SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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c.

Der Wechsel.

Monotonie (völlige Gleichförmigkeit in Empfindungen) bewirkt endlich Atonie derselben (Ermattung der Auf- merksamkeit auf seinen Zustand), und die Sinnenempfin- dung wird geschwächt. Abwechselung frischt sie auf; so wie eine in eben demselben Tone, es sei geschrieene oder mit gemässigter, aber gleichförmiger Stimme ab- gelesene Predigt die ganze Gemeinde in Schlaf bringt. — Arbeit und Kuhe, Stadt- und Landleben, im Umgange Unterredung und Spiel, in der Einsamkeit Unterhaltung, bald mit Geschichten, bald mit? Gedichten, einmal mit Philosophie und dann mit Mathematik, stärken das Gemüth. — Es ist eben dieselbe Lebenskraft, welche das Bewusstsein der Empfindungen rege macht; aber die verschiedenen Organe derselben lösen einander in ihrer Thätigkeit ab. So ist es leichter, sich eine geraume Zeit im Gehen zu unter- halten, weil da ein Muskel (der Beine) mit dem anderen in der Ruhe wechselt, als steif auf einer und derselben Stelle stehen zu bleiben, wo einer unabgespannt eine Weile wirken muss. — Daher ist das Reisen so anlockend; nur schade, dass es bei müssigen Leuten eine Leere (die Atonie), al$ die Folge von Monotonie des häuslichen Lebens zurücklässt.

Die Natur hat es nun zwar schon selbst so geordnet, dass sich zwischen angenehmen und den Sinn unter- haltenden Empfindungen der Schmerz ungerufen ein- schleicht und so das Leben interessant macht. Aber absichtlich, der Abwechselung wegen, ihn beizumischen und sich wehe zu thun, sich aufwecken zu lassen, um das erneuerte Einschlafen recht zu fühlen, oder, wie in Fielding's Roman (der Findling) ein Herausgeber dieses Buches nach des Verfassers Tode noch einen letzten Theil hinzufügte, um, der Abwechselung halber, in die Ehe (womit die Geschichte schloss) noch Eifersucht hinein- zubringen ist abgeschmackt; denn die Verschlimmerung eines Zustandes ist nicht Vermehrung des Interesse, welches, die Sinne daran nehmen; selbst nicht in einem Trauerspiel. Denn Beendigung ist nicht Abwechselung. 28) Die Steigerung bis zur Vollendung.

Eine continuirliche Reihe dem Grade nach ver- schiedener auf einander folgender Sinnesvorstellungen hat., wenn die folgende immer stärker ist als die vorher- gehende, ein Aeusserstes der Anspannung (intensio), dem sich zu nähern erweckend, es zu überschreiten wiederum abspannend ist (remissio). In dem Punkte aber, der beide Zustände trennt, liegt Vollendung (maximum) der Empfindung, welche Unempfindlichkeitr mithin Leblosigkeit zur Folge hat.

Will man das Sinnenvermögen lebendig erhalten, so muss man nicht von den starken Empfindungen anfangen (denn die machen uns gegen die folgenden unempfindlich), sondern sie sich lieber anfänglich versagen und sich kärglich zumessen, um immer höher steigen zu können. Der Kanzelredner fängt in der Einleitung mit einer kalten Belehrung des Verstandes an, die zu Beherzigung eines PflichtbegrifFs hinweist, bringt hernach in die Zer- gliederung seines Textes ein moralisches Interesse hinein und endigt in der Application mit Bewegung aller Triebfedern der menschlichen Seele durch die Em- pfindungen, welche jenem Interesse Nachdruck geben können.

Junger Mann! versage dir die Befriedigung (der Lustbarkeit, der Schwelgerei, der Liebe u. dgl.), wenn auch nicht in der stoischen Absicht, ihrer gar entbehren zu wollen, sondern in der feinen Epikurischen, um einen immer noch wachsenden Genuss im Prospect zu haben. Dieses Kargen mit der Baarschaft deines Lebensgefühls macht dich durch den Aufschub des Genusses wirklich 56 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

reicher, wenn du auch dem Gebrauch derselben am Ende des Lebens grossentheils entsagt haben solltest. Das Bewustsein, den Genuss in deiner Gewalt zu haben, ist, wie alles Idealische, fruchtbarer und weiter um- fassend, als Alles, was den Sinn dadurch befriedigt, dass es hiemit zugleich verzehrt wird und so von der Masse des Ganzen abgeht. 29) Von der Hemmung, Schwächung und dem gänzlichen Verlust des Sinnenvermögens.

