Sinneserscheinung ansetzen mögen — seine Rolle als eine andere Teilbedingung für das Auftreten bald dieser bald jener Empfindungs- Gattung und -Art hat hiemit der einheitliche „Körper" keineswegs eingebüsst. Nur freilich wird eine solche Betrachtung, welche neben der physikalischen auch die physiologische und die psychologische Seite des Gesammtphänomens und seiner ausserphänomenalen Bedin- gungen würdigt (— unter die letzteren, nicht unter die „Phänomene" selbst gehören ja auch die speeifischen Sinnes-Energien), den „Körper" nicht mehr sammt allen seinen phänomenalen Merkmalen für gleich- massig „real" halten; sondern indem nun alle direct empfundenen „Eigenschaften" als Empfindungsqualitäten erkannt sind, muss die erkenntnistheoretisch gewitzigte Betrachtung von dem „Körper", d. h. von Dem, was der Naive und auch noch der Physiker selbst den Körper nannte, einen ausgiebigen Betrag in Abzug bringen, um wenigstens ein „Ding an sich" des „Körpers" vor dem Aufgehen in subjeetiven Sinnesqualitäten zu retten. — „Ganz ohne Realitäten geht es nicht ab"*) — sagt P. Volkmann in seiner Akademie-Abhand- lung: „Denken und Sein in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis."
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 75 Und: „Der Begriff der Dinge an sich, welche hinter der Welt der Erscheinungen liegen, darf keine zu grosse Rolle in der Speculation übernehmen."*) Gewiss, es ist sogar durchaus räthlich, dass die Speculation über „Dinge an sich" gar keine Rolle spielt, während man etwa gerade mit dynamischen Grundgleichungen, Wärme- mischungen u. dgl. zu thun hat; es ist aber auch mehr als räthlich, dass diese Ametaphysik als schlichte Enthaltsamkeit nirgends den Weg von den Erscheinungen zu den echten Realitäten verschüttet. Und da trifft es sich glücklich, was speciell die Physik der Massen betrifft, dass das tolerante Wort „Ding" ebenso den Weg offen hält einerseits zum harmlos empirischen Begriff des Körpers, wie ander- seits zum unheimlich abstracten Begriff des D i n g e s an sich. Soll es überhaupt neben der Physik der Massen eine Metaphysik der Massen geben, so wird diese auch „hinter" den Massen so gut (oder dank der physikalisch constatirten Wiederkehr „derselben" Masse innerhalb verschiedener Phänomenenkreise sogar noch etwas besser) als hinter manchen anderen Erscheinungen ein dem Gramm-Körper entsprechendes Ding an sich suchen (hinter dem Kilogramm-Körper wahrscheinlich ein „anderes" Ding an sich — das man sich freilich noch lange nicht als aus 1000 „Gramm -Dingen-an-sich" bestehend denken darf). Und sie würde über diese Dinge an sich sogar noch etwas mehr als gar nichts auszusprechen wissen, nämlich wenigstens nicht weniger, als dass das „Ding an sich" des phänomenalen Gramm -Körpers auch noch nach der „kritischesten", wenn nur eben nicht rein idealistischen Betrachtung eine der realen Theilbedingungen für die jenem „empirischen" Gramm -Körper (im Unterschiede z. B. zu dem einen Kilogramm-Körper) eigenthümlichen physikalischen Erscheinungen sei. — Zusammenfassend also: Ich glaube, man könnte den physikalischen Begriff „Masse" so fassen, dass einerseits von der gegenwärtigen Ergänzung der Definition als „Quantität der Materie" mittelst der näheren Bestimmung, welches der mehreren an einem und demselbem Körper unterscheidbaren quan- titativen Merkmale gemeint sei — nämlich die Grösse der „Beharrung" oder die „Beschleunigungscapacität" —, nichts aufgegeben wird, und an- derseits doch auch dem strengsten physikalischen Denken gestattet bleibt, dem natürlichen Denken insofern nahe zu bleiben, als man zum genus proximum des Massenbegriff^s nicht „Eigenschaft" macht, sondern „Ding", und zwar „Körper" belässt. Man könnte dann von der in 76 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
