SigPhi · Max Weber

Politik als Beruf (Politics as a Vocation)

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;ogie bedient sich ^war auch der Rede: in quantitativ ungeheuer- ichem Umfang sogar, wenn man die Wahheden bedenkt, die ein noderner Kandidat zn halten hat. Aber noch nachhaltiger doch: [es gedruckten Worts. Der politische Publizist und vor allem der ournalist ist der wichtigste heutige Repräsentant der Gattung. Die Soziologie der modernen politischen Journalistik auch iur zu skizzieren wäre im Rahmen dieses Vortrags ganz unmöglich nd ist in jeder Hinsicht ein Kapitel für sich. Nur weniges gehört nbedingt hierher. Der Journalist teilt mit allen Demagogen und brigens — wenigstens auf dem Kontinent und im Gegensatz u den englischen und übrigens auch zu den früheren preußischen iuständen — auch mit dem Advokaten (und dem Künstler) das chicksal: der festen sozialen Klassifikation zu entbehren. Er ehört zu einer Art von Pariakaste, die in der „Gesellschaft*' stets ach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial ein- eschätzt wird. Die seltsamsten Vorstellungen über die Journa- sten und ihre Arbeit sind daher landläufig. Daß eine wirklich Ute journalistische Leistung mindestens so viel „Geist** be- isprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung — vor allem infolge er Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu erden und: sofort wirken zu sollen, bei freilich ganz anderen edingungen der Schöpfung, ist nicht jedermann gegenwärtig, 'aß die Verantwortung eine weit größere ist, und daß auch das erantwortungsgefühl jedes ehrenhaften Journalisten im Durch- :hnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten: — mdern höher, wie der Krieg gelehrt hat —, wird fast nie ge- ürdigt, weil naturgenäß gerade die verantwortungslosen jour- alistischen Leistungen, ihrer oft furchtbaren Wirkung wegen, n Gedächtnis haften. Daß vollends die Diskretion der irgendwie ichtigen Journalisten durchschnittlich höher steht als die anderer eute, glaubt niemand. Und doch ist es so. Die ganz unvergleichlich iel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, nd die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der egenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt iben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und — mmerlicher Feigheit zu betrachten. Über das, was da zu tun ist, mn heute nicht gesprochen werden. Uns interessiert hier die 30 Frage nach dem politischen Berufsschicksal der Journalisten, ihrer Chance, in politische Führerstellungen 2;u gelangen. Sie war bisher nur in der sozialdemokratischen Partei günstig. Aber inner- halb ihrer hatten Redakteurstellen weit überwiegend den Charakter einer Beamtenstellung, nicht aber waren sie die Grundlage einer Führerposition.

In den bürgerlichen Parteien hatte sich, im ganzen genommen, gegenüber der vorigen Generation die Chance des Aufstiegs zur politischen Macht auf diesem Wege eher verschlechtert. Presse- einfluß und also Pressebeziehungen benötigte natürlich jeder Pohtiker von Bedeutung. Aber daß Parteiführer aus den Reihen der Presse hervorgingen, war — man sollte es nicht erwarten — durchaus die Ausnahme. Der Grund liegt in der stark gestiegenen „Unabkömmlichkeit'' des Journalisten, vor allem des vermögens- losen und also berufsgebundenen Journalisten, welche durch die ungeheure Steigerung der Intensität und Aktualität des journalis- tischen Betriebes bedingt ist. Die Notwendigkeit des Erwerbs durch tägliches oder doch wöchentliches Schreiben von Artikeln hängt Politikern wie ein Klotz am Bein, und ich kenne Beispiele,' wo Führernaturen dadurch geradezu dauernd im Machtaufstieg' äußerlich und vor allem: innerlich gelähmt worden sind. Daß die;) Beziehungen der Presse zu den herrschenden Gewalten im Staat?

und in den Parteien unter dem alten Regime dem Niveau desli Journalismus so abträglich wie möglich waren, ist ein Kapitel fürj 1.

sich. Diese Verhältnisse lagen in den gegnerischen Ländern anders. I Aber auch dort und für alle modernen Staaten galt, scheint es, der ] Satz: daß der journalistische Arbeiter immer weniger, der kapita- j listische Pressemagnat — nach Art etwa des „Lord*' Northcliffe — immer mehr politischen Einfluß gewinnt.

