SigPhi · Johann Fichte

Sämmtliche Werke 8 Vermischte Schriften und Aufsätze (German)

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Betrachtung verweilte mit Vergnügen auf dem frischen Grün des ersteren, und verbreitete sich über die mannigfaltigen Blüthen des zweiten, und gleitete sanft über die kräuselnden Wellen des dritten die Anhöhe hinan.

Es sollte, sagten Sie dann, dort auf der Höhe ein Dörfchen unter Bäumen oder ein Hain liegen. Sie begehrten nicht in dem ersteren eine Wohnung zu haben, oder in dem Schatten des letzteren zu wandern; und es würde Ihnen gerade so viel gewesen seyn, wenn man, ohne dass Sie es eben wüssten, durch ein optisches Kunststück Ihnen nur den Anschein dessen hervorgebracht hätte, was Sie wünschten. Woher kam das? Ihr ästhetischer Sinn war unter dem Anblicke der ersteren Gegenstände, indem ihn dieselben unvermuthet befriedigten, schon geweckt worden; aber es beleidigte ihn, dass diese Aussicht sich so plötzlich abreissen, und Ihr Auge hinter der Anhöhe in den leeren Raum versinken sollte. Nach seiner Forderung hätte sich die Ansicht in ein passendes Ende schliessen sollen, um das angefangene schöne Ganze zu vollenden und abzurunden: und Ihre bis jetzt an seiner Hand geleitete Einbildungskraft war vermögend, diese Forderung desselben aufzufassen.

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung, die nicht mehr auf die Erkenntniss dessen, was längst erkannt ist, absieht, sondern die gleichsam noch einmal zum Ueberflusse an den Gegenstand geht, -- entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des befriedigten Erkenntnisstriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der ästhetische Sinn. Der eine Gegenstand hat unsere Billigung ohne alles Interesse, d. i. wir urtheilen alle, dass er so recht, und einer gewissen Regel, der wir nicht weiter nachspüren, gemäss sey, ohne dass wir darum gerade einen grösseren Werth auf ihn legen; ein anderer erhält diese Billigung nicht, ohne dass wir gerade viel Mühe anwenden würden, um ihn anders zu machen. Es scheint uns lediglich darum zu thun, zu zeigen, dass wir einen gewissen Sinn gleichfalls besitzen, und dass wir einer gewissen Kenntniss mächtig sind, die nichts weiter ist, denn Kenntniss, und die zu nichts führen und zu nichts gebraucht werden soll.

Dieses Vermögen heisst Geschmack; auch die Fertigkeit, richtig und gemeingültig in dieser Rücksicht zu urtheilen, wird vorzugsweise Geschmack genannt: und das Gegentheil desselben heisst Geschmacklosigkeit.

Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung, wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heisst Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der Geschmack ist die Ergänzung der Liberalität, der Geist die des Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur eingeschlossene Sphäre des Geschmacks erweitert; seine Producte erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstände, und entwickeln ihn weiter, ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben könne, ist zweifelhaft.

Das unendliche, unbeschränkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermögen der Ideale.

Der Geist lässt die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurück, und in seiner eigenthümlichen Sphäre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er überlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgeführt von Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im Gesichte hatte, eröffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrübten Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die er selbst durch seinen Fittig erregt.

Dritter Brief.[46] Nur der Sinn für das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck giebt.

Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz über die ganze Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen uns schlechterdings unsichtbaren Berührungspunct mit derselben zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe. Dem einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der eine mag diese, der andere jene Farbe vorzüglich lieben. Aber die Wirkungen der Geistesproducte sind für alle Menschen, in allen Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingültig, wenn auch nicht immer gemeingeltend. Für alle liegt auf der Stufenleiter ihrer Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten Eindruck machen würde, und nothwendig machen müsste; wenn sie auch etwa bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen hätten, oder ihn, wegen der niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Kürze des menschlichen Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen könnten. Was der Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust, und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.

Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen mitzutheilen, was für ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhüllt zeigten, in festere Körper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.

Um seinen Sinn zu ^versuchen^ zuvörderst: nicht, als ob er der Beistimmung der Menge bedürfte, um in der Stunde der Begeisterung zu glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefühl, -- so unwiderstehlich als das seines Daseyns, -- offenbart; sondern um auf die Stunde der Erkältung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu versichern. Mein Werk ist aus der Fülle der menschlichen Natur geschöpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er; der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge gelesen, es bereichert die Buchhändler, und die Recensenten wetteifern, dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als eine Zugabe, nicht verschmähen. So ist der Gläubige sicher, dass das Auge der Fürsehung über ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen würde der Widerspruch des gesammten Reichs der vernünftigen Wesen ihn nicht um eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kömmt ihm nicht von aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem Vorgefühle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschätzten Stütze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedürfen könnte. So wird das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst in ihm wohnt; aber er will aus Achtung für denselben ihn auch von anderen anerkannt und geehrt wissen. -- Es verhält sich so mit allem, was wir bloss zufolge unseres Gefühls annehmen und nur glauben können.

Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur ein wenig mit den Täuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefühl glauben wir schon weit fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefühl anderer unterstützt.

Um seine Stimmung ^mitzutheilen^. Es ist, wie Sie selbst angemerkt haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so ähnlich zu machen, als möglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir zu diesem Wunsche durch eigene höhere Bildung berechtigt sind. Nur der ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch möchte, dass alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen.

So der begeisterte Liebling der Natur. Er möchte, dass aus allen Seelen sein eigenes liebliches Bild ihm zurückstrahlte. Drum drückt er die Stimmung seines Geistes ein in eine körperliche Gestalt. Was in der Seele des Künstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthätigen Kraft sind nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafür gefunden, und wenn sie gefunden wären, so würde die gedrungene Fülle des Lebens in der allmähligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie alle gesetzmässige Thätigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch diese freie Geschäftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des ^Tons^ in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre innere Wirksamkeit erfüllen, und für die Saite selbst den Ton bilden würden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen äusseren Wirkungskreis, drücken sich selbst in sie ein, und pflanzen sich fort bis zum Ohre des entzückten Hörers, und lediglich aus jener Vermählung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So drückt der begeisterte Künstler die Stimmung seines Gemüthes aus in einem beweglichen Körper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele.

Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns übertragen möchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es ist zwischen unserem Ohre und der Saite.

Diese innere Stimmung des Künstlers ist der Geist seines Products; und die zufälligen Gestalten, in denen er sie ausdrückt, sind der Körper oder der Buchstabe desselben.

Hier ist es, wo das Bedürfniss der mechanischen Kunst eintritt.

Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemäss bearbeiten will, der muss es überhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte Masse unter seinen Händen von selbst Bildung und Organisation angenommen zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung bedarf, sie zu besiegen, ist die ästhetische Stimmung abgebrochen, und es bleibt uns anderen nichts übrig, als der Anblick des Arbeiters, der seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwürdiger Anblick, den wir aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als ein leeres Geklimper, -- ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn Spiel, -- das nicht zu Ideen erhebt, und höchstens einen Muthwillen und eine verschwendete Kraft ausdrückt, der man in der Stille eine bessere Anwendung wünscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber der blosse Mechaniker wird durch seine höchste Kunst nie etwas anderes hervorbringen, als ein mechanisches Werk, über dessen Bau man höchstens sich wundern wird.

So ist in den letzten Meisterwerken des begünstigten Lieblings der Natur unter unserer Nation, -- im Tasso, in der Iphigenie, und in den leichtesten Pinselstrichen desselben Künstlers seitdem, -- es ist in ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzählung, nicht die ohne allen Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser so mächtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es möglich, ein sehr schaales, sehr schmackloses, sehr unkräftiges Werk zu verfertigen. Die Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blüthe der Humanität, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in den Bewegungen ihres Gemüths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf seiner eigenen natürlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf uns, dennoch keiner anderen Schätzung würdigt, als der, die ihnen gebührt, dass sie Gegenstände unserer Betrachtung sind, und welche auch dann noch den gefälligen Formen derselben ein ästhetisches Vergnügen, den Verzerrungen derselben ein leichtes Lächeln, wie Grazien lächeln, abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelöst fühlt, und die mit gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergnügen entbehren, oder ihrer mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergnügen in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung möglich ist, unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend sind, und deren Trennungen nicht durch bösen Willen verursacht, sondern selbst nur Stürme des widrigen Schicksals sind; -- (denn Ungerechtigkeiten freier Wesen können uns nie gleichgültig seyn, und werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lächeln erregen, wie die Verstösse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Künstlers eine Fassung in uns, die wir im Laufe des Lebens gewöhnlich nicht behalten; wir fühlen uns höher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.

Jeder hat den feinsten Sinn für diejenige Art der Ausbildung, der er zunächst bedürfte, und mag in der Stunde der Täuschung am liebsten das an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der nächsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein beträchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und Ungezwungenheit in seiner Kraftäusserung abgehe. Vielen fehlt es an der Kraft selbst. Für diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Fülle der Kraft gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie nur zu wohl kennen. Diese mögen im Bilde lieber die rohe, aber kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetäuscht sehen -- eine Art, die so vorzüglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird -- oder vergnügen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern gewöhnlichen Ritterromanen, und an hochtönenden und vermessenen Reden.

Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren niederzusetzen. Aber sein Genius überflog, wie es seyn musste, den langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Künstler soll, sein Publicum selbst, arbeitete für die Nachwelt, und wenn unser Geschlecht höher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.

Jene beiden Zustände, der der ersten ursprünglichen Begeisterung, und der der Darstellung derselben in körperlicher Hülle, sind in der Seele des Künstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen Forscher sorgfältig unterschieden werden müssen. Es giebt Künstler, die ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um sich herumsuchen, und das geschickteste für den Ausdruck wählen; die unter der Arbeit sorgfältig über sich wachen; die zuerst den Geist fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der körperlichen Hülle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten, berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der Zusammenfügung des Geistes und des Körpers hier und da die Hand des Künstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Körper, wie in der Werkstätte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das volle Leben geht bis in die äussersten Theile; aber wie an den Werken der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswüchse, deren Absicht man nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen könnte, ohne dem Ganzen zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.

Gewisse höhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht für gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen, die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher versucht, der Gestalt und dem Baue des Körpers die bewegende Kraft zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhältnisse dieses Körpers und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen und durch Kunst auszuüben, da, wie oben zugestanden worden, der Körper des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen können, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstäbler.

Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mächtig ist, heisst ein Stümper. -- Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsäule hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, -- da nichts uns verhindert, die Fabel zu ergänzen, -- mit dem Leben zugleich den geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend erblickt zu werden, für gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu bleiben. Kostet es nicht mehr, um berühmt zu werden? denkt, -- indess das ganze Volk dem Künstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch zu führen versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhältnisse der Bildsäule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des Künstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden finden können.

Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbüchern finden, beziehen sich meist auf das Mechanische der Kunst. Sie müssen im Geiste gedeutet werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die Fabel erfinden, mittheilen, allmählig entwickeln sollen, und es thut dem Künstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhält, befriedigt; aber wir forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung, die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemüthe des Lesers mitgetheilt werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet, entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet, ob die äussere Begebenheit für die leere Neugier geschlossen sey, oder nicht; der Triumph dieser Stimmung über die mannigfaltigen Störungen derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser, der ein Mährchen hören wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.

Sie rathen uns, zu täuschen; durch die Erzählung, meint der Buchstäbler, bietet er alle seine Künste auf, um uns sein Mährchen für eine wirkliche Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzähle. Nun wohl, so erzähle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualität vergessen: -- das ist die wahre Täuschung, und für diesen Endzweck reicht diejenige Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umständen ungefähr auch handeln würden.

Sie halten über reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzählungen anschaulich und eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen freien Entschluss das Bessere wählen; er ist unseres Dankes werth, und seine Bemühungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte Künstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfängt, nachdem wir sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser Zuthun auf Augenblicke in eine höhere Sphäre. Wir werden um nichts besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemüths werden doch geöffnet, und wenn wir einst aus anderen Gründen uns mit Freiheit entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hälfte des Widerstandes gehoben, die Hälfte der Arbeit gethan.[33] [Fußnote 33: Die Fortsetzung ist nicht erschienen.]

D.

Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache.

In einer Untersuchung über den Ursprung der Sprache darf man sich nicht mit Hypothesen, nicht mit willkürlicher Aufstellung besonderer Umstände, unter welchen etwa eine Sprache entstehen ^konnte^, behelfen; denn da der Fälle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache leiten konnten, so mancherlei sind, dass sie keine Forschung ganz erschöpfen kann: so würden wir auf diesem Wege ebensoviel halbwahre Erklärungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darüber angestellt würden. Man darf sich daher nicht damit begnügen, zu zeigen, dass und wie etwa eine Sprache erfunden werden ^konnte^: man muss aus der Natur der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten; man muss darthun, dass und wie die Sprache erfunden werden ^musste^.

Man hüte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder anderen, das Resultat, das man etwa zu finden hofft, schon zum voraus im Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunct der Menschen hinein, welche noch überhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden sollten; welche noch nicht wussten, wie die Sprache gebaut seyn müsse, sondern die Regeln darüber erst aus sich selbst schöpfen mussten. Jedem, der dem Ursprunge der Sprache nachforscht, muss die Sprache so gut als nicht erfunden seyn: er muss sich denken, dass er sie erst durch seine Untersuchung erfinden soll.

Ferner hat man bei allen Untersuchungen über Entstehung der Sprache es auch darin versehen, dass man zuviel auf willkürliche Verabredung baute; dass man z. B. meinte: da ich ein Buch ^liber^, [Griechisch: biblion], book u. s. w. nennen kann, so müssen die Nationen einig geworden seyn, die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle ^Buch^ -- die andere, er solle ^liber^, u. s. w. heissen. Aber auf eine solche Uebereinkunft dürfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der grössten Unwahrscheinlichkeit denken lässt, und wir müssen daher selbst den Gebrauch der willkürlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der menschlichen Natur ableiten.

^Sprache^, im weitesten Sinne des Wortes, ist der ^Ausdruck unserer Gedanken durch willkürliche Zeichen^.

Durch ^Zeichen^, sage ich, also nicht durch Handlungen. -- Allerdings offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der Sinnenwelt haben: ich denke und handle nach den Resultaten dieses Denkens. Ein vernünftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf das, was ich gedacht habe, schliessen. Dies heisst aber nicht ^Sprache^.

Bei allem, was ^Sprache^ heissen soll, wird schlechterdings nichts weiter beabsichtigt, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache hat ausser dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufällig, ist durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um anderen meine Gedanken zu eröffnen; ich esse z. B. nicht, um anderen anzudeuten, dass ich Hunger fühle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln will.

Ich habe mich bei der Erklärung der Sprache des Ausdruckes: »^willkürliche Zeichen^« bedient. Darunter verstehe ich hier solche Zeichen, welche ausdrücklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natürliche Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier völlig gleichgültig. Ich mag zu dem anderen das Wort ^Fisch^ sagen -- ein Zeichen, das mit dem Gegenstande, welchen es ausdrücken soll, gar keine Aehnlichkeit hat -- oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat -- in beiden Fällen habe ich keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei dem anderen zu veranlassen; -- folglich kommen beide Zeichen darin überein, dass sie ^willkürlich^ sind.

^Sprachfähigkeit^ ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu bezeichnen. Ich drücke mich absichtlich so allgemein aus, damit man nicht gleich an eine ^Sprache für das Gehör^ denke. Von der ^Ursprache^ lässt sich gar nicht behaupten, dass sie bloss aus Tönen bestanden habe, bloss Gehörsprache gewesen sey. Diese letztere kann erst weit später entstanden seyn, und lässt sich nur unter Voraussetzung der Ursprache und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.

Die Frage, die sich uns zunächst darbietet, ist folgende: ^Wie ist der Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkürliche Zeichen anzudeuten?^ Diese enthält unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In welchen Naturgesetzen liegt der Grund, dass diese Idee gerade ^so^ und nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den Menschen bei der Ausführung leiteten?

Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermögen, seine Gedanken ^willkürlich^ zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkür voraus.

Unwillkürliche Erfindung, unwillkürlicher Gebrauch der Sprache enthält einen inneren Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkürliche Töne beim Ausbruche der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus gar manches über Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber beides ist völlig verschieden. Unwillkürlicher Ausbruch der Empfindung ist nicht ^Sprache^.

Um die Willkür zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen mitzutheilen?

Allein daraus, dass sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu erfinden, folgt noch nicht, dass ihnen überhaupt, und durch welche Mittel ihnen die Ausführung gelang. Daher die zweite schon angeführte Frage: giebt es in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig ergreifen musste, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man diesen Mitteln nachspüren, und wie mussten sie gebraucht werden, wenn durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fänden sich solche Mittel, so liesse sich wohl eine Geschichte der Sprache ^a priori^ entwerfen.

Und sie finden sich allerdings.

Zuvörderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem Menschen entwickelt? -- Es ist im Wesen des Menschen gegründet, dass er sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeusserung seiner Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden.

Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung für seine Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er gräbt sich Höhlen, bedeckt sich mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zündet er Holz an, um sich so gegen den Frost zu schützen. Er wird von allen Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht kann, wird er sie scheuen. So fürchtet der Mensch den Donner, weil er sich ausser Stande sieht, die Natur in dieser Aeusserung ihrer Kraft zu beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen, so würde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So war gewiss, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zähmen, dieses grosse starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es sich unterworfen hat, fürchtet er es nicht mehr.

In diesem Verhältnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen ^Natur^: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren; aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger, bald Besiegte, -- unterjochen oder fliehen.

Wie verhält sich dagegen der Mensch ursprünglich gegen den ^Menschen selbst^? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturzustande dasselbe Verhältniss stattfinden, welches zwischen dem Menschen und der Natur ist? Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst untereinander zu unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen, einander gegenseitig fliehen?

Wir wollen annehmen, es wäre so: so würden gewiss nicht zwei Menschen nebeneinander leben können; der Stärkere würde den Schwächeren bezwingen, wenn dieser nicht flöhe, sobald er jenen erblickte. Würden sie aber auf solche Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, würde durch sie die Erde bevölkert worden seyn? Ihr Verhältniss würde ganz so gewesen seyn, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg aller gegen alle. Und doch finden wir, dass die Menschen sich miteinander vertragen, dass sie sich gegenseitig unterstützen, dass sie in gesellschaftlicher Verbindung miteinander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muss wohl in dem Menschen selbst liegen: in dem ursprünglichen Wesen desselben muss sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen seinesgleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.

Ich weiss recht wohl, dass viele behaupten, die Menschen gingen von Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese Behauptung sich einwenden lassen möge, so ist doch soviel gewiss: dass sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Gründe für dieselbe auffinden lassen, und dass sie folglich der entgegengesetzten Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt würde, in Rücksicht auf Gültigkeit gleichgesetzt werden könnte. Diese entgegengesetzte Behauptung muss also eben darum, damit ihre Gültigkeit entschieden sey, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden Principe abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.

Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muss untergeordnet seyn dem höchsten Principe im Menschen, dem: sey immer einig mit dir selbst; nach welchem Principe er in den allgemeinsten Aeusserungen seiner Kraft beständig forthandelt, auch ohne sich desselben bewusst zu seyn. Der Mensch sucht also -- nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip -- die nicht vernünftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner Vernunft übereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung er selbst mit sich selbst übereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist, und in einer gewissen Rücksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben, die Dinge vorstellen muss, wie sie sind: so geräth er dadurch, dass die Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht übereinstimmen, in einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu bearbeiten, dass sie mit unseren Neigungen übereinstimmen, dass die Wirklichkeit dem Ideale entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf aus, alles, so gut er es weiss, ^vernunftmässig^ zu machen.

Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stossen sollte, an welchem sich die gesuchte Vernunftmässigkeit ohne seine Mitwirkung schon äusserte, so wird er sich in Rücksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet.

Er hat etwas gefunden, was mit ihm übereinstimmt; würde es nicht ungereimt seyn, einen Gegenstand seinem Triebe entsprechend machen zu wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene wird ihm ein Gegenstand des Wohlgefallens seyn: er wird sich freuen, ein mit ihm gleichgestimmtes Wesen -- einen ^Menschen^ angetroffen zu haben.

Aber woran soll er diese Vernunftmässigkeit des gefundenen Gegenstandes erkennen? An nichts anderem, als woran er seine eigene Vernunftmässigkeit erkennt -- am ^Handeln nach Zwecken^. -- Die blosse Zweckmässigkeit des Handelns aber an sich allein würde zu einer solchen Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch der Idee des Handelns nach veränderter Zweckmässigkeit, und zwar von einem Handeln, das verändert ist nach unserer eigenen Zweckmässigkeit. Gesetzt, der Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen Regeln aufwächst, Früchte trägt u. s. w., oder einen, der nach einem gewissen Instincte auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u. s. w., und