Eitelkeit ist eine sehr verbreitete Eigenschaft, und vielleicht ist niemand ganz frei davon. Und in akademischen und Gelehrten- kreisen ist sie eine Art von Berufskrankheit. Aber gerade beim Gelehrten ist sie, so antipathisch sie sich äußern mag. relativ harm- los in dem Sinn: daß sie in al'er Regel den wissenschaftlichen Betrieb nicht stört. Ganz anders beim Politiker. Er arbeitet mit dem Streben nach Macht als unvermeidlichem Mittel. „Macht- instinkt** — wie man sich auszudrücken pflegt — gehört daher in der Tat zu seinen normalen Qualitäten. — Die Sünde gegen den heiligen Geist seines Berufs aber beginnt da, wo dieses Macht- streben unsachlich und ein Gegenstand rein persönlicher Selbst- berauschung wird, anstatt ausschließlich in den Dienst der „Sache** zu treten. Denn es gibt letztlich nur zwei Arten von Todsünden auf dem Gebiet der Politik: Unsachlichkeit und — oft, aber nicht immer, damit identisch — Verantwortungslosigkeit. Die Eitelkeit: das Bedürfnis, selbst möglichst sichtbar in den Vordergrund zu treten, führt den Politiker am stärksten in Versuchung, eine von beiden, oder beide zu begehen. Um so mehr, als der Demagoge auf „Wirkung** zu rechnen gezwungen ist, — er ist eben deshalb stets in Gefahr, sowohl zum Schauspieler zu werden wie die Verantwortung für die Folgen seines Tuns leicht zu nehmen und nur nach dem „Eindruck** zu fragen, den er macht. Seine Unsachlich- keit legt ihm nahe, den glänzenden Schein der Macht statt der wirklichen Macht zu erstreben, seine Verantwortungslosigkeit aber: die Macht lediglich um ihrer selbst willen, ohne inhaltlichen Zweck, zu genießen. Denn obwohl, oder vielmehr: gerade weil » III 53 Macht das unvermeidliche Mittel, und Machtstreben daher eine der treibenden Kräfte der Pohtik ist, gibt es keine verderbHchere Ver2:errung der politischen Kraft, als das parvenumäßige Bramar- basieren mit Macht und die eitle Selbstbespiegelung in dem Gefühl ier Macht, überhaupt jede Anbetung der Macht rein als solcher. Der bloße „Machtpolitiker'', wie ihn ein auch bei uns eifrig be- triebener Kult zu verklären sucht, mag stark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnlose. Darin haben die Kritiker der ,Machtpolitik'' vollkommen recht. An dem plöt2;lichen inneren ^Zusammenbruche typischer Träger dieser Gesinnung haben wir erleben können, welche innere Schwäche und Ohnmacht sich linter dieser prot2;igen, aber gändich leeren Geste verbirgt. Sie st Produkt einer höchst dürftigen und oberflächlichen Blasiert- leit gegenüber dem Sinn menschlichen Handelns, welche keinerlei Verwandtschaft hat mit dem Wissen um die Tragik, in die alles Tun, 2;umal aber das politische Tun, in Wahrheit verflochten ist.
Es ist durchaus wahr und eine — jet2;t hier nicht näher zu begründende — Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließ- iche Resultat politischen Handelns oft, nein: gerade2;u regel- näßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis ;u seinem ursprünghchen Sinn steht. Aber deshalb darf dieser Sinn: ler Dienst an einer Sache, doch nicht etwa fehlen, wenn anders las Handeln inneren Halt haben soll. Wie die Sache auszusehen lat, in deren Dienst der Politiker Macht erstrebt und Macht ver- wendet, ist Glaubenssache. Es kann nationalen oder menschheit- ichen, sozialen und ethischen oder kulturlichen, innerweltlichen )der religiösen Zielen dienen, er kann getragen sein von starkem jlauben an den „Fortschritt'* — gleichviel in welchem Sinn — )der aber diese Art von Glauben kühl ablehnen, kann im Dienst iner „Idee'' zu stehen beanspruchen oder unter prinzipieller Ablehnung dieses Anspruchs äußeren Zielen des Alltagslebens lienen wollen, — immer muß irgendein Glaube da sein. Sonst astet in der Tat — das ist vöHig richtig — der Fluch kreatürlicher Dichtigkeit auch auf den äußerlich stärksten politischen Erfolgen.
Mit dem Gesagten sind wir schon in der Erörterung des letzten ms heute abend angehenden Problems begriffen: des Ethos der Politik als „Sache". Welchen Beruf kann sie selbst, ganz unab- 54 hängig von ihren Zielen, innerhalb der sittlichen Gesamtökonomie der Lebensführung ausfüllen? Welches ist, sozusagen, der ethische Ort, an dem sie beheimatet ist? Da stoßen nun freilich letzte Welt- anschauungen aufeinander, zwischen denen schließlich gewählt werden muß. Gehen wir resolut an das neuerdings wieder — nach meiner Ansicht in recht verkehrter Ait — aufgerollte Problem heran.
Befreien wir es aber zunächst von einer ganz trivialen Ver- fälschung. Es kann nämlich zunächst die Ethik auftreten in einer sittlich höchst fatalen Rolle. Nehmen wir Beispiele. Sie werden selten finden, daß ein Mann, dessen Liebe sich von einer Frau ab- und einer andern zuwendet, nicht das Bedürfnis empfindet, dies dadurch vor sich selbst zu legitimieren, daß er sagt: sie war meiner Liebe nicht wert, oder sie hat mich enttäuscht, oder was dergleichen „Gründe^' mehr sind. Eine Unritterlichkeit, die zu dem schlichten Schicksal: daß er sie nicht mehr liebt, und daß die Frau das tragen muß, in tiefer Unritterlichkeit sich eine „Legitimität'^ hinzu- dichtet, kraft deren er für sich ein Recht in Anspruch nimmt und zu dem Unglück noch das Unrecht auf sie zu wälzen trachtet. Ganz ebenso verfährt der erfolgreiche erotische Konkurrent: der Gegner muß der wertlosere sein, sonst wäre er nicht unterlegen. Nichts anderes ist es aber selbstverständlich, wenn nach irgendeinem siegreichen Krieg der Sieger in würdeloser Rechthaberei bean- sprucht: ich siegte, denn ich hatte recht. Oder, wenn jemand unter den Fürchterlichkeiten des Krieges seelisch zusammenbricht und nun, anstatt schlicht zu sagen: es war eben zu viel, jetzt das Be- dürfnis empfindet, seine Kriegsmüdigkeit vor sich selbst zu legitimieren, indem er die Empfindung substituiert: ich konnte das deshalb nicht ertragen, weil ich für eine sittlich schlechte Sache fechten mußte. Und ebenso bei dem im Kriege Besiegten. Statt nach alter Weiber Art nach einem Kriege nach dem „Schuldigen" zu suchen, — wo doch die Struktur der Gesellschaft den Krieg erzeugte —, wird jede männliche und herbe Haltung dem Feinde sagen: „Wir verloren den Krieg — ihr habt ihn gewonnen. Das ist nun erledigt: nun laßt uns darüber reden, welche Konsequenzen zu ziehen sind entsprechend den sachlichen Interessen, die im Spiel waren, und — die Hauptsache — angesichts der Verant- 55 ivortung vor der Zukunft, die vor allem den Sieger belastet." ^lles andere ist würdelos und rächt sich. Verletzung ihrer Inter- >ssen verzeiht eine Nation, nicht aber Verletzung ihrer Ehre, am »venigsten eine solche durch pfäf fische Rechthaberei. Jedes neue Dokument, das nach Jahrzehnten ans Licht kommt, läßt das würde- lose Gezeter, den Haß und Zorn wieder aufleben, statt daß der Krieg mit seinem Ende wenigsten sittlich begraben würde. Das st nur durch Sachlichkeit und Ritterlichkeit, vor allem nur: durch iVürde möglich. Nie aber durch eine „Ethik", die in Wahrheit ;ine Würdelosigkeit beider Seiten bedeutet. Anstatt sich um das ;u kümmern, was den Politiker angeht: die Zukunft und die Ver- mtwortung vor ihr, befaßt sie sich mit politisch sterilen, weil un- lustragbaren Fragen der Schuld in der Vergangenheit. Dies zu un, ist politische Schuld, wenn es irgendeine gibt. Und dabei vird überdies die unvermeidliche Verfälschung des ganzen Pro- )lems durch sehr materielle Interessen übersehen: Interessen des Siegers am höchstmöglichen Gewinn — moralischen und mate- iellen —, Hoffnungen des Besiegten darauf, durch Schuldbekennt- lisse Vorteile einzuhandeln: wenn es irgend etwas gibt, was ,gemein" ist, dann dies, und das ist die Folge dieser Art von Benutzung der „Ethik" als Mittel des „Rechthabens".