Das Sinnenvermögen kann geschwächt, gehemmt oder gänzlich aufgehoben werden. Daher die Zustände der Trunkenheit, des Schlafs, der Ohnmacht, des Schein- todes (Asphyxie) und des wirklichen Todes f).

Die Trunkenheit ist der widernatürliche Zustand des Unvermögens, seine Sinnenvorstellungen nach Erfahrungs- gesetzen zu ordnen, sofern er die Wirkung eines über- mässig genommenen Geniessmittels ist.

Der Schlaf ist, der Worterklärung nach, ein Zustand des Unvermögens eines gesunden Menschen, sich der Vorstellungen durch äussere Sinne bewusst werden zu können. Hiezu die Sacherklärung zu finden, bleibt den Physiologen überlassen, welche diese Abspannung, die doch zugleich eine Sammlung der Kräfte zu erneuerter äusserer Sinnenempfindung ist (wodurch sich der Mensch gleich als neugeboren in der Welt sieht, und womit wohl ein Drittheil unserer Lebenszeit unbewusst und unbedauert dahingeht), — wenn sie können, erklären mögen.

Der widernatürliche Zustand einer Betäubung der f) Dieser Paragraph beginnt in der 1. Ausg. so: „Der Zustand des Menschen ist hiebei der des Schlafs, oder der Trunkenheit, oder der Ohnmacht, oder des wahren oder des Scheintodes." Der folgende Absatz: „Die Trunken- heit...Geniessmittels ist." fehlt in der 1. Ausg. Vgl. die erste Anm. zu §. 27.

Sinnenwerkzeuge, welche einen geringeren Grad der Auf- merksamkeit auf sich selbst, als im natürlichen zur Folge hat, ist ein Analogon der Trunkenheit, daher der aus einem festen Schlafe schnell Aufgeweckte schlaftrunken genannt wird. — Er hat noch nicht seine völlige Be- sinnung. — Aber auch im Wachen kann eine plötzlich Jemanden anwandelnde Verlegenheit, sich zu besinnen, was man in einem unvorhergesehenen Falle zu thun habe, als Hemmung des ordentlichen und gewöhnlichen Gebrauchs seines Reflexionsvermögens, einen Stillstand im Spiel der Sinnen Vorstellungen hervorbringen, bei dem man sagt: er ist aus der Fassuug gebracht, ausser sich (vor Freude oder Schreck), perplex, verdutzt, ver- blüfft, hat den Tramontano*) verloren und dergl., und dieser Zustand ist, wie ein augenblicklich anwandelnder Schlaf, der eines Sammeins seiner Sinnenempfindungen bedarf, anzusehen. Im heftigen plötzlich erregten Affect (des Schrecks, des Zorns, auch wohl der Freude) ist der Mensch, wie man sagt, ausser sich (in einer Ekstasis, wenn man sich in einer Anschauung, die nicht die der Sinne ist, begriffen zu sein glaubt), seiner selbst nicht mächtig und für den Gebrauch ässerer Sinne einige Augenblicke gleichsam gelähmt.

*) Tramontano oder Tramontana heist der Nordstern; und perder la tramontana, den Nordstern (als Leitstern der Seefahrer) verlieren heisst aus der Fassung kommen, sich nicht finden zu wissen, f ) f) Diese Anmerkung lautet in der 1. Ausgabe so: „Tramontano ist ein beschwerlicher Nordwind in Italien, so wie Sirocco ein noch schlimmerer Südostwind. — Wenn nun ein junger, ungeübter Mann in eine über seine Erwartung glänzende Gesellschaft (vornehmlich von Damen) tritt, so geräth er leicht in Verlegenheit, wovon er zu sprechen anfangen solle. Nun wäre es unschicklich, mit einer Zeitungsnachricht den Anfang zu machen; denn man sieht nicht, was ihn gerade darauf gebracht hat. Da er aber von der Strasse kommt, so ist das schlimme Wetter das beste Einleitungsmittel, und wenn*er sich auch auf dieses (z. B. den Nordwind) nicht besinnt, so sagt der Italiener: „er hat den Nordwind verloren." " 58 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Die Ohnmacht, welche auf einen Schwindel (einen schnell im Kreise wiederkehrenden und die Fassungs- kraft übersteigenden Wechsel vieler ungleichartiger Em- pfindungen) zu folgen pflegt, ist ein Vorspiel von dem Tod. Die gänzliche Hemmung dieses insgesammt ist Asphyxie, oder der Scheintod, welcher, so viel man äusserlich wahrnehmen kann, nur durch den Erfolg von dem wahren zu unterscheiden ist (wie bei Ertrunkenen, Gehenkten, im Dampf Erstickten).

Das Sterben kann kein Mensch an sich selbst er- fahren (denn eine Erfahrung zu machen, dazu gehört Leben), sondern nur an Anderen wahrnehmen. Ob es schmerzhaft sei, ist aus dem Röcheln, oder den Zuckungen des Sterbenden nicht zu beurtheilen; vielmehr scheint es eine blos mechanische Reaction der Lebenskraft und vielleicht eine sanfte Empfindung des allmäligen Frei- werdens von allem Schmerz zu sein. — Die allen Menschen, selbst den unglücklichsten oder auch den weisesten natürliche Furcht vor dem Tode ist also nicht ein Grauen vor dem Sterben, sondern, wie Montaigne richtig sagt, vor dem Gedanken, gestorben (d. i. todt) zu sein, den also der Candidat des Todes nach dem Sterben noch zu haben vermeint, indem er das Cadaver, was nicht mehr er selbst ist, doch als sich selbst im düstersten Grabe oder irgend sonst wo denkt. — Die Täuschung ist hier nicht zu heben; denn sie liegt in der Natur des Denkens, als eines Sprechens zu und von sich selbst. Der Gedanke: ich bin nicht, kann gar nicht existiren; denn bin ich nicht, so kann ich mir auch nicht bewusst werden, dass ich nicht bin. Ich kann wohl sagen: ich bin nicht gesund, u. dergl. Prädicate von mir selbst verneinend denken (wie es bei allen verbis geschieht); aber in der ersten Person sprechend das Subject selbst verneinen, wobei alsdann dieses sich selbst vernichtet, ist ein Widerspruch. 30) f) Dieser Paragraph steht in der 1. Ausg. als Anfang des §. 21 (obwohl dort mit falscher Zahl zwischen §. 22 und 23) am Ende des §. 26 der vorl. Ausg.

Von der Einbildungskraft f).

Die Einbildungskraft {facultas imaginandl), als ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstandes, ist entweder productiv, d. i. ein Ver- mögen der ursprünglichen Darstellung des letzteren (exhibita originaria), welche also vor der Erfahrung vorhergeht, oder reproductiv, der abgeleiteten (exhibitio derivativa), welche eine vorher gehabte empirische Anschauung in's Gemüth zurückbringt. — Reine Raumes- und Zeitanschauungen gehören zur erstem Darstellung; alle übrige setzen empirische Anschauungen voraus, welche, wenn sie mit dem Begriffe vom Gegenstande verbunden und also empirisches Erkenntniss wird, Er- fahrung heisst. — Die Einbildungskraft, sofern sie auch unwillkürlich Einbildungen hervorbringt, heisst Phantasie. Der, welcher diese für (innere oder äussere) Erfahrungen zu halten gewohnt ist, ist ein Phantast. — Im Schlaf (einem Zustande der Gesundheit) ein un- willkürliches Spiel seiner Einbildungen zu sein, heisst träumen ff).

Die Einbildungskraft ist (mit anderen Worten ent- weder dichten d (productiv), oder blos zurückrufend (reproductiv). Die productive aber ist dennoch darum eben nicht schöpferisch, nämlich nicht vermögend, eine Sinnenvorstellung, die vorher unserem Sinnesvermögen nie gegeben war, hervorzubringen, sondern man kann den Stoff zu derselben immer nachweisen. Dem, der unter den sieben Farben die rothe nie gesehen hätte, kann man diese Empfindung nie fasslich machen, dem Blindgebornen aber gar keine, selbst nicht die Mittel- farbe, die aus der Vermischung zweier hervorgebracht wird; z. B. die grüne. Gelb und Blau mit einander f) In der 1. Ausgabe lautet diese Ueberschrift: „Der Sinnlichkeit im Erkenntnissvermögen zweites Kapitel. Von der Einbildungskraft."

ff) Nach diesem Absatz steht in der 1. Ausg. die Ueber- schrift; „Eintheilung. " ß() Anthropologie. I. Thcil. Anthropol. Didaktik.

vermischt, geben Grün; aber die Einbildungskraft würde nicht die mindeste Vorstellung von dieser Farbe, ohne sie vermischt gesehen zu haben, hervorbringen.

Ebenso ist es mit jedem besonderen aller fünf Sinne bewandt, dass nämlich die Empfindungen aus denselben in ihrer Zusammensetzung nicht durch die Einbildungs- kraft können gemacht, sondern ursprünglich dem Sinnes- vermögen abgelockt werden müssen. Es hat Leute ge- geben, die für die Lichtvorstellung keinen grösseren Vorrath in ihrem Sehevermögen hatten, als Weiss oder Schwarz, und für die, ob sie gleich gut sehen konnten, die sichtbare Welt nur wie ein Kupferstich erschien. Ebenso giebt es mehr Leute, als man wohl glaubt, die von guten, ja sogar äusserst feinem, aber schlechterdings nicht musikalischem Gehör sind, derer Sinn für Töne, nicht blos um sie nachzumachen (zu singen), sondern auch nur vom blosen Schall zu unterscheiden, ganz unempfänglich ist. — Ebenso mag es mit den Vor- stellungen des Geschmacks und Geruchs bewandt sein, dass nämlich für manche specifische Empfindungen dieser Stoffe des Genusses der Sinn mangelt, und Einer den Anderen hierüber zu verstehen glaubt, indessen dass die Empfindungen des Einen von denen des Anderen nicht blos dem Grade nach, sondern specifisch ganz und gar unterschieden sein mögen. — Es giebt Leute, denen der Sinn des Geruchs gänzlich mangelt, die die Empfindung des Einziehens der reinen Luft durch die Nase für Geruch halten, und daher aus allen Beschreibungen, die man ihnen von dieser Art zu empfinden machen mag, nicht klug werden können; wo aber der Geruch mangelt, da fehlt es auch sehr am Geschmack, den, wo er nicht ist, zu lehren und beizubringen, vergebliche Arbeit ist. Der Hunger aber und die Befriedigung desselben (die Sättigung) ist ganz was Anderes als der Geschmack.

Wenn also gleich die Einbildungkraft eine noch so grosse Künstlerin, ja Zauberin ist, so ist sie doch nicht schöpferisch, sondern muss den Stoff zu ihren Bildungen von den Sinnen hernehmen. Diese aber sind nach den eben gemachten Erinnerungen nicht so allgemein mit- theilbar als die Verstandesbegriffe. Man nennt aber (wiewohl nur uneigentlich) auch die Empfänglichkeit für Vorstellungen der Einbildungskraft in der Mittheilung bisweilen einen Sinn und sagt: dieser Mensch hat hiefür keinen Sinn, ob es zwar eine Unfähigkeit nicht des Sinnes, sondern zum Theil des Verstandes ist, mit- getheilte Vorstellungen aufzufassen und im Denken zu vereinigen. Er denkt selbst nichts bei dem, was er spricht, und Andere verstehen ihn daher auch nicht; er spricht Unsinn (non sense)\ welcher Fehler noch von dem Sinn leeren unterschieden ist, wo Gedanken so zusammengepaart werden, dass ein Anderer nicht weiss, was er daraus machen soll. — Dass das Wort Sinn (aber nur im Singular) so häufig für Gedanken gebraucht, ja wohl gar noch eine höhere Stufe, als die des Denkens ist, bezeichnen soll; dass man von einem Ausspruche sagt: es liege in ihm ein reichhaltiger oder tiefer Sinn (daher das Wort Sinnspruch), und dass man den gesunden Menschenverstand auch Gemeinsinn nennt, und ihn, obzwar dieser Ausdruck eigentlich nur die niedrigste Stufe vom Erkenntnissvermögen bezeichnet, doch obenan setzt, gründet sich darauf, das die Ein- bildungskraft, welche dem Verstände Stoff unterlegt, um den Begriffen desselben Inhalt (zum Erkenntnisse) zu verschaffen, vermöge der Analogie ihrer (gedichteten) Anschauungen mit wirklichen Wahrnehmungen jenen Realität zu verschaffen scheint. 31) Die Einbildungskraft*) zu erregen oder zu besänf- tigen, giebt es ein körperliches Mittel in dem Genüsse f ) §. 27 und 28 haben in der 1. Ausg. noch die Ueber- schrift: „Von gewissen körperlichen Mitteln der Erregung oder Besänftigung der Einbildungskraft." Die folgende An- merkung *) gehört dort zur Ueberschrift.

*) Ich übergehe hier, was nicht Mittel zu einer Absicht, sondern natürliche Folge aus der Lage ist, darein Jemand gesetzt wird, und wodurch blos seine Einbildungs- kraft ihn ausser Fassung bringt. Dahin gehört der Schwindel beim Herabsehen vom Rande einer steilen Höhe (allenfalls auch nur einer schmalen Brücke ohne Geländer) und die Seekrankheit. — Das Brett, worauf der sich schwach fühlende Mensch tritt, würde, wenn es auf der Erde läge, ihm keine Furcht einjagen; wenn 62 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

berauschender Genissmittel f); deren einige als Gifte die Lebenskraft schwächend (gewisse Schwämme, Porsch, wilder Bärenklau, das Chika der Peruaner und das Ava der Südseeinsulaner, das Opium); andere sie stärkend, wenigstens ihr Gefühl erhebend (wie ge- gohrene Getränke, Wein und Bier, oder dieser ihr geistiger Auszug, Branntwein), alle aber widernatürlich und gekünstelt sind. Der, welcher sie in solchem Ueber- masse zu sich nimmt, dass er die Sinnen Vorstellungen nach Erfahrungsgesetzen zu ordnen auf eine Zeit lang unvermögend wird, heisst trunken oder berauscht; und sich willkürlich oder absichtlich in diesen Zustand versetzen, heisst sich berauschen ff). Alle diese Mittel aber sollen dazu dienen, den Menschen die Last, die ursprünglich im Leben überhaupt zu Hegen scheint, ver- gessen zu machen. — Die sehr ausgebreitete Neigung nnd der Einfluss desselben auf den Verstandesgebrauch verdient vorzüglich in einer pragmatischen Anthropologie in Betrachtung gezogen zu werden.

Alle stumme Berauschung, d. i. diejenige, welcher die Geselligkeit und wechselseitige Gedankenmittheilung nicht belebt, hat etwas Schädliches an sich; dergleichen es aber, als ein Steg, über einen tiefen Abgrund gelegt ist, vermag der Gedanke von der blossen Möglichkeit, fehl zu treten, so viel, dass er bei seinem Versuche wirk- lich in Gefahr kommt. — Die Seekrankheit (von welcher ich selbst in einer Fahrt von Pillau nach Königsberg eine Erfahrung gemacht habe, wenn man anders dieselbe eine Seefahrt nennen will), mit ihrer Anwandlung zum Erbrechen, kam, wie ich bemerkt zu haben glaube, mir blos durch die Augen, da, beim Schwanken des Schiffs aus der Kajüte gesehen, mir bald das Haff, bald die Höhe von Balga in die Augen fiel und das wiederkommende Sinken, nach dem Steigen, vermittelst der Einbildungskraft durch die Bauchmuskeln eine antiperistaltisclie Bewegung der Ein- geweide reizte.

f) Statt der Worte: „Die Einbildungskraft...Geniess- mittel" beginnt dieser Paragraph in der 1. Ausgb. mit den §. 24, Anm. 1 (S. 56) als Zusatz bezeichneten Worten.

ff) 1. Ausg.: „Der, welcher sie zu sich nimmt, heisst trunken, und thut er es absichtlich, betrunken."

1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 27. 63 die vom Opium und dem Branntwein ist. Wein und Bier, wovon der erstere blos reizend, das zweite mehr nährend und, gleich einer Speise, sättigend ist, dienen zur geselligen Berauschung; wobei doch der Unterschied ist, dass die Trinkgelage mit dem letzteren mehr träumerisch verschlossen, oft auch ungeschliffen, die aber mit dem ersteren fröhlich, laut und mit Witz redselig sind.

Die Unenthaltsamkeit im gesellschaftlichen Trinken, die bis zur Benebelung der Sinne geht, ist allerdings eine Unart des Mannes, nicht blos in Ansehung der Gesellschaft, mit der man sich |uuterhält, sondern auch in Absicht auf die Selbstschätzung, wenn er aus ihr taumelnd, wenigstens nicht sicheren Tritts, oder blos lallend herausgeht. Aber es lässt sich auch Vieles zur Milderung des Urtheils über ein solches Versehen, da die Grenzlinie des Selbstbesitzes so leicht übersehen und überschritten werden kann, anführen; denn der Wirth will doch, dass der Gast durch diesen Act der Geselligkeit völlig befriedigt (ut conviva satur) heraus- gehe.

Die Sorgenfreiheit, und mit ihr auch wohl die Un- behutsamkeit, welche der Rausch bewirkt, ist ein täuschen- des Gefühl vermehrter Lebenskraft; der Berauschte fühlt nun nicht die Hindernisse des Lebens, mit deren Ueberwältigung die Natur unablässig zu thun hat (worin auch die Gesundheit besteht), und ist glücklich in seiner Schwäche, indem die Natur in ihm wirklich bestrebt ist, durch allmälige Steigerung seiner Kräfte sein Leben stufenweise wiederherzustellen. — Weiber, Geistliche und Juden betrinken gewöhnlich sich nicht, wenigstens vermeiden sie sorgfältig allen Schein davon, weil sie bürgerlich schwach sind und Zurückaltung nöthig haben (wozu durchaus Nüchternheit erfordert wird). Denn ihr äusserer Werth beruht blos auf dem Glauben Anderer an ihre Keuschheit, Frömmigkeit und separatistische Ge- setzlichkeit. Denn was das Letztere betrifft, so sind alle Separatisten, d. i. solche, die sich nicht blos einem öffentlichen Landesgesetz, sondern noch einem besonderen (sectenmässig) unterwerfen, als Sonderlinge und vor- geblich Auserlesene, der Aufmerksamkeit des Gemein- wesens und der Schärfe der Kritik vorzüglich aus- gesetzt; können also auch in der Aufmerksamkeit auf i 64 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

sich selbst nicht nachlassen, weil der Rausch, der diese Behutsamkeit wegnimmt, für sie ein Skandal ist.

Vom Cato sagt sein stoischer Verehrer: Seine Tugend stärkte sich durch Wein (virtus ejus incaluit mero)t und von den alten Deutschen ein Neuerer: „Sie fassten ihre Rathschläge (zu ßeschliessung eines Krieges) beim Trunk, damit sie nicht ohne Nachdruck wären, und überlegten sie nüchtern, damit sie nicht ohne Verstand wären."

Der Trunk löst die Zunge (in vino disertus). — Er öffnet aber auch das Herz und ist ein materiales Vehikel einer moralischen Eigenschaft, nämlich der Offenherzig- keit. — Das Zurückhalten mit seinen Gedanken ist für ein lauteres Herz ein beklemmender Zustand, und lustige Trinker dulden es auch nicht leicht, dass Jemand bei einem Gelage sehr mässig sei; weil er einen Aufmerker vorstellt, der auf die Fehler der Anderen Acht hat, mit seinen eigenen aber zurückhält. Auch sagt Hu me: „Un- angenehm ist der Gesellschafter, der nicht vergissir, die Thorheiten des einen Tages müssen vergessen werden^ um denen des anderen Platz zu machen." Gutmütig- keit wird bei dieser Erlaubniss, die der Mann hat, der geselligen Freude wegen über die Grenzlinie der Nüchtern- heit ein Wenig und auf eine kurze Zeit hinauszugehen, vorausgesetzt; die vor einem halben Jahrhundert im Schwang gewesene Politik, als nordische Höfe Gesandte abschickten, die viel trinken konnten, ohne sich zu betrinken, Andere aber betrunken machten, um sie aus- zuforschen oder zu bereden, war hinterlistig, ist aber mit der Rohigkeit der Sitten damaliger Zeit verschwenden,, und eine Epistel der Warnung wider dieses Laster möchte wohl in Ansehung der gesitteten Stände jetzt über- flüssig sein.

Ob man beim Trinken auch wohl das Temperament des Menschen, der sich betrinkt, oder seinen Charakter erforschen könne? Ich glaube nicht. Es ist ein neues Flüssige seinen in den Adern umlaufenden Säften bei- gemischt, und ein anderer Reiz auf die Nerven, der nicht die natürliche Temperatur deutlicher entdeckt, sondern eine andere hineinbringt. — Daher wird der Eine, der sich betrinkt, verliebt, der Andere gross- sprecherisch, der Dritte zänkisch werden, der Vierte (vornehmlich beim Bier) sich weichmüthig oder gar stumm zeigen; Alle aber werden, wenn sie den Rausch ausgeschlafen haben, und man sie an ihre Reden des vorigen Abends erinnert, über diese wunderliche Stimmung oder Verstimmung ihrer Sinne selber lachen f ). 32) Die Originalität (nicht nachgeahmte Production) der Einbildungskraft, wenn sie zu Begriffen zusammen- stimmt, heisst Genie; stimmt sie dazu nicht zusammen, Schwärmerei. — Es ist merkwürdig, dass wir uns für ein vernünftiges Wesen keine andere schickliche Gestalt als die eines Menschen denken können. Jede andere würde allenfalls wohl ein Symbol von einer ge- wissen Eigenschaft des Menschen, — z. B. die Schlange als Bild der boshaften Schlauigkeit, — aber nicht das vernünftige Wesen selbst vorstellig machen. So be- völkern wir alle anderen Weltkörper in unserer Ein- bildung mit lauter Menschengestalten, obzwar es wahr- scheinlich ist, dass sie nach Verschiedenheit des Bodens, der sie trägt und ernährt, und der Elemente, daraus sie bestehen, sehr verschieden gestaltet sein mögen. Alle anderen Gestalten, die wir ihnen geben möchten, sind Fratzen.*) Wenn der Mangel eines Sinnes (z. B. des Sehens) angeboren ist, so cultivirt der Verkrüppelte nach Möglich- keit einen anderen Sinn, der das Vicariat für jenen f) Hier folgt in der 1. Ausgabe §. 24 der vorl. Vgl. Anm.

*) Daher die heilige Drei, ein alter Mann, ein junger Mann und ein Vogel (die Taube), nicht als wirkliche ihrem Gegenstande ähnliche Gestalten, sondern nur als Symbole vorgestellt werden müssen. Eben das bedeuten die bildlichen Ausdrücke des Herabkommens vom Himmel und Aufsteigens zu demselben. Wir können, um unseren Begriffen von vernünftigen Wesen Anschauung unterzulegen, nicht anders verfahren, als sie zu anthropomorphosiren; unglücklich aber oder kindisch, wenn dabei die symbolische Vorstellung zum Begriffe der Sache an sich selbst erhoben wird, Kant, Anthropologie.

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führe, und übt die productive Einbildungskraft im grossem Maasse; indem er die Formen äusserer Körper durch Betasten, und, wo dieses, wegen der Grösse (z. B. eines Hauses) nicht zureicht, die Geräumigkeit noch durch einen andern Sinn, etwa den des Gehörs, nämlich durch den Widerhall der Stimme in einem Zimmer sich fasslich zu machen sucht; am Ende aber, wenn eine glückliche Operation das Organ für die Empfindung frei macht, muss er allererst sehen und hören lernen, d. i. seine Wahrnehmungen unter Begriffe von dieser Art Gegenstände zu bringen suchen.

Begriffe von Gegenständen veranlassen oft, ihnen ein selbstgeschaffenes Bild (durch productive Einbildungs- kraft) unwillkürlich unterzulegen. Wenn man das Leben und die Thaten eines dem Talente, Verdienste oder Range nach grossen Mannes liest oder sich erzählen lässt, so wird man gemeiniglich verleitet, ihm in der Einbildungskraft eine ansehnliche Statur zu geben, und dagegen einem der Beschreibung nach feinen und sanften im Charakter eine kleinlich -geschmeidige Bildung. Nicht blos der Bauer, sondern auch wohl ein genugsam mit der Welt Bekannter findet sich doch befremdet, wenn ihm der Held, den er sich nach den von ihm er- zählten Thaten dachte, als ein kleines Männchen, um- gekehrt der feine und sanfte Hume ihm als ein vier- schrötiger Mann vorgewiesen wird. — Daher muss man auch die Erwartung von etwas nicht hoch spannen, wreil die Einbildungskraft natürlicherweise bis zum Aeusser- sten zu steigern geneigt ist; denn die Wirklichkeit ist immer beschränkter als die Idee, die ihrer Ausführung zum Muster dient.

Es ist nicht rathsam, von einer Person, die man zuerst in eine Gesellschaft einführen will, vorher viel Hochpreisens zu machen, vielmehr kann es oft ein bos- haftes Stückchen von einem Schalk sein, jene lächerlich zu machen f ). Denn die Einbildungskraft steigert die f) 1. Ausg.: „Es ist keine gute Manier, von Jemand, den man in eine Gesellschaft zu führen verspricht, über- triebene Lobeserhebungen zu machen. Denn dieser kann nun in der Beurtheilung der Gesellschaft nicht anderes, als Vorstellungen von dem, was erwartet wird, so hoch, das die genannte Person in Vergleichung mit der vorgefassten Idee nicht anders als einbüssen kann. Eben das ge- schieht, wenn man eine Schrift, ein Schauspiel oder sonst etwas, was zur schönen Manier gehört, mit über- triebener Lobpreisung ankündigt; denn da kann es, wenn es zur Darstellung kommt, nicht anders als sinken. Selbst ein gutes Schauspiel nur gelesen zu haben, schwächt schon den Eindruck, wenn man es aufführen sieht. — Ist nun aber das vorher Gepriesene gar das gerade Widerspiel von dem, worauf die Erwartung gespannt war, so erregt der aufgeführte Gegenstand, wenn er sonst unschädlich ist, das grösste Gelächter.

Wandelbare, in Bewegung gesetzte Gestalten, die für sich eigentlich keine Bedeutung haben, welche Auf- merksamkeit erregen könnte, — dergleichen das Flackern eines Kaminfeuers oder die mancherlei Drehungen und Blasenbewegungen eines über Steine rieselnden Bachs sind, unterhalten die Einbildungskraft mit einer Menge von Vorstellungen ganz anderer Art (als die hier des Sehens), im Gemüth zu spielen und sich im Nachdenken zu vertiefen. Selbst Musik für Den, der sie nicht als Kenner anhört, kann einen Dichter oder Philosophen in eine Stimmung setzen, darin ein Jeder nach seinen Geschäften oder seiner Liebhaberei Gedanken haschen und derselben auch mächtig werden kann, die er, wenn ei in seinem Zimmer einsam sich hingesetzt hätte, nicht so glücklich würde aufgefangen haben. Die Ursache dieses Phänomens scheint darin zu liegen: dass, wenn der Sinn durch ein Mannichfaltiges f ), was für sich gar keine Aufmerksamkeit erregen kann, vom Aufmerken auf irgend einen anderen, stärker in den Sinn fallenden Gegenstand abgezogen wird, das Denken nicht allein erleichtert, sondern auch belebt wird, sofern es nämlich einer angestrengteren und anhaltenderen Einbildungs-