SigPhi · Immanuel Kant

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

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kinder lehrt, es sei „nicht wahr", dass die Erde still steht, „wahr" sei vielmehr, dass sie und nicht die Sonne sich dreht u. s. f. — all' das, ehe von den Kindern die thatsächlichen Erscheinungen auch nur halbwegs bestimmt in der Anschauung aufgefasst worden sind. Alle solche Inconsequenzen sind mit einem Schlage vermieden, wenn der weitestgehende Relativismus lehrt, das Kopernikanische System gegen- über dem Ptolemäischen sei nur als Sache der „Bequemlichkeit" auf- zufassen. Doch bleibe die Frage, ob man nicht auch consequent sein kann, ohne soweit zu gehen, d. h. die Aufgabe, an jenem grandiosesten concreten Beispiele für die Relativitätsthese die Grenzen der Be- rechtigung dieser schärfer festzustellen, den Schlussanwendungen unserer Untersuchung vorbehalten (S. 158 ff.).

Sogleich zu würdigen ist dagegen im Interesse eines widerspruchs- losen abstracten Durchdenkens der relativistischen These als solcher, speciell ihrer dritten Bedeutung, die Bemerkung des schon oben an- geführten Relativisten Herrn Dr. Karl Neisser, dass man nicht einmal sagen dürfe: Wenn A und B (zwei sichtbare oder tastbare Dinge) als in Be- zug aufeinander in Bewegung wahrgenommen wurden, so „könne man nicht wissen", ob in Wahrheit A oder ob in Wahrheit B sich bewegt habe. Selbst Kant hat an den Stellen, welche sich auf den ersten Blick als stärkster Ausdruck der relativistischen Auffassung lesen, nicht entschieden genug einen solchen Gedanken an die Bewegung nur eines Beweglichen abgewiesen. Z. B. S. 93:*) „Es sind.. hier immer zwei Correlata, *) Ganz ähnlich auch schon: KANT, Neuer Lehrbegriff der Bewegung und Ruhe' (Hartenstein, Sämmtl. W., 2. Bd. [1867], S. 17): „Ihr werdet mir zuge- stehen: dass, wenn von der Wirkung, die die beiden Körper im Zusammenstosse gegeneinander ausüben, die Rede ist, die Beziehung auf andere äussere Dingn hiebei nichts zu schaffen habe. Wenn man also die Veränderung, die hier vor- geht, bloss in Anschauung der beiden Körper A und B betrachten muss, und man zieht seine Gedanken von allen äusseren Gegenständen ab, so sage man mir: ob man aus dem, was zwiscben beiden vorgeht, abnehmen könne, dass einer von beiden ruhe und bloss der andere sich bewege und welcher von ihnen ruhe oder sich bewege? Wird man die Bewegung nicht beiden und zwar beiden in gleichem Maasse beilegen müssen? Die Annäherung derselben gegen einander kommt einem so gut als dem anderen zu." Auch hier müsste es, weil diese Stelle offenbar recht eindringlich vor jedem Sprechen von der Bewegung nur eines Körpers warnen will, in den allerletzten Worten statt: „Die Bewegung komme einem so gut als dem andern zu*, ihrer Absicht nach heissen: „dem einen allein sowenig als dem andern allein*. — Das andere Bemerkenswerte an der Stelle ist der unten näher zu erörternde Gedanke des „geschlossenen Relationssystems ", der in den Worten, dass „die Beziehung auf andere äussere Dinge hiebei nichts zu schaffen habe," sehr deutlich ausgesprochen ist.

Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 133 deren einem in der Erscheinung.. ebensogut, wie dem anderen die Veränderung beigelegt, und dasselbe entweder, oder das andere bewegt genannt werden kann, weil beides gleichzeitig ist. u — Mit vollstem Rechte darf der Relativist als solcher hier das „Entweder — oder" ablehnen und muss auf dem „Sowohl — als auch" bestehen; etwa so gut, als man die Partikel „Entweder" ablehnen muss, solange nicht schon das „Oder" in Sicht ist.

Aber — dieses „vollste Recht* ist selbst nur ein relatives; nur wenn man Relativist um jeden Preis sein und bleiben will, muss man, wenn an Stelle einer Configuration oder ganz allgemein einer Relation ApB eine andere A'p'B' getreten ist (wo A und B allge- mein Fundamente, q und q' allgemein Relationen darstellen sollen), sich enthalten zu sagen: Weil sich die Relation verändert hat, so muss sich auch mindestens eines der Funda- mente verändert (und zwar in seinen absoluten Eigen- schaften verändert) haben — ich weiss nur im Falle des „Wahr- nehmens" von Bewegungen von Körpern nicht, ob der Ort dieses, ob jenes, oder ob vielleicht beider Körper. — Eben weil ich meinerseits die Evidenz dieses etwas specielleren relationstheoretischen Satzes eben- sowenig los werden kann, wie die des oben (S. 127) angeführten all- gemeinsten: „KeineRelation ohne Fundamente", fühle ich mich nicht zum Relativisten berufen. Trotz aller vermeintlichen Evidenz und gewiss verführerischen Argumente für den Satz: „Alle Bewegungen sind relativ", in seinem dritten Sinn (s. o. S. 130 ff.) wage ich es', ihm die These entgegenzustellen: Bei jeder relativen Bewegung muss mindestens der eine der in Bezug auf einander sich bewegenden Körper auch absolute Bewegung haben.

Der Satz ist in der üblen Lage, wenn er wahr ist, eine Tri- vialität zu sein. Da ich nun glaube, dass er wahr ist — wie ist es dann mög- lich, dass er, und wäre es von noch so Wenigen ganz consequent, je hat geleugnet werden können? Ich fürchte, es hat hier eine Ver- wechslung mitgespielt: die von „Denkbarkeit" und „Erkenn- bar keif,55) und zwar innerhalb der „Denkbarkeit" = Vorstell barkeit *) Die ganze Unterscheidung entspricht völlig ungekünstelten Denk- und Sprech-Bedürfni8sen; z. B.: Ich kann mir wohl denken, dass auch die Pflanzen Empfindung haben, aber ich kann nicht erkennen, ob sie Empfindung haben. — Wie diese Unterscheidung die von Vorstellung und Urteil voraussetzt, so zeugt sie auch für sie. Näheres über Sinn und Begründung dieses Auseinander- haltens vgl. meine Logik, § 5, § 41 u. a.

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eine Unterschätzung der abstract unanschaulichen, indirecten Vor- stellungen gegenüber den concret anschaulichen, innerhalb der „Er- kennbarkeit" = Beurtheilbarkeit wieder die Unterschätzung berech- tigter Wahrscheinlichkeit gegenüber evidenter Gewissheit.

Um das skizzirte erkenntnisstheoretische Programm aber nicht noch länger in ermüdenden Allgemeinheiten durchzuführen, kehren wir endlich von der nothgedrungen „dialektischen" Ablehnung des selbst bloss dialektischen Grundes: „Wir können uns andere als relative Be- wegung nicht denken, also auch keine erkennen" zu denjenigen phy- sikalischen Gründen zurück, welche — mit Newton und Kant und neuestens auch wieder mit Streintz — ganz bestimmte Bewegungen, nämlich die krummlinigen gegenüber den geradlinigen, die rotirenden gegenüber den translatorischen, von dem Vorwurfe der Absurdität absoluter Bewegungen überhaupt ausnehmen zu sollen glauben.

Wiewohl ich aber einiges zugunsten der absoluten Bewegung hier vorzubringen versuche, möchte ich doch dazu rathen, gegen eine solche principielle Andersbehandlung zweier, wie sehr auch sonst charakteristisch verschiedener Bewegungsarten Misstrauen zu hegen. Denn ist schon der blosse Gedanke einer absoluten Translations- bewegung so „absurd", wie ihn z. B. auch wieder Streintz findet, so müsste sich die Absurdität in einer so principiellen Sache füglich doch auch auf einen nur quantitativ, nicht qualitativ, generell verschiedenen Vorgang, die absolute Rotation, mit erstrecken. Denn der Begriff der absoluten Rotation setzt sich ebenso ausschliesslich aus rein phoronomischen Elementen zusammen wie der Begriff der ab- soluten Translationsbewegung. Somit könnte das dynamische Merkmal der Centrifugalkräfte (genauer: das tononomische der Cen- trifugalspannungen), durch das sich in den beiden Experimenten Newtons die „absolute" Drehbewegung nach Newton oder die „wahre" Drehbewegung nach Kant erkennen, also umsomehr „ denken" lasse, eine „Absurdität" im phoronomischen Begriffe auch der Rota- tion oder irgend einer krummlinigen Bewegung nicht mehr gut machen — wenn eine solche Absurdität absoluter Bewegungen überhaupt vorhanden war. — Freilich, wenn sich umgekehrt zeigen Hesse, dass nicht schon im Begriffe der absoluten Rotation Undenkbarkeiten liegen, so würden sie aus demselben Grunde der phoronomisch-quali- tativen Gleichartigkeit auch schon nicht im Begriff e der absoluten Translation eines Körpers, ja nicht einmal im Begriffe der absoluten geradlinig gleichförmigen Bewegung eines Punktes liegen können.

Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 135 Welche positiven physikalischen Erfahrungen es nun sind, welche bei Newton und Kant und so vielen Späteren für die Rotation und allgemein alle krummlinigen Bewegungen ein so günstiges Vorurteil erwecken, dass vor ihnen die Relativitätsthese, wenn nicht Halt macht, so doch stutzig wird, ist bei Newton und Kant so ausführlich dar- gestellt, dass es hier nicht wiederholt zu werden braucht. Allgemein gesprochen sind es, wie gesagt, die jede*) Veränderung der Richtung begleitenden mechanischen Spannungen. Es wird zweck- mässig sein, im Folgenden etwas näher nur bei der neuesten ausführ- lichen Gestaltung desselben Gedankens zu verweilen, bei Streintz'**) Forderung, alle Bewegung auf dasjenige streng physikalische Coor- dinatensystem zu beziehen, welches er als Fundamental-Coor- dinaten-System (FS)***) bezeichnet. Das physikalische Instru- ment zur Prüfung, ob ein System dieser Bedingung genüge, ist der „ gyroskopische Compass"; d. h.: habe ich einen Kreisel in rasche Rotation versetzt, so reagirt er bekanntlich auf jeden Versuch, seine Rotationsebene zu ändern, durch Druck oder Zug, die ich, wenn ich z. B. die Axe mit der Hand anders als rein translatorisch zu bewegen versuche, in Druck- oder Zugempfindungen direct wahrnehme. Im weiteren Sinne fallen auch das Foucault'sche Pendel, die Benzenberg'sche Fallabweichung u. s. f. unter diesen Begriff des gyroskopischen Compasses. — Indem ich nun alles Einzelne des STREiNTz-schen Ge- dankenganges übergehe, glaube ich nur das Folgende hervorheben zu sollen: Streintz' Forderung, dass nur solche Bewegungen als gerad- bezw. krummlinig, gleichförmig bezw. ungleichförmig, rein bezw. nicht rein translatorisch bezeichnet werden dürfen, die diese Eigenschaften auch inbezug auf ein FS besitzen, ist physikalisch in offenbarem Rechte; *) Ausgenommen die Planetenbewegungen u. dgl., bei denen uns statische (tononomi8che) Phänomene bisher nicht zugänglich waren. Vgl. oben S. 35, Anm., **) Die physikalischen Grundlagen der Mechanik, 1883. 141 S. — STREINTZ ist 1892 gestorben. Ich danke ihm noch jetzt für manches anregende Gespräch. ***) Die betreffenden Definitionen lauten: „.. Zur Vereinfachung der Ausdrucks- weise werde ich künftig einen Körper, der keine Rotation ausführt und der als vollkommen unabhängig von allen umgebenden Körpern betrachtet werden kann, als Fundamental-Körper (FK) bezeichnen...■ „ Unter Fundamen- tal-Coordinatensystem ( FS) soll analog ein solches verstanden werden, das mit einem Fundamental-Körper in fester Verbindung ist oder in solcher ge- dacht werden kann.*...„Die geradlinige gleichförmige Bewegung werde ich kurz als galileische Bewegung bezeichnen. [Eine Erwägung gegen diesen Vorschlag vgl. oben S. 82.] Dieselbe ist, wenn nichts gegenteiliges gesagt ist, immer zu denken inbezug auf einen Fundamental-Körper/ 136 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

dies schon deshalb, weil, wenn z. B. absolute Translation irgend einen Sinn hat, und sie kommt dem FS absolut, einem anderen Gebilde relativ zu FS zu, sie auch diesem Gebilde absolut zu- kommt — wie dies die bekannten Rechnungen*) an als „absolut* wenigstens fingierten Coordinatensystemen zeigen. — Ferner ist es wahr, dass sich als FK jeder Körper eignet, an dem durch Mittel, welche Centrifugal-Spannungen — jedoch nicht nur solche bei Krei- sungen und Rotationen (die auch Streintz wieder allzusehr bevor- zugt), sondern auch bei irgendwie sonst krummlinigen Bewegungen — nachzuweisen überhaupt imstande wären (ihre Empfindlichkeit als unendlich fingirt, übrigens gleichviel, ob es bloss unsere Muskeln und Nerven oder irgendwelche „gyroskopische Compassea seien), das Nichtvorhandensein solcher Spannungen erkannt ist. — Ein logischer Cirkel im grössten Maassstabe aber ist es, wenn Streintz meint — und dies zu zeigen ist ja das Ziel seines ganzen Buches — dass es der vorgängigen Kenntnis jenes FS bedürfe, „um auf ihrer Grundlage die analytische Mechanik aufzu- bauen" (S. 44 u. a.). Leben wir doch sogar noch heute in dem Zeitalter vor der Ausführung der von Streintz so dringend geforderten, aber weder von ihm selbst noch von irgend sonst jemand bisher wirklich ausgeführten Versuche mit dem gyroskopischen Compass. Die analytische Mechanik haben wir ja, aber jene Versuche noch nicht. — Woher sonst, als aus (so ziemlich der ganzen, jedenfalls einschliess- lich auch der höchsten Teile) der analytischen Mechanik, die ohne FS in Angriff genommen und ausgebaut worden ist, glaubte denn Streintz überhaupt zu wissen, dass der rotirenden Bewegung ein genereller Vorzug gegenüber der translatorischen zukomme? So darf und muss man fragen, gleichviel ob man mit Streintz jenen Vorzug auf abso- lute Bewegung deutet oder nicht — und ebenso auch noch, wenn man sogar jeden Vorzug überhaupt leugnet. Denn der Cirkel sitzt eben schon im Formellen. Soll er aber auch physikalisch recht fühl- bar werden, so etwa aus der Betrachtung (Streintz, S. -57), welche sich gegen Laplace'S Vorschlag wendet, „die Eigenbewegungen der Fixsterne auf die invariable Ebene des Sonnensystems zu beziehen", dann aber soviel zugesteht: „Wenn dennoch die Bestimmung nach der invariablen Axe Berechtigung hat, so liegt dies in dem Umstände, dass *) Wesentlich die Um- und Ausgestaltungen der mathematischen Formgebung dieses Gedankens bilden den Inhalt der neueren Abhandlungen von LüDWIG LANGE, IjEONHARD WEBER u. A., welche nebst weiterer Litteratur in den oben angeführten Arbeiten von MACH, JOHANNESSON u. s. f. näher eiörtert sind.

Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 137 das zu Grunde gelegte Coordinatensystem physikalische Eigenschaften besitzt, nämlich ein Fundamental-System ist." Woher aber Streintz' und unser Aller Wissen, dass es etwas wie eine „invariable Ebene" überhaupt gebe, wenn nicht aus so ziemlich der ganzen Mechanik selbst, wie sie ohne gyroskopischen Compass und ohne FS zustande gekommen ist? Und auch noch mehr wissen wir aus der Mechanik ohne vorgängiges FS: dass auch die invariable Ebene unseres Sonnensystems durch mechanische Kräfte irgendwelcher Massen ausserhalb des Systems (gleichgiltig ob sichtbar oder unsichtbar) um ihre In Variabilität gebracht werden könnte, ohne dass hiermit jene Mechanik selber einen Stoss erführe.

Auch noch aus einer allgemeineren Rücksicht hätte es Streintz auffallen können, dass sein FS und FK dem Denken in der Mecha- nik nicht so unentbehrlich sei, wie er es glauben machen will. Denn in der ausführlichen g historisch- kritischen Umschau* hat er so ziemlich allen Classikern der Mechanik vorzuwerfen, dass sie das Bedürfniss solcher realer Coordinaten entweder überhaupt nicht ver- spürt, oder ihm nicht treu zu bleiben vermocht haben.

Wagen wir es also im Hinblick auf die von Streintz mit aus- führlichen Citaten belegte Constatirung, dass Newton, Euler, Lagrange Laplace, Poisson, Poinsot, Riemann,Jacobi, Thomson und Tait, Maxwell, Clausiüs, Kirchhoff, Schell u. A. entweder gar keine oder doch nicht unerbittliche Relativisten gewesen sind, uns in die Vorstellungswelt des weitest gehenden Absolutisten, wie wir den Nicht-Relativisten kurz nannten, hineinzudenken. — Wie nimmt sich denn überhaupt der Gedankengang, der sogar zu positiven Behauptungen über Trans- lationsbewegungen und geradlinige Bewegungen führen kann, unter der einzigen vorgängigen Annahme aus, dass „absoluter Raum" und „absolute Bewegung" nicht leere Wörter seien, sondern dass wir von beiden zwar nicht Anschauungen, aber doch wohl definirte Begriffe haben? Ich fingire dabei (was ja gelegentlich der Erörterung des Trägheitsgesetzes im dritten Abschnitte, S. 91 ff., ausführlich als eine viel zu grobe Auffassung vom wirklichen erkenntnistheoretischen Sachverhalt dargestellt wurde), dass es sich nur um die „grob em- pirische" Untersuchung der geradlinig gleichförmigen Bewegung und ihrer gesetzmässigen Beziehungen, also zunächst zu den Begriffen Trägheit und Beharrung, handle. Ohne alle Frage war dann etwa die Bewegung eines über die ebene wagrechte Tisch- oder Billardplatte gleichförmig geradlinig dahinrollenden oder gleitenden Körpers ^38 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

zuerst als eine relative Bewegung zur Tischplatte aufgefasst worden. Sollte aber sich nicht hier unbeschadet des augenfälligen Ge- gebenseins beider Relationsglieder, der Kugel und des Tisches, immer (oder doch bis auf seltene Ausnahmsfälle) gerade im naivsten, un metaphysischesten Menschen sogleich ein Nebengedanke an abso- lute Bewegung ganz von selbst einstellen? Ich sage durchaus noch nicht, dass dies mit Recht geschehe; ich beschreibe einstweilen nur den ungekünstelten Denkvorgang. Die Kugel bewegt sich so und so inbezug auf den Tisch. Da aber der Tisch ruht, „absolut" ruht, so ist die relative Bewegung der Kugel zugleich eine abso- lute Bewegung der Kugel. Nun blicke ich von der Tischplatte weg durchs Fenster auf die Sonne oder auf die Sterne und denke daran, dass sich die Erde und die Sonne inbezug auf den Fixstern- himmel bewegen, sage mir also, dass die Tischplatte eigentlich nicht ruhte, und nehme sogleich meine frühere Vormeinung zurück, dass die relative Bewegung auch zugleich die absolute gewesen sei. Ich nehme aber diese Meinung nicht in der Weise zurück, dass ich so- gleich an jedweder absoluten Bewegung der Kugel verzweifle, son- dern ich bringe die Bewegung des Tisches inbezug auf den Fixstern- himmel — und zwar seine Translation nicht minder als seine Rotation (jene überwiegend infolge der jährlichen, diese infolge der täg- lichen Bewegung der Erde) — in Anschlag und sage mir, dass trotz der Teilnahme des Tisches an der Rotation der Erde seine absolute Bewegung während der kurzen Zeit des Rollens der Kugel doch sehr annähernd rein translatorisch gewesen sei; und zwar dies auch dann noch, wenn ich überdies noch an die Bewegung des ganzen Planetensystems inbezug auf den Fixsternhimmel (gegen das Sternbild des Herkules hin) denke. Wieder schliesst dieser letzte Gedanke den weiteren ein, dass dabei der Fixsternhimmel im abso- luten Raum höchstens eine Translation, nicht eine Rotation ausgeführt habe. — Alle diese Annahmen als vielleicht einstweilen noch recht unbegründet, aber nur eben nicht sinnlos zugegeben, komme ich also von dem Anblick der auf der glatten wagrechten (höchstens fort- schreitend, nicht aber merklich drehend bewegten) Tischplatte gerad- linig gleichförmig sich bewegenden Kugel zu dem schliesslichen Ge- danken, dass sie eben dieses relative Geradlinig-gleichförmig von ihrem absoluten Geradlinig-gleichförmig gleichsam zu Lehen trage. — Ich kann nachmals in dieser Auffassung nur bestärkt werden, wenn ich von den relativen Bewegungen der auf dem „ruhenden" Tische rollenden Kugel übergehe zu einer vor meinen Augen inbezug auf Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 139 Boden, Wände und Decke des Zimmers hinreichend rasch rotirenden Tischfläche. Hier erwarte ich mir auf Grund der häufigeren Erfah- rungen an ruhenden Tischen nichts anderes, als die bekannte Spiral- bewegung der absolut geradlinig gleichförmig sich bewegenden Kugel inbezug auf die rotirende Tischplatte; und ich lasse mir durch die gänzlich geänderte Relation zwischen Tisch und Kugel keinen Augen- blick imponiren, da ich ja zu gut weiss, dass und inwieweit diese Aenderung der Relation dem einen Relationsglied, eben der mit ab- soluter Rotation versehenen Platte, allein zuzuschreiben ist. — Frei- lich könnte und sollte vielleicht unser Naiver weiters die vor seinen Augen sich vollziehende Rotation des Tisches auf ein ebenso „mög- liches" Tanzen des Zimmers, des Hauses, der Erde u. s. f. umdeuten und mit diesen Rotationen die Spiral bewegung der Kugel auf dem Tische in Beziehung zu setzen suchen: ob aber nicht ein Körnchen gesunder Vernunft in der „Gedankenlosigkeit" steckt, mit welcher der Ungelehrte keine so fernliegenden Beziehungen sucht, sondern die Rotation des Tisches sogleich wieder als absolut nimmt? Und zwar dies auf das Sehen der relativen Rotation zwischen Tisch und Wände hin; nicht etwa erst, indem er mit seinem Tasten das Auf- treten oder Fehlen von Centrifugalspannungen untersucht (die sich leicht durch passend angebrachte elastische Federn oder dgl. an der Tischplatte auffällig machen Hessen).

Ich meine nun, dass es im Grunde bloss# ein so durchaus populärer, sozusagen vor wissenschaftlicher Gedankengang war, auf Grund dessen auch Streintz sich jede Rotation an seinem Bezugskörper verbittet. Wir haben diese seine Forderung materialiter durchaus zugegeben, sie aber formal für einen colossalen logischen Cirkel erklären müssen. Er hört auf, ein solcher zu sein, sobald der gyroskopische Compass nicht mehr beansprucht, selbst schon auf die Wissenschaft begründet zu sein, die dann wieder auf ihn begründet werden soll, sondern wenn er nur eine andere Einkleidung für die populäre B Tisch- platte" ist. — Lässt sich nun aber auch für die strengsten logischen Ansprüche an Stelle des logischen Cirkels ein sozusagen geradliniger Gedanken- gang setzen? Lässt sich der „ gedankenlose * Uebergang von dem inbezug auf die Erde ruhenden Tische, von der inbezug auf den Fix- sternhimmel mit einer ganz bestimmten Winkelgeschwindigkeit (von 360° per 23h 56m) rotirenden Erde, zu dem im absoluten Räume (höchstens translatorisch nach einer für immer unbestimmbaren Rich- tung und Geschwindigkeit) fortschreitenden, nicht aber selbst wieder 4() Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

mit merklicher Winkelgeschwindigkeit rotirenden Fixsternhimmel — lassen sich alle diese Vormeinnngen auch nur als wahrscheinlich be- rechtigt nachträglich sanctioniren, ohne dass dabei insbesondere schon das Trägheitsgesetz vorausgesetzt wäre, das wir doch eben wieder selbst nur unter der Präsumption ausdenken konnten, der Tisch habe höchstens irgendeine absolute Translation mit einer zunächst unter- merklichen Rotation?

Ich wage nun hier die allgemeinere Bemerkung, dass sich die Physik logische Cirkel *) auch sonst ab und zu gestattet, was gewiss