Wie steht es denn aber mit der wirklichen Beziehung zwischen Ethik und Politik? Haben sie, wie man gelegentlich gesagt hat, ;ar nichts miteinander zu tun? Oder ist es umgekehrt richtig, daß ,dieselbe" Ethik für das politische Handeln wie für jedes andere ;elte? Man hat zuweilen geglaubt, zwischen diesen beiden Be- lauptungen bestehe eine ausschheßliche Alternative; entweder die jine oder die andere sei richtig. Aber ist es denn wahr: daß für erotische und geschäftliche, familiäre und amtliche Beziehungen, ■ür die Beziehungen zu Ehefrau, Gemüsefrau, Sohn, Konkur- enten, Freund, Angeklagten die inhaltlich gleichen Gebote ^on irgendeiner Ethik der Welt aufgestellt werden könnten? sollte es wirklich für die ethischen Anforderungen an die Politik o gleichgültig sein, daß diese mit einem sehr spezifischen Mittel: Vlacht, hinter der Gewaltsamkeit steht, arbeitet? Sehen wir licht, daß die bolschewistischen und spartakistischen Ideologen, ;ben weil sie dieses Mittel der Politik anwenden, genau die gleichen Resultate herbeiführen wie irgendein militaristischer Diktator? Wodurch als eben durch die Person der Gewalthaber und ihren Dilettantismus unterscheidet sich die Herrschaft der Arbeiter- und Soldatenräte von der eines behebigen Machthabers des alten Regimes? Wodurch die Polemik der meisten Vertreter der vermeintlich neuen Ethik selbst gegen die von ihnen kritisierten Gegner von der irgendwelcher anderer Demagogen? Durch die edle Absicht! wird gesagt werden, Gut, Aber das Mittel ist es, wovon hier die Rede ist, und den Adel ihrer letzten Absichten nehmen die befehdeten Gegner mit voller subjektiver Wirklich- keit gan^ ebenso für sich in Anspruch.,,Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen/' und Kampf ist überall Kampf. Also: — die Ethik der Bergpredigt? Mit der Berg- predigt — gemeint ist: die absolute Ethik des Evangeliums — ist es eine ernstere Sache, als die glauben, die diese Gebote gern zitieren. Mit ihr ist nicht zu spaßen. Von ihr gilt, was man von der Kausalität in der Wissenschaft gesagt hat: sie ist kein Fiaker, den man beliebig halten lassen kann, um nach Befinden ein- und auszusteigen. Sondern: ganz oder gar nicht, das gerade ist ihr Sinn, wenn etwas anderes als Trivialitäten herauskommen soll.
Also z. B.: der reiche Jüngling: „er aber ging traurig davon, denn er hatte viele Güter''. Das evangelische Gebot ist unbedingt und eindeutig: gib her, was du hast — alles, schlechthin. Der Politiker wird sagen: eine sozial sinnlose Zumutung, solange es nicht für alle durchgesetzt wird. Also: Besteuerung, Wegsteuerung, Kon- fiskation, — mit einem Wort: Zwang und Ordnung gegen alle. Das ethische Gebot aber fragt darnach gar nicht, das ist sein Wesen. Oder: „hake den anderen Backen hin!" Unbedingt, ohne zu fragen, wieso es dem andern zukommt, zu schlagen. Eine Ethik der Würdelosigkeit — außer: für einen Heihgen. Das ist es: man muß ein Heiliger sein in allem, zum mindesten dem Wollen nach, muß leben wie Jesus, die Apostel, der heilige Franz und seines- gleichen, dann ist die Ethik sinnvoll und Ausdruck einer Würde* Sonst nicht. Denn wenn es in Konsequenz der akosmistischen Liebesethik heißt: „dem Übel nicht widerstehen mit Gewalt", — so gilt für den Politiker umgekehrt der Satz: du sollst dem Übel gewaltsam widerstehen, sonst — bist du für seine Überhandnähme I 57 /erantwortlich. Wer nach der Ethik des Evangeh'ums handeln will, der enthalte sich der Streiks — denn sie sind: Zwang und yehe in die gelben Gewerkschaften. Er rede aber vor allen Dingen licht von,,Revolution'\ Denn jene Ethik will doch wohl nicht ehren: daß gerade der Bürgerkrieg der einzig legitime Krieg sei. Der nach dem Evangelium handelnde Pazifist wird die Waffen iblehnen oder fortwerfen, wie es in Deutschland empfohlen wurde, ils ethische Pflicht, um dem Krieg und damit: jedem Krieg, ein Snde zu machen. Der Politiker wird sagen: das ein2;ig sichere Wittel, den Krieg für alle absehbare Zeit zu diskretieren, wäre ;in status-quo-Friede gewesen. Dann hätten sich die Völker ge- ragt: wozu war der Krieg? Er wäre ad absurdum geführt gewesen, - was jetzt nicht möglich ist. Denn für die Sieger — mindestens ür einen Teil von ihnen — wird er sich politisch rentiert haben. Jnd dafür ist jenes Verhalten verantwortlich, das uns jeden Wider- itand unmöglich machte. Nun wird — wenn die Ermattungs- poche vorbei sein wird — der Frieden diskreditiert sein, licht der Krieg: eine Folge der absoluten Ethik.
Endlich: die Wahrheitspflicht. Sie ist für die absolute Ethik mbedingt. Also, hat man gefolgert: Publikation aller, vor allem ler das eigne Land belastenden Dokumente und auf Grund dieser ;inseitigen Publikation: Schuldbekenntnis, einseitig, bedingungs- os, ohne Rücksicht auf die Folgen. Der Politiker wird finden, laß im Erfolg dadurch die Wahrheit nicht gefördert, sondern durch v^ißbrauch und Entfesselung von Leidenschaft sicher verdunkelt vird; daß nur eine allseitige planmäßige Feststellung durch Un- )arteiische Frucht bringen könnte, jedes andere Vorgehen für die Nation, die derartig verfährt, Folgen haben kann, die in Jahrzehnten licht wieder gut zu machen sind. Aber nach „Folgen'* fragt eben he absolute Ethik nicht.
Da Hegt der entscheidende Punkt. Wir müssen uns klar machen, laß alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen :ann: es kann „gesinnungsethisch'' oder „verantwortungsethisch" )rientiert sein. Nicht daß Gesinnungsethik mit Verantwortungs- osigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch ^äre. Davon ist natürlich keine Rede» Aber es ist ein abgrundtiefer 58 Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt — religiös geredet —:,,der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim'', oder unter der verantwortungsethischen: daß man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzu- kommen hat, Sie mögen einem überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten noch so überzeugend darlegen: daß die Folgen seines Tuns die Steigerung der Chancen der Reaktion, gesteigerte Bedrückung seiner Klasse, Hemmung ihres Aufstiegs sein werden, — und es wird auf ihn gar keinen Eindruck machen. Wenn die Folgen einer aus reiner Gesinnung fließenden Handlung üble sind, so gilt ihm nicht der Handelnde, sondern die Welt dafür verantwortlich, die Dummheit der anderen Menschen oder — der Wille des Gottes, der sie so schuf. Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, — er hat, wie Fichte richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet. „Verantwortlich^^ fühlt sich der Ge- sinnungsethiker nur dafür, daß die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme z. B. des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen, ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irratio- nalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.
Aber auch damit ist das Problem noch nicht zu Ende. Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, daß die Erreichung „guter" Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, daß man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Neben- erfolge mit in den Kauf nimmt, und keine Ethik der Welt kann ergeben: wann und in welchem Umfang der ethisch gute Zweck die ethisch gefährlichen Mittel und Nebenerfolge „heiligt"., Für die Politik ist das entscheidende Mittel: die Gewaltsam- keit, und wie groß die Tragweite der Spannung zwischen Mittel und Zweck, ethisch angesehen, ist, mögen Sie daraus entnehmen, daß, wie jedermann weiß, sich die revolutionären Sozialisten 59 59 [Zimmerwalder Richtung) schon während des Krieges zu dem Prinzip bekannten, welches man dahin prägnant formuheren konnte:,,Wenn wir vor der Wahl stehen, entweder noch einige Jahre Krieg und dann Revolution oder jetzt Friede und keine Revolution, so wählen wir noch: einige Jahre Krieg!'* Auf die tveitere Frage: „Was kann diese Revohution mit sich bringen?" iVÜrde jeder wissenschaftlich geschulte Sozialist geantwortet haben: iaß von einem Übergang zu einer Wirtschaft, die man sozialistisch nennen könne in seinem Sinne, keine Rede sei, sondern daß ^ben wieder eine Bourgeoisiewirtschaft entstehen würde, die nur lie feudalen Elemente und dynastischen Reste abgestreift haben könnte* — Für dies bescheidene Resultat also: „noch einige Jahre JCrieg'M Man wird doch wohl sagen dürfen, daß man hier auch )ei sehr handfest sozialistischer Überzeugung den Zweck ablehnen [önne, der derartige Mittel erfordert. Beim Bolschewismus und >partakismus, überhaupt bei jeder Art von revolutionärem Sozia- ismus, liegt aber die Sache genau ebenso, und es ist natürlich lochst lächerlich, wenn von dieser Seite die „Gewaltpolitiker'* ies alten Regimes wegen der Anwendung des gleichen Mittels litt lieh verworfen werden, — so durchaus berechtigt die Ab- ehnung ihrer Ziele sein mag.
Hier, an diesem Problem der Heiligung der Mittel durch den nweck, scheint nun auch die Gesinnungsethik überhaupt scheitern ;u müssen. Und in der Tat hat sie logischerweise nur die Möglich- icit: jedes Handeln, welches sittlich gefährliche Mittel anwendet, ;u verwerfen. Logischerweise. In der Welt der Realitäten machen vir freilich stets erneut die Erfahrung, daß der Gesinnungsethiker )lötzlich umschlägt in den chiliastischen Propheten, daß z. B. die- enigen, die soeben „Liebe gegen Gewalt" gepredigt haben, im lächsten Augenblick zur Gewalt aufrufen, — zur letzten Gewalt, lie dann den Zustand der Vernichtung aller Gewaltsamkeit )ringen würde, — v/ie unsere Militärs den Soldaten bei jeder Offen- live sagten: es sei die letzte, sie werde den Sieg und dann den j^rieden bringen. Der Gesinnungsethiker erträgt die ethische [rrationalität der Welt nicht. Er ist kosmisch- ethischer „Ratio- nalist". Sie erinnern sich, jeder von Ihnen, der Dostojewski kennt, der Szene mit dem Großinquisitor, wo das Problem treffend aus- 60 einandergelegt ist. Es ist nicht möglich, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik unter einen Hut zu bringen oder ethisch zu dekretieren: welcher Zweck welches Mittel heiligen solle, wenn man diesem Prin2;ip überhaupt irgendwelche Konzessionen macht.
Der von mir der zweifellosen Lauterkeit seiner Gesinnung nach persönlich hochgeschätzte, als Politiker freilich unbedingt ab- gelehnte Kollege F. W. Förster glaubt in seinem Buche um die Schwierigkeit herumzukommen durch die einfache These: aus Gutem kann nur Gutes, aus Bösem nur Böses folgen. Dann existierte freilich diese ganze Problematik nicht. Aber es ist doch erstaunlich, daß 2500 Jahre nach den Upanischaden eine solche These noch das Licht der Welt erblicken konnte. Nicht nur der ganze Verlauf der Weltgeschichte, sondern jede rückhaltlose Prüfung der Alltags- erfahrung sagt ja das Gegenteil. Die Entwicklung aller Religionen der Erde beruht darauf, daß das Gegenteil wahr ist. Das uralte Problem der Theodicee ist ja die Frage: Wie kommt es, daß eine Macht, die als zugleich allmächtig und gütig hingestellt wird, eine derartig irrationale Welt des unverdienten Leidens, des ungestraften Unrechts und der unverbesserlichen Dummheit hat erschaffen können. Entweder ist sie das eine nicht oder das andere nicht, oder es regieren gänzlich andere Ausgleichs- und Vergel- tungsprinzipien das Leben, solche, die wir metaphysisch deuten können oder auch solche, die unserer Deutung für immer ent- zogen sind. Dies Problem: die Erfahrung von der Irrationalität der Welt war ja die treibende Kraft aller Rehgionsentwicklung. Die indische Karmanlehre und der persische Dualismus, die Erb- sünde, die Prädestination und der Deus absconditus sind alle aus dieser Erfahrung herausgewachsen. Auch die alten Christen wußten sehr genau, daß die Welt von Dämonen regiert sei, und daß, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit als Mitteln, sich einläßt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und daß für sein Handeln es nicht wahr ist: daß aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil. Wer das nicht sieht, ist in der Tat politisch ein Kind.
Die religiöse Ethik hat sich mit der Tatsache, daß wir in ver- I 61 schiedene, untereinander verschiedenen Gesetzen unterstehende Lebensordnungen hineingestellt sind, verschieden abgefunden. Der hellenische Polytheismus opferte der Aphrodite ebenso wie der Hera, dem Dionysos wie dem Apollon und wußte: sie lagen untereinander nicht selten im Streit. Die hinduistische Lebens- ordnung machte jeden der verschiedenen Berufe zum Gegen- stand eines besonderen ethischen Gesetzes, eines Dharma, und schied sie kastenmäßig für immer voneinander, stellte sie dabei in eine feste Ranghierarchie, aus der es für den Hieringeborenen kein Entrinnen gab, außer in der Wiedergeburt im nächsten Leben und stellte sie dadurch in verschieden große Distanz zu den höchsten religiösen Heilsgütern. So war es ihr möglich, das Dharma jeder einzelnen Kaste, von den Asketen und Brahmanen bis zu den Spitz- Duben und Dirnen, den immanenten Eigengesetzlichkeiten des Berufs entsprechend auszubauen. Darunter auch Krieg und Politik. Die Einordnung des Krieges in die Gesamtheit der Lebensord- lungen finden Sie vollzogen im Bhagavadgita, in der Unterredung wschen Krischna und Arduna.,,Tue das notwendige*' — d. h. das nach dem Dharma der Kriegerkaste und ihren Regeln pflicht- rüßige, dem Kriegszweck entsprechend sachlich notwendige — ,Werk**: das schädigt das religiöse Heil nach diesem Glauben licht, sondern dient ihm. Indras Himmel war dem indischen fCrieger beim Heldentod von jeher ebenso sicher wie Walhall dem jermanen* Nirwana aber hätte jener ebenso verschmäht, wie lieser das christliche Paradies mit seinen Engelchören. Diese Spezialisierung der Ethik ermöglichte der indischen Ethik eine Gänzlich ungebrochene, nur den Eigengesetzen der Politik folgende, a diese radikal steigernde Behandlung dieser königlichen Kunst. 3er wirklich radikale „Macchiavellismus'* im populären Sinn lieses Wortes ist in der indischen Literatur im Kautaliya Artha- jastra, (lange vorchristlich, angeblich aus Tschandva-guptas Zeit), dassisch vertreten; dagegen ist Macchiavellis „Principe*' harmlos, [n der katholischen Ethik, der Professor Förster sonst nahesteht, ;ind bekanntlich die „consilia evangelica" eine Sonderethik für iie mit dem Charisma des heiligen Lebens begabten. Da steht leben dem Mönch, der kein Blut vergießen und keinen Erwerb suchen darf, der fromme Ritter und Bürger, die, der eine dies.
62 der andere jenes, dürfen. Die Abstufung der Ethik und ihre Ein- fügung in einen Organismus der Heilslehre ist minder konsequent als in Indien, mußte und durfte dies auch nach den christlichen Glaubensvorausset^ungen sein. Die erbsündliche Verderbtheit der Welt gestattete eine Einfügung der Gewaltsamkeit in die Ethik als Zuchtmittel gegen die Sünde und die seelengefährdenden Ketzer relativ leicht. — Die rein gesinnungsethischen, akosmistischen Forderungen der Bergpredigt aber und das darauf ruhende reli- giöse Naturrecht als absolute Forderung behielten ihre revolutio- nierende Gewalt und traten in fast allen Zeiten sozialer Erschütte- rung mit elementarer Wucht auf den Plan. Sie schufen insbesondere die radikal-pazifistischen Sekten, deren eine in Pennsylvanien das Experiment eines nach außen gewaltlosen Staatswesens machte, — tragisch in seinem Verlauf insofern, als die Quäker, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, für ihre Ideale, die er vertrat, nicht mit der Waffe eintreten konnten. — Der normale Pro- testantismus dagegen legitimierte den Staat, also: das Mittel der Gewaltsamkeit als göttliche Einrichtung absolut und den legi- timen Obrigkeitsstaat insbesondere. Die ethische Verantwortung für den Krieg nahm Luther dem einzelnen ab und wälzte sie auf die Obrigkeit, der zu gehorchen in anderen Dingen als Glaubens- sachen niemals schuldhaft sein konnte. Der Kalvinismus wieder kannte prinzipiell die Gewalt als Mittel der Glaubensverteidigung, also den Glaubenskrieg, der im Islam von Anfang an Lebenselement war. Man sieht: es ist durchaus nicht moderner, aus dem Heroen- kult der Renaissance geborener Unglaube, der das Problem der politischen Ethik aufwirft. Alle Religionen haben damit gerungen, mit höchst verschiedenem Erfolg, — und nach dem Gesagten konnte es auch nicht anders sein. Das spezifische Mittel der legi- timen Gewaltsamkeit rein als solches in der Hand menschlicher Verbände ist es, was die Besonderheit aller ethischen Probleme der Politik bedingt.
Wer immer mit diesem Mittel paktiert, zu welchen Zwecken immer — und jeder Politiker tut das —, der ist seinen spezifischen Konsequenzen ausgeliefert. In besonders hohem Maß ist es der Glaubenskämpfer, der religiöse wie der revolutionäre. Nehmen wir getrost die Gegenwart als Beispiel an. Wer die absolute Ge- 63 rechtigkeit auf Erden mit Gewalt herstellen will, der bedarf dazu der Gefolgschaft: des menschlichen,, Apparates". Diesem muß er die nötigen inneren und äußeren Prämien — himmlischen oder irdischen Lohn — in Aussicht stellen, sonst funktioniert er nicht. Also innere: unter der Bedingung des modernen Klassenkampfes Befriedigung des Hasses und der Rachsucht, vor allem: des Ressen- timents und des Bedürfnisses nach pseudoethischer Rechthaberei, also des Verlästerungs- und Verketzerungsbedürfnisses gegen die Gegner. Äußere: Abenteuer, Sieg, Beute, Macht und Pfründen. Von dem Funktionieren dieses seines Apparates ist der Führer in seinem Erfolg völlig abhängig. Daher auch von dessen — nicht: von seinen eigenen — Motiven. Davon also, daß der Gefolg- schaft: der roten Garde, den Spit2;eln, den Agitatoren, die er be- darf, jene Prämien dauernd gewährt werden können. Was er unter solchen Bedingungen seines Wirkens tatsächlich erreicht, steht daher nicht in seiner Hand, sondern ist ihm vorgeschrieben durch jene ethisch überwiegend gemeinen Motive des Handelns seiner Gefolgschaft, die nur im Zaum gehalten werden, solange ehrlicher Glaube an seine Person und seine Sache wenigstens einen Teil der Genossenschaft: wohl nie auf Erden auch nur die Mehr2;ahl, beseelt. Aber nicht nur ist dieser Glaube, auch wo er subjektiv ehrlich ist, in einem sehr großen Teil der Fälle in Wahrheit nur die ethische „Legitimierung'* der Rache-, Macht-, Beute- und Pfründensucht: — darüber lassen wir uns nichts vorreden, denn die materialistische Geschichtsdeutung ist auch kein beliebig zu Desteigender Fiaker und macht vor den Trägern von Revolutionen licht haltl — sondern vor allem: der traditionalistische Alltag kommt nach der emotionalen Revolution, der Glaubensheld und /or allem der Glaube selbst schwindet oder wird — was noch wirk- samer ist — Bestandteil der konventionellen Phrase der politischen Banausen und- Techniker. Diese Entwicklung vollzieht sich gerade )eim Glaubenskampf besonders schnell^ weil er von echten Führern: Propheten der Revolution, geleitet oder inspiriert zu Verden pflegt. Denn wie bei jedem Führerapparat, so auch hier st die Entleerung und Versachlichung, die seelische Proletari- )ierung im Interesse der „Disziplin*', eine der Bedingungen des Erfolges. Die herrschend gewordene Gefolgschaft eines Glaubens-