SigPhi · Immanuel Kant

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

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Zu dem besonders reichen Inhalt des Zweiten Haupt- stückes der KANT'schen Schrift im Folgenden nur noch einzelne Bemerkungen.

Zum Begriffe der „Undurchdringlichkeit."

Vielleicht von allen Anregungen der KANT'schen Schrift ist am meisten auch bei den Physikern durchgedrungen die Eliminirung der „Undurchdringlichkeit", nämlich ihre Zurückführung auf 64 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

„abstossende Kräfte". So sagt Mach*): „Man kann einfach sagen, dass bei Entfernung der Teile eines Körpers Anziehungs- kräfte, bei Annäherung dieser Teile Abstossungskräfte wirk- sam werden. Bei genügend inniger Berührung können sich diese Kräfte auch zwischen den Teilen verschiedener Körper äussern. — Die sogenannte Eigenschaft der Undurchdringlichkeit beruht auf den erwähnten Abstossungskräften. Der Raum, den ein Körper einnimmt, ist nicht durchaus unveränderlich; derselbe kann auch durch den Druck anderer Körper verkleinert werden, die widerstehenden Kräfte wachsen aber mit dieser Verkleinerung. Der Ausdruck „Undurchdringlichkeit" enthält nur eine ungenaue Umschreibung dieser Thatsache."

Unter den Begründungen, welche Kant seiner Ablehnung des Undurchdringlichkeitsbegriffes giebt, sind die "Worte (S. 35) berühmt geworden: „Der Satz des Widerspruches treibt keine Materie zurück." Ein glänzender Satz — aber doch mehr blendend als erleuchtend. Ebenso gut könnten wir ja sagen: Der Satz ps = ^mv2 treibt keine Locomotive vorwärts. Aber wir können ja nicht einmal sagen, der Pythagoreische Satz macht, dass a2 -|- b2 = c2. Ueberall kann es sich ja doch nur darum handeln, ob ein „Satz" der adäquate Ausdruck desjenigen unmittelbar oder mittelbar evidenten (evident gewissen oder evident wahrscheinlichen) Urteils sei, durch welches wir ein Dasein oder eine Beziehung vor das Forum unseres Denkens bringen. Also in unserem Falle: Ist der Umstand, dass „zwei Körper nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können", ein „Nicht- können" von derjenigen Art, wie sie der Satz des Widerspruches ausspricht, oder eines von derjenigen Art, nach welcher der Analphabet sagt, dass er nicht lesen und schreiben könne? Allgemein: Besagt die (hier gleichviel, ob analysirte oder unanalysirte, auf „Kräfte" oder auf was immer sonst „zurückgeführte" oder nicht restlos zurück- führbare) „Undurchdringlichkeit" eine apriorische oder eine empirische Unmöglichkeit? Ich denke, dass eine dem *) Naturlehre für Mittelschulen, S. 53. — Natürlich ist die Berufung auf ab- stossende Kräfte keine abschliessende, sobald diese im Sinne der kinetischen Gastheorie (welche ja MACH nicht anerkennt) den „anziehenden" nicht coordiniert werden. Freilich müsste, wie oft mit unwiderleglichem Rechte hervorgehoben worden ist, auch die Vorstellung von elastischen oder starren Atomen schliesslich irgend- wie wieder mit Vorstellungen von „Undurchdringlichkeit" oder von „abstossenden Kräften" ausgestattet werden, damit es überhaupt zu einem „Stoss" zwischen Atomen oder Molekülen, der die „abstossenden Kräfte" ersetzen soll, kommen kann.

Nachwort zu Kant, IL Hauptstück: Dynamik. 65 Probleme auf den Grund gehende Untersuchung von den folgenden Distinctionen Meinong 's (Relationstheorie a. a. 0. S. 100 [670]) würde ausgehen müssen: „Wir haben bisher die Verträglichkeitsrelationen, wie früher die Vergleichungsverhältnisse, bloss mit Rücksicht auf die Vorstellungen von physischen und psychischen Zuständen in Betracht gezogen; doch sind auch von dieser Relationsciasse, wie von der ersten, Substanzvorstellungen nicht ausgeschlossen. Ich glaube als Beleg hierfür auf die geradezu schlagende Evidenz hinweisen zu dürfen, die sich bei philosophisch nicht reflectirenden Menschen ein- zustellen pflegt, wenn sie auf das physikalische Gesetz der Undurch- dringlichkeit zuerst aufmerksam werden. Auch Locke hat dieser Evidenz Ausdruck gegeben, indem er das Urteil: zwei Körper können nicht Einen Raum einnehmen, unter die wenigen Fälle allgemeinen Wissens über Coexistenz rechnet; und von diesem Standpunkte aus ist es ganz zwecklos, daneben noch eine besondere Sensationsidee der „Solidität" zu statuiren, wie Locke es thut. Nichts kann das Ver- fehlte des Versuches, Undurchdringlichkeit auf Solidität zu stützen, die Vorstellung der Solidität aber von dem Widerstände herzuleiten, „den wir bei jedem Körper gegenüber dem Eindringen eines andern Körpers auf seinem Platz antreffen", besser beleuchten, als Locke's eigene Bemerkung, dass der Diamant um nichts solider sei als Wasser. Es handelt sich eben hier nicht um Etwas, was Gegenstand einer Empfindung sein kann, sondern um die einfache Unverträglichkeit zweier qualitativ determinirter Körpervorstellungen unter Voraus- setzung gleichen Orts- und Zeitdatums. Freilich ist dies aber nur eine Angelegenheit der Phänomene und nicht der Dinge; und bloss, wenn diese sich deckten, könnte das Gesetz der Undurchdringlichkeit ohne weiteres als eine allgemein formulirte Unverträglichkeits- behauptung bezeichnet werden. In Wahrheit sind die Dinge, von denen das physikalische Gesetz doch gelten will, erst unter Vermittlung des Causalverhältnisses zu erreichen, und es bleibt zu untersuchen, ob und in welchen Grenzen Unverträglichkeit der Wirkungen auf Unverträglichkeit der Ursachen oder Teilursachen zurückweist." — Das hier angeregte Problem ist verwandt mit dem, auf welches wir uns S. 56 geführt sahen: Ob zwischen „Dingen an sich" Causalität bestehen könne. Es genüge hier wie dort, das metaphysische Restproblem als solches festgestellt zu haben.

ßß Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Zum Begriffe des Atoms.

Eine andere physikalische Hauptfrage, in welcher Kant's Schrift einflussreich geworden ist, betrifft die Atomistik. Durch seinen Lehr- satz IV „Die Materie ist ins Unendliche teilbar und zwar in Teile, deren jeder wiederum Materie ist" (S. 40), sowie durch die Anmerkung S. 41, in welcher er der „monadistischen" (== atomistischen) die „dynamische" (= antiatomistische) Theorie der Raumerfüllung entgegenstellt, ist Kant zum Wortführer der nicht- atomistischen Minorität unter den Naturforschern und Naturphilosophen des XIX. Jahrhunderts geworden. Nicht alle Kantianer haben sich ihm hierin angeschlossen. So unternimmt es Kurt Lasswitz in „Atomistik und Kriticismus", geradezu aus den Principien des „Kriti- cismus" die Atomistik sogar a priori zu beweisen. Im Folgenden soll weder auf solche Versuche für und gegen eingegangen, noch sollen solche gar neuerlich gewagt werden. Ganz anderes scheint gegen- wärtig in dieser alten Streitsache nothzuthun; ich erlaube mir, was ich meine, durch ein mich überraschendes Erlebnis der jüngsten Tage zu erläutern. In einer geselligen Zusammenkunft mehrerer Privat- docenten der Universität Wien, darunter eine Majorität von Physikern, dann Chemiker, Meteorologen und Philosophen, kam das Gespräch auf die Atomistik. Alle bis auf einen Philosophen erklärten sich aufs Unbedingteste von der Atomistik überzeugt. Als aber der Philosoph um die Definition, oder noch lieber um die Beschreibung eines Anschauungsbildes von einem Atom bat und die Meinung ver- trat, dass das Zerteiltsein der Materie in „letzte Teilchen" wenigstens nicht a priori einleuchte, wurde (mit allen gegen eine Stimme, welche aus der Yerdichtbarkeit allein schon einen giltigen Schluss auf leere Zwischenräume zwischen den Stofftheilchen ziehen zu können glaubte) versichert, dass die Atomistik im gegenwärtigen Sinne gar nichts mehr gegen die stetige Erfüllung des Raumes habe. Nur nicht homogen dürfe die Raumerfüllung sein, sondern sie müsse gegliedert sein durch Wirbel oder Schwingungs- knoten*) oder sonst irgend periodisch auftretende, ausgezeichnete *) Schon vor fünfzehn Jahren habe ich mit Freunden (und einmal auch mit einem berühmten Physiker) die Möglichkeit besprochen, der eigentlichen Stütze der chemischen Atomtheorie, DALTON's „Gesetz der multiplen Propor. tionen", dadurch eine andere Deutung als durch das Anhäufen von 2, 3, 4, 5.. gleichen Kügelchen oder dgl. zu geben, dass man an harmonische Partial- schwingungen denkt, die ja auch an diese Zahlenreihe 2, 3, 4, 5.. gebunden sind. Schwingungen einer Saite, die sich nicht auf diese Zahlen zurückführen lassen, Nachwort zu Kant, II. Hauptstück -.Dynamik. 67 Stellen innerhalb des raumerfüllenden Etwas. — Ich gestehe, dass mich dieses unser Gespräch lebhaft erinnert hat an jene bekannte Erzählung Locke's, nach welcher er durch einen Streit über die „Lebensgeister", während dessen sich herausgestellt hatte, einen wie wenig bestimmten und noch weniger einheitlichen Sinn die einzelnen Streitenden mit jenem übereinstimmend verwendeten Worte verbunden hatten, den ersten Anstoss zu seiner analytischen Psychologie, dem „Versuch über menschlichen Verstand" empfangen habe. — Der Leser der KANT'schen Schrift kann sich gewiss nur zu doppelt kritischer Prüfung von Kant's Argumenten gegen die einstige Atomistik ange- regt fühlen, wenn er sich vorhält, dass dies gar nicht mehr die Atomistik unserer jungen Physiker sei. — Kant, der sich nur gegen die discontinuierlichen Atome wendet, stände hier auf Seite der neuesten, von Faraday, Thomson, Kirchhoff u. A. eingeleiteten Wendung des Denkens über „Atome". Ob diese gegenüber dem älteren Atombegriff physikalisch im Rechte ist, wäre die erste, hier natürlich nicht einmal nach Wahrscheinlichkeiten abzuwägende Vorfrage dafür, ob dereinst noch die Physik dem Eintreten Kant's f ür die S t e t i g k e i t der Materie sozusagen physikalische Anregungen zu verdanken haben wird. — Eine philosophische Anregung zur näheren psychologischen und logischen Analyse des herkömmlichen dogmatischen Atom -Begriffes bringen uns die Seiten 40 — 45 gewiss, wenn sie auch noch soviel physikalisch Anfechtbares enthalten sollten.

bilden keine stabilen Bewegungszustände; so könnten auch nur Stoffpaare, die nach jenen Zahlen zusammengesetzt sind, feste Verbindungen geben, dagegen variable Mischungen in allen anderen Verhältnissen. — Ich weiss nicht, inwieweit eine solche (hier nur als Beispiel für die Möglichkeit des Waltens ganzer Zahlen auch in stetiger Materie angeführte) Vorstellung in der theoretischen Chemie schon näher duichgearbeitet worden ist. In einer Abhandlung, die ein mir übrigens unbekannter italienischer Chemiker mir vor etwa einem Jahrzehnt zuzusenden die Freundlichkeit hatte, schien mir sich die Ueberein- stimmung darauf zu beschränken, dass im Titel ebenfalls von Schwingungsknoten die Rede war.

5* Zum Dritten Hauptstück: Mechanik.

Das Dritte Hauptstück geht aus von einer Definition der Masse (Erklärung 2, S. 76) und schliesst daran ein erstes, zweites und drittes Gesetz der Mechanik (S. 80 — 84).

Ganz äusserlich genommen erinnert das an unser gegenwärtiges System der Mechanik, indem auch für dieses der Begriff der Masse den Ausgangspunkt bildet (gemäss dem GAuss'schen absoluten oder physikalischen Maasssystem im Gegensatz zum terrestrischen oder technischen, welches von der Kraft ausgeht). Und die drei mecha- nischen Gesetze erinnern an die drei leges motus Newton's. Aber was Kant sein Erstes mechanisches Gesetz nennt, das der Erhaltung der Masse, wird heute überhaupt nicht als ein Princip der Mechanik behandelt, sondern pflegt erst in der Chemie seine systematische Erwähnung zu finden. Seit der Aufstellung des Gesetzes der „Erhaltung der Kraft" haben freilich auch viele Physiker einen Parallelismus zum Gesetz der „Erhaltung der Materie oder der Masse" herzustellen versucht. Aber das hatte doch immer einen leisen Beigeschmack von derjenigen Naturphilosophie, auf die man in Kreisen der Physiker nicht allzuviel hält. Und vollends für diejenige modernste energetische Auffassung, welche im Begriff der Energie einen Ersatz für den Begriff der Materie gefunden zu haben glaubt (vgl. oben S. 58), kann von einer Parallelisirung überhaupt nicht mehr die Rede sein.

