ſtens nicht dieſer Verſtand fein würde, jo bleiben Vernunft und freier Wille dieſelben, ihr Wirkungskreis ſei, welcher er wolle. (Sollte hier der freilich hyperphyſiſche Schluß wohl mit einiger Wahrſcheinlichkeit gemacht werden können: „daß mit dem Tode des Menſchenkörpers auch dieſer ſein Ver⸗ ſtand ſtirbt und verloren geht, mit allen ſeinen irdiſchen Vorſtellungen, Begriffen und Kenntniſſen; weil doch dieſer Verſtand immer nur für irdiſche, ſinnliche Dinge, brauch⸗ bar iſt, und, ſobald der Menſch ius Ueberſinnliche ſich ver⸗ ſteigen will, hier ſogleich aller Verſtandesgebrauch aufhört, und der Vernunftgebrauch dagegen eintritt?“ Es iſt dieſes eine Idee, die ich nachher auch bei den Myſtikern, aber nur dunkel gedacht, nicht behauptet, gefunden habe, und die ge= wiß zur Beruhigung und vielleicht auch moraliſchen Ver⸗ beſſerung vieler Menſchen beitragen würde. Der Verſtand hängt ſo wenig, wie der Körper, vom Menſchen ſelbſt ab. Bei einem fehlerhaften Körperbau beruhigt man ſich, weil man weiß, er iſt nichts Weſentliches — ein gutgebaueter Körper hat nur hier auf der Erde feine Vorzüge. Geſetzt, die Idee würde allgemein, daß es mit dem Verſtande eben ſo wäre, Pi das nicht für die Moralität der Menſchen erſprießlich ſein? Die neuere Naturlehre des Menſchen harmonirt ſehr mit dieſer Idee, indem fie den Verſtand blos als etwas vom Körper Abhängiges und als ein Pro⸗ duct der Gehiruwirkung anſieht. S. Reils phyſiologiſche Schriſten. Auch die ältern Meinungen von der Materia⸗ lität der Seele ließen ſich hierdurch auf etwas Reales zu- rückbringen.) — Der fernere Verlauf der kritiſchen Unterſuchung der menſchlichen Seelenvermögen ſtellte die natürliche Frage auf: hat die unvermeidliche und nicht zu unterdrückende Idee der Vernunft von einem Urheber des Weltalls, und alſo unſerer ſelbſt und des moraliſchen Geſetzes auch wohl ei⸗ nen gültigen Grund, da jeder theoretiſche Grund ſeiner Natur nach untauglich zur Beſeſtigung und Sicherſtellung jener Idee iſt? Hieraus entſtand der ſo ſchöne moraliſche Beweis für das Daſein Gottes, der Jedem, auch wenn er nicht wollte, doch insgeheim auch deutlich und hinlänglich beweiſend fein muß. Aus der durch ihn nun begründeten 2 96 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Idee von einem Weltſchöpfer aber ging endlich die praktiſche Idee hervor, von einem allgemeinen moraliſchen Geſetzge⸗ ber für alle unſere Pflichten, als Urheber des uns im: wohnenden moraliſchen Geſetzes. Dieſe Idee bietet dem Menſchen eine ganz neue Welt dar. Er fühlt ſich für ein anderes Reich geſchaffen, als für das Reich der Sinne und des Verſtandes, — nämlich für ein moraliſches Reich, für ein Reich Gottes. Er erkeunt nun ſeine Pflichten zugleich als göttliche Gebote, und es eutſteht in ihm ein neues Er⸗ kenntniß, ein neues Gefühl, nämlich Religion. — So weit, ehrwürdiger Vater, war ich in dem Studio Ihrer Schriften gekommen, als ich eine Klaſſe von Menſchen kennen lernte, die man Separatiſten neunt, die aber ſich ſelbſt Myſtiker nennen, bei welchen ich faſt buchſtäblich Ihre Lehre in Aus⸗ übung gebracht fand. Es hielt freilich anfangs ſchwer, dieſe in der myſtiſchen Sprache dieſer Leute wiederzufinden; aber es gelang mir nach anhaltendem Suchen. Es fiel mir auf, daß dieſe Menſchen ganz ohne Gottesdienſt leb⸗ ten; alles verwarfen, was Gottesd ienſt heißt, und nicht in Erfüllung ſeiner Pflichten beſteht; daß ſie ſich für reli⸗ giöſe Menſchen, ja für Chriſten hielten, und doch die Bibel nicht als ihr Geſetzbuch anſahen, ſondern nur von einem inneren, von Ewigkeit her in uns einwohnenden, Chriſten⸗ thum ſprachen. — Ich forſchte nach dem Lebenswandel dieſer Leute, und fand (räudige Schafe ausgenommen, die man in jeder Heerde, ihres Eigennutzes wegen, findet) bei ihnen reine moraliſche Geſinnungen und eine beinahe ſtoiſche Conſequenz in ihren Handlungen. Ich unterſuchte ihre Lehre und ihre Grundſätze, und fand im Weſentlichen ganz Ihre Moral und Religionslehre wieder, jedoch immer mit dem Unterſchiede, daß ſie das innere Geſetz, wie ſie es nennen, für eine innere Offenbarung, und alſo beſtimmt Gott für den Urheber deſſelben halten. Es iſt wahr, ſie halten die Bibel für ein Buch, welches auf irgend eine Art, worauf ſie ſich nicht weiter einlaſſen, göttlichen Urſprungs iſt; aber, wenn man genauer forſcht, ſo findet man, daß ſie dieſen Urſprung der Bibel erſt aus der Uebereinſtim⸗ mung der Bibel, der in ihr enthaltenen Lehren, mit ihrem inneren Geſetze ſchließen: denn wenn man ſie z. B. fragt, (A 124-26). (R 334-35). (Ha 277-78; b 391-92). (K 111-12) Facultät mit der theologiſchen. 