ein in der Luft schwebender Satz, der (um verständlich zu sein) noch eines be- stimmten Hintergrundes bedarf. Irgend ein specieller Körper im Weltall muss uns gegeben sein, als Basis unserer Beurteilung, als derjenige Gegenstand, mit Bezug auf welchen alle Bewegungen zu taxiren sind, — nur dann erst werden wir mit jenen Worten einen bestimmten Inhalt zu verbinden imstande sein."
*) An diesen Einwurf, der es mir seit dem Erscheinen von STREINTZ' Buch (1883) recht fühlbar machte, wieviel Unklarheiten in dem Streit um die absolute Bewegung neben den wirklichen Schwierigkeiten einherlaufen, rührt auch JOHANNESSON a. a. 0. S. 6: „Es ist etwas wesentlich anderes, ob Neumann die Form der Bahn oder allgemeiner die Art der Bewegung ohne Bezugsort unbestimmt findet." — Aber schon der nächste Satz verdirbt jene Unterscheidung: „Freilich giebt es keine Linien ohne Bewegung und keine Bewegung ohne Linien..." Trotz der bekannten didaktischen Vorzüge „genetischer Definitionen" von geometrischen Gebilden und trotz der berühmten Behauptung KANTS von der „Synthesis", welche mich z. B. die Gerade nur anschaulich vorstellen lässt, indem ich sie selber „c o n - s t r u i r e," in der Phantasie „zieh e", ist der Satz: „Keine Linie ohne Bewegung", falsch. Er ist selber ein hübsches Beispiel für das Vorkommen der gB8; er ver- kennt, dass diegeometrischen Relationen, welche (nebst den „absoluten Oertern") das Wesen eines geometrischen Gebildes ausmachen, von allen Relationen zu Phoronomischem, und dahin gehört auch die „Entstehung durch B e w e g u n g", gänzlich unabhängig sind.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 149 Linien) von ihr eine synthetische*) Definition geben zu können glaubt oder sich mit dem Hinweis auf die anschaulichen Vorstellungen von starren Stäben, gespannten Fäden und dergleichen begnügt: jedenfalls bilden die Vorstellungen von begrenzten wie unbegrenzten Geraden Beispiele zu dem, was ich allgemein „geschlossene Relations- systeme" nenne und im Folgenden durch gRS bezeichnen will.
Der Begriff eines gRS lässt sich durch folgendes Schema dar- stellen: Es seien A und B zwei Vorstellungs-Gegenstände, zwischen denen die Beziehung q besteht. Ueberdies mag A noch zu anderen Gegenständen A1} A,, A3 in den Beziehungen r„ r2, r3 und B zu B4, B5 in den Beziehungen r4, r5 stehen. Wenn dann (> nur abhängig ist von A und B, d. h. wenn A und B unabhängig von allen übrigen Relationen, in denen eben diese A und B zu irgend Etwas ausser ihnen beiden noch stehen mögen, nothwendige und ausreichende Fundamente der Relation q sind, so bilden A, q, B zusammen ein gRS; symbolisch: Es versteht sich, dass mit vorstehender Definition nur der denk- bar einfachste Fall des Begriffes eines gRS getroffen ist, dass aber eben dieser Begriff einer Erweiterung auf drei oder mehrere, auch unendlich viele Fundamente fähig ist; und zwar kann es überdies geschehen, dass zwischen je einem Paar Fundamenten auch mehr als eine Relation bestehe; symbolisch A^B. Worauf es dagegen hier allein ankommt, ist der Begriff des „geschlossen": er ist ein wesentlich negativer, d. h. er besagt, dass es — zunächst begrifflich — möglich sei, die eine Relation q, in der A zu BMteht, reinlich abzusondern gegen sämmtliche sonstige Relationen, in welchen das- selbe A zu Anderem, nämlich At, A2.. steht oder stehen mag.
An den so definirten Relations- Begriff (d. h. hier: Begriff von einer Relationsform, die in sich jederzeit schon in höherem Masse complex ist, als es jeder Relation als solcher zukommt) schliesst sich *) Die Ausdrücke „analytische* (d. h. der analytischen Geometrie angehöris») oder „synthetische Definition" hier nicht im Sinne der „analytischen und synthetischen Definition der Logik" (vgl. Logik § 29) genommen, dem der der Geometrie hier zufällig beinahe entgegengesetzt ist.
