„Gott ist das unabhängige, selbständige Wesen, welches keines anderen Wesens zu seiner Existenz bedarf, folglich von und durch sich selbst ist." Aber auch diese abstrakte meta- physische Bestimmung hat nur Sinn und Realität als eine Definition von dem Wesen des Verstandes, und sagt daher nidits weiter aus, als daß Gott ein denkendes, intelligentes Wesen, oder umgekehrt nur das denkende Wesen das göttliche ist; denn nur ein sinnliches Wesen bedarf zu seiner Existenz andere Dinge außer ihm. Luft bedarf ich zum Atmen, Wasser zum Trinken, Licht zum Sehen, pflanzliche und tierische Stoffe zum Essen; aber nichts, wenigstens unmittelbar, zum Denken. Ein atmendes Wesen kann ich nicht denken ohne die Luft, ein sehendes nicht ohne Licht, aber das denkende Wesen kann ich für sich isoliert denken. Das atmende Wesen bezieht sich notwendig auf ein Wesen außer ihm, hat seinen wesentlichen Gegenstand, das wo- durch es ist, was es ist, außer sich; aber das denkende Wesen bezieht sich auf sich selbst, ist sein eigener Gegenstand, hat sein Wesen in sich selbst, ist, was es ist, durch sich selbst.
7.
Was im Theismus Objekt, das ist in der spekula- tiven Philosophie Subjekt; was dort das nur ge- dacht e, vorgestellte Wesen der Vernunft, ist hier das denkende Wesen der Vernunft selbst.
Der Theist stellt sich Gott als ein außer der Ver- nunft, außer dem Menschen überhaupt existieren- des,persönliches Wesen vor — er denkt als Subjekt über Gott als Objekt. Er denkt Gott als ein Wesen, 18 Vorkantische Philosophie d.h. seiner Vorstellung nach g e i s t i g e s, unsinnliches, aber der Existenz, d. h. der Wahrheit nach sinn- liches Wesen; denn das wesentliche Merkmal einer objektiven Existenz, einer Existenz aus dem Ge- danken oder der Vorstellung ist die Sinnlichkeit. Er unterscheidet Gott von sich in demselben Sinne, in welchem er die sinnlichen Dinge und Wesen als außer ihm existierende von sich unterscheidet; kurz, er denkt Gott vom Standpunkt derSinnlichkeit aus. Der spekulative Theolog oder Philosoph dagegen denkt Gott vom Standpunkt des Denkens aus; er hat daher nicht zwischen sich und Gott in der Mitte die störende Vorstellung eines sinnlichen Wesens; er identifiziert somit ohne Hindernis das objektive, gedachte Wesen mit dem subjektiven, denkenden Wesen.
Die innere Notwendigkeit, daß Gott aus einem Objekt des Menschen zum Subjekt, zum denkenden Ich des Menschen wird, ergibt sich aus dem bereits Ent- wickelten näher so: Gott ist Gegenstand des Menschen, und nur des Menschen, nicht des Tiers. Was aber ein Wesen ist, das wird nur aus seinem Gegenstand erkannt; der Gegenstand, auf den sich ein Wesen notwendig bezieht, ist nichts anderes als sein offen- bares Wesen. So ist der Gegenstand der pflanzen- fressenden Tiere die Pflanze; aber durch diesen Gegen- stand unterscheiden dieselben sich wesentlich von den anderen, den fleischfressenden Tieren. So ist der Gegen- stand des Auges das Licht, nicht der Ton, nicht der Geruch. Im Gegenstand des Auges ist uns aber sein Wesen offenbar. Ob einer nicht sieht oder kein Auge hat, ist darum einerlei. Wir benennen daher auch im Leben die Dinge und Wesen nur nach ihren Gegenständen. Das Auge ist das „Lichtorgan". Wer den Boden bebaut, ist ein Bauer; wer die Jagd zum Objekt seiner Tätig- keit hat, ist ein Jäger; wer Fische fängt, ein Fischer usw. Wenn also Gott — und zwar, wie er es ja ist, notwendig und wesentlich — ein Gegenstand des Menschen ist, so ist in dem Wesen dieses Gegenstandes nur das eigene Wesen des Menschen ausgesprochen. Stelle Dir vor, ein denken- 19 Feuerbach: Philosophie der Zukunft des Wesen auf einem Planeten oder gar Kometen be- käme zu Gesidit die paar Paragraphen einer christlichen Dogmatik, welche von dem Wesen Gottes handeln. Was würde dieses Wesen aus diesen Paragraphen folgern? Etwa die Existenz eines Gottes im Sinne einer dirist- lichen Dogmatik? Nein! es würde nur daraus folgern, daß auch auf der Erde denkende Wesen sind, es würde in den Definitionen der Erdbewohner von ihrem Gott nur Definitionen von ihrem eigenen Wesen, z. B. in der Definition: Gott ist ein Geist, nur den Beweis und Aus- druck ihres eigenen Geistes finden; kurz, es würde aus dem Wesen und den Eigenschaften des Objekts auf das Wesen und die Eigensdiaften des Subjekts schließen. Und mit vollem Recht; denn die Unterscheidung zwischen dem, was der Gegenstand an sich selbst, und dem, was er für den Menschen ist, fällt bei diesem Objekt weg. Diese Unterscheidung ist nur an ihrem Platze bei einem unmittelbar sinnlich, und eben deswegen auch noch anderen Wesen außer dem Menschen gegebenen Gegenstande. Das Licht ist nicht nur für den Menschen da, es affiziert auch die Tiere, auch die Pflanzen, auch die unorganischen Stoffe: es ist ein allgemeines Wesen. Um zu erfahren, was das Licht ist, betrachten wir darum nicht nur die Eindrücke und Wirkungen desselben auf uns, sondern auch auf andere, von uns unterschiedene Wesen. Notwendig, objektiv begründet ist daher hier die Unterscheidung zwischen dem Gegenstand an sich selbst und dem Gegenstand für uns, namentlich zwischen dem Gegenstand in der Wirklichkeit und dem Gegenstand in unserem Denken und Vorstellen. Gott aber ist nur ein Gegenstand des Menschen. Die Tiere und Sterne preisen Gott nur im Sinne des Menschen. Es gehört also zum Wesen Gottes selbst, daß er keinem anderen Wesen außer dem Menschen Gegenstand, daß er ein spezifisch menschlicher Gegenstand, ein Geheim- nis des Menschen ist. Wenn aber Gott nur ein Gegen- stand des Menschen ist, was offenbart sich uns im Wesen Gottes? Nichts anderes als das Wesen des Menschen. Wem das höchste Wesen Gegenstand ist, das ist selbst 20 Vorkantische Philosophie das höchste Wesen. Je mehr den Tieren vom Menschen Gegenstand wird, desto höher stehen sie, desto mehr nähern sie sich dem Menschen. Ein Tier, dem der Mensch als Mensch, das eigentliche menschliche Wesen Gegen- stand wäre, das wäre kein Tier mehr, sondern selber Mensch. Nur ebenbürtige Wesen sind sich Gegenstand, und zwar so, wie sie an sich sind. Die Identität des göttlichen und menschlichen Wesens fällt nun allerdings auch in das Bewußtsein des Theismus. Aber weil er Gott, ungeachtet daß er das Wesen Gottes in den Geist setzt, doch zugleich als ein außer dem Menschen existierendes, sinnliches Wesen vorstellt, so ist ihm auch diese Identität, nur als sinnliche Identität, als Aehnlichkeit oder Verwandtschaft Gegenstand. Verwandtschaft drückt dasselbe aus wie Identität; aber es ist mit ihr zugleidi verbunden die sinnliche Vorstellung, daß die verwandten Wesen zwei selbständige, d. i. sinnlidhe, außer einander existierende Wesen sind.
8.
Die gemeine Theologie macht den Standpunkt des Menschen zum Standpunkt Gottes; die spe- kulative dagegen macht den Standpunkt Gottes zum Standpunkt des Menschen odervielmehr des Denkers.
Gott ist der gemeinen Theologie Objekt, und zwar gerade so, wie irgend ein anderes sinnliches Objekt; aber zugleich ist er ihr wieder Subjekt, und zwar Sub- jekt, gerade wie das menschlidie Subjekt: Gott bringt Dinge außer sich hervor, hat Beziehungen zu sich selbst und zu anderen, außer ihm existierenden Wesen, liebt und denkt sich zugleich und andere Wesen. Kurz der Mensch macht seine Gedanken und selbst Affekte zu Gedanken und Affekten Gottes; sein Wesen, seinen Standpunkt zum Wesen und Standpunkt Gottes. Die spekulative Theologie aber kehrt dies um. In der ge- meinen Theologie ist daher Gott ein Widerspruch mit sich selbst; denn er s o 1 1 ein nicht-, ein ü b e r- 21 Feuerbach: Philosophie der Zukunft menschliches Wesen sein, ist aber doch allen seinen Be- stimmungen nach in Wahrheit ein menschliches. In der spekulativen Theologie oder Philosophie ist dagegen Gott ein Widerspruch mit dem Menschen: er soll das Wesen des Menschen — wenigstens der Vernunft — sein, und ist doch in Wahrheit ein nicht-, ein übermensch- liches, d. i. abstraktes Wesen. Der übermenschliche Gott ist in der gemeinen Theologie nur eine erbauliche Floskel, eine Vorstellung, ein Spielzeug der Phantasie; in der spekulativen Philosophie dagegen Wahrheit, bitterer Ernst. Der heftige Widerspruch, den die spekulative Philosophie gefunden, hat nur darin seinen Grund, daß sie den Gott, welcher im Theismus nur ein Wesen der Phantasie, ein ferngehaltenes, unbestimmtes, nebuloses Wesen ist, zu einem gegenwärtigen, bestimmten Wesen gemacht, und dadurch den illusorischen Zauber zerstört hat, den ein entferntes Wesen im blauen Dunst der Vorstellung hat. So haben die Theisten sich darüber geärgert, daß die Logik nadi Hegel die Darstellung Gottes in seinem ewigen, vorweltlichen Wesen sei und doch, z. B. in der Lehre von der Quantität, von der extensiven und inten- siven Größe, den Brüchen, den Potenzen, den Maß- verhältnissen usw. handle. Wie, riefen sie entsetzt aus, dieser Gott soll unser Gott sein? Und doch: was ist er anderes als der aus dem Nebel der unbestimmten Vor- stellung an das Licht des bestimmenden Gedankens hervor- gezogene, der sozusagen, beim Wort genommene Gott des Theismus, welcher alles nach Maß, Zahl und Ge- widit geschaffen und geordnet hat? Wenn Gott alles nach Zahl und Maß geordnet und geschaffen, also Maß und Zahl, ehe sie an den außergöttlichen Dingen zur Wirklichkeit kamen, im Verstand, und folglich im Wesen Gottes — denn zwischen Gottes Verstand und seinem Wesen ist kein Unterschied — enthalten waren, und heute noch sind: gehört dann nicht auch die Mathematik zu den Mysterien der Theologie? Aber freilich sieht ein Wesen ganz anders in der Einbildung und Vorstellung aus, als in der Wahrheit und Wirklichkeit; kein Wunder, daß denen, die nur nach dem Aussehen, nach dem Schein 22 Vorkantische Philosophie sich richten, das eine und selbe Wesen als zwei ganz verschiedene Wesen erscheint.
Die wesentlichen Eigenschaften oder Prä- dikate des göttlichen Wesens sind die wesent- lichen Eigenschaften oder Prädikate der speku- lativen Philosophie.
Gott ist reiner Geist, reines Wesen, reine Tätigkeit — Actus purus — ohne Leidenschaften, ohne Bestim- mungen von Außen, ohne Sinnlichkeit, ohne Materie. Die spekulative Philosophie ist dieser reine Geist, diese reine Tätigkeit, verwirklicht alsDenkakt — das absolute Wesen als absolutes Denken.
Wie einst die Abstraktion von allem Sinnlichen und Materiellen die notwendige Bedingung der Theologie war, so war sie auch die notwendige Bedingung der speku- lativen Philosophie; nur mit dem Unterschiede, daß die Abstraktion der Theologie, weil ihr Gegenstand, obwohl durch Abstraktion gewonnen, doch zugleich wieder als ein sinnliches Wesen vorgestellt wurde, selbst eine gleichsam sinnliche Abstraktion war, während die Abstraktion der spekulativen Philosophie eine geistige, gedachte ist, nur eine szientifische oder theoretische, keine praktische Bedeutung hat. Der Anfang der Descartischen Philo- sophie, die Abstraktion von der Sinnlichkeit, von der Materie, ist der Anfang der neueren spekulativen Philo- sophie. Aber Descartes und Leibniz betrachteten diese Abstraktion nur als eine subjektive Bedingung, das im- materielle göttliche Wesen zu erkennen; sie stellten sich die Immaterialität Gottes als eine von der Abstraktion, vom Denken unabhängige, objektive Eigenschaft vor; sie standen noch auf dem Standpunkt des Theismus, machten das immaterielle Wesen nur zum Objekt, aber nidit zum Subjekt, zum aktiven Prinzip, zum 23 Feuerbach: Philosophie der Zukunft wirklichen Wesen der Philosophie selbst. Allerdings ist auch bei Descartes und Leibniz Gott Prinzip der Philosophie; aber nur als ein vom Denken unter- schiedenes Objekt — darum Prinzip nur im All- gemeinen, nur in der Vorstellung, nidit in der Tat und Wahrheit. Gott ist nur die erste und allgemeine Ursache der Materie, der Bewegung und Tätigkeit; aber die besonderen Bewegungen und Tätigkeiten, die be- stimmten wirklichen materiellen Dinge, werden unabhängig von Gott betrachtet und erkannt. Leibniz und Descartes sind nur im Allgemeinen Idealisten, im Besonderen aber Materialisten. Gott nur ist der konsequente, der voll- ständige, wahre Idealist: denn Er nur stellt alle Dinge ohne Dunkelheit sidi vor, d. h. im Sinne der Leibniz- schen Philosophie ohne Sinne und Einbildungskraft. Er ist reiner, d. i, von aller Sinnlichkeit und Materialität abgesonderter Verstand; für ihn sind daher die mate- riellen Dinge pure Verstandeswesen, pure Gedanken; für ihn existiert überhaupt gar keine Materie, denn diese beruht nur auf dunkeln, d. i. sinnlichen Vorstellungen. Aber gleichwohl hat bei Leibniz auch der Mensch sdion eine gute Portion Idealismus in sich — wie wäre es auch möglich, sich ein immaterielles Wesen vorzustellen, ohne ein immaterielles Vermögen und folglich ohne immaterielle Vorstellungen zu haben? — denn er hat außer den Sinnen und der Einbildungskraft Verstand, und der Verstand ist eben immaterielles, reines, weil denkendes Wesen; nur ist der Verstand des Menschen nicht ganz so rein, nicht in der Unbeschränktheit und Ausdehnung rein, wie der göttliche Verstand oder das göttliche Wesen. Der Mensch, respektive dieser Mensch, Leibniz, ist also ein artialer, halber Idealist, nur Gott ein ganzer dealist, nur Gott „der vollkommene Welt- weise", wie er ausdrücklidi von Wolf genannt wird; d. h. Gott ist die Idee des vollendeten, des bis ins Spe- zielle durchgeführten, des absoluten Idealismus der späteren spekulativen Philosophie. Denn was ist der Verstand, was das Wesen Gottes überhaupt? Nichts anderes, als der Verstand, als das Wesen des Menschen, abgesondert 24 r, Vorkantische Philosophie von den Bestimmungen, die zu einer bestimmten Zeit Schranken des Menschen sind, seien sie nun wirkliche oder vermeintliche. Wer keinen mit seinen Sinnen ent- zweiten Verstand hat, die Sinne nicht für Schranken hält, der stellt sich auch nicht einen Verstand ohne Sinne als den höchsten, den wahren Verstand vor. Was ist aber die Idee einer Sache anders als ihr Wesen, ge- reinigt von den Beschränkungen und Verdunklungen, die sie in der Wirklichkeit, wo sie im Zusammenhange mit anderen Dingen steht, erleidet? So liegt die Sdiranke des menschlichen Verstandes nach Leibniz darin, daß er mit dem Materialismus, d. h. mit dunkeln Vorstel- lungen behaftet ist; diese dunkeln Vorstellungen ent- springen selbst wieder nur daraus, daß das mensch- lidie Wesen im Zusammenhange mit anderen Wesen, mit der Welt überhaupt steht. Aber diese Verbindung gehört nicht zum Wesen des Verstandes; sie steht viel- mehr im Widerspruch mit demselben, denn er ist an sich, d. i. in der Idee, ein immaterielles, d. i. für sich selbst seiendes, isoliertes Wesen. Und diese Idee, dieser also von allen materialistischen Vorstellungen ge- reinigte Verstand, ist eben der göttliche Verstand. Was aber bei Leibniz nur Idee war, das wurde in der späteren Philosophie Wahrheit und Wirklichkeit. Der absolute Idealismus ist nichts anderes als der reali- sierte göttliche Verstand des Leibnizsdien Theis- mus, der systematisch durchgeführte reine Verstand, der alle Dinge ihrer Sinnlichkeit entkleidet, sie zu puren Ver- standeswesen, zu Gedankendingen macht, der mit nichts Fremdartigem behaftet, nur mit sich selbst, als dem Wesen der Wesen beschäftigt ist.
Gott ist ein denkendes Wesen; aber die Gegenstände, die er denkt, in sich begreift, sind, wie sein Verstand, nicht unterschieden von seinemWesen, so daß er, indem er die Dinge denkt, nur sich selbst denkt, also in ununterbrochener Einheit mit sich 25 Feuerbach: Philosophie der Zukunft selbst bleibt. Diese Einheit des Denkenden und Gedachten ist aber das Geheimnis des spekulativen Denkens.
So sind z. B. in der Hegeischen Logik die Gegen- stände des Denkens nicht unterschieden vom Wesen des Denkens. Das Denken ist hier in ununterbrochener Ein- heit mit sich selbst; die Gegenstände desselben sind nur Bestimmungen des Denkens, sie gehen rein im Gedanken auf, haben nichts für sich, was außer dem Denken bliebe. Aber was das Wesen der Logik, ist auch das Wesen Gottes. Gott ist ein geistiges, abstraktes Wesen; aber er ist zugleich das Wesen der Wesen, das alle Wesen in sich faßt, und zwar in Einheit mit diesem seinem abstrakten Wesen. Aber was sind die mit einem ab- strakten, geistigen Wesen identischen Wesen? Selber abstrakte Wesen — Gedanken. Die Dinge, wie sie in Gott sind, sind nicht so, wie sie außer Gott sind: sie sind vielmehr ebenso unterschieden von den wirk- lichen Dingen, als die Dinge, wie sie Gegenstand der Logik, von den Dingen, wie sie Gegenstand der wirk- lichen Anschauung sind. Worauf reduziert sich also der Unterschied zwischen dem göttlichen und dem meta- physischen Denken? nur auf einen Unterschied der Ein- bildung, auf den Unterschied zwischen dem nur vor- gestellten und wirklichen Denken.
Der Unterschied zwischen dem Wissen oder dem Denken Gottes, welches als Urbild den Dingen vorausgeht, sie schafft, und dem Wissen des Menschen, welches den Dingen nachfolgt als Ab- bild derselben, ist nichts anderes als der Unterschied zwischen dem apriorischen oder spekulativen und dem aposteriorischen oder empirischen Wissen.
Der Theismus stellt sich Gott, obwohl als ein denkendes oder geistiges, doch zugleich als ein sinnliches Wesen vor. Er verbindet daher mit dem Denken und Willen Gottes unmittelbar sinnliche, materielle Wirkungen 26 Vorkantische Philosophie — Wirkungen, die mit dem Wesen des Denkens und Willens in Widerspruch stehen, die nichts weiter als die Macht der Natur ausdrücken. Eine solche mate- rielle Wirkung — folglich ein bloßer Ausdruck sinn- licher Macht — ist vor allem die Schöpfung oder Her- vorbringung der wirklichen, materiellen Welt. Die speku- lative Theologie dagegen verwandelt diesen dem Wesen des Denkens widersprechenden sinnlichen Akt in einen logischen oder theoretischen Akt, die materielle Hervor- bringung des Gegenstandes in die spekulative Erzeugung aus dem Begriffe. Im Theismus ist die Welt ein zeit- liches Produkt Gottes — die Welt existiert seit einigen Jahrtausenden, und ehe sie wurde, war Gott; in der spekulativen Theologie dagegen ist die Welt oder Natur nach Gott nur dem Range, der Bedeutung nach: das Akzidenz setzt die Substanz, die Natur die Logik vor- aus; dem Begriffe, aber nicht dem sinnlichen Dasein, folglich nicht der Zeit nach.
Der Theismus verlegt jedoch in Gott nicht nur das spekulative, sondern auch das sinnliche, empirische Wissen und zwar in seiner höchsten Vollendung. Wie aber das vorweltliche, vorgegenständliche Wissen Gottes in dem apriorischen Wissen der spekulativen Philosophie, so hat auch das sinnlicheWissen Gottes erst in den empirischen Wissenschaften der neueren Zeit seine Realisation, seine Wahrheit und Wirklichkeit ge- funden. Das vollkommenste und also göttliche sinnlidie Wissen ist nämlich nichts anderes als das allersinn- lichste Wissen, das Wissen der allergrößten Kleinig- keiten und unmerklichsten Einzelheiten — „Gott ist des- wegen der Allwissende", sagt der heilige Thomas von Aquino, „weil er die allereinzelnsten Dinge weiß" — das Wissen, welches die Haare am Haupte des Men- sdien nicht indiskret in einen Schopf zusammenfaßt, sondern sie zählt, sie alle Haar für Haar kennt. Aber dieses göttliche Wissen, welches in der Theologie nur eine Vorstellung, eine Phantasie ist, wurde vernünftiges wirkliches Wissen in dem teleskopischen und mikro- skopischen Wissen der Naturwissenschaft. Sie hat die Sterne 27 Feuerbach: Philosophie der Zukunft am Himmel gezählt, die Eier in den Leibern der Fisdie und Schmetterlinge, die Tüpfelchen auf den Flügeln der In- sekten, um sie voneinander zu unterscheiden; sie hat allein in der Raupe des Weidenspinners am Kopfe 288, am Körper 1647, am Magen und den Gedärmen 2186 Mus- keln anatomisch nachgewiesen. Was will man mehr ver- langen? Hier haben wir daher ein sinnfälliges Beispiel von der Wahrheit, daß die Vorstellung des Mensdien von Gott die Vorstellung des mensdilidien Individuums von seiner Gattung, daß Gott als der Inbegriff aller Realitäten oder Vollkommenheiten nichts anderes ist, als der zum Nutzen des beschränkten Individuums kom- pendiarisch zusammengefaßte Inbegriff der unter die Menschen verteilten, im Laufe der Weltgeschidite sich realisierenden Eigenschaften der Gattung. Das Gebiet der Naturwissenschaften ist seinem quantitativen Umfang nach für den einzelnen Menschen ein völlig unüberseh- bares, unermeßliches. Wer kann zugleich die Sterne am Himmel und die Muskeln und Nerven am Leibe der Raupe zählen? Lyonet verlor sein Gesicht über der Ana- tomie der Weidenraupe. Wer kann zugleich die Unter- schiede der Höhen und Vertiefungen im Monde und zu- gleich die Unterschiede der zahllosen Ammoniten und Terebrateln beobachten? Aber was nicht der einzelne Mensch weiß und kann, das wissen und können die Menschen zusammen. So hat das göttliche Wissen, das alles Einzelne zugleich weiß, seine Realität im Wissen der Gattung.
Wie mit der göttlidien Allwissenheit, ist es aber auch mit der göttlichen Allgegenwart, die sich gleidifalls im Menschen realisiert hat. Während der eine Mensch be- merkt, was auf dem Monde oder Uranus vorgeht, beob- achtet ein anderer die Venus oder die Eingeweide der Raupe oder sonst einen Ort, wohin weiland unter der Herrschaft des allwissenden und allgegenwärtigen Gottes kein menschliches Auge gedrungen ist. Ja, während der Mensch diesen Stern vom Standpunkte Europas aus beobachtet, beobachtet er zugleich denselben Stern vom Standpunkte Amerikas aus. Was einem Menschen allein 28 Vorkantische Philosophie absolut unmöglich, ist zweien möglich. Aber Gott ist ja an allen, allen Orten zugleidi, und weiß alles, alles ohne Unterschied zugleich. Freilich; aber nur ist zu bemerken, daß diese Allwissenheit und Allgegenwart bloß in der Vorstellung, der Einbildung existieren, und also nicht zu übersehen der schon mehrmals erwähnte wichtige Unterschied zwischen dem nur eingebildeten und dem wirklidien Ding. In der Einbildung kann man allerdings die 4059 Muskeln einer Raupe mit einem Blicke über- sdiauen, in der Wirklichkeit aber, wo sie außer einander existieren, nur nacheinander. So kann auch das be- schränkte Individuum in seiner Einbildung sich den Um- fang des menschlichen Wissens als beschränkt vorstellen, während es doch, wenn es wirklich sich dieses Wissen aneignen wollte, nun und nimmermehr an ein Ende des- selben kommen würde. Man stelle sich als Beispiel nur eine Wissenschaft, die Historie z.B., vor, und löse in Gedanken die Weltgeschichte auf in die Geschichte der einzelnen Länder, diese in die Geschichte der einzelnen Provinzen, diese wieder in die Stadtchroniken, die Stadtchroniken in Familiengeschiditen, in Biographien. Wie käme je ein einzelner Mensch an den Punkt, wo er ausrufen könnte: Hier bin ich am Ende des historischen Wissens der Mensdiheit! So erscheint uns auch in der Einbildung unsere Lebenszeit, sowohl die vergangene, als die mög- liche zukünftige, sollten wir auch diese nodi so sehr verlängern, außerordentlich kurz, und wir fühlen uns daher in den Momenten soldier Einbildung gedrungen, diese vor unserer Vorstellung verschwindende Kürze durch ein unübersehbares, endloses Leben nach dem Tode zu ergänzen. Aber wie lange dauert in der Wirk- lichkeit auch nur ein Tag, audi nur eine Stunde! Woher dieser Unterschied? Daher: die Zeit in der Vor- stellung ist die leere Zeit, also Nichts zwischen dem Anfangs- und Endpunkt unserer Rechnung; aber die wirkliche Lebenszeit ist die erfüllte Zeit, wo Berge von Schwierigkeiten aller Art zwischen dem Jetzt und dem Dann in der Mitte liegen.
29 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Die absolute Voraussetzungslosigkeit — der Anfang der spekulativen Philosophie — ist nichts anderes als die Voraussetzungs- und Anfangs- losigkeit, dieAseität des göttlichen Wesens. Die Theologie unterscheidet zwischen tätigen und ruhen- den Eigenschaften Gottes. Die Philosophie aber ver- wandelt auch die ruhenden Eigenschaften in tätige — das ganze Wesen Gottes in Tätigkeit, aber mensdbliche Tätigkeit. Dies gilt auch von dem Prädikat dieses Para- graphen. Die Philosophie setzt nichts voraus — dies heißt nichts weiter als: sie abstrahiert von allen un- mittelbar, d. i. sinnlich gegebenen, vom Denken unter- schiedenen Objekten, kurz von allem, wovon man ab- strahieren kann, ohne aufzuhören, zu denken, und macht diesen Akt der Abstraktion von aller Gegenständlichkeit zum Anfang von sich. Was ist aber das absolute Wesen anderes als das Wesen, dem nichts vorausgesetzt, dem kein Ding außer ihm gegeben und notwendig ist, das von allen Objekten, allen von ihm unterschiedenen und unscheidbaren sinnlichen Dingen abgezogene Wesen, welches daher dem Menschen auch nur durch die Ab- straktion von eben diesen Dingen Gegenstand wird? Wovon Gott frei ist, davon mußt du dich selbst frei machen, wenn du zu Gott kommen willst, und machst dich also wirklich frei, wenn du ihn dir vorstellst. Denkst du dir folglidi Gott als ein Wesen ohne Voraussetzung irgend eines anderen Wesens oder Objekts, so denkst du selbst ohne Voraussetzung eines äußerlichen Objekts; die Eigenschaft, die du in Gott verlegst, ist eine Eigen- schaft deines Denkens. Nur ist im Menschen Tun, was in Gott Sein ist oder als solches vorgestellt wird. Was ist also das Ich Fichtes, welches sagt: „Ich bin schlecht- hin, weil ich bin," was das reine, voraussetzungslose Denken Hegels anderes, als das in das gegenwärtige, aktive, denkende Wesen des Menschen verwan- delte göttliche Wesen der alten Theologie und Meta- physik?
30 Vorkantische Philosophie Die spekulative Philosophie ist, als die Verwirklichung Gottes, zugleich die Position, zugleich die Auf- hebung oder Negation Gottes; zugleich Theis- mus, zugleich Atheismus: denn Gott ist nur so- lange Gott — Gott im Sinne der Theologie — solange er als ein vom Wesen des Menschen und der Natur unterschiedenes, selbständiges Wesen vorgestellt wird. Der Theismus, welcher als die Position Gottes zugleich die Negation Gottes ist oder umgekehrt als die Ver- neinung Gottes zugleich noch die Bejahung desselben, ist der Pantheismus. Der eigentliche oder theolo- gische Theismus aber ist nichts anderes als der ima- ginäre Pantheismus, dieser nichts anderes als der reelle wahre Theismus.