**) Ich halte diese Unterscheidung an sich für keineswegs unfruchtbar, wie ich in meiner Psychologie § 38 zu begründen hatte (z. B. der Satz S. 94: „.. in der Erscheinung ist gar kein Urteil des Verstandes anzutreffen", ist sogar ein sehr willkommener Ausdruck für das Auseinanderhalten von Inhalten, die nur Vorstellungs-, gegen solche, die auch zugleich Urteils-Inhalte sind). Nur im Problem des absoluten Raumes scheint sie mir nicht denjenigen Punkt zu treffen, um den sich heute der Streit insbesondere auf physikalischer Seite dreht.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 123 Denkweise entspricht, hier wie überall sich möglichst ausschliesslich um „experimentelle" Bestätigungen oder Widerlegungen umzusehen, und solange solche nicht möglich sein sollten, das Problem als ein offenes zu betrachten, so ist doch der thatsächliche Stand der Frage bis zur Stunde noch ein wesentlich anderer. Besehen wir uns nämlich die Gründe, mit welchen Relativisten und Absolutisten einander gegen- wärtig zu überzeugen suchen, etwas näher, so zeigt sich, dass die Berufung auf Versuche — angestellte und nichtangestellte, für durch- führbar und für bisher oder immer undurchführbar gehaltene — einen verhältnismässig sehr geringen Raum einnimmt. Seit Newton's „Eimer versuch" (Newton vergisst nicht, ausdrücklich beizufügen, dass er ihn „selbst angestellt" habe, wogegen der „Fadenversuch" schon nur mehr ein „Gedankenexperiment" ist) sind meines Wissens Ver- suche wirklich durchgeführt bisher nur von Dr. Benedict Friedländer*) und Johannesson **) worden; beide wurden angestellt, um die Relativität *) Absolute oder relative Bewegung? Von Dr. BENEDICT FRIEDLÄNDER und IMMANUEL FRIEDLÄNDER, Berlin 1896. — S. 15 ff. wird ein Versuch mit einer neben eiuem massigen Schwungrad aufgestellten Dreh wage geschildert.
**) Das Beharrungsgesetz. Von Paul JOHANNESSON (vgl. oben Anm. S. 83). — S. 14 ff. wird ein Versuch mit einer Oelkugel als Umkehrung des PLATEAU' sehen Versuches geschildert. — JOHANNESSON sagt von dem Erfolg seines Versuchs, dass er „seinen Erwartungen durchaus nicht entsprach". „Bei alleiniger Drehung der Oelkugel traten natürlich Abplattung und Ringbildung ein; dagegen machte es keinen merklichen Unterschied, ob Oel und Mischung zusammen sich drehten oder nur die letztere, während die PLATEAU'sche Achse festgehalten wurde. In beiden Fällen senkte sich das Oel und bildete unterhalb seiner Scheibe eine Ein- schnürung, die immer enger wurde; schliesslich trennte sich die Hauptmasse des Oels ganz von der Scheibe und bewegte sich längs der Achse nach dem Boden des Glaskastens, wo sie sich anlegte und haften blieb; gleichzeitig sanken die freischwebenden, die Hauptmasse umkreisenden Oeltröpfchen, wenngleich weniger schnell und weniger tief; auch stiegen diese wieder ein wenig nach dem Anhalten der Schwungma8chine.u Ueber die physikalischen Ursachen dieser Senkung des Oeles bringt J. keine Erklärung oder Vermuthung vor. Vielleicht liegt diese Er- klärung in einem Detail der Versuchsanordnung, von welchem ich übrigens be- zweifle, ob es überhaupt der vollkommensten Art, wie man den PLATEAü'schen Versuch durchführen kann, Genüge leistet. J. sagt nämlich: „Ein würfelförmiger Kasten mit Spiegelglaswänden war zum Theil mit Weingeistmischungen gefüllt, deren eine ein etwas grösseres, deren andere ein etwas kleineres Eigengewicht als Olivenöl besass; bei vorsichtiger Füllung zeigen solche übereinander gelagerte Mischungen bekanntlich eine Trennungsfläche, die sich nur schwer verliert, und deren Undeutlichkeit einen Maassstab für die gegenseitige Durchdringung beider Mischungen abgiebt. In die Gegend dieser Trennungsfläche wurde das Oel einge- führt, das um eine wagrechte eiserne Scheibe sich ballte und mittelst einer hin- durchgehenden lothrechten Achse gedreht werden konnte." Was hier J. über die 124 Höfler, Studien zur Philos, der Mechanik.
auch der Drehbewegungen zu erweisen, und beide haben, wenn nicht geradezu das Gegenteil von dem Erwarteten, so noch weniger dieses selbst, die dynamische, nicht bloss phoronomische Relativität zum erwählten Bezugskörper erwiesen.
Ein „Gedankenexperiment" ist es, welches Mach*) den Schlüssen aus Newton's Eimerversuch entgegenstellt: „Der Versuch Newton's mit dem rotierenden Wassergefäss lehrt nur, dass die Relativ- drehung des Wassers gegen die Gefässwände keine merklichen Centri- fugalkräfte weckt, dass dieselben aber durch die Relativdrehung gegen die Masse der Erde und die übrigen Himmelskörper geweckt werden. Niemand kann sagen, wie der Versuch verlaufen würde, wenn die Gefässwände immer dicker und massiger, zuletzt mehrere Meilen dick würden. Es liegt nur der eine Versuch vor, und wir haben denselben mit den übrigen uns bekannten Thatsachen, nicht aber mit unseren willkürlichen Dichtungen in Einklang zu bringen." — Während dieses Gedankenexperiment einer Verdickung der Eimer- Trennungsfläche zweier Weingeistmischungen von „etwas" verschiedenem speci- fischen Gewicht sagt, legt den Gedanken nahe, dass bei der Drehung des Gefässes sich die Flüssigkeit von grösserem specifischen Gewicht einfach ähnlich nach aussen und also in der Mitte nach unten gedrängt habe, wie die Trennungs« fläche von Wasser und Luft im rasch rotierenden Glase eine paraboloidische Oberfläche annimmt. Mit dem Scheitel des Paraboloids hätte sich dann der Oel- tropfen in die Tiefe des Gefässes gezogen. Diese für das ganze Experiment überhaupt nicht wesentliche, vielmehr geradezu störende Senkung entfiele, wenn mit einer möglichst homogenen Weingeistmasse gearbeitet worden wäre, in welcher dann freilich der Tropfen weniger leicht in eine indifferente Höhenlage zu bringen ist, was aber dem ursprünglichen Zwecke des PLATEAU'schen Versuches wohl über- haupt besser entspricht, als wenn der Oeltropfen zwischen zwei nicht gleichartige Schichten sozusagen eingezwängt ist. (Auch die Anwendung eines „würfelförmigen" Kastens ist entschieden weniger zweckentsprechend, als es die eines cylindrischen Aussengefässes wäre; der Kunstgriff mit dem Becherglas wäre dann gegenstandslos geworden.) — Aber auch so, wie der Versuch nun angestellt wurde, hat er die von J, sozusagen gestellte Frage nicht etwa unbeantwortet gelassen, sondern sie doch wohl geradenwegs verneint; J.'s Versuch hat, soweit das bei den Un Voll- kommenheiten seiner Durchführung zu erkennen ist, positiv bewiesen, dass die von J. erwartete Relativität der Bewegung nicht statt hat. Freilich könnte man auch hier wieder sagen, dass vielleicht etwas ganz anderes herauskäme, wenn die Weingeistmenge sich mehrere Meilen weit ausdehnt. Natürlich fehlte aber auch hiefür irgendwelche positive Wahrschein- lichkeit, dass es sich dann anders verhalten werde, als bei J.'s wirklichem Ver- such; oder welches wären solche Gründe in schon vorhandenen physikalischen Er- fahrungen?
*) Gesch. d. Mech. III. Aufl. S. 226.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 125 wände auf Meilen wohl für immer unausführbar und insofern auch experimentell unwiderleglich ist, hat einer der Teilnehmer des Kant- Maxwell-Collegs, Herr Dr. Karl Neisser*), ein Experiment vorge- schlagen, welches zwar ebenfalls noch nicht ausgeführt ist, aber, wie auch ich glaube, ohne allzugrosse Schwierigkeiten ausführbar wäre. Herr Neisser schlägt einfach vor, die bekannten frappirenden Kreisel versuche im luftleeren Raum vorzunehmen.**) Er meint nämlich, dass z. B. der einfachste der Versuche, das Stehenbleiben des rotirenden Kreisels in einer Gleichgewichtslage, die bei einem nicht rotirenden die labile wäre, sich aus der Rotationsbewegung des Kreisels gegen die umgebende Luft, wenn nicht ganz, so doch zumteil erklären Hesse; ähnlich, dass der rotirende Kreisel mit wagrechter Achse in einer um sein Ende gelegten Schlinge hängen bleibt und um diese vertikale Aufhängung rotirt. Falls für diese Erscheinungen wirklich die Relativdrehung des Kreisels gegen die Luft wesentlich ist (was Herr Neisser als überzeugter Relativist nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich hält), so müsste der Kreisel im luftleeren Räume trotz Rotation so gut als ein nicht rotirender umfallen, im luft- verdünnten Raum sich weniger stabil zeigen u. s. f.
Meinerseits muss ich allerdings bekennen, dass, insoweit es über- haupt erlaubt, ja Pflicht ist, sich vor einem Experiment Gedanken darüber zu machen, was bei ihm füglich herauskommen könne, ich *) Auch schon ebenso 1893 in der Philosophischen Gesellschaft an der Uni- versität zu Wien gelegentlich einer Besprechung der Frage „Ist absolute Bewegung, wenn nicht erkennbar, so doch denkbar?"
**) Da es darauf ankommen dürfte, dass, wenn der Kreisel in Rotation ver- setzt und unter den Rezipienten gebracht ist, die Luft aus diesem möglichst schnell ausgepumpt wird, so würde es sich empfehlen, den Rezipienten mit einem schon vorher luftverdünnten Raum von grosser Kapazität (etwa dem grossen Recipienten einer pneumatischen Post) in Verbindung zu setzen. — Auch könnte nicht nur mit verdünnter, sondern auch mit verdichteter Luft experimentirt werden, indem, wenn Herrn NElsSER'S Voraussetzungen zutreffen, der rotirende Kreisel bei geringer Rotationsgeschwindigkeit in dichterer Luft länger der Schwerkraft trotzen müsste als in weniger dichter. Freilich wäre hierbei ins Auge zu fassen, dass, wenn die Rotation nicht ohne alle Schwankungen und somit nicht ohne Stösso an die Luft vor sich geht, der Widerstand der verdichteten Luft als ein den erwarteten Effect hemmendes Moment in Betracht käme. Ähnliches würde von der Verminderung des Luftwiderstandes bei verdünnter Luft in der Interpretation der Versuchs- ergebnisse zu beachten sein. — Während der Correctur dieses Bogens teilt mir Herr Dr. KARL NEISSER mit, dass er Gelegenheit gefunden habe, solche Luftpumpenvei suche (wiewohl nur mit nicht sehr weitgehender Verdünnung) anzustellen, dass sie aber seine Erwartungen nicht bestätigt haben.
126 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
mir von allen solchen Versuchen nichts verspreche, was etwa künftig als directer experimenteller Beweis für die Relativität der Dreh- bewegung ins Treffen geführt werden könnte. Ich glaube diese negative Erwartung nicht ohne Erfahrungs-, zumteil sogar experi- mentelle Gründe auszusprechen, sondern ich glaube, dass z. B. nach den gesammten bisherigen Erfahrungen der Mechanik ein axial- symmetrisches*) System, wie es der Eimer mit meilendicken Wänden bei einer Rotation um seine geometrische Achse wäre, keine Kräfte- paare auf die innen befindliche Wassermasse liefert und sie also nach eben diesen bisherigen mechanischen Erfahrungen auch nicht in Rotation zu versetzen vermöchte; genauer: nicht besser in Rotation zu setzen vermöchte, als der Eimer mit Wänden von gewöhnlicher Dicke, von denen wir ja wissen (oder einstweilen zu wissen glauben), dass nur ihre innerste Schichte durch „Reibung" wirke. — Ich brauche aber nicht nochmals zu versichern, dass ich ganz mit Hertz und Mach zugebe: „Was aus Erfahrung stammt [und insoferne über die bis- herige Beobachtung als Erwartung einer zukünftigen genau genommen immer schon hinausgeht], kann „durch [eben jene künftige und dann erst wirkliche] Erfahrung wieder vernichtet werden". Habe ich doch oben sogar unser gegenwärtiges Trägheitsgesetz, die Grundlage unserer ganzen gegenwärtigen Mechanik, einer solchen „ Möglichkeit" preisgeben müssen.
So bleiben denn auch für unser empirisch gesinntes Zeitalter im Grunde doch nur „dialektische" Argumente zu Gunsten wie Ungunsten des Relativismus in Sachen der Bewegung. Ja vielleicht ist es auf Seiten der Relativisten eigentlich nur ein einziges; es lautet: „Eine nicht relative Bewegung ist überhaupt unvorstell- bar." Dabei fehlt es meistens nicht an Äusserungen kräftigen Ab- scheues schon gegen die blosse Zumuthung, das Vorstellen einer abso- *) Man müsste höchstens sagen, ein geometrisch axialsymmetrisches System sei, eben weil es um die Achse rotirt, nicht auch phoronomisch und dynamisch axialsymmetrisch. Aber hiermit wären den nach verschiedenen Richtungen, z. B. antiparallel fortschreitenden Massenteilchen Kraftwirkungen zugeschrieben, welche Funktionen der Richtung (und Geschwindigkeit?) sein sollen; und auch diese Annahme (ein Analogon zu WEBER's elektrodynamischer Hypothese) ist ja wenigstens in den bisherigen Erfahrungen der Mechanik durch nichts nahe- gelegt und würde schwerlich zur Erklärung der bisherigen Erfahrungen, auf die sich ja die These von der Relativität der Bewegung stützt und richtet, heran- gezogen werden dürfen.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 127 luten Bewegung — sei es jeder, sei es wenigstens einer absoluten Translationsbewegung — auch nur einmal zu versuchen.
Fast scheint es, als hätte von dem E-athe: Sine ira et studio, der erste Theil auf Streitfragen des Relativismus, und zwar wieder ganz besonders im Kampfe gegen den absoluten Raum und die absolute Bewegung, weniger als es sonst im wissenschaftlichen Streite üblich ist, Anwendung gefunden. Es sei daher hier einmal vor allem der Rath erlaubt, es möchte, wenn auch vielleicht nur ganz vorübergehend, der Satz: „Alle Bewegung ist relativ", es nicht verschmähen, sich als ein Vorurteil behandeln zu lassen. Berkeley trieb bekanntlich die Anhänger einer gewissen Art*) von „abstracten Ideen u dadurch in die Enge, dass er es ihnen überliess, ob sie wirklich solche Vor- stellungen in sich vorfinden; er seinerseits finde keine in sich vor. Ich erlaube mir in Sachen der Vorstellungen des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung umgekehrt zu argumentieren: Mögen andere solche Vorstellungen nicht in sich vorfinden, — ich meinerseits habe, trotz wiederholten aufrichtigen Bemühens, sie ebenfalls nicht vorzufinden, sie dennoch immer in mir vorgefunden und weiss sie bis jetzt nicht loszuwerden. Ich finde nämlich Vorstellungen z. B. von ab- solutem Raum immer in mir vor, sobald ich solche vom relativen in mir vorfinde, und zwar dies zunächst einfach gemäss dem Satze: Keine Relation ohne Fundamente, und zwar in irgend- einer Instanz absolute Fundament e.*) *) Eigentlich nur gegen LOCKE's unmögliche „Vorstellung eines Dreiecks, welches weder schiefwinklig, noch rechtwinklig, weder gleichseitig, noch gleich- schenklig, noch ungleichseitig, sondern dieses alles und zugleich auch nichts von diesem sei.." richtet sich BERKELE¥'s boshafte Bemerkung (Principien der menschlichen Erkenntnis, Einl. XIII), dass solche abstracte Vorstellungen, jedenfalls nur bei Gelehrten" sich finden. Ich muss hier daran erinnern, weil noch immer B, als Gegner der abstracten Vorstellungen genannt wird, während wir doch gerade nur ihm die richtige Abstractionstheorie verdanken, von der auch wir unten (8. 142 ff.) noch positiven Gebrauch zu machen haben werden. Näheres über Abstra- ktion vergl. meine Logik, § 15 ff. im Anschluss an MEINONG's Hume-Studien I: „Zur Theorie und Kritik des modernen Nominalismus". Sitzungsberichte der Wiener Akademie 1878.
*) Näheres über die allgemeine Ablehnung des Relativismus vgl. meine Logik S. 61. Daselbst auch die Belegstollen nach MEINONG's Relationstheorie und einige specielle Argumente zur Ablehnung specieller Anwendungen der allgemeinen rela- tivistischen These (auf Grösse, Bewegung und dergl.; ausführlicher in meiner An- zeige der Rel.-Th. in der Viertel jahrsschr. f. wiss. Philos. 1883). Den unten noch näher zu verfolgenden speciellen Beweis, dass Jeder, mag er es auch noch so in Abrede stellen, Vorstellungen von absoluter Bewegung habe (auf Grund 128 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Hiermit ist nicht nur das begrifflich-dialektische Argument, es könne keine absolute Bewegung geben, weil es k e i n e V o r- stellung von absoluter Bewegung giebt, auf seinem eigenen Boden widerlegt, sondern es darf — bis auf weiteres, d. h. bis zur Beibringung anderer Argumente — als positive Thatsache der feineren Selbstbeobachtung festgehalten werden, dass es Vorstellungen von absoluter Bewegung giebt, geben müsse. Nur ob es absolute Bewegung giebt*), lässt der „positive Beweis" noch völlig offen. Verweilen wir aber auch im Folgenden noch ganz bei der,, Vorstellung von Bewegung", wenn auch der Kürze wegen öfter von „Bewegung" selbst die Rede sein soll.
Es wird hoffentlich nicht als dialektischer Überfluss oder gar Übermuth getadelt werden, wenn wir uns versichern, ob denn die Termini „relative" und „absolute" Bewegung alle Mehrdeutigkeit so klar ausschliessen, dass die Gefahr des Wortstreites von vornherein vermieden ist. — Halten wir uns an den Wortlaut einer der ent- scheidendsten Definitionen bei Kant (S. 94, der schon im ersten Haupt- stück, S. 15, 16 ff. mehrere nur in der Form abweichende voraus- gegangen sind); sie liegt in den Worten: „.. in gar keiner Relation auf eine Materie ausser ihr, d. i. als absolute Bewegung gedacht.." — Dieses „d- i" darf bestritten werden, wenn sich zeigen lässt, dass thatsächlich in mehrerlei Sinn von Relativität der Bewegung gesprochen zu werden pflegt. Deshalb stelle ich die These auf: Eine Bewegung kann in einer oder einigen Bedeutungen relativ, und doch in einer (oder einigen) anderen absolut sein. Denn „absolut" ist ein negativer**) Begriff, und zwar leugnet er nur des unten zu formulierenden Gedankens: Keine Änderung der Relation ohne [„absolute*!] Änderung mindestens eines Fundamentes), habe ich in meiner Psychologie § 53, S. 363 mitgetheilt. EHRENFELS, mit dem ich ihn schon anfangs der achtziger Jahre besprochen hatte, äusserte seine Zustimmung in seinen Meta- physischen Ausführungen im Anschlüsse an Dubois - Reymond 1886. HEYMANS teilte mir später brieflich mit, dass auch er sich des nämlichen Argumentes zu Gunsten der Vorstellbarkeit einer absoluten Bewegung zu bedienen pflege.
*) Einige Bemerkungen zur Abgrenzung dieser metaphysischen These gegen die psychologische vgl. unten S. 144.
**) Und überdies ist „absolut" ein relativer Begriff, wie eben das Obige ausführlich zeigen soll. — Es sind dieselben, auf den ersten Blick wie Wider- sprüche erscheinenden Gegensätze, die auch z. B. an dem scheinbar so sehr posi- tiven und nicht relativen Begriff „constant" auffallen: In der Gleichung y= Ax-\-b sind Aund b die „ Constanten u, und doch wechseln gerade sie von Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 129 mindestens je eine Relativität, nicht aber alle denkbaren Relativitäten. Ich frage und antworte also weiter: Ist überhaupt die unzähligemale aufgestellte These richtig, dass „Bewegung ein relativer Begriff" sei? — Ohne Widerrede — ja. Er ist nur eben „relativ" sogar in mehr als einer Beziehung. Aber das ist keineswegs ein Gewinn für die Anhänger der relativen Bewegung, sobald sie meinen, schon durch die Behauptung und den Beweis der Rela- tivität der Bewegung in einer Hinsicht zugleich auch schon die absolute Bewegung in jeder Hinsicht geleugnet und widerlegt zu haben: denn zu einem solchen Beweis aus dem Gegenteil gehörte gerade, dass die Behauptung der Relativität der Bewegung nur ein Gegenteil habe. — Zunächst also noch die Vorfragen: Was alles kann mit dem Begriffe „relative Bewegung" gemeint sein? — Um irgend etwas muss ja doch der Inhalt des Begriffes „relative Bewegung" reicher sein als der bloss von „Bewegung"; denn bedürfte der Begriff der „Bewegung" überhaupt noch der differentia speäfica „relativ", wenn schon ihrem Begriffe nach jede Bewegung „relativ" wäre? Spricht man doch auch nicht von „runden Kreisen", „geraden Geraden" u. dgl.
Vor allem ist der Begriff der Bewegung offenbar ein relativer Begriff, weil zu seinem Inhalt der der „Veränderung" gehört, und im ,anders"-, also „ ungleich "-sein, eine Vergleichungs-Relation ein- geschlossen ist. — Diese Relativität aber versteht sich so sehr von selbst, dass man jedenfalls nicht sie zunächst im Auge hat, wenn man die Relativität der Bewegung erst noch betont.
Sondern das, was sich verändert, der Ort, den das Sich-be wegende das eine oder das andere mal inne hat, sei jedesmal selbst schon „rela- tiv"; von dem relativen Orte trägt dann die Bewegung ihre Rela- tivität sozusagen als Stigma. In der That pflegt, wie schon oben bemerkt, fast immer das Problem der absoluten Bewegung ge- radezu mit dem des absoluten Raumes identificirt zu werden; dass aber eine gedankliche Scheidung beider Probleme wenigstens möglich ist, belegen die oben (S. 121) einander gegenüber gestellten Stellen aus Kant.
Dass aber nun nicht einmal der Satz „Jeder Ort und jede einer individuellen Geraden zur andern. Umgekehrt kehren die Variabein x und y in jeder Gleichung wieder. Jedem Lehrer ist es bekannt, dass dem Anfänger in analytischer Geometrie die Frage „Constant, bezw. variabel in Bezug auf was, im Gegensatze wozu?" angesichts jeder neuen Aufgabe eingeschärft wer- den muss.
9 9 130 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Ortsbestimmung ist relativ", in dieser Allgemeinheit halt- bar sei, habe ich in meiner Psychologie S. 302, 303 nachgewiesen. Speciell der sehr verbreiteten Behauptung: „Alle Oerter werden be- zogen auf den Ort unseres Leibes", habe ich entgegengehalten, dass wir zum mindesten sehr häufig geradezu umgekehrt den Ort unseres Leibes auf äussere Oerter beziehen; und von da ist es nicht weit zur Einsicht, dass wir irgend wann entweder den Ort unseres Leibes oder den Ort äusserer Körper als überhaupt nicht relativ vorstellen müssen, d. h. so, dass nur an diesen Ort *), nicht aber an Relationen dieses einen Ortes zu andern Oertern gedacht wird. Was insbesondere den Gesichtsraum betrifft, den wir als solchen nach jener Meinung auf Hering's „Kyklopenauge" be- ziehen müssten, so ist ja gewiss die Localisation dieses „imaginären" Einauges an der Nasenwurzel oder hinter der Stirne nicht direct und namentlich auch nicht genau genug gegeben, dass nicht alle Locali- sationen im äusseren Raum bedenklich schwankend würden, wenn wir sie wirklich nur in und durch Beziehung auf jenes vage subjective Raumcentrum vorzustellen angewiesen wären.**) So ist denn diese zweite Art von Relativität der Bewegung, welche sich decken würde mit der Relativität aller Orts- und Raum- bestimmungen, zum mindesten noch keine ausgemachte Sache; und ohne dass ich es unternehme, die hierüber schwebenden Streitfragen ihrer systematischen Lösung noch näher zu führen, glaube ich nur davor warnen zu sollen, dass man die Relativität der Bewegung schon rein begrifflich bewiesen zu haben glaubt, indem man sich auf die rein begriffliche Relativität des Raumes beruft.
Es ist aber noch ein dritter Sinn des „relativ", der den Vertretern der Relativität der Bewegung wohl noch mehr, ja vielleicht manchmal ausschliesslich im Sinne liegt: dass wir eine Bewegung, Veränderung des Ortes, nur dann erkennen, wenn nicht nur zwei *) Hierbei darf freilich bei „Ort" nicht an „ausdehnungslosen Ort" (= mathematischer Punkt, Tgl. Psychol., § 47) gedacht werden. Denn es ist eine unbestreitbare Eigenthümlichkeit des Raum- und Zeit-Continuums (im Gegensatze zum Farben-, Ton-Continuum u. dgl. m.), dass sich ein punktueller Ort nicht isolirt vorstellen lässt. — Aber diese psychologische Thatsache deckt sich nicht mit den in der These von der Relativität aller Ortsbestimmungen als solcher irr- thümlich behaupteten.
**) Ueber das noch allgemeinere und namentlich durch HERING wirksam be- kämpfte Vorurteil, dass wir überhaupt unsere Empfindungen alle erst „aus uns selbst hinausprojiciren", und einige weitere Argumente zur Berichtigung dieses Vorurteils vgl. meine Psych, S. 344.
Nachwort au Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 131 Orte als solche, sondern zwei D i n g e in den Orten wahrnehmbar sind; wobei „Dinge wahrnehmen" hier nur heisst: Farben sehen, Tastbares tasten u. dgl. — alle diese Qualitäten zusammen eben mit ihren wechselnden Raumdaten. — Eben dies ist auch der Sinn der oben (S. 128) angeführten Definition von Kant, wo er die absolute Bewegung definirt als eine, die „in gar 'keiner Relation auf die Ma- terie ausser ihr" stehe. Sie bleibt, wenn nicht ihrem Wortlaut,gar keiner", so doch ihrer Absicht nach im Recht. Denn auch in jener „Materie ausser ihr" ist eben hier offenbar nicht der metaphysische Begriff der Materie, namentlich auch nicht der der Substanz gemeint, sondern eben nur irgendwelche qualitative Bestimmungen zusammen mit den örtlichen. Und das ist ja wohl immer und überall der am stärksten sich aufdrängende Grund zu Gunsten des Relativismus in Sachen der Bewegung, dass, wenn es in der Welt nur e i n sichtbares oder tastbares Ding gäbe, z. B. nur meinen eigenen mit was immer für Translationsgeschwindigkeit durch den übrigens leeren Weltraum dahinfliegenden Leib, und nicht noch ein zweites Ding, welche beide wir dann ihre Ortsrelationen zu einander ändern „sehen14, eben hiemit die Aenderung des Ortes jenes einen unwahrnehmbar, und hiermit überhaupt unerkennbar würde.
Ich brauche nun wohl nicht zu versichern, dass mir die Gründe für diese populäre These bekannt sind; dass wir z. B. nicht wissen, ob unser Eisenbahnzug in finsterer Nacht, wo der Ausblick auf äussere Bezugskörper fehlt, vor- oder rückwärts sich bewege; ob sich unser Zug oder der uns gegenüberstehende zu bewegen anfängt, so- lange wir eben nur diese zwei Körper sehen; desgleichen die un- zähligen gleichwertigen Beispiele. Es fällt mir überdies nicht nur nicht ein, den Gedankenlosigkeiten*), welche z. B. einst der Koper- nikanischen Lehre von der Erddrehung den Eingang erschwerten, das Wort zu reden; ich glaube vielmehr sogar aufmerksam machen zu sollen, dass man gerade heute dem Kopernikanischen Relativitäts- gedanken einen schlechten Dienst thut, wenn man schon die Schul - *) Ich habe einmal ein Beispiel einer solchen erlebt, welches bo stark ist, dass es eben deshalb verdient, hier erzählt zu werden. Es war an der salzburgisch- bayrischen Grenze, zu Zill nächst Hallein, westlich von der Salzach, wo ich von einem würdigen Förster gefragt wurde, nach welcher Richtung sich denn nach der verrückten Ansicht die Erde drehen solle. Ich zeigte nach Osten. «Dann liegen wir ja alle gleich in der Salzach "...Ich glaube aber nicht, dass man eine solche Unfähigkeit, mit den durch die Erscheinungen gebotenen Relativitäten im Denken Ernst zu machen, jedem Bekenner der absoluten Bewegung zutnui.n sollte.
9* 132 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.