Ueber das Verhältnis der KANT'schen Fassung des Massen- Begriffes zu demjenigen, was diesen Begriff noch heute für die systematische Mechanik zu einem Problem macht, sogleich unten (S. 69—78) einiges Nähere. — Was dagegen die drei „Gesetze der Mechanik" betrifft, so fehlt unter ihnen dasjenige, welches man heute meist als Ersatz der zweiten lex motus Newton's einzusetzen pflegt: das Unabhängigkeitsprincip. — Statt einer gleich- Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 69 massigen Erörterung der drei von Kant angeführten Gesetze der Mechanik wird angesichts der gegenwärtigen lebhaften litterarischen Bewegung in Sachen des Trägheitsgesetzes eine umso ein- gehendere, wenn auch freilich nicht erschöpfende Betrachtung der hier schwebenden Streitfragen am Platze sein. — Vorerst also: Zum Massen-Begriff.

Zum Massen-Begriff.

Vor allem dürfte an der sprachlichen Wendung: „Eine Materie wirke in Masse" (S. 76), auf welche Kant wesentlichen Ton legt, in der gegenwärtigen Sprechweise der Mechanik die angefügte Be- stimmung „in Masse" wohl überhaupt nicht mehr wesentlich und geläufig sein; wir werden also von ihr im Weiteren absehen. Was nach Weglassung dieser Wortverbindung aus der KANT'schen Definition der Masse übrig bleibt, lautet: „Die Quantität der Materie .. heisst die Mass e." Die Nebenbestimmung, welche ich hier nicht mit reproducirt habe, nämlich „.. die Menge des Beweglichen..", findet ihre schärfere Formulirung in dem sofort folgenden Lehr- „Die Quantität der Materie kann in Yergleichung mit jeder anderen nur durch die Quantität der Bewegung bei gegebener Geschwindigkeit geschätzt werden."

Sehen wir ab von dem beigegebenen Beweis: (S. 76) „Die Materie ist ins Unendliche teilbar" etc., welcher Beweis nur im Hinblick auf die oben erwähnte Nebenbedeutung „in Masse wirken" Zusammen- hang mit der übrigen Betrachtung gewinnt, so darf gesagt werden, dass sich Kant's Massenbegriff sehr nahe berührt mit demjenigen Massenbegriff, welcher gegenwärtig als der wesentlichste Fortschritt gegenüber Newton's Definition der Masse fast allgemein angenommen ist. IuNewton's Definition: „Mass e = Quantität der Materie", wird (ganz abgesehen von der oft gerügten Forderung, diese Quantität durch das Product aus Volumen und Dichte zu messen, wo doch Dichte — heute wenigstens — nicht anders als durch den Quotienten aus Masse und Volumen definirt zu werden pflegt) die Unbestimmtheit des Ausdruckes „Quantität der Materie" beanstandet. Man ist gegen- wärtig darüber einig, dass es eine ganze Reihe von Merkmalen sein kann, nach welcher diese „Quantität" bemessen wird: Volumen, Ge- wicht, chemische Wirkungsfähigkeit u. s. f. — welche, weil es z. B. zur Verbindung mit verschiedenen anderen Stoffen sehr verschiedener Mengen eines und desselben Stoffes bedarf, sogar ein sehr gutes Beispiel für die Relativität des Quantitätsbegriffes bilden u. s. f.

70 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Ausführlich und lichtvoll ist diese Relativität des Massenbegriffes u. a. in Maxwell's Stoff und Bewegung Artikel XL VI dargestellt. Wenn aber auch nach dieser Richtung die Acten über den Wort- laut von Newton's Definition (—es wurde neuestens mehrmals, so von Volkmann und Poske aufmerksam gemacht, dass es wohl gar keine eigentliche „Definition" hat sein sollen) geschlossen sind, so sind sie es doch nicht über eine ganze Reihe zum mindesten ebenfalls formeller, wahrscheinlich aber auch noch sehr sachlicher Fragen nach einer allseits befriedigenden Definition des mechanischen Begriffes „Masse". Ja wer nicht metaphysische Betrachtungen a limine ab- weist, wird, wenn überhaupt, so durch den Massenbegriff sich immer wieder vor die metaphysischen Probleme der „Substanz" und des „Dinges" geführt sehen. Wer ihnen ausweichen will, muss die Masse als „Eigenschaft" auffassen. Nicht in dem Sinne, als ob dabei durch das Wort „Eigen u-schaft doch wieder implicite ein Hinweis auf eine Substanz, dem jene „eigen" ist, gegeben wäre (gemäss dem Satze „Attributa sunt suppositorum*, von dem Edmund Pfleiderer wieder jüngst fragte, ob er nur ein Jahrtausend altes Vor- urteil sei); sondern nach der antimetaphysischen oder ametaphysischen Fassung des Massenbegriffes wäre Masse nur ebenso ein wahrnehm- barer Vorstellungsinhalt, wie die Sinnesphänomene, Farbe oder Wärme, bei denen es zum mindesten nicht unerlässlich ist, sie als „Accidentia" einer „Substanz" aufzufassen, indem sie sich ja sozusagen als „Eigen- schaften an sich", unabhängig von jedem Gedanken an ein „Ding an sich", denken lassen. In diesem ametaphysischen Sinne also sei „Masse" für den Physiker ausschliesslich die Eigenschaft, vermöge deren ein Körper (auch dieses Wort nur in phänomenalem Sinne genommen) Beschleunigungen erteilt und empfängt (beides ebenfalls causallos); wobei in letzter Hinsicht die Masse vielleicht am schärfsten als Beschleunigungscapacität*) definirt werden könnte (ein *) In dem oben angeführten Vortrage definirt OSTWALD die „Masse" als „die Capacität für Bewegungsenergie" (S. 28).

Ich hatte in der Monographie „Psychische Arbeit" (Ztschr. f. Psychol. und Physiol. d. Sinnesorgane, 1894, VIII. Bd., S. 163 [S. 62 der Sonderausgabe]) darauf hingewiesen, dass man ebensogut, wie man zu „definiren" pflegt m = —, auch „definiren" könnte m =,-7—^,.° „ In der einen wie in der anderen Form ■M trifft die Form des Quotienten zusammen mit der für eine „Dich t e" D = -r=-, wo V als das die Masse M „in sich Fassende" gedacht ist.— Ueber die Erweiterung des Dichtebegriffes, vermöge deren er sich geradezu mit dem einen der beiden Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 71 Körper hat eine grosse Masse, wenn an ihm eine gegebene Kraft eine kleine Beschleunigung hervorbringt — ebenso wie ein Conductor grosse Capacität hat, wenn er bei gegebener Ladung ein kleines Potenzial erhält).

Sieht man sich aber nun ein wenig um über die thatsäch- liehe Verwendung, welche das Wort Masse bei den maassgebendsten Physikern der Gegenwart findet, so zeigt sich an derjenigen Stelle des Systems, wo sozusagen officiell die Massendefinition versucht wird, aller- dings ein unverkennbares Bestreben, mit einer Eigenschaftsdefi- n i t i o n (wie wir kurz sagen wollen) das Auslang zu finden. Im ganzen weiteren Lehrgange aber hören wir doch alsbald wieder von „Massen" sprechen, die einander anziehen, die auf einander stossen, wo deutlich genug die anziehenden, die stossenden Körper selbst kurz — oder nur abkürzend? — als „die Massen" bezeichnet werden. So sind namentlich auch die „verborgenen Massen", mit welchen Hertz an Stelle der „Kräfte" auszukommen sucht, unver- kennbar als Körper gedacht es dürfte schwer sein, auch für d i e s e „Massen" mit der MACH'schen Definition m/m' = — <p'\<p so das Auslangen zu finden, dass die von Hertz beabsichtigte Einführung einer dritten Grösse „Masse" (neben Eaum und Zeit) statt der dritten und vierten („Kraft") noch ihren Zweck erfüllt. Natürlich gilt das Gesagte wie von den „verborgenen" Massen auch von den „grob sinnlichen" nach Hertz. — Ja auch in Abschnitten, welche gar nichts mit Beschleunigungen zu thun haben, stellen sich Wort und Begriff „Masse" als vorläufig noch unentbehrlich heraus. So in der Hier müsste zum mindesten vorher der Begriff der „thermischen Masse"*) im Gegensatz zur „mechanischen Masse" einge- führt sein.

