VOLK MANN („Ueber Newton's Philosophiae naturalis principia mathe- matica und ihre Bedeutung für die Gegenwart", Vorträge, gehalten zu Königs- berg 1898, 17 S.), sagt zunächst unter Hinweis auf die Untersuchungen von LAPLACE, DELAUNAY und ADAMS über die Veränderlichkeit unserer dem Fixstern- himmel entnommenen Zeitsecunde: „Wenn man im Hinblick auf jene neueren Untersuchungen das liest, was NEWTON am Ende seiner Definitionen unter „Scholium4 über die absolute, wahre mathematische Zeit auf der einen Seite, über die relative, scheinbare, gewöhnliche Zeit auf der anderen Seite sagt, kann ich nicht finden, dass dabei NEWTON unter dem Einfluss mittelalterlicher Philosophie zu stehen scheint, oder dass er sich mit müssigen, metaphysischen Begriffen be- schäftigt.
Aehnlich werden wir NEWTON's Aeusserungen über den absoluten und rela- tiven Raum aufzufassen haben. Es ist ja ganz richtig, dass wir uns räumlich zunächst nur relativ Orientiren können, aber beim Ausbau des wissenschaftlichen Systems erhebt sich die Forderung, ein weiteres Orientirungselement einzuführen. Von dieser Forderung durchdrungen erscheinen moderne Untersuchungen, wie die über den Unterschied der Grundgleichungen der Elektrodynamik für ruhende und Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 159 ( — um das einstige „über" streitet ja heute kein wissenschaft- licher Philosoph mehr); speciell, ob es eine Erkenntnistheorie neben dem Erkennen geben kann und soll. Nicht einen allgemeinen Beweis bewegte Körper — und wenn wir NEWTON daraufhin studiren, werden wir in seiner Darstellung sehr verwandte Tendenzen mit modernen Untersuchungen auf- finden können. Mag der Ausdruck „Spatium absolutum* zu Bedenken Anlass geben, mag der damit zu verbindende Begriff NEWTON nicht gleich anfänglieh mit voller Klarheit entgegengetreten sein; wir werden um so weniger berechtigt sein, den Ausdruck NEWTON's zu seinen Ungunsten zu interpretiren, wenn wir sehen, wie er in der Unterdrückung metaphysisch so verdächtiger Stellen, wie „Centrum systematis mundani quiescere", von der ersten zur zweiten Auflage fort- geschritten ist.
Bleiben wir, wie MACH es thut, bei der Thatsache der relativen Orientirung stehen, dann erscheint die geocentrische Auffassung nach PTOLEMÄUS gleichwertig mit der heliocentrischen Auffassung nach KOPERNIKUS. Sehen wir uns beide Auffassungen im Lichte der NEWTONschen Darstellung an, dann kann man sagen, es ist die Forderung NEWTONS nach Orientirung im Raum, welche zu Gunsten von KOPERNIKUS entscheidet — oder auch umgekehrt, die ganze NEWTONsche Gravitationsanschauung entscheidet zu Gunsten der inneren Berechtigung der Forderung nach Rauinorientiruog im Sinne von KOPERNIKUS.