97 warum? fo iſt ihre Antwort: fie legitimirt ſich in meinem Innern, und ihr werdet es eben ſo finden, wenn ihr der Weiſung eures inneren Geſetzes oder den Lehren der Bibel Folge leiſtet. Eben deswegen halten ſie ſie auch nicht für ihr Geſetzbuch, ſondern uur für eine hiſtoriſche Beſtätigung, worin ſie das, was in ihnen ſelbſt urſprünglich gegründet iſt, wiederfinden. Mit einem Worte, dieſe Leute würden (verzeihen Sie mir den Ausdruck) wahre Kantianer ſein, wenn ſie Philoſophen wären. Aber ſie ſind größtentheils aus der Klaſſe der Kaufleute, Handwerker und Landbauern; doch habe ich hin und wieder auch in höheren Ständen und unter den Gelehrten einige gefunden; aber nie einen Theologen, denen dieſe Leute ein wahrer Dorn im Auge ſind, weil ſie ihren Gottesdienſt nicht von ihnen unterſtützt ſehen, und ihnen doch, wegen ihres exemplariſchen Lebenswandels und Unterwerfung in jede bürgerliche Ordnung, durchaus nichts anhaben können. Von den Quäkern unterſcheiden fi dieſe Separatiſten nicht in ihren Religionsgrund⸗ ſätzen, aber wohl in der Anwendung derſelben aufs ge⸗ meine Leben. Denn ſie kleiden ſich zum Beiſpiel wie es gerade Sitte iſt, und bezahlen alle ſowohl Staats⸗ als lirchliche Abgaben. Bei dem gebildeten Theile derſelben habe ich nie Schwärmerei gefunden, ſondern freies vorur⸗ theilloſes Räſonnement und Urtheil über religiöſe Ge— genſtände.
Zweiter Abſchnitt.
Der Streit der philoſopyiſchen Facultät mit der jnriſtiſchen.
Erneuerte Frage: Ob das menſchliche Geſchlecht im beſtändigen Fortſchreiten zum Beſſeren fei?
1. Was will man hier wiſſen?
Man verlangt ein Stück von der Menſchengeſchichte, und zwar nicht das von der vergangenen, ſondern der künf⸗ tigen Zeit, mithin eine vorherſa gende, welche, wenn ſie nicht nach bekannten Naturgeſetzen (wie Sonnen- und Mond⸗ finſterniſſe) geführt wird, wahrſagend und doch natürlich, kann ſie aber nicht anders, als durch übernatürliche Mit⸗ theilung und Erweiterung der Ausſicht in die künftige Zeit erworben werden, weiſſag end (prophetiſch) genannt wird.“) — Uebrigens iſt es hier auch nicht um die Naturgeſchichte des Menſchen, (ob etwa künftig neue Ragen derſelben ent⸗ ſtehen möchten), ſondern um die Sittengeſchichte, und zwar nicht nach dem Gattungsbegriff (singulorum), ſondern dem Ganzen der geſellſchaftlich auf Erden verei⸗ nigten, in Völkerſchaften vertheilten Menſchen (universorum) zu thun, wenn gefragt wird: ob das menſchliche Geſchlecht (im Großen) zum Beſſeren beſtändig fortſchreite?
*) Wer ins Wahrſagen pfuſchert (es ohne Kenntniß oder Ehrlich⸗ keit thut), von dem heißt es: er wahrſagert; von der Pythia an bis zur Zigeunerin.
2. Abſch. Der Streit der philofophifchen Faeultät ze. 99 2. Wie kann man es wiſſen?
Als wahrſagende Geſchichtserzählung des Bevorſtehenden in der künftigen Zeit: mithin als eine a priori mögliche Darſtellung der Begebenheiten, die da kommen ſollen. — Wie iſt aber eine Geſchichte a priori möglich? — Antwort: wenn der Wahrſager die Begebenheiten ſelber macht und veranſtaltet, die er zum Voraus verkündigt.
Jüdiſche Propheten hatten gut weiſſagen, daß über kurz oder lang nicht blos Verfall, ſondern gänzliche Auflöſung ihrem Staat bevorſtehe; denn fie waren ſelbſt die Urheber dieſes ihres Schickſals. — Sie hatten, als Volksleiter, ihre Verfaſſung mit ſo viel kirchlichen und daraus abfließenden bürgerlichen Laſten beſchwert, daß ihr Staat völlig untaug⸗ lich wurde für ſich ſelbſt, vornehmlich mit benachbarten Völkern zuſammen, zu beſtehen, und die Jeremiaden ihrer Prieſter mußten daher natürlicherweiſe vergeblich in der Luft verhallen; weil dieſe hartnäckig auf ihrem Vorſatz einer unhaltbaren, von ihnen ſelbſt gemachten, Verfaſſung beharreten, und ſo von ihnen ſelbſt der Ausgang mit Un⸗ fehlbarkeit vorausgeſehen werden konnte.
