SigPhi · Johann Fichte

Sämmtliche Werke 8 Vermischte Schriften und Aufsätze (German)

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edel und erhaben diese Triebfeder auch ist, so verbietet doch eine reine Sittenlehre, die Wahl der Gegenstände unserer Wohlthätigkeit dadurch bestimmen zu lassen. -- Die einzige allgemeingeltende Regel der Sittenlehre hierüber ist die: der Feind werde in völlige Gleichheit mit allen bedürftigen Gegenständen gesetzt; der ^Feind^ werde ^im Bedürfniss^ vergessen; unser hülfsbedürftiger, hungernder, unbekleideter Feind sey nicht mehr Feind, sey bloss hülfsbedürftig, hungernd, unbekleidet. Alle jene Ausdrücke von Verzeihung, von Versöhnlichkeit gegen den Feind sagen viel zu wenig; wo wir helfen und dienen können, müssen wir unserem Feinde nicht verzeihen; wir müssen keinen Feind haben, wir müssen nur den Hülfsbedürftigen sehen. Jeder Dienst, der sich auf etwas Anderes gründet, hat kein Verdienst.

Die Liebenswürdigkeit solcher Gesinnungen brauche ich nicht erst zu zeigen: aber den Einwurf befürchte ich von vielen, dass dies nur schöne Gemälde seyen, die sich zwar gut darstellen und beschauen, aber nie ins menschliche Leben einführen liessen; und dass man die Welt und das menschliche Herz schlecht kenne, wenn man ihnen im Ernste so etwas anmuthen wolle. Wenn es hierbei bloss aufs Widerlegen ankäme, so dürfte ich nur das Beispiel Jesu, der im Angesichte des ungerechtesten und schmerzhaftesten Todes für seine Verfolger betete; oder, wenn euch das zu erhaben dünkte, das Beispiel seiner Jünger anführen, die gewiss schwache Menschen waren, wie wir, und eben das thaten. Zweckmässiger aber würde es seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind -- sorgfältige Selbstprüfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen Schwachheiten, das daraus entstehende Gefühl der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur überhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die Kürze der Zeit mir verbietet.

Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche gleichsam die Probe enthält, ob wir alle unsere übrige Pflichten gegen sie redlich erfüllt haben. Haben wir alles weggeräumt, was dem Feinde Veranlassung geben könnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich -- sey es so spät, als es wolle -- er wird endlich gewiss unser Freund werden.

Und welch Vergnügen wird uns dann überströmen!

Ich habe, theure Freunde, durch eine Schilderung der Ruhe und Heiterkeit, und des wahrsten Selbstgenusses, den solche Gesinnungen unserer Seele geben, ebensowenig, als durch eine Darstellung der Bitterkeit und der unangenehmen Empfindungen, welche Hass und Unduldsamkeit über unser Herz verbreiten, diese Betrachtung unterbrechen wollen, um nicht durch Vorstellung eures eigenen Nutzens euch zur Anerkennung eurer Pflicht zu bestechen zu scheinen. Jetzt aber, nach vollendeter Untersuchung, erlaubt mir einige Fragen an euer Herz zu legen.

Ich will euch nicht fragen, ob ihr persönliche Feinde, -- solche Feinde habt, denen alles zuwider ist, was von euch kommt, die alle eure Unternehmungen zu hintertreiben suchen, die euer Unglück und euren Untergang geschworen zu haben scheinen? Solche Feinde sind überhaupt selten, und sind es besonders gegen eine stille, anspruchslose Lebensart. Aber das lasst euch fragen, ob ihr nie beleidigt worden seyd?

und wer unter uns möchte wohl diese Frage mit Nein beantworten, da das menschliche Herz überhaupt nur zu leicht beleidigt wird? Ich mag auch nicht untersuchen, ob ihr euch nicht vielleicht durch eure eigene Schuld diese Beleidigung zuzoget -- ihr sollt völlig recht, euer Beleidiger völlig unrecht haben. Denkt euch jetzt einmal diese Beleidigung mit allen ihren Umständen; denkt euch den Beleidiger gegenwärtig; oder vielleicht ist er es, vielleicht ist er mit euch in diesem Gotteshause, und ihr könnt ihn erblicken.