150 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
die Frage: G i e b t es gBS? Ist ein solches reinliches Ablösen einer Relation von allen übrigen Relationen, welche ein Fundament gemein- sam haben, mehr als nur in Gedanken zulässig? Darauf ist zu ant- worten mit dem evidenten Relations- Urteile: Ja — auch zwischen Relationen selbst bestehen solche Unabhängigkeits- Relationen (welche letztere wir oben S. 46 als w-Relationen be- zeichneten).
Unser Beispiel für diesen Begriff des gBS besteht nun darin, dass für die Gerade zwischen was immer für Paaren ihrer Punkte AB, AC BC. bestimmte Richtungsrelationen*) g,?',(>".. bestehen, zwischen denen selbst wieder lauter Gleichheitsrelationen bestehen. Dass aber über- dies diese Relationen unabhängig sind von allen Beziehungen auf Punkte ausser der Geraden, macht am kürzesten und handgreiflichsten (wenn auch nicht streng logisch abschliessend) die Anschauung von einer geraden starren Stange deutlich, die ja „gerade" bleibt, mag sie auf was immer bezogen werden, in irgend einem relativen oder auch absoluten Raum wie immer herumwirbeln.
Hiermit sind wir schon von der geometrischen Geraden zur „phoronomischen Geraden," wie wir sie oben kurz nannten, über- gegangen; die letztere ist es, deren Denkbarkeit Neumann leugnet. Nun dürfte zugegeben werden, dass, wenn an unserer starren Stange sich etwa eine durchbohrte Kugel fortschiebt, es immerhin einen — ich sage nicht den nächstliegenden — Sinn hat, auch von dieser Kugel noch zu sagen, sie „bewege sich in gerader Linie"; die gerade Stange schreibt eben der Kugel eine gerade Bahn vor. Gerade der Umstand aber, dass es uns allerdings nicht nahe liegt, bei dem Ausdruck „Bewegung in gerader Linie" an diese mögliche Auslegung zuerst zu denken, kann uns wieder aufmerksam machen, wie wir immer darnach streben, specielle Bezugskörper (hier die Stange) als unwesentlich so schnell als möglich auszuschalten, und vorzudringen zu denjenigen Inbegriffen absoluter Oerter, die wir kurz als die „ab- soluten Bahnen" bezeichnen wollen, und für die erst unsere mechanischen Gesetze eigentliche Geltung beanspruchen. Darf aber die Frage, ob es auch noch einen Sinn hat, sich in den absoluten Raum eine Gerade eingezeichnet zu denken, zunächst im geometrischen Sinne, nach dem was oben über die Entbehrlichkeit von geometrischen Coordinaten- systemen gesagt wurde, bejaht werden, d. h. giebt es einmal eine *) Vgl. meinen Aufsatz „Zur Analyse der Vorstellungen von Abstand und Richtung." Ztschr. f. Psych. Bd. X. 1896.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 151 absolute geometrische Gerade, so hindert nichts mehr, sie nachträg- lich von einem Punkte durchlaufen zu denken und ihr also die Rolle einer phoronomischen Geraden, einer absoluten geraden Bahn beizulegen.