der dynamischen Grundgleichung p = mg gemessenen Masse sagen: Eine Masse von 1 Gramm ist derjenige Körper, welcher unter der Spannung von 1 Dyn eine Be- schleunigung von 1 cm sec~2 („ein Accel") erhält; wobei unter „Dyn" die Einheit nicht für die „Kraft" im eigentlichen, ausser- phänomenalen Sinne, sondern im phänomenalen, also Dyn = S p a n - nungseinheit (tononomische Einheit), verstanden sein müsste. *) *) Da das Dyn selbst erst durch Berufung auf das Gramm definirt wird, so scheint für das absolute Maasssystem obige Definition eine arge Zirkeldefinition. Dennoch ist nicht nur durch obige Beschränkung des Begriffes „Dyn" auf Spannungen formell der Zirkel ausgeschlossen, sondern es entspricht sogar sachlich jene Definition im Grunde dem wirklichen, selbst durch das absolute Maass- system nicht ausser Kraft gesetzten Gedankengang, gemäss welchem wirklich der Spannungsbegriff logisch primär gegenüber dem Massen- begriff bleibt. Hierüber einstweilen nur soviel, dass nach dem oben (S. 35) über das Verhältnis kategorialer und phänomenaler Quanta Gesagten, vor allem auch bei der logischen Analyse aller Gedanken, die der Feststellung des Gramm als Masseneinheit vorausgehen, als das zu den phoronomischen Einheiten des cm und der sec sowie der Beschleunigungseinheit cmsec— 2 hinzukommende dritte Element, die tononomische Einheit, sich herausstellen würde. Wohl bemerkt, bei einer logischen Analyse: denn es wird Niemand physikalisch empfehlen, statt des Normalkörpers, dem Pariser Kilogramme prototype, der nicht minder im terrestrischen als im absoluten Maasssystem den Ausgangspunkt für alle dynamischen Grössenangaben bildet, etwa eine „Normalspirale" anzufertigen und aufzubewahren, welche, bei bestimmter Stahlsorte, Dicke, Länge, "Windungs- weite u. s. f. um ein Bestimmtes verlängert, die „Spannung 1" giebt. Aber gleichviel, ob wir von Elasticität oder von der handsameren Schwerkraft ausgehen — immer verlassen wir uns (kraft eines Gedankenganges, der als der eigentlich ge- meinte, wenn auch keineswegs immer deutlich ausgesprochene Sinn der Grund- gleichung der Dynamik p = mg unschwer explicite darzustellen wäre) darauf, dass zwei Körper, die uns der Mechaniker als geaichte Grammkörper verkauft, vor allem deshalb wirklich „gleiche Massen" darstellen, weil an ihnen „die- selbe Kraft" dieselbe Beschleunigung hervorbringen würde; oder phänomenal ausgedrückt: weil sie unter dieselben Spannungsverhältnisse gebracht, dieselben Beschleunigungen annehmen ( — wobei sich der Gedankengang allerdings überall dort noch mannigfach compliciert, wo uns, wie bei kosmischen Massen, nur die Beschleunigungs-, nicht die Spannungs- Verhältnisse mehr oder minder unmittelbar „wahrnehmbar" sind.)
Dass dieser Gedankengang, welchen ich schon in dem Aufsatze „Einige Bemerkungen über das C. S. G. - System im Unterricht" (Ztschr. für den physikalischen u. ehem. Unterr., Berlin, XI. Jahrg. 1898, S. 79) angedeutet habe und welchen ich für eine auf die phänomenalen Grundlagen des Massenbegriffes dringende psychologische und logische Analyse für unabweislich halte, auch physikalisch correct und insbesondere dem durch das absolute Maasssystem ge- sicherten Fortschritt nicht zuwider sei, dafür bürgt mir der wesentlich gleiche Nachwort zu Kant, m. Hauptstück: Mechanik. 77 Mit dieser Belassung der genus proximum „K ö r p e r" ist die tiefer gehende Aufgabe, innerhalb dieses Begriffes die phänomenalen Elemente gegen die kategorischen reinlich abzugrenzen und insbe- sondere der ersteren in erschöpfender psychologischer Analyse sich bewusst zu werden, keineswegs ausgeschlossen — nur ist eben diese Aufgabe nicht der Physik als solcher aufgebürdet, sondern sie wird ihr durch die Psychologie als solche und, was die kategorialen Elemente betrifft, durch die Erkenntnistheorie (Transcendentalphilo- sophie) und nötigenfalls durch die Metaphysik abzunehmen sein. — Die Physik als solche setzt in dieser Sache auf alle Fälle erst ein beim „Normalkörpe r", der ja in jedem Maasssystem, ob in einem altassyrischen oder römischen, ob im metrischen, neben den geometrischen und phoronomischen Einheiten für Länge und Zeit die Pforte zu den dynamischen Thatsachen bildet; u. zw. auch im metrischen System z. B. das Pariser Kilogramme prototype ganz gleicherweise, ob man von der sieht- und greifbaren „Thatsache" dieses Körpers aus sodann gedanklich den ersten Schritt zu einer Kraft -Einheit (auch das metrische System war ja anfänglich als ein terrestrisches, nicht als ein absolutes gedacht) oder zu einer Massen-Einheit thun will. Die psychologische Analyse derjenigen Gedanken, welche der Physiker denkt und denken muss, damit er fünfzig, hundert Jahre nach der Herstellung und Einführung jenes Normalkörpers den ihm als solchen vorgezeigten Platin-Iridium- Würfel als den echten, unbeschädigten anerkenne, führt ja freilich auf Vorstellungs- und Urteilselemente, die Gedankengang in MAXWELL's „Stoff und Bewegung", wie schon die Reihenfolge der Artikel des dritten Abschnittes „Kraft und Masse" zeigt, nämlich: In Art. XXXVII, XXXVIII und XXXIX zunächst Feststellungen über die eine „dynamische Ein- wirkung" [so übersetzt FLEISCHL „stress"] bei der gegenseitigen Einwirkung zweier Körper; sodann in Art. XL bis XLIV NEWTON's erstes und zweites Bewegungs- gesetz, sodann im Art. XLV „Definition der Begriffe „„Gleiche Massen und gleiche Kräfte"" zuerst „die Annahme, dass es möglich ist, die Kraft, welche zwischen zwei Körpern wirkt, zu verschiedenen Malen in gleicher Intensität herzustellen"; wobei diese Kraft durch die „Spannung" eines Kautschukstranges realisirt wird. Und hierauf erst in Art. XLVI: „Maass der M a a s s e". Also ist auch bei MAXWELL die Kraft primär gegenüber der Masse. — Ja selbst bei MACH's berühmter Massen- definition, welche die Kraft ganz auszuschalten scheint, indem sie sich nur an das Verhältnis der Beschleunigungen q>t und y1 hält und definirt — - — -, ist die m2 <pi stillschweigende Voraussetzung, dass es eine und dieselbe Kraft sei, mit welcher mt auf m2 und m2 auf ml einwirkt (z. B. beim Kreisen zweier Massen umeinander); wie dies nach MACH eben durch das Gegenwirkungsprincip, zu dem so der Massenbegriff in nächste Beziehung gesetzt ist, gewährleistet wird.
7 g Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
eine an's Komische streifende Mannigfaltigkeit und Complication auf- weisen: z. B. ob in der Zwischenzeit der Körper wirklich durch ver- lässliche Schlüssel, Diener u. s. f. so sicher aufbewahrt gewesen sei, dass nichts vom Platin habe abgeschabt werden können; oder näher- liegende: ob nicht Schmutzflecke von wägbarer Masse sich auf dem Körper zeigen, ob sonst chemisch noch alles an ihm in Ordnung sei, was weiterhin auf die Gedanken der möglichen chemischen Reagentien führt; ebenso auf die der Thermometer, Barometer für die Reductionen auf den luftleeren Baum u. dgl. m. — So sähe die rein phäno- menalistische Summirung aller „Empfindungs"- und sonstigen psychischen Elemente aus, aus denen sich die Vorstellung vom Normal- körper als solche zusammensetzt. Ob aber dieser — genauer: sein „Ding an sich" — nicht doch selber noch etwas vor, während und ausserhalb dieser Gedanken und ohne diese — „ist"?