Auch hinsichtlich der Unterscheidung einer absoluten und relativen Drehung muss ich den NEWTONschen Standpunkt vertreten. Ebenso wie wissenschaftlich die Standpunkte des KOPERNIKUS und PTOLEMÄUS sich gegenseitig ausschliessen, trotzdem beide sinnlich von einander nicht zu unterscheiden sind und demnach beide Fälle für denselben Fall gehalten werden könnten, wird wissenschaftlich auch die Drehung de3 Wasserglases NEWTONS gegen den Fixsternhimmel unter- schieden werden müssen von der Drehung des Fixsternhimmels gegen das Wasser- glas. Das directe sinnliche Unvermögen einer Unterscheidung beider Fälle wird allerdings die Entscheidung der Frage ganz offen lassen müssen, ob der syste- matische Fortschritt der Wissenschaft eine solche Unterscheidung vielleicht ein- mal fordert. So aufgefasst hat aber die NEWTON'sche Forschung dagegen ent- schieden, dass der Fixsternhimmel als sich im Kreise drehend angesehen werden kann, mit anderon Worten: die Drehung des Fixsternhimmels um die ruhende Erde setzt ein überaus künstliches System von Kräften im Sinne NEWTON's voraus, und die Auseinandersetzungen NEWTON's über Zeit, Raum und Bewegung können in diesem Zusammenhange gar nicht als müssige metaphysische Speculationen aufgefasst werden. Es sind Forderungen der Forschung, welche NEWTON in seiner Darstellung vorwegnimmt." — Für die absolute Bewegung ist ferner jüngst POSKE eingetreten in seiner schon oben (S. 83) erwähnten Anzeige von JOHANNESSON's Programm über „Das Beharrungsgesetz". Indem ich hier diejenige Hauptstelle, in welcher POSKE seine eigene Auffassung in kurzen Andeutungen darlegt, wiedergebe, darf ich es dem Leser überlassen, die wenigen, fast untermerklichen Nuancen zwischen POSKE's und meiner Auffassung zu vermerken: „Man verwirrt die ohne Frage hier vorhandenen Schwierigkeiten bis zur 160 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik: für die Bejahung dieser Streitfrage gedenke ich hier anzutreten, denn alles hiefür Nöthige scheint mir seit Langem aufs überzeu- gendste gesagt*) Dass zum mindesten Logik, Ethik und Psychologie völligen Unlösbarkeit, wenn man die KANT'sche Lehre von der Transscendentalität des Raumes in die Untersuchung hineinzieht. Auch KANT gesteht dem Raum „empirische Realität" zu und giebt demnach der Physik die Möglichkeit, einen realen Raum (entgegen der DESCARTES sehen Auffassung) bei ihren Festsetzungen zu Grunde zu legen. Die Frage nach der Denkbarkeit einer absoluten Bewegung ist für die Physik mit dem Zugeständnis eines realen Raumes ohne weiteres in bejahendem Äinne beantwortet...Auch für die Drehbewegung wird sich der absolute Charakter füglich nicht wegdisputieren lassen. Ein Versuch des Ver- fassers, die Relativität der Drehbewegung experimentell zu beweisen [vgl. o. S. 123], ist missglückt und würde voraussichtlich auch bei sorgfältigerer Versuchsanord- nung zu keinem andern Resultate führen. Wenn nun eine absolute Bewegung auch denkbar ist, so ist sie doch ohne Bezugskörper oder Achsensystem weder erkennbar, noch einer genauen Beschreibung zugänglich. Nach allen darüber stattgehabten Diskussionen ergibt sich, dass man nichts weiter thun kann, als ein nach den Fixsternen orientirtes Achsensystem zu Grunde zu legen. Wollte man hiergegen die Veränderungen in der Lage der Fixsterne gegen einander ins Feld führen, so wäre damit doch nichts gegen die Möglichkeit eines absoluten Achsensystems bewiesen, sondern nur die Aufgabe gestellt, jede spätere Lage der als Bezugskörper gewählten Fixsterne auf die frühere zurückzuführen. Ueber die Noth wendigkeit der Wahl eines Bezugssysteme^ sobald es sich um Aussagen über irgendwelche Bewegung handelt, kann nach C. NEUMANN's Auseinandersetzungen kein Zweifel mehr bestehen."
*) Sehr entschieden hat diese Beziehung zwischen Philosophie und Psychi- schem LlPPS in seiner Psychologie von 1883 betont, und dann ähnlich, ohne damals hievon zu wissen, MEINONG in seinem Buche „Ueber philosophische Wissen- schaft und ihre Propädeutik", 1885. — Die erste mir bekannte Bestimmung des Gegenstandes der Philosophie als sich deckend mit dem Psychischen als solchem, den Gegenständen der inneren Erfahrung, finde ich in den Philoso- phischen Monatsheften, 1876 S. 346, wo MEINONG (gelegentlich einer Anzeige von SPlCKER's „Kant, Hume und Berkeley") sagt: „Referent muss also auf die alte Frage zurückkommen: ist die Philosophie bei der Teilung der Erde wirklich eer ausgegangen? Zum Glück richtet sich kein Ding nach den Definitionen, die man von seinem Begriffe aufstellt, und so ist auch der Philosophie, wie Referent meint, ein ganz eigenthümliches Gebiet geblieben, das ihr keine andere Wissenschaft streitig machen kann; sie hat es darum auch nicht nöthig, aus der Reihe der empirischen Wissenschaften herauszutreten, dagegen wird ihr aber der eigenthümliche Charakter ihres Gebietes in der That zuweilen gestatten, in ihren Folgerungen grössere Allgemeinheit als andere Disciplinen zu erzielen. Referent trägt also kein Bedenken, die Philosophie unter dieErfahrungs Wissenschaften zu zählen, nur mit dem Zusatz, dass die Erfahrung, mit der sie sich beschäftigt, nicht äussere, sondern innere Erfahrung ist. Auf diesem Gebiete hat die Philosophie, vor allem in der Psychologie und Logik, alle wirklichen Erfolge errungen, die sie aufzuweisen hat; und soll sie anderen Wissenschaften ebenbürtig Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück -.Phänomenologie. 161 wissenschaftliche Disciplinen sind und allgemein „philosophische Disciplinen" genannt werden, bildet den der Willkür des Einzelnen entrückten Beweisgrund dafür, dass „man" unter Philosophie, thatsächlich einen Inbegriff von Disciplinen verstehe, welche den verschiedenen Aeusserungen des Psychischen — die Logik dem richtigen Deüken, die Ethik dem guten Wollen und die Psychologie allen Elementarformen des Geistes- und Gemüthslebens — näher stehen, als die anderen, specielleren Geisteswissenschaften und als umsomehr die Naturwissenschaften.
Kant hat, indem er die ganzen „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" hindurch (von wenigen Ausnahmspunkten abgesehen) die Wesensverschiedenheit zwischen den mechanischen Lehren selbst und der erkenntnistheoretischen (oder wie er es nennt, kritischen, transscendentalen) Reflexion auf den Erkenntnis Vorgang festhält und einschärft, ein charakteristisches Beispiel dafür gegeben, dass das Auseinanderhalten von Naturwissenschaften und Philosophie bei aller Schärfe des Unterschiedes keinerlei Gegensatz bedeutet. Und speciell durch den an sich etwas befremdenden Titel „Phänomeno- logie" des IV. Hauptstückes hat er angedeutet, dass das Hauptproblem der ganzen theoretischen Philosophie, das Verhältnis des Erkennens zu seinem Gegenstande, eben schon dort anfängt, wo man auch nur von „Phänomen" spricht. Denn was wäre das für ein „Erscheinen", zur Seite stehen (mehr wünscht Referent ihr gar nicht), so wird das nur durch ebenso exacte empirische Forschung zu erreichen sein, als die war, welehe die anderen Wissenschaften auf ihre gegenwärtige Höhe emporhob."
Indem ich mich zu dieser Abgrenzung der Philosophie nach einem bestimmten Gegenstande, dem Psychischen und was mit ihm zusammenhängt, bekenne, kann und will ich an dieser Stelle nicht eingehen auf die Gründe und Bedenken, welche dagegen protestieren, dass man »die Philosophie in Psychologie aufgehen" lasse. Von allem, was hiegegen zu sagen wäre, nur die Fest- stellung, dass durch den erkenntnistheoretisch näher zu begrenzenden, dann aber auch verbürgten Primat des Psychischen der Philosophie wirklich sogar etwas, wie ein »Über" den Einzeldisciplinen (sogar ihren eigenen) sozu- sagen wider ihren Willen zufällt. Es lässt sich nämlich im Contraste gegen die Thatsache, dass die im engeren Sinne sogenannte Naturwissenschaft als ganze und in joder ihrer Disciplinen grundsätzlich vom Psychischen, von der „psychischen Natur", abstrahiert, darauf hinweisen, dass nicht ebenso die Philosophie vom Physischen abstrahieren kann — so dass man vielleicht sogar sagen könnte: „Philosophie ist die Wissenschaft, die von nichts abstrahiert; welche Bestimmung aber nun freilich nicht etwa als strenge Definition, sondern mit einigem Humor genommen sein will.
11 162 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
zu dem man kein Denken denken dürfte, dem es erscheint? Diejenige neueste Philosophie freilich (z. B. Münsterberg's, auch wieder Cornelius' in seiner Psychologie), welche von psychischen „Inhalten" spricht und dabei nicht merkt, dass schon das Wort „Inhalt" zu viel gesagt ist, wenn man die Correlation zum psychischen „Act" zugleich mit diesem gestrichen hat, mag freilich zusehen, wie sie sich auch nur mit dem Namen des „Phänomens" abfindet. — Aber auch was nun den besonderen Gegenstand dieser KANT'schen Phänomenologie betrifft, so dürfte vielleicht nur zu sehr sich bestätigt haben, was eingangs dieses Hauptstückes gesagt wurde: dass uns gerade die Probleme des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung zu einer auch vor Subtilitäten nicht zurückschreckenden psychologi- schen Analyse unserer Vorstellungen von „Gegenständen höherer Ordnung" noch unerbittlicher zwingen, als selbst die Probleme der Masse, der Kraft und was sonst an Begriffen der Mechanik alle- zeit die philosophische Reflexion herausgefordert hat.
Aber auch abgesehen von dem speciellen Problemkreise, den Kant in dem letzten und den vorausgegangenen Hauptstücken seiner Schrift behandelt hat, und namentlich abgesehen von allen Mängeln seiner Lösungen im Einzelnen, dürfte sich aus ihr für das Verhältnis von Mechanik und Philosophie der Mechanik ganz allgemein noch dieses lernen lassen: Ist der Philosophie als einem Inbegriff von Disciplinen eine gemeinsame Eigenthümlichkeit ihres Gegenstandes gesichert und macht sich die Eigenart dieses Gegenstandes, die unmittelbare Beziehung zum Psychischen, auch dann noch geltend, wenn eine dieser Disciplinen, die Erkenntnistheorie, dem Erkennen eines physischen Thatsachenkreises, wie es die Principien der Mechanik sind, zugewendet ist, so ergeben sich für den gedeihlichen Betrieb speciell einer „Philosophie der Mechanik" nahe- liegende Rathschläge. Den Blick auf die jeweilig neueste Phase des sozusagen innermechanischen Denkens gerichtet zu halten und jeder Wandlung in den Forschungsergebnissen selbst oder auch des blossen Geschmackes der Forscher an der wandelbaren Form der Darstellung mit ausreichendem Sachverständnis zu folgen, ist auch für den Er- kenntnistheoretiker als solchen selbstverständliche erste Pflicht. Sollte es also richtig sein, dass innerhalb der Mechanik ein neues Weltbild auszureifen beginnt, so hat der Philosoph als solcher in diesen Process nichts dreinzureden, sondern sein Ergebnis einfach zur Nachwort zu Kant, IV. Hauptstück: Phänomenologie. 163 Kenntnis zu nehmen (vorausgesetzt, dass diese Wandlung selbst aus innermechanischen, nicht aus philosophischen oder pseudophilosophischen Motiven sich vollzieht). Während aber das Erkennen mechanischer Dinge seinen eigenen Wegen folgt, entwickeln sich — so wollen wir hoffen — auch Psychologie und Logik, und soweit es eine von diesen Disciplinen verschiedene Erkenntnistheorie giebt, auch diese. Es ver- feinert sich die Technik der psychologischen Analyse, es vermannig- faltigen sich die Gesichtspunkte und Maassstäbe, nach denen früher von der Logik wenig beachtete Denkformen (das Hauptbeispiel ist noch heute die Wahrscheinlichkeitslehre und ihr häufigst genanntes Anwendungsgebiet, die Logik der Induction) mehr und mehr gewürdigt werden. Die Erkenntnistheorie endlich sucht sich nicht nur den einzelnen Stoffen der Einzeldisciplinen immer inniger anzupassen, sondern auch ihre eigenen Leitbegritfe vermannigfaltigen sich im Hinblicke auf die Vermannigfaltigung von Inhalt und Form jener Disciplinen; und mancher Gegensatz, wie der einst überschraubte des Apriori und Aposteriori, behält zwar immer noch den Wert einer durch die Thatsachen des Erkennens gebotenen Unterscheidung, ohne dass ihm der (für wissenschaftliche Dinge immer beschämende) Zug, Parteisache zu sein, anhaften bliebe.
