SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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Die zuletzt mitgeteilten Tatsachen legen den Schluß nahe, daß koordinierte Augen-Bewegungen dann stattfinden, wenn die Be- wegungen vom Zentral-Organ hervorgebracht werden, daß die aty- pischen, nicht-koordinierten Bewegungen aus ganz anderen Ursachen stammen und speziell mit dem Sehen nichts zu tun haben'®), man erinnere sich an das, was wir hierüber bei den impulsiven Be- wegungen gesagt haben. Wir würden also die unkoordinierten Augen- Bewegungen zu diesen rechnen.

Damit ist auch schon entschieden, daß jeden&lls der extreme Empirismus nicht aufrecht erhalten werden kann, daß der Erb-An- lage bei der Koordination eine Rolle zukommt, soweit dürfte heut zwischen allen Forschern Einigkeit bestehen, fraglich ist nur noch, wie groß diese Rolle ist und wieviel die Übung und Erfahrung noch hinzutun muß, eine Frage, die zur Zeit nicht beantwortbar erscheint'^).

Betrachten wir jetzt das Problem der Fixation. Hier li^t die Sache insofern anders, als im Anfang von Fixation keine Rede sein kann, die Augen Irren planlos umher. Erst etwa von der zweiten Woche an zeigt sich ein deutlicher Einfluß der sichtbaren Welt auf 54 Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen die Augen- Bewegungen. Bringt man um diese Zeit einen glänzenden oder leuchtenden Gegenstand vor die Augen des Kindes, so werden die wandernden Augen in dem Moment angehalten, in dem sie gerade auf das Objekt eingestellt sind, es fixieren. Das Kind starrt dann auf den Gegenstand. Die Leistung beschäftigt das Kind stark, man kann es u. U. dadurch veranlassen, mit schreien aufzuhören. Erst etwa eine Woche später tritt zu dieser „passiven'' Fixation — pa^'siv, weil durch Unterbrechung von Bewegung bewirkt —, die noch einige Wochen bestehen bleibt, die „aktive** hinzu.- Und zwar in doppelter Weise: Bringt man einen vom Kind nicht sichtbaren auf- fälligen Gegenstand in die Peripherie seines Gesichtsfelds, so machen die Augen FixationsBewegungen auf diesen Gegenstand zu, stellen sich also von einer ganz anderen Lage aus so ein, da6 P^r Gegen stand in den Zentral-Gruben beider Augen abgebildet wird. Oder aber: man läßt das Kind, wie eben beschrieben, starren, und be- wegt den angestarrten Gegenstand langsam zur Seite, dann folgt das Kind mit dem Blick. Ich kann Bühler nicht Recht geben, daß beide Fälle auf dasselbe hinausliefen. Im ersten Fall ist der Reiz ein ruhendes, seitlich gelegenes Objekt, im zweiten Fall ein be- wegtes, zentral gelegenes. Und wenn es auch richtig ist, daß das Verfolgen einer Bewegung mit dem Blick stets, auch beim Erwachsenen» ruckweiss geschieht, so daß auch in diesem Falle stets kleine Verschiebungen des Objekts aus der Mitte nach der Seite zu erfolgen, so ist doch ein bewegtes Objekt nicht ein ruhendes, die Bewegung auslosende Bedingung in beiden Fällen also verschieden.

Jedenfalls ist aber jetzt eine aktive Fixation möglich, wenn sie auch zunächst noch nicht ganz vollkommen ist, die Augen-Bewegungen schießen gelegentlich über das Ziel hinaus oder bleiben dahinter zurück.

Aus diesen Tatsachen können Nativismus und Empirismus Argu- mente für ihren Standpunkt entnehmen, der Empirismus kann auf die allmähliche Ausbildung, die anfängliche UnvoUkommenheit der Fixation hinweisen, der Nativismus darauf, daß die Zeit des Lernens mit der Schwierigkeit der Aufgabe verglichen viel zu kurz sei, wenn nicht ererbte bildungsgesetzliche Grundlagen, um einen Ausdruck von V. Kries zu gebrauchen, vorhanden wären. Dem Empirismus erscheint die beobachtete Entwicklung also als ein Lernen, dem Nativismus als ein Reifen.

Heute neigt die Forschung zu einer Lösung, wie sie der des gleichen Problems bei der Koordination entspricht. Man will beide Faktoren gelten lassen, ohne ihre gegenseitigen Anteile abgrenzen zu können").

