SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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gerissen werden; weil der Schein da betrügt, wo man durch das, was ohne allen moralischen Gehalt ist, die Tilgung seiner Schuld oder gar, in Wegwerfung des- selben, die Ueberredung, nichts schuldig zu sein, sich vorspiegelt, z. B. wenn die Bereuung der Uebelthaten am Ende des Lebens für wirkliche Besserung oder vorsätzliche Uebertretung als menschliche Schwachheit vorgemalt wird. 15) Von den fünf Sinnen.

Die Sinnlichkeit im Erkenntnissvermögen (das Vermögen der Vorstellungen in der Anschauung) ent- hält zwei Stücke: den Sinn und die Einbildungs- kraft. — Das erstere ist das Vermögen der Anschauung in der Gegenwart des Gegenstandes, das zweite auch ohne die Gegenwart desselben. — Die Sinne aber werden wiederum in die äusseren und den inneren Sinn (sensus externus, internus) eingetheilt; der erstere ist der, wo der menschliche Körper durch körperliche Dinge, der zweite, wo er durch's Gemüth afficirt wird; wobei zu merken ist, dass der letztere als blosses Wahr- nehmungsvermögen (der empirischen Anschauung) vom Gefühl der Lust und Unlust, d. i. der Empfänglichkeit des Subjects, durch gewisse Vorstellungen zur Erhaltung oder Abwehrung des Zustandes dieser Vorstellungen be- stimmt zu werden, verschieden gedacht wird, den man den inwendigen Sinn (sensus interior) nennen könnte. — Eine Vorstellung durch den Sinn, deren man sich als einer solchen bewusst ist, heisst besonders Sensation, wenn die Empfindung zugleich Aufmerksamkeit auf den Zustand des Subjects erregt.16) Man kann zuerst die Sinne der Körperempfindnng in den der Vitalempfindung (sensus vagus) und die der Organempfindung (sensus ftxus) und, da sie insgesammt nur da, wo Nerven sind, angetroffen werden, in diejenigen eintheilen, welche das ganze System der Nerven oder nur den zu einem gewissen Gliede des Körpers gehörenden Nerven afficiren. — Die Empfindung der Wärme und Kälte, selbst die, welche durch's Ge- müth erregt wird (z. B. durch schnell wachsende Hoffnung oder Furcht), gehört zum Vitalsinn. Der Schauer, der den Menschen selbst bei der Vorstellung des Erhabenen überläuft, und das Gräuseln, womit Ammenmärchen in später Abendzeit die Kinder zu Bette jagen, sind von der letzteren Art; sie durchdringen den Körper, so weit als in |hm Leben ist.

Der Organsinne aber können füglich nicht mehr oder weniger als fünf aufgezählt werden, sofern sie sich auf äussere Empfindung beziehen.

Drei derselben aber sind mehr objectiv als sub- jectiv, d. i. sie tragen, als empirische Anschauung, mehr zur Erkenntniss des äusseren Gegenstandes bei, als sie das Bewusstsein des afficirten Organs rege machen; — zwei aber sind mehr subjectiv als objectiv, d. i. die Vorstellung durch dieselbe ist mehr die des Genusses als der Erkenntniss des äusseren Gegenstandes; daher man sich über die ersteren mit Anderen leicht einverständigen kann, in Ansehung der letzteren aber, bei einerlei äusserer empirischer Anschauung und Be- nennung des Gegenstandes, die Art, wie das Subject sich von ihm afficirt fühlt, ganz verschieden sein kann.

Die Sinne von der ersteren Klasse sind 1) der der Betastung (tactus), 2) des Gesichts (visus), 3) des Gehörs (auditus). -— Von der zweiten a) des Ge- schmacks (gusius), b) des Geruchs {plfactus)\ ins- gesammt lauter Sinne der Organempfindung, gleichsam so vieler äusserer, von der Natur für das Thier zum Unterscheiden der Gegenstände zubereiteter Eingänge. 17) Vom Sinne der Betastung.