Unſere Politiker machen, ſo weit ihr Einfluß reicht, es eben ſo, und ſind auch im Wahrſagen eben ſo glücklich. — Man muß, ſagen ſie, die Menſchen nehmen, wie ſte ſind, nicht wie der Welt unkundige Pedanten oder gutmüthige Phantaſten träumen, daß fie fein ſollten. Das wie fie find aber ſollte heißen: wozu wir ſie durch ungerechten Zwang, durch verrätheriſche, der Regierung an die Hand gegebene, Anſchläge gemacht haben, nämlich halsſtarrig und zur Empörung geneigt; wo dann freilich, wenn ſie ihre Zügel ein wenig ſinken läßt, ſich traurige Folgen ereignen, welche die Prophezeiung jener vermeintlich⸗klugen Staatsmänner wahrmachen.
Auch Geiſtliche weiſſagen gelegentlich den gänzlichen Ver⸗ fall der Religion, und die nahe Erſcheinung des Antichriſts; während deſſen ſie gerade das thun, was erforderlich iſt, ihn einzuführen, indem ſie nämlich ihrer Gemeine nicht ſittliche Grundſätze ans Herz zu legen bedacht find, die ge⸗ radezu aufs Beſſern führen, ſondern Obſervanzen und 100 2. Abſch. Der Streit ber philoſophiſchen hiſtoriſchen Glauben zur weſentlichen Pflicht machen, die es indirect bewirken ſollen; woraus zwar mat e Einhel⸗ ligkeit, als in einer bürgerlichen Verfaſſung, aber keine in der moraliſchen Geſinnung erwachſen kann: alsdenn aber über Irreligioſität klagen, welche ſie ſelber gemacht haben; die fie alſo, auch ohne beſondere Wahrſagergabe, vorher⸗ verkündigen konnten.
3. Eintheilung des Begriffs von dem, was man für die Zukunft vorherwiſſen will.
Der Fälle, die eine Vorherſagung enthalten können, ſind drei. Das menſchliche Geſchlecht iſt entweder im con⸗ tinuirlichen Rückgange zum Aergeren, oder im beſtändigen Fortgange zum Beſſeren in ſeiner moraliſchen Beſtim⸗ mung, oder im ewigen Stillſtande auf der jetzigen Stufe ſeines ſittlichen Werths unter den Gliedern der Schöpfung (mit welchem die ewige Umdrehung im Kreiſe um denſelben Punkt einerlei iſt).
Die erſte Behauptung kann man den moraliſchen Terrorismus, die zweite den Eudämonismus, (der, das Ziel des Fortſchreitens im weiten Proſpect geſehen, auch Chiliasmus genannt werden würde), die dritte aber den Abderitismus nennen; weil, da ein wahrer Stillſtand im Moraliſchen nicht möglich iſt, ein beſtändig wechſelndes Steigen, und eben fo öfteres und tiefes Zu⸗ rückfallen (gleichſam ein ewiges Schwanken) nichts mehr austrägt, als ob das Subject auf derſelben Stelle und im Stillſtande geblieben wäre.
a. Von der terroriſtiſchen Vorſtellungsart der Menſchengeſchichte.
Der Verfall ins Aergere kann im menſchlichen Geſchlechte nicht beſtändig fortwährend ſein; denn bei einem gewiſſen Grade deſſelben würde es ſich ſelbſt aufreiben. Daher beim Anwachs großer, wie Berge ſich aufthürmender Greuel⸗ thaten und ihnen angemeſſener Uebel, geſagt wird: nun kann es nicht mehr ärger werden: der jüngſte Tag iſt vor der Thür, und der fromme Schwärmer träumt nun ſchon Facultät mit der juriſtiſchen. 101 von der Wiederbringung aller Dinge und einer erneuerten Welt, nachdem dieſe im Feuer untergegangen iſt.
b. Von der eudämoniſtiſchen Vorſtellungsart der Menſchengeſchichte.
Daß die Maſſe des unſerer Natur angearteten Guten und Böſen in der Anlage immer dieſelbe bleibe, und in demſelben Individuum weder vermehrt noch vermindert werden könne, mag immer eingeräumt werden; — und wie ſollte ſich auch dieſes Quantum des Guten in der Anlage vermehren laſſen, da es durch die Freiheit des Subjects eſchehen müßte, wozu dieſes aber wiederum eines größeren 1 des Guten bedürfen würde, als es einmal hat? — ie Wirkungen können das Vermögen der wirkenden Ur⸗ ſache nicht überſteigen; und ſo kann das Quantum des mit dem Böſen im Menſchen vermiſchten Guten ein gewiſſes Maß des letzteren nicht überſchreiten, über welches er ſich emporarbeiten und ſo auch immer zum noch Beſſeren fort⸗ ſchreiten könnte. Der Eudämonismus, mit ſeinen ſangui⸗ niſchen Hoffnungen, ſcheint alſo unhaltbar zu ſein, und zu Gunſten einer weiſſagenden Menſchengeſchichte, in Anſehung des immerwährenden weitern W auf der Bahn des Guten, wenig zu verſprechen.
c. Von der Hypotheſe des Abderitismus des Menſchengeſchlechts zur Vorherbeſtimmung ſeiner Geſchichte.
