Mach teilt nicht mit, auf welche specielle Stelle aus Galilei's Werken sich diese historische Darstellung von Galilei's Gedankengang bei Einführung des „Unzerstörbarkeits" - Begriffes stützt; aber die Aehnlichkeit der Figur 93 bei Mach und der Figur 83 bei Galilei verleiht ein besonderes Interesse dem Umstände, dass Galilei gerade an derjenigen Stelle (1), wo man sich den Uebergang zur Grenze erwartet, einen solchen überhaupt nicht macht. Es heisst hier (m) nur, „die Zeit des Anstieges längs BD ist grösser" — aber eben hiemit bricht auch die Darstellung ab, ohne von einem „grösser und immer grösser", geschweige einem „unendlich werden" etwas zu sagen oder auch nur anzudeuten; wogegen doch sonst die Wörter „aetemum", „perpetuo, in infinitum"*) u. dgl. in den benach- barten Stellen keineswegs vermieden sind. — Ich leugne hiemit durch- aus nicht, dass sich Galilei des Continuitätsprincipes überhaupt sonst mit dem von Mach geschilderten Erfolg bedient hat.**) Ja man kann aus einer andern der obigen Stellen, nämlich (g, h), sogar wirklich etwas wie einen Uebergang von der absteigenden durch die Horizontale zur ansteigenden Ebene herauslesen; nur ist dann hier wieder nicht mehr die Rede von einem Ansteigen zur alten Höhe, auf die es in Mach's .F-^^^ ^^-A Figur und Text wesentlich an- "-^^^^ ^^*-^^ kommt, sondern entsprechend a— ^S^B*^ e^wa einer Figur wie die neben- ^^^"^ stehende. — Ich glaube also, C^^00^^ wir dürfen — wenigstens auf Grund jener grösseren und auch sonst so entscheidend wichtigen Stelle der Discorsi —- nur sagen, Galilei hätte auf das Trägheits- *) JOIIANNESSON (a. a. 0. S. 19) glaubt allerdings zeigen zu können, „wie wenig GALILEI mit den Ausdrücken „unaufhörlich, unendlich, unzerstörbar" den heutigen Unendlichkeitsbegriff im Sinne hat". — Die hiefür beigebrachte Be- gründung wird aber durch das unten, S. 114, Anm. zu erwähnende Bedenken mit getroffen.
**) P0SKE giebt a. a. 0. S. 395 noch eine Reihe schöner Beispiele solcher Uebergänge bei GALILEI.
Nachwort zu Kaut, III. Hauptstiick: Mechanik. 113 gesetz nach Mach's Methode*) leicht kommen können, nicht aber, dass er wirklich auf diese Art dazu gekommen sei oder dass ihm gerade diese Methode das Gesetz „am deutlichsten zum Bewusstsein bringen musste."
Wenn ich nun aber auch weder in Wohlwill's noch in Mach's Darstellung die gesuchte psychologische Feststellung, wie es in Galilei bei der Entdeckung des Beharrungsgesetzes thatsächlich zu- gegangen sei, streng überzeugend und erschöpfend finden kann, so enthalten doch beide Darstellungen wertvolle Hinweise auf eine andere Lösung dieser historisch-psychologischen Frage.
Poske's Worte: „Am wahrscheinlichsten ist.. dass er [Galilei] die Idee in den Thatsachen unmittelbar erschaut hat," sprechen das Problem in seiner weitest gehenden Vertiefung aus. Denn das Geniale der Entdeckung ist durch das Wort „erschaut" am leb- haftesten charakterisirt — dafür aber nun das Wesen des genialen „Schauens" und „Erschauens" selbst als ein nicht zu umgehendes psychologisches Problem in die Untersuchung mit hineingezogen.
Vielleicht fühlt man sich schon befriedigt, wenn man den Begriff einer „Anpassung" des genialen Erkennens an die zu erkennenden Dinge heranzieht. Wo eine so hohe Anpassungsfähigkeit des Intellects vorliegt, dass sich dieser zu seinem Gegenstande verhält, wie das der mimicry fähige Insekt zu dem Baumblatt, dem es sich anähnelt, da hat eben der Intellect die uns auch schon in niedrigeren Graden als wunderbar berührende Einheit mit seinem Gegenstande vollends erreicht. — Wird man sich aber, auch wenn man ein bischen Mystik angesichts gewisser „Dinge zwischen Himmel und Erde" nicht scheut, auch nur die Thatsache selbst noch verständlich beschrieben, geschweige erklärt zu haben glauben, solange man nur beim Gleichnis stehen bleibt? — Ohne eine Erklärung des vielleicht Unerklärlichen er- zwingen zu wollen, darf man immerhin fragen: Was heisst „erschauen" — in unserem Falle: die phoronomische „Idee" der constanten Bewegung und die dynamische „Maxime", das Trägheitsgesetz, erschauen? Wenn wir Nicht-Genialen eine solche Frage stellen, vermögen wir es nicht anders, als in Erinnerung an die uns geläufigen logischen Formen, und so gestaltet sich uns denn auch jene Frage in die andere um: *) Dass diese Methode MACH's, den Anfänger wie von selbst auf das Träg- heitsgesetz kommen zu lassen, didaktisch höchst wirksam ist, kann ich aus viel- jährigem Unterrichte nach MACH's Lehrbuch, in dem sich dieselbe Figur findet, durchaus bestätigen.
8 2 14 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Welches Allgemeine hat Galilei in dem besonderen Falle der horizontalen widerstandslosen Bewegung erschaut? Unter welchen Obersatz hätten diejenigen Bewegungen zu fallen, auf die Galilei das Trägheitsgesetz angewendet hat und in denen er es erschaut hat, wenn für ein nicht geniales Denken derjenige Zug in den Erscheinungen abstract namhaft gemacht werden soll, den der Geniale nicht abstract und nicht allgemein, wohl aber als das ihn fesselnde „Wesent- liche" der Erscheinung heraushebt und festhält? Galilei selbst hat uns durch die unvermittelte Einführung der Behauptung, „dass der Geschwindigkeitsgrad, was immer für einen der Körper aufweist, in ihm selbst unzerstörbar enthalten ist," jede Andeutung eines solchen Schlussverfahrens versagt — ja er hat uns vielmehr eben hiedurch wahrscheinlich gemacht, dass ein solches Schlussverfahren in ihm sich wohl überhaupt nicht abgespielt hat. Dennoch zeigt sich sein Denken in dem auffallend unvermittelten Hinstellen des Satzes von der Gleichheit der Endgeschwindigkeiten bei gleicher Falltiefe, gleich- viel ob im freien Fall oder an schiefer Ebene, wie auch sonst durch den Satz vom Aufsteigen zu gleicher Höbe beim Hemmungspendel und bei den ab- und ansteigenden schiefen Ebenen (Lagrange nennt es un principe precaire), so beherrscht durch diejenigen Vorstellungen, die wir heute als energetische bezeichnen, dass wir nicht ohne Grund sagen können: Was Galilei als „Unzerstörbarkeit des Ge- schwindigkeitsgrades" „erschaut" hat, wäre, als einheitlicher Ober- satz formuliert, der Satz von der Erhaltung der mechanischen Energie.*) — Wie sehr der dem Energie begriff correlative Arbeits- begriff längst vor seiner sozusagen officiellen Formulirung Galilei geläufig war, ist ja aus der Geschichte der Mechanik allgemein be- kannt. Lagrange schreibt ihm eine sehr umfassende Vertrautheit mit dem Priucip der virtuellen Verschiebung zu, das ja selbst nur das Gesetz der Erhaltung der Arbeit an Maschinen (im allgemeinsten Sinne) ist, u. s. f. Jedenfalls verteilen sich, wenn man sonst gerne ein- *) Auch JOHANNESSON (a. a. 0. S. 20) findet „die Auffassung mindestens zulässig, dass GALILEI die Gleichförmigkeit der wagrechten Bewegung im Sinne des Satzes von der Erhaltung der Kraft, nicht aber der NEWTON'schen Behatrungslehre verstanden wissen wollte". — Ich weiss mit diesem Zugeständniss nur nicht den Anstoss zu vereinen, welchen der Verfasser eine Seite vorher an der — sachlich doch durchaus richtigen und durch den Gedanken der an der Erde k u g e 1 förmigen Niveauflächen geforderten — Bemerkung nimmt, dass eine horizontale Ebene eigentlich nicht „weder an- noch absteigend" sei. — Eben hierauf stützt aber JOHANNESSON auch seine oben (S. 112 Anm.) erwähnte Unterscheidung zwischen dem GALILEIschen und dem modernen Unendlichkeitsbegriff.
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 115 heitlich von der „GALiLEi-NEWTON'schen Mechanik" spricht, die beiden Leitbegriffe dieser Mechanik so, dass der der „Arbeit" Galilei, der der „Kraft'* Newton näher lag, und somit Galilei der modernsten Entwicklung der Mechanik, ja der ganzen Naturwissenschaft, nämlich der energetischen, näher gestanden war, als sein Nachfolger. Von allen Anwendungen energetischer Vorstellungen ist aber eben das Trägheitsgesetz die einfachste (wenn auch vielleicht ebendeshalb nicht nächstliegende, denn man mag sie immerhin überflüssig künst- lich nennen): Der Körper hat keine Gelegenheit, seine Energie an andere abzugeben oder von ihnen Energie zu empfangen, also behält er seine Energie; und weil seine Masse unverändert ist, ändert sich auch seine Geschwindigkeit nicht. — Da eine Aenderung der Richtung mit dem Unverändertbleiben der kinetischen Energie noch verträglich ist, so würde sie, wenn man diese Subsumption des Trägheitsgesetzes unter den Energiesatz überhaupt als „Ableitung" des „Trägheits- gesetzes" will gelten lassen, jedenfalls nur eine Erklärung für die Constanz der Geschwindigkeit, nicht für die Constanz der Richtung gestatten. Gerade das trifft aber durchaus zusammen mit der oben (S. 111) bemerkten „Gleichgiltigkeit" der Richtung, ja gerade auch mit Wohlwill's These, dass Galilei das Trägheitsgesetz höchstens in zweiter Linie für die Geradlinigkeit, in erster Linie aber nur für die Erhaltung der Geschwindigkeit bei der Bewegung in einer Niveau- fläche der Erde entschieden vertreten habe. — Die historische spitzt sich dann auf die logische Frage zu, inwieweit die Bevorzugung der Horizontalen als der bei dem nun einmal gegebenen Kraftfeld der Erde einzigen Niveaufläche in dieser ihrer speciellen Eigenschaft, oder nur in Folge noch nicht hinreichend weit gediehener logischen Analyse und Verallgemeinerung für Galilei „individuell veranlasst" gewesen sei.
Auch Mach's Darstellung von Galilei's Gedankengang bei Auf- stellung des Trägheitsgesetzes bedient sich mit dem Erreichen des ursprünglichen Niveaus erst in unendlicher Entfernung eines Gedankens, der in unserer Sprache ein wesentlich energetischer ist. Aber es bedarf für den didaktischen Erfolg der Fig. 93 beim Hinführen auf das Trägheitsgesetz nicht erst des dynamischen Gedankens der zum Erreichen des alten Niveaus notwendigen und ausreichenden Energie, sondern es genügt schon der phoronomische (oder eigentlich nur geometrische), dass die Strecke bis zum alten Niveau bei ab- nehmender Neigung immer länger wird. — Ja, indem Galilei das Erreichen des Ausgangsniveaus durch die oben (S. 111) angedeutete 11Q Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Rechnung g — 1j2 g = 1/2 g doch aus der Erhaltung der Geschwindig- keit (schief aufwärts) ableitet, hätte er eigentlich durch ein Zurück- gehen vom „energetischen" Weltbild auf das im engeren Sinne „dynamische" im Geiste der allerneuesten Wendung gehandelt, indem ja auch Hertz seinem „zweiten", dem energetischen Weltbild das ältere wieder vorzieht. — Vielleicht ergäbe sich aus einem zusammen- fassenden Ueberblick über alle mechanischen Erscheinungen, bei deren Auffassung sich Galilei's Denken durch dynamische Vorstellungen überhaupt und durch energetische insbesondere beherrscht zeigt, ein weiterer Wahrscheinlichkeitsgrund dafür, welches für Galilei der letzte psychologische Ursprung seines Trägheitsgesetzes gewesen sei. Ein im eigentlichen Sinne apriorischer war es auf keinen Fall. Physikalisch genommen nicht, weil weder die Conception der Be- schleunigungen, noch die der Arbeiten bei anderen als horizontalen Bewegungen für Galilei je den Charakter einer Beschreibung und Erklärung von Thatsachen verleugnet. Psychologisch und er- kenntnistheoretisch genommen nicht, weil auch „genial Erschauen" (wie alle „Anschauung", sofern das Wort nicht missbraucht wird), auf Vorstellungen, dagegen „a priori Erkennen" erst auf das Beurteilen der zwischen diesen Vorstellungen (höchst auschaulichen nicht minder als unanschaulichen) bestehenden Relationen geht.
Kehren wir von all diesen, an den gegenwärtigen Stand der Trägheits- probleme anknüpfenden Erörterungen zu Kant zurück, so wird diese „Rückkehr zu Kant" schwerlich die Anerkennung des von ihm in Sachen jenes Problemes eingenommenen Standpunktes als eines dem gegenwärtigen Stande der Frage überlegenen sein können. — Vielleicht möchte sich ein principieller Anhänger Kant's mit der auf S. 101 begründeten Anerkennung des Trägheitsgesetzes als „Maxime" und der hierin sich bekundenden „psychischen Activität" als einer Annäherung an die letzte Intention des Kriticismus begnügen. Ich möchte aber abrathen, ein solches Maass von Übereinstimmung schon als Zustimmung zum KANT'schen Systeme als solchem in Anspruch zu nehmen. Denn nach diesem wäre das Trägheitsgesetz deshalb a priori, weil es „der Verstand der Natur vorgeschrieben" habe (wie er ja ihr nach der S. 92 Anm. angeführten Stelle alle Gesetze vorschreiben soll); es haben aber die vorstehenden Ausführungen zu zeigen gesucht, dass unserer hier gemeinten psychischen Activität nur die „Idee" (Vorstellung von der genau constanten Bewegung), nicht Nachwort zu Kant, III. Haupistück: Mechanik. 117 aber unser Wissen (evident gewisses Urteil) um das Realisirtsein eines solchen Gesetzes zu verdanken ist. Der Realismus, welcher dieser meiner Auffassung zu Grunde liegt (— „naiv" ist er nicht — ob darum schon hinreichend „kritisch", habe nicht ich zu beurteilen), ist gewiss unüberbrückbar verschieden vom „kritischen Idealismus", wie immer nuancirt man diesen auch auslegen mag. — Sollte aber am Ende doch der Kriticismus, nicht der Realismus, im Rechte sein, so wird sicherlich ein „letztes" Naturgesetz, wie das Beharrungsgesetz, sich methodisch besonders empfehlen, an ihm das Wesen des Kriticis- mus überhaupt klar zu machen.*) Vielleicht ist aus diesem Grunde Anhängern Kant's, welche sich im übrigen mit den vorstehenden Erörterungen nicht einverstanden erklären können, der Anlass zu einer neuerlichen Revision von Kant's Stellung zum Trägheitsgesetz nicht unwillkommen. — — Unabhängig vom Grundgedanken des Kriticismus und speciell auch von Kant's Stellung zur apriorischen Natur des Trägheitsgesetzes ist der Vorschlag Kant's in den ersten Zeilen der Anmerkung S. 83 für eine Einschränkung des Ausdruckes „Trägheit". Bekanntlich werden die Ausdrücke Trägheit und Beharrung, ebenso Träg- heitsgesetz und Beharrungsgesetz, fast überall promiscue gebraucht; auch ich habe es im Obigen so gehalten. Nun liegen uns folgende zwei physikalische Thatsachen vor: a. Wo keine Kraft ist, ist keine Beschleunigung; b. Wo Beschleunigung ist, ist Kraft.
Beide Sätze sind, wie formal logisch vielleicht nicht auf den aller- ersten Blick einleuchtet, aber durch mehrmalige Anwendung der Aequipollenz- und Conversions-Regeln leicht zu zeigen ist**), einander *) Das hat z. B. LASSWITZ unternommen, indem er so schüesst: „Die Be- wegung beharrt. Dies ist auf unserem kritischen Standpunkte a priori klar, nicht nach dem „„Satze vom zureichenden Grunde"", weil man etwa keinen Grund einsehe, weshalb sie nicht beharren sollte, — sondern gemäss der phänomenalen Schöpferkraft unseres Ich, welche den ihr aufgedrungenen Begriff nicht wieder vernichten kann, bis ihr ein anderer Begriff aufgedrungen wird, der dazu im Stande ist." Atomistik und Kriticismus 8. 78; vergl. hiezu die Ablehnung dieses Beweises **) Nämlich so: I. Gehen wir von b) aus und setzen: Wo Beschleunigung (S), da Kraft (P); S a P. Aus S a P folgt per aequipollentiam S e non P Aus S e non P folgt per conversionem non P e S Aus non P e S folgt per aequipollentiam non P e non S — also Wo keine Kraft, tla keine Beschleunigung - das Gesetz a).
118 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
inhaltlich völlig aequivalent, d. h. aus a) folgt b), aus b) folgt a). Diese logische A e q u i v a 1 e n z ist aber doch nicht logische Identität (Inhaltsgleichheit); es werden zum mindesten „zwei Seiten" derselben Thatsache hervorgehoben. Von den beiden Sätzen sagt a), „was die Materie nicht thut" (nämlich bei Abwesenheit von Kraft Be- schleunigungen annehmen); für dieses und nur für dieses Gesetz a) also empfiehlt sich aus dem von Kant hervorgehobenen Grunde*) der Name Trägheitsgesetz. Es bleibt dann für b) der Name Be- harrungsgesetz; aber dies schon nur mittelbar. Denn es ist zwar richtig, dass, wenn Kräfte wirken, der Körper, indem er Be- schleunigung annimmt, einen „Widerstand" leistet; dies auszu- sprechen ist aber schon der dritten lex motus, dem Gegenwirkungs- princip, vorbehalten (wenigstens was die qualitative Seite der Thatsache betrifft, zu welcher die Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung erst wieder die quantitative Vervollständigung bildet). Auch Kant deutet in der angeführten Stelle auf das Gegen wirkungs- princip hin; aber er dürfte zu weit gehen, wenn er die Warnung für nöthig hält, nicht das Gegenwirkungsprincip selbst als Trägheitsgesetz zu bezeichnen; denn das ist wohl kaum Jemand eingefallen, nachdem einmal die I. und die III. lex motus überhaupt formulirt waren. — Im Grunde handelt es sich natürlich bei beiden Bezeichnungen „Träg- heit" und „Beharrung" um Anthropomorphismen; vielleicht findet man es aber, auch ohne dies allzu ernst zu nehmen, bequem, sich durch den Gedankendes Negativen, das im Worte „Trägheit", sowie durch den des Positiven, das im Worte „B e h a r r u n g"**) liegt, an II. Aehnlich lässt sich auch von a) zu b) gelangen. — Die hier gebrauchten Schlussketten haben nicht (wie z. B. die Aufeinanderfolge von Aequipollenz und Conversion den Namen „Contraposition") besondere Namen in der herkömmlichen formalen Logik.
*) S. 83, Z. 15 v. o.: [Das Gesetz der Gegenwirkung] „sagt, was die Materie thut, [das Gesetz der Trägheit] aber nur, was sie nicht thut, welches dem Ausdrucke Trägheit besser angemessen ist." — Mit dieser Auslegung des Wortes „trag" als einer wesentlich negativen (wie auch mein Sprachgefühl es mich finden lässt) steht freilich schon wieder nicht im Einklang, ja wohl gar im Widerspruch die foJgende: S. 89, Z. 3 v. o.: „Nur lebende Wesen werden.. trag genannt, weil sie eine Vorstellung von einem anderen Zustande haben, den sie verabscheuen, und ihre Kraft dagegen anstrenge n." — Gleichwohl dürfte es, wenn es zu wählen gilt, in welcher der beiden Stellen die Absicht KANT's zu unmissverständ- licherem Ausdrucke kommt, die erstere entscheidend bleiben.
**) So hat man jederzeit von einem „Beharrungsvermögen", kaum aber von einem „Trägheitsvermögen" gesprochen. — Die „vis inertiae" ist hiefür Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 119 die Terminologie zu gewöhnen, welche ich hiemit unter theilweisem Anschluss an Kant vorschlage: Trägheitsgesetz: Wo keine Kraft, da keine Beschleunigung; Beharrungsgesetz: Wo Beschleunigung, da Kraft *) — und das als „Widerstand" gegen das Beschleunigtwerden sich äussernde „Bestreben", in dem alten Zustande zu „beharren".
freilich ein Gegengewicht; desgleichen „Trägheitsmoment" (welches übrigens nach Analogie zum „Kraftmoment" besser „Massenmoment" hiesse).
*) POSKE sagt zum Schluss seiner Abhandlung: „Es empfiehlt sich.. die Bezeichnung Beharrungsgesetz nur auf die GALILEI'sche, die Bezeichnung Träg- heitsgesetz nur auf die NEWTON'sche Fassung anzuwenden''; wobei P. den Gedanken: „Wo keine Kraft, da keine Beschleunigung" vorzugsweise mit GALILEI, „Wo Beschleunigung, da Kraft" mit NEWTON in Verbindung bringt. — Ich begnüge mich einstweilen mit dem Maasse von Uebereinstimmung zwischen POSKE und mir, dass wir beide die Ausdrücke,,Trägheits- und Beharrungsgesetz" nicht promiscue verwendet wissen wollen. Vielleicht regt die bisher nicht behobene Uneinigkeit zwischen POSKE's und meinem Sprachgefühl in diesem Punkte Andere zur Prüfung des ihrigen an. Wichtiger als das Auseinanderhalten der Worte bleibt ja auch hier das der zweierlei Gedanken.
Zum vierten Hauptstück: Phänomenologie.
Das vierte Hauptstück hat, physikalisch genommen, zum alleinigen Gegenstande das Problem des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung. Es wird aber dieser physikalische Gegen- stand mehr noch als in den drei vorausgegangenen Hauptstücken überall aufs innigste durchsetzt von der erkenntnistheoretischen, „transscendentalen" Betrachtung als solcher; und eben hiedurch ist auch das Hauptstück zu einem Titel gekommen, der nicht, wie die Titel der drei vorangegangenen Hauptstücke, auch in der Physik als solcher Platz hat. Ein Capitel „Phänomenologie" wird wohl auch jeder künftigen Physik oder Mechanik noch fremder bleiben als z. B. das künstliche Trennen der „Dynamik" von „Mechanik" in Kant's Sinne. Denn wenngleich die Frage, ob ein bestimmter physikalischer oder sonstiger physischer Gegenstand „ein Gegenstand der Erfahrung sein kann", wie es die erste „Erklärung" des Vierten Hauptstückes von der „Materie als dem Beweglichen" aussagt, auch schon für den Physiker natürlich niemals müssig ist, so scheint sie sich doch ganz gleichmässig auf alle Arten von Phänomenen zu erstrecken, so dass es ganz besondere Gründe haben müsste, wenn gerade nur das eine Problem der „Absolutheit" von Raum und Bewegung zu einem be- sonderen Titel „Phänomenologie" Anlass geben soll. — Es wird sich zum Schlüsse der nachfolgenden Erörterungen herausstellen, dass eine solche Bevorzugung — wenn auch nicht in der scharfen Einseitigkeit wie bei Kant — ihre sachlichen Gründe hat: indem nämlich, wer sich der Gedanken des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung trotz der sehr verbreiteten Scheu vor ihnen doch nicht zu ent- schlagen vermag, wider willen Zeugniss ablegt für das Dasein und die Unentbehrlichkeit von „indirecten Vorstellungen", also offenkundig psychischen, nicht restlos auf physische Phänomene zurückführbaren Gebilden, die namentlich weiter über blosse „Empfin- Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 121 düngen" (und die ihnen direct entsprechenden Phantasiebilder) hinaus- gehen, als es sonst innerhalb der vom Physiker benutzten Vorstellungen physischer Gegenstände vorzukommen pflegt. — Doch über diesen allgemeinsten psychologischen Gesichtspunkt zur Rechtfertigung des Titels „Phänomenologie" einiges Principielle erst zum Schluss (S. 158 ff.); vorerst einige speciellere psychologische und logische Beiträge zu dem alten physikalischen Problem.
Mancher mag, wenn er heute noch von einem „Problem" des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung hört, ungeduldig werden und er- klären, das seien überhaupt keine Probleme mehr; soviel sei nach- gerade ausgemacht, dass „aller Raum und alle Bewegung relativ" sei. — Vielleicht wäre es eine nicht uninteressante Unter- nehmung, einmal einfach eine Statistik darüber aufzustellen, wie viele von Denjenigen, welche sich planmässig mit diesen Dingen beschäftigt haben, wirklich mit der Relativität völlig ernst gemacht und von allen Rückfällen in das Denken an den absoluten Raum und an die absolute Bewegung sich frei zu machen vermocht haben. Kant gehört nicht zu diesen*) und Maxwell ebensowenig; ja vielleicht findet man bei näherem Zusehen zu seiner Ueberraschung ihre Zahl ganz verschwindend klein ( — vgl. unten, S. 137, einen solchen Nachweis durch Streintz, über Euler, Lagrange bis Kirchhoff und Schell). Vielleicht noch kleiner ist allerdings die Zahl derer, welche noch heute auch nicht einmal vorübergehend durch das angeblich unmittelbare Einleuchten des Relativismus in Sachen des Raumes und der Bewegung sich haben blenden lassen.
Von Anhängern wie von Gegnern des „absoluten Raumes" und der „absoluten Bewegung" werden beide Begriffe und die auf sie gehenden Ueberzeugungen meistens wie solidarisch behandelt. Von Kant's Stellung lässt sich alles in allem sagen, dass er es versucht, an den absoluten Raum zu glauben und nur an die absolute Bewegung nicht zu glauben. Als Beispiel hiefür die Stellen: S. 98, Z. 16 v. u.: „dass absolute Bewegung.. schlechthin un- möglich sei" — und noch im selben Satz: Z. 9 v. u.: „dass man sich einen absoluten Raum denken müsse".
*) Einer der Hörer des eingangs erwähnten Collegs, Herr OTTO NEI8SER, hat sich die Aufgabe gestellt, den Beweis dieser These aus einer Zusammen- stellung sämmtlicher Aeusserungen KANT's zur Bewegungslehre zu erbringen.
122 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Die Haltung, welche also Kant zu Newton's*) zwei Beispielen, dem Eimer- und dem Faden versuch, einnehmen will, ist die, mit Newton zwar einen Vorrang der krummlinigen vor der geradlinigen Bewegung auf Grund des dynamischen Phänomens der „Spannungen" anzuerkennen und auf einen „absoluten Raum" zu deuten, aber gegen Newton diese Anerkennung nicht zugleich als eine Anerkennung der bevorzugten krummlinigen als einer „absoluten Bewegung" gelten zu lassen. Kant will nämlich trotz seines Lehrsatzes 2 (S. 95) „die Kreisbewegung (sowie jede krummlinigte)" nicht als „absolute", sondern nur als „wahre (wirkliche)" anerkannt wissen: dies die Einschärfung S. 100, „dass hier., von der wahren Bewegung zum Unterschiede vom Schein, nicht aber von ihr als absoluten Be- wegung im Gegensatze der relativen die Bede sei."
Dieser Versuch, den Streit zwischen Relativisten und Absolutisten (wie wir sie füglich mit einem ebenso kurzen, wenn auch auf unserem Gebiete nicht ebenso gebräuchlichen Namen, wie es „Relativist" ist, nennen können) durch eine Unterscheidung zu schlichten, welche sich ganz auf die bekannte KANT'sche Unterscheidung von „Schein und Er- scheinung" stützt, mag hier als den meisten Physikern unserer Tage wohl allzu „dialektisch" im weiteren unerörtert bleiben.**) Freilich — ohne ein bescheidenes Maass von „Dialektik" wird es auch im Folgenden nicht abgehen. Denn wenn es auch moderner *) Die mathematischen Principien der Naturlehre (Uebersetzung von Wolfers, S. 29 ff.); Vorreden und Einleitungen zu klassischen Werken der Mechanik, S. 40 (der Versuch mit dem Wassereimer, bei welchem vier Stadien zu unterscheiden sind: 1. Eimer und Wasser in Ruhe, also beide in relativer Ruhe, Wasserober- fläche eben; 2. Eimer in Bewegung, Wasser in Ruhe, also beide in relativer Bewegung, Oberfläche eben; 3. Eimer und Wasser in Bewegung, beide in relativer Ruhe, Oberfläche gekrümmt; 4. Eimer in Ruhe, Wasser, in Bewegung, beide in relativer Bewegung, Oberfläche gekrümmt. NEWTON's Schluss aus diesem „Eim er- ver such", wie wir ihn im Folgenden kurz nennen wollen, besteht darin, dass es für das Eben- oder Gekrümmtsein der Wasserfläche nicht auf die relative Bewegung des Wassers in Bezug auf den Eimer ankomme); ferner der „Faden^ versuch" Vorr. u. Einl. S. 41 (zwei Massen an einem Faden, das System um den Massenmittelpunkt rotirend).