Google Probleme der Augenbewegungen 55 Was heißt es nun aber, die Fixations-Bewegungen erfolgten auf angeborener Basis, mit andern Worten, es bandele sich um echte Reflexe? Die Leistung besteht darin, daß auf einen irgendwo im Gesichtsfeld befindlichen Reiz hin das Auge so gedreht wird^ daß der Reiz sich in der Mitte des neuen Gesichtsfeldes befindet, anders gesagt: ein irgendwo auf der Peripherie der Netzhaut abgebildeter Licht Punkt löst als Reiz eine Bewegung aus, die bewirkt, daß der Licht*Punkt sich auf der Zentral- Grube abbildet.,, Genauer besehen, offenbart sich in diesen Vorgängen schon ein kompliziertes und fein- differenziertes System von Verknüpfungen, Verknüpfungen nämlich der Lichteindrücke der einzelnen Netzhautstellen mit ganz speziellen Bewegungsimpulsen der Augen. Streng genommen muß von jedem Netzhautpunkt aus eine andere Bewegung ausgelöst werden, also jede sensorische Faser des Nervus opticus [Seh-Nerv] eine andere zentrale Verknüpfung mit den die Augenmuskeln bewegenden motorischen Nerven eingegangen haben^^'). Das entspricht vollkommen dem, was wir oben über den Reflex- Apparat ausgeführt haben, aber die Sache müßte in Wirklichkeit noch viel komplizierter sein, wie aus der folgenden Überlegung her- vorgeht. Nehmen wir an, der Blick des Kindes sei zunächst hori- zontal geradeaus auf den Punkt A gerichtet (s. Figur), es erscheine nun ein rechts in der gleichen Ebene gelegener Licht* Punkt B; dann werden die Augen so bewegt, daß sich dieser Punkt auf der Zentral- Grube abbildet. Jetzt trete ein neuer Licht-Reiz Bt vertikal über diesem auf, dann werden die Augen zu seiner Fixation nach oben bewegt. Denken wir uns ^ ß jetzt wieder die Augen auf Jl gerichtet, und nun vertikal # # darüber den Punkt Ai aufleuchten, der sich auf der gleichen Netzhaut-Stelle abbildet wie der Punkt ä, als der Blick auf B gerichtet war. Es wird wieder eine • • Aufwärts • Bewegung der Augen erfolgen, die die Fixa- tion von Aj bewirkt, aber obwohl in diesem Fall Ai die gleiche Netzhaut-Stelle reizt wie im Falle der ersten Auf wärts-Bewegung (J5 -^ Bi) der Punkt Bi, sind die beiden Bewegungen durchaus nicht gleich, die beiden Be- wegungen A -^ Ai und B -^ Bi erfordern verschiedene Innervationen der Augen-Muskeln. Was wir an diesem Spezialfall abgeleitet haben, läßt sich allgemein so ausdrücken: Die Innervation, die die Augen-Muskeln bei den Fixations-Bewegungen empfangen, sind außer von dem Ort der Netzhaut-Stelle, welche die Bewegung auslöst, auch von der gerade vorhandenen Lage der Augen abhängig. Daraus folgt, daß jede sensorische Faser nicht nur eine Verknüpfung mit den motorischen Nerven besitzen muß, sondern so viele, wie es Google ^^ Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen mögliche Lagen der Augen gibt, also eine ungeheuere Mannig- faltigkeit, und es muß die Lage der Augen jeweils die be- Btimmende Ursache sein, welche der vielen Verknüpfungen gerade JD Funktion tritt.

Nach dieser Theorie sieht es also so aus: Die Bewegungen A-^-Äi und B-^Bij um auf unser Beispiel zurückzugreifen, sind verschieden, die optischen zentripetalen Lnpulse, die sie auslösen, gehen durch verschiedene Verknüpfungen, beide Male aberführt die Bewegung zum gleichen Ziel, ein oberhalb des ursprünglichen Fixations-Punktes gelegener Punkt wird durch die Bewegung zum Fixations- Punkt. Eän innerer Zusammenhang zwischen dem gleichen Erfolg und den verschiedenen Mitteln, durch welche er erreicht wird, besteht nicht, ganz, wie wir dies bei der Betrachtung der Reflexe im allgemeinen kennen gelernt haben, ist die Reaktion zwar an ihren Reiz gekettet, aber sensibler und motorischer Vorgang sind gänz- lich heterogen.

Diesem Tatbestand gegenüber erhebt sich aber die Frage, ob solch ein Verknüpfungs-System noch mit irgend einem Grad von Wahrscheinlichkeit angenommen werden darf, eine Frage, die auch ihre Berechtigung behält, und sich sogar noch stärker aufdrängt, wenn man die Fixations-Bewegungen rein empiristisch erklären will; denn wir werden sehen, daß nach der herrschenden Ansicht Lernen nichts anderes bedeutet als Herstellen von Verknüpfungen. Der Unterschied von Nativismus und Empirismus bezieht sich also gar nicht auf das Vorhandensein, sondern nur auf die Entstehung der Verknüpfungen, unser Bedenken richtet sich aber g^en ihre Existenz.

Es scheint, daß wir damit auf jede Erklärung der Augen- Bewegungen verzichten. Das ist nicht der Fall, nur müssen wir eine ganz andere und neue Hypothese einführen. Wir kommen damit schon an dieser Stelle auf den Punkt, an dem die neueste Psycho- logie sich von der alten scheidet, auf Prinzipien, die uns immer wieder begegnen werden, und die, das ist nach eben gesagtem schon voraus zu sehen, z. B. auch für die Theorie des Lernens von der größten Bedeutung sein werden.

Gehen wir noch einmal auf die alte Theorie der Augen- Bewegungen zurück. Nach ihr sind optisches Sensorium und Motorium (ich denke diese Ausdrücke sind ohne weiteres verständlich) zwei selbständige Apparate, die nur durch mannigfache Verknüpfungen mit einander verbunden sind. Sensorisches und motorisches Geschehen haben im Gebiet des optischen genau so viel oder wenig mit ein- ander zu tun, wie das nach der herrschenden Ansicht bei allen Rüöexen der Fall ist (s. o.). Andrerseits erweisen sich nun aber Google Probleme der Augenbewegungen cj die Augen-Bewegungen in hohem Maße als angepa&t an die Eigen- schaften der optischen Phänomene.

Die Fixations-Beflexe, die wir besprochen haben, sind dafür nur ein Beispiel. Um anderes zu nennen: die Augen- Bewegungen sind abhängig von den Konturen der sichtbaren Gegenstände; die Akko- modation bewirkt, da6 die fixierten Konturen scharfe Bilder auf der Netzhaut liefern; sie sind so geregelt, daß, von wenig bedeutenden Abweichungen abgesehen, bei jeder Stellung sich möglichst viele Au6en-Punkte in beiden Augen auf gleichen Netzhauipunkten ab* bilden'^) und dafi, gleichviel wie die Augen stehen, eine durch den. Fixations*Punkt gehende horizontale gerade Linie sich stets auf den gleichen Linien der Netzhaut abbildet ^'^). Kurz gesagt, die Prinzipien,, nach denen sich unsere Augen*Bewegungen regeln, sind so be* schaffen, daß uns unsere Gesichts- Wahrnehmungen eine möglichst klare Anschauung des umgebenden Raumes liefern. Die „schöne Harmonie'' zwischen den sensorischen und den motorischen Funktionen des Doppelauges hat auch Hering schon gebührend hervorgehoben. Aber so lange aller Zusammenhang zwischen Funktionen als bloße Verbindung in sich selbständiger Elemente gedacht wurde, konnte man die Konsequenzen dieses Sachverhalts nicht sehen. Gibt es denn aber keine andere Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs? Nach dem jüngst erschienenen grundlegenden Werk von W. Köhler") liegt in der Tat eine ganz andere Möglichkeit vor, eine Möglichkeit, *die der Denkweise entspricht, wie sie von M. Wertheimer in die Psychologie eingeführt worden ist. Was das bedeutet, wird in späteren Kapiteln klar werden, hier beschränken wir uns auf die neue Erklärung der Augen-Bewegungen. Wir geben die Annahme auf, der Zusammenhang zwischen sensorischen und motorischen» Funktionen im optischen sei ein bloßes System von Verknüpfungen« Dann fallen aber auch alle aus dieser Annahme folgenden, oben auf S. 56 f. erläuterten Konsequenzen: das Sensorische als bloße Aus- lösung des Motorischen ohne jeden inneren, sachlichen Zu- sammenhang. Man kann an ihre Stelle die Hypothese setzen, die spezifische Form des Gesehenen reguliere von sich aus die Bewegungen. Daraus folgt sofort, optisches Sensorium und Motorium sind nicht als zwei selbständige Apparate anzusehen, sondern bilden für viele Leistung^i ein einheitliches Organ, ein physikalisches System, die einzelnen Teile des Organs vermögen auf einander ein- zuwirken, was an einer Stelle des Organs geschieht ist nicht unab* hängig davon und nicht ohne Einfluß darauf, was an einer andern Stelle vorgeht. Was diese Ansicht für die Psychologie bedeutet, das wird erst allmählich im Lauf dieses Buches Mar werden. Hier Google ^g Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen liefert sie uns eine ganz neue Erklärung für die Augen-Bewegungen. Unser optisches Organ, sensorisches plus motorischem, ist darnach ein Organ mit Selbst* Regulierung, durch Einwirkung auf den motorischen Teil ändert das Geschehen im Sensorischen seine eigenen Be- dingungen ab. Dies muß nach ganz bestimmten, physikalisch voraus- zusagenden Gesetzen geschehen, und die tatsächlichen Augen- Bewegungen entsprechen durchaus diesen Gesetzen. Die Veränderung mu& im Sinne größtmöglicher Ausgeglichenheit und Ein&chheit erfolgen, und gerade das Prinzip des größten Horopters (vgl. o. S. 58 und Anm. 64) steht in vollem Einklang zu dieser Forderung. Auf die physikalische Seite der Sache einzugehen, würde uns zu sehr vom Wege abführen. Für uns ist das Hauptergebnis: der Zusammen- hang zwischen zwei Funktionen ist möglich ohne das Bestehen eines besonderen Mechanismus (s. o. S. 51)^^). Ich wiederhole, der Leser kann hier noch nicht Sinn und Tragweite des neuen Prinzips völlig verstehen, wenn die gleichen Gedanken aber immer wieder bei den verschiedenen Problemen aufgetaucht sind, dann wird dies Ziel erreicht sein und dann möge er zurückblättern und diese Stelle noch einmal lesen. Hier noch eine Schluß-Bemerkung: wir konnten die Augen-Bewegungen als Reflexe auffassen und wir sahen, daß sie ohne Annahme eines Mechanismus, eines Systems bloßer Ver- knüpfungen, zu erklären sind. Das führt von selbst zu der Frage, ob wir die für die Augen-Bewegungen gewonnene Erklärung nicht auf alle Reflexe übertragen können. Wir wollen diese Frage hier nur anmerken, und erst im nächsten Abschnitt einiges zu ihrer Beant- wortung sagen.