Dieſe Meinung möchte wohl die Mehrheit der Stimmen auf ihrer Seite 11 195 Geſchäftige Thorheit iſt der Cha- rakter unſerer Gattung. In die Bahn des Guten ſchnell einzutreten, aber darauf nicht zu beharren, ſondern, um ja nicht an einen einzigen Zweck gebunden zu ſein, wenn es auch nur der Abwechſelung wegen geſchähe, den Plan des Fortſchritts umzukehren, zu bauen, um niederreißen zu kön⸗ nen, und ſich ſelbſt die hoffnungsloſe Bemühung aufzu⸗ legen, den Stein des Siſyphus bergan zu wälzen, um ihn wieder zurückrollen zu laſſen. — Das Prineip des Böſen in der Naturanlage des menſchlichen Geſchlechts ſcheint alſo hier mit dem des Guten nicht ſowohl analgamirt (ver- 102 2. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen ſchmolzen), als vielmehr Eines durchs Andere neutraliſirt zu ſein; welches Thatloſigkeit zu Folge haben würde (die hier der Stillſtand heißt): eine leere Geſchäftigkeit, das Gute mit dem Böſen durch vorwärts und rückwärts Gehen ſo abwechſeln zu laſſen, daß das ganze Spiel des Verkehrs unſerer Gattung mit ſich ſelbſt auf dieſem Glob? als ein bloßes Poſſenſpiel angeſehen werden müßte, was ihr keinen größeren Werth in den Augen der Vernunft verſchaffen kann, als den die andere Thiergeſchlechter haben, die dieſes 760 mit weniger Koſten und ohne Verſtandesaufwand treiben.
4. Durch Erfahrung unmittelbar iſt die Aufgabe des Fortſchreitens nicht aufzulöſen.
Wenn das menſchliche Geſchlecht im Ganzen betrachtet eine noch ſo lange Zeit vorwärts gehend und im Fortſchreiten begriffen geweſen zu ſein befunden würde, ſo kann doch Niemand dafür ſtehen, daß nun nicht gerade jetzt, vermöge der phyſiſchen Anlage unſerer Gattung, die Epoche feines Rückganges eintrete; und umgekehrt, wenn es rücklings, und, mit beſchleunigtem Falle, zum Aergeren geht, ſo darf man nicht verzagen, daß nicht eben da der Umwendungs⸗ punkt (punctum flexus contrarii) anzutreffen wäre, wo, vermöge der moraliſchen Anlage in unſerem Geſchlecht, der Gang deſſelben ſich wiederum zum Beſſeren wendete. Deun wir haben es mit freihandelnden Weſen zu thun, denen ſich zwar vorher dietiren läßt, was ſie thun ſollen, aber nicht vorherſagen läßt, was ſie thun werden, und die aus dem Gefühl der Uebel, die ſie ſich ſelbſt zufügten, wenn es recht böſe wird, eine verſtärkte Triebfeder zu neh⸗ men wiſſen, es nun doch beſſer zu machen, als es vor je⸗ nem Zuſtande war. — Aber „arme Sterbliche (ſagt der Abt Coyer), unter euch iſt nichts beſtändig, als die Un⸗ beſtändigkeit!“ Vielleicht liegt es auch an unſerer unrecht genommenen Wahl des Standpunkts, aus dem wir den Lauf menfch- licher Dinge anſehen, daß dieſer uns ſo widerſinnlich ſcheint. Die Planeten, von der Erde aus geſehen, ſind bald rück⸗ gängig, bald ſtillſtehend, bald fortgängig. Den Standpunkt Facultät mit ber juriſtiſchen. 103 aber von der Sonne aus genommen, welches nur die Ver⸗ nunft thun kann, gehen ſie nach der Copernikaniſchen Hy⸗ potheſe beſtändig ihren regelmäßigen Gang fort. Es ge⸗ fällt aber einigen, ſonſt nicht Unweiſen, ſteif auf ihrer Er⸗ klärungsart der Erſcheinungen und dem Standpunkte zu beharren, den ſie einmal genommen haben: ſollten ſie ſich darüber auch in tychoniſche Cyklen und Epicyklen bis zur Ungereimtheit verwickeln. — Aber das iſt eben das Un⸗ lüd, daß wir uns in dieſen Standpunkt, wenn es die Vor⸗ Naſehin freier Handlungen angeht, zu verſetzen nicht ver⸗ mögend ſind. Denn das wäre der Standpunkt der Vor⸗ ſehung, der über alle menſchliche Weisheit hinausliegt, welche ſich auch auf freie Handlungen des Menſchen er⸗ ſtreckt, die von dieſem zwar geſehen, aber mit Gewißheit nicht Ai werden können (für das göttliche Auge iſt hier kein Unterſchied), weil er zu dem letzteren den Zuſammenhang nach Naturgeſetzen bedarf, in Anſehung der künftigen freien Handlungen aber dieſer Leitung, oder Hinweiſung, entbehren muß. - Wenn man den Menſchen einen angebornen und un⸗ veränderlich-guten, obzwar eingeſchränkten Willen beilegen dürfte, ſo würde er dieſes Fortſchreiten ſeiner Gattung zum Beſſeren mit Sicherheit vorherſagen können; weil es eine Begebenheit träfe, die er ſelbſt machen kann. Bei der Miſchung des Böſen aber mit dem Guten in der Anlage, deren Maß er nicht kennt, weiß er ſelbſt nicht, welcher Wir⸗ kung er ſich davon gewärtigen könne.
