Was den Theismus vom Pantheismus scheidet, ist einzig die Einbildung, die Vorstellung Gottes als eines persönlichen Wesens. Alle Bestimmungen Gottes — und Gott wird notwendig bestimmt, sonst ist er nichts, gar nicht Objekt einer Vorstellung — sind Bestimmungen der Wirklichkeit, entweder der Natur oder des Men- schen oder beiden gemeine, also panth eis tische Be- stimmungen; denn was Gott nicht unterscheidet vom Wesen der Natur oder des Menschen, ist Pantheismus. Gott ist also nur seiner Persönlichkeit oder Existenz nach, aber nicht seinen Bestimmungen oder seinem Wesen nach von der Welt, dem Inbegriff der Natur und Menschheit, unterschieden: d.h. er wird nur vorgestellt als ein anderes Wesen, er ist aber in Wahrheit kein anderes Wesen. Der Theismus ist der Wider- spruch zwischen Schein und Wesen, Vorstellung und Wahrheit, der Pantheismus die Einheit beider — der Pantheismus die nackte Wahrheit des Theismus. Alle Vorstellungen des Theismus, wenn sie ins Auge gefaßt, ernstlich genommen, wenn sie durchgeführt, realisiert werden, führen notwendig zum Pantheismus. Der Pan- theismus ist der konsequente Theismus. Der Theis- mus denkt sich Gott als die Ursache, und zwar als eine 31 Feuerbach: Philosophie der Zukunft lebendige, persönliche Ursache, als den Sdiöpfer der Welt: Gott hat die Welt durch seinen Willen hervor- gebracht. Aber der Wille reicht nicht aus. Wo einmal Wille ist, da muß auch Verstand sein: was man will, das ist nur Sache des Verstandes. Ohne Verstand kein Gegenstand. Die Dinge, die Gott hervorbrachte, waren daher vor ihrer Hervorbringung in Gott, als Objekte seines Verstandes, als Verstandeswesen. Der Verstand Gottes ist, heißt es in der Theologie, der Inbegriff aller Dinge und Wesenheiten. Woher wären sie auch sonst entsprungen als aus dem Nichts? Und es ist gleich- gültig, ob du dir dieses Nichts in deiner Einbildung selbständig vorstellst oder es in Gott verlegst. Aber Gott enthält oder ist Alles nur auf ideale Weise, in der Weise der Vorstellung. Dieser ideale Pan- theismus führt nun aber notwendig zum realen oder wirklichen; denn vom Verstände Gottes ist nicht weit bis zum Wesen, und vom Wesen nicht weit bis zur Wirklichkeit Gottes. Wie sollte sich der Verstand vom Wesen, das Wesen von der Wirklichkeit oder Existenz Gottes trennen lassen? Sind die Dinge im Verstände Gottes, wie sollen sie außer seinem Wesen sein? Sind sie Folgen seines Verstandes, warum nicht Folgen seines Wesens? Und wenn in Gott sein Wesen unmittelbar mit seiner Wirklichkeit identisch ist, vom Begriffe Gottes die Existenz desselben sich nicht absondern läßt, wie sollte sich im Begriffe Gottes von den Dingen der Be- griff des Dinges und das wirkliche Ding trennen lassen; wie also in Gott der Unterschied stattfinden, welcher nur die Natur des endlichen, ungöttlichen Verstandes konstituiert, der Unterschied zwischen dem Ding in der Vorstellung und dem Ding außer der Vorstellung? Haben wir aber einmal keine Dinge mehr außer dem Verstände Gottes, so haben wir bald auch keine mehr außer dem Wesen, und endlich auch keine mehr außer der Existenz Gottes — alle Dinge sind in Gott, und zwar in der Tat und Wahrheit, nidit in der Vorstellung nur; denn wo sie nur in der Vor- stellung — sowohl Gottes als des Menschen — also nur 32 Vorkantische Philosophie ideal oder vielmehr imaginär in Gott sind, da existieren sie zugleich außer der Vorstellung: außer Gott. Haben wir aber einmal keine Dinge, keine Welt mehr außer Gott, so haben wir audi keinen Gott mehr außer der Welt — kein nur ideales, vorgestelltes, sondern ein reales Wesen; so haben wir mit einem Worte den Spinozismus oder Pantheismus.
Der Theismus stellt sich Gott als ein rein immate- rielles Wesen vor. Gott aber als immateriell bestimmen, heißt nichts anderes, als die Materie als ein nichtiges Ding, als ein Unwesen bestimmen; denn nur Gott ist das Maß des Wirklichen, nur Gott Sein, Wahrheit, Wesen; nur was von und in Gott gilt, das ist; was von Gott verneint wird, ist nicht. Die Materie aus Gott ab- leiten, heißt daher nichts anderes, als durch ihr Nicht- sein ihr Sein begründen wollen; denn Ableitung ist An- gabe eines Grundes, Begründung. Gott hat die Materie gemacht. Aber wie, warum, woraus? Darauf gibt der Theismus keine Antwort. Die Materie ist für ihn ein rein unerklärliches Dasein, d. h. sie ist die Grenze, das Ende der Theologie, an ihr scheitert sie, wie im Leben, so im Denken. Wie kann ich also aus der Theo- logie, ohne sie zu negieren, das Ende, die Negation der Theologie ableiten? Wie da, wo ihr der Verstand aus- geht, einen Erklärungsgrund, eine Auskunft suchen? Wie aus der Verneinung der Materie oder Welt, welche das Wesen der Theologie ist, aus dem Satze: die Ma- terie ist nicht, die Bejahung der Materie, den Satz: sie ist, und zwar dem Gott der Theologie zum Trotz, herausbringen? Wie anders als duich bloße Fiktionen? Die materiellen Dinge können aus Gott nur abgeleitet werden, wenn Gott selbst als ein materialisti- sches Wesen bestimmt wird. So nur wird Gott aus einer nur vorgestellten, eingebildeten Ursache zur wirklichen Ursache der Welt. Wer sich nicht schämt, Schuhe zu machen, der schäme sich auch nicht, ein Schuster zu sein und zu heißen. Hans Sachs war wohl Schuster und Dichter zugleich. Aber die Schuhe waren die Werke seiner Hände, seine Gedichte die Werke Frommanns Taschenbücher. II.. 3 33 Feuerbach: Philosophie der Zukunft seines Kopfes. Wie die Wirkung, so die Ursache. Aber die Materie ist nicht Gott, sie ist vielmehr das End- liche, das Ungöttliche, das Gott Verneinende — die un- bedingten Verehrer und Anhänger der Materie sind Atheisten. Der Pantheismus verbindet daher mit dem Theismus den Atheismus — mit Gott die Negation Gottes: G o 1 1 ist ein materielles, in Spinozas Sprache ein ausgedehntes Wesen.
Der Pantheismus ist der theologische Atheis- mus, der theologische Materialismus, die Ne- gation der Theologie, aber selbst auf dem Stand- punkte der Theologie; denn er macht die Materie, die Negation Gottes zu einem Prädikat oder Attri- but des göttlichen Wesens. Wer aber die Materie zu einem Attribut Gottes macht, der erklärt die Materie für ein göttliches Wesen. Die Verwirklichung Gottes hat überhaupt zur Voraussetzung die Gött- lichkeit, d. i. Wahrheit und Wesenhaf tigkeit des Wirklichen. Die Vergötterung des Wirk- lichen, des materiell Existierenden — der Ma- terialismus, Empirismus, Realismus, Humanismus — die Negation der Theologie ist aber das Wesen der neueren Zeit. Der Pantheismus ist daher nichts anderes als das zum göttlichen Wesen, zu einem religions- philosophischen Prinzip erhobene Wesen der neueren Zeit.
Der Empirismus oder Realismus, worunter hier über- haupt die sogenannten realen Wissenschaften, insbeson- dere die Naturwissenschaften verstanden werden, negiert die Theologie, aber nicht theoretisch, sondern praktisch — durch die Tat, indem der Realist das, was die Negation Gottes oder wenigstens nicht Gott ist, zur wesentlichen Angelegenheit seines Lebens, zum wesentlichen Gegenstand seiner Tätigkeit macht. Wer aber Geist und Herz nur auf das Materielle, das Sinnliche konzentriert, der spricht dem Uebersinnlichen 34 Vorkantische Philosophie tatsächlich seine Realität ab; denn nur das ist, für den Menschen wenigstens, wirklich, was ein Objekt reeller wirklicher Tätigkeit ist. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß." Die Rede, man könne vom Uebersinnlichen nichts wissen, ist nur eine Ausrede. Man weiß nur dann nichts mehr von Gott und gött- lichen Dingen, wenn man von ihnen nichts mehr wissen mag. Wie vieles wußte man von Gott, wie vieles von den Teufeln, wie vieles von den Engeln, so lange noch diese übersinnlichen Wesen Gegenstand eines wirk- lichen Glaubens waren! Wofür man sich interessiert, dazu hat man auch Fähigkeit. Die Mystiker und Scholastiker des Mittelalters hatten nur darum keine Fähigkeit und Geschicklichkeit zur Naturwissenschaft, weil sie kein Interesse für die Natur hatten. Wo der Sinn nicht fehlt, da fehlen auch nicht die Sinne, die Organe. Wofür das Herz offen, das ist auch dem Ver- stand kein Geheimnis. So verlor denn auch die Mensch- heit in neuerer Zeit nur deswegen die Organe für die übersinnliche Welt und ihre Geheimnisse, weil sie mit dem Glauben an sie auch den Sinn für sie verlor; weil ihre wesentliche Tendenz eine antichristliche, antitheolo- gische, d. h. eine anthropologische, kosmische, realistische, materialistische Tendenz war^). Spinoza traf daher mit seinem paradoxen Satz: Gott ist ein ausgedehntes, d. i. materielles Wesen, den Nagel auf den Kopf. Er fand den, für seine Zeit wenigstens, wahren philosophischen Ausdruck für materialistische Tendenz der neueren Zeit; er legitimierte, sanktionierte sie: Gott selbst ist Mate- rialist. Spinozas Philosophie war Religion; er selbst ein Charakter. Nicht stand bei ihm, wie bei unzähligen an- deren, der Materialismus im Widerspruch mit der Vor- stellung eines immateriellen, antimaterialistischen Gottes, der konsequent auch nur antimaterialistische himmlische Tendenzen und Beschäftigungen ^) Die Unterschiede zwischen Materialismus, Empirismus, Realismus, Humanismus sind natürlich hier in dieser Schrift gleichgültig.
35 Feuerbach: Philosophie der Zukunft dem Menschen zur Pflicht madit; denn Gott ist nidits anderes als das Ur- und Vorbild des Menschen: wie und was Gott ist, so und das soll, so und das will der Mensch sein oder hofft er wenigstens einst zu wer- den. Aber nur, wo die Theorie nidit die Praxis, die Praxis nicht die Theorie verleugnet, ist Charakter, Wahr- heit und Religion. Spinoza ist der Moses der modernen Freigeister und Materialisten.
Der Pantheismus ist die Negation der theore- tischen, der Empirismus die Negation der prak- tischen Theologie — der Pantheismus negiert das Prinzip, der Empirismus die Konsequenzen der Theologie, Der Pantheismus macht Gott zu einem gegenwärtigen, wirklichen, materiellen Wesen; der Empirismus, wozu auch der Rationalismus gehört, zu einem abwesenden, fernen, unwirklichen, negativen Wesen. Der Empirismus spricht Gott nidit die Existenz ab, aber alle positiven Bestimmungen, weil ihr Inhalt nur ein endlicher, em- pirischer, das Unendliche daher kein Gegenstand für den Mensdien sei. Je mehr Bestimmungen ich aber einem Wesen abspreche, desto mehr setze idi es außer Zu- sammenhang mit mir, desto weniger räume ich ihm Macht und Einfluß auf mich ein, desto freier mache ich mich von ihm. Je mehr Qualitäten ich habe, desto mehr bin ich auch für andere, desto größer ist auch der Um- fang meiner Wirkungen, meines Einflusses. Und je mehr einer ist, desto mehr weiß man auch von ihm. Jede Negation einer Eigenschaft Gottes ist daher ein par- tialer Atheismus, eine Sphäre der Gottlosigkeit. So weit ich die Eigenschaft wegnehme, so weit nehme ich Gott das Sein weg. Ist z. B. Teilnahme, Barmherzigkeit keine Eigenschaft Gottes, so bin ich in meinem Leiden allein für mich — Gott ist nicht da als mein Tröster. Ist Gott die Negation alles Endlichen, so ist konsequent auch das Endliche die Negation Gottes. Nur wenn Gott 36 i Vorkantische Philosophie an mich denkt — so schließt der Religiöse — habe auch ich Grund und Ursache, an ihn zu denken; nur in seinem Für-Mich-Sein liegt der Grund meines Für-Ihn-Seins. Dem Empirismus ist daher in Wahrheit das theologische We- sen nichts mehr, d. h. nichts Wirkliches; aber er verlegt dieses Nichtsein nicht in den Gegenstand, sondern nur in sich, in sein Wissen. Er spricht Gott nicht das Sein ab, d. h. das tote, gleichgültige Sein; aber er spricht ihm das Sein ab, das sich als Sein beweist, das wirk- same, fühlbare, ins Leben eingreifende Sein. Er bejaht Gott, aber negiert alle Konsequenzen, die mit dieser Bejahung notwendig verbunden sind. Er ver- wirft die Theologie, gibt sie auf; aber nicht aus theore- tischen Gründen, sondern aus Widerwillen, aus Ab- neigung gegen die Gegenstände der Theologie, d.h. aus einem dunklen Gefühl von ihrer Unrealität. Die Theologie ist nichts, denkt der Empiriker bei sich; aber er setzt noch hinzu: für mich, d. h. sein Urteil ist ein subjektives, pathologisches; denn er hat nicht die Freiheit, aber auch nicht die Lust und den Beruf, die Gegenstände der Theologie vor das Forum der Vernunft zu ziehen. Dies ist der Beruf der Philosophie. Die Auf- gabe der neueren Philosophie war daher keine andere, als das pathologische Urteil des Empirismus, daß es mit derTheologie nichts sei, zu einem theoretischen, objektiven Urteil zu erheben, — die indirekte, unbewußte, negative Negation der Theo- logie in eine direkte, positive, bewußte Negation zu verwandeln. Wie lädierlich ist es darum, den „Atheis- mus" der Philosophie unterdrücken zu wollen, ohne zu- gleich den Atheismus der Empirie zu unterdrücken! Wie lächerlich, die theoretische Negation des Christentums zu verfolgen und doch zugleich die tatsächlichen Nega- tionen des Christentums, von denen die neuere Zeit wimmelt, bestehen zu lassen! Wie lächerlich, zu meinen, daß mit dem Bewußtsein, d. h. dem Symptom des Uebels auch zugleich die Ursache des Uebels aufgehoben sei! Ja, wie lädierlich! Und doch wie reich an solchen Lächerlichkeiten ist die Geschichte! Sie wiederholen sich 37 Feuerbach: Philosophie der Zukunft in allen kritischen Zeiten. Kein Wunder; in der Ver- gangenheit läßt man sich alles gefallen, anerkennt man die Notwendigkeit der vorgefallenen Veränderungen und Revolutionen; aber gegen die Anwendung auf den gegenwärtigen Fall sträubt man sich immer mit Händen und Füßen; die Gegenwart macht man aus Kurzsichtigkeit und Bequemlichkeit zu der Ausnahme von der Regel.
In dem zweiten Teil, in den §§ 17 — 31, wendet sich Feuer- bach wider die Idealisten, besonders wider Hegel. Idealismus ist ihm wieder auferstandener Rationalismus; die Fehler seien die gleichen geblieben. „Leugnet Ihr den Idealismus, so leugnet Ihr Gott", und umgekehrt. Wieder haben sich Theo- logie und Philosophie verschmolzen; ja noch nie war ihr Bund ein so enger gewesen wie in der Hegeischen Philosophie. Das System Hegels sei verkappte Theologie; seine Denkkraft ziehe es aus dem dogmatischen Glauben des Christentums. So wird es für Feuerbach zu dem „letzten großartigen Ver- such, das verlorene, untergegangene Christentum durch die Philosophie wieder herzustellen, und zwar dadurch, drß, wie überhaupt in der neueren Zeit, die Negation des Christen- tums mit dem Christentum selber identifiziert wird. Die vielgepriesene Identität des Geistes und der Materie, des Unendlichen und des Endlichen, des Göttlichen und Mensch- lichen ist nichts weiter, als der unselige Widerspruch der neueren Zeit — die Identität von Glaube und Unglaube, Theo- logie und Philosophie, Religion und Atheismus, Christentum und Heidentum auf seinem höchsten Gipfel, auf dem Gipfel der Metaphysik". Goldene Worte — auch für den, der unter Umständen andere Folgerungen aus ihnen zieht wie Feuerbach! Und Zeugnisse für die eindringliche Weisheit eines Denkers, der es vorzog, sich einen Atheisten zu nennen, und gleichwohl tiefer in die Geheimnisse des Glaubens hinein- geschaut hat als eine Legion christHcher Theologen und Ide- alisten! Die gesamte Realität des Lebens setzt Feuerbadi wider die abstrakten Gebäude der Theologie. Nicht das Wort: Leben — wie bei den modernen Lebensphilosophen — sondern die Tatsache Leben führt ihm seine kritische Feder!
38 Die Erhebung der Materie zu einer göttlichen Wesen- heit ist unmittelbar zugleich die der Vernunft zu einer göttlichen Wesenheit. Was der Theist aus Ge- mütsbedürfnis, aus Verlangen nach unbegrenzter Glückseligkeit, vermittelst der Einbildungskraft von Gott verneint, das bejaht der Pantheist von Gott aus Ver- nunftbedürfnis. Die Materie ist der Vernunft ein wesentlidier Gegenstand. Wäre keine Materie, so hätte die Vernunft keinen Reiz und Stoff zum Denken, keinen Inhalt. Die Materie kann man nicht aufgeben, ohne die Vernunft aufzugeben; nicht anerken- nen, ohne die Vernunft anzuerkennen. Mate- rialisten sind Rationalisten. Aber der Pantheismus bejaht die Vernunft als eine göttliche Wesenheit nur indirekt — nur so, daß er Gott aus einem Wesen der Einbil- dungskraft, welches er als ein persönliches Wesen im Theismus ist, zu einem Vernunftgegenstande, einem Ver- nunftwesen macht; die direkte Apotheose der Ver- nunft ist der Idealismus. Der Pantheismus führt not- wendig zum Idealismus. Der Idealismus verhält sich zum Pantheismus gerade wie dieser zum Theismus.
Wie das Objekt, so das Subjekt. Nicht den Sinnen, sondern nur dem Verstand ist nach Descartes das Wesen der körperlichen Dinge, der Körper als Sub- stanz Gegenstand; aber eben deswegen ist auch nicht der Sinn sondern der Verstand nach Descartes das Wesen des wahrnehmenden Subjekts, des Menschen. Nur dem Wesen ist Wesen als Objekt gegeben. Die Meinung hat nach Plato nur die unbeständigen Dinge zum Objekt, aber darum ist sie selbst das unbeständige, veränderliche Wissen — eben nur Meinung. Das Wesen der Musik ist dem Musiker das höchste Wesen — darum das Gehör das höchste Organ; er verliert lieber die Augen, als die Ohren; der Naturforscher dagegen lieber Ohren, als die Augen, weil sein objektives Wesen das Licht. Vergöttere ich den Ton, so vergöttere ich das Ohr. Sage ich also wie der Pantheist: Die Gottheit, 39 Feuerbach: Philosophie der Zukunft oder, was eins ist, das absolute Wesen, die absolute Wahrheit und Realität, ist nur für die Vernunft, nur der Vernunft Gegenstand, so erkläre ich Gott für ein Vernunftding oder Vernunftwesen und spreche dadurch indirekt nur die absolute Wahrheit und Realität der Vernunft aus. Und es ist daher notwendig, daß die Vernunft auf sich selbst zurückgeht, diese ver- kehrte Selbstanerkennung umkehrt, sich direkt als die absolute Wahrheit ausspricht, sich selbst unmittelbar, ohne das Zwischenglied eines Objektes, als die absolute Wahrheit Gegenstand wird. Der Pantheist sagt dasselbe, was der Idealist, nur spridit jener objektiv oder realistisch aus, was dieser subjektiv oder idealistisch. Jener hat seinen Idealismus im Gegenstande — außer der Substanz, außer Gott ist Nidits, alle Dinge sind nur Bestimmungen Gottes. Dieser hat seinen Pantheismus im Ich — außer dem Ich ist Nichts, alle Dinge sind nur als Objekte des Idi. Aber gleichwohl ist der Idealis- mus die Wahrheit des Pantheismus; denn Gott oder die Substanz ist nur das Objekt der Vernunft, des Ich, des denkenden Wesens. Glaube, denke ich überhaupt keinen Gott, so habe ich keinen Gott; er ist für mich nur durch mich, für die Vernunft nur durch die Vernunft; — das A priori, das erste Wesen ist also nicht das gedachte, sondern das denkende Wesen, nicht das Objekt, sondern das Subjekt. So notwendig die Naturwissenschaft vom Lichte auf das Auge, so not- wendig ging die Philosophie von den Gegenständen des Denkens auf das: Ich denke zurück. Was ist das Licht, als erleuditendes, hell madiendes Wesen, als Objekt der Optik, ohne das Auge? Nichts. Und so weit geht die Naturwissenschaft. Aber, was ist — so fragt nun weiter die Philosophie — das Auge ohne Bewußtsein? Gleich- falls Nidits — ob ich sehe ohne Bewußtsein oder n i cht sehe, ist identisch. Erst das Bewußtsein des Sehens ist die Wirklichkeit des Sehens oder wirkliches Sehen. Aber warum glaubst du, daß etwas ist außer dir? Weil Du etwas siehst, hörst, fühlst. Also ist dieses Etwas erst als Objekt des Bewußtseins ein wirkliches 40 Etwas, ein wirkliches Objekt — also das Bewußt- sein die absolute Realität oder Wirklichkeit, das Maß aller Existenz. Alles, was ist, i s t nur als seiend für das Bewußtsein, als Bewußtes; denn Bewußtsein ist erst Sein. So verwirklicht sich im Idealismus das Wesen der Theologie: im Ich, im Bewußtsein, das Wesen Gottes. Ohne Gott kann nichts sein, nichts gedacht werden; das heißt im Sinne des Idealismus: Alles ist nur als, sei es nun wirklicher oder möglicher, Gegenstand des Bewußtseins; Sein heißt Gegenstand sein, setzt also Bewußtsein voraus. Die Dinge, die Welt überhaupt ist ein Werk, ein Produkt des absoluten Wesens, Gottes; aber dieses absolute Wesen ist ein Ich, ein be- wußtes, denkendes Wesen — also ist die Welt, wie Descartes vortrefflich vom Standpunkte des Theis- mus aus sagt, ein Ens rationis divinae, ein Gedanken- ding, ein Hirngespinst Gottes. Aber dieses Gedanken- ding ist im Theismus, in der Theologie, selbst wieder nur eine vage Vorstellung. Realisieren wir daher diese Vorstellung, führen wir, so zu sagen, praktisch aus, was im Theismus nur Theorie ist, so haben wir die Welt als Produkt des Ich (Fichte), oder — wenigstens so, wie sie uns erscheint, wie wir sie anschauen — als ein Werk oder Produkt unserer Anschauung, unseres Verstandes (Kant). „Die Natur wird von den Gesetzen der Möglich- keit der Erfahrung überhaupt abgeleitet." „Der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor." Der Kantsche Idealis- mus, wo sich die Dinge nach dem Verstände, nidit der Verstand nach den Dingen richtet, ist daher nichts anderes, als die Verwirklichung der theologischen Vorstellung vom göttlichen Verstände, der nicht von den Dingen bestimmt wird, sondern umgekehrt diese bestimmt. Wie töricht ist es darum, den Idealismus im Himmel, d. h. den Idealismus der Einbildung, als eine göttliche Wahr- heit anzuerkennen, aber den Idealismus auf Erden, d. h. den Idealismus der Vernunft, als einen menschlichen Irrtumm zu verwerfen! Leugnet ihr den Idealismus, nun, so leugnet auch Gott! Gott nur ist der Urheber des 41 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Idealismus. Wollt ihr die Konsequenzen nicht, so wollt auch das Prinzip nicht! Der Idealismus ist nidits, als der rationelle oder rationalisierte Theismus. Aber der Kantsche Idealismus ist noch ein beschränkter Idealismus — der Idealismus auf dem Standpunkte des Empirismus. Dem Empirismus ist Gott, der schon oben gegebenen Entwicklung zufolge, nur noch ein Wesen in der Vorstellung, in der Theorie — Theorie im ge- wöhnlichen, schlechten Sinne — aber nicht in der Tat und Wahrheit; ein Ding an sich, aber nicht mehr ein Ding für ihn; denn die Dinge für ihn sind allein die empirischen, wirklichen Dinge. Die Materie ist die ein- zige Materie seines Denkens — er hat daher keine Materialien mehr für Gott; Gott ist, aber er ist für uns eine tabula rasa, ein leeres Wesen, ein bloßer Ge- danke. Gott — Gott, wie wir ihn vorstellen, denken — ist unser Ich, unser Verstand, unser Wesen; aber dieser Gott ist nur eine Erscheinung von uns für uns, nicht Gott an sich. Kant ist der noch im Theismus befangene Idealismus. Wir sind oft längst von einer Sache, einer Lehre, einer Idee der Tat nach frei, aber gleichwohl sind wir es noch nicht im Kopfe; sie ist keine Wahrheit mehr in unserem Wesen — sie war es vielleicht nie — aber sie ist noch eine theoretische Wahrheit, d. h. eine Schranke unseres Kopfes. Der Kopf, weil er die Dinge am gründlichsten nimmt, wird auch am spätesten frei. Die theoretische Freiheit ist, wenigstens in vielen Dingen, die letzte Freiheit. Wie Viele sind Republikaner von Herzen, von Gesinnung, aber im Kopfe können sie nicht über die Monarcliie hinaus; ihr republikanisches Herz scheitert an den Einwürfen und Sdiwierigkeiten, welche der Verstand macht. So ist es denn auch mit dem Theismus Kants. Kant hat die Theo- logie in der Moral, das göttliche Wesen im Willen realisiert und negiert. Der Wille ist Kant das wahre, ursprüngliche, unbedingte, von sich selbst anfangende Wesen. Kant vindiziert also in der Tat die Prädikate der Gottheit dem Willen; sein Theismus hat daher nur noch die Bedeutung einer theoretischen Schranke. Der von 42 der Schranke des Theismus freie Kant ist Fichte — der „Messias der spekulativen Vernunft." Fichte ist der Kantsche Idealismus, aber auf dem Standpunkte des Idealismus. Nur auf dem empirischen Stand- punkte gibt es nach Fichte einen von uns unterschiedenen, außer uns seienden Gott; aber in Wahrheit, auf dem Standpunkte des Idealismus, ist das Ding an sich, ist Gott — denn Gott ist das eigentliche Ding an sich — nur das Ich an sich, d. h. das vom Individuum, vom empirischen Ich, unterschiedene Ich. Außer dem Ich gibt es keinen Gott: „unsere Religion ist die Vernunft." Aber der Fichtesche Idealismus ist nur die Negation und Realisation des abstrakten und formalen Theismus, des Monotheismus; nicht des religiösen, materiellen, inhalts- erfüllten Theismus, des Tritheismus, dessen Realisation erst der „absolute", der Hegeische Idealismus ist. Oder: Fidite hat den Gott des Pantheismus nur inwie- fern er ein denkendes Wesen, aber nidit wiefern er ein ausgedehntes, materielles Wesen ist, realisiert. Fichte ist der theistische Idealismus, Hegel der pan- theistische Idealismus.
Die neuere Philosophie hat das von der Sinnlichkeit, der Welt, dem Menschen abgesonderte und unterschiedene göttliche Wesen verwirklicht und aufgehoben — aber nur im Denken, in der Vernunft, und zwar einer gleichfalls von der Sinnlichkeit, der Welt, dem Menschen abgesonderten und unter- schiedenen Vernunft. Das heißt, die neuere Philo- sophie hat nur die Gottheit des Verstandes be- wiesen— nur den und zwar abstrakten Verstand als das göttliche, das absolute Wesen erkannt. Die Definition Descartes' von sich, als Geist: Mein Wesen besteht einzig darin, daß ich denke, — ist die Definition der neueren Philosophie von sich. Der Wille des Kantschen und Fichteschen Idealismus ist selbst ein pures Vers tandeswesen, 43 Feuerbach: Philosophie der Zukunft und die Ansdiauung, die Sdielling, im Gegensatz zu Fichte, mit dem Verstände verband, nur Phantasie, keine Wahrheit, kommt also nicht in Betracht.
Die neuere Philosophie ist von der Theologie ausge- gangen — sie ist selbst nichts anderes als die in Philosophie aufgelöste und verwandelte Theologie. Das abstrakte und transzendente Wesen Gottes konnte daher selbst nur auf eine abstrakte und transzendente Weise verwirklicht und aufgehoben werden. Um Gott in die Vernunft zu verwandeln, mußte die Vernunft selbst die Beschaffenheit des abstrakten göttlichen Wesens an- nehmen. Die Sinne, sagt Descartes, geben keine wahre Realität, kein Wesen, keine Gewißheit — nur der von den Sinnen abgezogene Verstand gibt Wahrheit. Woher dieser Zwiespalt zwischen dem Verstände und den Sinnen? Nur aus der Theologie kommt er. Gott ist kein sinn- lidies Wesen, er ist vielmehr die Negation aller Be- stimmungen der Sinnlichkeit, wird nur erkannt durch die Abstraktion von derselben; aber er ist Gott, d. h. das allerwahrste, allerrealste, allergewisseste Wesen. Woher soll also Wahrheit in die Sinne kommen —- in die Sinne, die geborene Atheisten sind? Gott ist das Wesen, bei dem sich die Existenz nicht vom Wesen, vom Begriffe absondern läßt, das gar nidit anders, denn als seiend gedadit werden kann. Descartes verwandelt dieses objektive Wesen in ein subjektives, den onto- logischen Beweis in einen psychologischen; das „weil