Zum Trägheitsgesetz. „Alle Veränderung der Materie hat eine äussere Ursache" (S. 82). Zu dieser Formulirung, welche Kant dem Trägheitsgesetz giebt, ist vor allem zu bemerken, dass die unmittelbar folgende nach Newton, welche durch die Klammern den Anschein einer ihr gleich- wertigen, höchstens sie näher erläutern sollenden erhält, jener ersteren gewiss nicht inhaltsgleich ist. Es ist in dem alten und, wie wir sehen werden, heute noch nicht ausgetragenen Streite um die erkenntnistheoretische Bolle des Trägheitsgesetzes, insbesondere um sein Verhältnis zum Causalgesetz, oft und mit zweifellosem Rechte hervorgehoben worden, dass der sehr abstracte Begriff „Ver- änderung (der Materie)" nie errathen liesse, dass es sich just um das „Verändern" der zwei ganz bestimmten Merkmale einer Be- wegung: Geschwindigkeit und Richtung, handle. Vollends mit der Auslegung aber, welche Kant in der Anmerkung S. 83 seinem Begriff der Trägheit giebt, wonach diese die „L e b 1 o s i g k e i t" der Materie besage: „Alle Materie ist als solche leblos. Das sagt der Satz der Trägheit und nicht mehr", wüsste die gegen- wärtige Physik wohl überhaupt kaum mehr etwas anzufangen. Gewiss stand es Kant frei, diesen Satz als sein Trägheitsgesetz zu be- zeichnen; es stand ihm aber nicht zu, durch jene Beifügung in Klammern den Schein zu erwecken, als habe dann jenes KANT'sche mit dem Newton» sehen Gesetz noch irgend etwas zu schaffen. — Nicht immer scheint man bei dem oft rühmend citirten Satz (S. 83): „Auf dem Gesetz der Trägheit.. beruht die Möglichkeit einer Nachwort zu Kant, III. Hauptstück:Mechanik. 79 eigentlichen Naturwissenschaft ganz und gar", dieser Incongruenz des KANT'schen und des physikalischen Sinnes sich bewusst geblieben zu sein.
Was den Beweis, welchen Kant für sein Trägheitsgesetz giebt, betrifft, so liegt sein Nerv ganz in dem Satze: „Die Materie hat keine schlechthin inneren Bestimmungen und Bestimmungs- gründe." Der Beweis aus diesem Satze wäre dann freilich nicht nur ein apriorischer, sondern der Satz würde ein analytisches*) Urteil a priori, wogegen nach Kant's Absicht die „reine Natur- wissenschaft" so gut wie die Mathematik aus synthetischen Urtheilen a priori zu bestehen hätte. Aber sogar wenn sich diese Incongruenz zwischen dem von Kant Gewollten und Erreichten sollte weginterpretiren lassen, so ist doch sicher, dass sich wieder das von Kant als dem seinigen angeblich äquivalent eingeschobene Newton' sehe Gesetz der Erhaltung von Richtung und Geschwindigkeit aus dem blossen Begriffe „innere Bestimmung und Bestimmungsgründe" u. dgl. — sogar wenn man nicht schon den Begriff „Inneres" beanstandet — auf keine Art bloss logisch, „analytisch" oder sonst irgendwie a priori ableiten lässt.
Nicht uninteressant dürfte es sein und dem Philosophen in den Augen der Physiker vielleicht zur Entschuldigung gereichen, dass auch Maxwell (Stoff und Bewegung Art. XVI) für eine ähnliche Wendung bei Descartes immerhin nicht nur Worte der Entschuldigung, sondern sogar des Lobes findet. Es heisst daselbst: „In ganz klarer Weise verkündet Caetesius die Haupteigenschaft der Materie in seinem „„Ersten Gesetz der Natur"" (Princip., II, 37): „„Dass jedes einzelne Ding, soweit es an ihm liegt, in seinem Zustande verharrt, sei es nun in Euhe oder in Bewegung"". — Wir [Maxwell] werden bei Besprechung von Newton's Bewegungsgesetzen sehen, dass in den Worten: „soweit es an ihm liegt", die wirkliche Haupteigen- schaft der Materie und das wahre Maass ihrer Menge ausgedrückt ist. Cartesius jedoch gelangte nie zu einem vollen Verständnis seiner eigenen Worte (quantum in se est) und verfiel wieder in seine ursprüngliche Verwechslung von Materie und Kaum." — Hier steht das „soweit es an ihm liegt" (so far as in it lies) dem KANT'schen Begriffe der „inneren Bestimmungsgründe" jedenfalls nicht allzu ferne.
