen wollte und mit Dro- hungen auf diesen losging. Das Weib kehrte sich auf der Stelle wider den Engländer, fragte, was ihn das angehe: der Mann müsse das thun! — — Ebenso wird man auch finden, dass, wenn das verehelichte Weib sichtbarlich Galanterie treibt und ihr Mann gar nicht mehr darauf achtet, sondern sich dafür durch Punsch- und Spielgesellschaft oder andere Buhlerei schadlos hält, nicht blos Verachtung, sondern auch Hass in den weiblichen Tfyeil übergeht; weil das Weib daran erkennt, dass er nun gar keinen Werth mehr in sie setzt und seine Frau Anderen, an demselben Knochen zu nagen, gleich- gültig überlässt.
B. Vom Charakter des Geschlechts. 231 zweite sich auch in die erstere auflöst, nämlich: ihren Nebenbuhlerinnen im Gefallen nicht nachzugeben, sondern über sie alle durch ihren Geschmack und ihre Reize, wo möglich, zu siegen. Aber auch die erstgenannte Neigung, so wie Neigung überhaupt, taugt nicht zum Charakterisiren einer Menschenclasse überhaupt in ihrem Verhalten gegen Andere. Denn Neigung zu dem, was uns vortheilhaft ist, ist allen Menschen gemein, mithin auch die, so viel uns möglich, zu herrschen; daher charakterisirt sie nicht. — Dass aber dieses Geschlecht mit sich selbst in beständiger Fehde, dagegen mit dem anderem in recht gutem Vernehmen ist, möchte eher zum Charakter desselben gerechnet werden können, wenn es nicht die blosse natürliche Folge des Wetteifers wäre, damit Eine der Anderen in der Gunst und Ergebenheit der Männer den Vortheil abgewinne. Da dann die Neigung, zu herrschen, das wirkliche Ziel, das öffent- liche Vergnügen aber, als durch welches der Spiel- raum ihrer Reize erweitert wird, nur das Mittel ist, jener Neigung Effect zu verschaffen.
Man kann nur dadurch, dass man, nicht was wir uns zum Zwecke machen, sondern was Zweck der Natur bei Einrichtung der Weiblichkeit war, als Princip braucht, zu der Charakteristik dieses Geschlechts gelangen, und da dieser Zweck, selbst vermittelst der Thorheit der Menschen, doch der Naturabsicht nach Weisheit sein muss, so werden diese ihre muthmaasslichen Zwecke auch das Princip derselben anzugeben dienen können; welches nicht von unserer Wahl, sondern von einer höheren Ab- sicht mit dem menschlichen Geschlecht abhängt. Sie sind 1) die Erhaltung der Art, 2) die Cultur der Gesellschaft und Verfeinerung derselben durch die Weiblichkeit.
I. Als die Natur dem weiblichen Schoosse ihr theuerstes Unterpfand, nämlich die Species in der Leibesfrucht an- vertraute, durch die sich die Gattung fortpflanzen und verewigen sollte, so fürchtete sie gleichsam wegen Er- haltung derselben, und pflanzte diese Furcht, nämlich vor körperlicher Verletzung und Schüchternheit vor der- gleichen Gefahren in ihre Natur; durch welche Schwäche dieses Geschlecht das männliche rechtmässig zum Schutze für sich auffordert.
II. Da sie auch die feineren Empfindungen, die zur 232 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
Cultur gehören, nämlich die der Geselligkeit und Wohl- anständigkeit, einflössen wollte, machte sie dieses Ge- schlecht zum Beherrscher des männlichen durch seine Sittsamkeit, Beredtsamkeit in Sprache und Mienen, früh gescheut, mit Ansprüchen auf sanfte, höfliche Begegnung des männlichen gegen dasselbe, so dass sich das letztere durch seine eigene Grossmuth von einem Kinde unsicht- bar gefesselt, und wenngleich dadurch nicht eben zur Moralität selbst, doch zu dem, was ihr Kleid ist, dem gesitteten Anstände, der zu jener die Vorbereitung und Empfehlung ist, gebracht sah f). 88) Zerstreute Anmerkungen.
