Die neue Philosophie betrachtet und berücksichtigt das Sein, wie es für uns ist, nicht nur als den- kende, sondern als wirklich seiende Wesen — das Sein also als Objekt des Seins — als Ob- jekt seiner selbst. Das Sein als Gegenstand des Seins — und nur dieses Sein ist erst Sein und ver- dient erst den Namen des Seins — ist das Sein des Sinns, der Anschauung, der Empfindung, der Liebe. Das Sein ist also ein Geheimnis der An- schauung, der Empfindung, der Liebe.
Nur in der Empfindung, nur in der Liebe hat „Dieses" — diese Person, dieses Ding — d. h. das Einzelne, ab- soluten Wert, ist das Endliche das Unendliche: darin und nur darin allein besteht die unendliche Tiefe, Göttlichkeit und Wahrheit der Liebe. In der Liebe allein ist der Gott, der die Haare auf dem Haupte zählt, Wahrheit und Realität. Der christliche Gott ist selbst nur eine Abstraktion von der menschlichen Liebe, nur ein Bild derselben. Aber eben weil „Dieses" nur in 69 Feuerbach: Philosophie der Zukunft der Liebe absoluten Wert hat, so erschließt sich auch in ihr nur, nicht im abstrakten Denken, das Geheimnis des Seins. Die Liebe ist Leidenschaft, und nur die Leidenschaft ist das Wahrzeichen der Existenz. Nur was — sei es nun wirkliches oder möglidies — Objekt der Leidenschaft, das ist. Das empfindungs- und leidenschaftslose abstrakte Denken hebt den Unter- schied zwischen Sein und Nichtsein auf, aber der Liebe ist dieser dem Gedanken verschwindende Untersdiied eine Realität. Lieben heißt nichts anderes als diesen Unterschied inne werden. Wer nidits liebt — der Gegenstand sei nun weldier er wolle — dem ist es völlig gleichgültig, ob etwas ist oder nicht. Aber wie mir nur durdi die Liebe, durch die Empfindung über- haupt, Sein im Unterschied von Nichtsein, so ist mir auch nur durch sie ein Objekt im Unterschied von mir gegeben. Der Schmerz ist eine laute Protestation gegen die Identifikation des Subjektiven und Objektiven. Der Schmerz der Liebe ist, daß das nicht in der Wirk- lidikeit ist, was in der Vorstellung ist. Das Subjektive ist hier das Objektive, die Vorstellung der Gegenstand; aber das soll eben nicht sein, das ist ein Widersprudi, eine Unwahrheit, ein Unglück — daher das Verlangen nach der Herstellung des wahren Verhältnisses, wo das Subjektive und Objektive nicht identisch ist. Selbst der animalische Schmerz spricht vernehmlich genug diese Differenz aus. Der Schmerz des Hungers besteht nur darin, daß nichts Gegenständlidbes im Magen, der Magen sich selbst gleichsam Objekt ist, die leeren Wände sich aneinander reiben, statt an einem Stoffe. Die mensdi- lichen Empfindungen haben daher keine empirische, anthropologisdie Bedeutung im Sinne der alten transzen- denten Philosophie, sie haben ontologische, metaphy- sische Bedeutung: in den Empfindungen, ja in den alltäglidien Empfindungen sind die tiefsten und höchsten Wahrheiten verborgen. So ist die Liebe der wahre o n- tologische Beweis'^'vom Dasein eines Gegenstandes außer unserem Kopfe — ^und es gibt keinen anderen Beweis vom' Sein, als die Liebe, die Empfindung über- 70 Die neue Philosophie haupt. Das, dessen Sein Dir Freude, dessen Nicht- sein Dir Schmerz bereitet, das nur ist. Der Unter- schied zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Sein und Nichtsein, ist ein ebenso erfreulicher wie schmerz- licher Unterschied.
Die neue Philosophie stützt sich auf die Wahr- heit der Liebe, die Wahrheit der Empfindung. In der Liebe, in der Empfindung überhaupt, gesteht jeder Mensch die Wahrheit der neuen Philo- sophie ein. Die neue Philosophie ist in Beziehung auf ihre Basis selbst nichts anderes als das zum Bewußt- sein erhobene Wesen der Empfindung — sie bejaht nur in und mit der Vernunft, was jeder Mensch — der wirkliche Mensch — im Herzen be- kennt. Sie ist das zu Verstand gebradite Herz. Das Herz will keine abstrakten, keine metaphysischen oder theologischen — es will wirkliche, es will sinnliche Gegenstände und Wesen.
Wenn die alte Philosophie sagte: was nicht ge- dacht ist, das ist nicht; so sagt dagegen die neue Philosophie: was nicht geliebt wird, nicht geliebt werden kann, das ist nicht. Was aber nicht ge- liebt werden kann, das kann auch nicht angebetet wer- den. Nur was Objekt der Religion sein kann, das ist Objekt der Philosophie.
Wie aber objektiv, so ist auch subjektiv die Liebe das Kriterium des Seins — das Kriterium der Wahrheit und Wirklichkeit. Wo keine Liebe, ist auch keine Wahrheit. Und nur der ist etwas, der etwas liebt — nichts sein und nichts lieben ist iden- tisch. Je mehr einer ist, desto mehr liebt er und um- gekehrt.
71 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Wenn die alte Philosophie zu ihrem Ausgangs- punkt den Satz hatte: Ich bin ein abstraktes, ein nur denkendes Wesen, der Leib gehört nicht zu meinem Wesen; so beginnt dagegen die neue Philosophie mit dem Satze: Ich bin ein wirkliches, ein sinnliches Wesen; ja der Leib in seiner Totalität ist mein Ich, mein Wesen selber. Der alte Philosoph dadite daher in einem fortwähren- den Widerspruch und Hader mit den Sinnen, um die sinnlidien Vorstellungen abzuwehren, die ab- strakten Begriffe nicht zu verunreinigen; der neue Philo- soph dagegen denkt im Einklang und Frieden mit den Sinnen. Die alte Philosophie gestand die Wahr- heit der Sinnlichkeit ein — selbst im Begriffe Gottes, weldier das Sein in sich begreift; denn dieses Sein sollte doch zugleich wieder ein vom Gedachtsein unterschiedenes Sein, ein Sein außer dem Geiste, außer dem Denken, ein wirklich ob- jektives, d.i. sinnliches Sein sein — aber nur versteckt, nur begrifflich, nur unbewußt und widerwillig, nur weil sie mußte; die neue Philo- sophie dagegen anerkennt die Wahrheit der Sinnlich- keit mit Freuden, mit Bewußtsein: sie ist die offenherzig sinnliche Philosophie.
Die neuere Philosophie suchte etwas unmittelbar Gewisses. Sie verwarf daher das grund- und boden- lose Denken der Scholastik, gründete die Philosophie auf das Selbstbewußtsein, d.h. sie setzte an die Stelle des nur gedachten Wesens, an die Stelle Gottes, des obersten, letzten Wesens aller scholastischen Philosophie — das denkende Wesen, das Ich, den selbstbewußten Geist; denn das Denkende ist dem Denkenden unendlich näher, gegenwärtiger, gewisser, als das Gedachte. Bezweifelbar ist die 72 Die neue Philosophie Existenz Gottes, bezweifelbar überhaupt das, was ich denke; aber unbezweifelbar ist, daß ich bin, ich, der ich denke, der ich zweifle. Allein das Selbstbewußtsein der neueren Philosophie ist selbst wieder nur ein gedachtes, durch Abstraktion vermitteltes, also b e z w e i f e 1 b a r e s Wesen. Unbezweifel- bar, unmittelbar gewiß ist nur, was Objekt des Sinns, der Anschauung, der Empfin- dung ist.
Wahr und göttlich ist nur, was keines Beweises bedarf, was unmittelbar durch sich selbst gewiss ist, unmittelbar für sich spricht und einnimmt, unmittelbar die Affirmation, daß es ist, nach sich zieht — das schlechthin Entschiedene, schlechthin Unzweifelhafte, das Sonnenklare. Aber sonnenklar ist nur das Sinnliche; nur wo die Sinn- lichkeit anfängt, hört aller Zweifel und Streit auf. Das Geheimnis des unmittelbaren Wissens ist die Sinnlichkeit.
Alles ist vermittelt, sagt die Hegeische Philosophie. Aber wahr ist etwas nur, wenn es nicht mehr ein Ver- mitteltes, sondern Unmittelbares ist. Geschichtliche Epodien entstehen darum nur da, wo, was früher nur ein Gedachtes, Vermitteltes war, Objekt unmittelbarer, sinnlicher Gewißheit — also Wahrh eit wird, was früher nur Gedanke war. Scholastik ist es, die Vermittelung zu einer göttlichen Notwendigkeit und wesentlichen Eigen- schaft der Wahrheit zu machen. Ihre Notwendigkeit ist nur eine bedingte; sie ist nur da notwendig, wo noch eine falsche Voraussetzung zugrunde liegt; wo eine Wahrheit, eine Lehre auftritt im Widerspruch mit einer Lehre, die auch noch für wahr gilt, noch respektiert wird. Die sich vermittelnde Wahrheit ist die noch mit ihrem Gegensatz behaftete Wahrheit. Mit dem Gegensatz wird begonnen; er wird aber hernach auf- gehoben. Wenn er nun aber ein Aufzuhebendes, ein 73 Feuerbach: Philosophie der Zukunft zu Negierendes ist, warum soll ich mit ihm, warum nicht gleich mit seiner Negation beginnen? Ein Bei- spiel. Gott als Gott ist ein abstraktes Wesen; er be- sondert, bestimmt, realisiert sich zur Welt, zum Men- sdien; so ist er konkret, so erst das abstrakte Wesen negiert. Aber warum soll idi denn nidit gleidi mit dem Konkreten beginnen? Warum soll denn das durch sich selbst Gewisse und Bewährte nicht höher sein, als das durch die Nichtigkeit seines Gegenteils Gewisse? Wer kann also die Vermittelung zur Notwendigkeit, zum Gesetz der Wahrheit erheben? Nur der, weldier selbst noch befangen ist in dem zu Negierenden, welcher noch mit sich kämpft und streitet, noch nicht voll- kommen mit sich im Reinen ist: kurz nur der, in welchem eine Wahrheit nur erst Talent, Sache eines besonderen, wenn auch eminenten Vermögens, nidit Genie, Sache des ganzen Menschen ist. Genie ist un- mittelbares, sinnliches Wissen. Was das Talent nur im Kopfe, das hat das Genie im Fleisch und Blut; d. h.: was für das Talent noch ein Objekt des Denkens, ist für das Genie ein Objekt des Sinns, Die alte absolute Philosophie hat die S i n n e in das Gebiet der Erscheinung, der Endlichkeit ver- stoßen; und doch hat sie im Widerspruch damit das Absolute, das Göttliche, als den Gegen- stand der Kunst bestimmt. Aber der Gegenstand der Kunst ist — mittelbar in der redenden, unmittel- bar in der bildenden Kunst — Gegenstand des Ge- sichts, des Gehörs, des Gefühls. Also ist nicht nur das Endliche, das Erscheinende, sondern auch das wahre, göttliche Wesen Gegenstand der Sinne — der Sinn Organ des Absoluten. Die Kunst „stellt die Wahrheit im Sinnlichen dar" — d. h., richtig erfaßt und ausgedrückt: dieKunststellt die Wahrheit des Sinnlichen dar.
74 Die neue Philosophie Wie mit der Kunst, ist es mit Religion. Die sinn- liche Anschauung, nicht die Vorstellung, ist das Wesen der christlichen Religion — die Form, das Organ des höchsten des göttlichen Wesens. Wo aber die sinnliche Anschauung für das Organ des göttlichen, des wahren Wesens gilt, da wird das göttliche Wesen als ein sinnliches, das sinn- liche als das göttliche Wesen ausgesprochen und anerkant; denn wie das Subjekt, so das Objekt.
„Und das Wort ward Fleisch und wohnete unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit." Nur für die Späteren ist der Gegenstand der christlichen Religion ein Objekt der Vorstellung und Phantasie; aber die ursprüngliche Anschauung wird wieder hergestellt. Im Himmel ist Christus, ist Gott Objekt der unmittelbaren, der sinnlichen Anschauung; dort wird er aus einem Gegenstande der Vorstellung, des Gedankens, also aus einem geistigen Wesen, was er hier für uns ist, ein sinnliches, ein fühlbares, sichtbares Wesen. Und diese Anschauung ist, wie der Anfang, so das Ziel — also das Wesen des Christentums. Die spekulative Philosophie hat daher die Kunst und Religion nicht im wahren Licht, im Licht der Wirklichkeit, sondern nur im Zwielidit der Reflexion erfaßt und dargestellt, indem sie infolge ihres Prinzips, welches die Abstraktion von der Sinnlidikeit ist, die Sinnlichkeit nur zu einer Formbestimmtheit derselben verflüchtigte: die Kunst ist Gott i n der Formbestimmtheit der sinnlichen Anschauung, die Religion Gott in der Vorstellung. Aber in der Wahrheit ist das gerade das Wesen, was der Reflexion nur als die Form erscheint. Wo Gott im Feuer erscheint und angebetet wird, da wird in Wahrheit das Feuer als Gott angebetet. Der Gott i m Feuer ist nichts anderes, als das — den Mensdien ob seiner Wirkungen und Eigen- schaften frappierende — Wesen des Feuers; der Gott im Menschen nichts anderes, als das Wesen des 75 Feuerbach: Philosophie der Zukunft Menschen. Und ebenso ist das, was die Kunst in der Form der Sinnlichkeit darstellt, nichts anderes, als das von dieser Form unabtrennbare, eigene Wesen der Sinnlichkeit.
Den Sinnen sind nicht nur „äußerliche" Dinge Gegenstand. Der Mensch wird sich selbst nur durch den Sinn gegeben — er ist sich selbst als Sinnenobjekt Gegenstand. Die Identität von Sub- jekt und Objekt, im Selbstbewußtsein nur abstrakter Gedanke, ist Wahrheit und Wirk- lichkeit nur in der sinnlichen Anschauung des Menschen vom Menschen.
Wir fühlen nicht nur Steine und Hölzer, nicht nur Fleisch und Knochen; wir fühlen auch Gefühle, indem wir die Hände oder Lippen eines fühlenden Wesens drücken; wir vernehmen durch die Ohren nicht nur das Rauschen des Wassers und das Säuseln der Blätter, sondern auch die seelenvolle Stimme der Liebe und Weisheit; wir sehen nicht nur Spiegelflächen und Farben- gespenster, wir blicken auch in den Blick des Menschen. Nidit nur Aeußerliches also, auch Innerliches, nicht nur Fleisdi, auch Geist, nicht nur das Ding, auch das Ich ist Gegenstand der Sinne. — Alles ist darum sinn- lich wahrnehmbar, wenn auch nidit unmittelbar, doch mittelbar; wenn auch nicht mit den pöbelhaften, rohen, doch mit den gebildeten Sinnen, wenn auch nicht mit den Augen des Anatomen oder Chemikers, doch mit den Augen des Philosophen. Mit Recht leitet daher auch der Empirismus den Ursprung unserer Ideen von den Sinnen ab; nur vergißt er, daß das wichtigste, wesentlichste Sinnesobjekt des Mensdien der Mensch selbst ist; daß nur im Blicke des Menschen in den Menschen das Licht des Bewußtseins und Verstandes sich entzündet. Der Idealismus hat daher recht, wenn er im Menschen den Ursprung der Ideen sucht; aber unrecht, wenn er sie aus dem isolierten, als für sich seiendem Wesen, als 76 Die neue Philosophie Seele fixierten Menschen, mit einem Worte: aus dem Ich ohne ein sinnlich gegebenes Du, ableiten will. Nur durch Mitteilung, nur aus der Konversation des Menschen mit dem Mensdien, entspringen die Ideen. Nicht allein, nur selbander kommt man zu Begriffen, zur Vernunft überhaupt. Zwei Menschen gehören zur Erzeugung des Mensdien — des geistigen so gut wie des physischen: die Gemeinschaft des Menschen mit dem Menschen ist das erste Prinzip und Kriterium der Wahrheit und All- gemeinheit. Die Gewißheit selbst von dem Dasein anderer Dinge außer mir ist für mich vermittelt durch die Ge- wißheit von dem Dasein eines anderen Menschen außer mir. Was ich allein sehe, daran zweifle ich; was der andere auch sieht, das erst ist gewiß.
Die Unterschiede zwischen Wesen und Schein, Grund und Folge, Substanz und Akzidenz, Notwendig und Zufällig, Spekulativ und Em- pirisch, begründen nicht zwei Reiche oder Welten — eine übersinnliche, welcher das Wesen, und eine sinnliche Welt, welcher der S c h e i n angehört, sondern diese Unterschiede fallen innerhalb des Gebiets der Sinnlichkeit selbst.
Ein Beispiel aus den Naturwissenschaften. In dem Linneschen Pflanzensystem v/erden die ersten Klassen nadi der Zahl der Staubfäden bestimmt. Aber schon in der elften Klasse, wo 12 — 20 Staubgefäße vorkommen, noch mehr aber in der Klasse der Zwanzigmännigkeit und der Vielmännigkeit wird die Zahlbestimmung gleich- gültig; es wird nicht mehr gezählt. Hier haben wir da- her auf dem einen und demselben Gebiet vor unseren Augen den Unterschied zwischen bestimmter und un- bestimmter, zwischen notwendiger und gleichgültiger, rationeller und irrationeller Vielheit. Wir brauchen also nicht über die Sinnlichkeit hinauszugehen, um an die Grenze des nur Sinnlichen, nur Empirischen imSinne der absoluten Philosophie zu kommen; 77 Feuerbach: Philosophie der Zukunft wir dürfen nur nicht den Verstand von den Sin- nen abtrennen, um das Uebersinnliche, d. i. Geist und Vernunft, im Sinnlichen zu finden.
Das Sinnliche ist nicht das Unmittelbare im Sinn der spekulativen Philosophie, in dem Sinn, daß es das Profane, das auf platter Hand Lie- gende, das Gedankenlose, das sich von selbst Verstehende sei. Die unmittelbare, sinnliche An- schauung ist vielmehr später als die Vorstellung und Phantasie. Die erste Anschauung des Menschen ist selber nur die Anschauung der Vorstellung und Phantasie. Die Aufgabe der Philosophie, der Wissen- schaft überhaupt, besteht daher nicht darin, von den sinnlichen, d. i. wirklichen Dingen weg, sondern zu ihnen hin zu kommen — nicht darin, die Gegenstände in Gedanken und Vorstellungen zu verwandeln, sondern darin, das den gemeinen Augen Unsichtbare sichtbar, d. i. gegenständ- lich zu machen.
Die Menschen sehen zuerst die Dinge nur so, wie sie ihnen erscheinen, nicht, wie sie sind; sehen in den Dingen nidit sich selbst, sondern nur ihre Ein- bildungen von ihnen, legen ihr eigenes Wesen in sie hinein, unterscheiden nicht den Gegenstand und die Vor- stellung von ihm. Die Vorstellung liegt dem ungebildeten, subjektiven Menschen näher, als die Anschauung; denn in der Anschauung wird er aus sich heraus- gerissen, in der Vorstellung bleibter beisich. Aber wie mit der Vorstellung, ist es mit dem Gedanken. Eher und weit länger beschäftigen sich die Menschen mit den himmlischen, göttlichen, als mit den irdischen, mensdi- lichen Dingen, d. h. eher und weit länger mit den in den Gedanken übersetzten Dingen, als mit den Dingen im Original, in der Ursprache. Erst in neuerer Zeit ist die Menschheit wieder, wie einst in Griechenland nach Vorausgang der orientalischen Traum- 78 Dr. Gilbert Sdjtpegler im Umri^ Xleuc erroeitcrte 2^usgab^ von 3- Stern (Ergänst von HuC)olf Don Deliiis Derlag doii pt^ilipp Heclam jun. £cip3ig Die neue Philosophie weit, zur sinnlichen, d.h. unverfälschten, ob- jektiven Anschauung des Sinnlichen, d. i. Wirklichen, aber eben damit erst auch zu sich selbst gekommen; denn ein Mensch, der sich nur mit Wesen der Einbildung oder des abstrakten Gedankens abgibt, ist selbst nur ein abstraktes oder phantastisches, kein wirkliches, kein wahrhaft menschliches Wesen. Die Realität des Menschen hängt nur von der Realität seines Gegen- standes ab. Hast du nichts, so bist du nichts.
Raum und Zeit sind keine bloßen Erschei- nungsformen— sie sind Wesensbedingungen, Vernunftformen, Gesetze des Seins, wie des Denkens.
Dasein ist das erste Sein, das erste Bestimmtsein. Hier bin ich — das ist das erste Zeichen eines wirk- lichen, lebendigen Wesens. Der Zeigefinger ist der Wegweiser vom Nichts zum Sein. Hier ist die erste Grenze, die erste Scheidung. Hier bin ich, dort du; wir sind außer einander; darum können wir beide sein; ohne uns zu beeinträchtigen; es ist Platz genug. Die Sonne ist nicht da, wo der Merkur, der Merkur nicht da, wo die Venus, das Auge nicht da, wo das Ohr usw. Wo kein Raum, da hat auch kein System Platz. Die Ortsbestimmung ist die erste Vernunftbestim- mung, auf der jede weitere Bestimmung Fuß faßt. Mit der Verteilung an verschiedene Orte — aber mit dem Räume sind unmittelbar verschiedene Orte gesetzt — beginnt die organisierende Natur. Nur im Räume orien- tiert sich die Vernunft. Wo bin ich? ist die Frage des erwachenden Bewußtseins, die erste Frage der Lebens- weisheit. Beschränkung in Raum und Zeit ist die erste Tugend, die Ortsdifferenz die erste Differenz des Schick- lichen vom Unschicklichen, die wir dem Kinde, dem rohen Menschen beibringen. Dem rohen Menschen ist der Ort gleichgültig, er tut alles an jedem Orte ohne Unterschied; der Narr desgleichen. Narren kommen 79 Feuerbach: Philosophie der Zukunft darum zur Vernunft, wenn sie sich wieder an Ort und Zeit binden. Verschiedenes an verschiedene Orte zu stellen, räumlich zu scheiden, was qualitativ verschieden, das ist die Bedingung jeder Oekonomie, selber der geistigen. Nicht in den Text zu setzen, was in die An- merkung, nicht an den Anfang, was erst an das Ende gehört, kurz räumliche Sonderung und Begrenzung ge- hört auch zur Weisheit des Schriftstellers.
Allerdings ist hier immer die Rede von einem be- stimmten Ort; aber es kommt hier auch nichts weiter in Betracht als die Ortsbestimmtheit. Und ich kann nicht vom Raum den Ort absondern, wenn ich den Raum in seiner Wirklichkeit erfassen will. Mit dem Wo ent- steht mir erst der Begriff des Raums. Wo? ist allgemein, gilt von jedem Ort ohne Unterschied, und doch ist W o bestimmt. Mit diesem Wo ist zugleich jenes Wo, mit der Bestimmtheit des Orts daher zugleich die Allgemein- heit des Raums gesetzt; aber eben deswegen ist der allgemeine Begriff des Raums nur in der Verbindung mit der Bestimmtheit des Orts ein realer, konkreter Begriff. Hegel gibt dem Räume, wie überhaupt von der Natur nur eine negative Bestimmung. Allein Hiersein ist positiv. Ich bin nicht dort, weil ich hier bin — dieses Nichtdortsein ist also nur eine Folge von dem positiven, ausdrucksvollen Hiersein. Es ist nur eine Dchranke für deine Vorstellung, aber keine Schranke an sich, daß Hier nicht Dort, daß Eines außer dem Anderen ist. Es ist ein Außereinander, das sein soll, das der Vernunft nicht wider-, sondern entspricht. Bei Hegel aber ist dieses Außereinandersein eine negative Bestimmung, weil es das Außereinander dessen ist, was nicht außer einander sein soll — weil der logische Begriff, als die absolute Identität mit sich, für die Wahr- heit gilt — der Raum geradezu die Negation der Idee, der Vernunft, in welche daher auch nur dadurch wieder Vernunft gebracht werden kann, daß sie negiert wird. Allein geschweige, daß der Raum die Negation der Ver- nunft ist — im Raum wird vielmehr der Idee, der Ver- nunft gerade Platz gemacht; der Raum ist die erste Sphäre 80 Die neue Philosophie der Vernunft. Wo kein räumliches Außereinander, ist auch kein logisches. Oder umgekehrt: wenn wir, wie Hegel, von der Logik aus zum Raum übergehen wollen — wo kein Unterschied, ist auch kein Raum. Die Unter- schiede im Denken müssen verwirklicht werden als Unter- schiedene; Unterschiedene treten aber räumlich außer- einander. Das räumliche Außereinandersein ist daher erst die Wahrheit der logischen Unterschiede. Aber was außereinander ist, das kann auch nur nacheinander gedacht werden. Wirkliches Denken ist Denken in Raum und Zeit. Die Negation von Raum und Zeit (Zeit- länge) fällt immer innerhalb des Raums und der Zeit selbst. Wir wollen nur Raum und Zeit sparen, um Raum und Zeit zu gewinnen.
Die Dinge dürfen nichtandersgedacht werden, als wie sie in der Wirklichkeit vorkommen. Was in der Wirklichkeit getrennt ist, soll auch im Gedanken nicht identisch sein. Die Ausnahme des Denkens, der Idee — der Intellektualwelt bei den Neuplatonikern — von den Gesetzen der Wirklich- keit ist das Privilegium theologischer Will- kür. Die Gesetze der Wirklichkeit sind auch Gesetze des Denkens.
Die unmittelbare Einheit entgegengesetzter Bestimmungen ist nur in der Abstraktion möglich und gültig. In der Wirklichkeit sind die Gegen- sätze stets nur durch einen Mittelbegriff verbunden. Dieser Mittelbegriff ist der Gegenstand, das Sub- jekt der Gegensätze.
Es ist daher nichts leichter, als die Einheit entgegen- gesetzter Prädikate aufzuzeigen; man braucht nur von dem Gegenstand oder Subjekt derselben zu abstrahieren. Mit dem Gegenstand schwindet die Grenze zwischen den Frommanns Taschenbücher. II. 6 Ol Feuerbach: Philosophie der Zukunft Gegensätzen; sie sind nun boden- und haltlos, fallen also unmittelbar zusammen. Betrachte ich z. B. das Sein nur als solches, abstrahiere ich von aller Bestimmtheit, die ist, so habe ich natürHch Sein gleich Nichts. Der Unterschied, die Grenze zwischen Sein und Nichts ist ja allein die Bestimmtheit. Wenn ich das, was ist, weg- lasse, was ist noch dieses bloße Ist? Aber was von diesem Gegensatz und seiner Identität, gilt audi von der Identität der übrigen Gegensätze in der spekulativen Philosophie.
Das Mittel, entgegengesetzte oder wider- sprechende Bestimmungen auf eine der Wirk- lichkeit entsprechende Weise in einem und demselben Wesen zu vereinigen, ist nur — die Zeit.
So ist es wenigstens in lebendigen Wesen. So nur kommt hier z. B. im Menschen der Widerspruch zum Vor- sdiein, daß jetzt diese Bestimmung — diese Empfindung, dieser Vorsatz — jetzt eine andere, eine geradezu ent- gegengesetzte Bestimmung mich erfüllt und beherrscht. Nur da, wo eine Vorstellung die andere, eine Empfindung die andere verdrängt, wo es zu keiner Entsdieidung, keiner bleibenden Bestimmtheit kommt, die Seele sich in einem fortwährenden Wechsel entgegengesetzter Zu- stände befindet, nur da befindet sie sich in der Höllen- pein des Widerspruchs. Würde idi die entgegengesetzten Bestimmungen zugleich in mir vereinigen, so würden sie sich neutralisieren, abstumpfen, gleichwie die Gegensätze des chemisdien Prozesses, welche zugleich da sind, ihre Differenz in einem neutralen Produkt verlieren. Gerade darin aber besteht der Schmerz des Widerspruchs, daß ^ ich jetzt mit Leidenschaft will und bin, was ich den | nächsten Augenblick darauf ebenso energisch nicht will ^ und nicht bin, daß Position und Negation aufeinander folgen, beide Gegensätze, aber jedermitAusschluß des andern, jeder also in seiner vollen Bestimmtheit und Schärfe mich affiziert.
82 Die neue Philosophie Das Wirkliche ist im Denken nicht in ganzen Zahlen, sondern nur in Brüchen darstellbar. Diese Differenz ist eine normale — sie beruht auf der Natur des Denkens, dessen Wesen die Allgemeinheit ist, im Unterschied von der Wirklichkeit, deren Wesen die Individualität. Daß es aber bei dieser Differenz nicht zu einem förmlichen Widerspruch zwischen dem Gedachten und dem Wirklichen kommt, dies wird nur dadurch verhindert, daß das Denken nicht in gerader Linie, in der Identität mit sich fort- läuft, sondern sich durdi die sinnliche An- schauung unterbricht. Nur das durch die sinn- liche Anschauung sich bestimmende und rekti- fizierende Denken ist reales, objektives Denken — Denken objektiver Wahrheit.
Es ist das Wichtigste, zu erkennen, daß das absolute, d. h. das isolierte, von der Sinnlichkeit abgesonderte Denken nicht über die formelle Identität — die Identität des Denkens mit sich selbst hinauskommt; denn wenn gleidi das Denken oder der Begriff bestimmt wird als die Einheit entgegengesetzter Bestimmungen, so sind doch diese Bestimmungen selbst wieder nur Abstraktionen, Gedankenbestimmungen — also immer wieder Identitäten des Denkens mit sich, nur Multipla der Identität, von welcher als der absoluten Wahrheit ausgegangen wird. Das Andere, was sich die Idee gegenübersetzt, ist als ein von ihr Gesetztes nicht wahrhaft, realiter von ihr unterschieden, nicht außer die Idee entlassen, höchstens nur pro forma, zum Scheine, um ihre Liberalität zu zeigen; denn dieses Andere der Idee ist selbst wieder die Idee, nur noch nicht in der Form der Idee, noch nicht gesetzt, verwirklicht als Idee. So bringt es das Denken für sich selbst allein zu keinem positiven Unterschiede und Gegensatzevon sich, hat aber eben deswegen auch kein anderes Kriterium der Wahrheit, als daß etwas nicht der Idee, nicht dem Denken widerspricht — also ein 83 Feuerbach: Philosophie der Zukunft