*) Noch um einen Grad schlimmer — und dann freilich so schlimm als möglich — stünde es um KANT's Trägheitsgesetz und seinen Beweis, wenn dieser — „das „„Trägheitsgesetz"" vielmehr voraussetzt"; wie POSKE in der unten (S. 84 tf.) eingehend zu besprechenden Abhandlung findet, ib. S. 386.
gO Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Aber auch in demjenigen, was für uns hier die Hauptsache sein muss, nämlich in der Frage, ob und inwieweit das (so correct als möglich formulirte) Trägheitsgesetz überhaupt dem Apriori zugänglich ist, ist gerade Maxwell's Stellung zum Träg- heitsgesetze eine in mehreren Beziehungen höchst lehrreiche. Maxwell legt seiner Darstellung die Formulirungen der drei leges motus von Newton zu Grunde (erst später in Artikel LXV gibt er „eine präcisere Fassung des ersten und zweiten Bewegungsgesetzes" auf Grund des Begriffes „Massenmittelpunkt"). — Wir müssen Maxwell's Fassung im Wortlaute anführen, da genau an ihn sich die Entscheidung zu halten haben wird, inwieweit Maxwell ein apriorisches Trägheits- gesetz gelehrt hat: „Art. XLI. Das erste Gesetz der Bewegung. — 1. Gesetz: Jeder Körper verharrt in seinem Zustande von Ruhe oder von geradliniger gleichfömiger Be- wegung; ausser wenn er durch äussere Kräfte zu einerVeränderungdiesesZustandes veranlasst wird.
„Der experimentelle Nachweis der Wahrheit dieses Gesetzes liegt darin, dass wir jedesmal, wenn wir einer Veränderung in dem Be- wegungszustande eines Körpers begegnen, diese Veränderung auf irgendeine Wirkung zwischen jenem Körper und einem anderen, das heisst auf eine äussere Kraft zurückführen können. Das Vorhandensein dieser Wirkung wird angezeigt durch ihren Effect auf den anderen Körper, wenn die Bewegung jenes anderen Körpers der Beobachtung zugänglich ist. So wird die Bewegung einer Kanonenkugel verzögert, aber das kommt von der Wirkung zwischen dem Projectil und der umgebenden Luft; hiedurch erfährt die Kugel die Einwirkung einer Kraft in der ihrer relativen Bewegung entgegengesetzten Richtung, während die Luft, durch eine grosse Kraft vorwärts gestossen, selbst in Bewegung geräth und das bildet, was man den Wind der Kanonen- kugel nennt.
„Unsere Ueberzeugung von der Richtigkeit dieses Gesetzes wird jedoch noch wesentlich verstärkt durch die Betrachtung dessen, was eine Verneinung desselben involviren würde. Es sei gegeben ein in Bewegung befindlicher Körper. In einem gegebenen Momente sei er sich selbst überlassen, und es werde von keiner Kraft auf ihn gewirkt. Was wird geschehen? Nach Newton's Gesetz wird der Körper in gleichförmiger geradliniger Bewegung verharren, das heisst, seine Geschwindigkeit wird an Richtung und Grösse constant bleiben.
„Nun wollen wir aber die Voraussetzung machen, dass die Ge- schwindigkeit unter den gegebenen Bedingungen nicht constant bleibe, Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 81 sondern dass sie sich ändere. Die Veränderung der Geschwindigkeit muss, wie wir in Artikel XXXI sahen, eine bestimmte Richtung und Grösse haben. Nach dem Grundsatze des Art. XIX muss die Ver- änderung aber die nämliche sein, zu welcher Zeit und an welchem Orte auch das Experiment ausgeführt wird. Die Richtung der Ver- änderung der Bewegung muss deshalb bestimmt sein, entweder durch die Richtung der Bewegung selbst, oder durch irgend eine in dem Körper feste Richtung.
„Nun wollen wir, für den ersten von diesen beiden Fällen, die Annahme machen, das Gesetz sei, dass die Geschwindigkeit nach einem gewissen Maasse abnehme, und dieses Maass wollen wir zu Gunsten der Einwendung als so klein voraussetzen, dass wir durch keinerlei Versuche an sich bewegenden Körpern die Abnahme der Geschwindigkeit in Hunderten von Jahren entdecken könnten.
„Die Geschwindigkeit, von der dieses hypothetische Gesetz spricht, kann nur eine auf einen in absoluter Ruhe befindlichen Punkt bezogene Geschwindigkeit sein. Denn wenn dieselbe eine relative Geschwindig- keit wäre, so hinge sie an Richtung sowohl wie an Grösse von der Geschwindigkeit des Vergleichspunktes ab.
„Wenn der Körper, bezogen auf einen gewissen Punkt, sich nord- wärts mit abnehmender Geschwindigkeit zu bewegen scheint, so brauchen wir ihn bloss auf einen anderen Punkt zu beziehen, der sich selbst mit einer gleichförmigen Geschwindigkeit, die grösser ist als die des Körpers, nordwärts bewegt, und es wird den Anschein haben, als bewege sich der Körper südwärts mit stets wachsender Geschwindigkeit.
„Demnach ist das hypothetische Gesetz ohne irgend eine bestimmte Bedeutung, ausser wir geben die Möglichkeit zu, absolute Ruhe und absolute Geschwindigkeit zu definiren. Aber selbst wenn wir diese Möglichkeit zugeben, und selbst wenn sich jenes hypothetische Gesetz als richtig herausstellte, so würde dasselbe doch nicht als ein Gegen- satz zu Newton's Gesetz aufzufassen sein, sondern als Merkmal der widerstehenden Wirkung irgend eines Mittels im Räume.
„Nehmen wir einen anderen Fall. Das Gesetz sei, dass ein Körper, auf den keine Kraft einwirkt, sofort aufhöre sich zu bewegen. Solches wird nicht allein durch die Erfahrung widerlegt, sondern es führt auch zu einer Definition der absoluten Ruhe als desjenigen Zustandes, den ein Körper einnimmt, sobald er von der Einwirkung äusserer Kräfte frei wird.
„Auf diese Weise kann man zeigen, dass die Verneinung von 6 g2 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Newton's Gesetz in Widerspruch steht mit der einzigen vernünftigen Lehre von Raum und Zeit, welche der menschliche Geist jemals aus- zudenken imstande war."
Wie man sieht, hält Maxwell sowohl einen experimentellen Beweis wie einen Apriorlbeweis des Trägheitsgesetzes für möglich. Maxweli/s Darstellung eignet sich also gut dazu, das Principielle der verschiedenen Ansichten über Möglichkeit und Art solcher Beweise einer erneuten Prüfung anzuempfehlen.
A. Zu Maxwell's „experimentellemNachweis {The experi- mentell argument)". — Gegen alle Bemühungen um einen experimentellen Beweis wurde in mancherlei Wendungen das Bedenken erhoben, dass ein solcher Nachweis schon deshalb unmöglich sei, weil das angebliche Ergebnis von Experimenten zuletzt doch immer nur auf einen logischen Zirkel hinauslaufe. In specieller Form richtet sich dieses Bedenken gegen den Begriff des „Bewegungshindernisses", in allgemeinerer Form gegen den Begriif der „Kraft" überhaupt. Denn eine solche werde überall dort angenommen, wo ein Körper Ab- weichungen von der geradlinig gleichförmigen — oder wie wir kurz sagen wollen, Abweichungen von der „constanten Bewegung"*), sei es von der Constanz der Geschwindigkeit oder der der Richtung aufweist; *) Der von STREINTZ (s. u. S. 135 ff.) vorgeschlagene und mehrfach ange- nommene Ausdruck „Galileische Bewegung" präjudicirt der von WOHLWILL (s. u. S. 105) angeregten Streitfrage, ob GALILEI • das Trägheitsgesetz für alle gleichförmig geradlinigen Bewegungen oder nur für die auf wagrechten Ebenen nächst der Erdoberfläche deutlich erkannt habe. Aber auch wenn man sich WOHL WILL's Auslegung nicht ganz anschliessen will, wird sich für feinere logische Unterscheidungen der Vorschlag STREINTZ' nicht durchaus empfehlen, weil der Ausdruck „Galileische Bewegung" nicht erkennen lässt, ob er auf GALILEf s rein phoronomische Bestimmungen der gleichförmigen Bewegungen (zu Beginn des Dritten Tages der Discorsi, OSTWALD's Classiker Nr. 24, S. 4—9) oder auf GALILEI's dynamische Bevorzugung dieser Bewegungen als derjenigen, welche beim Wegfall aller Kräfte eintreten, bezogen werden solle. — Auch der Aus- druck „constante Bewegung" ist freilich für sich nicht eindeutig, weil „constant" als ein wesentlich negativer Begriff bei allen seinen Anwendungen erst der ausdrücklichen positiven Angabe bedarf, welche besondere Art von „Veränderungen" oder „Veränderlichkeit" abgewiesen sein soll (vgl. Anm. S. 128). Es sei also hier aus- drücklich festgestellt, dass „constante Bewegung" in der oben vorgeschlagenen Verwendung statt „Galileische Bewegung" nicht mehr und nicht weniger an Merkmalen enthalten soll, als die rein phoronomischen einer geradlinigen Bahn und gleicher Wegstrecken längs dieser Bahn binnen gleichen Zeiten.