Bei uns waren allerdings bisher die großen kapitalistischen Zeitungskonzerne, welche sich vor allem der Blätter mit „kleinen Anzeigen", der „Generalanzeiger", bemächtigt hatten, in aller Regel die typischen Züchter politischer Indifferenz. Denn an selbständiger Politik war nichts zu verdienen, vor allem nicht das geschäfth'che nützliche Wohlwollen der politisch herrschenden Gewalten. Das Inseratengeschäft ist auch der Weg, auf dem man während des Krieges den Versuch einer politischen Beeinflussung 31 zr Presse im großen Stil gemacht hat und jet^t, wie es scheint, >rtset2:en wilL Wenn auch zn erwarten ist, daß die große Presse ch dem entziehen wird, so ist die Lage für die kleinen Blätter och weit schwieriger. Jedenfalls aber ist bei uns zurzeit die journa- stische Laufbahn, so viel Reiz sie im übrigen haben und welches laß von Einfluß und Wirkungsmöglichkeit, vor allem: von poli- scher Verantwortung, sie einbringen mag, nicht — man muß :elleicht abwarten, ob: nicht mehr oder: noch nicht — ein nor- laler Weg des Aufstiegs politischer Führer. Ob die von manchen - nicht allen — Journalisten für richtig gehaltene Aufgabe des nonymitätsprin^ips darin etwas ändern würde, läßt sich schwer Igen. Was wir in der deutschen Presse während des Krieges an Leitung** von Zeitungen durch besonders angeworbene schrift- ellerisch begabte Persönlichkeiten, die dabei stets ausdrücklich iter ihrem Namen auftraten, erlebten, hat in einigen bekannteren allen leider gezeigt: daß ein erhöhtes Verantwortungsgefühl if diesem Wege nicht so sicher gezüchtet wird, wie man glauben )nnte. Es waren — ohne Parteiunterschied — zum Teil gerade :e notorisch übelsten Boulevard- Blätter, die damit einen erhöhten bsatz erstrebten und auch erreichten, Vermögen haben die be- effenden Herren, die Verleger wie auch die Sensationsjourna- 5ten, gewonnen, — Ehre gewiß nicht. Damit soll nun gegen das rinzip nichts gesagt sein; die Frage liegt sehr verwickelt, und ne Erscheinung gilt auch nicht allgemein. Aber es ist bisher [cht der Weg zu echtem Führertum oder verantwortlichem etrieb der Politik gewesen. Wie sich die Verhältnisse weiter »stalten werden, ist abzuwarten. Unter allen Umständen bleibt )er die journalistische Laufbahn einer der wichtigsten Wege ir berufsmäßigen politischen Tätigkeit. Ein Weg nicht für jeder- lann. Am wenigsten für schwache Charaktere, insbesondere für lenschen, die nur in einer gesicherten ständischen Lage ihr meres Gleichgewicht behaupten können., Wenn schon das Leben »s jungen Gelehrten auf Hasard gestellt ist, so sind doch feste ändische Konventionen um ihn gebaut und hüten ihn vor Ent- eisung. Das Leben des Journalisten aber ist in jeder Hinsicht 'asard schlechthin, und zwar unter Bedingungen, welche die inere Sicherheit in einer Art auf die Probe stellen wie wohl kaum 32 eine andere Situation. Die oft bitteren Erfahrungen im Berufs- leben sind vielleicht nicht einmal das Schlimmste. Gerade an der erfolgreichen Journalisten werden besonders schwierige innere Anforderungen gestellt. Es ist durchaus keine Kleinigkeit, in der Salons der Mächtigen der Erde auf scheinbar gleichem Fuß, unc oft allgemein umschmeichelt, weil gefürchtet, 2u verkehren unc dabei zu wissen, daß, wenn man kaum aus der Tür ist, der Haus- herr sich vielleicht wegen seines Verkehrs mit den „Pressebengeln'' bei seinen Gästen besonders rechtfertigen muß, — wie es erst recht keine Kleinigkeit ist, über alles und jedes, was der „Markt** gerade verlangt, über alle denkbaren Probleme des Lebens, sich prompt und dabei überzeugend äußern zu sollen, ohne nicht nui der absoluten Verflachung, sondern vor allem der Würdelosigkeit der Selbstentblößung und ihren unerbittlichen Folgen zu verfallen. Nicht das ist erstaunlich, daß es viele menschlich entgleisten oder entwerteten Journalisten gibt, sondern daß trotz allem gerade diese Schicht eine so große Zahl wertvoller und ganz echter Menschen in sich schheßt, wie Außenstehende es nicht leicht ver- muten.

Wenn der Journalist als Typus des Berufspolitikers auf eine immerhin schon erhebliche Vergangenheit zurückblickt, so ist die Figur des Parteibeamten eine solche, die erst der Ent- wicklung der letzten Jahrzehnte und, teilweise, Jahre angehört. Wir müssen uns einer Betrachtung des Parteiwesens und der Parteiorganisation zuwenden, um diese Figur in ihrer entwick- lungsgeschichtlichen Stellung zu begreifen.

In allen irgendwie umfangreichen, das heißt über den Bereich und Aufgabenkreis kleiner ländlicher Kantone hinausgehenden politischen Verbände mit periodischen Wahlen der Gewalthaber, ist der politische Betrieb notwendig: Interessentenbetrieb. Das heißt, eine relativ kleine Zahl primär am politischen Leben, also an der Teilnahme an der politischen Macht, Interessierter schaffen sich Gefolgschaft durch freie Werbung, präsentieren sich oder ihre Schutzbefohlenen als Wahlkandidaten, sammeln die Geldmittel und gehen auf den Stimmenfang. Es ist unerfindlich, wie in großen Verbänden Wahlen ohne diesen Betrieb überhaupt sachgemäß zustande kommen sollten. Praktisch bedeutet er die 33 Ipaltung der wahlberechl igten Staatsbürger in politisch aktive nd politisch passive Elemente, und da dieser Unterschied auf reiwilligkeit beruht, so kann er durch keinerlei Maßregeln, wie /ahlpf licht oder „berufsständische'* Vertretung oder dergleichen Lisdrücklich oder tatsächlich gegen diesen Tatbestand und damit egen die Herrschaft der Berufspolitiker gerichteten Vorschläge eseitigt werden. Führerschaft und Gefolgschaft» als aktive Ele- lente freier Werbung: der Gefolgschaft sowohl wie, durch diese, er passiven Wählerschaft für die Wahl des Führers, sind not- wendige Lebenselemente jeder Partei. Verschieden aber ist ihre truktur. Die „Parteien** etwa der mittelalterlichen Städte, wie die ruelfen und Ghibellinen, waren rein persönliche Gefolgschaften. /enn man das Statuta della perta Guelfa ansieht, die Konfiskation er Güter der Nobili — das hieß ursprünglich aller derjenigen ämilien, die ritterlich lebten, also lehnsfähig waren —, ihren .usschluß von Ämtern und Stimmrecht, die interlokalen Partei- Lisschüsse und die streng militärischen Organisationen und ihre >enun2;iantenprämien, so fühlt man sich an den Bolschewismus lit seinen Sowjets, seinen streng gesiebten Militär- und — in •ußland vor allem — Spitzelorganisationen, der Entwaffnung nd politischen Entrechtung der „Bürger**, das heißt der Unterehmer, Händler, Rentner, Geistlichen, Abkömmlinge der Dy- astie, Polizeiagenten, und ihren Konfiskationen erinnert. Und ^enn man auf der einen Seite sieht, daß die Militärorganisation er Partei ein nach Matrikeln zn gestaltendes reines Ritterheer ar und Adlige fast alle führenden Stellen einnahmen, die Sowjets Der ihrerseits den hochentgoltenen Unternehmer, den Akkord- >hn, das Taylorsystem, die Militär- und Werkstattdisziplin bei- ehalten oder vielmehr wieder einführen und nach ausländischem [apital Umschau halten, mit einem Wort also: schlechthin alle Dn ihr als bürgerliche Klasseneinrichtungen bekämpften Dinge leder annehmen mußten, um überhaupt Staat und Wirtschaft i Betrieb zu erhalten, und daß sie überdies als Hauptinstrument irer Staatsgewalt die Agenten der alten Ochrana wieder in Betrieb »nommen haben, so wirkt diese Analogie noch frappanter. Wir aben es aber hier nicht mit solchen Gewaltsamkeitsorganisationen i tun, sondern mit Berufspolitikern, welche durch nüchterne eber, Politik ols Beruf. 3 34 „friedliche'' Werbung der Partei auf dem Wahlstimmenmarkt zur Macht zu gelangen streben. ^; Auch diese Parteien in unserem üblichen Sinn waren zunächst, z. B. in England, reine Gefolgschaften der Aristokratie. Mit jedem aus irgendeinem Grunde erfolgenden Wechsel der Partei seitens eines Peer trat alles, was von ihm abhängig war, gleichfalls zur Gegenpartei über. Die großen Familien des Adels, nicht zuletzt der König, hatten bis zur Reformbill die Patronage einer Unmasse von Wahlkreisen. Diesen Adelsparteien nahe stehen die Hono- ratiorenparteien, wie sie mit Aufkommen der Macht des Bürgertums sich überall entwickelten. Die Kreise von „Bildung und Besitz** unter der geistigen Führung der typischen Intellektuellenschichten des Okzidents schieden sich, teils nach Klasseninteressen, teils nach Familientradition, teils rein ideologisch bedingt, in Par- teien, die sie leiteten. Geistliche, Lehrer, Professoren, Advokaten, Ärzte, Apotheker, vermögliche Landwirte, Fabrikanten — in Eng- land jene ganze Schicht, die sich zu den gentlemen rechnet — bildeten zunächst Gelegenheitsverbände, allenfalls lokale poli- tische Klubs; in erregten Zeiten meldete sich das Kleinbürgertum, gelegentlich einmal das Proletariat, wenn ihm Führer erstanden, die aber in aller Regel nicht aus seiner Mitte stammten. In diesem Stadium bestehen interlokal organisierte Parteien als Dauerverbände draußen im Lande überhaupt noch nicht. Den Zusammen- halt schaffen lediglich die Parlamentarier; maßgebend für die Kandidatenaufstellung sind die örtlichen Honoratioren. Die Pro- gramme entstehen teils durch die Werbeaufrufe der Kandidaten, teils in Anlehnung an Honoratiorenkongresse oder Parlaments- parteibeschlüsse. Nebenamtlich und ehrenamtlich läuft, als Ge- legenheitsarbeit, die Leitung der Klubs oder, wo diese fehlen, (wie meist), der gänzlich formlose Betrieb der Politik seitens der wenigen dauernd daran Interessierten in normalen Zeiten; nur der Journalist ist bezahlter Berufspolitiker, nur der Zeitungs- betrieb kontinuierlicher politischer Betrieb überhaupt. Daneben nur die Parlamentssession. Die Parlamentarier und parlamen- tarischen Parteileiter wissen zwar, an welche örtlichen Hono- ratioren man sich wendet, wenn eine politische Aktion erwünscht erscheint. Aber nur in großen Städten bestehen dauernd Vereine 35 er Parteien mit mäßigen Mitgliederbeiträgen und periodischen iusammenkünften und öffentlichen Versammlungen ^um Rechenchaftsbericht des Abgeordneten. Leben besteht nur in der ^ahl^eit.

Das Interesse der Parlamentarier an der Möglichkeit inter- »kaler Wahlkompromisse und an der Schlagkraft einheitlicher, on breiten Kreisen des ganzen Landes anerkannter Programme nd einheitlicher Agitation im Lande überhaupt bildet die Triebraft des immer strafferen Partei^usammenschlusses. Aber wenn un ein Net^ von örtlichen Parteivereinen auch in den mittleren tädten und daneben von,, Vertrauensmännern'* über das Land ^spannt wird, mit denen ein Mitglied der Parlamentspartei als eiter des zentralen Parteibureaus in dauernder Korrespondenz :eht, bleibt im Prinzip der Charakter des Parteiapparates als eines [onoratiorenverbandes unverändert. Bezahlte Beamte fehlen außeralb des Zentralbureaus noch; es sind durchweg,,angesehene'' eute, welche um der Schätzung willen, die sie sonst genießen, ie örtlichen Vereine leiten: die außerparlamentarischen „Honoitioren*^ die neben der politischen Honoratiorenschicht der nmal im Parlament sitzenden Abgeordneten Einfluß üben.

ie geistige Nahrung für Presse und örtliche Versammlungen »schafft allerdings zunehmend die von der Partei herausgegebene arteikorrespondenz» Regelmäßige Mitgliederbeiträge werden unitbehrlich; ein Bruchteil muß den Geldkosten der Zentrale dienen.

1 diesem Stadium befanden sich noch vor nicht allzu langer Zeit e meisten deutschen Parteiorganisationen. In Frankreich vollends »rrschte teilweise noch das erste Stadium: der ganz labile Zuimmenschluß der Parlamentarier und im Lande draußen die eine Zahl der örtlichen Honoratioren, Programme durch die andidaten oder für sie von ihren Schutzpatronen im Einzelfall ti der Bewerbung aufgestellt^ wenn auch unter mehr oder inder örtlicher Anlehnung an Beschlüsse und Programme der arlamentarier. Erst teilweise war dies System durchbrochen.

ie Zahl der hauptberuflichen Politiker war dabei gering und tzte sich im wesentlichen aus den gewählten Abgeordneten, m wenigen Angestellten der Zentrale, den Journalisten und in Frankreich — im übrigen aus jenen Stellenjägern zu- 3* 36 sammen, die sich in einem,,politischen Amt'' befanden oder augenblicklich ein solches er strebten. Die PoHtik war formell weit überwiegend Nebenberuf. Auch die Zahl der,,ministrablen" Abgeordneten war eng begrenzt, aber wegen des Honoratioren- charakters auch die der Wahlkandidaten. Die Zahl der in- direkt an dem politischen Betrieb, vor allem materiell, In- teressierten war aber sehr groß. Denn alle Maßregeln eines Ministeriums und vor allem alle Erledigungen von Personalfragen ergingen unter der Mitwirkung der Frage nach ihrem Einfluß auf die Wahlchancen, und alle und jede Art von Wünschen suchte man durch Vermittlung des örtlichen Abgeordneten durchzusetzen, dem der Minister, wenn er zu seiner Mehrheit gehörte — und das erstrebte daher jedermann — wohl oder übel Gehör schenken mußte. Der einzelne Deputierte hatte die Amtspatronage und überhaupt jede Art von Patronage in allen Angelegenheiten seines Wahlkreises und hielt seinerseits, um wiedergewählt zu werden, Verbindung mit den örtlichen Honoratioren.

Diesem idyllischen Zustand der Herrschaft von Honoratioren- kreisen und vor allem: der Parlamentarier, stehen nun die modern- sten Formen der Parteiorganisation scharf abweichend gegenüber, Sie sind Kinder der Demokratie, des Massenwahlrechts, der Not- wendigkeit der Massenwerbung und Massenorganisation, der Ent- wicklung höchster Einheit der Leitung und strengster Disziplin. Die Honoratiorenherrschaft und die Lenkung durch die Parla- mentarier hört auf. „Hauptberufliche" Politiker außerhalb der Parlamente nehmen den Betrieb in die Hand. Entweder als „Unter* nehmer" — wie der amerikanische Boss und auch der englische ,,Election agent" es der Sache nach waren — oder als fest besoldeter Beamter. Formell findet eine weitgehende Demokratisierung statt. Nicht mehr die Parlamentsfraktion schafft die maßgeblichen Pro- gramme und nicht mehr die örtlichen Honoratioren haben die Auf- stellung der Kandidaten in der Hand, sondern Versammlungen der organisierten Parteimitglieder wählen die Kandidaten aus und delegieren Mitglieder in die Versammlungen höherer Ordnung, deren es bis zum allgemeinen „Parteitag" hinauf möglicherweise mehrere gibt. Der Tatsache nach liegt aber natürlich die Macht in den Händen derjenigen, welche kontinuierlich innerhalb des 37 37 Betriebes die Arbeit leisten, oder aber derjenigen, von welchen — ;, B. als Mäcenaten oder Leitern mächtiger politischer Interessenten- :lubs (Tammany-Hall) — der Betrieb in seinem Gang pekuniär ider personal abhängig ist» Das Entscheidende ist, daß dieser gan2;e rlenschenapparat — die „Maschine**, wie man ihn in den angel- ächsischen Ländern be2;eichnenderweise nennt — oder vielmehr iejenigen, die ihn leiten, den Parlamentariern Schach bieten und inen ihren Willen 2;iemlich weitgehend auf2;u2;wingen in der Lage ind. Und das hat besonders Bedeutung für die Auslese der F Üb- ung der Partei. Führer wird nun derjenige, dem die Maschine Dlgt, auch über den Kopf des Parlaments. Die Schaffung solcher Maschinen bedeutet, mit anderen Worten, den Ein2;ug der plebis- itären Demokratie.

Die Parteigefolgschaft, vor allem der Parteibeamte und -unter- ehmer, erwarten vom Siege ihres Führers selbstverständlich per- 3nlichen Entgelt: Ämter oder andere Vorteile. Von ihm — nicht der doch nicht nur von den ein2;elnen Parlamentariern: das ist as Entscheidende. Sie erwarten vor allem: daß die demagogische /irkung der Führerp er sönlichkeit im Wahlkampf der Partei timmen und Mandate, damit Macht zuführen und dadurch jene hancen ihrer Anhänger, für sich den erhofften Entgelt zu finden, löglichst ausweiten werde. Und ideell ist die Genugtuung, für nen Menschen in gläubiger persönlicher Hingabe und nicht nur ir ein abstraktes Programm einer aus Mittelmäßigkeiten bestehen- zn Partei zu arbeiten: — dies „charismatische** Element allen ührertums, — eine der Triebfedern.

In sehr verschiedenem Maß und in stetem latentem Kampf it den um ihren Einfluß ringenden örtlichen Honoratioren und m Parlamentariern setzte sich diese Form durch. In den bürger- :hen Parteien zuerst in den Vereinigten Staaten, dann in der )Zialdemokratischen Partei vor allem Deutschlands. Stete Rück- hläge treten ein, sobald einmal kein allgemein anerkannter Führer i ist, und Konzessionen aller Art müssen, auch wenn er da ist, jr Eitelkeit und Interessiertheit der Parteihonoratioren gemacht erden. Vor allem aber kann auch die Maschine unter die Herr- :haft der Parteibeamten geraten, in deren Händen die regel- läßige Arbeit liegt. Nach Ansicht mancher sozialdemokratischer 38 38 Kreise sei ihre Partei dieser,,Bureaukratisierung'' verfallen ge- wesen. Indessen,3samte'* fügen sich einer demagogisch stark wirkenden Führerpersönlichkeit relativ leicht: ihre materiellen und ideellen Interessen sind ja intim mit der durch ihn erhofften Aus- wirkung der Parteimacht verknüpft^ und die Arbeit für einen Führer ist an sich innerlich befriedigender. Weit schwerer ist der Aufstieg von Führern da^ wo — wie in den bürgerlichen Parteien meist — neben den Beamten die,, Honoratioren'* den Einfluß auf die Partei in Händen haben. Denn diese,,machen** ideell,,ihr Leben'* aus dem Vorstands- oder Ausschußmitgliedpöstchen, das sie innehaben, Ressentiment gegen den Demagogen als homo novus, die Über- zeugung von der Überlegenheit parteipolitischer,, Erfahrung** — die nun einmal auch tatsächlich von erheblicher Bedeutung ist — und die ideologische Besorgnis vor dem Zerbrechen der alten Partei- traditionen bestimmen ihr Handeln. Und in der Partei haben sie alle traditionalistischen Elemente für sich. Vor allem der ländliche, aber auch der kleinbürgerliche Wähler sieht auf den ihm von alters- her vertrauten Honoratiorennamen und mißtraut dem ihm un- bekannten Mann, um freilich, wenn dieser einmal den Erfolg für sich gehabt hat, nun ihm um so unerschütterlicher anzuhängen. Sehen wir uns an einigen Hauptbeispielen dieses Ringen der beiden Strukturformen und das namentlich von Ostrogorski geschilderte Hochkommen der plebiszitären Form einmal an.

Zunächst England: dort war die Parteiorganisation bis 1868 eine fast reine Honoratiorenorganisation. Die Tories stützten sich auf dem Lande etwa auf den anglikanischen Pfarrer, daneben — meist — den Schulmeister und vor allem die Großbesitzer der betreffenden county, die Whigs meist auf solche Leute wie den nonconformistischen Prediger (wo es ihn gab), den Posthalter, Schmied, Schneider, Seiler, solche Handwerker also, von denen — weil man mit ihnen am meisten plaudern kann — politischer Ein- fluß ausgehen konnte. In der Stadt schieden sich die Parteien teils nach ökonomischen, teils nach religiösen, teils einfach nach in den Familien überkommenen Parteimeinimgen. Immer aber waren Honoratioren die Träger des politischen Betriebes. Darüber schwebte das Parlament und die Parteien mit dem Kabinett und mit dem „leader", der der Vorsitzende des Ministerrates oder der Opposition 39 war. Dieser leader hatte neben sich die wichtigste berufspoh'tische Persönh'chkeit der Parteiorganisation: den ^^Einpeitscher" (whip). In seinen Händen lag die Ämterpatronage; an ihn hatten sich also die Stellenjäger zu wenden, er benahm sich darüber mit den De- putierten der ein2;elnen Wahlkreise. In diesen begann sich langsam eine Berufspolitikerschicht zn entwickeln, indem lokale Agenten geworben waren, die zunächst unbe2:ahlt waren und ungefähr die Stellung unserer „Vertrauensmänner'' einnahmen. Daneben aber entwickelte sich für die Wahlkreise eine kapitahstische Unternehmer- gestalt: der „Election Agent*', dessen Existenz in der modernen, die Wahlreinheit sichernden Gesetzgebung Englands unvermeidlich war. Diese Gesetzgebung versuchte die Wahlkosten zu kontrollieren und der Macht des Geldes entgegenzutreten, indem sie den Kan- didaten verpflichtete, anzugeben, was ihn die Wahl gekostet hatte: denn der Kandidat hatte — weit mehr, als dies früher auch bei uns vorkam — außer den Strapazen seiner Stimme auch das Vergnügen, den Geldbeutel zu ziehen. Der Election Agent ließ sich von ihm eine Pauschalsumme zahlen, wobei er ein gutes Geschäft zu machen pflegte. — In der Machtverteilung zwischen „leader" und Partei- honoratioren, im Parlament und im Lande, hatte der erstere in England von jeher, aus zwingenden Gründen der Ermöglichung einer großen und dabei stetigen Politik, eine sehr bedeutende Stellung. Immerhin war aber der Einfluß auch der Parlamentarier und Parteihonoratioren noch erheblich.

So etwa sah die alte Parteiorganisation aus, halb Honoratioren- wirtschaft, halb bereits Angestellten- und Unternehmerbetrieb. Seit 1868 aber entwickelte sich zuerst für lokale Wahlen in Birmingham, dann im ganzen Lande, das „Caucus"-System. Ein nonconformisti- scher Pfarrer und neben ihm Josef Chamberlain riefen dieses System ins Lebe«. Anlaß war die Demokratisierung des Wahlrechts. Zur Massengewinnung wurde es notwendig, einen ungeheuren Apparat von demokratisch aussehenden Verbänden ins Leben zu rufen, in jedem Stadtquartier einen Wahlverband zu bilden, unausgesetzt den Betrieb in Bewegung zu halten, alles straff zu bureaukratisieren: zunehmend angestel.te bezahlte Beamte, von den lokalen Wahl- komitees, in denen bald im ganzen vielleicht 10 % der Wähler organisiert waren^ gewählte Hauptvermittler mit Kooptationsrecht 40 als formelle Träger der Parteipolitik. Die treibende Kraft waren die lokalen, vor allem die an der Kommunalpolitik — überall der Quelle der fettesten materiellen Chancen — interessierten Kreise, die auch die Finanzmittel in erster Linie aufbrachten. Diese neu- entstehende, nicht mehr parlamentarisch geleitete Maschine hatte sehr bald Kämpfe mit den bisherigen Machthabern zu führen, vor allen mit dem whip, bestand aber, gestützt auf die lokalen Inter- essenten, den Kampf derart siegreich, daß der whip sich fügen und mit ihr paktieren mußte. Das Resultat war eine Zentralisation der ganzen Gewalt in der Hand der wenigen und letztlich der einen Person, die an der Spitze der Partei stand. Denn in der liberalen Partei war das ganze System aufgekommen in Verbindung mit dem Emporsteigen Gladstones zur Macht. Das Faszinierende der Glad- stoneschen „großen" Demagogie, der feste Glaube der Massen an den ethischen Gehalt seiner Politik und vor allem an den ethischen Charakter seiner Persönlichkeit war es, der diese Maschine so schnell zum Siege über die Honoratioren führte. Ein cäsaristisch- plebiszitäres Element in der Politik: der Diktator des Wahlschlacht- feldes, trat auf den Plan. Das äußerte sich sehr bald. 1877 wurde der Caucus zum erstenmal bei den staatlichen Wahlen tätig. Mit glänzendem Erfolg: Disraelis Sturz mitten in seinen großen Er- folgen war das Resultat. 1866 war die Maschine bereits derart voll- ständig charismatisch an der Person orientiert, daß, als die Home* rule- Frage aufgerollt wurde, der ganze Apparat von oben bis unten nicht fragte: Stehen wir sachlich auf dem Boden Gladstones?, sondern einfach auf das Wort Gladstones mit ihm abschwenkte und sagte: Was er tut, wir folgen ihm — und seinen eigenen Schöpfer, Chamberlain, im Stich ließ.

Diese Maschinerie bedarf eines erheblichen Personenapparates. Es sind immerhin wohl 2000 Personen in England, die direkt von der Politik der Parteien leben. Sehr viel zahlreicher sind freilich diejenigen, die rein als Stellenjäger oder als Interessenten in der Pohtik mitwirken, namentlich innerhalb der Gemeindepolitik. Neben den ökonomischen Chancen stehen für den brauchbaren Caucus-Politiker Eite^keitschancen. „J. P.'' oder gar,,M. P." zu werden, ist naturgemäß Streben des höchsten (normalen) Ehr- geizes, und solchen Leuten, die eine gute Kinderstube aufzuweisen 41 hatten,,,gentlemen'' waren, wird das 2;uteil. Als Höchstes winkte, isnbesondere für große Geldmäzenaten — die Finan2;en der Par- teien beruhten zu vielleicht 50 % auf Spenden ungenannt bleibender Geber — die Peers- Würde.