Die Eisbahn, die glatte harte Kegelbahn sind Annäherungen an jenes Ideal, welches Galilei in seiner klassischen Formulirung: „Mobile quoddam super planum horizontale proiecium mente concipio omni secluso impedimento.." durch die Worte „mente concipioil als ein blosses Ideal charakterisirt hat. Es hat auf diesen Ideal-Charakter insbesondere Poske in seiner unten noch eingehend zu besprechenden Abhandlung *) mit grösstem Nachdruck hingewiesen. Es sei nun aber für den Augenblick gestattet, von dem ohnedies gar nicht anders zu erwartenden Umstände, dass physikalische Experimente keine mathe- matische Genauigkeit geben können, noch abzusehen, und dort, wo von experimentellen Annäherungen an die Constanz der Be- wegung einerseits, an das Wegfallen der Hindernisse andererseits gesprochen werden sollte, volle Constanz und volle Freiheit von Hindernissen vorläufig zu fingiren (wir werden diese Fiction von *) Der empirische Ursprung und die Allgemeingültigkeit des Beharrungs- gesetzes. Vierteljahrschrift für wiss. Philos. VIII. Jahrg. 1884, S. 385—404. (Mit einer Zusatz-Bemerkung von WüNDT, 405—406).
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 85 S. 91 an wieder aufheben). Dann wäre die oben zuerst verlangte reine Beschreibung im „experimentellen Argument" so zu geben: Wir beobachten einen Körper, der sich in einer „Umgebung" (Höcker auf der Eisbahn, Kies oder Sand auf der Kegelbahn u. dgl.), und dann einen Körper mit demselben Anfangszustande von Ge- schwindigkeit und Richtung, der sich „ohneUmgebung" bewegt; also letzlich im „leeren Weltraum14, wie er für die allgemeine, nicht nur terrestrische Formulirung des Trägheitsgesetzes immer vorausgesetzt, oder besser: fingirt werden muss. Hiebei ist es dann „Beobachtungs"- Thatsache, d. h. eine von Auslegungen mittelst Kraft- und sonstigen Causalbegriffen noch ganz freie, descriptive Zuordnung zweier Reihen von Phänomenen, dass die ersteren Bewegungen Verzögerung zeigen, die letzteren nicht. — Es sei nur im Interesse der die Schwierigkeiten trennenden Darstellung erlaubt, gegen den hiermit in die Betrachtung hereingezogenen Begriff des „leeren Raumes" (und des „absoluten Raumes"), mit welchen Begriffen freilich unser Begriff der „Umgebungs- losigkeit" steht und fiele, uns einstweilen noch naiv zu stellen; seiner Erörterung wird ohnedies das ganze Vierte Hauptstück (S. 120 ff) gewidmet sein.
Soll nun zweitens auf diese experimentelle Thatsache der Kraft- begriff angewendet werden, so wird nach dem, was gelegentlich des vorigen Hauptstückes (S. 28 ff.) als Definition und zur Verteidigung des Kraftbegriffes gesagt wurde, nicht etwa noch einmal ein neues „Experiment" darüber anzustellen sein, ob und welche Teile der „Umgebung" (Eishöcker, Sand; bei nicht wagrechten Bewegungen die Erde — dagegen nicht der Fixsternhimmel, nicht der Zu- schauer u. s. f.) als diejenigen „Kräfte" ausübend gelten dürfen, aus welchen wir uns den descriptiven Unterschied der Gleichförmigkeit und Ungleichförmigkeit „erklären". Sondern nach den obigen aus- führlichen Erörterungen (S. 50) ist hier wie bei jeder anderen In- duction die „Regelmässigkei t", mit welcher dem Vorhandensein, bzw. Fehlen eines beschreibbaren Bestandteiles der „Umgebung" das descriptive Merkmal „Inconstanz, bzw. Constanz" der Bewegung „zugeordnet" ist, auch schon der nothwendige und ausreichende Er- kenntnisgrund dafür, dass diese Zuordnung nicht nur eine „regel- mässige", sondern dass sie eine „nothwendige" sei: womit eben der C a u s a 1 b e g r i f f in Anwendung getreten ist.*) Und weil, wenn *) Die hier auseinander gehaltenen Stadien des „experimentellen" Gedanken- ganges sind kurz zusammengefasst, aber doch noch deutlich ersichtlich in der Formulierung von POSKE (a. a. 0. S. 392): „So oft an einem Körper eine Abgß Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
wir einmal wissen, dass die Höcker, der Sand die Verzögerung „bewirken", wir dennoch gemäss Hume's negativer These nicht „wahrnehmen4', wie sie wirken, und doch guten Grund haben, überzeugt zu sein, dass sie, wenn nur alle Teilbedingungen bei- sammen sind, wirken werden, so sagen und glauben wir, dass es zwischen ihnen und dem Schlitten oder der Kugel „Kräfte", Kraft- relationen gebe. — Ich glaube nicht, dass diese Auseinanderlegung des Gedankenganges noch irgendwo offene oder versteckte Zirkel auf- weisen werde.
Zugleich mit dieser Feststellung des sachlichen Verhältnisses zwischen dem phoronomischen Grund-Begriffe der constanten Be- wegung und dem dynamischen der Trägheit ist auch die im Zweiten Hauptstück (S. 28) noch offen gebliebene Frage beantwortet, ob die Correlation des Kraft -Begriffes speciell zur Beschleunigung (nicht überhaupt zur „Bewegung", wie man es in laxer Ausdrucks- weise noch immer lesen kann) logisch genommen die Beschleunigung zu einem constitutiven oder nur einem empirisch conse- cutiven Merkmal des Kraftbegriffes stemple. Die Antwort lautet nämlich jetzt: nicht constitutiv — das gäbe ja eben den logischen Cirkel; sondern consecutiv, u. zw. em- pirisch consecutiv, insoweit es nach dem Dargelegten der Erfahrung bedarf, welche lehrt, dass es von allen denkbaren Merk- malen*) der Bewegung nur die Beschleunigung ist, für die weichung von der gleichförmig-geradlinigen Bewegung beobachtet wurde, ist es bisher stets gelungen, einen zweiten Körper aufzufinden, dessen Existenz, Lagen- und Geschwindigkeitsverhältnisse sich als nothwendige Bedingung jener Ab- weichung ansehen lassen." POSKE stellt dies als eine genauere Formulirung der von WERNICKE gegenüber, welcher den „Satz der Trägheit" auf das „Thatsächliche" zurückführt: „Ein Körper, der in Bezug auf einen anderen eine bestimmte Be- wegung ausführt, beziehungsweise in Ruhe ist, tritt nur dann in einen anderen Bewegungszustand ein, wenn andere Vorgänge dies bedingen." Die principielle Möglichkeit eines experimentellen Nachweises zieht also keine der beiden Formu- lirungen in Frage.
*) Ein Gegenbeispiel bildet die vorgalileische Ansicht von dem Ort nahe oder fern der Erdoberfläche, bzw. dem Erdmittelpunkt, welche die schweren, bzw. leichten Körper „suchen" sollen. Hier haben sich eben ausnahmslose Gesetzmässig- keiten zwischen Ort und Umgebung nicht aufstellen lassen, z. B. Rauch steigt nicht immer empor, sondern sinkt auch.
Für die hier dargelegten feineren Begriffsverhältnisse giebt auch MACH's Terminologie willkommenes Zeugnis. Z. B. „Dass die bewegungsbestimmenden Umstände (Kräfte) Beschleunigungen bestimmen, ist durchaus nicht selbstver- ständlich" (Mech. III, S. 134). „.. Das Trägheitsgesetz (ist).. in der Galileischen Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 87 sich gesetzmässige Beziehungen zur „Umgebung" überhaupt auffinden lassen. — Daneben hat natürlich auch an dem alsbald (S.91) zu entwickeln- den apriorischen Complement zum empirischen Nachweis des Trägheitsgesetzes die Correlation des Beschleunigungs- zum Kraft- begriff in demselben Maasse Teil, wie die Correlation von cons tanter Bewegung und Trägheit.
Es erübrigen nach dem Maassstabe vorstehender Analyse einige wenige kritische Bemerkungen gegen den Wortlaut, wie Maxwell den „experimentellen Nachweis" des Trägheitsgesetzes schildert. Experi- mentell ist überhaupt nur die Aufzeigung des „anderen Körpers", d. h. irgend eines Complexes sinnlicher Phänomene, wie wir sie oben als „Umgebung" bezeichnet haben; nicht aber kann natürlich dieser Körper als „wirkend" und noch weniger können seine „äusseren Kräfte"*) durch das Experiment als solches aufgezeigt werden. — Eine Anschauung, dass alle bewegungsbestimmenden Umstände (Kräfte) Beschleunigungen setzen, schon mitenthalten".. (ib. S. 135). — Wir müssten hienach an „bewegungs- bestimmende Umstände = Kräfte" auch dann glauben, wenn wir irgend ein anderes Merkmal als gerade nur die Beschleunigung ersteren gesetzmässig zugeordnet sähen. — Diese Uebereinstimmung zwischen MACH's und meiner Auffassung wird nicht berührt durch die oben (S. 41 ff.) als erkenntnistheoretisch fundamental an- gedeutete Verschiedenheit, dass MACH alle Abhängigkeit, alles „Bestimmtsein" eines y von einem x, nach dem Typus mathematischer Functionen fassen zu können glaubt, also das, was man sonst Realgrund, Causation nennt, unter das, was SCHOPENHAUER Seinsgrund (d. h. eben Abhängigkeit raumlich-zeitlicher Elemente) heisst, zu subsumieren versucht.
*) Es wäre denn, dass hier „Kräfte" wieder nicht im eigentlichen, ausser- phänomenalen Sinne, sondern in dem phänomenalen der Spannungen (vgl. oben, S. 33 ff.) gemeint wäre. Dann Hesse sich auch das Trägheitsgesetz als ein rein descriptives aussprechen: Wo Beschleunigung, da Spannung; und: Wo keine Spannung, da keine Beschleunigung. Die causale Ausdeutung bliebe dann eine nach Belieben zu gebende oder wegzulassende Zugabe zum phänomenalen Thatbestand ( — ähnlich wie die Formulierung „Das gleich- seitige Dreieck muss gleichwinkelig sein" gegenüber „Das gls. Dr. ist glw.u in dem Beispiel S. 41 Anm.). — Eine solche causallose Fassung des Trägheitsgesetzes ist aber weder von MAXWELL als Ziel seines „experimentellen Beweises" beab- sichtigt (— das der Inconstanz der Bewegung einer Kanonenkugel zugeordnete phänomenale Datum, „der Wind der Kanonenkugel", ist ja zunächst selbst wieder eine Bewegungserscheinung, wenn wir auch nebenbei diesen Wind „spüren", d. h. in Druck- und Spannungsempfindungen wahrnehmen können); noch auch es ist bekanntlich bisher möglich gewesen, bei den Kraftwirkungen z. B. der kosmischen Schwere neben den Centralbeschleunigungen auch Spannungen für die Beobach- tungen nachzuweisen (— eben solche beobachtbare oder doch erschliessbare Spannungen eines Mediums zwischen den Weltkörpern wären ja gefordert, um auch bei der kosmischen Schwere die „Fernwirkung" ebenso los zu sein, wie heute schon bei elektrischen und magnetischen Kräften).
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andere schwache Stelle ist die, dass „das Vorhandensein dieser Wirkung angezeigt werde — nur? — durch ihren Effect auf den anderen Körper". Wer den Begriff des Wirkens und der Kraft a limine leugnet, würde natürlich ebensowenig eine „Wirkung auf den anderen Körper" zuzugeben brauchen, als er die Wirkung zugibt, die dieser „andere" auf den ersten, d. h. auf den in der Constanz seiner Bewegung behinderten, ausüben soll oder nicht soll. Es kommt noch dazu der Nachsatz: „wenn die Bewegung jenes anderen Körpers der Beobachtung zugänglich ist". Freund und Feind der Causalität werden hier fragen: Und wie, wenn nun die Bewegung des anderen Körpers der Beobachtung nicht zugänglich ist?*) Die Antwort auf diese scheinbar verfängliche Frage lautet im Sinne Maxweli/s: Wenn und weil genug Fälle vorausgegangen sind, in denen sich zu Abweichungen von der Richtung und Geschwindigkeit „andere Körper" und Be- wegungen dieser anderen Körper haben aufzeigen lassen, so giebt das nach der „Uebereinstimmungsmethode" der Induction eine (bekanntlich verhältnismässig nicht sehr grosse) Wahrscheinlichkeit, dass es solche Körper auch in allen Fällen geben werde, wo sie nicht zu beobachten sind. Es hätte hinzugefügt werden können, dass das bisher wenigstens eine inductio sine instantia contraria **) gewesen sei, denn es wird in der *) In obiger logischer Erwägung ist von der physikalischen Möglichkeit ganz abgesehen, dass der die Inconstanz der Bewegung eines Körpers herbei- führende andere Körper hiebei und hiedurch in Folge eingetretener Gleichgewichts- Bedingungen nicht in „Bewegung" geräth. Beispiel: ein Planetensystem, be- stehend aus zwei Planeten von gleichen Massen m und m mit antiparallelen Geschwindigkeiten und im Mittelpunkte dieses centrisch-sym metrischen Systemes eine Sonne von der Masse M. Diese Sonne „wirkt" dann auf die beiden Planeten (auch diese wirken auf einander, was uns aber hier nichts angeht) richtungs- (und bei nicht kreisförmigen Bahnen im Allgemeinen auch geschwindigkeits-) ändernd — sie selbst aber, der wirkende Körper, erhält hiebei keinerlei Bewegung.
**) In ganz anderer Richtung freilich rührt diese an sich gewiss nicht unbe- scheidene formale Forderung des „sine instantia contraria11 an eines der heikelsten sachlichen Probleme: Ob ein Causirtwerden des Physischen (hier der Richtung und Geschwindigkeit eines materiellen Punktes) wirklich nur wieder von Physischem (hier einem Körper, u. zw. einem in der Regel sich bewegenden Körper) ausgehen könne. Für die Physik als solche ist das Ja freilich ein oberstes Dogma; denn Causalbeziehungen zwischen Physischem und Psychischem, also Nicht-Physischem, wären eben nicht mehr Physik. Nur ist.klar, dass jede Con- sequenz aus einem solchen Dogma diesmal wirklich nur ein offener logischer Zirkel wäre; denn Physik ist schon von vornherein als eine Wissenschaft definirt, welche, wenn überhaupt mit Causalbeziehungen, so n u r mit solchen zu thun hat, deren beide Glieder physisch sind. Aber durch die Definition des Gegen- standes einer Wissenschaft kann die Existenzberechtigung anderer Wissenschaften» Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 89 That Niemand behaupten wollen, Abweichungen von der Constanz der Geschwindigkeit und der Richtung einer Bewegung „beobachtet" zu haben, bei welchen — sei es durch „Beobachtung", sei es durch Schlüsse — nachgewiesen habe werden können, dass es für sie descriptive Daten der „Umgebung" nicht gebe ( — dies nicht zu ver- wechseln mit den denkbaren Fällen, dass solche Zuordnung zur „Umgebung" nur noch nicht habe nachgewiesen werden können; es wären dies die Fälle, in denen dem bis dahin empirisch bewährten Trägheitsgesetz zulieb auf einen direct nicht aufzeigbaren „Aether" u. dgl. geschlossen wird; also der auch von Maxwell angeführte und unten, S. 156, noch näher zu erörternde Fall).
Nachdem durch das Bisherige der auch von Maxwell geteilte Glaube an die Möglichkeit des experimentellen Nachweises des Träg- heitsgesetzes gegen den Vorwurf eines logischen Zirkels im Ganzen hoffentlich ausreichend geschützt ist, erübrigen wenige Worte über B. Maxwell's Aprioribeweis für das Trägheitsgesetz. — Ein solcher ist es ja, wenn er sagt: „Unsere Ueberzeugung von der Richtigkeit dieses Gesetzes wird noch wesentlich verstärkt durch die Betrachtung dessen, was eine Verneinung desselben involviren würde." Hier wird uns ja geradezu ein indirecter Beweis, eine „reductio ad absurdum", versprochen. Genau genommen wäre dies nun zwar freilich noch nicht gleichbedeutend mit einem rein apriorischen Beweis; denn wird derjenige Satz, mit dem die Leugnung des zu Beweisenden unverträglich sein soll, selbst nur als ein empirischer angesprochen so ist auch der indirect bewiesene Satz schliesslich doch nur empirisch bewiesen. Zu Ende des Artikels aber sagt Maxwell: „Auf diese Weise kann man zeigen, dass die Verneinung von Newton's Gesetz in Widerspruch steht mit der einzigen vernünftigen Lehre von Raum die sich auch um andersartige Causalbeziehungen kümmern, natürlich nicht wider- legt sein.
Ueber das Problem, ob Causalbeziehung zwischen Physischem und Psychischem mit unseren gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Einsichten überhaupt auch nur verträglich sei oder nicht, und ob alles in allem die Inconvenienzen aus der Annahme oder aus der Ablehnung solcher Causalbeziehungen die härteren seien, vgl. STUMPFE Eröffnungsrede des Münchner Psychologencongresses von 1896; ferner meine Psychologie § 17, auch die Sonderausgabe dieses Paragraphen: „Die meta- physischen Theorien von den Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Leib und Seele. Einige Fragen an die Monisten" (Wien, Tempsky, 1897); daselbst S. 49 [S. 20] BOLTZMANN's Aeusserungen, welche eine solche „Einwirkung" als wenigstens mit dem Energieprincip nicht unverträglich darstellen.
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und Zeit, welche der menschliche Geist auszudenken imstande war." Dieses Gesetz aber ist das in „Artikel XIX, Aufstellung des allge- meinen Grundsatzes der Physik" so formulirte: „Der Unterschied zwischen zwei Ereignissen hängt nicht ab von dem reinen Unter- schiede der Zeiten oder der Orte, in denen und an denen sie stattfinden, sondern nur von Unterschieden in dem Wesen, der Configuration oder der Bewegung der betreffenden Körper." Als diesem Satz äquivalent wird auch der ausgesprochen, „dass wenn die Ursachen sich von einander bloss hinsichtlich des absoluten Eaumes und der absoluten Zeit ihres Stattfindens unterscheiden, dieses dann ebenso für die Wirkungen gilt."
Es kann zweifelhaft sein, ob diese Sätze Maxwell's alles in allem eine andere Deutung zulassen, als dass Maxwell wenigstens den Begriff eines „absoluten Eaumes", sowie einer absoluten Zeit nicht für in sich widersprechend oder gar inhaltsleer gehalten habe, wenn er auch diesen Begriff für physikalisch nicht verwertbar hält. Es genügt aber für jetzt, daran festzuhalten, dass sowohl, wo Maxwell (Art. XIX) jenen Satz aufstellt, als auch hier (Art. XLI), wo er ihn als „die einzig vernünftige Lehre von Raum und Zeit", welche auszudenken sei, bezeichnet, er diesen Satz füglich nicht selbst wieder als eine empirische, sondern als eine apriorische Wahrheit angesehen haben muss; denn das liegt doch in den Worten „einzig vernünftig" — wie wollte man auch einen solchen „allgemeinen Grund- satz der Physik" überhaupt aussinnen, wenn nicht a priori, zumal wenn absoluter Eaum und absolute Zeit überhaupt nicht, weder unmittelbar noch mittelbar erkennbar (sondern höchstens „denkbar") wären! Und so will also auch sein in directer Beweis, dass die Verneinung des Trägheitsgesetzes einen Widerspruch gegen diese „einzig vernünftige" Lehre involviren würde, wirklich nichts anderes als ein Apriori- Beweis im strengsten Sinne sein.
Prüfen wir aber nun, ob dieser Beweis gelungen ist, so können wir das nur verneinen. Denn wenn Maxwell findet, dass jedes hypo- thetische Gesetz über irgend eine Abweichung von der Gerad- linigkeit und Gleichförmigkeit gegen die Unmöglichkeit, „absolute Euhe und absolute Geschwindigkeit zu definiren", Verstössen würde, so muss sich gerade Demjenigen, welcher wirklich mit diesen beiden Ausdrücken nicht einmal einen Sinn zu verbinden vermag, die ver- wunderte Frage aufdrängen, ob denn die Nichtabweichung von der Geradlinigkeit und Gleichförmigkeit jene beanstandeten Begriffe von absoluter Euhe und absoluter Geschwindigkeit in geringerem Nachwort zu Kant, KT. Hauptstück: Mechanik. 91 Grade voraussetze, als was immer für eine Abweichung? — Es kann also unabhängig von der Frage, ob sich Maxwell gegen den Vorwurf einer Inconsequenz in Sachen des absoluten Eaumes trotz dieser Stelle vertheidigen lasse, festgestellt werden, dass, was Maxwell's Apriori- beweis für das Trägheitsgesetz betrifft, er ein nicht weiter zu ver- teidigendes Beispiel zum Satze: Qui nimium probat, nihil probat, darstellt.
Hat sich so gezeigt, dass die logische Seite des Trägheitsgesetzes selbst bei einem der fruchtbarsten theoretischen Physiker der neuesten Zeit schwere Unklarheiten — u. zw. zum Teil in derselben Richtung wie Kant's Lehre vom Trägheitsgesetze — aufweist, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn sich das Problem alles in allem auch heute noch überhaupt in vollem Flusse zeigt. Es seien daher noch einige weitere Beiträge zur jedenfalls wünschenswerten Schlichtung des ganzen Streites um das Trägheitsgesetz hier versucht.
Beginnen wir mit dem oben (S. 84) vorläufig zurückgestellten Restglied des ganzen Problems: dass nämlich der experimentelle Beweis nur Annäherung, nicht Genauigkeit — nur Wahrscheinlichkeit, nicht Gewissheit geben kann. Man hat mit Recht das Trägheits- gesetz einen Uebergang zur Grenze genannt — es ist ein solcher sogar in mehr als einer Hinsicht; und wie bei allen unendlichen Reihen und Grenzübergängen beansprucht ja gerade das Restglied das grösste Interesse, bereitet aber freilich fast immer auch die grössten Schwierig- keiten.
Man könnte das soeben gebrauchte Gleichnis vom Restglied als den leitenden Gedanken von Poske's oben (S. 84) angeführter Ab- handlung: „Der empirische Ursprung und die allgemeine Gültigkeit des Beharrungsgesetzes", bezeichnen. Es werden hier zunächst die Versuche von (Euler, Kant, Laplace, Poisson, Lotze, Wündt, Lasswitz (in gewissem Sinn auch Webnicke, ib. S. 392), das Beharrungsgesetz rein deductiv, rein a priori zu beweisen, der Reihe nach abgelehnt, und dann wird gefragt: „Wenn nun aber auf keinem der bisher ein- geschlagenen Wege ein unanfechtbarer Beweis für die apriorische Geltung des Beharrungsgesetzes erbracht ist, so bleibt noch immer die erkenntnistheoretische Grundfrage zu beantworten, wie der empirische Ursprung desselben mit seiner apodiktischen Giltigkeit in Einklang zu setzen ist. Es kommt darauf an, „„Rechenschaft zu 92 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
geben über den wahren Grund der Evidenz"", den wir jenem Er- fahrungssatz beilegen" (S. 392).
Poske's Antwort ist darin gegeben, dass er, anknüpfend an die schon oben hervorgehobenen Worte Galilei's „mente concipio", in dem „Begriff der gleichförmigen Bewegung" eine „empirische Idee in demselben Sinne, in welchem dies neuerdings von den Grundbe- griffen der Geometrie [durch B. Erdmann] dargethan worden ist" (S. 396), ersieht. — Vom Satze der Trägheit oder Beharrung sagt Poske (S. 399): „DasBeharrungsgesetz ist., eine Maxime, welche die Anwendung einer „„empirischen Idee"" auf die Er- fahrung betrifft" (S. 399). Es lässt sich von dem Beharrungs- gesetze im Widerspruch mit einem von Kant besonders betonten Satz *) behaupten, „dass der Verstand das Gesetz aus der Natur geschöpft hat, um es dieser vorzuschreiben" (S. 401).
Enthalten wir uns vorerst der im letzten Satz angeregten Ver- tiefungen in den Gedankenkreis des Kriticismus, so besagen Poske's Termini „empirische Idee" und „Maxime" in elementar- psychologischer Terminologie jedenfalls folgendes: Die „(empirischen) Ideen" sind Vor Stellungsinhalte, die infolge von That- sachen der Unterschiedsschwelle nur „in dir e et", durch „Relationsübertragung"**) zu gewinnen sind; und der Aus- druck „Maxime" bezeichnet hierein Urteil, das logisch genommen nur Hypothese, vor der nächstbesten solchen aber dadurch aus- gezeichnet ist, dass sie unserem Evidenzbewusstsein in einer noch näher zu prüfenden Weise ganz besonders nahe liegt, unserem Be- dürfnis nach „Erklärung" besonders entgegenkommt. — Poske's Termini „Idee" und „Maxime" (welche u. a. jedenfalls nicht mit den von Kant so oft und gern gebrauchten gleichbedeutend sein wollen) machen eigentlich aber doch erst recht stark das Bedürfnis näherer Untersuchung lebendig, welcher besonderen Art die Eigentümlich- keiten jener Vorstellung und dieses Urteiles seien.
Ohne dass hier diese Untersuchung voll durchgeführt werden könnte, glaube ich als ihr Ergebnis das anführen zu sollen, dass es *) Es ist der KANT'sche Satz in den „Prolegomena zu jeder künftigen Meta- physik", §36: „Der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vo r." Dies die be- rühmte Antwort auf die berühmte Frage, welche den Titel jenes Paragraphen bildet: „Wie ist Natur selbst möglich?"
**) Uober den Sinn und die Tragweite dieser MEINONG'schen Termini vgl. meine Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 93 nur der Gedanke denkbar grösster „objectiver Einfachheit"*) sei, welcher zum empirischen Ursprung des Trägheitsgesetzes das *) Damit die nachfolgendeD Betrachtungen zu Gunsten der Einfachheit gleich von vornherein nicht die Gefahren eines solchen Princips unterschätzen lassen, stelle ich ihnen folgende Worte FRESNEL's voran (mit welchen WÜLLNER sehr passend den sein Lehrbuch der Physik einleitenden Abschnitt über die Methode der Physik abschliesst): „Dans le choix d'un systhne on ne doit avoir egard qu'ä la simplicite des hypotheses; celle de cdlcüle ne peut etre d'aucun poids dans la bdlance des probabilites. La nature ne s'est pas embarrassie des difficidte's d'analyse, eile w'a eviti que la complication des moyens. Elle parait s'etre propose" de faire beaucoup avec peu: c'est un principe que le perfectionnement des sciences physiques appuie sans cesse de preuves nouvelles."
Wie trügerisch das Princip der Einfachheit bei aller Fruchtbarkeit für die Heuristik in seinen Ergebnissen doch sein kann, dafür ist gerade GALILEI ein, wie immer so auch in seinen Irrthümern classisches Beispiel. Er erzählt am Beginn des dritten Tages der Discorsi („Vorr. u. Einl." S. 4), es habe ihn „zur Erforschung der natürlich beschleunigten Bewegung die Beobachtung der Gewohn- heit und Einrichtung der Natur bei all6n ihren anderen Vorrichtungen gleichsam selbst an der Hand geführt; sie pflegt sich bei deren Ausübung der nächstliegenden einfachsten und leichtesten Hilfsmittel zu bedienen, denn nach meiner Meinung wird niemand glauben, das Schwimmen oder Fliegen könne auf einfachere und leichtere Art bewirkt werden, als es die Fische und Vögel aus natürlichem Instinct bewerkstelligen. Wenn ich also bemerke, dass ein Stein, der aus der Höhe von der Ruhelage aus fällt, später neue Geschwindigkeitszuwüchse erfahrt, warum soll ich nicht glauben, dass solche Zuwüchse auf die einfachste und nächstliegende Art geschehen? Wenn wir aufmerksam zusehen, werden wir keine Vermehrung, keinen Zuwachs finden, der einfacher wäre, als ein solcher, der immer in gleicher Weise hinzukommt." — Nun wissen wir aber, dass das so gefundene Geschwindigkeitsgesetz v = gt und das aus ihm deducirte s = 1/2gt2 nur gilt, wenn das Kraftfeld der Erde ein constantes ist. Und seit NEWTON wissen wir, dass diese Voraussetzung der Constanz thatsächlich nicht erfüllt ist. Bei GALILEI selbst findet sich nirgends eine Bemerkung darüber, dass er diese bloss bedingte Berechtigung seines Gedankens der Einfachheit bemerkt habe (vgl. meine Vorbemerkung S. IV der „Vorr. u. Einl."). Ich möchte daher gerade diesen Zug nicht als Beispiel eines specifisch philosophischen Scharfblickes GALILEI's angeführt sehen. — Vielmehr steht diese stillschweigende Voraussetzung auf einer Stufe z. B. mit dem Dogma, nur die gleichförmig kreisende Bewegung sei die „vollkommenste" und daher nur sie den himmlischen Bewegungen angemessen; ein Dogma, das sich zwar auch schon in HlPPARCH's Theorie der excentrischen Kreise von Sonne und Mond als ein, wiewohl nicht richtiges, doch überaus fruchtbares bewährt hatte (vgl. WHEWELL's Ver- gleichung der excentrischen Kreise und der Epicykel mit FOURIER's Zerlegung in Kreisfunctionen), und mit dem auch noch nicht KOPERNIKUS, sondern erst KEPLER gebrochen hat, weil es eben, bei aller Fruchtbarkeit, doch mit den Thatsachen, den elliptischen Bahnen, nicht in Einklang zu bringen war; was wir jenen beiden grossen Vätern der theoretischen Astronomie zwar auf keine Weise zum Vorwurf, aber auch nicht zu einem besonderen Ruhmestitel machen dürfen. — Uebrigens er-