Typen von „Dimensionen", dem „divisiven Typus", deckt, vgl. meine Abhandlung „Die abgeleiteten physikalischen Grössen und ihre Dimensionen", Ztschr. f. d. physikalischen Unterricht, XII. Jahrg., 1899, S. 23.

*) Um ein jüngst vernommenes Missverständnis auszuschliessen, hebe ich hervor, dass oben mit „thermische Masse" nicht das Product aus der mechanischen Masse und der speeifischen Wärme (der Wasserwert) gemeint sei, sondern nur die Masse selbst, bei der der ausdrückliche Zusatz „thermisch" nur noch besonders aufmerksam machen soll, wie sehr es eine Erfahrungstatsache für sich ist, dass in der „W ärmemenge" (welcher Begriff nach MACH ja erst im Hinblick auf Ausgleichungsvorgänge nach RlOHMANN's Regel nebst der durch BOERHAVE's, FAHBENHEIT'8, BLACK'» Beobachtungen nothwendig gewordene Er- 72 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Indem ich diese Begriffsschwankungen — nicht tadle, natürlich auch nicht lobe, sondern einfach — constatire, legt sich die Ver- muthung nahe, dass Wort und Begriff „Masse" vielleicht doch Denk- bedürfnissen, und zwar nicht unberechtigten, entsprechen, welche durch die künstliche Schaffung der Eigenschaftsdefinition nicht ihre volle Befriedigung finden. Gesetzt dies sei so, wäre dann bei einer künftigen Revision des Begriffssystem es der Physik einer Rehabili- tirung des Substanz- Begriffes das Wort zu sprechen? — Meinong that einmal gegen mich die kurze Aeusserung, wer sich bei „Substanz" nichts denken könne, habe damit noch nicht den Ding- Begriff ver- worfen. In der That steht der Begriff des Dinges, der res, zu dem des „Realen" ungekünstelt in so nahem Verhältnis, dass wir eine Realität bestimmter Art, an deren Existenz zu glauben wir anderweitig Grund haben, auch dann noch mit dem bequemen Namen „Ding" bezeichnen dürfen, wenn wir einer Stellungnahme zum Problem der Kategorien und speciell zur Kategorie der Substanz noch so vor- sichtig ausweichen wollen. „Ding" ist dann ein ebenso zutreffender Name für den empirischen Begriff des „Körpers" wie für den tran- scendentalen Begriff des „Dinges an sich". Und dabei ist der Begriff des Dinges doch wieder nicht etwa so vag, dass man es nicht als eine unerlaubte Erweiterung empfände, auch noch das Abendroth oder die Schwere oder die Cholera — und hinwieder: das Singen, das Nachdenken ein „Ding" zu nennen. Ohne sich also auf das Problem einzulassen, inwieweit den sprachlichen Kategorien der Substantiva, Adjectiva und Verba und den correlativen sogenannten logischen Kategorien der Dinge, der Eigenschaften und der Vorgänge und Zustände wirklich völlig scharf abgrenzbare logische Be- griffsinhalte oder Begriffsformen (welch letztere ja schliesslich doch auch wieder als irgendwelche „Inhalte" gedacht werden müssten) entsprechen, wird der Physiker seinem Denken über Massen auch im Sprechen immer noch am treuesten bleiben, wenn er sie nicht Weiterung für verschiedene specifische Wärmen den rein tbatsächlichen Inhalts gewinnt) die „Masse" neben (eigentlich anstatt) ihrer mechanischen Rolle ohne weiteres eine thermische Rolle zu übernehmen vermag. Da diese Erfahrungsthat« sache durch die Eigenschafts- Definition der Masse geradezu unverständlich wird, während sie durch die Mengen- Annahme verständlich war, so wollte obiges Auseinanderhalten zweier Eigenschafts-Definitionen mittelst zweier be- sonderen Termini es der Erwägung empfehlen, inwieweit hierin nicht geradezu ein Argument gegen eine bloss phänomenalistische Umprägung des Massen- und weiterhin des Körper-Begriffes liege.

als Eigenschaften (auch nicht als Vorgänge oder Zustände), sondern als Dinge bezeichnet. Und da es immer gut ist, wenn man als genus proximum schon den möglichst nahe determinirten Begriff wählt (denn sonst ist es eben kein genus „proximum"), so wird es weitaus die ungezwungenste Redeweise sein, unter „Massen" die Körper selbst zu verstehen, welchen die bei der Messung der Massen jeweilig hervorzuhebende Eigenschaft (Beschleunigungs-, Wärme-Capacität u. s. f.) zukommt. — Oder verzichtet denn etwa auch der in seiner Sprechweise vorsichtigste Physiker darauf, von den in seinem Gewichtsatz aufbewahrten Messing- und Platin -Körpern selbst zu sagen: sie s i n d die Gramme, die Milligramme? Nach der Eigenschaftsdefinition müsste man sagen: Diese Körper haben Gramme; was ganz ungewohnt klänge. Immerhin soll nicht unbemerkt bleiben, dass auch das ein ungezwungener Sprachgebrauch ist, zu sagen: „Dieser Messingkörper hat eine Masse von 10 gr." Was ähnlich klingt, wie: er hat gelbe Farbe oder er hat cylindrische Gestalt, er ist von gelber Farbe u. dgl. — womit Masse sprachlich nun doch wieder auf eine Linie mit Eigenschaften, mit Farbe und Gestalt gestellt erscheint. Aber hier wäre aus der sprachlichen Fügung eine zu bestimmte Anweisung auf diese oder jene gedankliche Formgebung herausgelesen. Sagen wir doch auch z. B. ein Regiment von 4000 Mann, ohne dass das Regiment hiemit als Ding und die 4000 Mann als seine Eigenschaften bezeichnet*) wären.

Angenommen nun, als Masse gelte der Körper selbst, nicht eine seiner Eigenschaften, so würde das durchaus nicht hindern, innerhalb der verschiedenen Capitel der Physik sich bewusst zu werden und zu bleiben, dass uns der Körper einmal nach dieser, einmal nach jener seiner Eigenschaften interessirt; also in der Mechanik als „mechanische Masse'* nach seiner Beschleunigungscapacität, in der Wärmelehre gemäss Richmann's Regel als „thermische Masse" u. s. f. Und es ist dann zunächst eine blosse Empirie so gut wie jede andere, aber hiemit keineswegs die Wissbegierde nach tieferen Einsichten in sachliche Zusammenhänge ausschliessend, wenn man sich davon über- *) Die Biegsamkeit oder sagen wir entschiedener: Mehrdeutigkeit der Präposition „von" kann uns in unserem Falle sogar willkommen sein, indem sie uns den einen Körper „von" 1000 Gramm ebenso als „aus" 1000 einzelnen Gramm bestehend zu denken einladet, wie das Regiment aus den 4000 Mann be- steht. Eben dieses „Bestehen" erinnert aber gleichfalls daran, was an der Fassung „Masse = Quantität der Materie = Menge des Stoffes" nicht zu verwerfen war, obwohl sie einer Ergänzung bedürftig ist.

74 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

zeugt, dass zwei Körper, die als mechanische Massen sich nach dem Zahlenverhältnisse 1: m verhalten, auch als thermischen Massen sich wie 1: m verhalten. Dass es dann einund derselbe Körper ist, welcher sich in zweierlei (und mehrerlei) zunächst heterogenen Erscheinungskreisen in dennoch übereinstimmender Weise als grössen- bestimmend erweist, führt jenes Weiterdenken in durchaus gesunder Weise auf Gedanken, welche der Physiker als solcher je nach persön- licher Neigung mitdenken oder deren er sich enthalten mag, ohne den Inhalt seiner Wissenschaft und ihre verständliche Darstellung hiemit zu beeinflussen. Nämlich: Jenes Uebereinstimmen oder Pro- portionalgehen verschiedener Wirkungen legt eben doch den Gedanken nahe, dass es sich hier um ein Eeales handle, das je nach seinem Zusammentreffen mit anderen Teilbedingungen einmal die mechanischen, einmal die thermischen Effecte (und andere) mit verursachen hilft. — Der Gründlichkeit einer solchen Betrachtung kann es nur nützlich sein, wenn unter den anderen Teilbedingungen auch der specifi sehen Energien unserer eigenen Sinnesorgane und was mit diesen zu- sammenhängt, nicht vergessen wird. Wie hoch immer wir aber auch den Einfluss dieser als speeifische Energie ausgezeichneten einen subjee- tiven Teilbedingung für das Auftreten gerade dieser oder jener