Zuſammenfluß von Urſachen und Wirkungen in einem Punkte der Zeit und des Raumes wahr geworden, und alſo von dieſem Punkte der Zeit und des Raumes nur als wahr gedacht werden ſoͤnnen. Von dieſer Art find alle Wahrheiten der Geſchichte, in ihrem weiteſten Umfange. Din⸗ ze der Vorwelt, die fich einft zugetragen, und uns erzaͤhlt 3 die wir aber rel nie aber _ können; So wie dieſe Gagen der Site und Bh betten ihret Natur nach verſthieden find, fd end fie es auch in Anſehung ihrer Ueberzeu⸗ gungsmittel, oder in der Art und Weiſe, wie die Menſchen ſich und andere davon uͤberfuͤhren.
Die Lehren der erſten Gattung, oder die noth⸗ wendigen Wahrheiten gründen ſich auf Ver⸗ rad d.. * üihderänderlichen Zuſammen 2er bang, * hang, und weſentliche Verbindung zwiſchen den Begriffen, vermoͤge welcher ſie ſich einander ent⸗ weder vorausſetzen, oder ausſchließen. Von dieſer Art ſind alle mathematiſche und logiſche Beweiſe. Sie zeigen alle die Moͤglichkeit, oder Unmoͤglichkeit, gewiſſe Begriffe in Verbindung zu denken. Wer ſeinen Nebenmenſchen davon unterrichten will, muß ſie nicht ſeinem Glauben empfehlen, ſondern ſeiner Vernunft gleichſam aufdringen; nicht Autoritaͤten anführen, und ſich auf die Glaubwuͤrdigkeit der Maͤnner beru⸗ fen, die eben daſſelbe behauptet haben; ſondern ‘ die Begriffe ſelbſt in ihre Merkmale zerlegen, und ſeinem Lehrling ſtuͤckweiſe fo lange vorhal⸗ ten, bis ſein innerer Sinn ihre Fugen und Ver bindungen wahrnimmt. Der Unterricht, den wir hierin andern geben koͤnnen, heſtehet, wie Sokrates gar wohl geſagt, blos in einer Art von Geburtshuͤlfe. Wir koͤnnen nichts in ihren Seiſt hineinlegen, das er nicht ſchon wirklich hat; aber wir koͤnnen ihm die Anſtrengung er⸗ leichtern, die es koſtet / das Verborgene an das Licht zn bringen; das heißt / das Unbemerkte bemerkbar und anſchaulich zu machen.
Ca Zn — Zu den Wahrheiten der zwoten Claſſe wird, außer der Vernunft, auch noch Beobachtung erfordert. Wollen wir wiſſen, welche Geſetze der Schoͤpfer ſeiner Schoͤpfung vorgeſchrieben, nach welchen allgemeinen Regeln die Veraͤnde⸗ rungen in derſelben vorgehen: ſo muͤſſen wir einzelne Fälle erfahren, beobachten, verſuchen, das heißt, zuvoͤrderſt die Evidenz der Sinne brauchen, und hernach durch die Vernunft, aus mehrern beſondern Fällen dasjenige herausbrin⸗ gen, was ſie gemein haben. Hier werden wir zwar manches ſchon auf Glauben und Anſehen von andern annehmen muͤſſen. Unſere Lebens⸗ zeit reicht nicht hin, alles ſelbſt zu erfahren, und wir muͤſſen in vielen Faͤllen uns auf glaub⸗ hafte Nebenmenſchen verlaſſen: die Beobach⸗ tungen und Verſuche, die ſie angeſtellt zu ha⸗ ben vorgeben, als wahr vorausſetzen. Wir trauen ihnen aber nur, in ſo weit wir wiſſen, und uͤberfuͤhrt ſind, daß die Gegenſtaͤnde noch immer vorhanden ſind, und die Verſuche und Beobachtungen von uns oder von andern, die Gelegenheit und Fahigkeit dazu haben, wieder⸗ holt und gepruͤft werden koͤnnen. Ja, wenn 2 ä 1 das — das Reſultat wichtig wird, und einen merklichen Einfluß auf unſere oder anderer Gluͤckſeligkelt hat; ſo beruhigen wir uns ſchon weit weniger bey der Ausſage der glaubhafteſten Zeugen, die uns die Verſuche und Beobachtungen erzaͤhlen, ſondern ſuchen Gelegenheit, fie felbft zu wieder⸗ holen und uns durch ihre eigene Evidenz von denſelben zu uͤberfuͤhren. So koͤnnen die Sia⸗ meſer z. B. allerdings dem Berichte der Euro⸗ paͤer trauen, daß in ihrer Weltgegend das Waſ⸗ ſer zu gewiſſen Zeiten hart werde, und ſchwere Laſten trage. Sie koͤnnen dieſes auf Glauben annehmen, und allenfalls in ihren Lehrbüchern der Phyſik als ausgemacht vortragen; in der Vorausſetzung, daß die Beobachtung noch im⸗ mer wiederholt und bewaͤhrt werden kann. Wenn es indeſſen zur Lebensgefahr kaͤme, wenn ſie itzt dieſem hartgewordenen Elemente ſich ſelbſt oder die Ihrigen anvertrauen ſollten; ſo wuͤrden fie ſich bey dem Zeugniffe ſchon weit weniger be⸗ ruhigen koͤnnen, ſondern durch mancherley ei⸗ gene Erfahrungen, Beobachtungen und Verſu⸗ che von der Wahrheit zu überführen haben.
Hinge⸗ Hinge⸗ e 1 Hingegen die Geſchichtswahrheiten, die Stellen, die gleichſam im Buche der Natur nur Einmal vorkommen, muͤſſen durch ſich ſelbſt er? laͤutert werden, ober bleiben unverſtaͤndlich: das heißt, ſie koͤnnen nur von denenjenigen ver⸗ mittelft der Sinne wahrgenommen werden, die ju der Zeit und an dem Orte zugegen geweſen, als fie ſich in der Natur zugetragen haben. Von jedem andern muͤſſen ſie auf Autoritaͤt und Zeug⸗ niß angenommen werden; und zwar die zu einer andern Zeit leben, muͤſſen ſich ſchlechterdings auf die Glaubhaftigkeit des Zeugniſſes verlaſſen. Denn das Bezeugte iſt nicht mehr. Der Ge⸗ genſtand und deſfen unmittelbare Beobachtung; an der ſie etwa appelliren wollen, ſind in der Natur nicht mehr anzutreffen. Die Sinne koͤn⸗ nen ſich von der Wahrheit nicht uͤberfuͤhren. Das Anſehen des Erzaͤhlers und ſeine Glaub⸗ haftigkeit machen die einzige Evidenz in hiſtori⸗ ſchen Dingen. Ohne Zeuguiß koͤnnen wir von keiner Geſchichtswahrheit überführt werden Shne Autorität verſchwindet die Wahrheit det Geſchichte mit dem Geſchehenen ſelbſt.
uc. So uc. So So oft es nun den Abſichten Gottes gemäß » iſt, daß die Menſchen von irgend einer Wahr⸗ heit uͤberfuͤhrt ſeyn ſollen; ſo verleihet ihnen ſei⸗ ne Weisheit auch die ſchicklichſten Mittel, zu derſel⸗ ben zu gelangen. Iſt es eine nothwendige Wahrheit, ſo verleihet ſie den dazu erforderli⸗ chen Grad der Vernunft. Soll ihnen ein Na⸗ turgeſetz bekannt werden, ſo giebt ſie ihnen den Geiſt der Beobachtung; und ſoll eine Geſchichts⸗ wahrheit der Nachwelt aufbehalten werden, ſo beftätiget fie ihre hiſtoriſche Gewißheit, und ſe - zet die Glaubwuͤrdigkeit der Erzaͤhler uͤber alle Zweifel hinweg. Blos in Abſicht auf Geſchichts⸗ wahrheiten, duͤnkt mich, ſey es der allerhoͤch⸗ ſten Weisheit anſtaͤndig, die Menſchen auf menſchliche Weiſe, d. i. durch Worte und Schrift zu unterrichten, und wo es zur Bewuͤh⸗ rung des Anſehens und der Glaubwuͤrdigkeit er forderlich war, auſſerordentliche Dinge und Wunder in der Natur geſchehen zu laſſen. Jene ewigen Wahrheiten hingegen, in ſo weit ſie zum Heile und zur Glückſeligkeit der Menſchen nügs lich ſind, lehret Gott auf eine der Gottheit ge⸗ EN nicht durch Laut und Schrift: C4 g zeichen, * * zeichen, die hier und da, dieſem und jenem vers ſtaͤndlich ſind, ſondern durch die Schoͤpfung ſelbſt und ihre innerlichen Verhaͤltniſſe, die allen Menſchen leſerlich und verſtaͤndlich ind. Er beſtaͤtiget fie auch nicht durch Wunder, die nur Hhiſtoriſchen Glauben bewirken; ſondern erwek⸗ ket den von ihm erſchaffenen Geiſt, und giebt ihm Gelegenheit jene Verhaͤltniſſe der Dinge zu beobachten, ſich ſelbſt zu beobachten, und von den Wahrheiten zu überzeugen, die er ERROR zu erkennen beſtimmt iſt.
Ich glaube alſo nicht, daß die Kraͤfte der menſchlichen Vernunft nicht hinreichen, ſie von den ewigen Wahrheiten zu uͤberfuͤhren, die zur menſchlichen Gluͤckſeligkeit unentbehrlich find, und daß Gott ihnen ſolche auf eine uͤbernatuͤrli⸗ che Weiſe habe offenbaren müffen. Die dieſes behaupten, ſprechen der Allmacht oder der Guͤte Gottes auf der andern Seite ab, was ſie auf der einen Seite feiner Gute zu zulegen glauben. Er war, nach ihrer Meinung gütig genug, den Menſchen diejenigen Wahrheiten zu offenbaren, von welchen ihre Gluͤckſeligkeit abhaͤnget; aber nicht. oder Bun gütig genug; ihnen end > ſelbſt ſelbſt die Kräfte zu verleihen, ſolche zu entdecken.
Zudem macht man durch dieſe Behauptung die Nothwendigkeit einer uͤbernatuͤrlichen Offenba⸗ rung allgemeiner, als die Offenbarung ſelbſt.
Wenn denn das menſchliche Geſchlecht ohne Of⸗ fenbarung verderbt und elend ſeyn müßte; was rum hat denn der bey weitem groͤßere Theil deſ⸗ ſelben von je her ohne wahre Offenbarung gelebet, oder warum muͤſſen beide Indien war⸗ ten, bis es den Europäern gefällt, ihnen eini⸗ ge Troͤſter zu zuſenden, die ihnen Bothſchaft bringen ſollen, ohne welche ſie, dieſer Meinung nach, weder tugendhaft, noch gluͤckſelig leben koͤnnen? ihnen Bothſchaft zu bringen, die fie ihren Umſtaͤnden, und der Lage ihrer Erkennt⸗ niß nach, weder recht verſtehen, noch gehoͤrig brauchen koͤnnen?
Nach den Begriffen des wahren Judentums ſind alle Bewohner der Erde zur Gluͤckſeligkeit berufen, und die Mittel derſelben fo ausgebrei⸗ tet, als die Menſchheit ſelbſt, ſo milde ausge⸗ ſpendet, als die Mittel ſich des Hungers und anderer Naturbebürfniffe zu erwehren. Hier der rohen Natur uͤberlaſſen, die ihre Kraft ins 8 N C 5 ner⸗ nerlich empfindet, und ſich derſelben tablet ohne ſich in Wort und Vortrag anders, als hoͤchſt mangelhaft, und gleichſam ſtammelnd, auslaſ⸗ ſen zu koͤnnen; dort durch Wiſſenſchaft und Kunſt unterſtuͤtzt, hellglaͤnzend durch Worte, Bilder und Gleichniſſe, durch welche die Wahr⸗ nehmungen des innern Sinnes in deutliche Zeichenerkenntniß verwandelt und aufgeſtellt wer; den. So oft es nützlich war, hat die Vorſehung ‚unter jeder Nation der Erde weiſe Männer aufſtehen laſſen, und ihnen die Gabe verliehen, mit hellerem Auge in ſich ſelbſt, und um ſich her zu ſchauen, die Werke Gottes zu betrachten, und ihre Erkenntniſſe andern mitzutheilen. Aber nicht zu allen Zeiten iſt dieſes noͤthig oder nuͤtz⸗ lich. Sehr oft reichet, wie der Pfalmift ſagt, 5 das Kallen der Rinder und Säuglinge hin, den Feind zu beſchaͤmen Der einfältig le⸗ bende Menſch hat ſich die Einwuͤrfe noch nicht erkuͤnſtelt, die den Sophiſten fo ſehr verwirren. Iphm iſt das Wort Natur, der bloſſe Schall, noch nicht zu einem Weſen geworden, das die Gottheit verdrengen will. Er weis ſo gar noch wenig von dem Unterſchiede zwiſchen mittelba⸗ „5 ker \ \ rer und unmittelbarer Wirkung, und hoͤrt und ſiehet vielmehr die alles belebende Kraft der Gottheit uͤberall: in jeder aufgehenden Sonne, in jedem Regen, der niederfaͤllt, in jeder Blu⸗ me, die aufbluͤhet, und in jedem Lamme, das auf der Wieſe weidet und ſich ſeines Daſeyns freuet. Dieſe Vorſtellungsart hat etwas feh⸗ lerhaftes; allein ſie fuͤhret unmittelbar zur Er⸗ kenntniß eines unſichtbaren allmaͤchtigen Weſens, dem wir alles Gute, das wir genießen, zu ver⸗ danken haben. Sobald aber ein Epikur oder Currez, ein Helvetius oder Zume das Un⸗ vollſtaͤndige in dieſer Vorſtellungsart ruͤget / und (welches der menſchlichen Schwachheit zu gute zu halten iſt) auf der andern Seite ausſchweif⸗ fee, und mit dem Worte Natur ein taͤuſchen⸗ des Spiel treiben will; fo erweckt die Vorſe⸗ hung wiederum andere Männer im Volke, die Vorurtheil von Wahrheit trennen, das Ueber⸗ triebene von beiden Seiten berichtigen, und zeigen, daß die Wahrheit Beſtand habe, wenn auch das Vorurtheil verworfen wird. Im Grun⸗ de iſt es immer noch derſelbe Stoff; dort mit allen rohen aber kraftvollen Saͤften, die ihm we |. die die Natur giebt; hier mit dem verfeinerten Wohlgeſchmacke der Kunſt, zur Verdauung leichter, aber auch nur für Schwaͤchliche. Das Thun und Laſſen der Menſchen und die Sittlich⸗ keit ihres Lebenswandels hat ſich von jener ro⸗ hen Vorſtellungsart, im Ganzen genommen, Ai vielleicht eben fo gute Folgen zu verfprechen, als von dieſen verfeinerten und gereinigten Be⸗ griffen. Manches Volk iſt von der Vorſehung beſtimmt, dieſen Kreislauf der Begriffe durch zu⸗ wandern; ja zuweilen mehr als Einmal durch zuwandern; aber vielleicht bleibt das Maaß und Gewicht ihrer Sittlichkeit in allen dieſen man⸗ nigfaltigen Epochen, im Ganzen genommen, un⸗ gefaͤhr daſſelbe.
Ich für meinen Theil habe keinen Begriff von der Etziehung des Menſchengeſchlechts, die ſich mein verewigter Freund Kefling von, ich weis nicht, welchem Geſchichtsforſcher der Menſchheit, hat einbilden laſſen. Man ſtellet ſich das collektive Ding, das menſchliche Ge⸗ ſchlecht, wie eine einzige Perſon vor, und glaubt, die Vorſehung habe ſie hieher gleichſam in die Schule geſchickt, um aus einem Kinde zum Man⸗ ne ne ne erzogen zu werden. Im Grunde iſt das menſchliche Geſchlecht faſt in allen Jahrhunder⸗ ten, wenn die Metapher gelten ſoll, Kind und Mann und Greis zugleich, nur an verſchiede⸗ nen Orten und Weltgegenden. Hier in der Wiege, ſaugt an der Bruſt, oder lebt von Ram und Milch; dort in männlicher Rüftung und verzehrt das Fleiſch der Rinder; und an einem andern Orte am Stabe und ſchon wieder ohne Zähne. Der Fortgang iſt für den einzelnen Menſchen, dem die Vorſehung beſchieden, einen Theil ſeiner Ewigkeit hier auf Erden zu zubrin⸗ gen. Jeder gehet das Leben hindurch ſeinen eigenen Weg; dieſen fuͤhrt der Weg uͤber Blu⸗ men und Wieſen, jenen über wuͤſte Ebenen oder über ſteile Berge und gefahrvolle Kluͤfte. Aber alle kommen auf der Reiſe weiter, und gehen ihres Weges zur Gluͤckſeligkeit, zu welcher ſie beſchieden ſind. Aber daß auch das Ganze, die Menſchheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwaͤrts ruͤcken, und ſich vervollkomm⸗ nen ſoll, dieſes ſcheinet mir der Zweck der Vor⸗ ſehung nicht geweſen zu ſeyn; wenigſtens iſt dieſes ſo ausgemacht, und zur Rettung der Vor⸗ ſehung ſehung Gottes bey weitem fo nothwendig nicht, als man ſich vorzuſtellen pflegt. | RUE.
Daß wir doch immer wider alle Theorie und Hypotheſen uns ſtraͤuben, und von Thatſachen reden, nichts als von Thatſachen hoͤren wollen, und uns gerade da am wenigſten nach Thatſachen umſehen, wo es am meiſten darauf ankommt. Ihr wollt errathen, was fuͤr Abſichten die Vor⸗ ſehung mit der Menſchheit hat? Schmiedet kei⸗ ne Hyvotheſen; ſchauet nur umher auf das, was wirklich geſchiehet, und, wenn ihr einen Ue⸗ berblick auf die Geſchichte aller Zeiten werfen koͤnnet, auf das, was von jeher geſchehen iſt. Dieſes iſt Thatſache, dieſes muß zur Abſicht ge⸗ hoͤrt haben, muß in dem Plane der Weisheit genehmigt, oder wenigſtens mit aufgenommen worden ſeyn. Die Vorſehung verfehlt ihres Endzweckes nie. Was wirklich geſchiehet / muß von jeher ihre Abſicht geweſen ſeyn, oder dazu gehört haben. Nun findet ihr, in Abſicht auf das geſammte Menſchengeſchlecht, keinen. bes ſtaͤndigen Fortſchritt in der Ausbildung, der ſich der Vollkommenheit immer naͤherte. Vielmehr rg Menſchengeſchlecht im Ganzen . kleine fleine Schwingungen machen, rind es that nie einige Schritte vorwaͤrts, ohne bald nachher, mit gedoppelter Geſchwindigkeit, in ſeinen vo⸗ tigen Stand zuruck zu gleiten. Die mehreſten Nationen der Erde leben viele Jahrhunderte auf derſelben Stufe von Eultur, in Demfelben daͤm⸗ mernden Lichte, das unſeren vervooͤhnten Augen viel zu ſchwach ſcheint. Je zuweilen entzuͤndet ſich ein Punkt in der großen Maſſe, wird zum glänzenden Geſtirne, und durchwandelt eine Laufbahn, die ihn nach einer bald kurzen bald laͤngern Periode zuruͤckfuͤhret, und wiederum aͤn ſeinen Ort des Stillſtandes, oder nicht weit davon, abſetzet. Der Menſch gehet weiter; aber die Menſchheit ſchwankt beſtaͤndig zwiſchen feſtgeſetzten Schranken, auf und nieder, behaͤlt aber im Ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefaͤhr dieſelbe Stufe der Sittlichkeit, daſſelbe Maaß von Religion und Irreligion) von Tugend und Laſter, von Glüͤckſeligkeit und Elend; daſſelbe Reſultat, wenn Gleiches mit Gleichem in Berechnung gebracht wird; von allen dieſen Guͤtern und Uebeln ſo viel, als zum dn der einzelnen Menſthen erforderlich N war j N war j war, damit dieſe hienieden erzogen werden, und ſich der Vollkommenheit fo viel nähern mögen, als einem jeden beſchieden und zugetheilt worden. Ich komme wieder zu meiner vorigen Be⸗ ö merkung. Das Judentum ruͤhmet ſich keiner * \ausföließenden Offenbarung ewiger Wahrhei⸗ ten, die zur Seligkeit unentbehrlich ſind; kei⸗ ner geoffenbarten Religion, in dem Verſtande, in welchem man dieſes Wort zu nehmen ge⸗ wohnt iſt. Ein anderes iſt geoffenbarte Reli⸗ gion; ein anderes geoffenbarte Geſetzgebung. Die Stimme, die ſich an jenem großen Tage, auf Sinai hoͤren ließ, rief nicht: „ich bin der „Ewige, dein Gott! das nothwendige, ſelbſt⸗ „fändige Weſen, das allmaͤchtig iſt und allwiſ⸗ „end, das den Menſchen in einem zufünftigen - „Leben vergilt, nach ihrem Thun. Dieſes iſt allgemeine Menſchenreligion, nicht Juden⸗ tum; und allgemeine Menſchenreligion ohne welche die Menſchen weder tugendhaft ſind, noch gluͤckſelig werden koͤnnen, ſollte hier nicht geof⸗ ſenbart werden. Konnte im Grunde nicht; denn wen ſollte die Donnerſtimme und der Po⸗ : Festung von jenen ewigen Heilslehren übers fuhren?
- - führen? Sicherlich den gedankenloſen Thien menſchen nicht, den ſeine eigene Betrachtung noch nicht auf das Daſeyn eines unſichtbaren Weſens gefuͤhrt hat, das dieſes Sichtbare regieret. Die⸗ ſem wuͤrde die Wunderſtimme keine Begriffe ein⸗ gegeben, alſo nicht uͤberzeugt haben. Den So⸗ phiſten noch weniger, dem ſo viele Zweifel und Gruͤbeleyen vor dem Gehoͤre ſauſen, daß er die Stimme des geſunden Menſchenverſtandes nicht mehr wahrnimmt. Dieſer fordert Vernunft⸗ gruͤnde, keine Wunderdinge. Und wenn der Religionslehrer alle Todten aus dem Staube erweckt, die jemals auf demſelben geſtanden ha⸗ ben, um eine ewige Wahrheit dadurch zube⸗ ſtaͤtigen; der Zweifler ſpricht: der Lehrer hat viele Todten erweckt, aber von der ewigen Wahrheit weiß ich nicht mehr als vorhin. Ich weiß nunmehr, daß jemand auſſerordentliche Dinge thun, und hören laſſen kann, aber ders gleichen Weſen kann es mehrere geben, die ſich eben itzt zu offenbaren, nicht für gut finden, und wie weit iſt alles dieſes noch von der unendlich erhabenen Idee einer Einzigen, ewigen Gott⸗ heit, die dieſes ganze Weltall, nach ihrem un⸗ zweiter Abſchn. D um⸗ umſchraͤnkten Willen regiert, und die 9 Gedanken der Menſchen durchſchauet, um ihre Handlungen, wo nicht hier, doch in jener Zu⸗ kunft, nach Verdienſt zu belohnen? — Wer dieſes nicht wußte, wer von dieſen zur menſchli⸗ chen Gluͤckſeligkeit unentbehrlichen Wahrheiten nicht durchdrungen, und ſo vorbereitet zum hei⸗ ngen Berge hintrat, den konnten die großen wundervollen Anſtalten betaͤuben, und nieder⸗ ſchlagen, aber nicht eines beſſern belehren. — Nein! alles dieſes ward vorausgeſetzt, ward vielleicht in den Vorbereitungstagen gelehrt, er⸗ oͤrtert und durch menſchliche Gruͤnde auſſer Zwei⸗ fel geſetzt, und nun rief die goͤttliche Stimme: „Ich bin der ewige, dein Gott! der dich „aus dem Lande Mizraim geführt, aus der „Sklaverey befreiet hat u. f. w.“ Eine Ges ſchichtswahrheit, auf die ſich die Geſetzgebung dieſes Volks gruͤnden ſollte, und Geſetze ſollten hier geoffenbaret werden; Gebote, Verord⸗ nungen, keine ewige Religionswahrheiten. „Ich „bin der Ewige, dein Gott, der mit deinen Vaͤ⸗ „tern Abraham, Iſaak und Jakob einen 1 ie „ und ihnen zugeſchworen hat, — „ihrem Samen eine mir eigene Nation zu bilden. „Der Zeitpunkt iſt endlich gekommen, da dieſe „Verheiſſung in Erfuͤllung gehen ſoll. Ich ha⸗ „be euch zu dem Ende aus der Sklaverey der „Egyptier erloͤſet, mit unerhoͤrten Wundern und „Zeichen erloͤſet. Ich bin euer Erretter, euer „Oberhaupt und Koͤnig, mache auch mit euch ei⸗ „nen Bund, und gebe euch Geſetze, nach wel⸗ „chen ihr in dem Lande, das ich euch eingeben „werde, leben und eine glückliche Nation ſeyn yſollet. Alles dieſes find Geſchichtswahrhei⸗ ten, die ihrer Natur nach, auf hiſtoriſcher Evi⸗ denz beruhen, durch Autorität bewährt werden muͤſſen, und durch Wunder bekraͤftiget werden koͤnnen.
Wunder und auſſerordenkliche geichen ſind nach dem Judentume, keine Beweismittel fuͤr oder wider ewige Vernunftwahrheiten. Daher ſind wir in der Schrift ſelbſt angewieſen, wenn ein Prophet Dinge lehret, oder anraͤth, die ausge⸗ machten Wahrheiten zuwider ſind, und wenn er feine Sendung auch durch Wunder bekraͤfti⸗ get, ihm nicht zu gehorchen; ja den Wunderthaͤ⸗ ter zum Tode iu verurtheilen, wenn er zur Ab⸗ Da goͤt⸗ götterey verleiten will. Denn Wunder fünnen nur Zeugniffe bewähren, Autoritäten unterſtuͤ⸗ gen; Glaubhaftigkeit der Zeugen und Uberliefe⸗ rer befräftigen; aber alle Zeugniſſe und Autos vitäten koͤnnen keine ausgemachte Vernunft⸗ wahrheit umſtoßen, keine. und Bedenklichkeit hinwegſetzen.
Ob nun gleich dieſes göttliche Buch, das wir durch Meſen empfangen haben, eigentlich ein Ge⸗ ſetzbuch feyn, und Verordnungen, Lebensre⸗ geln und Vorſchriften enthalten ſoll; ſo ſchließt es gleichwohl, wie bekannt, einen unergruͤnd⸗ lichen Schatz von Vernunftwahrheiten und Reli⸗ gionslehren mit ein, die mit den Geſetzen ſo in⸗ nigſt verbunden ſind, daß ſie nur Eins ausma⸗ chen. Alle Geſetze beziehen, oder gruͤnden ſich auf ewige Vernunftwahrheiten, oder erinnern und erwecken zum Nachdenken über dieſelben; ſo daß unſere Rabbinen mit Recht ſagen: die Geſetze und Lehren verhalten ſich gegen einan⸗ der, wie Koͤrper und Seele. Ich werde hier⸗ von weiter unten ein mehreres zu ſagen Gele⸗ genheit haben, und begnuͤge mich dieſes hier blos als eine Thatſache voraus uſetzen, davon = ſch ſich ein Jeder überführen kann, der die Geſetze Moſes auch nur in irgend einer Ueberſetzung zu dieſer Abſicht in die Hand nimmt. Die Erfah⸗ rung vieler Jahrhunderte lehret auch, daß dies ſes goͤttliche Geſetzbuch, einem großen Theil des menſchlichen Geſchlechts Quelle des Erkenntniſ⸗ ſes geworden, aus welcher ſie neue Begriffe ſchoͤpfen, oder die alten berichtigen. Je mehr ihr in demſelben forſchet, deſto mehr erſtaunt ihr, uͤber die Tiefe der Erkenntniſſe, die darinn verborgen liegen. Die Wahrheit bietet ſich zwar in demſelben, in der einfachſten Bekleidung, gleichſam ohne Anſpruch, auf den erſten Ans blick dar. Allein je naher ihr hinzudringet, je reiner, unſchuldiger, liebes und ſehnſuchts voller der Blick iſt, mit welchem ihr auf fie hinſchauet, deſto mehr entfaltet ſie euch von ihrer goͤttlichen Schönheit, die fie mit leichtem Flor verhuͤllt, um nicht von gemeinen unheiligen Augen ent⸗ weihet zu werden, Allein alle dieſe vorrtrefli⸗ chen Lehrſaͤtze werden dem Erkenntniß dargeſtellt, der Betrachtung vorgelegt, ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Unter allen Vorſchrif⸗ ten und Verordnungen des Moſaiſchen Geſetzes, D 3 lau⸗ lautet kein Einziges: Du ſollſt glauben! oder nicht glauben; ſondern alle heiſſen: du ſollſt thun, oder nicht thun! Dem Glauben wird nicht befohlen; denn der nimmt keine andere Befehle an, als die den Weg der Ueberzeugung zu ihm kommen. Alle Befehle des göttlichen Geſetzes ſind an den Willen, an die Thatkraft der Menſchen gerichtet. Ja, das Wort in der Grundſprache, das man durch Glauben zu uͤberſetzen pflegt, heißt an den mehreſten Stel⸗ len eigentlich Vertrauen, Zuverficht, getro⸗ ſte Verſicherung auf Zuſage und Verheiſſung. Abraham vertraute dem Ewigen, und es ward ihm zur Gottſeligkeit gerechnet (1 B. N. 15, 6.): die Iſraeliten ſahen, und hatten Zutrauen zu dem Ewigen und zu Moſen, ſeinem Diener (2 B. M. 14, 31. Wo von ewigen Vernunftwahrheiten die Rede iſt, heißt es nicht, glauben, ſondern erkennen und wiſ⸗ ſen. Damit du erkenneſt, daß der Ewige wahrer Gott, und auſſer ihm keiner ſey. (5. B. M. 4, 39.) Erkenne alfo und nimm dir zu Sinne, daß der Herr allein Gott fey, oben im Simmel, fo wie unten auf der Eu⸗ . de, . de, de, und ſonſt niemand (daſelbſt ). Vernimm Iſrael! der Ewige, unſer Gott iſt ein Einzi⸗ ges, ewiges Weſen! (5 B. M. 6, 4.) Nirgend wird geſagt: glaube Iſrael, ſo wirſt du ge⸗ fegnet ſeyn; Zweifle nicht, Iſrael! oder dieſe und jene Srafe wird dich verfolgen. Gebot und Verbot, Belohnung und Strafen find nur für Handlungen, für Thun und Laffen, die in des Menſchen Willkuͤhr ſtehen, und durch Begriffe vom Guten und Boͤſen, alſo auch von Hofnung und Furcht gelenkt werden. Glau⸗ be und Zweifel, Beyfall und Widerſpruch hin? gegen, richten ſich nicht nach unſerem Begeh⸗ rungsvermoͤgen, nicht nach Wunſch und Ver⸗ langen, nicht nach Fuͤrchten und Hoffen; ſon⸗ dern nach unſerer Erkenntniß von Wahrheit und Unwahrheit. a Daher hat auch das alte Judentum keine ſymboliſche Bücher, keine Glaubensartikel. Niemand durfte Spmbola beſchwoͤhren, mies mand ward auf Glaubens artikel beeidiget; ja, wir haben von dem, was man Glaubenseide nennet, gar keinen Begriff, und muͤſſen ſie, nach dem Geiſte des achten Judentums, für uns Da un⸗ .. ˙Ü. U ou nr meer .. ˙Ü. U ou nr meer unſtatthaft halten. Majemonides kam zuerſt auf den Gedanken, die Religion ſeiner Vaͤter auf eine gewiſſe Anzahl von Grundſaͤtzen einzu⸗ ſchraͤnken; damit die Religion, wie er zu verſte⸗ hen giebt, ſo wie alle Wiſſenſchaften, ihre Grund⸗ begriffe habe, aus welchen alles übrige herge⸗ leitet wird. Aus dieſem blos zufaͤlligen Gedan⸗ ken find die dreyzehn Artikel des juͤdiſchen Ka⸗ techismus entſtanden, denen wir das Morgen⸗ lied Jigdal, und einige gute Schriften von Chisdai, Albo und Abarbanell zu verdanken haben. Dieſes find auch alle Folgen, die fie bisher gehabt haben. Zu Glaubensfeſſeln find fie, Gottlob! noch nicht geſchmiedet worden. Chis⸗ dai beſtreitet fie und ſchlaͤgt Abaͤnderungen vor; Albo ſchraͤnkt ihre Anzahl ein, und will nur von dreyen Grundartikeln wiſſen, tie mit denen, welche Herbert von Cherbury in ſpaͤtern Zei⸗ ten zum Katechismus vorgeſchlagen, ziemlich uͤbereintreffen, und noch andere, hauptſaͤchlich Lorja und feine Schüler, die neueren Rabbali⸗ ſten, wollen gar keine beſtimmte Anzahl von Fun⸗ damentallehren gelten laſſen, und ſprechen: in unſrer Lehre iſt alles fundamental. Indeſſen 5 9 1 warb ward dieſer Streit geführt, wie alle Streitigs keiten dieſer Art gefuͤhrt werden ſollten: mit Ernſt und Eifer, aber ohne Haß und Bitterkeit; und ob ſchon die dreyzehn Artikel des Majemo⸗ nides von dem größten Theile der Nation ange! nommen worden ſind; ſo hat doch meines Wiſ⸗ ſens noch niemand den Albo verketzert, daß er fie hat einſchraͤnken und auf weit allgemeinere Vernunftſaͤtze zuruͤckfuͤhren wollen. Hierin has ben wir den wichtigen Ausſpruch unſerer Weiſen noch nicht aus der Acht gelaſſen: „Obgleich „dieſer loͤſet, jener bindet, fo lehren fie „doch beide Worte des lebendigen Got⸗ N D 5 Im *) Ich habe fo manchen Pedanten dieſen Spruch zum Beweiſe anfuͤhren ſehen, daß die Rabbinen den Satz des Widerſpruchs nicht glauben. Ich wuͤnſche die Tage zu erleben, da alle Voͤlker der Erde dieſe Ausnahme von dem allgemeinen Satze des Wider⸗ ſpruchs werden gelten laſſen: der Faſttag des Vier⸗ ten und der Faſttag des zehnten Monats mag in wonne und Freudentag verwandelt werden, nur liebet Wahrheit und Srzeden. (Zachar. 8, Im Grunde koͤmmt auch hier alles auf den Unterſchied zwiſchen Glauben und Wiſſen, Religionslehren und Religionsgeboten, an. Al⸗ les menſchliche Wiſſen läßt ſich allerdings auf wenige Fundamentalbegriffe einſchraͤnken, die zum Grunde gelegt werden. Je weniger, deſto⸗ fefter ſtehet das Gebäude. Aber Geſetze leiden keine Abkuͤrzung. In ihnen iſt alles fundamen⸗ tal, und in ſo weit koͤnnen wir mit Grunde ſa⸗ gen: uns ſind alle Worte der Schrift, alle Ge⸗ bote und Verbote Gottes fundamental. Wollt ihr gleichwohl die Quinteſſenz daraus haben; fo hoͤret, wie jener größere Lehrer der Nation, Hillel der ältere der vor der Zerſtoͤhrung des zweyten Tempels lebte, ſich dabey genommen.
Ein Heide ſprach: Rabbi, lehret mich das ganze Geſetz, indem ich auf einem Fuße ſtehe! Sa. mai, an den er dieſe Zumuthung vorher ergehen ließ, hatte ihn mit Verachtung abgewieſen; al — * lein der durch ſeine unuͤberwindliche Gelaſſen⸗ heit und Sanftmuth berühmte Sillel ſprach: Sohn! liebe deinen Naͤchſten wie dich ſelbſt. Dieſes iſt der Text des Geſetzes; alles uͤbrige iſt Kommentar. Nun gehe hin und lerne!
g Ich j f Ich habe nunmehr, zum Grundriſſe des alten, urſpruͤnglichen Judentums, wie ich mir ſolches vorſtelle, die Außenlinien entworfen.
Lehrbegriffe und Geſetze; Geſinnungen und Handlungen. Jene waren nicht an Worte und Schriftzeichen gebunden, die fuͤr alle Menſchen und Zeiten, unter allen Revolutionen der Spra⸗ chen, Sitten, Lebensart und Verhaͤltniſſe im⸗ mer dieſelben bleiben, uns immer dieſelbe ſteife Formen darbieten ſollen, in welche wir unſere Begriffe nicht einzwaͤngen koͤnnen, ohne ſie zu zerſtuͤmmeln. Sie wurden dem lebendigen, gei⸗ ſtigen Unterrichte anvertrauet, der mit allen Veraͤnderungen der Zeiten und Umſtaͤnde glei⸗ chen Schritt halten, und nach dem Beduͤrfnis, n nach der Faͤhigkeit und Faſſungskraft des Lehr⸗ lings abgeaͤndert und gemodelt werden kann. Die Veranlaſſung zu dieſem vaͤterlichen Unter⸗ richte fand man in dem geſchriebenen Geſetzbu⸗ che, und in den Zeremonialhandlungen, die der Bekenner des Judentums unaufhoͤrlich zu beob⸗ achten hatte. Es war Anfangs ausdruͤcklich verboten, uͤber die Geſetze mehr zu ſchreiben, als Gott der Nation durch Moſen hat verzeich⸗ N nen 2 nen laſſen. „Was muͤndlich überliefert worden,“ ſagen die Rabbinen, „iſt dir nicht erlaubt, nie⸗ »derzuſchreiben.“ Mit vielem Widerwillen ent⸗ ſchloſſen ſich die Haͤupter der Synagoge in den folgenden Zeiten zu der nothwendig gewordenen Erlaubnis, über die Geſetze ſchreiben zu duͤrfen, Sie nannten dieſe Erlaubnis eine Zerſtoͤrung des Geſetzes, und fagten mit dem Pfalmiften: „es „tft eine Zeit, da man um des Ewigen willen, „das Geſetz zerſtoͤren muß.“ So ſollte es aber, der urſpruͤnglichen Verfaſſung nach, nicht ſeyn.
Das Zeremonialgeſetz ſelbſt iſt eine lebendige, Geiſt und Herz erweckende Art von Schrift, die bedeutungsvoll iſt, und ohne Unterlaß zu Bes trachtungen erweckt, und zum mündlichen Uns terrichte Anlaß und Gelegenheit giebt. Was der Schuͤler vom Morgen bis Abend that und thun ſahe, war ein Fingerzeig auf religiofe Leh⸗ ren und Geſinnungen, trieb ihn an, ſeinem Lehrer zu folgen, ihn zu beobachten, alle feine Handlungen zu bemerken, den Unterricht zu hos len, deſſen er durch ſeine Anlagen faͤhig war, und ſich durch ſein Betragen wuͤrdig gemacht hatte. Die Ausbreitung der Schriften und Buͤ⸗ | | cher cher, die durch die Erfindung der Druckerey in unſern Tagen ins Unendliche vermehrt worden ſind, hat den Menſchen ganz umgeſchaffen. Die große Umwaͤlzung des ganzen Syſtems der menſchlichen Erkenntniſſe und Geſinnungen, die ſie hervorgebracht, hat von der einen Seite zwar erſprießliche Folgen fuͤr die Ausbildung der Menſchheit, dafuͤr wir der wohlthaͤtigen Vorſe⸗ hung nicht genug danken koͤnnen; indeſſen hat ſie, wie alles Gute, das dem Menſchen hienie⸗ den werden kann, ſo manches Uebel nebenher zur Folge, das zum Theil dem Mißbrauche, zum Theil auch der nothwendigen Bedingung der Menſchlichkeit zuzuſchreiben iſt. Wir lehren und unterrichten einander nur in Schriften; lernen die Natur und die Menſchen kennen, nur aus Schriften; arbeiten und erholen, erbauen und ergoͤtzen uns durch Schreiberey; der Prediger unterhaͤlt ſich nicht mit ſeiner Gemeine, er lieſt oder deklamirt ihr eine aufgeſchriebene Abhand⸗ lung vor. Der Lehrer auf dem Catheder lieſt ſeine geſchriebenen Hefte ab. Alles iſt todter Buchſtabe; nirgends Geiſt der lebendigen Unter⸗ haltung. Wir lieben und zuͤrnen in Briefen, ö zanken ö zanken zanken und vertragen uns in Briefen, unſer ganzer Umgang iſt Briefwechſel, und wenn wir zuſammenkommen, fo kennen wir keine andere unterhaltung, als ſpielen oder vorleſen.
Daher iſt es gekommen, daß der Menſch fuͤr den Menſchen faſt ſeinen Werth verloren hat. Der Umgang des Weiſen wird nicht geſucht; denn wir finden ſeine Weisheit in Schriften. Alles was wir thun, iſt ihn zum Schreiben auf⸗ zumuntern, wenn wir etwa glauben, daß er noch nicht genug hat drucken laſſen. Das graue Alter hat ſeine Ehrwuͤrdigkeit verloren; denn der unbaͤrtige Juͤngling weis mehr aus Büs chern, als jenes aus der Erfahrung. Wohlver⸗ ſtanden, oder uͤbelverſtanden, darauf koͤmmt es nicht an; genug er weis es, traͤgt es auf den kippen, und kann es dreiſter an den Mann brin⸗ gen, als der ehrliche Greis, dem vielleicht mehr die Begriffe, als die Worte zu Gebote ſtehen. Wir begreifen nicht mehr, wie der Prophet es hat fuͤr ein ſo erſchreckliches Uebel halten koͤn⸗ nen, daß der Juͤngling ſich erhebe über den Greis; oder wie jener Grieche dem Staate habe den Untergang prophezeihen koͤnnen, weil in ei⸗ | ner ner Öffentlichen Verſammlung ſich eine muthwil⸗ lige Jugend uͤber einen Alten luſtig gemacht hatte. Wir brauchen des erfahrnen Mannes nicht, wir brauchen nur ſeine Schriften. Mit einem Worte, wir ſind litterati, Buchſtaben⸗ menſchen. Vom Buchſtaben haͤngt unſer gan⸗ zes Weſen ab, und wir koͤnnen kaum begreifen, wie ein Erdenſohn ſich bilden, und e nen kann, ohne Buch. So war es nicht in den grauen Tagen der Vorwelt. Kann man nun ſchon nicht ſagen, es war beſſer; ſo war es doch ſicherlich anders. Man ſchoͤpfte aus andern Quellen, ſammlete und erhielt in andern Gefaͤßen, und vereinzelte das Aufbewahrte durch ganz andere Mittel. Der Menſch war dem Menſchen nothwendiger; die Lehre war genauer mit dem Leben, Betrach⸗ tung inniger mit Handlung verbunden. Der Unerfahrne mußte dem Erfahrnen, der Schuͤler ſeinem Lehrer auf dem Fuße nachfolgen, ſeinen Umgang ſuchen, ihn beobachten, und gleichſam ausholen, wenn er ſeine Wißbegierde befriedi⸗ gen wollte. Um deutlicher zu zeigen, was die⸗ fer Umſtand für Einfluß auf Religion und Sit⸗ N ten ne Se: 7 ten gehabt, muß ich mir abermals eine Ab⸗ ſchweifung von meinem Wege erlauben, von der ich aber gar bald wieder einlenken werde. Meine Materie graͤnzet an fo mannichfache andere Materien an, daß ich mich nicht immer auf dem⸗ ſelben Gange erhalten kann, aan in Nebenwege B auszuweichen.