Das aber ist klar: die Frage, ob Empirismus oder Nativismus bei der Theorie der Augen-Bewegungen recht haben, ob diese Be- wegungen nach angeborenen Gesetzen erfolgen oder im individuellen Leben erlernt werden müssen, diese Frage erhält jetzt einen total anderen Sinn. Da die optischen Phänomene selbst, bezw. ihre physiologischen Korrelate, von sich aus, durch ihre spezifische Be- schaffenheifc die Bewegungen regulieren sollen, so werden diese auch in der Entwicklung von jenen abhängen, der Fortschritt in den Leistungen etwa der Fixation, den wir oben besprochen haben, wird denmach mitveranlaßt sein durch einen Fortschritt in den Leistungen des Sehens selbst. Hier stehen sich Empirismus und Nativismus wieder ebenso feindlich gegenüber, die Entscheidung kann erst viel später fallen, wenn wir das Problem des Lernens selbst behandelt haben.

Wir kehren zur Liste der Reflexe des Neugeborenen zurück und geben niu: noch einige wenige Beispiele.

Google Das Saugen ^o Von der Haut lassen sich eine Reihe von Reflexen auslösen. Ein für den Neugeborenen typischer Reflex ist der sogen. Babinski- Reflex, der nach einigen Wochen durch einen anderen Reflex ver- drängt wird, beim gesunden Erwachsenen also nicht vorkommt. Bestreicht man die Fußsohle des Neugeb(»:enen, so streckt es die Zehen (Richtung nach oben), während später der gleiche Reiz zur Beugung der Zehen führt (Plantar-Reflex).

Der Babinski-Reflex hat wohl Scbutz-(Flucht-)Charakter, ein anderer stark ausgeprägter Schutz-Reflex läßt sich beim Neugeborenen durch Berührung der Augen-Ränder oder Wimpern auslösen: eä erfolgt sofort Lid-Schluß.

Im Sinn einer positiven Anpassung wirkt ein, auch beim groß- hirnlosen Neugeborenen vorhandener, Reflex: berührt man die Hohl- liand des Kindes, so schließt sie sich um den berührenden Gegen- stand (z. B. Finger). Im Zusammenhang hiermit erwähne ich eine wunderbare Reaktion, von den Amerikanern „cUnging reaction^. An* klammer-Reaktion, genannt. Das Kind wendet nämlich bei dem Handschluß-Reflex ganz gewaltige Kraft an. Robinson hat in Amerika besondere Versuche darüber angestellt, und gefunden, daß sehr viele, noch nicht eine Stunde alte Kinder sich mit den Händen sofort an einen Finger oder an einen kleinen Stock so anklammern, daß man sie daran in die Höhe heben kann. 12 eben geborene Kinder hingen auf diese Weise eine halbe Minute wie ein Turner am Reck, und 3 oder 4 sogar fast eine ganze Minute'*).

Anhangsweise sei noch darauf hingewiesen, daß die vegetativen Prozesse von Anfang an richtig verlaufen, Atmung und Puls sind wesentlich schneller und weniger regelmäßig als beim Erwachsenen. Auch Reflexe wie Niesen und Husten sind schon vom ersten Tage an beobachtet worden.

& Das Saugen. Erste Ghajfakteristik der Instinkt-Bewegungen.

Wir verzichten auf weitere Einzelheiten und wenden uns einer dritten Gruppe von Bewegungen zu. Wir haben bisher eine der häufigsten, wichtigsten und charakteristischsten Bewegungen des Neugeborenen noch gar nicht berührt, seine Nahrungs- Aufnahme durch Saugen. An diese Bewegung knüpfen wir jetzt an. Gleich nach der Geburt ist das Kind imstande zu saugen imd die dadurch in den Mund gezogene Milch zu schlucken. Man legt ihm die Brustwarze zwischen die Lippen und entweder sofort oder nach wenigen Minuten, in denen weniger zweckmäßige Bewegungen gemacht werden, setzt die richtige, erfolgreiche Saug-Bewegung ein. Diese Bewegung ist keineswegs besonders einfach, sie erfordert ein genaues Zusammen- Google (^ Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen arbeiten der beteiligten Muskeln, die Lippen müssen die Warze luftdicht umschließen, und in regelmäßiger, den Schluck-Bewegungen angepaßter Periode müssen die Muskeln spannen und entspannen» Und doch: »Von allen Bewegungen des Säuglings ist keine so voll* kommen von Anfang an wie diejenige, welche ihm den Namen gab** **)• Die Saug-Bewegung wird nicht ins endlose oder bis zur Ermüdung fortgesetzt, sondern, wenn der Säugling die genügende Menge Nahrung aufgenommen hat, so stößt er die Warze aus und saugt nicht mehr, wenn man sie ihm von neuem in den Mund legt. Ist er hungrig, d. h. nahrungsbedürftig, so wird das Saugen nicht nur durch die Brustwarze ausgelöst, er saugt an den Fingern, der Backe seiner Mutter oder Pflegerin, wenn die gerade an seine Lippen kommen, es ist also nicht erforderlich, daß Milch in den Mund tritt^ damit weiter gesogen wird. Nicht an j^dem Gegenstand freilich, der in den Mund gelangt, wird gesogen. Wie Preyer hervorhebt, dürfen sie nicht zu groß oder klein, zu rauh, zu heiß oder kalt, zu bitter sauer oder salzig sein. Ebenfalls ist es von Bedeutung, daß die Milch, die gesogen wird, richtig beschaffen ist, sonst wird der Saug-Akt unterbrochen. So berichtet Preyer, daß sein Kind am 4. Tage mit Wasser verdünnte Kuhmilch, die es am 2. Tage ohne Zögern ge- nommen hatte, verweigerte und erst dann aufnahm, als man eine kleine Menge Rohr-Zucker zugesetzt hatte. Dies Verhalten beim Saugen zeigen auch großhimlose Kinder, auch das von Edinger und Fischer beschriebene Kind „nahm die Brust gleich an und saugte Anfangs richtig.^ Ein gewisser Unterschied zwischen normalen und idiotischen, also erst recht wohl großhimlosen, Kindern scheint nur darin zu bestehen, daß bei den normalen das Saugen sich in der ersten Zeit noch vervollkommnet und nach zwei Wochen schon mit maschinenmäßiger Regelmäßigkeit vor sich geht (Preyer), während nach Beobachtungen von S ollier bei angeborener Idiotie keine Ver- besserung der Leistung zu beobachten ist. Es sieht so aus, so be- richtet dieser Forscher, als wenn ihnen die Sache jedesmal wieder neu wäre^°). Das von Edinger und Fischer beschriebene groß- hirnlose Kind hörte in der 6. Woche überhaupt auf, an der Brust zu saugen und mußte mit dem Löffel gefüttert werden. Dabei bemerkte die aufmerksame Mutter im Laufe des vierten Monats schwache Saug-Bewegungen, so daß sie einen Versuch mit der Saugflasche machte, der auch gelang. Das Kind saugte aus der Flasche, aber nur, wenn Milch darin war, sonst nicht.

Ob das gesunde Neugeborene von Anfang an die Brust „sucht", ist ungewiß, jedenfalls kann es die Warze noch nicht allein finden, doch gelingt dies nach mehreren Tagen, man vermutet auf Grund Google Das Sauden 5( des Geruchs, der bei blindgeborenen Hunden ja allein für diese Leistung in Frage kommt. In der Nabe spielt vermutlich auch der Tast-Sinn der Lippen eine Rolle.

Auf den ersten Blick sieht das Saugen wohl wie eine Reflex- Bewegung aus. Es erfolgt, wenigstens im Anfang, als Reaktion auf einen Reiz, verläuft sehr gleichmäßig, gehört zur Erb- Anlage und ist fOr die Erhaltung ftufterst zweckmäßig. Aber eine nähere Betrach- tung ergibt doch auch einige bedeutsame Unterschiede: 1. ist die Saug-Bewegung relativ kompliziert, wie wir schon gesehen haben. Das allein würde bei der Unbestimmtheit dieser Aussage freilich nicht sehr ins Gewicht fallen; 2. aber ist das Verhältnis zu den Reizen ein anderes als bei den Reflexen, und das in verschiedenen Hinsichten.

a) Die Bewegung hängt derart vom Reiz ab, dafi sie ihm an- gepaßt wird, angepaßt nicht nur insofern, als objektiv betrachtet der Erfolg der Reaktion sich als zweckmäßig erweist, wie wenn die Pupille bei stärkerem lichte enger zusammengezogen wird als bei schwächerem, sondern daß die Bewegungen sich unmittelbar nach den Form-Eigen- schaften des Reiz-Gregenstandes richten, die Lippen-Haltung muß eine andere sein, je nachdem ob an der Brustwarze, am Gummi- Pfropfen, am Finger eines Erwachsenen oder am eigenen Finger ge- sogen wird.

b) Feine Unterschiede im Reiz-Komplex können hier zu entgegen- gesetzten Reaktionen fahren (Saugen oder Ausstoßen der Warze bezw. des Pfropfens), Unterschiede, die aber biologisch wichtig sind: an- gemessene Beschaffenheit der Milch.

c) Die Wirksamkeit des Reizes ist, von Ermüdung abgesehen, nicht die ausreichende Bedingung dafür, daß die Reaktion eintritt. Hierzu ist vielmehr noch ein besonderer Gesamtzustand des Orga- nismus erforderlich, Nahrungs-Bedürfnis. Wir sehen ja, daß der satte Säugling nicht mehr saugt, sondern die Warze ausstößt. So charakteristisch diese Unterschiede sind, sie Mrürden kaum genügt haben, eine besondere Gruppe von Bewegungen von den Reflexen abzugrenzen, wenn nicht aus dem Studium der Tiere Yerhaltungs- weisen bekannt wären, die nicht aus Erfahrung oder gar Über- l^;uog stammen, sich aber auch von den einfachen Reflexen unter- scheiden. Es sind die instinktiven Bewegungen, denen man das Saugen zugeordnet hat.

Wir werden gut l^un, uns einige typische tierische Instinkt-Hand- lungen zu vergegenwärtigen^^). Ein Huhn, das eben aus dem Ei gekrochen ist, kann sofort picken, und pickt auch, wenn in seiner Nähe j,pickbare^ Gegenstände vorhanden sind, ganz von selbst, es Google 62 Vom Neugeborenen und den primitiven VerhaltuDgsweisen braucht dazu nicht das Vorbild der Henne oder eines andern Huhns; Hühner, die im Brut-Ofen ausgebrütet sind, verhalten sich gerade so wie die natürlich ausgebrüteten. Und zwar pickt das Küken nur nach Gegenständen, deren Größe sich in einem bestimmten Bereich hält (Kömer, Raupen u. a.), und die sich in seiner Reichweite be- finden, nach solchen aber unterschiedslos und vor allem schon mit einer erstaunlichen Sicherheit. In kurzer Zeit ist diese recht kompli- zierte Bewegung vollkommen ausgebildet, am Anfang kommen noch Fehler vor, das Küken pickt daneben, aber im allgemeinen nur um Haares-Breite. Dabei erfordert das Picken eine außerordentlich genaue Koordination von optischen Erregungen und den Impulsen für eine größere Muskel* Gruppe.

Ein anderes Beispiel: Vögel, die man in einem künstlichen Nest ohne Henne aufgezogen hat, fangen, wenn die Brutzeit naht, an, Nester zu bauen. Sie verwenden dabei alles geeignete Material, auch solches, welches in der Natur nicht vorhanden ist, wie Watte, Woll- fäden u. a. Das Nest^ das dabei zustande kommt, hat aber eine Form, die typisch ist für die Art des Vogels, eine Schwalbe baut also ein anderes Nest als eine Drossel, sie baut ein Nest, wie es die Schwalben bauen, die in Freiheit aufgewachsen sind, und das, ohne je ein solches Nest gesehen zu haben, ohne die Bauweise einer andern Schwalbe nachahmen zu können. Daß es sich hier schon um eine sehr komplizierte Leistung handelt, braucht nicht erst hervor- gehoben zu werden. Was für wahre Kunstwerke solche Nester sein können, zeigt das Beispiel des Rohrsängers, der sein Nest im Schilf baut und es so tief machen muß, daß die Eier auch dann nicht herausfallen, wenn das tragende Schilf-Rohr vom Wind bis aufe Wasser gebeugt wird.

Ein drittes und letztes Beispiel. Ein Eichhörnchen wurde un- mittelbar nach der Geburt aus seinem Nest hoch oben in einem Baume geholt und künsthch aufgezogen. Es wurde mit Milch und Biskuit ernährt. Eines Tages reicht man ihm eine Nuß, die erste, die es in seinem Leben gesehen hat. Es betrachtete sie aufmerksam und knabberte dann so lange daran herum, bis der Kern frei- lag, dbu es verspeiste. Aber noch mehr. Als es später im Zimmer freigelassen wurde, konnte man immer wieder folgende Beobachtung machen: Waren mehr Nüsse da, als das Tier gerade verzehren konnte, so wurde oft eine Nuß ergriffen und diese Nuß „gehamstert**. Das Tier schaute sich aufmerksam im ganzen Zimmer um, ging dann an eine irgendwie geschützte Stelle, hinter ein Sofa-Bein, zur Höhlung eines geschnitzten Schreibtisch-Fußes, paßte die Nuß in den gewählten Ort hinein und führte dann alle Bewegungen des Verscharrens aus.

Google Erste Charakteristik der Instinkt-Bewegungen gz auch die Bewegungen, die man macht, um die Erde über dem ver- scharrten Gegenstand festzudrücken;. dann ging das Tier wieder an seine gewohnte Beschäftigung» ganz unbeirrt dadurch, daß die Nuß ja doch gänzlich unbedeckt geblieben war. Zum Verständnis muß man wissen, daß frei lebende E2ichhörnchen auf diese Weise wirklich hamstern, sie verscharren die Nüsse 2 bis 3 cm unter der Erde und finden sie später durch den Geruch wieder. Das Tier, von dem wir eben berichten, war aber in seinem Leben noch nie auf freier Erde gewesen").

An diesen Beispielen können wir das typische dieser Bewegungen erkennen: ein Lebewesen kann ohne irgendwelche Erfahrung äu&erst zweckmäßige für sein eigenes Leben oder die Erhaltung der Art notwendige Handlungen ausführen, die nie ganz einfach, meist aber äußerst kompliziert sind und in keiner einfachen Be- ziehung zu den Reizen stehen. Der Erfolg mufi dem Tier vorher völlig unbekannt sein, wie die Fehl-Leistungen beweisen, die unter naturwidrigen Bedingungen auftreten (man denke an unser letztes Beispiel), und doch wird auf den Erfolg hingearbeitet, die Hand- lung erst abgeschlossen, wenn der Erfolg erreicht ist, sofern die Be- dingungen dies gestatten: Das Huhn hört auf zu picken, wenn es satt isl^ das Eichhörnchen zu scharren, wenn die Nuß vergraben ist. Man kann unser Beispiel mit seiner Fehl-Leistung nicht als Gegen- beweis anführen und etwa sagen: das Eichhörnchen macht» ganz un- bekümmert um den Erfolg eine Reihe von ein für alle Male festge- legten Bewegungen, und hört auf, sobald diese Reihe abgelaufen ist Das wäre eine unberechtigte Verallgemeinerung aus dem Fall des Verhaltens in unnatürlicher Umgebung auf das natürliche Verhalten. Im 2Smmer kann die Nuß nicht verscharrt werden, der Erfolg ist nicht möglich, im Freien aber führt ganz sicher nicht eine und die- selbe Reihe von Bewegungen immer zum Erfolg, vielmehr muß es von der Beschaffenheit des Bodens abhängen, wie das Eichhörnchen scharren muß, es muß in festem Boden anders scharren als in lockerem, im trockenen anders als im feuchten usw.

Schließlich handelt es sich bei den betrachteten Handlungen nicht um einfache Bewegungen, sondern um große Bewegungs-Kom- plexe. Wie viele und mannigfache Bewegungen sind zum Nest*Bau erforderlich; diese Bewegungen sind der Umgebung in dem Sinne angepaßt, wie wir es oben beim Saugen besprochen haben. Solche Handlungen, deren vollkommenste Ausprägung man bei den Lisekten findet, nennt man, wie schon gesagt, Instinkt-Handlungen. Man muß sich davor hüten, in diesem Namen schon eine Erklärung zu sehen. Allzuleicht glaubt man einer wirklichen Erklärung entgehen Google ^14 Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen £11 könneD, wenn man eine Handlang als instinktiy bezeichnet. Der Käme Instinkt Bimmt diesen Handlungen aber gewiß nichts von dem RAtselhaften, ja Greheimnisyollen, das sie für den unbefangenen Be- obachter besitzen, und auch die Wissenschaft mufi zugeben, daß sie hier vor einem noch gänzlich ungelösten Rätsel steht.

Wir werden jetzt verstehen, warum wir das Saugen nicht mehr «u den Reflexen rechneten, sondern es den Instinkten zuordnen wollten. Wir linden bei den Instinkt-Handlungen alle die Merkmale wieder, durch die sich uns oben (S. 62) das Saugen von den Reflexen abgrenzte, wir finden die Beziehung auf den vorher unbekannten Er- lolg, und das Auftreten größerer Bewegungs-Komplexe, beides konnten wir beim Saugen beobachten, dieses, wenn wir die Such- und Aus- fitoi-BeweguDgen zum eigentlichen Saugen hinzunehmen.

7. Instinkte als Ketten-Reflexe. Die Theorie Thorndike's.

Als wir oben (8. 50) zur Erklärung der Reflexe schritten, fragten wir, wie mu6 ein Organ beschaffen sein, dessen Funktion eben die Reflexe sind« Wir stellen jetzt die gleiche Frage fOr die Instinkt- Handlungen. Wie sollen wir uns einen Apparat denken, dessen Leistungen die Instinkt-Bewegungen sind?

Die Antwort auf diese Frage ist begreiflicherweise viel schwerer als sie es bei den Reflexen war. Es gibt demgemäß auch keine Instinkt'Theorie, die allgemein anerkannt würde. Viele Forscher vernichten auf eine Erklärung, erblicken im Instinkt ein ungelöstes. Ja vielleicht un^^lösbares Rätsel (Stern). Eine Antwort auf unsere Frage ist aber so häufig gegeben worden, da& wir uns mit ihr aus- oinandersetzen müssen« Sie besagt: Instinkt-Handlungen sind nichts anderes als aneinandergereihte Reflex-Handlungen, sie sind, mit einem besonderen Namen benannt, Ketten -Reflexe. Ein Reiz löst reflektorisch eine Bewegung aus, Beginn der Instinkt-Handlung, diese Bewegung wirkt entweder selbst als Reiz für eine neue oder sie be- wirkt, da& neue äuäere Reize auf das Individuum wirken, die ihrer- seits Bewegungen auslösen und so geht es weiter, bis die Instinkt- Handlung fertig ist. Ein Beispiel: Der Löwe begibt sich auf die Beute- Suche, wenn er Hunger hat, die organischen Vorgänge des Hungers lösen die Bewegungen des Beute-Suchens aus; er fängt an die Beute zu beschleichen, sobald er durch eins seiner Sinnes-Organe Nachricht von ihrer Nähe bekommt, er springt auf sie, sobald die Entfernung genügend klein ist oder das gejagte Tier versucht zu entkommen, und er verschlingt sie schUe&lich, sobald seine Klauen und Zähne von ihr berührt werden. Hier ist es immer so, da& jede Bewegung zur Einwirkung eines neuen Reizes führt, der seinerseits Google Instinkte als Ketten-Reflexe 65