Die Frau will herrschen, der Mann beherrscht sein (vornehmlich vor der Ehe). Daher die Galanterie der alten Ritterschaft. — Sie setzt früh in sich selbst Zuversicht, zu gefallen. Der Jüngling besorgt immer, zu missfallen, und ist daher in Gesellschaft der Damen verlegen (genirt). — Diesen Stolz des Weibes, durch den Respect, den es einflösst, alle Zudringlichkeiten des Mannes abzuhalten, und das Recht, Achtung vor sich auch ohne Verdienste zu fordern, behauptet sie schon aus dem Titel ihres Geschlechts. — Das Weib ist weigernd, der Mann bewerbend; ihre Unterwerfung ist Gunst. — Die Natur will, dass das Weib gesucht werde; daher musste sie selbst nicht so delicat in der Wahl (nach Geschmack) sein als der Mann, den die Natur auch gröber gebaut hat, und der dem Weibe schon gefällt, wenn er nur Kraft und Tüchtigkeit zu ihrer Vertheidigung in seiner Gestalt zeigt; denn wäre sie in Ansehung der Schönheit seiner Gestalt ekel und fein in der Wahl, um sich verlieben zu können, so müsste sie sich bewerbend, er aber sich weigernd zeigen; welches den Werth ihres Geschlechts, selbst in den Augen des Mannes, gänzlich herabsetzen würde. — Sie f) 1. Ausg.: „gegen dasselbe, und das letztere...ge- fesselt, wenngleich dadurch...gebraucht".
B. Vom Charakter des Geschlechts.
muss kalt, der Mann dagegen in der Liebe affectenvoll zu sein scheinen. Einer verliebten Ausforderung nicht zu gehorchen, scheint dem Manne, ihr aber leicht Gehör zu geben, dem Weibe schimpflich zu sein. — Die Begierde des letzteren, ihre Reize auf alle feine Männer spielen zu lassen, ist Koketterie; die Affectation, in alle Weiber verliebt zu scheinen, Galanterie; Beides kann ein blosses, zur Mode gewordenes Geziere, ohne alle ernstliche Folgen sein; so wie das Cicisbeat eine affectirte Freiheit des Weibes in der Ehe, oder das gleichfalls ehedem in Italien gewesene Courtisanen wesen (in der historia concilii Tridentini heisst es unter anderen: (erant ibi etiam 300 honestae meretrices, quas cortegianas voca?it), von dem man erzählt, dass es mehr geläuterte Cultur des gesitteten öffentlichen Umgangs enthalten habe, als die der gemischten Gesellschaften in Privat- häusern. — Der Mann bewirbt sich in der Ehe nur um seines Weibes, die Frau aber um aller Männer Neigung; sie putzt sich nur für die Augen ihres Geschlechts aus Eifersucht, andere Weiber in Reizen oder im Vornehmthun zu übertreffen; der Mann hin- gegen für das weibliche; wenn man das Putz nennen kann, was nur so weit geht, um seiner Frau durch seinen Anzug nicht Schande zu machen. — Der Mann beurtheilt weibliche Fehler gelind, die Frau aber (öffent- lich) sehr strenge, und junge Frauen, wenn sie die Wahl hätten, ob ihr Vergehen von einem männlichen oder weiblichen Gerichtshofe abgeurtheilt werden solle, würden sicher den ersten zu ihrem Richter wählen. — Wenn der verfeinerte Luxus hoch gestiegen ist, so zeigt sich die Frau nur aus Zwang sittsam und hat kein Hehl, zu wünschen, dass sie lieber Mann sein möchte, wo sie ihren Neigungen einen grösseren und freieren Spielraum geben könnte; kein Mann aber wird ein Weib sein wollen.
Sie fragt nicht nach der Enthaltsamkeit des Mannes vor der Ehe; ihm aber ist an derselben auf Seiten der Frauen unendlich viel gelegen. — In der Ehe spotten Weiber über Intoleranz (Eifersucht) der Männer über- haupt; es ist aber nur ihr Scherz; das unverehelichte Frauenzimmer richtet hierüber mit grosser Strenge. — Was die gelehrten Frauen betrifft, so brauchen sie 234 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, dass sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist.