So müssen wir uns denn jeden Arbeiter, der die Philosophie der Mechanik will mit fördern helfen, als einen Mann mit vorwärts- gewendetem Antlitz vorstellen. „Rückkehr zu Kant", oder „Rückkehr zu Hume", oder zu Locke oder zu wem sonst, wird für den nicht nöthig sein, der das gute Gewissen hat, auch als Philosoph nicht Autoritäten, sondern bestimmten Thatsachen, eben den psychischen (ein- schliesslich denen alles Erkennens), ins Gesicht zu schauen: will ich aber schauen, so darf zwischen mir und dem zu Schauenden nichts, auch nicht die Gestalt des grössten Philosophen, stehen. Unsere philosophische Jugend muss sich den Muth des Bewusstseins aneignen, an der Spitze zu marschiren. Aber ehe wir uns als philoso- phische Jugend betrachten, müssen wir uns freilich das Bewusst- sein erworben haben, etwas gelernt zu haben — bei Solchen gelernt zu haben, die einst ihrerseits zwischen eich und den Thatsachen keinen Mittelsmann geduldet haben. Man hat an Kant oft und mit Recht den Mangel an historischem Sinn beklagt — dass ihn ein starker Glaube an die Mannigfaltigkeit und feine Articulation der Thatsachen des schärfsten Erkennens wie der des ethischen Wollens beseelt habe, darf auch derjenige zugeben, dem sich eben diese That- sachen oft so ganz anders als jenem eigenartigen Manne darstellen.
164 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Die „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft" sind ein Beispiel dafür, dass Kant erkenntnistheoretische Probleme von einer Mannigfaltigkeit und Zuspitzung, wie er sie von keinem Vor- gänger hätte historisch ablernen können, sogar in demjenigen Stoff- gebiete gefunden hat, das materiell zu seiner Zeit noch viel weniger angezweifelt war als in unseren Tagen. Die vorstehenden Andeutungen zu einer von der KANT'Schen fast durchwegs abweichenden Behand- lung jener Probleme nach der Technik einer jungen Erkenntnis- theorie haben nach der stofflichen Seite die grössere Chance des Weiter- und Ueberlebens auf Seiten der alten, der Galilei-Newton- schen Mechanik gefunden, und sie haben die Wurzel der heute so häufig — am schärfsten von Hertz — ausgesprochenen Unbefriedigung mit dem Gesammtzustande der Mechanik nicht in jenem Inhalte, son- dern in seiner hergebrachten logischen Form — genauer: in den zur logischen Verarbeitung jenes Inhalts verwendeten erkenntnistheore- tischen und metaphysischen Leitbegriffen zu finden geglaubt. Es dürfte so am vorsichtigsten ebensowohl der von uns für wahrschein- lich gehaltenen künftigen Rehabilitirung jener alten, wie auch der von uns als minder wahrscheinlich, aber immerhin als möglich zugegebenen, stofflich mehr oder minder neuen Mechanik gedient sein, wenn sich für einige Zeit die Arbeit der Philosophen als solcher auf die immer wieder erneute Prüfung jener logischen*) Form der bisherigen Mechanik concentrirt. Will diese Arbeit Muth gewinnen, es sich nicht leicht, sondern wie jede ernste Forschung so schwer zu machen, als es der edle Gegenstand nur immer verlangen kann, so giebt es für diesen sozusagen ethischen Vorsatz kein strengeres Bei- spiel als den — wie ihn jüngst Edmund Pfleiderer, keineswegs Kan- tianer von Observanz, genannt hat — „transscendentalen Bohrer und Bergmann Kant".
*) Dass das Bedürfnis nach logischer Tadellosigkeit eines gegebenen oder werdenden Wissensstoffes — ich möchte es wissenschaftlichen Reinlichkeitssinn nennen — nicht immer „Scholastik" sein muss, sondern sich sehr wohl mit sach- lichster Productivität verträgt, darüber beruhigen uns die Worte des letzten Ver- künders einer neuen Mechanik. HEINRICH HERTZ', der die Vorrede seiner posthumen „Mechanik" mit den Worten schliesst: „Was, wie ich hoffe, neu ist, und worauf ich einzig Wert lege, ist die Anordnung und Zusammenstellung des Ganzen, also die logische oder, wenn man will, die philosophische Seite des Gegen- standes. Meine Arbeit hat ihr Ziel erreicht oder verfehlt, je nachdem in dieser Richtung etwas gewonnen ist oder nicht."
