SigPhi · Moses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

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Der Menſch kann ohne wohlthun nicht glücklich ſeyn; Nicht ohne leidendes, aber eben fo wenig ohne thaͤtiges Wohlthun. Er kann nicht anders, als durch gegenſeitigen Beyſtand, durch Wechſel von Dienſt und Gegendienſt, durch thaͤtige und leidende Verbindung mit ſeinem Nebenmenſchen, vollkommen werden. Wenn alſo der Menſch Güter befiger, oder Mittel zur Gluͤckſeligkeit in ſeinem Vermoͤ⸗ gen hat, die er entbehren kan, d. i die nicht nothwendig zu ſeinem Daſeyn erforderlich ſind, und zu feinen Beſſerſeyn dienen; fo ‚ Kefter Abſchnitt. E i it er verpflichtet, ſolche zum Theil zum Ber ſten ſeines Nebenmenſchen, zum Wohlwol⸗ fen anzuwenden; denn Beſſerſeyn iſt von wohlwollen unzertrennlich. | Er hat aber auch aus ähnlichen Urſachen ein Recht auf ſeines Nebenmenſchen Wohl⸗ wollen. Er kan erwarten, und Anſpruch darauf machen, daß ihm andere mit ihren entbehrlichen Guͤtern beyſtehen, und zu ſei⸗ ner Vollkommenheit befoͤrderlich ſeyn wer⸗ den. Man erinnere ſich nur immer, was wir unter dem Worte Guͤter verſtehen. Alles innere und aͤuſſere Bermögen des Menfchen, in ſo weit es ihm, oder andern, ein Mittel zur Glüͤckſeligkeit werden kann. Was alfo der Menſch im Stande der Natur an Fleiß, Vermoͤgen und Kräften beſitzet; alles, was er Sein nennen kan, iſt Theils zum Selbſt⸗ gebrauch (eigenen Nutzen), Theils zum Wohlwollen gewidmet. Wie aber das Vermoͤgen der Menſchen eingeſchraͤnkt, und alſo erſchoͤpflich iſt; fo kann daſſelbe Vermoͤgen oder Gut zuweilen nicht mir und meinem Nebenmenſchen zu⸗ gleich dienen. So kan ich auch daſſelbe Be Vermoͤgen oder Gut nicht gegen alle meint Nebenmenſchen, nicht zu allen Zeiten, auch nicht unter allen Umſtaͤnden zum Beſten an⸗ wenden; und da ich ſchuldig bin von mei⸗ nen Kräften den beſtmoͤglichſten Gebrauch zu machen; fo koͤmmt es auf die Auswahl und naͤhere Beſtimmung an, wie viel von dem Meinigen ich zum Wohlwollen beſtim⸗ men ſoll'? Gegen wen? zu welcher Zeit, und unter welchen Umſtaͤnden?

Wer ſoll dieſes entſcheiden? wer die Col⸗ liſionsfaͤlle ſchlichten? — Nicht mein Naͤch⸗ ſter; denn ihm find nicht alle Gründe geges ben, aus welchen der Streit der Pflichten entſchieden werden muß. Zu dem wuͤrde jeder andere eben das Recht haben, und wenn von meinen Nebenmenſchen jeder zu feinem Vortheil entſcheiden ſollte, wie wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe geſchehen duͤrfte, ſo waͤre die Verlegenheit nicht gehoben.

Mir, und mir allein, koͤmmt alfo im Stande der Natur das Entſcheidungsrecht zu, ob und wieviel, wenn, wem, und un⸗ ter welchen Bedingungen ich zum Wohlthun verbunden bin? und ich kann im Stande der C 2 Natur Natur durch keine Zwangsmittel, zu kei nerley Zeit, zum Wohlthun angehalten werden. Meine Pflicht wohlzuthun, iſt blos Gewiſſenspflicht, davon ich aͤuſſerlich niemanden Rechenſchaft zu geben habe; ſo wie mein Recht auf anderer Wohlthun, blos ein Recht zu bitten iſt, das abge⸗ wieſen werden kann. — Im Stande der Natur ſind alle poſitive Pflichten der Menſchen gegen einander blos unvollkom⸗ mene Pflichten; ſo wie ihre poſitive Rechte auf einander blos un vollkommene Rechte, keine Pflichten, die erpreßt wer⸗ den koͤnnen, keine Rechte, die Zwang er⸗ laauben. — Blog die Unterlaſſungspflich⸗ ten und Rechte ſind im Stande der Na⸗ tur vollkommen. Ich bin vollkommen derpflichtet, niemanden zu ſchaden, und vollkommen berechtiget, zu verhindern, daß niemand mir ſchade. Schaden aber heißt, wie bekannt, wider das vollkom⸗ mene Recht eines andern handeln.

Man koͤnnte zwar glauben, die pflicht zur Entſchaͤdigung ſey eine poſitive Pflicht, zu der der Menſch auch im Stande der Natur Natur verbunden iſt. Wenn ich meinem Naͤchſten Schaden zugefuͤgt habe, ſo bin ich, ohne allen Vertrag, blos nach den Geſetzen der natuͤrlichen Gerechtigkeit, auch aͤuſſerlich verpflichtet, ihm ſolchen zu erſez⸗ zen, und kann von ihm mit Gewalt dazu angehalten werden. Allein die Entſchaͤdigung iſt zwar eine 903 fitive Handlung; die Verbindlichkeit aber zu derſelben fließet im Grunde aus der Un⸗ terlaſſungspflicht; beleidige nicht! denn der Schaden, den ich meinem Naͤchſten zu⸗ gefuͤgt habe, iſt, fo lange er feiner Wir⸗ kung nach nicht aufgehoben wird, als eine fortgeſetzte Beleidigung anzuſehen. Ich handele alſo eigentlich wider eine negative Pflicht, fo lange ich die Entſchaͤdigung uns terlaſſe; denn ich fahre fort zu beleidigen. Die Entſchaͤdigungspflicht macht alſo keine Ausnahme von der Regel, daß der Menſch im Stande der Natur unabhaͤngig, d. i. niemanden poſitive verpflichtet ſeyp. Nie⸗ mand hat ein Zwangsrecht mir vorzuſchrei⸗ ben, wie viel ich von meinen Kraͤften zum . anderer anwenden, und wem ich die 0 Wohlthat davon angedeien laſſen ſoll.

Auf mein Gutduͤnken allein muß es ankom⸗ men, nach welcher Regel ich die Colliſtons⸗ faͤlle entſcheiden will. | Auch das natürliche Verhaͤltniß zwiſchen Eltern und Kindern iſt dieſem allgemeinen Naturgeſetz nicht zuwider. Es iſt leicht zu erachten, daß nur diejenigen Perſonen im Stande der Natur unabhaͤngig ſind, denen man eine vernunftmaͤßige Entſcheidung der Colliſtonsfaͤlle zutrauen kann. Bevor alſo die Kinder zu den Jahren gelangen, in wel⸗ chen man ihnen den Gebrauch der Ver⸗ nunft zutrauen kann, haben ſie keinen An⸗ ſpruch auf Unabhaͤngigkeit, muͤſſen ſie von andern entſcheiden laſſen, wie und zu wel⸗ chen Abſichten fie ihre Kräfte und Faͤhigkei⸗ ten anwenden ſollen. Die Eltern ſind ihrer Seits auch verbunden, ihre Kinder in der Kunſt die Colliſionsfaͤlle vernuͤnftig zu ent⸗ ſcheiden, nach und nach zu uͤben, und ſo wie ihre Vernunft zunimmt, ihnen auch all⸗ maͤhlig den freien, unabhängigen Gebrauch ihrer Kraͤfte zu uͤberlaſſen.

Nun Nun ſind die Eltern zwar auch im Stans de der Natur gegen ihre Kinder zu gewiſſen Dingen aͤuſſerlich verpflichtet, und koͤnte man glauben, daß dieſes eine poſitive Pflicht ſey, die ohne allen Vertrag, nach den ewi⸗ gen Geſetzen der Weisheit und Guͤte er⸗ zwungen werden koͤnnte. Allein mich duͤnkt, das Zwangsrecht zur Erziehung der Kin⸗ der komme im Stande der Natur blos den Eltern ſelbſt, einem gegen den an⸗ dern, keinem dritten aber zu, der ſich etwa der Kinder annehmen und die Er⸗ ziehung von den Eltern erpreſſen wollte.

Niemand iſt im Stande der Natur be⸗ fſugt, die Eltern zur Erziehung ihrer Kinder mit Gewalt anzuhalten. Daß aber die Eltern ſelbſt gegen einander die⸗ ſes Zwangsrecht haben, fließet aus der Verabredung, die ſie, obſchon nicht in Worten, doch durch die Handlung ſelbſt, getroffen zu haben, vorausgeſetzt wird.

Wer ein zur Gluͤckſeligkeit faͤhiges We⸗ ſen hervorbringen hilft, iſt nach dem Geſetze der Natur verbunden, die Gluͤckſeligkeit . befoͤrdern, fo lange es ſelbſt noch * C4 in Ri en a en -- in dem Stande nicht ift, für fein Fort? kommen zu ſorgen. Dieſes iſt die natuͤr⸗ liche Pflicht der Erziehung, die zwar an ö und fuͤr ſich blos eine Gewiſſenspflicht iſt, durch die Handlung ſelbſt aber haben die Eltern ſich verſtanden, einander hierin beyzuſtehen, d. i. dieſer ihrer Gewiſſens⸗ pflicht gemeinſchaftlich Genuͤge zu leiſten. Mit einem Worte: die Eltern ſind durch die Beywohnung ſelbſt in den Stand der Ehe getreten, haben einen ſtillſchweigen⸗ den Vertrag gemacht, das zur Gluͤckſe⸗ ligkeit beſtimmte Weſen, das ſie gemein⸗ ſchaftlich hervorbringen, auch gemein⸗ ſchaftlich der Gluͤckſeligkeit fähig zu ma⸗ chen, d. i. zu erziehen.

Aus dieſem Grundſatze fließen alle Pflich⸗ ten und Rechte des Eheſtandes ganz natuͤr⸗ lich, und es iſt nicht noͤthig, wie die Rechts ⸗ lehrer zu thun pflegen, ein doppeltes Prin⸗ cipium anzunehmen, um alle Pflichten der Ehe und des Hausſtandes aus demſelben herzuleiten. Die Pflicht zur Erziehung folgt aus der Verabredung, Kinder zu erzeugen, und die Schuldigkeit in einen gemeinſchaft lichen 1 lichen Hausſtand zu treten, aus der ge meinſchaftlichen Pflicht zur Erziehung. Die Ehe iſt alſo im Grunde nichts anders, als eine Verabredung zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts, gemeinſchaftlich Kinder zur Welt zu bringen; und hierauf beruhet das ganze Syſtem ihrer gegenſei⸗ tigen Pflichten und Rechte). Daß aber a C 5 die „) Wenn Subjekte von verſchiedenen Religionen in ein Ehebuͤndniß treten; ſo wird beym Contrakte verabredet, nach welchen Grundſaͤtzen der Haus⸗ ſtand geführt, und die Kinder erjogen werden ſol⸗ len. Wie aber, wenn Mann oder Weib nach voll⸗ iogner Heurath, Grundſaͤtze ändern, und zu einer andern Religion uͤbergehen? giebt dieſes der an⸗ dern Partei ein Recht auf die Scheidung zu drin⸗ gen? In einer kleinen Schrift, T) die zu Wien geſchrieben ſeyn will, und deren ich in dem zwei⸗ ten Abſchnitte mit mehrerem zu erwaͤhnen, Gele⸗ genheit haben werde, wird geſagt, daß der Fall itzt daſelbſt vorliege. Ein Jude, der zur chriſtli⸗ ei Religion übergegangen, fol ausdrücklich bes. * 5 gehren, 10 Das Forſchen nach Licht und Necht. Berlin, den Friederich Maurer, 1782. | .

