Zu welchen Kindereien sinkt nicht der Mensch selbst in seinem reifen Alter hinab, wenn er sich am Leitseil der Sinnlichkeit führen lässt! Wir wollen jetzt sehen, um wie viel oder wenig er es besser mache, wenn f) „Deutschland, vielleicht auch anderswo" Zusatz der 2. Ausg.
96 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
er unter der Beleuchtung des Verstandes seinen Weg verfolgt.
Vom Erkenntnissvermögen, sofern es auf Verstand gegründet wird.
Eintheilung.
Verstand, als das Vermögen zu denken (durch Begriffe sich etwas vorzustellen), wird auch das obere Erkenntnissvermögen (zum Unterschiede von der Sinn- lichkeit, als dem unteren) genannt, darum, weil das Vermögen der Anschauungen (reiner oder empirischer) nur das Einzelne in Gegenständen, dagegen das der Begriffe das Allgemeine der Vorstellungen derselben, die Regel, enthält, der das Mannichfaltige der sinnlichen Anschauungen untergeordnet werden muss, um Einheit zur Erkenntniss des Objects hervorzubringen. — Vor- ne lim er ist also zwar freilich der Verstand, als die Sinnlichkeit, mit der sich die verstandlosen Thiere nach eingepflanzten Instincten schon nothdürftig behelfen können, so wie ein Volk ohne Oberhaupt; statt dessen ein Ober- haupt ohne Volk (Verstand ohne Sinnlichkeit) gar nichts vermag. Es ist also zwischen Beiden kein Rangstreit, obgleich der Eine als Oberer und der Andere als Unterer betitelt wird.
Es ist aber das Wort Verstand auch in be- sonderer Bedeutung genommen; da er nämlich als ein Glied der Eintheilung mit zwei anderen dem Verstände in all- gemeiner Bedeutung untergeordnet ist, und da besteht das obere Erkenntnissvermögen (materialiter, d. i. nicht für sich allein, sondern in Beziehung auf's Erkenntniss der Gegenstände betrachtet) aus Verstand, Urtheils- kraft und Vernunft. — Lasst uns jetzt Beobachtungen über den Menschen anstellen, wie einer von dem anderen in diesen Gemüthsgaben oder deren gewohntem Ge- brauch oder Missbrauch unterschieden ist, erstlich in einer gesunden Seele, dann aber auch in der Gemüths- krankheit. 42) Anthropologische Vergleichimg der drei oberen Erkenntnissvermögen mit einander.
Ein richtiger Verstand ist der, welcher nicht sowohl durch Vielheit der Begriffe schimmernd ist, als vielmehr durch Angemessenheit derselben zur Erkenntniss des Gegenstandes, also zur Auffassung der Wahrheit das Vermögen und die Fertigkeit enthält. Mancher Mensch hat viel Begriffe im Kopf, die insgesammt auf Aehn- lichkeit mit dem, was man von ihm vernehmen will, hinauslaufen, aber mit dem Object und der Bestimmung desselben doch nicht zutreffen. Er kann Begriffe von grossem Umfange haben, ja auch von behenden Be- griffen sein. Der richtige Verstand, welcher für Begriffe der gemeinen Erkenntniss zulangt, heisst der gesunde (für 's Haus hinreichende) Verstand. Er sagt mit dem Wachmeister bei Juvenal: quod sapio satis est mihi, non ego curo — esse quod Arcesilas aerumnosique Solones. Es versteht sich von selber, dass die Naturgabe eines blos geraden und richtigen Verstandes sich selbst, in Ansehung des Umfanges des ihm zugemutheten Wissens, einschränken, und der damit Begabte bescheiden ver- fahren wird.
Wenn unter dem Worte Verstand das Vermögen der Erkenntniss der Regeln (und so durch Begriffe) überhaupt gemeint wird, so dass er das ganze obere Erkenntnissvermögen in sich fasst, so sind darunter nicht diejenigen Regeln, zu verstehen, nach welchen die Natur den Menschen in seinem Verfahren leitet, wie es bei den durch Naturinstinct getriebenen Thieren ge- schieht, sondern nur solche, die er selbst macht. Was er blos lernt und so dem Gedächtniss anvertraut, das verrichtet er nur mechanisch (nach Gesetzen der repro- ductiven Einbildungskraft) und ohne Verstand. Ein Be- dienter, der blos ein Compliment nach einer bestimmten Formel abzustatten hat, braucht keinen Verstand, d. L Kant, Anthropologie. 7 98 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.
er hat nicht nöthig, selbst zu denken, aber wohl, wenn er in Abwesenheit seines Herrn dessen häusliche An- gelegenheit zu besorgen hat; wobei mancherlei nicht buch- stäblich vorzuschreibende Verhaltungsregeln nöthig werden dürften.
Ein richtiger Verstand, geübte Urtheilskraft und gründliche Vernunft machen den ganzen Umfang des intellectuellen Erkenntnissvermögens aus; vornehmlich so- fern dieses auch als Tüchtigkeit zu Beförderung des Prak- tischen, d. i. zu Zwecken beurtheilt wird.
Ein richtiger Verstand ist der gesunde Verstand, sofern es Angemessenheit der Begriffe zum Zwecke ihres Gebrauchs enthält. So wie nun Zulänglichkeit {sufficientia) und Abgemessenheit (praecisio) vereinigt die Angemessenheit, d. i. die Beschaffenheit des Be- griffes ausmacht, nicht mehr, auch nicht weniger, als der Gegenstand erfordert, zu enthalten {conceptns rem adaequans), so ist ein richtiger Verstand unter den in- tellectuellen Vermögen das erste und vornehmste; weil er mit den wenigsten Mitteln seinem Zweck ein Ge- nüge thut.
Arglist, der Kopf zur Intrigue, wird oft für grossen, obwohl missbrauchten Verstand gehalten, aber er ist ge- rade nur die Denkungsart sehr eingeschränkter Menschen und von der Klugheit, deren Schein sie an sich hat, sehr unterschieden. Man kann nur einmal den Treu- herzigen hintergehen; was dann der eigenen Absicht des Listigen in der Folge sehr nachtheilig wird.
Der unter gemessenen Befehlen stehende Haus- oder Staatsdiener braucht nur Verstand zu haben; der Officier, dem für das ihm aufgetragene Geschäft nur die allgemeine Regel vorgeschrieben und nun überlassen wird, was in vorkommendem Falle zu thun sei, selbst zu bestimmen, bedarf Urtheilskraft, der General, der die möglichen Fälle beurtheilen und für sie sich die Regel selbst ausdenken soll, muss Vernunft besitzen. — Die zu diesen verschie- denen Vorkehrungen erforderlichen Talente sind sehr ver- schieden. „Mancher glänzt auf der zweiten Stufe, welcher auf der obersten unsichtbar wird" {tel brille au second rang qul s'eclipse au pr emier).
Klügeln ist nicht Verstand haben, und, wie Christina von Schweden, Maximen zur Schau aufstellen, gegen welche doch ihre That im Widerspruche ist, heisst nicht vernünftig sein. — Es ist hiemit, wie mit der Antwort des Grafen Rochester, die er dem englischen Könige Karl IL gab, bewandt, als dieser ihn in einer tief nachdenkenden Stellung antraf und fragte: Was sinnet Ihr denn so tief nach? — Antwort: „Ich mache Ew. Majestät die Grabschrift". — Frage: Wie lautet sie? Antwort: „Hier ruht König Karl II., welcher in seinem Leben viel Kluges gesagt und nie was Kluges gethan hat".
In Gesellschaft stumm sein und nur dann und wann ein ganz gemeines Urtheil fallen lassen, siehet aus, wie verständig sein, so wie ein gewisser Grad Grobheit für (alte deutsche) Ehrlichkeit ausgegeben wird.