Weibliche Tugend oder Untugend ist von der männ- lichen nicht sowohl der Art als der Triebfedern nach sehr unterschieden. — Sie soll geduldig, er muss duldend sein. Sie ist empfindlich, er empfind- sam. — Des Mannes Wirthschaft ist Erwerben, die des Weibes Sparen; — der Mann ist eifersüchtig, wenn er liebt; die Frau auch ohne dass sie liebt; weil so viel Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen worden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind. — Der Mann hat Geschmack für sich, die Frau macht sich selbst zum Gegenstande des Geschmacks für Jeder- mann. — „Was die Welt sagt, ist wahr, und was sie thut, gut", ist ein weiblicher Grundsatz, der sich schwer mit einem Charakter, in der engen Bedeutung des Worts, vereinigen lässt. Es gab aber doch wackere Weiber, die in Beziehung auf ihr Hauswesen einen dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm be- haupteten. — Dem Milton wurde von seiner Frau zu- geredet, er solle doch die ihm nach CromweH's Tode angetragene Stelle eines lateinischen Secretärs annehmen, ob es zwar seinen Grundsätzen zuwider war, jetzt eine Regierung für rechtlich zu erklären, die er vorher als widerrechtlich vorgestellt hatte. „Ach", antwortete er ihr, „meine Liebe, Sie und andere Ihres Geschlechts*; wollen in Kutschen fahren, ich aber — muss ein ehrlicher Mann sein." — Die Frau des Sokrates (vielleicht auch die Hiob's) wurden durch ihre wackeren Männer ebenso in die Enge getrieben, aber männliche Tugend behauptete sich in ihrem Charakter, ohne doch der weiblichen das Verdienst des ihrigen, in dem Verhältniss, worein sie ge- setzt waren, zu schmälern.
*) 1. Ausg: „Sie und die Ihrigen Ihres Geschlechts".
B. Vom Charakter des Geschlechts. 235 Pragmatische Folgerungen.
Das weibliche Geschlecht muss sich im Praktischen selbst ausbilden und discipliniren; das männliche versteht sich darauf nicht.
Der junge Ehemann herrscht über seine ältere Ehefrau. Dieses gründet sich auf Eifersucht, nach welcher der Theil, welcher dem anderen im Geschlechts- vermögen unterlegen ist, vor Eingriffen des anderen Theils in seine Rechte besorgt ist und dadurch sich zur willfährigen Begegnung und Aufmerksamkeit gegen ihn zu bequemen genöthigt sieht. — Daher wird jede erfahrene Ehefrau die Heirath mit einem jungen Manne, auch nur von gleichem Alter, widerrathen; denn im Fortgange der Jahre altert doch der weibliche Theil früher als der männliche, und wenn man auch von dieser Ungleichheit absieht, so ist auf die Eintracht, welche sich auf Gleichheit gründet, nicht mit Sicherheit zu rechnen, und ein junges verständiges Weib wird mit einem gesunden, aber doch merklich älteren Manne das Glück der Ehe doch besser machen. — Ein Mann aber, der sein Geschlechtsvermögen vielleicht schon vor der Ehe liederlich durchgebracht hat, wird der Geck in seinem Hause sein; denn er kann diese häusliche Herr- schaft nur haben, sofern er keine billigen Ansprüche schuldig bleibt.
Hume bemerkt, dass die Weiber (selbst alte Jungfern) *) Satiren auf den Ehestand mehr verdriessen, als die Sticheleien auf ihr Geschlecht. — Denn mit diesen kann es niemals Ernst sein, da aus jenen allerdings wohl Ernst werden könnte, wenn man die Beschwerden jenes Standes recht in's Licht stellt, deren der Unverheirathete überhoben ist. Eine Freigeisterei in diesem Fache müsste aber von schlimmen Folgen für das ganze weib- liche Geschlecht sein**); weil dieses zu einem blossen Mittel der Befriedigung der Neigung des anderen Ge- *) 1. Ausg.: „den Weibern (selbst alten Jungfern)". **) 1. Ausg.: „ist; wodurch aber die Freigeisterei in diesem Falle von...sein würde".