die Menſchen durch Verabredung den Stand der Natur verlaſſen, und in den Stand der a | Geſell⸗ gehren, ſeine bey der juͤdiſchen Religion gebliebene Ehefrau zu behalten, und der Prozeß ſoll anhaͤngig gemacht ſeyn. Genannter Verfaſſer entſcheidet nach dem Syſtem der Freyheit. „Man vermuthet „mit Recht, ſpricht er, daß die Verſchiedenheit „ der Religion für keine gültige Urſache zur Eher „ ſcheidung erkannt werden werde. Nach den „Grundſaͤtzen des weiſen Joſephs, dürfte wohl „ Unterſchied in kirchlichen Meinungen nicht geſell⸗ „ſchaftlichen Banden entgegen ſtehen dürfen. “ Sehr übereilt, wie mich duͤnkt. Ich hoffe, ein eben ſo gerechter als weiſer Imperator wird auch die Gegengruͤnde anhören, und nicht zugeben, daß das Syſtem der Freyheit zur Bedruckung und Gewaltthaͤtigkeit gemißbraucht werde. — Iſt die Ehe blos ein bürgerlicher. Contrakt, wie doch zwi⸗ ſchen Jude und Juͤdinn, ſelbſt nach katholiſchen Grundſaͤtzen, die Ehe nichts anders ſeyn kann; ſo muͤſſen die Worte und Bedingen des Contrakts nach dem Sinne der Contrahenten ausgelegt und erklaͤrt werden, nicht nach dem Sinne des Geſetz⸗ gebers oder Richters. Wenn nach den Grundfägen der Contrahenten mit Zuverlaͤſſigkeit behauptet werden kann, daß ſie gewiſſe Worte ſo, und nicht ö anders Geſellſchaft treten, wird in der Folge ges zeigt werden. Mithin iſt auch die Erzie⸗ a | hungs⸗ anders verſtanden, und wenn ſie gefragt worden ‚wären, fo und nicht anders erklaͤrt haben würden;. ſo muß dieſe moraliſch gewiſſe Erklaͤrung, als eine ſtillſchweigende, vorausgeſetzte Bedingung des Eon: trakts angenommen, vor Gericht eben ſo guͤltig ſeyn, als wenn fie ausdrücklich verabredet worden wäre. Nun iſt offenbar, daß das Ehepaar bey, Schließung des Contrakts, da ſie beiderſeits, we⸗ nigſtens aͤuſſerlich, noch der juͤdiſchen Religion zu⸗ gethan geweſen, keinen andern Sinn gehabt, als den gemeinſchaftlichen Hausſtand nach juͤdiſchen Le⸗ bensregeln zu führen, und die Kinder nach juͤdi⸗ ſchen Grundſaͤtzeu zu erziehen. Wenigſtens hat die Partey, der es um die Religion ein Ernſt war, nichts anders voraus ſetzen koͤnnen, und waͤre da⸗ mals eine Veraͤnderung von dieſer Art beſorglich geweſen, und die Bedingung zur Sprache gekom- men, fie wurde ſich ficherlich nicht anders erklaͤrt haben. Sie wußte und erwartete nichts anders, als einen Hausſtand nach vaͤterlichen Lebensregeln anzutreten, und Kinder zu erzeugen, die ſie nach väterlichen Grundfägen wuͤrde erziehen koͤnnen. Wenn dieſer Perſon der Unterſchied wichtig iſt, wenn es notoriſch iſt, daß ihr der Unterſchied der ö Religion ‘ ö Religion ‘ 8 hungspflicht der Eltern, ob fie ſchon in ge⸗ wiſſer Betrachtung eine Zwangspflicht zu ö. nen⸗ Religion bey Schließung des Contrakts hat wich⸗ tig ſeyn muͤſſen; ſo muß der Contrakt nach ihren Begriffen und Geſinnungen erklaͤrt werden. Ge⸗ fest der ganze Staat habe hierin andre Geſinnun⸗ gen; ſo hat dieſes keinen Einfluß auf die Deutung des Vertrages. Der Mann veraͤndert Grundſaͤtze, und nimmt eine andre Religion an. Soll die Frau gezwungen werden, in einen Hausſtand zu treten, dem ihr Gewiſſen zuwider iſt, und ihre Kinder nach Grundfägen zu erziehen, die nicht die Ihrigen finds mit einem Worte, Bedingungen des Ehekontrakts anzunehmen, und ſich aufdringen zu laſſen, zuwel⸗ chen ſie ſich niemals verſtanden hat; ſo geſchiehet ihr offenbar Unrecht; fo laßt man ſich offenbar, darch Vorſpiegelung der Gewiſſens freyheit zum widerſinnigſten Gewiſſens:wange verleiten. Die Bedingungen des Contrakts koͤnnen nun nicht mehr erfüllt werden. Der Mann, der Grundſaͤtze vers ändert hat, iſt, wo nicht in dolo, doch wenigſtens in culpa, daß ſolche nicht mehr in Erfüllung gebracht werden koͤnnen. Muß die Frau Gewiſſenszwang lei⸗ den, weil der Mann Gewiſſens freiheit haben will? Wo hat ſie ſich hierzu verſtanden, oder verſtehen konnen? Iſt nicht auch von ihrer Seite das Ges. wiſſen ungebunden, und muß die Partey, welche die — — nennen iſt, keine Ausnahme von dem ans. gefuͤhrten Naturgeſetz, daß der Menſch im Stande der Natur unabhaͤngig ſey, und ihm allein das Recht zukomme, die Colliſions⸗ fälle zwiſchen Selbſtgebrauch und Wohls wollen zu entſcheiden.

In dieſem Rechte beſtehet die natuͤrliche Freyheit des Menſchen, die einen großen Theil ſeiner Gluͤckſeligkeit ausmacht. Die Unabhängigkeit gehört alſo zu ſeinen eigen⸗ tuͤmlichen Guͤtern, deren er ſich, als Mit⸗ j tel „die Veränderung verurſacht hat, nicht auch für die Folgen diefer Veränderung ſtehen, den Gegen⸗ theil ſchadlos halten, und ſo viel es ſich thun laͤßt, wieder in den vorigen Stand ſetzen? Mich duͤnkt nichts ſey einfacher, und die Sache rede fuͤr ſich ſelber. Niemand kann gezwungen werden, Ber dingungen eines Contrakts anzunehmen, zu wel⸗ chen er ſich, ſeinen Grundſaͤtzen nach, nicht hat ver⸗ ſtehen koͤnnen.

An Erziehung der gemeinſchaftlichen Kinder haben beide Theile gleiches Recht. Haͤtten wir unparteyiſche Erziehungsanſtalten; ſo muͤß ten in ſolchen ſtreitigen Faͤllen die Kinder ſo lange un⸗ parteyiſch eriogen werden, bis fie zur Vernunft Tom.

7 tel zu feiner Gluͤckſeligkeit zu bedienen be⸗ fugt iſt, und wer ihn in dem. Gebrauch der⸗ ſelben ſtoͤhret, der beleidiget ihn, und be⸗ gehet eine aͤuſſerliche Ungerechtigkeit. Der Menſch im Stande der Natur iſt Herr uͤber das Seinige, uͤber den freien Gebrauch ſei⸗ ner Kraͤfte und Faͤhigkeiten, uͤber den freien Gebrauch alles deſſen, ſo er durch dieſelben hervorgebracht, (d. i. der Fruͤchte ſeines Fleißes) oder mit den Fruͤchten ſeines Flei⸗ ßes auf eine unzertrennliche Weiſe verbun⸗ den hat, und es haͤnget von ihm ab, wie 3 viel, kommen, und ſelbſt waͤhlen. So lange aber da⸗ fuͤr noch nicht geſorgt worden; ſo lange noch un⸗ fere Erziehungsanſtalten mit der poſitiven Religion in Verbindung ſtehen, hat derjenige Theil ein offenbares Vorrecht, der bei den vorigen Grund⸗ ſaͤtzen geblieben iſt, und ſolche nicht verändert hat. Auch dieſes folgt ganz natuͤrlich aus obigen Grundſaͤtzen, und es iſt gewaltſame Anmaßung und Religionsdruck, wenn irgendwo das Gegen theil geſchiehet. Ein eben fo gerechter als weiſer Joſeph wird ſicherlich dieſen gewaltſamen Mis⸗ brauch der Kirchenmacht in ſeinen Staaten nicht zulaſſen. 5 viel, wenn und zum Beſten weſſen von ſei⸗ nen Nebenmenſchen er einiges von dieſen Guͤtern, das ihm entbehrlich iſt, ablaſſen will. Alle ſeine Nebenmenſchen haben blos auf ſeinen Ueberfluß ein unvollkommenes Recht, ein Recht zu bitten, und er, der unumſchraͤnkte Herr traͤgt die Gewiſſens⸗ pflicht, einen Theil ſeiner Guͤter dem Wohl⸗ wollen zu widmen; ja bisweilen iſt er ver⸗ bunden, ſeinen Eigengebrauch ſo gar dem Wohlwollen aufzuopfern; in ſo weit die Ausuͤbung des Wohlwollens gluͤcklicher macht, als Eigennutz. Nur muß dieſe Aufopferung eigenes Willens und aus freiem Triebe geſchehen. Alles dieſes ſchei⸗ net keinen Zweifel mehr zu leiden. Allein ich thue einen Schritt weiter.

Sobald dieſer Unabhaͤngige einmal ein Urtheil gefaͤllt hat; fo muß es gültig ſeyn.

Habe ich im Stande der Natur den Fall entſchieden, wem, wenn und wie viel ich von dem Meinigen uͤberlaſſen will; habe ich dieſen meinen freien Entſchluß hinlaͤng⸗ lich zu erkennen gegeben, und mein Naͤch⸗ ſter, dem zum Beſten der Ausſpruch gez N ſchehen, ſchehen, hat das Gut in Empfang genom⸗ men; ſo muß die Handlung Kraft und Wuͤr⸗ kung haben, wenn mein Entſcheidungs⸗ recht etwas bedeuten ſoll. Wenn mein Ausſpruch unkraͤftig iſt, und die Sachen ſo laͤßt, wie ſie geweſen ſind; wenn er nicht in Anſehung des Rechts diejenige Veraͤn⸗ derung hervorbringet, die ich beſchloſſen; fo enthält mein vermeintes Recht den Aus⸗ ſpruch zu thun, einen offenbaren Wider⸗ ſpruch. Meine Entſcheidung muß alſo wir⸗ ken, muß den Zuſtand des Rechts veraͤn⸗ dern. Das Gut, wovon die Rede iſt, muß aufhoͤren das Meine zu ſeyn, und nunmehr wirklich meines Naͤchſten geworden ſeyn. Das vorhin unvollkommen geweſene Recht meines Naͤchſten muß durch dieſe Hand⸗ lung ein vollkommenes Recht geworden; ſo wie mein vollkommen geweſenes Recht in ein un vollkommenes übergegangen ſeyn; ſonſt waͤre meine Entſcheidung null. Nach vollzogener Handlung alſo kann ich das abgetretene Gut, ohne Ungerechtigkeit, mir nicht mehr anmaßen; und wenn ich es thue, ſo beleidige ich; ſo han⸗ dele . Kr dele ich wider das vollkommene Recht meines Naͤchſten. | Dieſes gilt ſowohl von körperlichen be⸗ weglichen Guͤtern, die von Hand in Hand gegeben und angenommen werden koͤnnen, als von unbeweglichen, oder auch geiſti⸗ gen Gütern, davon die Rechte blos durch hinlaͤngliche Willenserklaͤrung abgetreten und angenommen werden koͤnnen. Im Grunde koͤmmt alles blos auf dieſe Wil⸗ lenserklaͤrung an, und die wirkliche Ein⸗ haͤndigung beweglicher Guͤter ſelbſt kann nur guͤltig ſeyn, in ſo weit ſie fuͤr ein Zei⸗ chen der hinlaͤnglichen Willens erklaͤrung genommen wird. Die bloße Einhaͤndigung an und fuͤr ſich betrachtet, giebt und nimmt kein Recht, fo oft dieſe Abſicht Mche damit verbunden iſt. Was ich meinem Naͤchſten in die Hand gebe, habe ich ihm deswegen noch nicht eingehaͤndiget, und was ich von ihm in die Hand nehme, habe ich da⸗ mit noch nicht rechtskraͤftig angenommen, wenn ich nicht zu erkennen gegeben, daß die Handlung in dieſer Abſicht geſchehen ſey. Iſt aber die Tradition es blos als Erſter Abſchnitt. D 8 Zei Zeichen gültig; fo koͤnnen bey foldhen Guͤ⸗ tern, wo die wirkliche Aushaͤndigung nicht Statt findet, andere bedeutende Zeichen dafuͤr genommen werden. Man kann alſo ſein Recht anf unbewegliche oder auch un⸗ koͤrperliche Guͤter durch hinlaͤnglich ver⸗ ſtaͤndliche Zeichen andern Be und über; loffen.

Auf dieſe Weife kann das Eigentum von Perſon zu Perſon wandern. Was ich durch meinen Fleiß zu dem Meinigen gemacht, wird durch Abtreten das Gut eines An⸗ dern, das ich ihm nicht wieder nehmen kann, ohne eine e zu be⸗ gehen.

Und nun noch einen Schritt Ha) ſo fiehe®bie Gultigkeit der Verträge auf ſiche⸗ ren Fuͤßen. — Das Recht, die Colli⸗ ſionsfaͤlle zu entſcheiden, ſelbſt iſt, wie oben gezeigt worden, ein unkoͤrperliches Gut des unabhaͤngigen Menſchen; in ſo weit es ein Mittel zu ſeiner Gluͤckſeligkeit werden kann. Jeder Menſch hat im Stande der Natur auf den Genuß dieſes Mittels zur Gluͤckſeligkeit ein vollkommenes, und ſein Neben⸗ * D Sn — Neben⸗ * D Sn — Nebenmenſch ein unvollkommenes Recht. Da aber der Genuß dieſes Rechts wenig⸗ ſtens in vielen Faͤllen zur Erhaltung nicht unumgaͤnglich nothwendig iſt; fo iſt es ein entbehrliches Gut, das, vermoͤge des Er⸗ wieſenen, abgetreten, und vermittelſt einer hinlaͤnglichen Willenserklaͤrung einem Ars dern uͤberlaſſen werden kann. Eine Hands lung, wodurch dieſes geſchiehet, heiße ein ö Verſprechen und wenn von der andern Seite die Annahme hinzukoͤmmt, d. i. die Einwilligung in dieſes Uebertragen der Rechte hinlaͤnglich zu erkennen gegeben wird; fo entſtehet ein vertrag. Demnach ift ein Vertrag nichts anders, als von der einen Seite die Ueberlaſſung, und von der. andern Seite, die Annahme des Rechts, in Abſicht auf gewiſſe, dem Verſprecher entbehrliche Güter, die Colliſionsfaͤlle zu entſcheiden.

Ein ſolcher Vertrag muß, vermoͤge des vorhin Erwieſenen, gehalten werden. Das Entſcheidungsrecht, welches vorhin einen Theil meiner Güter ausmachte, d. i. das Meine war, iſt durch dieſe Abtretung das “ D 2 Gut Wut meines Nächſten, das Seine gewors den, und ich kaun es ihm, ohne Beleidi⸗ digung nicht wieder entziehen. Den An⸗ ſpruch, den er auf den Gebrauch dieſer meiner Unabhaͤngigkeit, in ſo weit ſie nicht zu meiner Erhaltung nothwendig iſt, ſo wie jeder andere machen konnte, iſt durch dieſe Handlung in ein vollkommnes Recht uͤber⸗ gegangen, das er ſich mit Gewalt zu er⸗ zwingen befugt iſt. Dieſer Erfolg iſt un⸗ ſtreitig; ſobald mein Entſcheidungsrecht Kraft und Wirkung haben foll — *) Ich & Auf diefe ſehr einleuchtende Auseinanderſetzung der Begriffe bin ic von dem philoſophiſchen Rechts⸗ gelehrten, meinem ſehr werthen Freunde, dem Herrn Aſſiſtenzrath Klein gefuͤhrt worden, mit dem ich das Vergnuͤgen gehabt, mich uͤber dieſe Materie zu unterhalten. Mich duͤnkt, dieſe Theo⸗ rie der Contrakte ſey einfach und fruchtbar. Fer⸗ gouſon in feiner Moralphiloſophie, und fein vor⸗ treflicher Ueberſetzer, finden die Nothwendigkeit, das Verſprechen zu halten, in der bey dem Neben⸗ 8 menſchen erregten Erwartung und unſittlichkeik der Taͤuſchung. Allein hieraus ſcheint blos eine 3 Ich verlaſſe meine ſpekulativen Bekrachtun⸗ gen, und komme in mein voriges Geleis zuruͤckz muß aber vorher die Bedingungen feſtſetzen, un⸗ ter welchen nach obigen Grundfägen ein Vers trag guͤltig ſey, und gehalten werden muͤſſe. Ä 1) Cajus beſitzet ein Gut (irgend ein; Mittel zur Gluͤckſeligkeit: den Gebrauch feiner na⸗ tuͤrlichen Faͤhigkeiten ſelbſt, oder das Recht auf die Fruͤchte ſeines Fleißes, und die damit verbundenen Guͤter der Natur, oder was ſonſt auf eine gerechte Weiſe ihm zu eigen geworden; es ſey ſolches ein koͤrper⸗ liches oder unkoͤrperliches Ding, als naͤm⸗ lich Gerechtſame, Freyheiten u. d g.)

Gewiſſenspflicht zu folgen. Was ich vorhin im Gewiſſen verbunden geweſen, von meinen Guͤtern sum. Befien meiner Nebenmenſchen überhaupt bins zugeben, bin ich durch die bey dieſem Subjekt ins beſondere erregte Erwartung, im Gewiſſen verbunden, ihm zukommen zu laſſen. Wodurch aber iſt dieſe Sewiſſenspflicht in eine zwangs⸗ pflicht übergegangen? Mich duͤnkt, hierzu gehoͤ⸗ ren unumgaͤnglich die allhier ausgefuͤhrten Grund⸗ ſaͤtze der Abtretung überhaupt, und ins beſondere der Entſcheidungsrechte in Colliſionsfaͤllen.

cs) 2) Dieſes Gut aber gehöre nicht 1 ö lich zu ſeinem Daſeyn, und kann alſo zum Beſten des Wohlwollens, d. i. zum Nutzen anderer angewendet werden.

3) Sempronius hat auf dieſes Gut ein un vollkommenes Recht. Er kann, ſo wie jeder andere Menſch verlangen, aber nicht zwingen, daß dieſes Gut itzt zu ſeinem Beſten angewendet werde. Das Recht zu entſcheiden gehoͤrt dem Caius, iſt das Seine, und darf ihm mit Gewalt nicht entzogen werden. N 4) Nunmehr bedienet ſich Cajus ſeines volle kommenen Rechts, entſcheidet zum Vor⸗ theil des Sempronius, und giebt ſeine Entſcheidung durch hinlaͤngliche Zeichen zu erkennen; d. i. Cajus verſpricht.

5) Sempronius nimmt an, und giebt feine Einwilligung gleichfalls auf eine bedeuten⸗ de Weiſe zu verſtehen. N So iſt der Ausſpruch des Cajus witz ſam und von Kraft; d. i. jenes Gut, das ein Eigentum des Cajus, das Seine ge⸗ weſen, iſt durch dieſe Handlung zum Gute des Sempronius geworden. Das voll⸗ Be | font; kommene Recht des Cajus ie in ein unvoll⸗ kommenes uͤbergegangen; ſo wie das un⸗ vollkommene Recht des Sempronius in ein vollkommenes Zwangsrecht verwan⸗ delt worden iſt. \ Cajus muß ſein rechtskräftiges Verſpre⸗ chen halten, und Sempronius kann ihn, im Verweigerungsfalle, mit Gewalt dazu zwingen. ö Durch Verabredungen dieſer Art verlaͤßt der Menſch den Stand der Natur und tritt in den Stand der geſellſchaftlichen Verbindung; und ſeine eigene Natur treibet ihn an, Verbin⸗ dungen mancherley Art einzugehen, um ſeine ſchwankenden Rechte und Pflichten in etwas Beſtimmtes zu verwandeln. Nur der Wilde klebt, wie das Vieh, an dem Genuſſe des gegenwartigen Augenblickes. Der geſittete Menſch lebt auch fuͤr die Zukunft, und will auch für den naͤchſten Augenblick worauf Rech⸗ nung machen koͤnnen. Schon der Vermeh⸗ rungstrieb, wenn er nicht blos viehiſcher In⸗ ſtinkt ſeyn ſoll, zwinget die Menſchen, wie wir oben gesehen „zu einem geſellſchaftlichen Ders D 4 er frage, davon man fogar bey vielen Thieren et⸗ was Analogiſches findet.

Laßt uns von dieſer Theorie der Pe Pflichten und Verträge die Anwendung auf den Unterſchied zwiſchen Staat und Kirche machen, davon wir ausgegangen ſind. Beide, Staat und Kirche, haben ſowohl Handlungen, als Geſinnungen zu ihrem Gegenſtande: jene in ſo weit ſie ſich auf Verhaͤltniſſe zwiſchen Menſch und Natur; dieſe in ſo weit ſie ſich auf Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen Natur und Gott gruͤnden. Die Menſchen beduͤrfen einander, hoffen und verſprechen, erwarten und leiſten einer dem an⸗ dern Dienſt und Gegendienſt. Die Vermi⸗ ſchung von Ueberfluß und Mangel, Kraft und Beduͤrfniß, Eigenſucht und Wohlwollen, die ih⸗ nen die Natur gegeben, treibet ſie an, in ges ſellſchaftliche Verbindung zu treten, um ihren Fähigkeiten und Beduͤrfniſſen weitern Spiel⸗ raum zu verſchaffen. Jedes Individuum iſt verbunden, einen Theil ſeiner Faͤhigkeiten und der dadurch erworbenen Rechte, zum Beſten der verbundenen Geſellſchaft anzuwenden; aber welchen? wenn? und zu welchem Entzwecke? — An und fuͤr ſich ſollte dieſes nur der beſtim⸗ 3 7 b men, men, der leiften ſoll. Man kann aber auch für gut finden, auf dieſes Recht der Unab⸗ haͤngigkeit durch einen geſellſchaftlichen Ver⸗ trag Verzicht zu thun, und durch poſitivge⸗ ſetze dieſe unvollkommene Pflichten in vollkom⸗ mene verwandeln; d. i. man kann die naͤhere Beſtimmungen verabreden und feſtſetzen, wie viel jedes Mitglied, von ſeinen Rechten zum Nutzen der Geſellſchaft zu verwenden, ſoll ge⸗ zwungen werden koͤnnen. Der Staat, oder | die den Staat vorſtellen, werden als eine moraliſche Perſon betrachtet, die uͤber dieſe Rechte zu ſchalten hat. Der Staat hat alfo Rechte und Gerechtſame auf Güter und Hand⸗ lungen der Menſchen. Er kann nach dem Ge⸗ ſetze geben und nehmen, vorſchreiben und ver⸗ bieten, und weil es ihm auch um Handlung als Handlung zu thun iſt, beſtrafen und bes lohnen. Der Pflicht gegen meinen Naͤchſten geſchiehet aͤußerlich Genuͤge, wenn ich ihm leiſte, was ich ſoll; meine Handlung mag er⸗ zwungen oder freywillig ſeyn. Kann nun der Staat nicht durch innere Triebfedern wirken, und dadurch fuͤr mich mit ſorgen; ſo wirkt er D 5 wenig⸗ wenigſtens durch äuffere, und verhilft meinem Naͤchſten zu dem Seinigen. | | Nicht alſo die Kirche! Sie beruher auf dem Verhaͤltniſſe zwiſchen Gott und Menſchen. Gott iſt kein Weſen, das unſers Wohlwollens bedarf, unſern Beyſtand fordert, auf irgend eines von unſeren Rechten zu ſeinem Gebrauch Anſpruch macht, oder deſſen Rechte mit den Unſerigen je in Streit und Verwirrung gerathen koͤnnen. Auf dieſe irrigen Begriffe hat die in mancher Betrachtung unbequeme Eintheilung der Pflich⸗ ten in Pflichten gegen Gott und Pflichten gegen die Menſchen, fuͤhren muͤſſen. Man hat die Parallele zu weit gezogen. Gegen Gott — ge⸗ gen Menſchen — dachte man. So wie wir aus Pflicht gegen unſern Naͤchſten etwas von dem Unſrigen aufopfern und hingeben, ſo auch aus icht gegen Gott. Die Menſchen fodern Bienſt; fo auch Gott. Die Pflicht gegen mich ſelbſt kann mit der Pflicht gegen meinen Naͤch⸗ ſten in Streit und Gegenſtoß gerathen; eben alſo die Pflicht gegen mich ſelbſt, mit der Pflicht gegen Gott. — Niemand wird ſich ausdruͤck⸗ lich dazu verſtehen, wenn ihm dieſe ungereim⸗ ten. in trocknen Worten vorgehalten wer⸗ den, den, und gleichwohl hat jedermann mehr oder weniger davon gleichfam eingeſogen, und feine innern Säfte damit angeſteckt. Aus dieſer Quelle floſſen alle ungerechte Anmaßungen, die ſich ſogenannte Diener der Religion, unter dem Namen der Kirche, von je her erlaubt. Alle Gewaltthaͤtigkeit und Verfolgung, die ſie aus⸗ geuͤbt, aller Zwiſt und Zwieſpalt, Meuterey und Aufruhr, die ſie angezettelt haben, und alle Uebel, die von jeher unter dem Scheine der Religion, von ihren grimmigſten Feinden, von Heucheley und Menſchenfeindſchaft, ausgeübt worden, ſind einzig und allein Fruͤchte dieſer armſeligen Sophiſterey; eines vorgeſpiegelten Conflickts zwiſchen Gott und Menſchen, Rech⸗ ten der Gottheit und Rechten des Menſchen.

Im Grunde machen in dem Syſtem der menſchlichen Pflichten, die gegen Gott keine be⸗ ſondere Abtheilung; ſondern alle Pflichten des Menſchen ſind Obliegenheiten gegen Gott. Ei⸗ nige derſelben gehen uns ſelbſt, andere unſere Nebenmenſchen an. Wir ſollen, aus Liebe zu Gott, uns ſelbſt vernuͤnftig lieben, ſeine Ge⸗ ſchoͤpfe lieben; ſo wie wir aus vernuͤnftiger Liebe U zu uns ſelbſt verbunden find, unſere Nebenmen⸗ ſchen zu lieben.

Das Syſtem unſerer Pflichten hat ein dop⸗ peltes Principium; das Verhaͤltniß zwiſchen Menſchen und Natur, und das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Geſchoͤpf und Schoͤpfer. Jenes iſt Mo⸗ ralphiloſophie, dieſes Religion, und demjeni⸗ gen, der von der Wahrheit uͤberfuͤhrt iſt, daß die Naturverhaͤltniſſe nichts anders ſind, als N Aeuſſerungen des goͤttlichen Willens, dem fallen auch dieſe beiden Principien in einander, dem iſt Sittenlehre der Vernunft heilig, wie Reli⸗ gion. Auch heiſcht die Religion, oder das Ver⸗ haͤltniß zwiſchen Gott und Menſchen keine andere Pflichten; ſondern giebt jenen Pflichten und Ob⸗ liegenheiten nur erhabenere Sanction. Gott bedarf unſeres Beyſtandes nicht; verlanget kei⸗ nen Dienſt von uns ), keine Aufopferung un⸗ ſerer ) Die Wörter, Dienſt, Ehre, u. a. baben in Be⸗ ziehung auf Gott eine ganz andere Bedeutung, als in Beziehung auf Menſchen. Gottesdienſt iſt nicht Dienſt, den ich Gotte erzeige, Ehre Gottes nicht Ehre, die ich Gotte anthue. Man hat, um die Worte zu retten, ihre Bedeutung geaͤndert. Der gemeine ſerer Rechte zu ſeinem Beſten, keine Verzicht auf unſere Unabhaͤngigkeit zu ſeinem Vortheil. Seine Rechte koͤnnen mit den Unſerigen nie in Streit und Irrung kommen. Er will nur unfer Beſtes, eines jeden Einzelnen Beſtes, und die⸗ ſes muß ja mit ſich ſelbſt befteben, kann ſich ja ſelbſt nicht widerſprechen. — Alle dieſe Gemeinoͤrter ſind ſo trivial, daß der geſunde Menſchenverſtand ſich wundert, wie man je hat anderer Meinung ſeyn koͤnnen; und gleichwohl haben die Menſchen von jeher wider dieſe einleuchtenden Grundſaͤtze gehandelt; und wohl ihnen! wenn ſie im Jahre 2240 aufhoͤren werden, dawider zu handeln.

Die naͤchſte Folge aus dieſen Maximen iſt, wie mich duͤnkt, offenbar, daß die Kirche kein Recht habe auf Gut und Eigentum, keinen Anſpruch auf Beytrag und Verzicht; daß ihre Gerechtſame mit den Unſerigen niemals in Ir⸗ rung e daß alſo zwiſchen Kirche und Dürr gemeine Mann aber klebt noch immer an der ihm gewöhnlichen Bedeutung, und häuget noch immer feſt an feinen Sprachgebrauch, woraus in Reli⸗ tions ſachen viele Verwirrungen entſtanden find, Bürger nie Colliſionsfaͤlle vorkommen Finnen. - Iſt aber dieſes, fo findet auch zwiſchen Kirche und Buͤrger kein Vertrag ſtatt; denn alle Ver⸗ träge ſetzen Colliſtonsfaͤlle voraus, die zu ent⸗ ſcheiden find. Wo keine unvollkommene Rechte Statt haben, entſtehen keine Colliſionen der An⸗ ſpruͤche, und wo nicht Anſpruͤche gegen Anſpruͤ⸗ che entſchieden werden ſollen, da iſt Vertrag ein Unding. ö Alle menſchliche Vertraͤge haben alſo der Kir⸗ che kein Recht auf Gut und Eigentum beyle⸗ gen koͤnnen, da ſie ihrem Weſen nach auf keins derſelben Anſpruch machen, oder ein unvollkom⸗ menes Recht haben kann. Ihr kann alſo nie⸗ mals ein Zwangsrecht zukommen, und den Mit⸗ gliedern kann keine Zwangspflicht gegen dieſelbe aufgelegt werden. Alle Rechte der Kirche ſind, Vermahnen, Belehren, Staͤrken und Troͤſten, und die Pflichten der Buͤrger gegen die Kirche find ein geneigtes Ohr und ein williges Herz. ) So *) Der Pſalmiſt ſinget: Dir gefaͤllt nicht Opfer, nicht Geſchenk Ohren haſt du mir gegraben!

So hat auch die Kirche kein Recht Handlungen zu belohnen oder zu beſtrafen. Die buͤrgerlichen Handlungen gehören dem Staat, und die eigent⸗ lichen religioͤſen Handlungen leiden, ihrer Na⸗ tur nach, weder Zwang noch Beſtechung. Sie fließen entweder aus freiem Antriebe der Seele, oder ſind ein leeres Spiel, und dem e Geiſte der Religion zuwider.

Wenn aber die Kirche kein Eigentum hat, wer beſoldet die Lehrer der Religion? Wer loh⸗ net die Prediger der Gottesfurcht? — Religion und Sold — Lehren der Tugend und Bezah⸗ lung — Predigten der Gottesfurcht und Lohn. Die Begriffe ſcheinen ſich einander zu fliehen. Was verſpricht ſich der Lehrer der Weisheit und Tugend für Wirkung, fo bald er bezahlt wird, und den Meiſtbietenden feil iſt? Was der Pre⸗ diger der Gottesfurcht fuͤr Eindruck, wenn er nach Lohne ausgehet? — Siehe, ich lehre euch Geſetze und Rechte, ſo wie mich der Ewige mein Gott u. ſ. w. (V. B. M. C. 4, 5.) So wie mich mein Gott; erklaͤren die Rabbinen, wie er mich, ohne Entgeld; ſo ich euch, und fo auch ihr die Eurigen. Bezahlen, Lohnen, iſt fuͤr dieſe erhabene Beſchaͤftigung ſo unnatuͤr⸗ } | lich a 3 eee en a — lich mit der Lebensart, welche dieſe Beſchaͤfti⸗ gung erfordert, ſo unvereinbar, daß die min⸗ deſte Anhaͤnglichkeit an Gewinnen und Erwerben dieſen Stand zu erniedrigen ſcheinet. Das Ver⸗ langen nach Reichtum, das man jedem andern Stande gern zu Gute haͤlt, ſcheinet uns bey die⸗ ſem Geiz und Habſucht, oder artet bey Maͤn⸗ nern, die ſich dieſem edlen Geſchaͤfte widmen, wirklich gar bald in Geiz und Habſucht aus, weil es ihrem Berufe fo widernatuͤrlich iſt. Hoͤchſtens kann ihnen Entſchaͤdigung fuͤr Zeit⸗ verſaͤumniß eingeraͤumt werden, und dieſe aus⸗ zumitteln und zu ertheilen, iſt ein Geſchaͤft des Staats, nicht der Kirche. Was hat die, Kirche mit Dingen zu ſchaffen, die feil ſind, bedungen und bezahlt werden? Die Zeit macht einen Theil von unſerm Vermoͤgen aus, und wer ſie zum gemeinen Beſten anwendet, darf hoffen, aus dem gemeinen Schatze dafuͤr entſchaͤdiget zu werden. Die Kirche lohnet nicht, die Religion kauft nichts, bezahlet nichts, giebt keinen Sold.

Dieſes find, meinem Beduͤnken nach, die Graͤnzen zwiſchen Staat und Kirche, in ſo weit ſie auf die Handlung der Menſchen Einfluß haben.

haben. In Abſicht auf Geſinnungen treten fie ſchon etwas naͤher zuſammen; denn hier hat der Staat keine andere Wirkungsmittel, als die Kirche. Beide muͤſſen unterrichten, belehren, aufmuntern, veranlaſſen; aber weder belohnen, noch beſtrafen; weder zwingen noch beſtechen; denn auch der Staat hat durch keinen Vertrag das mindeſte Zwangsrecht uͤber Geſinnungen erlangen koͤnnen. Ueberhaupt kennen die Geſin⸗ nungen der Menſchen kein Wohlwollen, leiden feinen Zwang. Ich kann auf keine meiner Ge⸗ ſinnungen, als Geſinnung betrachtet, aus Liebe zu meinem Naͤchſten Verzicht thun; kann ihm keinen Antheil an meiner Urtheilskraft aus Wohl⸗ wollen uͤberlaſſen und abtreten, und eben ſo we⸗ nig ein Recht auf ſeine Geſinnungen mir anma⸗ ßen, oder auf irgend eine Weiſe erwerben. Das Recht auf unſere eigene Geſinnungen iſt unver⸗ aͤuſſerlich, kann nicht von Perſon zu Perſon wandern; denn es giebt und nimmt keinen An⸗ ſpruch auf Vermoͤgen, Gut und Freyheit. Da⸗ her das mindeſte Vorrecht, das ihr euern Re⸗ ligions⸗ und Geſinnungs verwandten öffentlich einraͤumet, eine indirekte Beſtechung; die min⸗ — deſte Freyheit, die ihr den Diſſidenten entziehet, Erſter Abſchnitt. E eine eine indirekte Beſtrafung zu nennen iſt, und im Grunde dieſelbe Wirkung hat, als eine direkte Belohnung des Einſtimmens, und Beſtrafung des Widerſpruchs. Es iſt armſeliges Blend⸗ werk, wean in einigen Lehrbuͤchern des Kirchen⸗ rechts ſo ſehr auf den Unterſchied zwiſchen Be⸗ lohnung und Vorrecht; Beſtrafung und Ein⸗ ſchraͤnkung gedrungen wird. Den Sprachfor⸗ ſchern kann dieſe Bemerkung nuͤtzlich ſeyn; allein dem Elenden, der die Rechte der Menſchheit