Der natürliche Verstand kann nun noch durch Be- lehrung mit vielen Begriffen bereichert und mit Regeln ausgestattet werden; aber das zweite intellectuelle Ver- mögen, nämlich das der Unterscheidung, ob etwas ein Fall der Regel sei oder nicht, die Urtheilskraft (Judicium) y kann nicht belehrt, sondern nur geübt werden; daher ihr Wachsthum Reife und derjenige Ver- stand heisst, der nicht vor den Jahren kommt. Es ist auch leicht einzusehen, dass dies nicht anders sein könne; denn Belehrung geschieht durch Mittheilung der Regeln. Sollte es also Lehrer für die Urtheilskraft geben, so müsste es allgemeine Regeln geben, nach welchen man unterscheiden könnte, ob etwas der Fall der Regel sei oder nicht; welches eine Rückfrage in's Unendliche abgiebt. Dies ist also der Verstand, von dem man sagt, dass er nicht vor den Jahren kommt, der auf eigener langen Erfahrung gegründet ist und dessen Urtheil eine französische Republik bei dem Hause der sogenannten Aeltesten sucht.
Dieses Vermögen, welches nur auf das geht, was thunlich ist, was sich schickt, und was sieb geziemt (für technische f), ästhetiche und praktische Urtheils- 7* IQO Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
kraft), ist nicht so schimmernd, als dasjenige, welches erweiternd ist; denn es geht blos dem gesunden Ver- stände zur Seite und macht den Verband zwischen diesem und der Vernunft. 43) Wenn nun Verstand das Vermögen der Regeln, die Urtheilskraft das Vermögen, das Besondere, sofern es ein Fall dieser Regel ist, aufzufinden ist, so ist die Ver- nunft da3 Vermögen, von dem Allgemeinen das Be- sondere abzuleiten und dieses Letztere also nach Prin- cipien und als nothwendig vorzustellen. — Man kann sie also auch durch das Vermögen, nach Grundsätzen zu urt heilen und (in praktischer Rücksicht) zu handeln, erklären. Zu jedem moralischen Urtheile (mithin auch der Religion) bedarf der Mensch Vernunft und kann sich nicht auf Satzungen und eingeführte Gebräuche fussen. — Ideen sind Vernunftbegriffe, denen kein Gegenstand in der Erfahrung gegeben werden kann. Sie sind weder Anschauungen (wie die von Raum und Zeit), noch Gefühle (wie die Glückseligkeitslehre sie sucht), welche beide zur Sinnlichkeit gehören; sondern Begriffe von einer Vollkommenheit, der man sich zwar immer nähern, sie aber nie vollständig erreichen kann.
Vernünftelei (ohne gesunde Vernunft) ist ein den Endzweck vorbeigehender Gebrauch der Vernunft, theils aus Unvermögen, theils aus Verfehlung des Gesichts- punktes. Mit Vernunft rasen heisst: der Form seiner Gedanken nach zwar nach Principien verfahren, der Materie aber oder dem Zwecke nach die diesem gerade entgegengesetzten Mittel anwenden.
Subalterne müssen nicht vernünfteln (räsonniren, weil ihnen das Princip, wonach gebandelt werden soll, oft verhehlt werden muss, wenigstens unbekannt bleiben darf; der Befehlshaber ^General) aber muss Vernunft haben, weil ihm nicht für jeden vorkommenden Fall Instruction gegeben werden kann. Dass aber der so- genannte Laie (laicus) in Sachen der- Religion, da diese als Moral gewürdigt werden muss, sich seiner eigenen Vernunft nicht bedienen, sondern dem bestallten Geist- lichen (Klerikus), mithin fremder Vernunft folgen solle, Ii Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §. 41. 101 ist ungerecht zu verlangen, da im Moralischen ein Jeder sein Thun und Lassen selbst verantworten muss, und der Geistliche die Rechenschaft darüber nicht auf seine eigene Gefahr übernehmen wird, oder es auch nur kann.
In diesen Fällen aber sind die Menschen geneigt, mehr Sicherheit für ihre Person darin zu setzen, dass sie sich alles eigenen Vernunftgebrauchs begeben und sich passiv und gehorsam unter eingeführte Satzungen heiliger Männer fügen. Dies thun sie aber nicht sowohl aus dem Gefühl ihres Unvermögens in Einsichten (denn das Wesentliche aller Religion ist doch Moral, die jedem Menschen bald von selbst einleuchtet), sondern aus Arg- list, theils um, wenn etwa hiebei gefehlt sein möchte, die Schuld auf andere schieben zu können, theils und vor- nehmlich um jenem Wesentlichen (der Herzensänderung), welches viel schwerer ist als Kultus, mit guter Art aus- zuweichen.
Weisheit, als die Idee vom gesetzmässig - voll- kommen praktischen Gebrauch der Vernunft, ist wohl zu viel vom Menschen gefordert; aber auch selbst dem mindesten Grade nach kann sie ein Anderer ihm nicht f) eingiessen, sondern er muss sie aus sich selbst heraus- bringen. Die Vorschrift, dazu zu gelangen, enthält drei dahinführende Maximen: 1) Selbstdenken, 2) sich (in der Mittheilung mit Menschen) an die Stelle des Anderen zu denken, 3) jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken.
Das Zeitalter der Gelangung des Menschen zum vollständigen Gebrauch seiner Vernunft kann in An- sehung seiner Geschicklichkeit (Kunstvermögens zu beliebiger Absicht) etwa in's zwanzigste, das in An- sehung der Klugheit (andere Menschen zu seinen Ab- sichten zu brauchen) in 's vierziegste, endlich das der Weisheit etwa im sechzigsten anberaumt werden; in welcher letzteren Epoche aber sie mehr negativ ist, alle Thorheiten der beiden ersteren einzusehen; wo man sagen kann: „es ist Schade, alsdann sterben zu müssen, wenn man nun allererst gelernt hat, wie man recht gut t) 1. Ausg.: „aber ein Anderer kann sie ihm doch, selbst...nach nicht" 102 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
hätte leben sollen", und wo selbst dieses Urtheil noch selten ist; indem die Anhänglichkeit am Leben desto stärker wird, je weniger es, sowohl im Thun, als Ge- niessen, Werth hat. 44) So wie das Vermögen, zum Allgemeinen (der Regel) das Besondere auszufinden, Urtheilskraft, so ist dasjenige: zum Besonderen das Allgemeine auszudenken, der Witz {Ingenium). Das erstere geht auf Bemerkung der Unterschiede unter dem Mannichfaltigen, zum Theil Identischen; das zweite auf die Indentität des Mannich- faltigen, zum Theil Verschiedenen, f) — Das vorzüg- lichste Talent in beiden ist, auch die kleinsten Aehn- lichkeiten oder Unähnlichkeiten zu bemerkeu. Das Ver- mögen dazu ist Scharfsinnigkeit {acwnen ), und Be- merkungen dieser Art heissen Subtilitäten; welche^ wenn sie doch die Erkenntniss nicht weiter bringen, leere Spitzfindigkeit oder eitele Vernünfteleien (vanae argutationes) heissen, und, obgleich eben nicht un- wahre, doch unnütze Verwendung des Verstandes über- haupt sich zu Schulden kommen lassen. — Also ist die Scharfsinnigkeit nicht blos an die Urtheilskraft gebunden, sondern kommt auch dem Witze zu; nur dass sie im erstem Fall mehr der Genauigkeit halber (cognitio exacta)) im zweiten des Reicht hu ms des guten Kopfs wegen als verdienstlich betrachtet wird; weshalb auch der Witz blühend genannt wird, und wie die Natur in ihren Blumen mehr ein Spiel, dagegen in den Früchten ein Geschäft zu treiben scheint, so wird das Talent, was in diesem angetroffen wird, für geringer im Rang (nach den Zwecken der Vernunft), als das beurtheilt, was der ersteren zukommt. — Der gemeine und gesunde Ver- stand macht weder Anspruch auf Witz, noch auf Scharf- sinnigkeit; welche eine Art von Luxus der Köpfe ab- geben, dahingegen jener sich auf das wahre Bedürfniss einschränkt. 45) 1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.51. 103 Von den Schwächen und Krankheiten der Seele in Ansehung ihres Erkenntnissvermögens.
A.
Allgemeine Einteilung f).
Die Fehler des Erkenntnissvermögens sind entweder Gemüthsschwächen, oder Gemüthskrankheiten. Die Krankheiten der Seele in Ansehung des Erkenntniss- vermögens lassen sich unter zwei Hauptgattungen bringen. Die eine ist die Grillenkrankheit (Hypochondrie) und die andere das gestörte Gemüth (Manie). Bei der ersteren ff) ist sich der Kranke wohl bewusst, dass es mit dem Laufe seiner Gedanken nicht richtig zugehe; indem den Gang derselben zu richten, ihn auf- zuhalten oder anzutreiben, seine Vernunft nicht hin- reichende Gewalt über sich selbst hat. Unzeitige Freude und unzeitige Bekümmernisse, mithin Launen, wechseln wie das Wetter, dass man nehmen muss, wie es sich rindet, in ihm ab. — Das Zweite ist ein willkürlicher Lauf seiner Gedanken, der seine eigene (subjective) Regeln hat, welche aber den (objectiven) mit Erfahrungs- gesetzen zusammenstimmenden zuwiderläuft.
In Ansehung der Sinnenvorstellung ist die Gemüths- störung entweder Unsinnigkeit fft) oder Wahnsinn. Als Verkehrtheit der Urtheilskraft und der Vernunft heisst sieffft) Wahnwitz oder Aberwitz. Wer bei seinen Einbildungen die Vergleichung mit den Gesetzen der Erfahrung habituell unterlässt (wachend träumt), ist Phantast (Grillenfänger); ist er es mit Affect, so f) Diese Ueberschrift ist Zusatz der 2. Ausg. ff) Dieser Paragraph beginnt in der 1. Ausg. so: „Die oberste Eintheilung ist die, welche Grillenkrankheit (Hypochondrie), und die, welche gestörtes Gemüth (delirium) genannt wird. Bei der ersteren" u. s. w. tff) 1. Ausg.: „Blödsinnigkeit" tttt) »heisst sie" Zusatz der 2. Ausg.
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heisst er Enthusiast. Unerwartete Anwandlungen des Phantasten heissen Ueberfälle der Phantasterei (raptus).
Der Einfältige, Unkluge, Dumme, Geck, Thor und Narr unterscheiden sich vom Gestörten nicht blos in Graden, sondern in der verschiedenen Qualität ihrer Ge- müthsverstimmung, und Jene gehören, ihrer Gebrechen wegen, noch nicht in's Narrenhospital, d. i. einen Ort, wo Menschen, ungeachtet der Reife und Stärke ihres Alters, doch in Ansehung der geringsten Lebens- angelegenheiten durch fremde Vernunft in Ordnung ge- halten werden müssen. — Wahnsinn mit Affect ist Toll- heit; welche oft original, dabei aber unwillkürlich an- wandelnd sein kann und alsdann, wie die dichterische Be- geisterung {furor poeticns), an das Genie grenzt; ein solcher Anfall aber der leichteren, aber ungeregelten Zu- strömung von Ideen, wenn er die Vernunft trifft, heisst Schwärmerei. Das Hinbrüten über einer und der- selben Idee, die doch keinen möglichen Zweck hat, z. B. über den Verlust eines Gatten, der doch in's Leben nicht zurückzurufen ist, um in dem Schmerz selbst Beruhigung zu suchen, ist stumme Verrücktheit. — Der Aber- glaube ist mehr mit dem Wahnsinn, die Schwärmerei mit dem Wahnwitz zu vergleichen. Der letztere Kopf- kranke wird oft auch (mit gemildertem Ausdrucke) exaltirt, auch wohl excentrischer Kopf genannt.
Das Irrereden in Fiebern, oder der mit Epilepsie verwandte Anfall von Raserei, welcher bisweilen durch starke Einbildungskraft beim blossen starren Anblick eines Rasenden sympathetisch erregt wird (weshalb es auch Leuten von sehr beweglichen Nerven nicht zu rathen ist, ihre Curiosität bis zu den Klausen dieser Unglücklichen zu erstrecken), ist, als vorübergehend, noch nicht für Verrückung zu halten. — Was man aber einen Wurm nennt (nicht Gemüthskrankheit; denn darunter versteht man gewöhnlich schwermüthige Ver- schrobenheit des inneren Sinnes), ist mehrentheils ein an Wahnsinn grenzender Hochmuth des Menschen, dessen Ansinnen, dass Andere sich selbst in Ver- gleichung mit ihm verachten sollen f), seiner eigenen Abf) 1. Ausg.: rder, weil das Ansinnen...sollen."
sieht (wie die eines Verrückten) gerade zuwider ist; indem er diese eben dadurch reizt, seinem Eigendünkel auf alle mögliche Art Abbruch zu thun, ihn zu zwacken und seiner beleidigten Thorheit wegen dem Gelächter blosszustellen. — Gelinder ist der Ausdruck von einer Grille (marotte), die Jemand bei sich nährt: ein populär sein sollender Grundsatz, der doch nirgend bei Klugen Beifall findet, z. B. von seiner Gabe der Ahndungen, gewissen, dem Genius des Sokrates ähnlichen Ein- gebungen, gewissen, in der Erfahrung begründet sein sollenden, obgleich unerklärlichen Einflüssen, als der Sympathie, Antipathie, Idiosynkrasie (qualitates occultae), die ihm gleichsam wie eine Hausgrille im Kopfe tschirpt, und die doch kein Anderer hören kann. — Die ge- lindeste unter allen Abschweifungen über die Grenzlinie des gesunden Verstandes ist das Steckenpferd; eine Liebhaberei, sich an Gegenständen der Einbildungskraft, mit denen der Verstand zur Unterhaltung blos spielt, als mit einem Geschäfte geflissentlich zu befassen, gleichsam ein beschäftigter Müssiggang. Für alte, sich in Ruhe setzende und bemittelte Leute ist diese, gleichsam in die sorglose Kindheit sich wieder zurückziehende Gemüths- lage nicht aliein als eine die Lebenskraft immer rege er- haltende Agitation der Gesundheit zuträglich, sondern auch liebenswürdig, dabei aber auch belachenswerth; so dass f) der Belachte gutmüthig mitlachen kann. — Aber auch bei Jüngeren und Beschäftigten dient diese Reiterei zur Erholung, und Klüglinge, die so kleine unschuldige Thorheiten mit pedantischem Ernste rügen, verdienen Sterne'sft) Zurechtweisung: „Lass doch einen Jeden auf seinem Steckenpferde die Strassen der Stadt auf und nieder reiten: wenn er dich nur nicht nöthigt, hinten aufzusitzen."46) t) 1. Ausg.: „so doch, dass" ff) 1. Ausg.: „Erholung, und die kleine Thorheit verdient wohl Sterne's" 106 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Ät).
Von den Gemüthsschwächen im Erkenntnissvermögen.
Dem es an Witz mangelt, ist der stumpfe Kopf (pbtusum caput). Er kann übrigens, wo es auf Verstand und Vernunft ankommt, ein sehr guter Kopf sein; nur muss man ihm nicht zumuthen, den Poeten zu spielen; wie dem Clavius, den sein Schulmeister schon beim Grobschmied in die Lehre geben wollte, weil er keine Verse machen honnte, der aber, als er ein mathe- matisches Buch in die Hände bekam, ein grosser Mathe- matiker ward. — Ein Kopf von langsamer Begreifimg ist darum noch nicht ein schwacher Kopf; so wie der von behenden Begriffen nicht immer auch ein gründlicher, sondern oft sehr seicht ist.
Der Mangel der Urtheilskraft ohne Witz ist Dumm- heit (stupiditas). Derselbe Mangel aber mit Witz ist Albernheit. — Wer Urtheilskraft in Geschäften zeigt, ist gescheut. Hat er dabei zugleich Witz, so heisst er klug. — Der, welcher eine dieser Eigenschaften blos affectirt, der Witzling sowohl als derKlügling, ist ein ekelhaftes Subject. — Durch Schaden wird man gewitzigt; wer es aber in dieser Schule so weit gebracht hat, dass er Andere durch ihren Schaden klug machen kann, ist abgewitzt. — Unwissenheit ist nicht Dummheit; wie eine gewisse Dame auf die Frage eines Akademikers: „Pressen die Pferde auch des Nachts?" erwiderte: „Wie kann doch ein so gelehrter Mann so dumm sein?" Sonst ist es Beweis von gutem Verstände, wenn der Menscli auch nur weiss, wie er gut fragen soll (um entweder von der Natur oder einem andern Menschen belehrt zu werden).
Einfältig ist Der, welcher nicht viel durch seinen Verstand auffassen kann; aber er ist darum nicht dumm, wenn eres nicht verkehrt auffasst. Ehrlich, aber dumm (wie Einige ungebührlich den pommerschen Bedienten beschreiben), ist ein falscher und höchst tadelhafter Spruch. Er ist falsch; denn Ehrlichkeit (Pflichtbeobachtung aus Grundsätzen) ist praktische Vernunft. Er ist höchst tadelhaft; weil er voraussetzt, dass ein Jeder, wenn er sich dazu geschickt fühlt, betrügen würde, und dass er nicht betrügt, bloss von seinem Unvermögen her- rühre. — Daher die Sprüchwörter: „er hat das Schiess- pulver nicht erfunden, er wird das Land nicht verrathen, er ist kein Hexenmeister", menschenfeindliche Grund- sätze verrathen: dass man nämlich, bei Voraussetzung eines guten Willens der Menschen, die wir kennen, doch nicht sicher sein könne, sondern nur beim Unvermögen derselben. — So, sagte Hume, vertraut der Grosssultan seinen Harem nicht der Tugend Derjenigen, welche ihn be- wachen sollen, sondern ihrem Unvermögen (als schwarzen Verschnittenen) an. — In Ansehung des Umfangs seiner Begriffe sehr beschränkt (bornirt) sein, macht die Dumm- heit noch nicht aus, sondern es kommt auf die Be- schaffenheit derselben (die Grundsätze) an. — Dass sich Leute von Schatzgräbern, Goldmachern und Lotterie- händlern hinhalten lassen, ist nicht ihrer Dummheit, sondern ihrem bösen Willen zuzuschreiben: ohne pro- portionirte eigene Bemühung auf Kosten Anderer reich zu werden. Die Verschlagenheit, Verschmitztheit, Schlauigkeit (versutia, astutia) ist die Geschicklichkeit, Andere zu betrügen. Die Frage ist nun, ob der Be- trüger klüger sein müsse, als Der, welcher leicht be- trogen wird, und der Letztere der Dumme sei. Der Treuherzige, welcher leicht vertraut (glaubt, Credit giebt), wird auch wohl bisweilen, weil er ein leichter Fang für Schelme ist, obzwar sehr ungebührlich, Narr genannt; in dem Sprüchwort: wenn die Narren zu Markte kommen, so freuen sich die Kaufleute. Es ist wahr und klug, dass ich Dem, der mich einmal betrogen hat, nie- mals mehr traue; denn er ist in seinen Grundsätzen ver- dorben. Aber darum, weil mich einer betrogen hat, keinem anderen Menschen zu trauen, ist Misanthropie. Der Betrüger ist eigentlich der Narr. — Aber wie, wenn er auf einmal durch einen grossen Betrug sich in den Stand zu setzen gewusst hat, keines Anderen und seines Zutrauens mehr zu bedürfen? In dem Fall ändert sich wohl der Charakter, unter dem er erscheint, aber nur dahin: dass, anstatt der betrogene Betrüger ausgelacht, 108 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
der glückliche angespieen wird; wobei doch auch kein dauernder Vortheil ist. *) 47) *) Die unter uns lebenden Palästiner sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil, auch was die grösste Menge betrifft, in dem nicht ungegründeten Ruf des Betruges ge- kommen. Es scheint nun zwar befremdlich, sich eine Nation von Betrügern zu denken, aber ebenso befremdlich ist es doch auch, eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken, deren bei weitem grösster Theil durch einen alten, von dem Staat, darin sie leben, anerkannten Aberglauben verbunden, keine bürgerliche Ehre sucht, sondern den Verlust dieser letzteren f ) durch die Vortheile der Ueberlistung des Volkes, unter dem sie Schutz finden, und selbst ihrer unter einander, ersetzen wollen. Nun kann dieses bei einer ganzen Nation von lauter Kaufleuten, als nicht producirenden Gliedern der Gesellschaft (z. B. der Juden in Polen) auch nicht anders sein; mithin kann ihre, durch alte Satzungen sanctionirte, von uns (die wir gewisse heilige Bücher mit ihnen gemein haben), unter denen sie leben, selbst anerkannte Verfassung, ob sie zwar den Spruch: „Käufer, thue die Augen auf", zum obersten Grundsatze ihrer Moral im Verkehr mit uns machen, ohne Inconsequenz nicht aufgehoben werden. — Statt der ver- geblichen Plane, dieses Volk, in Rücksicht auf den Punkt des Betrugs und der Ehrlichkeit, zu moralisiren, will ich lieber meine Vermuthung vom Ursprünge dieser sonderbaren Ver- fassung (nämlich eines Volkes von lauter Kaufleuten) an- geben. — — Der Reichthum ist in den ältesten Zeiten durch den Handel mit Indien und von da über Land bis zu den westlichen Küsten des mittelländischen Meeres und den Häfen von Phönicien (wozu auch Palästina gehört) geführt worden. — Nun hat er zwar über manche andere Oerter, z. B. Palmyra. in älteren Zeiten Tyrus, Sidon, oder auch, mit einigem Ab- sprung über Meer, als Eziongeber und Elat. auch wohl von der arabischen Küste auf Grosstheben und so über Aegypten nach jener syrischen Küste seinen Weg nehmen können; aber Palästina, worin Jerusalem die Hauptstadt war, lag für den Karavanenhandel auch sehr vortheilhaft. Vermuthlich ist das Phänomen des ehemaligen Salomonischen Reichthums die Wir- kung davon und das Land umher selbst bis zur Zeit der Römer voller Kaufleute gewesen, die nach Zerstörung dieser Stadt, weil sie mit anderen Handelsleuten dieser Sprache f) 1. Ausg.: „dieser ihren Verlust" Zerstreuung (distr actio) ist der Zustand einer Ab- kehrung der Aufmerksamkeit (abstracüo) von gewissen herschenden Vorstellungen durch Vertheilung derselben auf andere ungleichartige. Ist sie vorsätzlich, so heisst sie Dissipation; die unwillkürliche aber ist Abwesen- heit (absentia) von sich selbst.
Es ist eine von den Gemüthsschwächen, durch die reproductive Einbildungskraft an eine Vorstellung, auf welche man grosse oder anhaltende Aufmerksamkeit ge- wandt hat, geheftet zu sein und von ihr nicht abkommen, d. i. den Lauf der Einbildungskraft wiederum frei machen zu können. Wenn dieses Uebel habituell und auf einen und denselben Gegenstand gerichtet wird, so kann es in Wahnsinn ausschlagen. In Gesellschaft zerstreut zu sein, ist unhöflich, oft auch lächerlich. Die Frauenzimmer sind f ) dieser Anwandlung gewöhnlich nicht unterworfen; sie müssten denn sich mit Gelehrsamkeit abgeben. Ein Bedienter, der in seiner Aufwartung bei Tische zerstreut ist, hat gemeiniglich etwas Arges, entweder was er vor- hat, oder wovon er die Folge besorgt, im Kopfe.
Aber sich zu zerstreuen ff, d. i. seiner un- willkürlich reproductiven Einbildungskraft eine Diversion machen, z. B. wenn der Geistliche seine memorirte