Nur andeuten möchte ich noch eine verwandte Erwägung rela- tionstheoretischen Charakters, welche nicht nur ebenfalls die Bedenken gegen die Begriffe des Absoluten und der absoluten Bewegung soll mildern helfen, sondern welche mir geradezu den Rechtsgrund all- gemein auszusprechen scheint, um dessenwillen wir aus den in die Erscheinung fallenden concreten relativen Bewegungen nicht nur die „Denkbarkeit", sondern sogar ein Stück „Erkennbarkeit" der ihnen zugrunde liegenden absoluten Bewegungen herauszulesen und herauszulösen berechtigt sind. Es ist folgender Gedanke: In einer Relation A(>B wechselt im allgemeinen q, wenn bei unverändertem A das B wechselt (oder A bei unverändertem B). Ist aber in besonderen Fällen das Verhältniss ein solches, dass innerhalb dieser Wechsel des q etwas an dem q immer dasselbe bleibt, wiewohl das B gewechselt hat, so muss dieser „Kern" des q inbezug aufB nicht relativ und insofern absolut sein.*) Sogleich wieder in unserem Falle der absoluten Bewegung: es ist nur die im Grunde von niemandem je geleugnete weitgehende „Gleich- giltigkeit", was für einen speciellen Bezugskörper ich wähle, welche *) Ausser dem oben gegebenen Beispiel, d. h. der Anwendung jenes relations- theoretischen Satzes auf die absolute Bewegung, führe ich als zweites Beispiel eines aus der Arithmetik an; nämlich eine Erwägung, die geeignet sein dürfte, in dem viel verhandelten (— a). ( — b) = -f- ab mehr als eine Sache blosser „Willkür" oder „ Bequemlichkeit" zu sehen. Beziehen wir nämlich diejenigen Grössen, welche inbezug auf den gewöhnlichen Nullpunkt 0 durch — a und — b gemessen oder gezählt sind, auf einen solchen Nullpunkt fi, dass inbezug auf ihn die ent- sprechenden Zahlen o> — a und w — b nicht mehr negative, sondern „ absolute" Zahlen sind, so ergiebt sich das Product (w — a) (&> — b) = w2 — o>a — wb -|- ab nach Sätzen der Addition, Subtraction und Multiplication ohne Berufung auf Negatives. Verkleinern wir dann jenes den Nullpunkt zurück verlegende w der Reihe nach um 1, 2, 3.., so ändert sich jenes viergliedrige Multiplicationsresultat nach einem leicht zu durchblickenden Gesetz, das, ohne das ( — a). ( — b) = -f- ab schon vorausgesetzt zu haben, speciell für den alten Nullpunkt eben dieses Pro- duct 0 -j- ab = -f- ab liefert. (Diese Erwägung knüpft an eine Bemerkung aus der Antrittsvorlesung BOLTZMANN's bei Uebernahme der Professur der Mathematik in Wien, 1874, an; ich vermag aber nicht mehr fettzustellen, bis wieweit sich jene Anregung in den angedeuteten Beweis erstreckt.)
152 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
wir theoretisch dahin formuliren können, dass wenigstens ein Teil der Eigenschaften der Bewegungen mit den Relationen zu den Bezugskörpern nichts zu thun habe, also in diesem Sinne absolut sei. In diesem Sinne sagten wir schon oben (S. 138), dass die relativen Bewegungen ihre Eigen- schaften von den absoluten „zu Lehen tragen", nicht umgekehrt; also in dem damaligen Beispiele: dass wir in der relativ zu dem ruhenden Tisch gleichförmig geradlinig rollenden Kugel sofort ein Anzeichen für ein absolutes Gleichförmig-geradlinig sehen, welches Anzeichen wir aber auch sogleich wieder anders deuten, wenn uns etwas vermuthen lässt, dass der Tisch selbst sich bewege oder gar auf die Bewegung einwirke — kurz: gegenüber der absoluten Bewegung der Kugel nicht die Rolle eines „gl eichgilt ig enümgebungsbestandtheiles" darstelle. Von diesem „gleichgiltig" hängt nun alles ab. Theoretisch heisst es ebenfalls soviel wie „unabhängig" — also wieder dasselbe, was wir oben (S. 46) als w-Relation (im Gegensatz zur Nothwendigkeits- oder a-Relation) bezeichneten.
Johannesson *) hat in dankenswerterweise den Begriff der „Un- abhängigkeit", welcher in den beiden vorigen relationstheoretischen Begriffsbildungen die Hauptrolle spielt, einer Distinction unterzogen. Es handelt sich bei J. specieil um die „Unabhängigkeit von anderen Massen" bei einem in seiner Bewegung beharrenden Massenteilchen; und J. sagt mit Recht **): „Unabhängigkeit ist.. ein völlig inhalts- loser Ausdruck, wenn nicht gesagt wird, welche Abhängigkeit dadurch verneint werden soll. „„Unabhängig von anderen Massen"" bedeutet einmal ohne Raumbeziehung, das anderemal ohne Kraftbe- ziehung." — Was nun J. gegen die im Trägheitsgesetz postulirte Unabhängigkeit von Kraftbeziehungen sagt, wonach diese auf einen plumpen Cirkel hinausliefe, dürfte durch die früheren Unterscheidungen (S. 83), falls anders diese selbst im Rechte waren, für widerlegt gelten; nämlich durch diejenige Fassung des Kraftbegriffes, nach welcher er zunächst allgemeiner ist als ein blosses Correlat zum Begriff der **) Ich sehe hier von einigen Bedenklichkeiten im Einzelnen ab, so von dem Satze „Im Grunde sind doch alle Dinge und Vorgänge der Welt abhängig oder unabhänig von anderen, je nach der Beziehung, die man ins Auge fasst." Nur wenn man den Abhängigkeitsbegriff selbst wieder bis zur Verschwommenheit er- weitert, lässt sich die Behauptung: „Alle Dinge.. sind abhängig.. von einander" gegenüber den schon oben (8. 47) in Sachen der w-Relation vollzogenen Fest- stellungen halten.
Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 153 gleichförmig geradlinigen Bewegung und erst nachmals durch das Trägheitsgesetz seine thatsächliche physikalische Erfüllung erfährt. Dass es in diesem Sinne der negirten Kraftbeziehung „gleichgiltige Umgebungsbestandteile" gebe, ist jedem Physiker so einzig natür- lich zu denken, dass er vielmehr überhaupt auf jedes Experimentiren verzichten müsste, wenn er einmal nicht mehr den Unterschied zwischen einem Variiren der Umgebung, das den Erfolg eines Ver- suches beeinflusst, und einem solchen, das ihn nicht beeinflusst, machen dürfte.
Bleibt also das „Fehlen der Raumbezieh ungK — augen- blicklich auch unsere Hauptfrage. J. bringt einen Lösungsversuch, indem er eine „ Doppelsinnigkeit des Wortes Raum" finden will. Ich glaube, dass die hier vorgeschlagene Bedeutung, wonach „Raum" eine räumliche Materie *) selbst solle bedeuten können, dem gegen- wärtigen, d. h. nach-cartesischen, Sprachgebrauch schwerlich mehr entspricht. (Bei Kant scheint sie allerdings in einigen Bestimmungen von S. 15 ff. noch anzuklingen, so „Der Raum, der selbst beweglich ist, heisst der materielle Raum"; doch dies sicher nur dem Wortlaute, nicht der sonstigen KANT'schen Raumlehre nach.) Was vollends die ldentificirung dieses materialisierten Raumes mit dem „Aether" betrifft, so werden über diese beliebte Wendung sogleich noch einige Worte zu sagen sein (S. 156).
Halten wir trotz dieses Verzichtes auf J.'s speciellen Lösungs- versuch seine Distinction zwischen Fehlen der Kraftbeziehung und Fehlen der Raumbeziehung fest, so ist die letzte psychologische Frage die: Stehen wirklich unsere Gedanken an Bewegung völlig still, wenn wir ein sichtbares (allgemeiner: sinnlich wahrnehmbares) Ding in sichtbarer Umgebung sich haben bewegen sehen, und es verblassen in dieser Umgebung allmälig oder plötzlich alle „Marken", auf welche wir die Bewegung jenes Dinges soeben noch bezogen hatten? Oder umgekehrt: Ich stehe innerhalb eines Caroussels mit cyJinder- runden Wänden, die aber so gleichmässig gefärbt sind, dass ich *) Die Stelle lautet ausführlicher (S. 13): „Wir meinen nämlich, dass die Ueberzeugung von der Beziehungsnatur aller Bewegung von niemandem bestritten wird. Die scheinbare Meinungsverschiedenheit über die „absolute" und „relative* Bewegung beruht allein auf der Doppelsinnigkeit des Wortes Raum. Wer Be- wegungen gegen den Raum geschehen lässt, denkt diesen sich als Stoff; wer sie nur gegen Massen denkbar findet, sieht in dem Raum eine Beziehungsform des Stoffes. Danach fallen beide gegen einander gerichteten Aussagen in die eine zusammen, dass alle Bewegung eine Umordnung von Massen sei. Dabei ist die den Raum vertretende Masse die sinnlich nicht wahrnehmbare, die man Aether 154 Höfler, Studien zur Philo?, der Mechanik.
keinerlei Anhaltspunkt an der Wand habe, ob ich und die Wände uns in Bezug auf einander drehen, oder ob wir in Bezug auf einander ruhen; ich spritze dann einige Farbentropfen gegen die Wand und erkenne erst jetzt an ihrem Ruhigbleiben oder Kreisen, dass jetzt relative Ruhe oder relative Bewegung stattfinde. Ist es dann sinn- los zu sagen, auch vor jenem Spritzen habe diese Bewegung statt- gefunden oder nicht stattgefunden? Gewiss ermöglichen mir nur die Marken das concrete Erkennen der Bewegung; aber sollte auch das abstracte Denken der Bewegung schon dort völlig endigen, wo alle Anhaltspunkte in sinnlichen Qualitäten zum Erkennen einer relativen Bewegung in dem oben (S. 130) als dem eigentlich den Relativisten am Herzen liegend festgestellten Sinn ausgeschlossen? — Diese „Denk- barkeit" der absoluten Bewegung brächten wir, meine ich. auch dann noch nicht los, wenn wir auf die „Erkennbarkeit" resignirt hätten. Aber nicht nur „denkbar" ist die absolute Bewegung, auch irgendwie „erkennbar" ist sie — auch absolute Translations-Bewegung von Punktsystemen, auch absolute geradlinig gleichförmige Bewegung von einzelnen Punkten ist erkennbar; nämlich das macht eine, wenn auch manchmal nur insgeheim gehegte Ueberzeugung sogar der nach Bezugskörpern um jeden Preis Suchenden aus, dass Punkte und Punktsysteme, für deren Bewegungen die Unabhängigkeit von allen speciellen Bezugskörpern nachgewiesen ist (und das glauben wir ja doch von blossen Farbenflecken u. dgl.), die Eigenschaften ihrer Bewegung nicht von den Bezugskörpern „zu Lehen tragen", sondern dass die Art der Relationen hier, bei der Bewegung wie sonst überall, letztlich doch von den Aenderungen, die mindestens je ein in sich absolutes Fundament, hier die absolute Ortsbestimmung erleidet, abhänge.
Indem wir so die oben S. 137 geschilderte vorwissenschaftliche Neigung, relative Bewegungen auf absolute zu deuten, einer nach- träglichen wissenschaftlichen Sanction — sowohl physikalischer, wie erkenntnistheoretischer Art recht wohl fähig halten, sei zur Versöhnung eines sonst allzuweit von der verbreiteten Beschränkung auf Rela- tivitäten abweichenden Gegensatzes noch auf Folgendes hingewiesen: Gewiss sind die relativen Bewegungen ausnahmslos das ttq6t£qov tiqqq wäg, der Erkenntnisgrund, auf den sich all unser nicht bloss ab- stract unanschauliches Wissen um die Bewegung und ihre Gesetze gründen muss. Hiermit aber verträgt sich ja hier wie sonst überall, dass unser Erkennen über sich selbst hinaus an Realgründe, an ein Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 155 ngoTEQov Ttj yvou, denkt; wofür das simple Beispiel *) das vom Ther- mometer ist, aus dessen Steigen wir auf Erwärmung schliessen, eben indem wir denken, dass erst aus der Erwärmung das Steigen hervorgegangen sei. Nichts wesentlich anders als diese unentbehr- lichste Logik ist es, keineswegs schon dunkle Metaphysik, wenn wir die relativen Bewegungen unseres physikalischen Wissens aus ab- soluten Bewegungen hervorgegangen denken, von denen wir freilich viel weniger wissen, als von jenen relativen — nämlich, wie oben schon wiederholt zugegeben wurde, schlechterdings nichts Concretes über die absoluten Richtungen und Geschwindigkeiten solcher Trans- lationsbewegungen, bezw. geradlinig gleichförmiger Bewegungen von Punkten, ohne doch diese abstracten Begriffe selbst los werden zu können. Auch jenes unser Wissen, dass wir über jene concreten Bestimmungen nichts wissen und nichts wissen können, hätten wir ja nicht ohne logisch tadellose Begriffe von dem Nichtzuwissenden.
Indem ich hoffe, den nicht mir allein, sondern trotz aller gegen- teiligen Versicherungen doch den Allermeisten vorschwebenden Be- griff der absoluten Bewegungen vor dem Vorwurf der Inhaltsleere gerade dadurch einigermaassen gesichert zu haben, dass wir seine Inhaltsarmuth zugeben, möchte ich nun noch vor einem Auskunfts- mittel warnen, welches sich in den Aeusserungen der Relativisten aus den letzten Jahrzehnten immer häufiger herangezogen findet und das mir beinahe wie die Stimme eines bösen Gewissens zu klingen scheint. Es ist der „Aether", welcher, weil es mit dem Neümann- schen Körper Alpha und ähnlichen Auskunftsmitteln nicht vorwärts wollte, den Bezugskörper um jeden Preis abgeben soll. Ich gestehe nun, in dieser Sache ein viel anspruchsvollerer Eelativist zu sein, als alle diejenigen, welche den Aether als Bezugskörper empfehlen oder doch gelten lassen. Denn das verlangt ja die dritte (S. 130), die Haupt- bedeutung der These: „Alle Bewegung ist relativ", dass auch das zweite Relationsfundament direct für sich, sozusagen absolut, wahr- nehmbar sein müsse; und nur dort, wo es mit den Wahrnehmungen nicht mehr vorwärts will, wird ja der Aether angerufen. Mag nun aber der Licht-, der elektrische, der Schwere-Aether (vielleicht auch die Identität dieser zur Erklärung verschiedener Erscheinungskreise ersonnenen Hilfs-Stoffe) aus directen Daten mit so hoher Wahrschein- lichkeit erschlossen sein, dass der Physiker mit ihnen wie mit direct ') Weitere Beispiele vgl. Logik, § 68.
156 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
wahrnehmbaren und wahrgenommenen Grössen arbeitet (über das Maass der Berechtigung einer derart festen Ueberzeugung vom Aether sind bekanntlich die Meinungen immerhin noch geteilt): jedenfalls hätte aber dann der nicht den Licht-, den elektrischen, den Schwere -Phänomenen zuliebe, sondern nur dem Dogma zuliebe, jede Bewegung müsse relativ sein und daher müsse es auch, wenn keinen wahrnehmbaren, so einen unwahrnehmbaren Bezugskörper geben, angenommene Aether zum allermindesten erst irgendwie darüber sich auszuweisen, dass er, dieser „Relativitäts-Aethe r", wirklich mit einem jener physikalischen Aether oder allen zugleich identisch sei. — Zudem könnte, wer nicht schon dogmatischer Relativist ist, auch hier die Frage nicht unterdrücken, ob dieser Aether als Ganzes absolut ruhe oder sich absolut bewege; natürlich wird er sofort hinzufügen, dass auch für dieses Aetheruniversum die absolute Eichtung und Geschwindigkeit seiner Bewegung nicht erkenn- bar wäre. — Schon die Möglichkeit eines solchen Weiterfragens dürfte den Eindruck bekräftigen, dass wir durch die Annahme eines Relativitäts-Aethers wenigstens um nichts physikalisch — und ich glaube freilich: womöglich noch weniger philosophisch — weiter- gekommen sind und je weiterkommen werden.
Gilt es nicht Fictionen zu erkenntnistheoretischen Zwecken, sondern physikalische Wirklichkeiten, so zweifle ich keinen Augen- blick — ganz mit Mach, der der Einzige ist, welcher statt aller fingirten Körper Alpha, gyroskopischen Compasse u. s. f. auf den F i x s t e r n h i m m e 1 als das einzige physikalisch brauchbare Bezugs- system sich beschränkt hat —, dass wirklich niemals ohne sehr wesentliche Mitbeteiligung gerade nur dieser Relation in einer physikalischen Mechanik gearbeitet worden ist oder gearbeitet werden wird.
Mit dieser Ueberzeugung aber ist noch gar nichts entschieden zwischen zwei Möglichkeiten: der einen, dass schon zum Begriff der Bewegung, unmittelbar oder mehr oder minder mittelbar, eine Beziehung auf den Fixsternhimmel gehöre; und der anderen, dass wir den Fixsternhimmel deshalb und nur deshalb so brauchbar als Universal-Coordinatensystem finden, weil wir aus der — von den auf „ Tischen" rollenden „Kugeln" ausgehenden, bis zum Theorem von der „invariablen Ebene" des Planetensystems ausgebauten und endlich auf alle leuchtenden und nichtleuchtenden Weltkörper aus- gedehnten — Mechanik wissen oder mit evidenter Wahrscheinlichkeit vermuthen, dass auch der Fixsternhimmel sammt allen Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 157 für uns unwahrnehmbaren kosmischen Massen als Ganzes nicht anders als translatorisch im absoluten Raum sich bewege (oder vielleicht ruhe, was aber nur e i n Fall unter unendlich vielen gleich möglichen wäre).