236 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
schlechts herabsinken würde, welche aber leicht in Ueber- druss und Flatterhaftigkeit ausschlagen kann. — Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit.
Die moralischen Eigenschaften an einem, vornehm- lich jungen Manne vor der Ehelichung desselben aus- zuspähen, ist nie die Sache einer Frau. Sie glaubt ihn bessern zu können; eine vernünftige Frau, sagt sie, kann einen verunarteten Mann schon zurechte bringen; in welchem Urtheile sie mehrentheils sich auf die kläg- lichste Art betrogen findet. Dahin gehört auch die Meinung jener Treuherzigen, dass die Ausschweifungen dieses Menschen vor der Ehe übersehen werden können, weil er nun an seiner Frau, wenn er sich nur noch nicht erschöpft hat, hinreichend für diesen Instinct ver- sorgt sein werde. — Die guten Kinder bedenken nicht, dass die Liederlichkeit in diesem Fache gerade im Wechsel des Genusses besteht, und das Einerlei in der Ehe ihn bald zur obigen Lebensart zurückführen würde *).
Wer soll dann den oberen Befehl im Hause haben? denn nur Einer kann es doch sein, der alle Geschäfte in einem mit diesen seinen Zwecken übereinstimmenden Zusammenhang bringt. — Ich würde in der Sprache der Galanterie (doch nicht ohne Wahrheit) sagen: die Frau soll herrschen, und der Mann regieren; denn die Neigung herrscht, und der Verstand regiert. — Das Betragen des Ehemannes muss zeigen, dass ihm das Wohl seiner Frau vor allem Anderen am Herzen liege. Weil aber der Mann am besten wissen muss, wie er stehe, und wie weit er gehen könne; so wird er, wie ein Minister seinen blos auf Vergnügen bedachten Monarchen, der etwa ein Fest oder den Bau eines Palais beginnt, auf diesen fürstlichen Befehl zuerst seine schuldige Willfährigkeit dazu erklären, nur dass z. B. für *) Die Folge davon ist, wie in Voltaire' s Reise des Scarmentado: „Endlich", sagt er, „reisete ich in mein Vater- land Kandia zurück; nahm daselbst ein Weib, wurde bald Hahnrei und fand, dass dies die gemächlichste Lebensart unter ullen sei".
B. Vom Charakter des Geschlechts. 237 jetzt nicht Geld im Schatze sei, dass gewisse dringendere Notwendigkeiten zuvor abgemacht werden müssen u. s. w., so dass der höchstgebietende Herr Alles thun kann, was er thun will, doch mit dem Umstände, dass diesen Willen ihm sein Minister an die Hand giebt.
Da sie gesucht werden soll (denn das will die dem Geschlecht nothwendige Weigerung), so wird sie doch in der Ehe selbst allgemein zu gefallen suchen müssen, damit, wenn sie etwa junge Wittwe würde, sich Lieb- haber für sie finden. — Der Mann legt alle solche An- sprüche mit der Eheverbindung ab. — Daher ist die Eifersucht aus dem Grunde dieser Gefallsucht f) der Frauen ungerecht.
Die eheliche Liebe aber ist ihrer Natur nach in- tolerant. Frauen spotten darüber zuweilen, aber wie bereits oben bemerkt worden, im Scherz ff); denn bei dem Eingriffe Fremder in diese Rechte dulden und nach- sichtlich zu sein, müsste Verachtung des weiblichen Theils, und hiemit auch Hass gegen einen solchen Ehe- mann zur Folge haben.
Dass gemeiniglich Väter ihre Töchter und Mütter ihre Söhne verziehen, und unter den Letzteren der wildeste Junge, wenn er nur kühn ist, gemeiniglich von der Mutter verzogen wird, das scheint seinen Grund in dem Prospect auf die Bedürfnisse beider Eltern in ihrem Sterbefall zu haben; denn wenn dem Mann seine Frau stirbt, so hat er doch an seiner ältesten Tochter eine ihn pflegende Stütze; stirbt der Mutter ihr Mann, so hat der erwachsene wohlgeartete Sohn die Pflicht auf sich und auch die natürliche Neigung in sich, sie zu verehren, zu unterstützen und ihr das Leben als Wittwe angenehm zu machen.
Ich habe mich bei diesem Titel der Charakteristik länger aufgehalten, als es für die übrigen Abschnitte der Anthropologie proportionirlich scheinen mag; aber die f) 1. Ausg.: „aus diesem Grunde der Galanterie" ff) L Ausg.: „Frauen spotten darüber im Scherz"; 238 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
Natur hat auch in diese ihre Oekonomie einen so reichen Schatz von Veranstaltungen zu ihrem Zwecke, der nichts Geringeres ist, als die Erhaltung der Art, hineingelegt, dass, bei Gelegenheit näherer Nachforschungen, es noch lange Stoff genug zu Problemen geben wird, die Weis- heit der sich nach und nach entwickelnden Naturanlagen zn bewundern und praktisch zu gebrauchen. 89) C. Der Charakter des Volks.
Unter dem Wort Volk {populus) versteht man die in einem Landstrich vereinigte Menge Menschen, insofern sie ein Ganzes ausmacht. Diejenige Menge oder auch der Theil derselben, welcher sich durch gemein- schaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürger- lichen Ganzen erkennt, heisst Nation (gens)\ der Theil, der sich von diesen Gesetzen ausnimmt (die wilde Menge in diesem Volk), heisst Pöbel (vulgus)*), dessen gesetz- widrige Vereinigung das Rottiren {agere per turbas) ist; ein Verhalten, welches ihn von der Qualität eines Staats- bürgers ausschliesst.
Hume meint, dass, wenn in einer Nation jeder Einzelne seinen besonderen Charakter anzunehmen be- flissen ist (wie unter den Engländern), die Nation selbst keinen Charakter habe. Mich dünkt, darin irre er sich; denn die Affectation eines Charakters ist gerade der allgemeine Charakter des Volks, wozu er selbst gehörte, und ist Verachtung aller Auswärtigen, besonders darum, weil es sich allein einer ächten, staatsbürgerliche Freiheit im Inneren mit Macht gegen Aussen verbindenden Ver- fassung rünmen zu können glaubt. — Ein solcher Cha- rakter ist stolze Grobheit, im Gegensatz der sich leicht *) Der Schimpfname la canaille du peuple hat wahrschein- licherweise seine Abstammung von canalicola, einem am Canal im alten Rom hin und her gehenden und beschäftigte Leute foppenden Haufen Müssiggänger (cavillator et ridicularius, vid. Plaut us Curcul).
240 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
familiär machenden Höflichkeit; ein trotziges Betragen gegen jeden anderen aus vermeinter Selbstständigkeit, wo man keines Anderen zu bedürfen, also auch der Gefällig- keit gegen Andere sich überheben zu können glaubt f).
Auf diese Weise werden die zwei civilisirtesten Völker auf Erden *), die gegen einander im Contrast des Charakters und vielleicht hauptsächlich darum mit einander in beständiger Fehde sind, England und Frank- reich, auch ihrem angeborenen Charakter nach, von dem der erworbene und künstliche nur die Folge ist, viel- leicht die einzigen Völker sein, von denen man einen bestimmten und, so lange sie nicht durch Kriegsgewalt vermischt werden, unveränderlichen Charakter annehmen kann. — Dass die französische Sprache die allgemeine Conv er sations- Sprache, vornehmlich der weiblichen feinen Welt, die englische aber die ausgebreitetste Handels-Sprache**) der commercirenden geworden ist, liegt wohl in dem Unterschied ihrer Continental- und insu- larischen Lage. Was aber im Naturell, was sie jetzt wirklich haben und dessen Ausbildung durch Sprache betrifft, so müsste dieses von dem angeborenen Cha- rakter des Urvolks ihrer Abstammung hergeleitet werden; dazu uns aber die Documente mangeln. — In einer Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aber liegt uns nur daran: den Charakter beider, wie sie jetzt sind, in einigen Beispielen, und so weit es möglich ist, systematisch aufzustellen; welche urtheilen lassen, wessen sich das eine zu dem anderen zu versehen habe, und wie eines das andere zu seinem Vortheil benutzen könne.