5. An irgend eine Erfahrung muß doch die wahr⸗ ſagende Geſchichte des Menſchengeſchlechts ange— knüpft werden.
Es muß irgend eine Erfahrung im Menſchengeſchlechte vorkommen, die, als Begebenheit, auf eine Veſchaffenheit und ein Vermögen deſſelben hinweiſet, Urſache von dem Fortrücken deſſelben zum Beſſeren, und, (da dieſes die That eines mit Freiheit begabten Weſens ſein ſoll,) Urheber deſſelben zu ſein; aus einer gegebenen Urſache aber läßt ſich eine Begebenheit als Wirkung vorherſagen, wenn ſich die Umſtände ereignen, welche dazu mitwirkend ſind. Daß dieſe 104 2. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen letzteren ſich aber irgend einmal ereignen müſſen, kann, wie beim Calcul der Wahrſcheinlichkeit im Spiel, wohl im All⸗ gemeinen wen desen, aber nicht beſtimmt werden, ob es ſich in meinem Leben zutragen und ich die Erfahrung da⸗ von haben werde, die jene Vorherſagung beſtätigte. — Alſo muß eine Begebenheit nachgeſucht werden, welche auf das Daſein einer ſolchen Urſache und auch auf den Act ihrer Cauſalität im Menſchengeſchlechte unbeſtimmt in Anſehung der Zeit hinweiſe, und die auf das Fortſchreiten zum Beſ⸗ ſeren, als unausbleibliche Folge, ſchließen ließe, welcher Schluß dann auch auf die Geſchichte der vergangenen Zeit (daß es immer im Fortſchritt geweſen ſei) ausgedehnt wer⸗ den könnte, doch ſo, daß jene Begebenheit nicht ſelbſt als Urſache des letzteren, ſondern nur als hindeutend, als Ge⸗ ſchichtszeichen (signum rememorativum, demonstrati- vum, prognosticon) angeſehen werden müſſe, und ſo die Tendenz des menſchlichen Geſchlechts im Ganzen, d. i., nicht nach den Individuen betrachtet, (denn das würde eine nicht zu beendigende Aufzählung und Berechnung abgeben), ſondern, wie es in Völkerſchaften und Staaten getheilt auf Erden angetroffen wird, beweiſen konnte.
6. Von einer Begebenheit unſerer Zeit, welche die moraliſche Tendenz des Menſchengeſchlechts beweiſet.
Dieſe Begebenheit beſteht nicht etwa in wichtigen, von Menſchen verrichteten Thaten oder Unthaten, wodurch, was groß war, unter Menſchen klein, oder, was klein war, groß gemacht wird, und wie, gleich als durch Zauberei, alte glänzende Staatsgebäude verſchwinden, und andere an deren Statt, wie aus den Tiefen der Erde, hervorkommen. Nein: nichts von allem dem. Es iſt blos die Denkungsart der Zuſchauer, welche ſich bei dieſem Spiele großer Umwand⸗ lungen öffentlich verräth, und eine ſo allgemeine und doch uneigennützige Theilnehmung der Spielenden auf einer Seite, gegen die auf der andern, ſelbſt mit Gefahr, dieſe Parteilichkeit könne ihnen ſehr nachtheilig werden, dennoch laut werden läßt, ſo aber (der Allgemeinheit wegen) einen Charakter des Menſchengeſchlechts im Ganzen und zugleich Facultät mit der juriſtiſchen 105 (der Uneigennützigkeit wegen) einen moraliſchen Charakter deſſelben, wenigſtens in der Anlage, beweiſet, der das Fort⸗ reiten zum Beſſeren nicht allein hoffen läßt, ſondern ſelbſt chon ein ſolcher iſt, ſo weit das Vermögen deſſelben für jetzt zureicht.
Die Revolution eines geiſtreichen Volks, die wir in un⸗ ſeren Tagen vor ſich gehen ſehen, mag gelingen oder ſchei⸗ tern; ſie mag mit Elend und Greuelthaten dermaßen an⸗ gefüllt ſein, daß ein wohldenkender Menſch ſie, wenn er ſie, zum zweiten Male unternehmend, glücklich auszuführen hoffen könnte, doch das Experiment auf ſolche Koſten zu machen nie beſchließen würde — dieſe Revolution, ſage ich, findet doch in den Gemüthern aller Zuſchauer (die nicht ſelbſt in dieſem Spiele mit verwickelt ſind) eine Theil⸗ nehmung dem Wunſche nach, die nahe an Enthuſiasmus grenzt, und deren Aeußerung ſelbſt mit Gefahr verbunden war, die alſo keine andere, als eine moraliſche Anlage im Menſchengeſchlecht zur Urſache haben kann.
Dieſe moraliſche einfließende Urſache iſt zwiefach; erſtens, die des Rechts, daß ein Volk von anderen Mächten nicht gehindert werden müſſe, ſich eine bürgerliche Verfaſſung zu geben, wie ſie ihm ſelbſt gut zu ſein dünkt; zweitens die des Zwecks, (der zugleich Pflicht iſt), daß diejenige Ver⸗ faſſung eines Volks allein an ſich rechtlich und moraliſch⸗ gut ſei, welche ihrer Natur nach ſo beſchaffen iſt, den An⸗ griffskrieg nach Grundſätzen zu meiden, welche keine andere, als die republikaniſche Verfaſſung, wenigſtens der Idee nach, ſein kann,“) mithin in die Bedingung einzutreten, wodurch der Krieg (der Quell aller Uebel und Verderbniß der Sit⸗ ten) abgehalten, und ſo dem Menſchengeſchlechte, bei aller ſeiner Gebrechlichkeit, der Fortſchritt zum Beſſeren negativ der wird, im Fortſchreiten wenigſtens nicht geſtört zu werden.
) Es iſt aber hiemit nicht gemeint, daß ein Volk, welches eine monarchiſche Conſtitution hat, ſich damit das Recht anmaße, ja auch nur in ſich geheim den Wunſch hege, ſie abgeändert zu wiſſen; denn ſeine vielleicht ſehr verbreitete Lage in Europa kann ihm jene Ver⸗ faſſung als die einzige anempfehlen, bei der es ſich zwiſchen mächtigen Nachbarn erhalten kann. Auch iſt das Murren der Unterthanen, nicht 7 106 2. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Dies alſo und die Theilnehmung am Guten mit Affect, der e, de ob er zwar, weil aller Affect, als ein ſolcher, Tadel verdient, nicht ganz zu billigen iſt, giebt doch vermittelſt dieſer Geſchichte zu der, für die Anthropo⸗ logie wichtigen Bemerkung Anlaß: daß wahrer Enthuſias⸗ mus nur immer aufs Idealiſche und zwar rein Mora⸗ liſche geht, dergleichen der Rechtsbegriff iſt, und nicht auf den Eigennutz gepfropft werden kann. Durch Geldbeloh⸗ nungen konnten die Gegner der Revolutionirenden zu dem Eifer und der Seelengröße nicht geſpannt werden, den der bloße Rechtsbegriff in ihnen hervorbrachte, und ſelbſt der Ehrbegriff des alten kriegeriſchen Adels (ein Analogon des Enthuſiasmus) verſchwand vor den Waffen derer, welche das Recht des Volks, wozu ſte gehörten, ins Auge gefaßt hatten,“) und ſich als Beſchützer deſſelben dachten; mit welcher Exaltation das äußere zuſchauende Publikum dann, ohne die mindeſte Abſicht der Mitwirkung, ſympathiſirte.
7. Wahrſagende Geſchichte der Menſchheit.
Es muß etwas Moraliſches im Grundſatze ſein, welches die Vernunft als rein, zugleich aber auch, wegen des großen und Epoche machenden Einfluſſes, als etwas, das die dazu erkannte Pflicht der Seele des Menſchen vor des Innern der Regierung halber, ſondern wegen des Benehmens der⸗ ſelben gegen Auswärtige, wenn fie dieſe etwa am Republikaniſtren hinderte, gar kein Beweis der Unzufriedenheit des Volks mit ſeiner eigenen Verfaſſung, ſondern vielmehr der Liebe für dieſelbe, weil es wider eigene Gefahr deſto mehr geſichert iſt, je mehr ſich andere Völ⸗ ker republikaniſiren. — Dennoch haben verläumderiſche Sykophanten, um ſich wichtig zu machen, dieſe unſchuldige Kannegießerei für Neue⸗ rungsſucht, Jacobinerei und Rottirung, die dem Staat Gefahr drohe, auszug ben geſucht: indeſſen daß auch nicht der mindeſte Grund zu dieſem Vorgeben da war, vornehmlich nicht in einem Lande, was vom Schauplatz der Revolution mehr als hundert Meilen entfernt war.
*) Von einem ſolchen Enthuſiasmus der Rechtsbehauptung für das menſchliche Geſchlecht kann man ſagen: postquam ad arma Vulcania ventum est, — mortalis mucro glacies ceu futilis ietu dissiluit. — Warum hat es noch nie ein Herrſcher gewagt, frei herauszuſagen, daß er gar kein Recht des Volks gegen ihn anerkenne; daß dieſes ſeine Glückſeligkeit bloß der Wohlthätigkeit einer Regierung, die dieſe ihm angedeihen läßt, verdanke, und alle Anmaßung des Unterthans zu Facultät mit ber juriſtiſchen. 107 Augen ſtellt, und das menſchliche Geſchlecht im Ganzen ſeiner Vereinigung (non singulorum sed universorum) angeht, deſſen verhofftem Gelingen und den Verſuchen zu demſelben es mit ſo allgemeiner und uneigennütziger Theil⸗ nehmung zujauchzt. — Dieſe Begebenheit iſt das Phänomen nicht einer Revolution, ſondern (wie es Herr Erhard aus⸗ drückt) der Evolution einer natur rechtlichen Ver⸗ faſſung, die zwar nur unter wilden Kämpfen noch nicht ſelbſt errungen wird, — indem der Krieg von innen und außen alle bisher beſtandene ſtatutariſche zerſtört, — die aber doch dahin führt, zu einer Verfaſſung hinzuſtreben, welche nicht kriegsſüchtig ſein kann, nämlich der republi⸗ kaniſchen: die es entweder ſelbſt der Staatsform nach ſein mag, oder auch nur nach der Regierungsart bei einem Recht gegen dieſelbe (weil dieſes den Begriff eines erlaubten Widerſtandes in ſich enthält) ungereimt, ja gar ſtrafbar ſei? — Die Urſache iſt: weil eine ſolche öffentliche Erklärung alle Unterthanen gegen ihn empören würde; ob ſie gleich, wie folgſame Schafe, von ei⸗ nem gütigen und verſtändigen Herren geleitet, wohlgefüttert und kräftig beſchlltzt, über nichts, was ihrer Wohlfahrt abginge, zu klagen hätten. — Denn mit Freiheit begabten Weſen genügt nicht der Genuß der Lebensannehmlichkeit, die ihm auch von Anderen (und hier von der Regierung) zu Theil werden kann; ſondern auf das Princip kommt es an, nach welchem es ſich ſolche verſchafft. Wohlfahrt aber hat kein Princip, weder für den, der fie empfängt, noch der ſie austheilt (der eine ſetzt ſie hierin, der andere darin); weil es dabei auf das Ma⸗ teriale des Willens ankommt, welches empiriſch, und ſo der Allge⸗ meinheit einer Regel unfähig iſt. Ein mit Freiheit begabtes Weſen kann und ſoll alſo, im Bewußtſein dieſes ſeines Vorzuges vor dem vernunftloſen Thier, nach dem formalen Princip ſeiner Willkühr leine andere Regierung für das Volk, wozu es gehört, verlangen, als eine ſolche, in welcher dieſes mit geſetzgebend iſt: d. i., das Recht der Menſchen, welche gehorchen ſollen, muß nothwendig vor aller Rückſicht auf Wohlbefinden vorhergehen, und dieſes iſt ein Heiligthum, das über allen Preis (der Nützlichkeit) erhaben iſt, und welches keine Regierung, ſo wohlthätig ſie auch immer ſein mag, antaſten darf. — Aber dieſes Recht iſt doch immer nur eine Idee, deren Ausführung auf die Be⸗ dingung der Zuſammenſtimmung ihrer Mittel mit der Moralität eingeſchränkt iſt, welche das Volk nicht überſchreiten darf; welches nicht u Revolution, die jederzeit ungerecht iſt, geſchehen Lil Cee de katiſch herrſchen, und dabei doch republikaniſch, d. h., im Geiſte des Nene nach einer Analogie mit demſelben, regieren, iſt das, was ein Volk mit ſeiner Verfaſſung zufrieden macht.
108 2. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen der Einheit des Oberhaupts (des Monarchen) den Geſetzen analogiſch, die ſich ein Volk ſelbſt nach allgemeinen Rechts⸗ principien geben würde, den Staat verwalten zu laſſen.
Nun behaupte ich dem Menſchengeſchlecht, nach den Aſpecten und Vorzeichen unſerer Tage, die Erreichung dieſes Zwecks und hiemit zugleich das von da an nicht mehr gänzlich rückgängig werdende Fortſchreiten deſſelben zum Beſſeren, auch ohne Sehergeiſt, vorherſagen zu können. Denn ein ſolches Phänomen in der Menſchengeſchichte vergißt ich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menſchlichen Natur zum Beſſeren aufgedeckt hat, der⸗ gleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der Dinge herausgeklügelt hätte, und welches allein Natur und Frei⸗ heit, nach inneren Rechtsprincipien im Menſchengeſchlechte vereinigt, aber was die Zeit betrifft, nur als unbeſtimmt und Begebenheit aus Zufall verheißen konnte.
Aber, wenn der bei dieſer Begebenheit beabſichtigte Zweck auch jetzt nicht erreicht würde, wenn die Revolution, oder Reform, der Verfaſſung eines Volks gegen das Ende doch fehlſchlüge, oder, nachdem dieſe einige Zeit gewähret hätte, doch wiederum alles ins vorige Gleis zurückgebracht würde (wie Politiker jetzt wahrſagern), ſo verliert jene philoſophiſche Vorherſagung doch nichts von ihrer Kraft. — Denn jene Begebenheit iſt zu groß, zu ſehr mit dem Intereſſe der Menſchheit verwebt, und, ihrem Einfluffe nach, auf die Welt, in allen ihren Theilen zu ausgebreitet, als daß ſie nicht den Völkern bei irgend einer Veranlaſſung günſtiger Um⸗ ſtände, in Erinnerung gebracht und zu Wiederholung neuer Verſuche dieſer Art erweckt werden ſollte; da dann, bei einer für das Menſchengeſchlecht ſo he Angelegenheit, end⸗ lich doch zu irgend einer Zeit die beabſichtigte Verfaſſung diejenige Feſtigkeit erreichen muß, welche die Belehrung durch öftere Erfahrung in den Gemüthern Aller zu bewirken nicht ermangeln würde.
