SigPhi · Ludwig Feuerbach

Grundsätze der Philosophie der Zukunft

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FROMMANNS PHILOSOPHISCHE TASCHENBÜCHER üXACJi ANMHX L. FEUERBACH ■»HIEOSOPHIE DER zuKurarr FR. FROMMANNS VERLAG (H.KURT Z) STUTTGART FEUER BACH Frommanns philosophische Taschenbuch herausg-eg-eben und geleitet von Prof. Dr. Hans Ehrenberg * 1. Gruppe KÄMPFER Bandl Eingeleitet und herausgegeben von Prof. Dr. Paul Sakman Band 2 Ludwig Feuerbach Eingeleitet und herausgegeben von Prof. Dr. Hans Ehrenber Band 3 Kierkegaard ) Eingeleitet und herausgegeben von Prof. Dr. Chr. Schremp Band 4 Christoph Schrempf Eingeleitet und herausgegeben von ihm selbst Bands Dostojewski Eingeleitet und herausgegeben von Prof. Dr. Hans Ehren be] LUDWIG FEUER BACH PHILOSOPHIE DER ZUKUNFT Herausgegeben und erläutert von Prof. Dr. Hans Ehrenberg Die Einheit von Ich und Du — ist Gott. Feuerbach STUTTGART FR. FROMMANNS VERLAG (H. KURTZ) Alle Redite vorbehalten Hoffmannsche Buchdrudcerei Felix Krais in Stuttsrart Ludwig Feuerbach (1804 — 1872) war in allem ein 4 Mensch des verflossenen Jahrhunderts. Er rechnet zu jener Generation, die wir die 48 er nennen; wir verstehen darunter nicht nur eine politische, sondern nicht minder auch eine allgemein geistige Generationsbezeichnung. Persönlich gehörte Feuerbadi einer sehr regen und be- gabten Familie an; sein Vater war der berühmte Straf- rechtler und Reditsphilosoph, sein Bruder sdirieb als Ardiäologieprofessor die bekannte Abhandlung über den Apoll von Belvedere, und sein Neffe war der Maler Anselm.

Die 48 er Generation ist die Erbgeneration des deutschen Idealismus, dessen Gegner sie wird, ohne doch aufzuhören Geist von seinem Geist zu sein: Feuerbach begann seine philosophische Bahn als Hegelianer, und als „Philosophie wider Hegel" wächst seine eigene Philosophie heran. Einen Denker kann man nun nach rüdcwärts oder nach vorwärts verfolgen; je nachdem wird sich ein anderes Bild ergeben. Uns beschäftigt hier Feuerbadis nach vor- wärts schauende Physiognomie, die — mit seinen „Grund- sätzen zu einer Philosophie der Zukunft" — bis in unsere Tage blickt. Daher wird unser Bild anders ausfallen als das allbekannte Porträt.

In aller Munde ist Feuerbach als geistiger Vater der materialistischen und atheistischen Welle, die durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts geht. Dabei wird nicht immer genügend beachtet, wie anders geartet der Materialismus des vergangenen Jahrhunderts war als der des vorvergangenen. Nicht aus Nüchternheit, sondern aus Begeisterung ward der Mensch des vergangenen Jahr- hunderts zum Materialisten; Feuerbach ist atheistischer Romantiker, und alle bedeutenden Philosophen, die ihm verwandt sind, bis zu Hartmann und Nietzsche, zeigen Einleitung Einleitung diesen gemeinsamen Zug; sie sind durch und durch meta- physische Materialisten — Idealisten mit umgekehrtem Vorzeichen. So scharf, als für gewöhnlich die Linie zwischen der idealistischen Denkweise der ersten und der materialistischen der zweiten Jahrhunderthälfte gezogen wird, hat diese Linie nie existiert; Hegel, Feuerbach, Marx, Hartmann, sie alle systematisieren die Welt mit unbeherrschter Denkgeste in einem monistischen Ge- dankenbau. Aufs engste sind bei ihnen der philosophische Erkenntnistrieb und das religiöse Glaubensgefühl inein- andergeschlungen; was sie erphilosophieren, wird ihnen zur Religion, und was sie glauben, setzen sie in Begriffe um. Nur innerhalb der neukantianischen Universitäts- philosophie erhält sich die dualistische Tradition des 18. Jahrhunderts, ohne je die geistige Führung zu ge- winnen; darin bleibt der außerhalb der Universität lebende freie Geistesmensch — Feuerbach, Schopenhauer usw. — dem akademischen Scholastiker stets überlegen; die Universität hat nur für die beiden Generationen des Idealismus ausnahmsweise der echten Philosophie ihr Heim stellen können — weder vorher noch nadiher.

So gehört Feuerbach zu den berufenen geistigen Führern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er lehrte von neuem den Glauben an alles Natürliche, den der Zeitgeist unter der Einwirkung des Idealismus verloren hatte: den Geist zurückführen zu seiner natürlichen Grundlage, zu den Sinnen. Es ist eine schiefe Einstellung, daraus auf materialistische Gesinnung zu sdiließen; materialistische Theorie und materialistisdie Gesinnung sind zwei Dinge, die keineswegs immer zusammengehören. Für Feuer- bach war der Triumph der Natur zugleich ein Triumph der Liebe, und seine Ablehnung Gottes die Wieder- herstellung der Menschlichkeit. Daher müssen wir prüfen, gegen wen eigentlich seine Angriffe gerichtet sind.

Gilt sein Angriff der Religion oder nur der Theologie? holt er sidi nicht alle seine Waffen in dem gleichen theologischen Arsenal, in das er als ein rücksichtsloser Kritiker einbricht? Sind seine Maßstäbe, an denen er die Dogmen und Ideen der Theologie mißt, nicht genau Einleitung- Einleitungdie nämlichen wie die eines lebendigen Christentums? Muß er nicht mitten in seinen schärfsten Widerlegungen, anstatt Gott zu stürzen, nur einen Austausch der Götter vornehmen? so daß sein Atheismus auf einen religiösen Angriff einer Glaubensrichtung wider eine andere hinaus- läuft? Nirgendwo kann sich seine Gottesleugnung mit der des 18. Jahrhunderts messen; nirgendwo wiederholen sich solche eisigen und zynischen Worte wie die, welche ein Voltaire und andere Enzyklopädisten gesprochen haben. Aus Religion kämpft Feuerbach gegen Gott — nämlich gegen den Gott der Theologie und der Philosophie, und seine eigene Philosophie ist nicht etwa ein Natursystem, sondern ein Religionssystem; das sollte zu denken geben. Die großen Opponenten und Kritiker des 19. Jahr- hunderts — und ein jedes Säkulum bringt eine Generation solcher Menschen hervor — Heine, Feuerbach, Schopen- hauer, Kierkegaard usw. — stellen ein anderes Kämpfer- geschlecht dar als die Kämpfer des 18. Jahrhunderts. In ihr Kämpfen mischt sich dauernd ein leidenschaftliches Suchen und Ringen, und ihr Kampfruf wird ihnen un- versehens zum Bekenntnisruf. Kampf um des Kampfes willen, diese Losung des 18. Jahrhunderts konnte nach der Niederlage von Staat und Kirche am Ende des 18. Jahrhunderts sich nicht wiederholen; nur solange die Gegner unbesiegt sind, findet der nackte Kampf seine Vertreter. Allein in der sozialen Frage erlebt das 19. Jahrhundert eine Nachblüte des nackten Kämpf ens; wieviel Romantik und idealistische Metaphysik aber lebt sogar in Marx und Engels! Selbst der Sozialismus ist trotz seiner materialistischen Theorie ein legitimes Kind des Idealismus, genau so wie Feuerbach selber; seine entsdieidenden Ideen und Richtungslinien sind dem Ide- alismus entnommen, dem sowohl Marx wie Feuerbach den Mut zu ihrem allumfassenden Denkschwung ver- danken, darin sind sie beide durchaus Epigonen. Und wie oft Epigonen sich nur dadurch lebendig erhalten können (wenn allzugroße Genies ihnen den Weg zur Eigenheit verrammeln) — nur dadurch, daß sie ihre epigo- nischen Gaben und Talente wider ihre geistigen Urheber Einleituns- wenden, so geschah es auch im 19. Jahrhundert. Denn es ist ein Gesetz des geistigen Lebens, daß eine starke und schöpferische Generation die ihr nachfolgende nieder- drückt und in der Entwicklung hemmt, worauf diese mit einem geistigen Sklavenaufstand zu antworten pflegt. Wir aber dürfen nidit verkennen, daß die Kräfte, die in den opponierenden Bewegungen kreisen, dem Sdiatz entnom- men sind, den die klassische Generation hinterlassen hat.

In Ludwig Feuerbachs Denkart misdien sich daher zwei Gedankenströme. Der eine gibt dem gesamten Strome die Farbe, der andere aber, wenn ich so sagen darf, den Geschmack. Jenen bemerkt ein jeder, der sein Augen- merk auf Feuerbach richtet; dieser wird nur von denen mit feinem Sinn geschmeckt. Dort haben wir es mit Feuer- bachs Religionslehre, hier mit seiner Denklehre zu tun.

Die Religionslehre wurzelt in dem polemisdien Ge- danken der Entlarvung des philosophisdien Gottesbegrif- fes. Im „Wesen der Religion" lautet dies so: „Der Unterschied zwischen Gott und Mensch ist nur der Unter- schied zwisdien Geist und Sinn, Gedanken und Anschau- ung". Dieser Satz trifft als Kritik aller Religionsphilo- sophie den Nagel auf den Kopf. Wenn Gottes Dasein sidi mit dem geistigen Dasein deckt, dann gebührt ihm auch das Schicksal des Geistes, der seine Wurzeln im Natürlichen nie verliert; dann verfügt Gott nicht über ein „göttliches" Dasein. Feuerbadb hat den Gedanken dieser Kritik in größter Breite durch alle religionsphiloso- phischen Ideen hindurchgeleitet; seine Polemik fußt darauf, daß die Theologie die Begriffe der Welt auf Gott über- trägt, und ist darin nicht überwindlich. Ist aber nicht mehr Gott das Maß der Welt, so verliert die Welt jeden Maßstab, wenn sie ihn nicht im Menschen findet. Die Nöte und Wertungen der Religion überträgt Feuerbach auf den Menschen; an die Stelle der Theologie setzt er die Anthropologie, die Lehre vom Menschen: Lehre vom Menschen von Fleisch und Blut, dessen Herzblut die Pulsader auch des Kosmos durchfliessen soll.

Feuerbachs Kritik ist auch für den gläubig Gebliebenen von großem Wert; sie reinigt das theologische Denken 8 Einleitung von den Weltbegriffen, die Gott nicht kommensurabel sind; steckt dodi gerade die orthodoxe Dogmatik der Trinitätslehre voll von den glaubens- und lieblosen Be- griffen der antiken Philosophie, die Gott verdinglichen. Solange die Orthodoxie, sei es des Protestantismus, sei es des Katholizismus, zum Beispiel daran festhält, auf Gott die Substanzkategorie anzuwenden, so lange ist Feuerbachs Theologiekritik noch nicht veraltet.

Der Kampf Feuerbachs ist also ausgesprochen theo- logisch. Die Denkweise des alten Rationalismus, der orthodoxen Dogmatik und des spekulativen Idealismus bedeutet ihm einen einzigen Feind, dessen Beseitigung ihm am Herzen liegt. Die Redlichkeit seines Geistes sträubt sich wider die Erschleichung, welche seit einem Jahrtausend im Gebiete des Theologischen gemacht wird. Spielzeuge des Menschen sind die Versuche, Gott zu beweisen und seine Eigenschaften zu demonstrieren. Gott ist bewiesen, indem man ihn anruft; das ist die Wahr- heit. Dazu gelangt Feuerbach allerdings nicht; aber in- dem er, schärfer als Kant, die alte theologische Meta- physik zertrümmert, legt er den Weg zu einer neuen Religionslehre frei. Schärfer als Kants Kritik ist die Feuerbachs: Wo Kant nur von einem Herausklauben der Existenz aus dem Begriff spricht, in seinem bekannten Beispiel von den hundert Talern, die man nicht dadurch, daß man sie denke, auch besäße, da schreibt Feuerbach: „die einen Taler habe ich nur im Kopfe, die anderen aber in der Hand; jene sind nur für mich da, diese aber auch für Andere".

Nur für mich oder auch für Andere? Das ist der Ge- danke, mit dem wir in den zwar nicht sichtbaren, aber um so stärker schmeckbaren, anderen Strom der Feuer- bachschen Philosophie hineingeraten. Feuerbach ist nicht nur Kritiker, sondern auch — Entdecker! Nämlich „Ich und Du" werden von ihm entdeckt. Der Philosophie waren sie bis dahin unbekannt; sie wußte nur vom Ich und Es, von Subjekt und Objekt. Ich verweise dafür vor allem auf die kurze Abhandlung Feuerbachs zur „Widerlegung des Idealismus" (Werke, Band 10, 213 ff).

Einleitung Da zertrümmert er den abstrakten Ichbegriff mit dem Doppelwesen des Menschen in Mann und Weib, womit er auch Stirners Uebermenschlehre, Nietzsche vorweg kritisierend, erledigt: man könne wohl von einem Ueber- menschen, aber nicht von einem Uebermann, einem Ueber- weib reden! Das Idi bedeutet für Feuerbach „nur eine spradilidie Ellipse, die bloß der Kürze halber ausläßt, was sich von selbst versteht, nämlich Ich: dieses Indi- viduum, das hier denkt, hier in diesem Leibe, insbesondere diesem Kopfe, außerhalb dem deinigen, denkt".

So deckt sich Feuerbachs Erkenntnislehre nur schein- bar mit dem üblichen Sensualismus. Zwischen seinen Vor- läufern aus dem 18. Jahrhundert und ihm ist ein Riesen- sprung getan: zur Entdeckung von Ich und Du. Und Feuerbachs Erkenntnislehre folgt dem Grundsatz: „ich bin auch im Denken, auch als Philosoph, Mensch mit Menschen". Schon in der Kritik der Hegeischen Philo- sophie von 1839 finden wir die entscheidenden neuen Ideen: „Der Gedanke, in dem sich Ich und Du ver- einigen, ist ein wahrer", so lautet das neue erkenntnis- kritische Prinzip. Daraus folgt: „Alle Demonstration ist nicht eine Vermittlung des Gedankens in und für den Gedanken selbst, sondern eine Vermittlung mittels der Sprache zwischen dem Denken, inwiefern es meines ist, und dem Denken des Anderen, inwiefern es seines ist — wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin Ich, die Vernunft, die Wahrheit, mitten unter Euch — oder eine Vermittlung des Ich und Du zur Erkenntnis der Identität der Vernunft, oder eine Vermittlung, durch die ich bewähre, daß mein Gedanke nicht meiner, sondern Gedanke an und für sich ist, welcher daher ebensogut wie der meinige der Gedanke des Anderen sein kann". In der bisher üblichen Form der Demonstration gebe ich also, so führt Feuerbach aus, nur die Form der Meinheit, noch nicht die der zugleich Mein- und Deinheit.

In seinen Schriften hat Feuerbach diesem zweiten Strom seiner Gedanken nirgends einen so breiten Raum gegönnt wie in den „Grundsätzen zur Philosophie der Zukunft", 10 Einleitung- 10 Einleitungdie aus dem Jahre 1843 stammen. In ihnen erklimmt Feuerbach die ihm beschieden gewesene Höhe seiner Geistigkeit; darüber ist er nicht hinausgelangt. Er hat es selber gespürt; nicht umsonst spridit er von einer Philosophie der „Zukunft" und schließt das Vorwort zu der verheißungsvollen Schrift mit den Worten: „Rein und wahrhaft menschlich zu denken, zu reden und zu handeln, ist aber erst kommendenGeschlechtern vergönnt". Noch war der Strom des Kampfes stärker als der des Bekennens, und der neue logische Gedanke wirkt auf die Religionslehre nicht zurück; Kampf und Bekenntnis gleichen bei Feuerbach zwei Elementen, die sich nicht verschmelzen lassen. Derselbe Denker, der die Worte sagen kann: „Die Einheit von Ich und Du — ist Gott" oder die anderen: „Nur was Objekt der Religion sein kann, das ist Objekt der Philosophie", derselbe, der die „der Wahrheit gemäße Einheit von Kopf und Herz" herstellen will, hat das aufklärerische Haupt- massiv seines Systems nicht auflösen oder auch nur auf- lockern können, und so zeigt das System dieses gläubigen Ungläubigen, dieses liebenden Atheisten einen Janus- kopf; das rückwärtsgewandte Antlitz zeigt noch die Züge des 18. Jahrhunderts, das vorwärtsgewandte dagegen be- reits die des zwanzigsten!

Solange nun die zeitgenössische Philosophie, rückwärts- gewandt, in der Enklave: Kant bis Hegel hängt, so lange ist ihr die „Philosophie der Zukunft" verschlossen, und so lange lastet auf dem Gedächtnis Feuerbachs die traditionelle Deutung des platten Aufklärers und Athe- isten. Aber Feuerbach ist ein wirklicher Nachhegelianer; ihn zu verstehen, ist dem nicht gegeben, der Hegel nie durchwandert hat. So ist auch heute die Philosophie der Zukunft noch immer eine Philosophie der Zukunft; aber die Zeit naht, wo sich das philosophische Denken von dem Bann der idealistischen Systeme befreit sehen wird, und dann — wenn die Subjekt-Objekt-Philosophie den Ich-Du-philosophien weicht, ist auch die Stunde ge- kommen, wo jene Philosophie der Zukunft eine Philo- sophie der Gegenwart sein wird.

11 GRUNDSATZE DER PHILOSOPHIE DER ZUKUNFT VORWORT Diese Grundsätze enthalten die Fortsetzung und weitere Begründung meiner von der schrankenlosen Willkür der deutsdien Zensur exilierten Thesen zur Reform der Philo- sophie. Dem ersten Manuskript nach waren sie auf ein aus- führliches Buch berechnet; aber als ich an die Reinschrift kam, ergriff mich — ich weiß selbst nicht wie — der Geist der deutschen Zensur und ich strich barbarisch. Was diese indis- krete Zensur übrig gelassen, reduziert sich auf folgende wenige Bogen.

„Grundsätze der Philosophie der Zukunft" nannte ich sie deswegen, weil die Gegenwart im allgemeinen, als eine Zeit raffinierter Illusionen und vettelhafter Vorurteile, unfähig ist, die einfachen Wahrheiten, von welchen diese Grundsätze abstrahiert sind, eben wegen dieser ihrer Einfach- heit zu kapieren, geschweige zu würdigen.

Die Philosophie der Zukunft hat die Aufgabe, die Philo- sophie aus dem Reiche der „abgeschiedenen Seelen" in das Reich der bekörperten, der lebendigen Seelen wieder einzu- führen; aus der göttlichen, nichtsbedürfenden Gedankenselig- keit in das menschUche Elend herabzuziehen. Zu diesem Zwecke bedarf sie nichts weiter als einen menschlichen Ver- stand und menschliche Sprache. Rein und wahrhaft mensdilich zu denken, zu reden und zu handeln, ist aber erst den kom- menden Geschlechtern vergönnt. Gegenwärtig handelt es sich noch nicht darum, den Menschen darzustellen, sondern darum, ihn aus dem Morast, worein er versunken war, herauszuziehen. Dieser sauberen und saueren Arbeit Früchte sind auch diese 12 Vorwort 12 Vorwort Grundsätze. Ihre Aufgabe war, aus der Philosophie des Ab- soluten, d. i. der Theolog-ie, die Notwendigkeit der Philo- sophie des Menschen, d. i. der Anthropologie, abzuleiten und durch die [Kritik der göttlichen Philosophie die Kritik der menschlichen zu begründen. Sie setzen daher zu ihrer Wür- digung eine genaue Bekanntschaft mit der Philosophie der neueren Zeit voraus.

Die Konsequenzen dieser Grundsätze werden nidit aus- bleiben.

Die Vorrede zeigt, daß Feuerbach einen doppelten Kampf zu fechten hat, den wider die Theologie und den wider die Philosophie. Sein BHck ist dabei aber nicht auf eine Er- neuerung der Theologie, sondern der Philosophie gerichtet. So ist er in seinem Selbstbewußtsein Gegner der Theo- logie, aber Reformer der Philosophie.

Um das Verhältnis von Theologie und Philosophie handelt es sich in der gesamten Denkgeschichte des 2. Jahrtausends. Vernunft und Offenbarung streiten um die Krone des Geistes. Es werden alle Verhältnisse, die zwischen ihnen bestehen können, von Unter-, Neben- und Ueberordnung ausprobiert; am Ende steht doch Kants Zertrümmerung aller Metaphysik, und damit scheint der Bund zwischen Philosophie und Theo- logie zerschlagen. Und Feuerbach folgt den Spuren Kants, auch wenn seine Argumente andersgeartet sind. Der nach- kantische Idealismus erzwang bei Feuerbach eine schärfere Tonart als die Kantische; denn Kant hat die spekulative Aus- wertung seiner Philosopheme durch Fichte, Schelling, Hegel nicht verhindern können. Vor- und nachkantische Philosophie werden von Feuerbach bewußt über ein und denselben Kamm geschoren, da sie beide Theologie und Philosophie verschmelzen. Daher gUedem sich die „Grundsätze" in drei Teile, von denen die beiden ersten polemisch-kritischer Art sind, der dritte dagegen eine positive Anzeige der Philosophie der Zukunft bringt. Die beiden kämpferischen Abschnitte verteilen sich wiederum auf vor- und nachkantische Philosophie, so daß die §§ 1 — 16 dem alten Rationalismus, die §§ 17 — 31 dem nach- kantischen Idealismus, die Schlußparagraphen von 32 — 65 dem positiven Teile gewidmet sind. Im folgenden Texte stehen die drei Paragraphengruppen: 1. S. 14 — 38, 2. S. 39 — 67, In den jetzt folgenden §§ 1 — 16 merkt man aber, wie stark sich Feuerbach als Anwalt der Religion empfindet. Die theo- 13 Feuerbach: Philosophie der Zukunft logische Philosophie, die er bekämpft, sei gar nicht bloß Theis- mus, sondern auch Atheismus gewesen, indem sie sich er- dreistete Gott in den Bereich der menschlichen Begriffe herab- zuziehen! Manchmal glaubt man nicht einen Atheisten, sondern einen gekränkten Gläubigen reden zu hören; so z. B., wenn wir den Ausruf vernehmen: „Wie lächerlich war es doch, die theoretische Negation des Christentums zu verfolgen, und doch zugleich die tatsächlichen Negationen des Christentums, von denen die neuere Zeit wimmelt, bestehen zu lassen!"

So ist es nicht verwunderlich, wenn Feuerbach sich der üb- lichen Gegenüberstellung von Rationalismus und Empirismus in der vorkantischen Philosophie nicht anschließt. Jenen kenn- zeichnet er vor allem als Pantheismus, aber auch im Empirismus werde Gott mittels der Vernunft zu einem kosmischen All- wesen gemacht. Und dann sei entweder Gott nichts anderes als der allumfassende Geist des Menschen, ein Weltgeist, oder alle jene Philosophien seien trotz ihrer behaupteten Christ- lichkeit eine einzige unendliche Blasphemie wider den wirk- lichen Gott. Vor diese Alternative sieht sich der Leser Feuer- bachs gestellt, und es bleibe einem jeden überlassen, ob er sich Feuerbach auf dessen Wege zum Atheismus anschHeßt oder den anderen, in Feuerbach auch enthaltenen Gedanken aufgreift, den Gedanken von der blasphemischen Struktur der bisherigen christlidien Philosophie.

1.

Die Aufgabe der neueren Zeit war die Verwirklichung und Vermenschlichung Gottes — die Verwandlung und Auflösung der Theologie in der Anthropologie.

2.

Die religiöse oder praktische Weise dieser Ver- menschlichung war der Protestantismus. Der Gott, welcher Mensch ist, der menschliche Gott also: Christus — dieser nur ist der Gott des Protestantismus. Der Protestantismus kümmert sich nicht mehr, wie der Katho- lizismus, darum, was Gott an sich selber ist, sondern nur darum, was er für den Menschen ist; er hat deshalb keine spekulative oder kontemplative Ten- 14 Vorkantische Philosophie denz mehr, wie jener; er ist nicht mehr Theologie — er ist wesentlich nur Christologie, d. i. religiöse Anthropologie.

Der Protestantismus negierte jedoch den Gott an sich oder Gott als Gott — denn Gott an sich ist erst eigent- licher Gott — nur praktisch; theoretisch ließ er ihn bestehen. Er i s t; aber nur nicht für den Menschen, d. h. den religiösen Menschen — er ist ein jenseitiges Wesen, ein Wesen, das einst erst dort im Himmel ein Gegenstand für den Menschen wird. Aber was jen- seits der Religion, das liegt diesseits der Philosophie; was kein Gegenstand für jene, das ist gerade der Gegen- stand für diese.

Die rationelle oder theoretische Verarbeitung und Auflösung des für die Religion jenseitigen, ungegen- ständlichen Gottes ist die spekulative Philosophie.

Das Wesen der spekulativen Philosophie ist nichts anderes als das rationalisierte, realisierte, ver- gegenwärtigte Wesen Gottes. Die spekulative Philosophie ist die wahre, die konsequente, die vernünftige Theologie.

6.

Gott als Gott — als geistiges oder abstraktes, d. i. nicht menschliches, nicht sinnliches, nur der Vernunft oder Intelligenz zugängliches und gegenständliches Wesen ist nichts anderes als dasWesen derVernunft selbst, welches aber von der gemeinen Theologie oder vom Theismus vermittelst der Einbildungskraft als ein von der Vernunft unterschiedenes, selbständiges 15 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Wesen vorgestellt wird. Es ist daher eine innere, eine heilige Notwendigkeit, daß das von der Vernunft unterschiedene Wesen der Vernunft endlich mit der Vernunft identifiziert, das göttliche Wesen also als das Wesen der Vernunft erkannt, verwirklicht und vergegenwärtigt werde. Auf dieser Notwendigkeit beruht die hohe geschichtliche Bedeutung der spekulativen Pilosophie.

Der Beweis, daß das göttliche Wesen das Wesen der Vernunft oder Intelligenz ist, liegt darin, daß die Be- stimmungen oder Eigenschaften Gottes — so weit natürlich diese vernünftige oder geistige sind — nicht Bestimmungen der Sinnlichkeit oder Einbildungskraft, sondern Eigenschaften der Vernunft sind.

„Gott ist das unendliche Wesen, das Wesen ohne alle Einschränkungen." Aber was keine Grenze oder Schranke Gottes, das ist auch keine Schranke der Vernunft. Wo z. B. Gott ein über die Schranken der Sinnlichkeit erhabenes Wesen ist, da ist es auch die Ver- nunft. Wer keine andere Existenz denken kann, als eine sinnliche, wer also eine durch die Sinnlichkeit beschränkte Vernunft hat, der hat auch eben deswegen einen durch die Sinnlichkeit beschränkten Gott. Die Vernunft, welche Gott als ein unbeschränktes Wesen denkt, die denkt in Gott nur ihre e i g e n e Unbeschränktheit. Was der Ver- nunft das göttliche, das ist ihr auch das wahrhaft ver- nünftige Wesen — d. h. das vollkommen der Vernunft entsprediende und eben deswegen sie befriedigende Wesen. Das aber, worin sich ein Wesen befriedigt, ist nichts anderes als sein gegenständliches Wesen. Wer sich in einem Dichter befriedigt, ist selbst eine dichterische, wer in einem Philosophen, selbst eine philo- sophische Natur, und daß er es ist, das wird ihm und Anderen erst in dieser Befriedigung Gegenstand. Die Vernunft „bleibt aber nicht bei den sinnlidien, endlichen Dingen stehen; sie befriedigt sich nur in dem unendlichen Wesen" — also ist uns erst in diesem Wesen das Wesen der Vernunft aufgeschlossen.

16 Vorkantfsche Philosophie „Gott ist das notwendige Wesen." Aber diese seine Notwendigkeit beruht darauf, daß er ein ver- nünftiges, intelligentes Wesen ist. Die Welt, die Materie hat den Grund, warum sie ist und so ist, wie sie ist, nicht in sich; es ist ihr völlig einerlei, ob sie ist oder nicht ist, ob sie so oder anders ist ^). Sie setzt da- her notwendig als Ursache ein anderes Wesen voraus, und zwar ein verständiges, selbstbewußtes, nach Gründen und Zwecken wirkendes Wesen. Denn nimmt man von diesem anderen Wesen die Intelligenz weg, so entsteht von neuem die Frage nach dem Grund des- selben. Die Notwendigkeit des ersten, höchsten Wesens beruht darum auf der Voraussetzung, daß der Verstand allein das erste und höchste, das notwendige und wahre Wesen ist. Wie überhaupt die metaphysi- schen oder ontotheologischen Bestimmungen erst Wahr- heit und Realität haben, wenn sie auf psychologische oder vielmehr anthropologische Bestimmungen zurückge- führt werden, so hat also auch die Notwendigkeit des göttlichen Wesens in der alten Metaphysik oder Onto- theologie erst Sinn und Verstand, Wahrheit und Realität in der psychologischen oder anthropologischen Be- stimmung Gottes als eines intelligenten Wesens. Das notwendige Wesen ist das notwendig zu denkende, schlechterdings zu bejahende, schlechterdings unleugbare, oder unaufhebbare Wesen; aber nur als ein selbst denkendes Wesen. In dem notwendigen Wesen be- weist und zeigt also die Vernunft nur ihre eigene Not- wendigkeit und Realität.

„Gott ist das unbedingte, allgemeine — „Gott ist nicht dies und das" — unveränderliche, ewige oder zeitlose Wesen." Aber Unbedingtheit, Un- veränderlichkeit, Ewigkeit, Allgemeinheit sind selbst nach ^) Es versteht sich von selbst, daß ich hier, wie in allen Paragraphen, welche historische Gegenstände betreffen und entwickeln, nicht in meinem Sinne, sondern im Sinne des jedes- maligen Gegenstandes, hier also im Sinne des Theismus rede und argumentiere.

Frommanns Tasdienbücher. II. ^ 17 Feuerbach: Philosophie der Zukunft dem Urteil der metaphysischen Theologie auch Eigen- schaften der Vernunftwahrheiten oder Vernunftgesetze, folglich Eigenschaften der Vernunft selbst; denn was sind diese unveränderlichen, allgemeinen, unbedingten, immer und überall gültigen Vernunftwahrheiten anderes als Ausdrücke von dem Wesen der Vernunft?