Der Sinn der Betastung liegt in den Fingerspitzen und den Nervenwärzchen (papülae) derselben, um durch die Berührung der Oberfläche eines festen Körpers die Gestalt desselben zu erkundigen. — Die Natur scheint 42 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

allein dem Menschen dieses Organ angewiesen zu haben, damit er durch Betastung von allen Seiten sich einen Begriff von der Gestalt eines Körpers machen könne; denn die Fühlhörner der Insecten scheinen nur die Gegenwart desselben, nicht die Erkundigung der Gestalt zur Absicht zu haben. — Dieser Sinn ist auch der einzige von unmittelbarer äusserer Wahrnehmung; eben darum auch der wichtigste und am sichersten belehrende, dennoch aber der gröbste; weil die Materie fest sein muss, von deren Oberfläche der Gestalt nach wir durch Berührung belehrt werden sollen, (Von der Vitalempfin- dung, ob die Oberfläche f) sanft oder unsanft, viel weniger noch, ob sie warm oder kalt anzufühlen sei, ist hier nicht die Rede.) — Ohne diesen Organsinn würden wir uns von einer körperlichen Gestalt gar keinen Begriff machen können, auf deren Wahrnehmung also die beiden anderen Sinne der ersten Klasse ursprünglich bezogen werden müssen, um Erfahrungskenntniss zu verschaffen. 1S) Vom Gehör.

Vom Gehör.

Der Sinn des Gehörs ist einer der Sinne von blos mittelbarer Wahrnehmung. — Durch die Luft, die uns umgiebt, und vermittelst derselben wird ein ent- fernter Gegenstand in grossem Umfange erkannt, und durch eben dieses Mittel, welches durch das Stimmorgan, den Mund, in Bewegung gesetzt wird ff), können sich Menschen am leichtesten und vollständigsten mit Anderen in Gemeinschaft der Gedanken und Empfindungen bringen, vornehmlich wenn die Laute, die Jeder den Anderen hören lässt, artikulirt sind und in ihrer gesetzlichen Verbindung durch den Verstand eine Sprache ausmachen. Die Gestalt des Gegenstandes wird durch's Gehör nicht gegeben und die Sprachlaute führen nicht unmittelbar zur Vorstellung desselben, sind aber eben darum, und f) 1. Ausg.: „sie ff) 1. Ausg.: „dessen Gebrauch durch das Stimmorgan, den Mund, geschieht".

weil sie an sich nichts, wenigstens keine Objecte, sondern allenfalls nur innere Gefühle bedeuten, die ge- schicktesten Mittel der Bezeichnung der Begriffe, und Taubgeborne, die eben darum auch stumm (ohne Sprache) bleiben müssen, können nie zu etwas Mehrerem als einem Analogon der Vernunft gelangen.

Was aber den Vitalsinn betrifft, so wird dieser durch Musik, als ein regelmässiges Spiel von Empfindungen des Gehörs, unbeschreiblich lebhaft und mannichfaltig nicht blos bewegt, sondern auch gestärkt, welche also gleichsam eine Sprache blosser Empfindungen (ohne alle Begriffe) ist. Die Laute sind hier Töne, und dasjenige für's Gehör, was die Farben für's Gesicht sind: eine Mit- theilung der Gefühle in die Ferne in einem Raum umher an Alle, die sich darin befinden, und ein gesellschaftlicher Genuss, der dadurch nicht vermindert wird, dass Viele an ihm theilnehmen. 19) Von dem Sinn des Sehens.

Auch das Gesicht ist ein Sinn der mittelbaren Empfindung durch eine, nur für ein gewisses Organ (die Augen) empfindbare, bewegte Materie, durch Licht, welches nicht, wie der Schall, blos eine wellenartige Bewegung eines flüssigen Elements ist, die sich im Räume umher nach allen Seiten verbreitet, sondern eine Ausströmung, durch welche ein Punkt für das Object im Räume bestimmt wird f), und vermittelst dessen uns das Weltgebäude in einem so unermesslichen Umfange bekannt wird, dass, vornehmlich bei selbstleuchtenden Himmelskörpern, wenn wir ihre Entfernung mit unseren f) In der 1. Ausg. beginnt dieser §. so: „Gleichfalls ein Sinn der mittelbaren Empfindung durch eine...Licht, welches eine Ausströmung ist, nicht, wie der Schall, blos eine wellenartige Bewegung des unendlich gröberen Flüssigen (der Luft), welche sich...verbreitet, sondern dadurch ein Punkt für das Object in demselben bestimmt wird" u. s. w.

44 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Maasstäben hier auf Erden vergleichen, wir über die Zahlenreihe ermüden und dabei fast mehr Ursache haben, über die zarte Fmpfindsamkeit dieses Organs in An- sehung der Wahrnehmung so geschwächter Eindrücke zu erstaunen, als über die Grösse des Gegenstandes (des Weltgebäudes), vornehmlich wenn man die Welt im Kleinen, so wie sie uns vermittelst der Mikroskopien vor Augen gestellt wird, z. B. bei den Infusionstierchen, dazunimmt. — Der Sinn des Gesichts ist, wenngleich nicht unentbehrlicher als der des Gehörs, doch der edelste; weil er sich unter allen am meisten von dem der Betastung, als der eingeschränktesten Bedingung der Wahrnehmungen, entfernt und nicht allein die grösste Sphäre derselben im Räume enthält, sondern auch sein Organ am wenigsten afficirt fühlt (weil es sonst nicht blosses Sehen sein würde), hiemit also einer reinen Anschauung (der unmittelbaren Vorstellung des ge- gebenen Objects ohne beigemischte merkliche Empfindung) näher kommt. 20) Diese drei äusseren Sinne leiten durch Reflexion das Subject zum Erkenntniss des Gegenstandes als eines Dinges ausser uns. — Wenn aber die Empfindung so stark wird, dass das Bewusstsein der Bewegung des Organs stärker wird als das der Beziehung auf ein äusseres Object, so werden äussere Vorstellungen in innere verwaudelt. — Das Glatte oder Rauhe in An- fühlbaren bemerken, ist ganz was Anderes, als die Figur des äusseren Körpers dadurch erkundigen. Ebenso: wenn das Sprechen Anderer so stark ist, dass Einem, wie man sagt, die Ohren davon weh thun, oder wenn Jemand, welcher aus einem dunkelen Gemach in den hellen Sonnenschein tritt, mit den Augen blinzelt, so wird der Letzte durch zu starke oder plötzliche Er- leuchtung auf einige Augenblicke blind, der Erste durch kreischende Stimme taub, d. i. Beide können vor der Heftigkeit der Sinnesempfindung nicht zum Begriff vom Object kommen, sondern ihre Aufmerksamkeit ist blos an die subjective Vorstellung, nämlich die Veränderung des Organs geheftet. 21) Von den Sinnen des Geschmacks und des Riechens.

Die Sinne des Geschmacks und des Geruchs sind beide mehr subjectiv als objectiv; der ersteref) in der Berührung des Organs der Zunge, des Schlundes und der Gaumen durch den äusseren Gegenstand, der zweite durch Einziehung der mit der Luft vermischten fremden Ausdünstungen, wobei der Körper, der sie aus- strömt, selbst vom Organ entfernt sein kann, ff) Beide sind einander nahe verwandt, und wem der Geruch mangelt, der hat jederzeit nur einen stumpfen Ge- schmack. — Man kann; sagen, dass beide durch Salze (fixe und flüchtige), deren die eine durch Flüssigkeit im Munde, die andere durch die Luft aufgelöst sein müssen, afficirt werden, welche in das Organ eindringen müssen, um diesem ihre specifische Empfindung zukommen zu lassen. 22) Allgemeine Anmerkung über die äusseren Sinne.

Man kann die Empfindungen der äusseren Sinne in die des mechanischen und des chemischen Ein- flusses eintheilen. Zu den mechanisch einfliessenden gehören die drei obersten, zu denen von chemischem Einfluss die zwei niederen Sinne. Jene sind Sinne der Wahrnehmung (oberflächlich), diese des Genusses (innigste Einnehmung). — Daher kommt es, dass der Ekel, ein Anreiz, sich des Genossenen durch den kürzesten Weg des Speisekanals zu entledigen (sich zu erbrechen), als eine so starke Vitalempfindung den Menschen bei- gegeben worden, weil jene innigliche Einnehmung dem Thiere gefährlich werden kann.

Weil es aber auch einen Geistesgenuss giebt, der in der Mittheilung der Gedanken besteht, das Gemüth aber diesen, wenn er uns aufgedrungen wird und doch f) 1. Ausg.: „§. 18. Beide sind mehr subjectiv...der erstere (des Geschmacks)".

ff) „wobei — kann". Zusatz der 2. Ausg.

46 Anthropologie. I. Theii Anthropol. Didaktik.^ als Geistesnahrung für uns nicht gedeihlich ist, wider- lich findet (wie z. B. die Wiederholung immer einerlei witzig oder lustig sein sollender Einfälle uns selbst durch diese Einerleiheit ungedeihlich werden kann), so wird der Instinct der Natur, seiner los zu werden f), der Ana- logie wegen, gleichfals Ekel genannt; ob er gleich zum inneren Sinne gehört.

Geruch ist gleichsam ein Geschmack in die Ferne, und Andere werden gezwungen, mit zu gemessen, sie mögen wollen oder nicht, und darum ist er, als der Freiheit zuwider, weniger gesellig als der Geschmack, wo, unter vielen Schüsseln oder Bouteillen, der Gast eine nach seiner Behaglichkeit wählen kann, ohne dass Andere genöthigt werden, davon mitzugeniessen. — Schmutz scheint nicht sowohl durch das Widrige für's Auge und die Zunge, als vielmehr durch den davon zu vermuthenden Gestank Ekel zu erwecken. Denn die Einnehmung durch den Geruch (in die Lungen) ist noch inniglicher als die durch die einsaugenden Gefässe des Mundes oder des Schlundes.

Je stärker die Sinne, bei eben demselben Grade des auf sie geschehenen Einflusses, sich afficirt fühlen, desto weniger lehren sie. Umgekehrt: wenn sie viel lehren sollen, müssen sie mässig afficiren. Im stärksten Licht sieht (unterscheidet) man nichts, und eine sten- torisch angestrengte Stimme betäubt (unterdrückt das Denken).

Je empfänglicher der Vitalsinn für Eindrücke ist (je zärtlicher und empfindlicher), desto unglücklicher ist der Mensch; je empfänglicher für den Organsinn (empfind- samer), dagegen abgehärteter für den Vitalsinn der Mensch ist, desto glücklicher ist erft); — ich sage i f) 1. Ausg.: „Weil es aber auch...nicht gedeihlich ist (wie z. B. die Wiederholung immer einerlei witzig oder lustig sein sollender Einfälle), uns selbst durch diese Einlerleiheit ungedeihlich werden kann, so wird der Instinct der Natur, ihrer los zu werden" u. s. w.

tt) 1- Ausg.: „Je empfänglicher...desto unglücklicher, je empfänglicher für den Organsinn, dagegen abgehärteter für den Vitalsinn der Mensch ist (empfindsamer), desto glücklicher ist er;" glücklicher, nicht eben moralisch -besser; — denn er hat das Gefühl seines Wohlseins mehr in seiner Gewalt. Die Empfindungsfähigkeit aus Stärke {sensibilitas stehnica) kann man zarte Empfindsamkeit, die aus Schwäche des Subjects, dem Eindringen der Sinneneinflüsse in's Be- wusstsein nicht hinreichend widerstehen zu können, d. i. wider Willen darauf zu attendiren, zärtliche Empfind- lichkeit {sensibilitas astehnica) nennen*23) Fragen.

Welcher Organsinn ist der undankbarste und scheint auch der entbehrlichste zu sein? Der des Geruchs. Es belohnt nicht, ihn zu cultiviren, oder wohl gar zu verfeinern, um zu gemessen; denn es giebt mehr Gegen- stände des Ekels (vornehmlich in volkreicheren Oertern) als der Annehmlichkeit, die er verschaffen kann, und der Genuss durch diesen Sinn kann immer auch nur flüchtig und vorübergehend sein, wenn er vergnügen soll. — Aber als negative Bedingung des Wohlseins, um nicht schädliche Luft (den Ofendunst, den Gestank der Mo- räste und Aeserf) einzuathmen, oder auch faulende Sachen zur Nahrung zu brauchen, ist dieser Sinn nicht unwichtig. — Eben dieselbe Wichtigkeit hat auch der zweite Genusssinn, nämlich der Sinn des Geschmacks, aber mit dem ihm eigenthümlichen Vorzuge, dass dieser die Geselligkeit im Geniessen befördert, was der vorige nicht thut, überdies auch, dass er schon bei der Pforte des Einganges der Speisen in den Darmkanal die Ge- deihlichkeit derselben zum Voraus beurtheilt; denn diese ist mit der Annehmlichkeit in diesem Genüsse, als einer ziemlich sicheren Vorhersagung der letzteren wohl ver- bunden, wenn Ueppigkeit und Schwelgerei den Sinn nur nicht verkünstelt hat. — Worauf der Appetit bei Kranken fällt, das pflegt ihnen auch gemeiniglich, gleich einer Arznei, gedeihlich zu sein. — Der Geruch der f) 1. Ausg.: „Ofendunst, die der Moräste und Anger ver- faulter Thiere."

48 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Speisen ist gleichsam ein Vorgeschmack f), und der Hungrige wird durch den Geruch von beliebten Speisen zum Genüsse eingeladen, so wie der Satte dadurch ab- gewiesen wird.

Giebt es ein Vicariat der Sinne, d. i. einen Gebrauch des einen Sinnes, um die Stelle eines anderen zu ver- treten? Dem Tauben kann man, wenn er nur sonst hat hören können, durch die Geberdung, also durch die Augen desselben, die gewohnte Sprache ablocken; wozu auch die Beobachtung der Bewegung seiner Lippen gehört, ja durch das Gefühl der Betastung bewegter Lippen im Finstern kann eben dasselbe geschehen. Ist er aber taub geboren, so muss der Sinn des Sehens aus der Bewegung der Sprachorgane die Laute, die man ihm bei seiner Belehrung abgelockt hat, in ein Fühlen der eigenen Bewegung der Sprachmuskeln desselben verwandeln; wiewohl er dadurch nie zu wirklichen Begriffen kommt, weil die Zeichen, deren er dazu bedarf, keiner Allgemein- heit fähig sind. — Der Mangel eines musikalischen Gehörs, obgleich das blos physische unverletzt ist, da das Gehör zwar Laute, aber nicht Töne vernehmen, der Mensch also zwar sprechen, aber nicht singen kann, ist eine schwer zu erklärende Verkrüppelung; so wie es Leute giebt, die sehr gut sehen, aber keine Farben unterscheiden können, und denen alle Gegenstände wie im Kupferstich erscheinen.

Welcher Mangel oder Verlust eines Sinnes ist wich- tiger, der des Gehörs oder des Gesichts? — Der erster e ist, wean er angeboren wäre, unter allen am wenigsten ersetzlich; ist er aber nur später, nachdem der Gebrauch der Augen, es sei zu Beobachtung des Geberdenspiels oder, noch mittelbarer, durch Lesung einer Schrift schon cultivirt worden, erfolgt, so kann ein solcher Verlust, vornehmlich bei einem Wohlhabenden, noch wohl noth- dürftig durch's Gesicht ersetzt werden. Aber ein im Alter Taubgewordener vermisst dieses Mittel des Um- gangs gar sehr, und so wie man viele Blinde sieht, welche gesprächig, gesellschaftlich und an der Tafel f) 1. Ausg.: „Der Geruch ist gleichsam ein Geschmack in die Ferne," fröhlich sind, so wird man schwerlich Einen, der sein Gehör verloren hat, in Gesellschaft anders als verdriess- lich, misstrauisch und unzufrieden antreffen. Er sieht in den Mienen der Tischgenossen allerlei Ausdrücke von Äffect oder wenigstens Interesse und zerarbeitet sich vergeblich, ihre Bedeutung zu errathen, und ist also selbst mitten in der Gesellschaft zur Einsamkeit ver- dammt. 24) Noch gehört zu den beiden letzteren Sinnen (die mehr subjectiv als objectiv sind) eine Empfänglichkeit für gewisse Objecte äusserer Sinnenempfindungen von der besonderen Art, dass sie blos subjectiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz wirken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu specifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird, daher denn diese Objecte nicht eigent- lich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden f), sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen, eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. — Das ge- meinste Material derselben ist der Tabak, es sei, ihn zu schnupfen, oder ihn in den Mund zwischen der Backe und dem Gaumen zur Reizung des Speichels zu legen, oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst die spanischen ff ) Frauenzimmer in Lima durch einen an- gezündeten Cigarro, zu rauchen. Statt des Tabaks bedienen sich die Malaien im letzteren Fall der Arekanuss in ein Betelblatt gewickelt (Betelarek), welches eben- dieselbe Wirkung thut. — Dies Gelüsten (pico), ab- gesehen von den medicinischen Nutzen oder Schaden, den die Absonderung des Flüssigen in beiderlei Organen zur Folge haben mag, ist, als blosse Aufreizung des f) 1. Ausg.: „reizen, gefühlt, aber nicht genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden" u. s. w. ff) 1. Ausg.: „das spanische" Kant, Anthropologie. 4 50 Anthropologie. I. Theil. Anthropolog. Didaktik.

Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Recollection der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern oder durch Gleich- förmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten Anreizen ausfüllt.

Vom innern Sinn j).

Vom innern Sinn j).

Der innere Sinn ist nicht die reine Apperception, ein Bewustsein dessen, wass der Mensch thut, denn dieses gehört zum Denkungsvermögen, sondern was er leidet, wiefern er durch sein eigenes Gedankenspiel afficirt wird. Ihm liegt die innere Anschauung, folglich das Verhältniss der Vorstellung in der Zeit (sowie sie darin zugleich oder nach einander sind), zum Grunde. Die Wahrnehmungen desselben und die durch ihre Ver- knüpfung zusammengesetzte (wahre oder scheinbare) innere Erfahrung ist nicht blos anthropologisch, wo man nämlich davon absieht, ob der Mensch eine Seele (als besondere unkörperliche Substanz) habe oder nicht, sondern psychologisch, wo man eine solche in sich wahrzunehmen glaubt, und das Gemüth ff), welches als ein blosses Vermögen, zu empfinden und zu denken, vor- gestellt ist, als besondere, im Menschen wohnende Substanz angesehen wird. — Da giebt es alsdann nur einen innern Sinn; weil es nicht verschiedene Organe sind, durch welche der Mensch sich innerlich empfindet, und man könnte sagen, die Seele ist das Organ des inneren Sinnes, von dem nun gesagt wird, dass er auch Täuf) 1. Ausg.: „Anhang. Vom innern Sinn." ff) 1. Ausg.: „wo man ein solches in sich...und statt des Gemüths" schlingen unterworfen ist, die darin bestehen, dass der Mensch die Erscheinungen desselben entweder für äussere Erscheinungen, d. i. Einbildungen für Empfindungen nimmt, oder aber gar für Eingebungen hält, von denen f) ein anderes Wesen, welches doch kein Gegenstand äusserer Sinne ist, die Ursache sei; wo die Illusion alsdann Schwärmerei oder auch Geisterseherei und Beides Betrug des inneren Sinnes ist. In beiden Fällen ist es Gemüthskrankheit: der Hang, das Spiel der Vor- stellungen des inneren Sinnes für Erfahrungserkenntniss anzunehmen, da er doch nur eine Dichtung ist, oft auch ff) sich selbst mit einer gekünstelten Gemüthsstimmung hin- zuhalten, vielleicht weil man sie für heilsam und über die Niedrigkeit der Sinnenvorstellungen erhaben hält, und mit darnach geformten Anschauungen (Träumen im Wachen) sich zu hintergehen. — Denn nachgerade hält der Mensch das, was er sich selbst vorsätzlich in's Gemüth hinein- getragen hat, für etwas, das schon vorher in demselben gelegen hätte, und glaubt das, was er f f f ) sich selbst auf- drang, in den Tiefen seiner Seele nur entdeckt zu haben.

So war es mit den schwärmerisch -reizenden inneren Empfindungen einer Bourignon, oder den schwärmerisch- schreckenden eines Pascal be wandt. Diese Verstimmung des Gemüths kann nicht füglich durch vernünftige Vor- stellungen (denn was vermögen diese wider vermeinte Anschauungen?) gehoben werden. Der Hang, in sich selbst gekehrt zu sein, kann, sammt den daher kommenden Täuschungen des inneren Sinnes, nur dadurch in Ordnung gebracht werden, dass der Mensch in die äussere Welt, und hiemit in die Ordnung der Dinge, die den äusseren Sinnen vorliegen, zurückgeführt wird f f f f ). 25) f) 1. Ausg.: „unterworfen ist, die entweder darin bestehen, dass der Mensch Erscheinungen desselben für solche hält, von denen" ff) „oft auch" Zusatz der 2. Ausg. fff) 1. Ausg.: „nachgerade glaubt ber Mensch...hat, als schon verlier in demselben belegenen, und was er" ff ff) 1. Ausg.: „des inneren Sinnes nur durch Versetzung in die äussere Welt und hiemit in die Ordnung...vorliegen in's Gleis gebracht werden."

4* 52 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.

Von den Ursachen der Vermehrung oder Verminderung der Sinnenempfindungen dem Grade nach f).

Die Sinnenempfindungen werden dem Grade nach ver- mehrt, 1) durch den Contrast, 2) die Neuigkeit, 3) den Wechsel, 4) die Steigerung ff).

a.

Der Contrast.

Abstechung (Contrast) ist die Aufmerksamkeit er- regende Nebeneinanderstellung einander widerwärtiger Sinnesvorstellungen unter einem und demselben Begriffe. Sie ist vom Widerspruch unterschieden welcher in der Verbindung einander widerstreitender Begriffe steht. — Ein wohlgebautes Land in einer Sandwüste hebt die Vorstellung des ersten durch den blossen Contrast; wie die angeblich paradiesischen Gegen- den in der Gegend von Damaskus in Syrien. — Das Geräusch und der Glanz eines Hofes oder auch nur einer grossen Stadt, neben dem stillen, einfältigen und doch zufriedenen Leben des Landmanns, ein Haus unter einem Strohdach, inwendig mit geschmackvollen und bequemen Zimmern anzutreffen, belebt die Vorstellung, und man weilt gern dabei; weil die Sinne dadurch gestärkt werden. Dagegen Armuth und Hoffart, prächtiger Putz einer Dame, die mit Brillanten umschimmert, und deren Wäsche unsauber ist; — oder, wie ehemals bei einem polnischen Magnaten, verschwenderisch besetzte Tafeln und dabei zahlreiche Aufwärter, aber in Bast- schuhen, stehen nicht im Contrast, sondern im Wider- spruch; und eine Sinnenvorstellung vernichtet oder schwächt die andere, weil sie unter einem und demselben ff) 1. Ausg.: „Sie sind 1. der Contrast, 2. die Neuigkeit. 3. der Wechsel, 4. die Steigerung."

Begriffe das Entgegengesetzte vereinigen will^ welches unmöglich ist. Doch kann man auch komisch con- trastiren und einen augenscheinlichen Widerspruch im Ton der Wahrheit, oder etwas offenbar Verächtliches in der Sprache der Lobpreisung vortragen, um die Ungereimt- heit noch fühlbarer zu machen, wie Fielding in seinem Jonathan Wild dem Grossen, oder Blumauer in seinem travestirten Virgil, und z. B. einen herzbeklemmenden Roman, wie Clarissa, lustig und mit Nutzen parodiren und so die Sinne stärken, dadurch, dass man sie vom Widerstreite befreit, den falsche und schädliche Begriffe ihnen beigemischt haben. 26) 6.

Die Neuigkeit.

6.

Die Neuigkeit.

Durch das Neue, wozu auch das Seltene und das verborgen Gehaltene gehört, wird die Aufmerksamkeit belebt. Denn es ist Erwerb; die Sinnenvorstellung ge- winnt also dadurch mehr Stärke. Das Alltägliche oder Gewohnte löscht sie aus. Doch ist darunter nicht die Entdeckung, Berührung oder öffentliche Aus- stellung eines Stück des Alterthums zu verstehen, wodurch eine Sache vergegenwärtigt wird, von der man, nach dem natürlichen Lauf der Dinge, hätte vermuthen sollen, dass die Gewalt der Zeit sie längst vernichtet hätte f). Auf einem Stück des Gemäuers des alten Theaters der Römer (in Verona oder Nismes) zu sitzen, einen Hausrath jenes Volkes aus dem alten, nach vielen Jahrhunderten unter der Lava entdeckten Herculanum in Händen zu haben, eine Münze macedonischer Könige, oder eine Gemme von der alten Sculptur vorzeigen zu können u. dergl., weckt die Sinne des Kenners zur grössten Aufmerksamkeit. Der Hang zur Erwerbung einer Kenntniss, blos ihrer Neuigkeit, Seltenheit und Verborgenheit halber, wird die Curiosität genannt. Diese Neigung, ob sie zwar nur mit Vorstellungen spielend und sonst ohne Interesse an ihrem Gegenstande f) 1. Ausg.: „welche nach dem...Dinge vom Zahn der Zeit längst aufgezehrt zu sein vermuthet sein würde."

54 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

ist, wenn sie nur nicht auf Ausspähung dessen geht, was eigentlich nur Andere interessirt, ist nicht zu tadeln. — Was aber den blossen Sinneneindruck betrifft, so macht jeder Morgen blos durch die Neuigkeit seiner Em- pfindungen alle Vorstellungen der Sinne (wenn diese nur sonst nicht krankhaft sind) klarer und belebter, als sie gegen Abend zu sein pflegen. 2<) c.

Der Wechsel.