Es iſt alſo ein nicht bloß gutgemeinter und in prak⸗ tiſcher Abſicht empfehlungswürdiger, ſondern allen Ungläu⸗ bigen zum Trotz auch für die ſtrengſte Theorie haltbarer Satz: daß das menſchliche Geſchecht im Fortſchreiten zum Beſſeren immer geweſen ſei, und ſo fernerhin fortgehen Facultät mit der juriſtiſchen. 109 werde, welches, weun man nicht blos auf das ſieht, was in irgend einem Volk geſchehen kann, ſondern auch auf die Verbreitung über alle Völker der Erde, die nach und nach daran Theil nehmen dürften, die Ausſicht in eine unab⸗ ſehliche Zeit eröffnet; wofern nicht etwa auf die erſte Epoche einer Naturrevolution, die (nach Camper und Blumen⸗ bach) blos das Thier- und Pflanzenreich, ehe noch Men⸗ bi: waren, vergrub, noch eine zweite folgt, welche auch em Menſchengeſchlechte eben ſo mitſpielt, um andere Ge⸗ ſchöpfe auf dieſe Bühne treten zu laſſen u. ſ. w. Denn für die Allgewalt der Natur, oder vielmehr ihrer uns uner⸗ reichbaren oberſten Urſache, iſt der Menſch wiederum nur eine Kleinigkeit. Daß ihn aber auch die Herrſcher von ſeiner eigenen Gattung dafür nehmen, und als eine ſolche be⸗ handeln, indem fie ihn theils thieriſch, als bloßes Werk⸗ zeug ihrer Abſichten, belaſten, theils in ihren Streitigkeiten gegen einander aufſtellen, um ſie ſchlachten zu laſſen, — das iſt keine Kleinigkeit, ſondern Umkehrung des End zwecks der Schöpfung ſelbſt.
8. Von der Schwierig keit der auf das Fortſchrei— ten zum Weltbeſten angelegten Maximen, in An ſehung ihrer Publieität.
Volksaufklärung iſt die öffentliche Belehrung des Volks von ſeinen Pflichten und Rechten in Auſehung des Staats, dem es angehöret. Weil es hier nur natürliche und aus dem gemeinen Menſchenverſtande hervorgehende Rechte betrifft, ſo ſind die natürlichen Verkündiger und Ausleger derſelben im Volk nicht die vom Staat beſtelleten amtsmäßigen, ſondern freie Rechtslehrer, d. i., die Philo⸗ ſophen, welche eben um dieſer Freiheit willen, die ſie ſich erlauben, dem Staate, der immer nur herrſchen will, an⸗ ſtößig ſind, und werden unter dem Namen Aufklärer, als für den Staat gefährliche Leute verſchrieen; obzwar ihre Stimme nicht vertraulich ans Volk (als welches davon und von ihren Schriften wenig oder gar keine Notiz nimmt), ſondern ehrerbietig an den Staat gerichtet, und dieſer jenes fein rechtliches Bedürfniß zu beherzigen ange⸗ flehet wird; welches durch keinen andern Weg, als den der 110 2. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Publicität geſchehen kann, wenn ein ganzes Volk feine Be⸗ 9 979 5 (gravamen) vortragen will. So verhindert das erbot der Publicität den Fortſchritt eines Volks zum Beſſeren, ſelbſt in dem, was das Mindeſte ſeiner Forderung, nämlich blos ſein natürliches Recht angeht.
Eine andere, obzwar leicht durchzuſchauende, aber doch geſetznäßig einem Volk befohlene Verheimlichung iſt die von der wahren Beſchaffenheit ſeiner Conſtitution. Es wäre Verletzung der Majeſtät des großbritanniſchen Volks, von ihm zu ſagen, es ſei eine unbeſchränkte Monarchie: ſon⸗ dern man will, es ſoll eine durch die zwei Häuſer des Par⸗ laments, als Volksrepräſentanten, den Willen des Mon⸗ archen einſchränkende Verfaſſung ſein, und doch weiß ein Jeder ſehr gut, daß der Einfluß deſſelben auf dieſe Re⸗ präſentanten ſo groß und ſo unfehlbar iſt, daß von gedach⸗ ten Häuſern nichts Anderes beſchloſſen wird, als was Er will und durch feinen Miniſter auträgt; der dann auch wohl einmal auf Beſchlüſſe anträgt, bei denen er weiß, und es auch macht, daß ihm werde widerſprochen werden, (3. B. wegen des Negerhandels), um von der Freiheit des Parlaments einen ſcheinbaren Beweis zu geben. — Dieſe Vorſtellung der Beſchaffenheit der Sache hat das Trügliche an ſich, daß die wahre zu Recht beſtändige Verfaſſung gar nicht mehr geſucht wird; weil man ſie in einem ſchon vor⸗ handenen Beiſpiel gefunden zu haben vermeint, und eine lügenhafte Publicität das Volk mit Vorſpiegelung einer durch das von ihm ausgehende Geſetz eingeſchränkten Monarchien) täuſcht, indeſſen daß feine Stellvertreter, durch Beſtechung gewonnen, es in Geheim einem abſoluten Monarchen unterwarfen.
* * Die Idee einer mit dem natürlichen Rechte der Men⸗ ſchen zuſammenſtimmenden Conſtitution: daß nämlich die dem Geſetz gehorchenden auch zugleich, vereinigt, geſetzgebend *) Eine Urſache, deren Beſchaffenheit man nicht unmittelbar ein⸗ ſieht, entdeckt ſich durch die Wirkung, die ihr unausbleiblich anhängt.
Was iſt ein abſoluter Monarch? Es iſt derjenige, auf deſſen Facultät mit der juriſtiſchen. 111