Wie wird euch bei seinem Anblick zu Muthe? was wünscht ihr ihm? wenn ihr ihm in diesem Augenblicke einen beträchtlichen Schaden zufügen könntet, würdet ihrs thun? wenn ihr in diesem Augenblicke ihm einen sehr wesentlichen Dienst erzeigen könntet, würdet ihr eilen? würdet ihrs willig und mit Freuden thun, oder würde es euch einen grossen Kampf kosten? würdet ihr vielleicht vorher eure Bitterkeit gegen ihn auslassen müssen?

Wie? ihr hättet Feindschaft mit euch in dieses Haus des Friedens gebracht? indem ihr eure Stimmen mit den Stimmen eurer übrigen Mitchristen zur Anbetung Gottes vereinigtet, hätte in einem der geheimsten Winkel eures Herzens sich Abneigung gegen diejenigen verborgen, die ihre Stimmen mit den eurigen vereinigten? unter den Wünschen, die aus eurem Herzen zum Vater aller emporwallten, hätte sein allsehendes Auge Wünsche für das Elend derer entdeckt, die seine Kinder sind, wie ihr? Müsset ihr euch dann nicht vor Gott, dessen Auge wahrlich in diesem Augenblicke das Innerste eurer Herzen durchschaut, schämen?

Seyd ihr bei diesen Gesinnungen bisher glücklich gewesen? Habt ihr euch nie der Schwachheit geschämt, eure Ruhe von gewissen Anblicken, gewissen Erinnerungen abhangen lassen zu müssen? eure ganze Seele als einen Schauplatz der niedrigsten Empfindungen erblicken zu müssen, sobald eure Gedanken auf gewisse Begebenheiten eures Lebens fielen?

Empfindet ihr diese Scham -- fühlt ihr diese Unannehmlichkeit eures bisherigen Lebens -- o möchte es dann doch in dieser Stunde in allen Seelen, in denen es bisher trübe war, helle werden; möchte doch allen Freude aufgehen! Ihr könnt in diesem Augenblicke nicht hingehen zu eurem Beleidiger, ihm nicht die Hand drücken, und ihn versichern, dass aller Hass aus eurer Seele rein weggetilgt ist; -- dies ist nicht in eurer Macht, aber euer Herz ist in eurer Macht. -- O möchten sie doch, diese eure Herzen, in dieser Minute sich vereinigen, so wie ihr hier vereinigt vor Gott sitzt; möchten sie doch in dieser Minute, Gott, und alle seligen Geister, die uns hier umringen, zu Zeugen, den unzertrennlichsten Bund des Friedens schliessen!

Du aber, o Gott, der du wahrlich hier zugegen bist, und unser aller Herz siehst -- sey unser Zeuge -- wir wollen uns lieben, und nie hassen, wir wollen von nun an allen Hass und Bitterkeit aus unserer Seele tilgen.

Amen.

Ueber die Wahrheitsliebe.

Eingang.

^A. Z.^ Das Wort ^Wahrheit^ wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht, und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich übereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir für ein Glück halten, wirklich ein Glück, und dasjenige, was wir für ein Unglück halten, wirklich ein Unglück ist, so ist Wahrheit in unserer ^Erkenntniss^, und dieser Wahrheit Gegentheil heisst ^Irrthum^. -- Wenn in Absicht unseres Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen übereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher wir ^Falschheit^ und ^Lüge^ entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit, von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen hängt von dem Maasse unserer Fähigkeiten und unserer Bildung, nicht aber von unserem freien Willen ab, und lässt sich mithin weder durch göttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.

Wer wissentlich falsch und ein Lügner ist, wird dadurch nicht nur ein sehr schädlicher Gegenstand für die Gesellschaft, sondern auch ein sehr schändlicher für sich selbst: denn wie niederträchtig feige muss sich derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfältig verbergen muss!

Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils willen, auf sich zu nehmen -- dazu, sollte man meinen, würden die wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es müsste mithin der Falschheit und der Lügen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie nicht meistentheils damit angefangen hätten, sich selbst zu betrügen, ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere sich nicht erst an ihnen selbst geübt, und dieser unselige Selbstbetrug sie nicht gegen die Schande, Betrüger Anderer zu seyn, abgehärtet hätte.

-- Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hört mich deswegen aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemüthsverfassung, welche vor jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt -- wenn ich von ^Wahrheitsliebe^ mit euch rede.

[Fußnote 30: Man wird mir für die Kanzel diese Namenerklärung verzeihen, und die Untersuchung, ob so etwas sich überhaupt nicht etwa widerspreche und nichts gesagt sey, schenken. -- Wenigstens ist das hier Gesagte nicht aus Unwissenheit gesagt.]

Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwärme mich heute mit einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir ähnlich wird, von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wärme über meinen Vortrag, und Verstand über den Geist meiner Zuhörer herab, die sich mit mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.

^Text.^ Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.

Abhandlung.

Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger.

Jesus, der sorgfältige Führer derselben, sollte sie, eben im Begriffe ihr für die Menschheit so wichtiges, für sie selbst so schwieriges Lehramt anzutreten, noch überhäuft von Vorurtheilen des Verstandes, und noch grosser Schwachheiten des Herzens fähig, verlassen. Um sie hierüber zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Tröster, oder richtiger ^Führer^, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor Schwachheiten ebenso sorgfältig warne, als er selbst es bisher gethan hatte, den ^Geist der Wahrheit^. Ich lasse ununtersucht, was man in diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas recht Wunderbares sucht. Ungekünstelt erklärt sagen sie das, was ein zärtlicher Vater sagen würde, wenn er in der Todesstunde seine noch nicht völlig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen spräche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch verlassen, und das ist gut für euch, damit ihr endlich euch selbst regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern Führer, ^an euer Gewissen^. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet, ebenso horcht hinführo auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein Beifall euer höchstes Ziel war, ebenso sey es hinführo der Beifall eures eigenen Herzens: und dass dieses euch nie täuschen werde, dafür bürgt mir die ^Wahrheitsliebe^, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. -- Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist ^senden^ wolle, nicht als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die Wahrheit würden lieben lernen, -- die Jünger Jesu, die an sich weder besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die übrigen Juden ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schüler Jesu -- sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres äusseren Führers, dieses inneren Führers bedürfen würden.

Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jünger Jesu, an unser Gewissen gewiesen, und eben so nöthig, als Jene, bedürfen wir ^der Wahrheitsliebe^, um seine Stimme zu hören. Es ist also der Mühe werth, diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.

Die Wahrheitsliebe, ^von der wir hier und heute reden^, besteht kürzlich darin: ^dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht betrügen wolle^. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es scheint auf den ersten Anblick unmöglich, ^sich selbst^ zu hintergehen, und hintergehen zu ^wollen^.

Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn antreibt, sich vor Beschädigungen seines Leibes und Lebens zu sichern, und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen Empfindungen hinzubringen, als möglich; -- ein Trieb, den wir ^Eigenliebe^ nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein haben: -- deren zweiter aber ihn drängt, das Gute zu verehren und das Laster zu verabscheuen; -- ein Trieb, der uns in den Rang höherer Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das ^Gewissen^ nennen; -- -- Triebe, die so verschieden sind, dass daher einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche allein es schon hinreichend erklärt, wie Jesus von dem verheissenen Geiste der Wahrheit, als von etwas ^ausser den Jüngern^ reden konnte, so wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er that oder sagte, den Eingebungen eines höheren Geistes zugeschrieben hatte: -- wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, -- der der Eigenliebe und der des Gewissens -- sich oft geradezu widerstreiten, indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und nützlich zu begehren, was der zweite als schändlich und ungerecht ihn zu verabscheuen nöthigt: wenn man dieses beides bedenkt, so lässt sich sehr leicht einsehen, wie der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles für sie aufzuopfern, in dem Gedränge, in welches er bei diesem Widerstreite geräth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten Neigungen aufzugeben, oder sich selbst für einen ungerechten und schändlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin finden werde, dass er sich überrede, sein Vergehen sey so gross noch nicht, und er könne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.

Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bösewichter zu seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten Gewissens mit einander zu vereinigen, betrügen sie sich selbst, oder die schlechtere Seele in ihnen verfälscht die Aussagen der besseren. Der trüglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind unzählige.

Jetzt überreden sie sich, andere ^Bewegungsgründe^ bei ihren Handlungen gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthätigkeit sie da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Härte oder ihrer Eitelkeit fröhnten. -- So waren die, von denen Jesus in unserem Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tödten, Gott einen Dienst damit zu thun meinen. -- Eigentlich war wohl beleidigter Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungssüchtigen Juden, so wie die Verfolger aller Zeiten und Völker, trieb, nicht aber die Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn ^sie^ an ihrer Seite die Gemarterten, und ^ihre Gegner^ die Marterer gewesen wären, unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben würden: o, was für liebe fromme Leute sind doch unsere Mörder! Es ist wahr, dass uns der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender Andacht und sehr thätiger Menschenliebe zu Tode.

Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten, weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als möglich an, und meinen damit alle ihre übrigen Vergehungen zu vergütigen. So soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand dargereicht, für alle Ausbrüche unreiner Lüste, oder für eine Menge schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.

Das ist Selbstbetrug in der ^Anwendung^ der Aussprüche unseres Gewissens auf ^unsere Handlungen^; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus ihm entstehen die schreiendsten Widersprüche in den Grundsätzen, wonach wir ^uns^, und in denen, wonach wir ^andere^ beurtheilen. Wir wollen dann immer die Ausnahme von allen übrigen Menschen seyn, und was für alle andere ungerecht ist, soll für uns erlaubt, was bei allen anderen höchst zweideutig ist, soll bei uns schön und edel seyn.

Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse Handlungen nach allen möglichen Milderungen und Beschönigungen doch noch immer ein sehr hässliches Aussehen behalten, so fällt der Mensch aus diesem gefährlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefährlicheren: er sucht sich nemlich des einzigen höchsten Gesetzes für seine Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lästig geworden ist, ganz zu entledigen, und beruft sich, -- ein Jeder nach Maassgabe seines Scharfsinnes -- auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der grösseren, oder der vom Schicksale begünstigteren Menge; der Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum Vorurtheile herabgewürdigten inneren Gefühls durch tausend Spitzfindigkeiten als höchstes Gesetz für die freien Handlungen vernünftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter -- o unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! -- auf erdichtete oder verfälschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewährleistung eben des Gottes, der seinen Willen unauslöschlich in unser Herz schrieb, diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. -- Sehet da, m. Br., in dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: »andere, die es doch besser verstehen sollten, machen es eben so« -- das man so oft hört; jener Gebäude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt gröber unsere Neigung als höchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener Religionsgrundsätze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines fremdes Verdienst -- nicht etwa ^das Fehlende^ eigener Verdienste bei dem möglichst thätigen guten Willen -- eine solche Hoffnung bietet die Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf -- sondern den gänzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mönchskutte, und hier an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!

Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die der schlauste Verführer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen, bedarf es der ^Wahrheitsliebe: -- der entschiedenen vorherrschenden Neigung, die Wahrheit _bloss um ihrer selbst willen_ -- sie falle für uns auch aus, wie sie wolle -- anzuerkennen^. -- Diese Wahrheitsliebe, oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns fürs erste, unser Gewissen als den einzigen Richter über das, was recht oder unrecht ist, und als das höchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. -- Die schönste Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche Jesus gegeben hat: ^Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun, das thut auch ihr ihnen nicht^, oder allgemeiner: ^was euch an anderen ungerecht und schändlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch an euch^.

Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: ^nichts sich für erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer erlauben möchte^. -- Die Vernunftmässigkeit dieses Grundsatzes ist ^so^ einleuchtend, und es ist ^so^ unvernünftig, zu glauben, dass ein Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen vernünftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was er allen anderen nicht erlaubt, und für ihn allein gerecht und edel seyn solle, was er an allen anderen ungerecht und schändlich findet: dass es schwer wird, es zu glauben, dass der grösste Haufen der Menschen sein eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemäss handele.

Diese Wahrheitsliebe treibt fürs zweite den, in welchem sie herrschend geworden ist, ^sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch zu prüfen^. -- Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit entfernt nach Entschuldigungen und Beschönigungen zu haschen, vielmehr sehr sorgfältig über sein betrügerisches Herz wachen. Er wird seine Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grösser machen wollen, als sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, -- das heiligste, was er kennt -- ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefühle der Scham vor sich selbst edelmüthig unterwerfen.

Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt man das Gewissen für sein höchstes Gesetz; prüft man sich unparteiisch nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu müssen, nicht länger ertragen, sich nicht entschliessen können, sich selbst für ungerecht und böse zu halten, und -- es bleiben zu wollen. So ein Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich für verdorben halten, und sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatürlich.

Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er überzeugt Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprüche unseres Gewissens sey. ^So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von mir selber rede^, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.

Doch hört noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus über Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr überzeugt, dass ich euch jetzt nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3, 19-21.

^Das ist das Gericht^, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige, ^obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr lieben, als das Licht^, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen ^wollen^, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen schmeichelt, ^da ihre Werke böse sind^. -- ^Wer Arges thut, hasset das Licht^, oder die Wahrheit, ^und er kömmt nicht an das Licht^, er weicht der Erkenntniss der Wahrheit sorgfältig aus, ^damit seine Werke nicht gestraft werden^, damit er nicht von seiner Verdorbenheit überführt, und vor sich selbst beschämt werde. -- -- Die von dieser Menschenklasse sehr Verschiedenen sind diejenigen, ^welche die Wahrheit thun^, welche ihr Gewissen für das höchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: -- ^diese kommen an das Licht^, sie mögen sich gern in ihrer wahren Gestalt erblicken, ^damit ihre Werke offenbar werden^, und sie dadurch sich selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was ihnen zu thun noch übrig ist.

Dieser Geist der Wahrheit ^geht^, nach den Worten Jesu in unserem Texte, ^vom Vater aus^; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwärtig ist. -- -- O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die geheime Geschichte seines Herzens zurückgehen; warum kann ich nicht Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorfälle aufzählen, bei denen die bessere Seele in ihm lauter wurde? -- Denkt zurück an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thränen der Rührung, mit denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die ernsthaften Vorsätze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorsätze, die ihr fasstet, wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch den Verdorbensten unter uns übermannte, wenn er eine Sünde thun wollte, die ihm neu und grösser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen, das uns alle befällt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von einer grossen Schandthat hören -- alles das waren und sind Spuren dieser besseren Seele in uns.

Und nun ist es unsere Sache, uns zu prüfen, wie viel von dieser ursprünglichen Wahrheitsliebe wir in uns übriggelassen haben. Und diese Prüfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle können wir unser Herz auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrügt.

Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner Bestimmung hat, ist der, ^Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen^.

Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf gründen wir nun diese Hoffnung, -- nicht von ^Gottes^ Seite, davon ist hier nicht die Rede, -- sondern von ^der unsrigen^, oder, was denken ^wir^ zu thun, um in den Himmel zu kommen? Tröstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures Nachtmahlsgehens -- oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf eurem Sterbebette empfinden wollt -- tröstet ihr euch irgend eines Dinges, ausser der gewissenhaften Erfüllung aller eurer Pflichten, und des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr für unrecht haltet: so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.

Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlängst irgend ein anderes ausgeführt. -- Könnt ihr im Ernste wünschen, dass jeder eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht; könnt ihr wünschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet ihr dieses nicht wünschen können, -- haltet ihr demohngeachtet eure Handlung noch für gerecht und billig? Haltet ihr sie dafür, so seyd versichert, dass euer Herz euch betrügt, und dass die Entschuldigungen, die es euch darbietet, eitel Täuschungen sind.

Es ist, wenn wir in dieser Prüfung unser Herz nicht ganz lauter befunden haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe in uns wieder herstellen wollen, -- wenn wir anders nicht länger jeden Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Erröthen wieder zurückreissen wollen; nicht länger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns gedrückt fühlen, und schüchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere Schande entdecke; nicht länger dem Gedanken an Gott, den Herzenskündiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.

Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren; treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, -- er wird stets recht haben, und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflüchten fehlen; er wird, wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferständen, und ihm die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen Zustand sehr passend das ^Gericht der Verstockung^ genannt haben. -- Aber sollte es viele, sollte es überhaupt Menschen geben, die ^so^ tief verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute Eindrücke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglück verfallen, aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten können; oder wenn sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen müssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind; oder, welches das letzte und härteste Rettungsmittel in der Hand der Vorsehung ist, -- wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, über die sie hinterher sich selbst entsetzen.

Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedürfe; er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungenützt lasse.

Amen.

C.

Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe von Briefen. 1794.[32] Erster Brief.

Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben, mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemühungen um dieselbe Antheil zu nehmen, und füllen noch immer einen Theil Ihrer Erholungsstunden mit philosophischer Lectüre. Aber, so schreiben Sie mir, der Nachbar dürfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie überhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem unermüdetsten Studiren werden könne, wenn es dem ersten dem besten erlaubt seyn solle, die mit saurer Mühe zusammengebrachten Kenntnisse im ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? -- Der Nachbar denkt auf Sicherheit, und Sie wünschen eine klare Einsicht in die Beruhigungsgründe, die Sie schon jetzt dunkel fühlen. Sie haben bemerkt, dass ich auch mit für diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir eine gründliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist ^der^ Philosophie, und Geist ^in^ der Philosophie heisse, und wie sich derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.

[Fußnote 32: Die folgenden drei Briefe, deren Fortsetzung in einem der künftigen Hefte erscheinen wird, sind schon vor vier Jahren abgefasst worden. -- Ich erinnere dies, um das Stillschweigen über neuere Vorfälle und Aeusserungen, an die man durch diese Ueberschrift erinnert wird, zu erklären.

(Anm. des Verfassers.)]

Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Gründlichkeit mich nicht über Vermögen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das würde denn auch in der Kürze geschehen können, wenn ich alles, was die unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen dürfte.

Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen längeren Weg führen, von welchem ich wünsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen möge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu bringen und ihre Besorgnisse zu heben. -- Was die Belehrung des Nachbars anbelangt -- doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann wenigstens für Sie selbst belehrend seyn.

Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der Philosophie verstehe, müssen wir uns darüber vereinigen, was wir überhaupt Geist nennen.

Sie erinnern sich der Klagen, die Sie führten, als Sie ein gewisses, von einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet; aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben gleitete ab, und so oft auch Sie den spröden Geist desselben ergriffen zu haben glaubten, entschlüpfte er Ihnen unter den Händen. Sie hatten nöthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses Buch studiren wollten, es studiren müssten; und es bedurfte der oft wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich aus anderen Gründen überzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen lassen könnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der aufgewandten Mühe nicht werth seyn werde. -- Lag dabei die Schuld lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem Nichtverhältnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Gründlichkeit jenes Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich bei der Lectüre anderer, nicht minder gründlicher Schriften fanden, erlaubte Ihnen, eine günstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fühlten von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer Lectüre, die allein Ihren ganzen Geist ausfüllte, keinen Zweck ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mühe, sich davon loszureissen, wenn andere Geschäfte Sie abriefen. Sie waren vielleicht mehrmals in einem ähnlichen Falle, wie eine gewisse französische Frau. Die Stunde, da der Hofball eröffnet wurde, traf dieselbe bei der Lectüre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass angespannt sey; aber es war noch zu früh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und zwei Stunden darauf fand sie es zu spät. Sie las die ganze Nacht durch, und opferte für dieses Mal den Ball auf.

So gehts mit Büchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl, als der Natur. Das eine lässt uns kalt und ohne Interesse, oder stösst uns wohl gar zurück; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.

Diese Erfahrung ist um so merkwürdiger, da die Gründe, aus denen man sie etwa auf den ersten Anblick dürfte erklären wollen, nicht auslangen. Der weniger ernsthafte und oberflächliche Leser, der nur Vergnügen sucht, und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch Erzählungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzählung, wo Begebenheiten auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere,