trages, beſitzet, muß ihr einen Theil davon, in ſo weit es ſie ſelbſt angehet, abgetreten, und uͤberlaſſen haben. Wie aber? Wenn niemand ein ſolches Recht beſitzen kann? Wenn weder dem Staate, noch der Mutterkirche ſelbſt irgend ein Zwangsrecht in Religionsſachen zukaͤme? Wenn nach den Grundſaͤtzen der geſunden Ver⸗ nunft, deren Goͤttlichkeit wir alle anerkennen muͤſſen, weder Staat noch Kirche befugt waͤre, ſich in Glaubensſachen ein anderes Recht anzu; maßen, als das Recht zu belehren; eine andere Macht, als die Macht der Ueberfuͤhrung, eine andere Zucht, als die Zucht durch Vernunft und Grundſaͤtze? Kann dieſes erweislich, und dem geſunden Menſchenverſtande einleuchtend ge⸗ macht werden; fo iſt kein ausdruͤcklicher Vers trag, noch vielweniger Herkommen und Verjah⸗ rung maͤchtig genug, ein Recht geltend zu ma⸗ chen, das ihm entgegengeſetzt iſt; ſo iſt aller kirchliche Zwang widerrechtlich, alle aͤußere Macht in Religionsſachen gewaltſame Anmaſ⸗ ſung, und wenn dieſes iſt; ſo darf, ſo kann die Mutterkirche kein Recht verleihen, das ihr ſelber nicht zukoͤmmt, keine Macht vergeben, die fie 8 | ſich 1 EA Fe ſich mit Unrecht angemaßt hat. Es kann ſeyn, daß der Mißbrauch, durch irgend ein allgemeines Vorurtheil, ſo um ſich gegriffen, ſo ſehr in den Gemuͤthern der Menſchen Wurzel gefaßt hat, daß es nicht thunlich, oder nicht rathſam waͤre, ihn mit einem Male, ohne weiſe Vorbereitung abzuſchaffen; aber in dieſem Falle iſt es doch wenigſtens unſere Schuldigkeit, ihm von ferne her entgegen zu arbeiten, und vorerſt ſeiner fer⸗ nern Ausbreitung einen Damm entgegen zu ſez⸗ zen. Koͤnnen wir ein Uebel nicht völlig ausrot⸗ ten; ſo muͤſſen wir ihm N die Wurzel abſtechen.
Dieſes war das Reſultat meiner Betrachtun⸗ gen, und ich wagte es, meine Gedanken dem Publikum *) zur Beurtheilung vorzulegen; wie⸗ wohl ich meine Gruͤnde damals nicht ſo ausfuͤhr⸗ lich angeben konnte, als hier in dem vorigen Abſchnitte geſchehen.
Ich habe das Gluͤck, in einem Staate zu le⸗ ben, in welchem dieſe meine Begriffe weder neu, noch ſonderlich auffallend find. Der weiſe Re⸗ e gent, ) In der Vorrede ' zu Manaſſeh Ben 588 Rev tung der e ei gent, von dem er beherrſcht wird, hat es, ſeit Anfang ſeiner Regierung, beſtaͤndig ſein Au⸗ genmerk ſeyn laſſen, die Menſchheit in Glau⸗ bensſachen, in ihr volles Recht einzuſetzen. Er iſt der Erſte unter den Regenten unſers Jahr⸗ hunderts, der die weiſe Maxime, in ihrem gan⸗ zen Umfange, niemals aus den Augen gelaffen: die Menſchen find für einander geſchaffen: belehre deinen Naͤchſten, oder ertrage ihn!)
Mit Mit *) Worte meines verewigten Freundes, Hrn. Iſelin, in einem feiner letzten Aufſaͤtze in den Ephemeriden der Menſchheit. Das Andenken dieſes wahren Weiſen ſollte jedem feiner Zeitgenoſſen, der Tugend und Wahrheit werthſchaͤtzt, unvergeßlich ſeyn. Deſts unbegreiflicher iſt es mir ſelbſt, wie ich ihn habe übergehen koͤnnen, als ich die wohlthaͤtigen Männer nannte, die in Deutſchland zuerſt die Grundſaͤtze der uneingeſchraͤnkten Toleranz aussubreiten fuchter, ihn, der fie in unferer Sprache ſicherlich früher und lauter, als irgend einer, in ihrem weiteſten Umfan⸗ ge lehrte. Mit Vergnügen ſchreibe ich hier die Stelle aus der Anzeige meiner Vorrede R. Manaſſe, in den Ephemeriden ') ab, wo dieſes erinnert wird, Zu: um ») Zehntes Stilck. Oct. 179%. Seite 428.
Mit weiſer Maͤßigung hat er zwar die Vorrechte der äußern Religion geſchont, in deren Beſitz er A 4 ſie um einem Manne nach ſeinem Tode Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, der in feinem Leben fo allge- mein gerecht geweſen. „Der Verfaſſer der Epheme⸗ „riden der Menſchheit ſtimmet auch mit Herrn Men⸗ „delsſohn gaͤnzlich in demjenigen uͤberein, was er „von den geſetzgebenden Rechten der Obrigkeit uͤber „die Meinung der Bürger und von den Verkommniſ⸗ „fen ſagt, welche einzelne Menſchen unter einander „über ſolche Meinungen eingehen koͤnnen. Und „dieſe Denkungsart hat er nicht erſt ſeit Herrn „Dohm und Herrn Leßing angenommen; ſondern er „hat ſich ſchon vor mehr als dreyßig Jahren dazu „bekannt. Auf die gleiche Weiſe hat er auch ſchon „lange anerkannt, daß dasjenige, was man Reli⸗ „gionsduldung nennet, nicht eine Gnade, ſondern „eine Pflicht der Regierung ſey. Deutlicher konnte „man ſich nicht ausdrücken, als folgendermaßen”): „Wenn alſo eine oder mehrere Religionen in ſeinem „Staate eingefuͤhrt ſind; ſo erlaubt ein weiſer und „gerechter Laudesherr ſich nicht, die Rechte derſelben „zu dem Beſten der ſeinigen anzugreifen. Jede Kir⸗ che, jede Vereinigung, welche den Gottesdienſt zur „Ab; — Traume eines Menſchenfteundes, Band. S. 14. u. 13.
\ \ ſte gefunden. Noch gehoͤren vielleicht Jahrhun⸗ derte von Cultur und Vorbereitung dazu, bevor e | die „Abſicht hat, iſt eine Geſellſchaft, der der Landes: „herr Schutz und Gerechtigkeit ſchuldig iſt. Ihnen „dieſe verſagen, um auch die beſte Religion zu bes „guͤnſtigen, wäre wider den Geiſt der wahren Gott „feligkeit.”
„In Ruͤckſicht auf die bürgerlichen Rechte find „alle Religionsgenoſſen einander gleich, diejenigen „allein ausgenommen, deren Meinungen den Grund⸗ „Sägen der menſchlichen und der bürgerlichen Pflich⸗ sten zuwider laufen. Eine ſolche Religion kaun in „den Staate auf keine Rechte Anſpruch machen. „Diejenigen, welche das Ungluͤck haben, ihr zuge⸗ „than zu ſeyn, koͤnnen nur Duldung erwarten, ſo „lange ſie nicht durch ungerechte und ſchaͤdliche „Handlungen die geſellſchaftliche Ordnung ſtoͤhren. „Wenn ſie dieſes thun, muͤſſen ſie geſtraft werden, „nicht für ihte Meinungen; fondern für ihre „Thaten.“ Was aber im vorhergehenden (Seite 423) von einer falſchen Meinung, in Abſicht auf die Zwiſchenhaͤnde in der Handlung, geſagt wird, die ich dem Verf. der Ephemeriden mit Unrecht zuſchrei⸗ ben ſoll, verhält ſich in Wahrheit ganz anders. Nicht Hr. Iſelin; ſondern ein anderer, ſonſt ein⸗ ſichtsvoller Schriftſteller, hat in den Ephemeriden einen die Menſchen begreifen werden, daß Vorrechte | um der Religion willen weder rechtlich, noch im Grunde nuͤtzlich ſeyen, und daß es alſo eine wahre Wohlthat ſeyn wuͤrde, allen buͤrgerlichen Unterſchied um der Religion willen ſchlechter⸗ dings aufzuheben. Indeſſen hat ſich die Nation Hunter der Regierung dieſes Weiſen fo ſehr an Duldung und Vertragſamkeit in Glaubensſachen gewoͤhnt, daß Zwang, Bann und Ausſchließungs⸗ recht wenigſtens aufgehoͤrt haben, populaͤre Be⸗ griffe zu ſeyn.
einen Aufſatz einruͤcken laſſen, in welchem er die Schaͤdlichkeit der Zwiſchenhaͤnde behauptet, und ward von dem Herausgeber vielmehr widerlegt. — Die Erinnerungen, welche in derſelben Anzeige wi⸗ der meine Glaubensgenoſſen gemacht werden, übers gehe ich mit Stillſchweigen. Es if hier der Ort nicht, fie zu vertheidigeu, und ich uͤberlaſſe dieſes Geſchaͤft dem Hrn. Dohm, der es mit weniger Parteylichkeit verrichten kann. Man vergiebt uͤbrigens einem Ba⸗ ſeler ſehr leicht ein Vorurtheil wider ein Volk, das er nur aus dem herumſtreifenden Theile deſſelben, oder aus den Obſervations d'un Alſacien, zu kennen Gelegenheit haben kann.
A 5 Was - Was aber einem jeden Rechtſchaffenen wah⸗ re Freude ins Herz bringen muß, iſt der Ernſt und Eifer, mit welchem einige wuͤrdige Glieder deer bieſigen Geiſtlichkeit ſelbſt dieſe Grundſaͤtze der Vernunft, oder vielmehr der wahren Gottes⸗ ſfurcht, unter dem Volke auszubreiten ſuchen. Ja einige derſelben haben kein Bedenken getra⸗ gen, meinen Gruͤnden wider das allgemein an⸗ gebetete Idol des Kirchenrechts überhaupt bey⸗ zutreten, und dem Reſultate derſelben oͤffentlich Beyfall zu geben. Welche hohe Begriffe müffen dieſe Männer von ihrer Beſtimmung haben, da fie fo willig find, alle Nebenabſicht davon zu ent⸗ fernen; welch edles Zutrauen zu der Kraft der Wahrheit, da fie ſich getrauen, ſie, ohne alle Stützen, auf ihrem eigenen Poſtemente ſicher zu ſtellen! Wenn wir uͤbrigens in den Grund⸗ ſaͤtzen auch noch fo verſchieden wären; fo koͤnnte ich nicht umhin, ihnen, wegen dieſer erhabenen Geſinnungen, meine ganze Bewunderung und Ehrerbietung zu bezeugen.
Manche andere Leſer und Bücherrichter ha⸗ ben ſich gar ſonderbar dabey genommen. Meine Gruͤnde haben ſie war nicht beſtritten; ſondern viel⸗ vielmehr gelten laſſen. Niemand hat es vers‘ ſucht, zwiſchen Lehrmeinung und Recht den min⸗ deſten Zuſammenhang zu zeigen. Niemand hat einen Fehler in der Schlußfolge aufgedeckt, daß mein Beyſtimmen oder Nichtbeyſtimmen in ge⸗ wiſſe ewige Wahrheiten mir kein Recht uͤber Dinge, keine Befugniß ertheilen, uͤber Guͤter und Gemuͤther nach eigenem Belieben zu ſchal— ten. Und gleichwohl haben ſie bey dem unmit⸗ telbaren Reſultate derſelben, wie bey einer un⸗ erwarteten Erſcheinung, geſtutzt. Wie? So giebt es uͤberall kein Kirchenrecht? So beruhet alles, was ſo viele Schriftſteller, was wir ſelbſt | vielleicht über das Kirchenrecht geſchrieben, ge⸗ leſen, gehört und disputirt haben, auf grundlo⸗ ſem Boden? — Dieſes ſchien ihnen zu weit zu gehen, und gleichwohl muß in der Schlußfolge ein verborgener Fehler liegen, wenn das Reſul⸗ tat nicht nothwendig wahr ſeyn ſoll. N In den Goͤttingiſchen Anzeigen führt der Recenſent meine Behauptung an, daß es kein Recht auf Perſonen und Dinge gebe, welches mit Lehrmeinungen zuſammenhaͤnge, und daß alle Vertraͤge und. der Menſchen kein ſolches Cn) ſolches Recht möglich machen fönnen, und ſetzet hinzu: „dieſes alles iſt neu und hart. Die ers „ften Grundſaͤtze werden weggeleugnet, und al⸗ „ler Streit hat ein Ende.“ | Ja wohl, gehet es um die erſten Grundſaͤtze, die nicht anerkannt werden wollen. — Soll aber deswegen aller Streit ein Ende haben? Sollen denn Grundſaͤtze niemals in Zweifel gezogen wer⸗ den? So koͤnnen Maͤnner aus der pythagori⸗ ſchen Schule in Ewigkeit ſtreiten, woher ihr Leh⸗ rer zur guͤldenen Huͤfte gekommen, wenn es nie⸗ mand wagen darf, zu unterſuchen: ob auch Pas thagoras überall eine guͤldene Hüfte habe? Jedes Spiel hat ſeine Geſetze, jeder Wett⸗ kampf ſeine Regeln, nach welchen der Kampf⸗ richter urtheilt. Willſt du den Einſatz, oder den Kampfpreis davon tragen; ſo unterwirf dich den Grundſaͤtzen. Wer aber uͤber die Theorie der Spiele nachdenken will, kann allerdings die Grundbegriffe ſelbſt in Augenſchein nehmen. So auch vor Gericht. Jener Criminalrichter, der einen Moͤrder zu richten hatte, brachte ihn zum Geſtaͤndniſſe feines Verbrechens. Allein der Ruchloſe behanperter er wiſſe keinen Grund, warum warum es nicht eben fo gut erlaubt ſey, einen Menſchen zu ermorden, als ein Thier, um ſei⸗ nes Vortheils willen, umzubringen. Dieſem Unmenſchen konnte der Richter mit Recht ant⸗ worten: „du leugneſt die Grundſaͤtze, Burſche! „mit dir hat aller Steit ein Ende. Du wirft „wenigſtens einſehen, daß es auch uns erlaubt „ſey, um unſeres Vortheils willen, die Erde „von einem ſolchen Ungeheuer zu befreyen.“ So aber durfte ihm der Prieſter ſchon nicht antworten, der ihn zum Tode vorbereiten ſollte. Dieſer war verbunden ſich mie ihm über die Grundſaͤtze ſelbſt einzulaſſen, und ihm, wenn ſein Zweifel ihm ein Ernſt war, ſolchen zu benehmen. Nicht anders verhaͤlt es ſich in Kuͤnſten uud Wiſſenſchaften. Jede derſelben ſetzet gewiſſe Grundbegriffe vor⸗ aus, von denen ſie weiter keine Rechenſchaft giebt. Deswegen aber iſt in dem ganzen Inbe⸗ griff der menſchlichen Erkenntniſſe kein Punkt uͤber allen Anſpruch hinweg zu ſetzen, kein Titel, der nicht zur Unterfuchung gezogen werben darf. Liegt mein Zweifel außer den Schranken diefes | Gerichtshofes; fo muß ich vor einen andern vers wieſen werden. Irgendwo muß ich gehört, und in rechte gewieſen werden. Der * 5 wur Der Fall, den der Rec. zum Beyſpiel anfuͤh⸗ ret, um mich zu widerlegen, trift vollends nicht zum Ziele. Er ſpricht: „Wir wollen ſie (die ge⸗ „leugneten Grundfäge,) indeſſen auf einen be⸗ „ſtimmten Fall anwenden. Die Judenſchaft in „Berlin beſtellt eine Perſon, die nach den Ge⸗ „ſetzen ihrer Religion die Kinder maͤnnlichen „Geſchlechts beſchneiden ſoll; dieſe Perſon er⸗ „hält durch ein Factum gewiſſe Rechte auf fo viel V Einkuͤnfte, auf dieſen beſtimmten Rang in der „Gemeine ic. Nach einiger Zeit kommen ihr „Bedenklichkeiten über die Lehrmeinung oder das „Geſetz von der Beſchneidung bey; ſie weigert „fich den Vertrag zu erfüllen. Bleiben ihr denn „nun auch die Rechte, die ſie durch den? Vertrag „erhielt? So uͤberall.“ — Und wie uͤberall? Ich will die Moͤglichkeit des Falls zugeben, der ſich hoffentlich nie zutra⸗ gen wird). Was ſoll dieſe mir fo nahe gelegte Sins ) Man genießet unter den Juden, für das Amt der Beſchneidung, weder Einkuͤnfte, noch einen be⸗ ſtimmten Rang in der Gemeine. Wer die Geſchik⸗ lichkeit da ieh, verrichtet vielmehr dieſes verdienſt⸗ liche ſtanz beweiſen? Doch wohl nicht, daß nach der Vernunft Rechte auf Perſonen und Guͤter mit Lehrmeinungen zuſammenhaͤngen, und auf der⸗ ſelben beruhen? oder daß pofitive Geſetze und Vertraͤge ein ſolches Recht moͤglich machen koͤn⸗ nen? Auf dieſe beiden Punkte koͤmmt es, nach dem eigentlichen Anführen des Recenſ. haupt⸗ ſaͤchlich an, und beide finden in dem erdichteten Falle nicht Statt, denn der Beſchneider wuͤrde ja die Einfünfte und den Rang nicht für den Beyfall zu genießen haben, den er der Lehrmei⸗ nung giebt; ſondern fuͤr die Operation, die er an der Stelle der Hausvaͤter verrichtet. Ders hindert ihn nun ſein Gewiſſen, dieſe Muͤhwaks f tung liche Werk mit Vergnuͤgen. Ja dem Vater, dem eigentlich die Pflicht feinen Sohn zu beſchneiden obs liegt, hat mehrentheils unter verſchiedenen Mitwer⸗ bern, die darum anhalten, zu wählen. Alle Beloh⸗ nung, die der Beſchneider für feine Verrichtung zu erwarten hat, haſtehet etwa darin, daß er beym Be⸗ ſchneidungsmale obenan ſitzet, und nach der Mal⸗ zeit den Seegen ſpricht. — So ſollten nach meiner neu und hart ſcheinenden Theorie alle relig io ſe Ae tet heſetzt werden!
d d tung ferner zu übernehmen; fo wird er aller, dings auf die Belohnung Verzicht thun muͤſſen, die er dafür ſich ausbedungen. Was hat dieſes aber mit den Vorrechten gemein, die man einer Perſon einräumt, weil ſie dieſer oder jener Lehre beyſtimmet, dieſe oder jene ewige Wahrheit an⸗ nimmt, oder verwirft? — Alles, womit die er⸗ dichtete Inſtanz einige Aehnlichkeit haben koͤnn⸗ te, waͤre etwa der Fall, da der Staat Lehrer beſtellt und beſoldet, die gewiſſe Lehren fo und nicht anders ausbreiten ſollen; dieſe aber nach⸗ her ſich im Gewiſſen verbunden erachteten, von den ihnen vorgeſchriebenen Lehren abzuweichen.
Dieſen Fall, der ſo oft zu lauten und hitzigen Streitigkeiten Gelegenheit gegeben, habe ich im vorigen Abſchnitte umſtaͤndlich beruͤhrt, und nach meinen Grundſaͤtzen zu erörtern geſucht. Auf das angeführte Gleichnis aber ſcheinet er mir eben ſo wenig zu paſſen. Man erinnere ſich des Unterſchiedes, den ich gemacht, zwiſchen Hand⸗ lungen, die als Handlungensverlangt werden, und ſolchen, die blos als Zeichen der Geſinnun⸗ gen gölten. Eine Vorhaut iſt abgeſchnitten, ix Beſchneider mag von dem Gebrauche ſelbſt 8 denken N denken und glauben, was er will; ſo wie ein Schuldherr, dem die Gerichte zu feiner Befrie⸗ digung verholfen, bezahlt iſt, der Schuldner mag von der Pflicht zu bezahlen, denken, wie er will. Wie kann aber hiervon die Anwendung auf den Lehrer der Religionswahrheiten gemacht werden, deſſen Lehren ſicherlich wenig Frommen bringen, wenn nicht Geiſt und Herz damit über; einſtimmen; wenn ſie nicht aus innerer Ueber⸗ zeugung fließen? — Ich habe bereits an dem angefuͤhrten Orte zu erkennen gegeben, daß ich mich nicht getraue, einem auf dieſe Weiſe in die Enge getriebenen Lehrer vorzuſchreiben, wie er ſich als rechtſchaffener Mann zu verhalten habe; oder Vorwuͤrfe zu machen, wenn er ſich anders verhaͤlt; und daß nach meinem Beduͤnken alles auf Zeit, Umftände und Verfaſſung ankomme, in welchen er ſich befindet. Wer darf hier uͤber die Gewiſſenhaftigkeit ſeines Naͤchſten den Stab bre⸗ chen? Wer ihr zu einer ſo kritiſchen Entſchei⸗ dung eine Waage aufdringen, die ſie vielleicht nicht fuͤr die richtige erkennt?
Indeſſen liegt dieſe Unterſuchung nicht ſo ganz auf meinem Wege, und hat wenig mit den . Zweiter Abfchn. B a beiden beiden Fragen gemein, auf welche alles ankömmt, und die ich hier abermals wiederhole. | 1) Giebt es, nach dem Geſetze der Vernunft, Rechte auf Perſonen und Dinge, die mit Lehrmeinungen zuſammenhaͤngen, und durch das Einſtimmen in dieſelben erworben . ar werden?
22) Können Verträge und Abfommniſſe voll⸗ rommene Rechte erzeugen, Zwangspflich⸗ ten hervorbringen, wo nicht, ohne allen Ver⸗ trag, ſchon unvollkommene Rechte und Ge⸗ wiſſenspflichten da geweſen find? Einer von dieſen Saͤtzen muß aus dem Natur⸗ rechte erwieſen werden, wenn ich eines Irrtums uͤberfuͤhrt werden ſoll. Daß man meine Be⸗ hauptung neu und hart findet, thut nichts zur Sache, wenn ihr die Warheit nur nicht wider⸗ ſpricht. Noch iſt mir kein Schriftſteller befant, der dieſe Fragen berührt, und in Anwendung auf Kirchenmacht und Bannrecht unterſucht hätte, Sie gehen alle von dem Punkte aus, daß es ein Jus circa facra gebe; nur modelt es ein jeder nach ſeiner Weiſe, und belehnet damit bald eine unſichtbare, bald dieſe oder jene ſichtbare Per⸗ \ ſon. Selbſt Hobbes, der hierin ſich am weite⸗ ſten von den eingefuͤhrten Begriffen zu entfernen wagt, hat ſich von dieſer Idee nicht voͤllig los⸗ winden koͤnnen. Er giebt ein ſolches Recht zu, und ſucht nur die Perſon auf, der man es mit dem geringſten Schaden zutrauen darf, Alle glauben, das Meteor ſey ſichtbar, und bemuͤhen ſich nur, nach verſchiedenen Syſtemen, die Hoͤhe deſſelben zu beſtimmen. Es waͤre nichts uner⸗ hoͤrtes, wenn ein Unbefangener, der gerade auf den Ort hinſchauete, wo es erſcheinen ſoll, mit weit geringerer Faͤhigkeit, ſich von der Wahrheit uͤberfuͤhrte: es ſey uͤberall kein ſolches Meteor zu ſehen.
Ich komme zu einem weit wichtigern Ein⸗ wurfe, der mir gemacht worden, und der haupt⸗ fächlich dieſe Schrift veranlaßt hat. Abermals ohne meine Gruͤnde zu widerlegen, hat man ih⸗ nen die geheiligte Autorität der moſaiſchen Re⸗ ligion, zu welcher ich mich bekenne, entgegenge⸗ ſetzt. Was find die Geſetze Mofes anders, als ein Syſtem von religioͤſer Regierung, von Macht und Recht der Religion? „Die Vernunft mag „es gut beiffen, “ “ druͤkt ſich ein ungenannter V2 Schrift⸗ V2 Schrift⸗ Schriftſteller ) hierüber aus, „daß alles Kir „chenrecht und die Macht eines geiſtlichen Ges „richts, wodurch Meinungen erzwungen, oder veingeſchraͤnkt werden, eine begrifloſe Sache „iſt; daß kein Fall zu erdenken, wodurch ſo ein „Geſetz begruͤndet ſey, daß die Kunſt nichts ſchaf⸗ „fen koͤnne, wozu die Natur nicht den Keim herz „vorgebracht habe — aber ſo vernunftmaͤßig die⸗ „ſes alles ſeyn mag, was Sie darüber ſagen, redet er mich an, „ſo geradezu widerſpricht es „dem Glauben ihrer Väter im engern Verſtan⸗ „be, und den Grundſaͤtzen der Kirche, welche nicht „blos von den Kommentariſten angenommen; v»ſondern ſelbſt in den Büchern Moſe ausdruͤk⸗ „lich feftgefegt find. Nach der gefunden Vers „nunft findet gar kein Gottesdienſt ohne Ueber; „zeugung flatt, und jede erzwungene gottes⸗ „bienftliche Handlung hört das auf zu ſeyn. Ber „folgung goͤttlicher Gebote aus Furcht vor der „darauf geſetzten Strafe iſt Sklavendienſt, der vunach reinen Begriffen nimmermehr Gott ger ») Das Forſchen nach Licht und Recht, in einem Schreiben an Herrn M. Mendelsſohn. Berlin 1722.
„fällig ſeyn kann. Indeſſen iſt es wahr, daß Mo⸗ „fe8 Zwang und poſitive Strafen — an Nicht⸗ „beobachtung gottesdienſtlicher Pflichten bindet. „Sein ſtatuariſches Kirchenrecht befielt den Sab⸗ v»bathsuͤbertreter, den Laͤſterer des göttlichen „Namens und andere Abweichende von ſeinem „Geſetze mit Steinigung und Tode zu beſtrafen — —, Das ganze Kirchenſyſtem Moſe,“ ſpricht er an einer andern Stelle, „war nicht nur Un⸗ „terricht und Anweiſung zu Pflichten, ſondern „es war zugleich mit dem ſtrengſten Kirchen⸗ „rechte verbunden. Der Arm der Kirche war „mit dem Schwerdt des Fluchs bewafnet. — „Verflucht, heißt es, wer nicht haͤlt alle Worte „dieſes Geſetzes, daß er darnach thue u. ſ. w.— „Und dieſer Fluch war in den Haͤnden der erſten „Diener der Kirche. — Das bewafnete Kirchen⸗ vrecht iſt immer einer der vorzuͤglichſten Grund⸗ „feine der juͤdiſchen Religion ſelbſt, und ein „Hauptartikel in dem Glaubens ſyſtem Ihrer Bir „ter. In wiefern koͤnnen Sie, mein Theurer „Herr Mendelsſohn, bey dem Glauben Ihrer „Vater beharren, und durch Wegraͤumung fe zer Grundfteine: das ganze Gebäude erſchůttern, 2 B 3 „wenn „wenn Sie das durch Moſen gegebene, auf göft: „liche Offenbarung ſich berufende Kirchenrecht „beftreiten?“ Dieſer Einwurf dringet an das Herz. Ich muß geſtehen, daß die Begriffe, die hier vom Ju⸗ dentume gegeben werden, bis auf einige Unbe⸗ hutſamkeit im Ausdrucke, ſelbſt von vielen mei⸗ ner Religions bruͤder dafür angenommen werden. Waͤre nun dem in Wahrheit alſo, und ich davon überführet, fo würde ich allerdings meine Saͤtze mit Beſchaͤmung zurücknehmen, und die Vers nunft unter dem Joche des Glaubens — doch nein! was ſollte ich heucheln? Autorität kann demuͤthigen, aber nicht belehren; ſie kann die Vernunft niederſchlagen, aber nicht feſſeln. Stuͤnde das Wort Gottes mit meiner Ver⸗ nleunft in einem fo offenbaren Widerſpruche, fo wuͤrde ich der letztern hoͤchſtens Stillſchweigen gebieten koͤnnen; aber meine nicht widerlegten Gruͤnde wuͤrden im geheimſten Winkel meines Herzens nichts deſtoweniger wiederkehren, ſich in beunruhigende Zweifel verwandeln, und die dee ſich in N Gebete, in inbruͤnſtiges Slehen r Flehen um Erleuchtung aufloͤſen. Ich würde mit dem Pſalmiſt anrufen: err! ſende mir dein Licht, deine Em beit, Daß fie mich leiten, und bringen Zu deinem heiligen Serge, zu deinem Ruheſitze!
Hart und kraͤnkend aber iſt es in allen Faͤl⸗ len, wenn man mit dem ungenannten Forſcher nach Licht und Warheit, und dem ſich nen⸗ nenden Herrn Moͤrſchel, der die Schrift des Forſchers mit einer Nachſchrift begleitet hat, mir die gehaͤſſige Abſicht zuſchreibt, die Reli⸗ gion, zu welcher ich mich bekenne, umzuſtoßen, und ihr, wo nicht ausdruͤklich, doch gleichſam unter der Hand zu entſagen. Dergleichen Con⸗ ſequenzerey ſollte aus dem Umgange der Gelehr⸗ ten auf ewig verbannt ſeyn. Nicht jeder, der ſich zu einer Meinung verſtehet, verſtehet ſich zugleich zu allen Folgen derſelben, und wenn ſie auch noch ſo richtig aus derſelben hergeleitet werden. „ von dieſer Art ſind gehaͤſſig, und B4 führen fühten nur zu Verbitterung und Stcun dabey die Wahrheit ſelten gewinnet.
Ja, der Forſcher gehet ſo weit, mich folgen der Geſtalt anzureden: „Sollte der jetzt von Ih⸗ „nen gethane gar merkwuͤrdige Schritt wohl „wirklich ein Schritt zur Erfuͤllung der ehemals van Sie ergangenen Lavaterſchen Wuͤnſche ſeyn?
„Unftreitig haben Sie nach jener Veranlaſſung „der Sache des Chriſtentums näher nachge⸗ „dacht, und den Werth der in mannigfaltigen „Geſtalten und Modifikationen vor ihren Augen „liegenden chriſtlichen Religionsſyſteme mit der „Unparteylichkeit eines unbeſtechbaren Wahr⸗ „heitsforſchers genauer gewogen. Vielleicht find „Sie jetzt dem Glauben der Chriſten naͤher getre⸗ „een, indem Sie der Knechtſchaft eiſerner Kir „henbande ſich entreiſſen, und das Freyheitsſy⸗ „ſtem des vernuͤnftigern Gottesdienſtes nun⸗ „mehr ſelbſt lehren, welches das eigentliche Ge⸗ „präge der chriſtlichen Gottesverehrung aus⸗ „macht, nach welchem wir dem Zwange und laͤ⸗ yvſtigen Zeremonien entronnen find, und den wah⸗ „ren Gottesdienſt weder an Samaria noch an 5 Feruſelem binden, sondern das Weſen der R „ligien „ligion-barin ſetzen, daß nach den Worten un⸗ vſers Lehrers die wahrhaftigen Anbeter Gott im y Geiſt und in der Wahrheit anbeten.“ Ä Feyerlich und pathetiſch genug iſt dieſe An⸗ finnung vorgebracht. — Allein, Lieber! ſoll ich dieſen Schritt thun, ohne vorher zu überlegen, ob er mich auch wirklich aus der Verwirrung ziehen wird, in welcher ich mich Ihrer Meinung nach befinde? Wenn es wahr iſt, daß die Eckſteine meines Hauſes austreten, und das Gebaͤude ein⸗ zuſtuͤrzen drohet, iſt es wohlgethan, wenn ich meine Habſeligkeit aus dem unterſten Stokwer⸗ ke in das oberſte rette? Bin ich da ſicherer? Nun iſt das Chriſtentum, wie Sie wiſſen, auf dem Indentume gebauet, und muß nothwendig, wenn dieſes fallt, mit ihm uͤber einen Hauffen ſtuͤrzen. Sie fagen, meine Schlußfolge unters grabe den Grund des Judentums, und bieten mir die Sicherheit Ihres oberſten Stokwerks an; muß ich nicht glauben, daß Sie meiner ſpotten? Sicherlich! Der Chriſt, dem es um Licht und Wahrheit im Ernſte zu thun ift, wird beim An⸗ ſcheine eines Widerſpruchs zwiſchen Wahrheit und ne zwiſchen Schrift und Vernunft, B 5 nicht nicht den Juden zum Kampfe auffordert, fons dern mit ihm gemeinſchaftlich den Ungrund des Widerſpruchs zu entdecken ſuchen. Es gehet ih⸗ rer beiden Sache an. Was ſie unter ſich aus⸗ zumachen haben, mag auf eine andere Zeit aus⸗ geſetzt bleiben. Voritzt muͤſſen fie mit vereinig⸗ ten Kraͤften die Gefahr abwenden, und entwe⸗ der den Fehlſchluß der Vernunft entdecken, oder zeigen, daß es blos ein n fey, der fie erfchreft hat.
So koͤnnte ich nun der Schlinge ausweichen, ohne mich mit dem Forſcher in weitere Unteru⸗ chung einzulaſſen. Allein was wuͤrde mir der Winkelzug helfen? Sein Gefaͤhrte, Herr Moͤr⸗ ſchel, hat, ohne mich perſoͤnlich zu kennen, mir allzutief ins Spiel geſehen. „Er hat“ wie er verſichert, „in der geruͤgten Vorrede blos Merk⸗ male entdekt, um welcher willen er mich eben „fo weit entfernt von der Religion, in welcher „ich geboren worden, als von der, die er von ſei⸗ „nen Vaͤtern empfing, halten zu koͤnnen glaubt.“ Zum Beweiſe ſeiner Vermuthung fuͤhrt er aus derſelben, auffer der Hinweiſung auf S. IV. Z. 21. (oo ich Heiden, Juden, Mahometaner und Ans * * haͤnder der natürlichen Religion in einer Zeile zuſammen nenne, und für alle Toleranz fordere) — S. V. 3. 8. (in welcher ich abermals von Duldung der Naturaliſten rede), und endlich S. XXXVII. 3.13. (wo ich von ewigen Wahrhei⸗ ten rede, die die Religion lehren ſoll), folgende | Stelle wörtlih an: „Das Andachtshaus der „Vernunft bedarf keiner verſchloſſenen Thuͤren. „Sie hat von innen nichts zu verwahren, und „von auſſen niemanden den Eingang zu verhin⸗ „dern. Wer einen ruhigen Zuſchauer abgeben, „oder gar Antheil nehmen will, iſt dem Gottſe⸗ „ligen in der Stunde feiner Erbauung hoͤchſt „willkommen.“ Man ſiehet, daß, nach Hrn. M. Meinung, kein Anhaͤnger der Offenbarung ſo laut um Duldung der Naturaliften anhalte, ſo laut von ewigen Wahrheiten ſprechen wuͤrde, die die Religion lehren ſoll, und daß ein wahrer Chriſt oder Jude Bedenken tragen muͤſſe, ſein Bethaus ein Andachtshaus der Vernunft zu neunen. Was ihn auf dieſe Gedanken gebracht haben koͤnne, begreife ich nun zwar nicht; in⸗ deſſen enthalten ſie doch den ganzen Grund zu ſeiner Vermuthung, und veranlaſſen ihn, wie er ſich — — Br uc Glauben, wenn ich wollte, zu beſtreiten; die Ju⸗ — ſich ausdruͤkt, nicht mich aufzufordern, mich zu ‚der Religion zu bekennen, die er bekennt, oder „fie zu widerlegen, wofern ich ihr nicht beyzutre⸗ „ten im Stande bin; ſondern mich im Namen „aller, denen Wahrheit am Herzen liegt, zu bit⸗ Hen, mich in Anſehung deſſen, was immer dem „Menſchen das Wichtigſte feon muß, deutlich und „beſtimmt zu erklaͤren.“ Er hat zwar, wie er verſichert, die Abſicht nicht, mich zu bekehren, moͤchte auch nicht gern Veranlaſſung zu Einwuͤr⸗ ſen gegen die Religion ſeyn, von der er Zufrie⸗ denheit in dieſem Leben, und unbegraͤnztes Gluͤk nach derſelben erwartet; aber er moͤchte doch gern — Was weis ichs, was der liebe Mann als les nicht moͤchte, und indeſſen doch moͤchte — Vorerſt alfo zur Beruhigung dieſes gutherzigen | Brieffchreibers: ich habe die chriſtliche Religion niemals oͤffentlich beſtritten, und werde mich auch mit wahren Anhaͤngern derſelben niemalen in Streit einlaſſen. Und damit man mir nicht aber⸗ mals Schuld gebe, ich wolle durch dergleichen Erklärung gleichſam zu verſtehen geben, ich hats te gar wohl ſiegreiche Waffen in Haͤnden, dieſen den den den befäßen etwa geheime Nachrichten, unbes kannt gewordene Aktenſtuͤcke, wodurch die That⸗ ſachen in einem andern Lichte erſcheinen, als ſie von Chriſten vorgetragen werden, und derglei⸗ chen Vorſpiegelungen, die man uns hat zutrauen, oder andichten wollen; um allen Verdacht von dieſer Art ein fuͤr allemal zu entfernen, ſo bezeu⸗ ge ich hiermit vor den Augen des Publikums, daß ich wenigſtens nichts Neues wider den Slauben der Chriſten vorzubringen habe; daß wir, ſo viel ich weis, keine andere Nachrichten don der Geſchichtsſache wiſſen, keine andere Ak tenſtuͤcke aufzuweiſen haben, als die allgemein be⸗ kannt ſind; daß ich alſo von meiner Seite nichts vorzubringen habe, das nicht ſchon unzaͤhlige Male von Juden und Naturaliſten geſagt und wiederholt, und von der Gegenpartey beantwor⸗ tet und wiederholt worden ſey. Mich duͤnkt, es ſey in fo vielen Jahrhunderten, und insbeſondere in unſerm ſchreibſeligen Jahrhunderte, genug in der Sache replizirt und duplizirt worden. Es iſt einmal Zeit, da die Parteyen nichts Neues mehr anzubringen haben, die Akten zu ſchlieſſen. Wer Augen hat, der ſehe; wer Vernunft hat, a der ber prüfe, und lebe nach feiner Ueberzeugung. Was nuͤtzt es, daß die Ruͤſtigen am Wege ſtehen, und jedem Voruͤbergehenden den Kampf anbie⸗ ten? Allzuvieles Gerede von einer Sache klaͤret in derſelben nichts auf, und verdunkelt vielmehr noch den ſchwachen Schein der Wahrheit. Ihr duͤrft von welchem Satze ihr wollet, nur oft und lange dafür und dawider reden und ſchreiben und ſtreiten, und koͤnnet verſichert ſeyn, daß er von ſeiner etwanigen Evidenz immer mehr und mehr verlieren wird. Das allzugroſſe Detail verhindert das Ueberſchauen des Ganzen. Herr M. hat alſo nichts zu beſorgen. Durch mich ſoll er ſicherlich nicht die Veranlaſſung zu Ein⸗ wuͤrfen gegen eine Religion werden, von der ſo viele meiner Nebenmenſchen Zufriedenheit in dieſem Leben und unbegraͤnztes Gluͤk nach dem⸗ ſelben erwarten. | Ich muß aber auch feinem ſpaͤhenden Blik — Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Er hat zum Theil nicht unrecht geſehen. Es iſt wahr: ich erkenne keine andere ewige Wahrheiten, als die der menſchlichen Vernunft nicht nur begreiflich, ſondern durch menſchliche Kraͤfte darge⸗ — „ dargethan und bewaͤhrt werden koͤnnen. Nur darin taͤuſcht ihn ein unrichtiger Begriff vom Judentum, wenn er glaubt, ich koͤnne dieſes nicht behaupten, ohne von der Religion meiner Väter abzuweichen. Ich halte dieſes vielmehr fuͤr einen weſentlichen Punkt der juͤdiſchen Reli⸗ gion, und glaube, daß dieſe Lehre einen charakte⸗ riſtiſchen Unterſchied zwiſchen ihr und der chriſt⸗ lichen Religion ausmache. Um es mit einem Worte zu ſagen: ich glaube, das Judentum wiſſe von keiner geoffenbarten Religion, in dem Verſtande, in welchem dieſes von den Chriſten genommen wird. Die Israeliten haben göttliche Geſetzgebung. Geſetze, Gebote, Befehle, Le⸗ bensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie ſie ſich zu verhalten haben, um zur zeitlichen und ewigen Gluͤkſeligkeit zu gelangen; dergleichen Saͤtze und Vorſchriften ſind ihnen durch Moſen auf eine wunderbare und uͤbernatuͤrliche Weiſe geoffenbaret worden; aber keine Lehrmeinungen keine Heilswahrheiten, keine allgemeine Ver⸗ nunftſaͤtze. Dieſe offenbaret der Ewige uns, wie allen uͤbrigen Menſchen, allezeit durch Natur und Sache, nie durch Wort und Schriftzeichen.
Tch beſorge, daß dieſes auffallen, und mans chem Leſer abermals neu und hart ſcheinen duͤrf⸗ te. Man hat auf dieſen Unterſchied immer we⸗ nig Acht gehabt; man hat uͤbernatuͤrliche Ge⸗ ſetzgebung für uͤbernatuͤrliche Religionsof⸗ fenbarung genommen, und vom Judentume ſo geſprochen, als ſey es blos eine fruͤhere Offen⸗ barung religiöſer Saͤtze und Lehren, die zum Hei⸗ le des Menſchen nothwendig ſind. Ich werde mich alſo etwas weitlaͤuftig zu erflären haben, und um nicht mis verſtanden zu werden, zu fruͤ⸗ hern Begriffen hinaufſteigen muͤſſen, um mit mei⸗ nem Leſer aus demſelben Standpunkte auszuge⸗ hen, und gleichen Schritt halten zu koͤnnen.
Man nennet ewige Wahrheiten diejenigen Saͤtze, welche der Zeit nicht unterworfen ſind, und in Ewigkeit dieſelben bleiben. Dieſe ſind ent⸗ weder nothwendig, an und fuͤr ſich ſelbſt un⸗ veraͤnderlich, oder zufaͤllig; das heißt, ihre Beſtaͤndigkeit gruͤndet ſich entweder auf ihr We⸗ ſen, ſie ſind deswegen ſo und nicht anders wahr, weil ſie ſo und nicht anders denkbar ſind, oder auf ihre Wirklichkeit: fie find deswegen allge⸗ mein wahr, deswegen ſo und nicht anders, weil 0 | fie ſie ſo und nicht anders wirklich geworden, weil ſie, unter allen moͤglichen ihrer Art, ſo und nicht anders die beſten ſind. Mit andern Worten: ſowohl die nothwendigen als zufälligen Wahr⸗ heiten fließen aus einer gemeinſchaftlichen Quelle, aus der Quelle aller Wahrheit: jene aus dem Verſtande, dieſe aus dem Willen Gottes. Die Saͤtze der nothwendigen Wahrheiten ſind wahr, weil ſie Gott ſo und nicht anders ſich vor⸗ ſtellet; der zufaͤlligen, weil ſie Gott ſo und nicht anders gut gefunden, und ſeiner Weis⸗ heit gemaͤß betrachtet hat. Beyſpiele der erſteren Gattung ſind die Saͤtze der reinen Mathematik und der Vernunftkunſt; Beyſpiele der letzteren die allgemeinen Säge der Phyſik und Geiſterleh⸗ re, die Geſetze der Natur, nach welchen dieſes Weltall, Koͤrper und Geiſterwelt regiert wird. Die erſten ſind auch der Allmacht unveraͤnder⸗ lich, weil Gott ſelbſt feinen. unendlichen Vers ſtand nicht veränderlich machen kann; die letztern hingegen find dem Willen Gottes unters worfen, und nur in ſo weit unveraͤnderlich, als es feinem heiligen Willen gefallt, das heißt, in ſo weit ſie ſeinen Absichten Ren ** | zweiter Abſchn.
ca). Allmacht konnte andere Geſeze an ihrer Stelle einfuͤhren, und kann, ſo oft es nuͤtzlich if, 8 1 Statt finden laſſen.
Außer dieſen ewigen Wahrheiten giebt 5 ch Zeitliche, Geſchichtswahrheiten; Dinge, die ſich zu Einer Zeit zugetragen, und vielleicht miemals wiederkommen; Saͤtze, bie durch einen