Inhalts-Übersieht.
Vorbemerkung S. 3—9. Seite Das physikalische und das philosophische Interesse an KANT's Schrift.. 7—9 Zur Vorrede S. 10—18.
Was heisst a priori? \\ Die relationstheoretische Definition von n priori 15 Sind KANT's Kategorien Relationen? 16 Zum ersten Hauptstück: Phoronomie S. 19—24.
KANT's Summierung von Geschwindigkeiten und der Streit um FECHNER's psychisches Maass 20 Addition von Gestaltqualitäten 24 Zum zweiten Hauptstück: Dynamik S. 25—67.
Dynamik im engeren und weiteren Sinne 26 KANT's Kräfte als Fluida 27 Zwei Fehler in der Definition: „Kraft ist die Ursache einer Bewegung".. 28 Teilursache statt Ursache 29 Energie und evi^yeia 30 Die physikalische Definition: „Kraft ist, was man in Dyn messen kann". 30 Kraft als Teilursache von Beschleunigung und von mechanischer Spannung; Kraft im phänomenalen und im nicht phänomenalen Sinne...31 HELMHOLTZ für nicht-phänomenale Kräfte 32 Beschleunigung als kinetische, Spannung als statische Wirkung von Kräften 33 MAX PLANCK für drei mechanische Grund-Phänomene 34 Kategoriale Quanta werden masszahlengleich gesetzt den ihnen correlativen phänomenalen Quantis 35 Zwei Bedenken von HERTZ gegen den Kraftbegriff 36—40 KlBCHHOPF über „die Unklarheit, von der die Begriffe der Ursache und des Strebens sich nicht befreien lassen" 40 Der psychologische Begriff „Streben" gehört nicht in den Inhalt des erkenntnistheoretischen Begriffes Ursache 41 Dagegen ist Notwendigkeit ein konstitutives Merkmal von Ursache...41 Was Notwendigkeit nicht leistet 41 — 45 Denknotwendigkeit und Naturnotwendigkeit 47 Regelmässigkeit als Erkenntnisgrund für Notwendigkeit als Realgrund.. 50 Notwendigkeiten zwischen Zahlen 53 — 56 Anthropomorphistische Elemente sind weder der Causal-Relation selbst, noch ihren Gliedern wesentlich 57 Kraft und Energie 57 OSTWALD's Energie als eine Art Materie 58—60 Energie und Causalität 61—63 Zum Begriff des Atoms 66—67 Die gegenwärtige Atomistik schliesst stetige Raumerfüllung nicht mehr aus 67 Zum dritten Hauptstück: Mechanik S. 68—119.
Zum Massenbegriff 69—78 Masse als Eigenschaft oder als Ding? 70 Mechanische Masse und thermische Masse 71 Die specifischen Sinnesenergien und der Körper- und Massenbegriff...74 Massen als Körper, der Begriff der Spannung dem der Masse primär...76 Zum Trägheitsgesetz 78—119 KANT's Trägheitsgesetz nicht inhaltsgleich mit dem NEWTON'schen...78 KANT's „ innere BestimmuDgen" und MAXWELL's „so far as in it lies*.. 79 MAXWELL's experimenteller Nachweis des Trägheitsgesetzes 82—89 MAXWELL's Apriori-Beweis für das Trägheitsgesetz 89 Das erkenntnistheoretische Restglied im Probleme des Trägheitsgesetzes 91 — 104 Die objektive Einfachheit als das apriorische Complement zum empirischen Trägheitsgesetz 93 Es könnte auch ein anderes Trägheitsgesetz geben 97 HERTZ' Paradoxon: „Was aus Erfahrung stammt, kann durch Erfahrung wieder vernichtet werden" 98 Das Unterfahren der räumlichen Anschauung mittelst des Begriffes...101 Ein solches Unterfahren der dynamischen Wirklichkeit ist beim Trägheits- gesetz nur mit Evidenz der Wahrscheinlichkeit möglich 102 Der empirische Nachweis des Trägheitsgesetzes nicht durch direkte, sondern durch „umgekehrte induktive Methode" 103 Das Trägheits- und das Unabhängigkeitsgesetz bei GALILEI 104 Zur Geschichte des Trägheitsgesetzes 104—116 MACH's Darstellung von Galileis Gedankengang. 111—113 POSKE: „Galilei hat die Idee in den Thatsachen unmittelbar erschaut".. 113 GALlLEFs Conception als eine energetische 114 Die psychische Aktivität in der „Idee" der Trägheit 116 Trägheitsgesetz und Beharrungsgesetz 117—119 Zum vierten Hauptstück: Phänomenologie 8. 120—164.