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. g3 und dass dann, wenn keine Kräfte vorhanden sind, auch keine solchen Abweichungen eintreten, sei natürlich ein blosser logischer Zirkel.*) Ich gestehe, dass es mich immer wundert, wenn ich mit so über- aus primitiven logischen Waffen Sätze bekämpft sehe, an welchen denn doch von den Millionen, die sie geglaubt haben, mehr als nur ab und zu Einer ihre ganze Lächerlichkeit verspürt haben müsste: denn wäre der Zirkel wirklich vorhanden, so wäre er ja kaum ein „versteckter", sondern ein so plumper, als ihn sich irgend eine Schul- logik nur immer als warnendes Beispiel ausdenken könnte. Schon aus solchen ganz summarischen Wahrscheinlichkeitserwägungen ergiebt sich vielmehr die Vermuthung, dass, wenn ja ab und zu die Formu- lirungen der beiden (in ihrer physikalischen Anwendung nachmals jedenfalls als correlativ sich herausstellenden) Begriffe „Trägheit" und „Kraft" sich Blossen gegeben haben sollten, diese eben nur in den Formulirungen, nicht in den zu formulirenden Gedanken gelegen sein mochten.
Um auch jeden Schein eines logischen Zirkels bei Formulirung des Trägheitsgesetzes zu vermeiden, wird schon die Schilderung der „Experimente", welche auf das Trägheitsgesetz als empirische That- sache führen, so gegeben werden müssen: Erstens muss ein rein descriptiver Unterschied zwischen den Bewegungen, die erst nachmals als „ohne Kräfte" und als „mit Kräften" erfolgend einander gegenübergestellt werden sollen, formulirt worden sein. Unzählige rein phoronomische Gegenüberstellungen sind hier gleich gut denkbar: die der constanten und der inconstanten Bewegungen im obigen Sinne; die der gleichförmigen Bewegungen im Kreise (kurz Kreisungen), welcher das Alterthum und noch Koper- nikus die himmlischen Bewegungen allein würdig glaubten — im contradictorischen Gegensatz zu allen übrigen Bewegungen ( — der terminologische Gegensatz der „natürlichen" und „gezwungenen" Be- wegungen geht schon wieder nicht auf ein rein phoronomisches, sondern auf ein dynamisches Merkmal).
Zweitens muss dann ein Kraft begriff formulirt sein, der zunächst von so abstractem Inhalt und allgemeinem Umfang ist, dass er von den concreten Anwendungen, die er nachmals finden soll, also unter *) Dieser Vorwuif ist neuestens wieder mit besonderem Nachdrucke erhoben worden von JOHANNESSON: „Das Beharrungsgesetz" (Jahresbericht des Sophien- Realgymnasiums in Berlin, Ostern 1896). — Vgl. unten S. 159, Anm. über POSKE's Anzeige dieser Abhandlung.
6* g4 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
anderem auch von dem Begriff einer constanten und einer nicht constanten Bewegung, logisch noch ganz unabhängig ist.
Drittens werden dann die beiden für sich festgestellten Begriffe auf Grund der „Experimente" in Beziehung gesetzt, in einem Ur- teil, eben dem Trägheits- Gesetze, verbunden; und ob diese Beziehung, welche, weil in ihr der Kraftbegriff vorkommt, jedenfalls eine Causalbeziehung ist, mit Recht behauptet werde, kann nur auf Grund einer correcten Theorie der Causalurteile als solcher entschieden werden, sofern man überhaupt von dem erkenntnis- praktischen Forum des physikalischen Denkens an das erkenntniss- theoretische appelliren will.
Zum Glück lässt sich dieses Programm in unserem concreten Fall des Trägheitsgesetzes auch ohne kunstvolle Erkenntnistheorien durchführen und ist auch längst durchgeführt. Wenn wir den Schul- knaben die Beispiele vom Schlitten auf rauher Strasse, auf glatter Schneebahn und auf sehr harter, glatter Eisbahn vorführen, oder die von der Kegelkugel auf einer schlecht und auf einer gut gestampften Kegelbahn u. ß, f., so würden gewiss schon die Kinder den logischen Zirkel merken, wenn einer vorhanden wäre. Fassen wir aber auch nur das, was hier beim Schulknaben erkenntnispraktisch vorgeht, in voller abstracter, theoretischer Schärfe, so nimmt die Durchführung des obigen Programmes folgende Gestalt an: