nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in Menge, die, ohne alle Rücksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire räsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der schwedischen Gräfin sich erzählen lassen. Es scheint daher allerdings der Mühe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen: was es doch eigentlich seyn möge, das uns hier, es sey zu Frivolitäten oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mächtig hinzieht; dort, so wichtig und nützlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so unwiderstehlich zurückstösst?
So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst für seinen Gegenstand anregen, beleben, stärken möge; dass ein solches Werk uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschäftigung, sondern zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschäftigen, uns nicht das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedürfte, aufhält und hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermüdet und tödtet; so dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten Selbstthätigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nächsten Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem Künstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die gehörigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu haben glauben. Im zweiten Falle müssen wir immer über uns selbst wachen und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit wiederholen und über seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der Geist fällt in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Mit einem Worte: Producte der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben für den innern Sinn, und insbesondere jedesmal für denjenigen besonderen Sinn, für den ihre Auffassung gehört; Producte der letztern Art mögen Ordnung und Gründlichkeit und Nutzbarkeit, sie mögen alles haben, was man will, jene Kraft haben sie nicht.
Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.
Wie erhält ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat der geistvolle Künstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe Vorstellungen aus der Religion mich in überirdische Welten erhöbe, oder durch die Schrecken des Weltgerichts erschütterte, oder durch die Leiden der sanftduldenden Unschuld mir Thränen entlockte, möchte es seyn; unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass ich auf seine Dichtungen, die ich für nichts als Dichtungen halte, mich nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen ländlichen Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen, was durch kein Nachdenken sich dürfte finden lassen?
Zweiter Brief.
Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf, und beantworten sie folgendermaassen: »Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle Künstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst, dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige Vergnügen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er Künstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen.
-- Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so wenig, als dem körperlichen nach, vollkommen gleich.« »Dennoch müssen wir alle, näher oder entfernter, nach Maassgabe der Gleichförmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf der Oberfläche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir können uns einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens Berührungspuncte bekamen, mit sich selbst übereinstimmig zu machen. Was keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Künstler, indem er das Ziel verändert, und es aufgiebt, seine Individualität in andern darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus einer höheren Sphäre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien, die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.« »Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns anzuregen und zu beschäftigen, und die Individualität, so lange er uns unter seinem Einflusse hält, verstummen zu machen, -- da diese Mittel und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken, durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht dürften aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemühungen, sie auf diese Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lässt, und dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, -- ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, -- haben ihn einst selbst in jene süsse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flöte ergreift. Er ist wieder zur kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nüchterner Kunst dar, was er in der Entzückung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes Andenken ihn noch mit sanfter Rührung erfüllt, das ganze Geschlecht hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner längst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert werden.« So lösen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht.
Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter aufklären, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren Gründen entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem Universalsinne, den Sie Ihrer Erklärung zum Grunde legen; um klar einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der Seele des Künstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich begreifen lässt, warum sich derselbe so leicht und so allgemein mittheile.
Vollkommen unabhängig von aller äusseren Erfahrung, und ohne alles fremde Hinzuthun soll der Künstler aus der Tiefe seines eigenen Gemüthes entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt; er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermögens Vereinigungspuncte für die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in keiner bisherigen Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige Unabhängige und aller Bestimmung von aussen völlig Unfähige im Menschen nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das höchste und einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns zu selbstständigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. -- So weit der Einfluss der äusseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken möge, so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthümliches gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch, und von der grössern oder geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und Strebens, hängt es ab, was für ein Mensch jeder ist.
Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Könnten wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von allen Seiten her ihm zuströmen lassen: so bedürfte es doch immer der Selbstthätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschöpfe im Raume um uns herum, denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als uns zuströmen müssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthätigkeit, um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspuncten zu ordnen: jetzt die äussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden; jetzt den Gesetzen nachzuspüren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen könne. Es bedarf der Selbstthätigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenständen unaufhörlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird derselbe Stern für den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher Entfernung nach unverbrüchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkörper, der für den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lämpchen bleibt, bei dessen Scheine er sein Ackergeräth zusammensuche.
Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der Kürze willen den Erkenntnisstrieb nennen können, gleichsam, als ob er ein besonderer ^Grundtrieb^ wäre -- welches er doch nicht ist; sondern er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen dürften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfältig zu hüten, dergleichen Ausdrücke in dieser oder in irgend einer philosophischen Schrift anders, als so zu deuten; -- der Erkenntnisstrieb demnach wird in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind Erkenntnisse, und ohne sie wäre er kein Mensch, sondern etwas anderes.
Dieser Trieb äussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthätigen Subject zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.
Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbstthätigkeit treibt, und in diesem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, ausser durch Selbstthätigkeit: -- oder, inwiefern er ausgeht auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen, keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat, und ihn den ästhetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die Ursache, gelangen könne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schärfer unterscheiden.
Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die äusseren oder inneren Beschaffenheiten des Dinges lässt er uns völlig uninteressirt; unter seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser Zuthun vollständig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthätigkeit nachzubilden. Im zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem Inhalte nach durch freie Selbstthätigkeit erschaffene Vorstellung in der Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fällen geht der Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein, sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der Vorstellung richten soll. Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe, den wir soeben den ästhetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung, und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhängigen Form des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da, und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthätigkeit entworfen ist, so liegt der ästhetischen Bestimmung eine auf die gleiche Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem diese gebildet worden, so der ästhetische; nur mit dem Unterschiede, dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge übereinkommen, die der letztern Art mit gar nichts übereinkommen soll. -- Es ist möglich, dass eine Darstellung des ästhetischen Bildes in der Sinnenwelt gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den ästhetischen Trieb, dessen Geschäft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und einen möglichen äusserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem ästhetischen Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die äussere Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild würde nicht minder gefallen, wenn es leer wäre, und es gefällt nicht mehr, weil es zufälligerweise zugleich Erkenntniss enthält. -- So musste es denn auch seyn -- woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorläufig weiter zu folgern -- so musste es denn auch seyn, wenn beide unverträgliche Triebe, der, die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie überall und ins Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwärtigen Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen, welche der Strenge nach die einzig richtige ist, -- wenn beide Triebe Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die Vorstellung des Dinges gehen, ohne überhaupt auf die Vorstellung um ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmöglich war ein Trieb, auf das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung, die ausser aller Erfahrung, und über alle mögliche Erfahrung hinausliegen sollte, wenn es nicht überhaupt Trieb und Vermögen gab, unabhängig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu entwerfen.
Wie mögen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich äussern, wenn der ästhetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt würden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel übrig, um ihnen auf die Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt und überwiegend wird, die gesammte Selbstthätigkeit desselben anregen und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gänzlich hinrichten soll: so muss nothwendig die zufällige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung des Selbstthätigen, in einem fühlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl seyn soll, sich durch ein überwiegendes Gefühl seiner selbst, seiner Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefühl der Lust nennt; die zufällige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein ebenso überwiegendes Gefühl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren, welches letztere man ein Gefühl der Unlust nennt. So denken wir uns im Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen anzuziehen, das in seine Wirkungssphäre kommt. Lassen wir ihn wirklich ein Stück Eisen anziehen -- sein Trieb äussert sich, er ist befriedigt, und geben wir dem Magnete das Gefühlsvermögen, so wird in ihm nothwendig ein Gefühl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefühl der Lust entstehen.
Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft überwiegen, so bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er würde dasselbe Stück Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel wegnähmen, als seine Kraft überwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und wenn wir dem Magnete das Gefühlsvermögen zuschreiben, so müsste er nothwendig einen Widerstand, eine Einschränkung und Einengung seiner Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle aller Lust und Unlust.
Beide Triebe, der praktische sowohl, als der ästhetische, äussern sich auf diese Weise, nur mit Unterschied. Der praktische Trieb geht, wie gesagt worden, auf einen Gegenstand ausser dem Menschen, dessen Daseyn, inwiefern keine Handlung erfolgt, noch erfolgen kann, als unabhängig von ihm betrachtet werden muss. Der freilich leere Begriff von diesem Gegenstande ist in der Seele vorhanden. Es kommt demnach allerdings etwas im Gemüthe vor, wodurch der Trieb für das Bewusstseyn ausgedrückt und bezeichnet wird, nemlich der Begriff dessen, worauf er geht: die Bestimmung des Triebes ist dadurch charakterisirt, sie kann gefühlt werden, und wird gefühlt, und heisst in diesem Falle ein Begehren -- ein Begehren, inwiefern die Bedingungen, unter denen der Gegenstand wirklich werden kann, als nicht in unserer Gewalt stehend betrachtet werden.
Kommen sie in unsere Gewalt, und wir entschliessen uns zu der Mühe und zu den Aufopferungen, die es uns etwa kosten wird, sie wirklich zu machen, so erhebt sich das Begehren zum Wollen. -- Man kann hier vor dem Daseyn des Gegenstandes vorherwissen, was Lust oder Unlust erregen werde, denn nur das wirkliche Daseyn des Gegenstandes erregt ein solches Gefühl; man kann daher die Bestimmung des praktischen Triebes von dem Gegenstande, und mithin von der Befriedigung oder Nichtbefriedigung desselben unterscheiden; der menschliche Geist bekommt gleichsam etwas ihm Angehöriges, einen Ausdruck seines eigenen Handelns ausser sich, und sieht mit Leichtigkeit in den Gegenständen, wie in einem Spiegel, seine eigene Gestalt. Ganz anders verhält es sich mit dem ästhetischen Triebe.
Er geht auf nichts ausser dem Menschen, sondern auf etwas, das lediglich in ihm selbst ist. Es ist keine Vorstellung von seinem Gegenstande vor dem Gegenstande vorher möglich, denn sein Gegenstand ist selbst nur eine Vorstellung. Die Bestimmung des Triebes wird also durch nichts bezeichnet, als lediglich durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung.
Die erstere lässt von der letztern sich durch nichts unterscheiden, sondern beide fallen zusammen. Das, was durch den ästhetischen Trieb in uns ist, entdeckt sich durch kein Begehren, sondern lediglich durch ein uns unerwartet überraschendes, in keinem begreiflichen Zusammenhange mit den übrigen Verrichtungen unseres Gemüthes stehendes, sondern völlig zweckloses und absichtloses Behagen oder Misbehagen. So gebe man dem Magnete zu dem Triebe, ein bestimmtes, seine Kraft überwiegendes, Stück Eisen anzuziehen, die Vorstellung dieses Eisens: so wird er ^begehren^, dasselbe anzuziehen; und wenn er sich über seine Anziehungskraft auch noch die Kraft zuschreiben kann, so viel, als sein Anziehungsvermögen überwiegt, von dem Gewichte des Eisens hinwegzunehmen, und der Trieb, jenes Eisen anzuziehen, stärker ist, als etwa seine Abneigung, die Last desselben zu verringern: so wird er es anziehen ^wollen^.[45] Nehmen Sie dem Magnete das Vermögen, sich das Eisen ausser sich, mithin auch sein Anziehen dieses Eisens vorzustellen, und lassen ihm lediglich Trieb, Kraft und Selbstgefühl: er wird, wenn die Schwere des Eisens seine Kraft überwiegt, eine Unlust; wenn Sie die Last wegnehmen, und er, sich selbst unbewusst, das Eisen selbst anzieht, eine Lust empfinden, die er sich durch nichts erklären kann, die für ihn mit nichts zusammenhängt, und die unserm ästhetischen Behagen oder Misbehagen völlig ähnlich ist -- aber nicht aus dem gleichen Grunde entstanden. Aber, denken Sie sich, um ein passendes Bild der ästhetischen Stimmung zu haben, die liebliche Sängerin der Nacht; denken Sie sich, wie Sie es mit dem Dichter gar wohl können, die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein Streben, den vollkommensten Accord zu bilden, und ihre einzelnen Töne als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und herab treibt die Sängerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres Geistes, und er entwickelt durch die mannigfaltigsten Accorde hindurch allmählig sein ganzes Vermögen. Jeder neue Accord liegt auf der Stufenleiter dieser Entwickelung, und stimmt mit dem Urtriebe der Sängerin zusammen, den sie nicht kennt, weil wir ihr keine anderen Vorstellungen als Töne gegeben haben, und dessen Zusammenhang mit dem für sie zufälligen Accorde sie nicht beurtheilen kann; gerade so, wie unserem Auge die Richtung des ästhetischen Triebes verborgen liegt, und wie wir die -- ganz anderen Gesetzen zufolge sich in uns entwickelnden Vorstellungen nicht mit derselben vergleichen können. Doch muss jene Zusammenstimmung eine Lust in ihr erwecken, die ihr ganzes Wesen ausfüllt, und deren Gründe sie sich auch schon darum nicht angeben könnte. -- Aber ihr inneres und verborgenes Leben treibt sie weiter zum folgenden Tone; die Entwickelung desselben ist also noch nicht vollendet, dieser Accord drückt noch nicht ihr ganzes Wesen aus, und jene Lust wird daher blitzschnell durch eine Unlust aufgefasst, welche mit dem nächsten Tone sich in höhere Lust auflösen, aber wiederkehren, und die Sängerin abermals weiter treiben wird. Ihr Leben schwebt hin auf den sich drängenden Wellen des ästhetischen Gefühls, wie das Künstlerleben jedes wahren Genies.
So kommt der praktische Trieb gar leicht und auf mancherlei Weise in seinen mannigfaltigen Bestimmungen zum Bewusstseyn, und es scheint sehr möglich, ihn selbst von der inneren Erfahrung aus vollständig kennen zu lernen und zu erschöpfen. In Absicht des ästhetischen Triebes zeigen sich mehrere Schwierigkeiten, und es scheint kein Mittel zu seyn, um bis zu ihm in die Tiefe unseres Geistes einzudringen, als dass man entweder ohne alle Rücksicht auf ihn in der äusseren Erfahrung fortschreite, und abwarte, ^ob^ er sich etwa, und ^wie^ er sich unter derselben zufällig äussern werde, oder dass man auf gut Glück und blindlings sich seiner Einbildungskraft überlasse, und erwarte, wie die mannigfaltigen Ausgeburten derselben auf uns wirken werden. In beiden Fällen ist man überdies noch in der Gefahr, eine Lust, die sich auf ein dunkles, unentwickeltes, vielleicht völlig empirisches und individuelles praktisches Bewusstseyn gründet, mit einem ästhetischen zu verwechseln.
Und so blieben wir denn immer in der Ungewissheit, ob es auch überhaupt einen solchen Trieb gebe, wie wir den ästhetischen beschrieben haben, oder ob nicht alles, was wir für Aeusserungen desselben halten, auf einer feinen Täuschung beruhe; vor der wirklichen Erfahrung vorher könnten wir nie mit Sicherheit ahnen, was gefallen werde, und die Folgerung, dass das, was uns gefallen habe, allen gefallen müsse, bliebe ganz grundlos.
Bedenken Sie hierbei noch den Umstand, dass ästhetische Vorstellungen zuvorderst nur in und vermittelst der Erfahrung, die auf Erkenntniss ausgeht, sich entwickeln können, so sehen Sie eine neue Schwierigkeit; von der anderen Seite aber eine Erleichterung, und die einzige, die den Uebergang aus dem Gebiete der Erkenntniss in das Feld der ästhetischen Gefühle öffnet.
Sie sehen eine neue Schwierigkeit. -- Selbst die Erkenntniss wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck ausser ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äussere Wohlseyn des animalischen Lebens gehenden Aeusserung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnisstrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienste sich zum Vermögen einer selbstständigen Subsistenz auszubilden. Mit der Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechtes gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter unaufhörlicher Besorgniss der Nachtheile in der Ausübung, die uns eine unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir fort von dieser erstürmten Erkenntniss zur Bearbeitung der Dinge, und hüten uns sehr, einen Augenblick bei der Erwerbung des Mittels zu verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zweckes anwenden könnten. Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äusseren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und der Krieg von aussen muss erst beschwichtigt und beigelegt seyn, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfniss und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser müssigen und liberalen Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. So fasst die ruhige Fläche des Wassers das schöne Bild der Sonne; auf der bewegten werden die mit reinem Lichte gezeichneten Umrisse desselben untereinander geworfen und verschlungen in die gewaltsame Figur der unsteten Wellen.
Daher sind die Zeitalter und Länderstriche der Knechtschaft zugleich die der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht rathsam ist, die Menschen, frei zu lassen, ehe ihr ästhetischer Sinn entwickelt ist, so ist es von der anderen Seite unmöglich, diesen zu entwickeln, ehe sie frei sind; und die Idee, durch ästhetische Erziehung die Menschen zur Würdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu erheben, führt uns in einem Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein Mittel finden, in Einzelnen von der grossen Menge den Muth zu erwecken, Niemandes Herren und Niemandes Knechte zu seyn. In einem solchen Zeitalter hat der Unterdrückte zu thun, um unter dem Fusse des Unterdrückers sich lebendig zu erhalten, die nothwendige Luft zu schöpfen und nicht völlig zertreten zu werden, und der Unterdrücker, bei den mannigfaltigen Krümmungen und Wendungen des ersteren im Gleichgewichte zu bleiben und nicht umgeworfen zu werden; durch die gezwungene und unbehülfliche Lage des letzteren vermehrt sich noch seine Last und sein Druck; dadurch werden die Wendungen des ersteren nur noch ängstlicher und gewagter, und der Druck des letzteren abermals lastender, und so steigt durch eine sehr begreifliche Wechselwirkung das Uebel in einer unseligen Progression; keiner von beiden behält Zeit, und er wird sie immer weniger behalten, zu athmen, ruhig um sich zu sehen, und seine Sinne dem schönen Einflusse der freundlichen Natur offen zu lassen. Beide behalten lebenslänglich den Geschmack, den sie damals annahmen, als noch nichts, denn ihre Windeln sie fesselte: den Geschmack an greller, das stumpfe Auge gewaltsam reizender Farbe, und am Glanze reicher Metalle; und der dürftige Handarbeiter eilt, dies dem einzigen Vermögenden zu fertigen, um den kärglichen Lohn, dessen er zum Leben bedarf, bald einzunehmen. So sank im römischen Reiche die Kunst mit der Freiheit zu gleichen Schritten, bis sie unter Constantin dem barbarischen Gepränge fröhnen lernte. So werden die Elephanten der Kaiser von China mit schweren Goldstoffen bekleidet, und die Pferde der Könige von Persien trinken aus gediegenem Golde.
Nur nicht niederdrückender, aber widerlicher und beunruhigender für die Kunst ist der Anblick, wenn unter freieren Himmelsstrichen und milderen Gewalthabern diejenigen, welche in der Mitte zwischen beiden Enden stehen, und denen alle Welt erlaubt, frei zu seyn, dieses letzten Restes der Freiheit, welchen ein über die Menschheit waltender Genius als ein Saatkorn für die Ernte künftiger Generationen in die Verfassung geworfen zu haben scheint, sich nicht bedienen; sondern den der ewigen Einförmigkeit müden Herrschern wider ihren Dank ihre Dienste aufdringen, und sich grämen, dass ihre wunderlichen Verbeugungen und Adorationen keiner zu Herzen nimmt, und dass es ihnen nicht gelingen will, denselben eine politische Wichtigkeit zu geben, die sie an sich nicht haben. Dann wiegt man mit haarscharfer Richtigkeit alle Art der Bildung gegen den künftigen Dienst ab; fragt die harmlos lustwandelnde Speculation, ehe sie uns über die Schwelle tritt, was sie mitbringe; durchsucht Romane und Schauspiele nach ihrer schönen Moral; hat kein Arges daraus, öffentlich zu bekennen, dass man eine Iphigenie, oder eine Epistel in derselben Stimmung, unpoetisch finde; und würde muthmaasslich den Homer einen schaalen Reimer nennen, wenn man ihm nicht um seines reinen Griechischen willen verziehe.
Aber gerade der angeführte Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden, den einzig möglichen Uebergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Noth gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder für den nothwendigen Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntniss um der Erkenntniss willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm dabei zu verweilen; wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu sammeln, bloss um sie zu haben, und uns an ihrem Anblicke zu ergötzen, gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht mit dem Stempel ausgeprägt, welcher allein Cours hat; wir wagen es, bei unserem Reichthume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas anzulegen an Versuche, die uns mislingen können. Wir haben den ersten Schritt gethan, uns von der Thierheit in uns zu trennen. Es entsteht Liberalität der Gesinnungen, -- die erste Stufe der Humanität.
Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände, indess unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich ohne alles unser Zuthun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der Wirklichkeit. So ruhte oft Ihr Auge auf der Gegend an der Abendseite Ihrer ländlichen Wohnung. Wenn Sie dieselbe, nicht um zu sehen, wie Sie den nächtlichen Anfällen des Raubgesindels entfliehen könnten, sondern ohne alle Absicht betrachteten, erkannten Sie nicht bloss die grüne Saat, und hinter ihr die mancherlei Kleearten, und hinter diesen das hohe Korn, und fassten in das Gedächtniss, was da wäre; sondern Ihre