KANT behauptet absoluten Raum und leugnet absolute Bewegung...121 NEWTON's Eimerversuch und Fadenversuch 122 Die Versuche von FRIEDLÄNDER und JOHANNESSOHN 123 Mach's Gedankenexperiment mit einem Eimer von meilendicken Wänden 124 Ein von NEISSER vorgeschlagenes Experiment 125 Das dialektische Hauptargument der Relativisten: Eine nicht-relative Bewe- gung ist überhaupt unvorstellbar 126 Das Gegenargument der Absolutisten: Keine Relation ohne in irgend einer Instanz absolute Fundamente 127 Drei Bedeutungen von „relative Bewegung" * 128 Psychologische Gründe gegen die Behauptung: „Jede Ortsbestimmung ist relativ" 130 Der dritte Sinn von „Relativität der Bewegung": Mindestens zwei quali- tative Bestimmungen nebst den örtlichen 131 Gedankenlose Einwürfe gegen den Relativismus 131 Bei jeder relativen Bewegung muss mindestens der eine der inbezug auf einander sich bewegenden Körper auch absolute Bewegung haben. 133 Verwechslung von Denkbarkeit und Erkennbarkeit 133 Die krummlinige Bewegung verdient keine principielle Bevorzugung vor der geradlinigen 134 Die Forderung eines gyroskopischen Kompass vor der Mechanik ein logischer Zirkel 136 War je schon ein Klassiker der Mechanik consequenter Relativist?...137 Der naive Schluss von relativen Bewegungen auf absolute 137 Die relativen Bewegungen tragen ihre Eigenschaften von den absoluten zu Lehen 138 Über logische Zirkel in der Physik und was aus ihnen für die Metaphysik Abstrakt unanschauliche Vorstellungen sind nicht „keine Vorstellungen". 142 Absoluter Raum und absolute Tonhöhen 143—144 Absoluter Raum im physikalischen und im metaphysischen Sinne.. 145—146 NeüMANN's Satz: „Wir wissen nicht, was unter einer Bewegung in gerader Linie zu verstehen ist" 147 Geometrische Gerade und pboronomische Gerade 148 Relationen mit absolutem Kern 151 Fehlen der Kraftbeziehung und Fehlen der Raumbeziehung 152 Die relativen Bewegungen als itQoxeqov ttqos yfiae, die absolute Bewegung als TIQÖTEQOV xfl (pVOSt 164 Der Fixsternhimmel als das einzige physikalisch brauchbare Bezugssystem. 156 Hätten wir heute eine Mechanik, wenn sich bei GALILEI's Geburt der Himmel bewölkt und seither nicht wieder geklärt hätte? 157 VOLKMANN für absoluten Raum und absolute Bewegung 158 POSKE für absoluten Raum und absolute Bewegung 159 Die Mechanik und die Philosophie der Mechanik 158 Philosophie als „Inbegriff von Disciplinen mit psychischen Gegenständen". 160 Philosophie als „Wissenschaft, die von nichts abstrahiert" 161 KANT'8 „Phänomenologie" und die psychologische Analyse unserer Vor- stellungen vom absoluten Raum und absoluter Bewegung 161 KANT's transcendentale Methode und die Philosophie der Mechanik...162 Keine „Rückkehr zu Kant", sondern selbständiges Anschauen psychischer Thatsachen 163 Philosophie der Mechanik als erneute Prüfung der logischen Formen der bisherigen Mechanik 164 Druck von Oswald Schmidt, Leipzig R.
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