Ich habe schon dargelegt, welche Gründe mir nur für die zweite Möglichkeit zu sprechen scheinen. Ich möchte aber noch einen Grund gegen die erste Auffassung geltend machen, und erlaube mir ihn in die Form der etwas paradoxen Frage zu kleiden: Hätten wir heute eine Mechanik, und zwar wesentlich unsere, die GALiLEi-NEWTON'sche Mechanik, wenn sich bei Galilei's Geburt derHimmel bewölkt und seither nichtwieder geklärt hätte? Die Frage müsste offenbar verneint werden, wenn wirklich schon zu allen denjenigen Begriffen, welche, wie der der „Bewegung" in dem Gegenstand der Mechanik, und wie die phoronomischen Unterschiede einer gleichförmigen und ungleich- förmigen, einer geradlinigen und krummlinigen in den allerersten Principien der Mechanik, die Beziehung zum sichtbaren Fixsternhimmel als ein constitutives Merkmal gehörte. — Ich glaube aber, die Wenigsten werden jene Frage wirklich ver- neinen wollen, und sie werden sich auch nicht einschüchtern lassen durch den Einwand, dass wir „nicht wissen können", was bei so anhaltend schlechtem Wetter alles passirt und nicht passirt wäre. Billard gespielt z. B. wäre wahrscheinlich erst recht fleissig worden, und so wäre zunächst das Trägheitsgesetz weder unentdeckt noch unaus- gesprochen und unangewendet geblieben. Aber auch das Kanonenschiessen hätte sich weiter entwickelt, und so wäre jedenfalls die westliche Deviation bei weiten Schüssen nach Süden bemerkt, hiedurch die Drehung der Erde entdeckt, später durch ein Foucault'sches Pendel bestätigt worden u. s. f.: kurz, es fehlte wahrscheinlich auch dann nichts zu unseier heutigen physikalischen und mathematischen Mechanik...Eher noch als in logisch-begrifflicher Hinsicht wäre jener bedeckte Himmel dem Fortschritte der Wissenschaft dadurch schädlich gewesen, dass das anhaltend trübe Wetter die zum Forschen nöthige Heiterkeit beeinträchtigt hätte...
Um was aber bei Wegfall unseres (trotz Eigenbewegungen der Fixsterne, Veränderlichkeit des Sterntages*) und dgl.) durch keinen *) Ich bin auf alle den Einwürfen gegen einen absoluten Raum mehr oder weniger ähnlichen gegen eine absolute Zeit und ihre Messung nicht eingegangen, zunächst weil auch KANT in unserer Schrift sie nicht berührt. (Einiges hierüber in meiner Psychologie, § 52, S. 360.
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gyroskopischen Compass an Orientirungswert übertroffenen Coordinaten- systems, des Fixsternhimmels, die physikalische Mecha- nik an numerischer Genauigkeit unvermeidlich ärmer wäre, um ebensoviel wäre die „Philosophie der Mechanik" reicher. Denn die des Blickes auf den glitzernden Sternhimmel beraubte „Sensation" (im Sinne Locke's) hätte dann wohl längst der „reflection" neben sich den dieser gebührenden Platz eingeräumt: dieser psychologischen, logischen, erkenntnistheoretischen Reflexion bleibt eine eigenartige Freude vorbehalten an der wunderbar com- plicirten psychischen Formen der Vorstellungs- und Urteilsbildung, die uns über blosse „Empfindung" hinaus bei unserem Wissen und Verwerten mechanischer Realitäten und Relativitäten zur Verfügung stehen, und die uns zu einem erst aus den Relationen zu gewinnenden Begriff von und Wissen um einen absoluten Raum und eine absolute Bewegung*) überhaupt verhelfen.
Indem ich der Mechanik die Philosophie der Mechanik gegenüberstelle, rühre ich an den alten Streit, ob es eine Philosophie neben den anderen Wissenschaften überhaupt geben könne *) Dass ich nicht eine phsyikalisch ganz verlorene Position durch obige Beiträge zur Philosophie des Absoluten zu halten versucht habe, darüber be- ruhigen mich — ausser zahlreichen mündlichen Aeusserungen, die ich seit vielen Jahren bei Physikern und Mathematikern einzuholen nicht versäumt habe — auch so manche furchtlose litterarische Kundgebungen für absoluten Raum und absolute Bewegung. Ich führe hier nur zwei an: