Mich duͤnkt, die Veränderung, die in den verſchiedenen Zeiten der Cultur mit den Schrift⸗ zeichen vorgegangen, habe von jeher an den Re⸗ volutionen der menſchlichen Erkenntniſſe uͤber⸗ haupt, und insbeſondere an den mannigfaltigen Abaͤnderungen ihrer Meinungen und Begriffe in Religionsſachen ſehr wichtigen Antheil, und wenn ſie dieſelben nicht völlig allein verurſacht, doch wenigſtens mit andern Nebenſachen auf eine merkliche Weiſe mitgewirkt. Kaum hoͤret der Menſch auf, ſich mit den erſten Eindruͤcken der aͤuſſern Sinne zu begnügen, und welcher mMenſch kann es lange dabey bewenden laſſen? Kaum fuͤhlet er den ſeiner Seele eingeſenkten Sporn, aus dieſen aͤuſſern Eindruͤcken ſich Be⸗ griffe zu bilden, ſo wird er die Nothwendigkeit N pe an finnliche Zeichen zu binden; Ä nicht . nicht nur, um fie andern mittheilen, ſondern um ſie fuͤr ſich ſelbſt feſthalten, und ſo oft es noͤ⸗ thig iſt, wieder beachten zu koͤnnen. Die erſten Schritte zur Abſonderung allgemeiner Merkmale wird er zwar ohne Zeichen thun koͤnnen, und thun muͤſſen; denn noch itzt muͤſſen alle neue abſtrakte Begriffe ohne Huͤlfe der Zeichen gebil⸗ det, und ſodann erſt mit einem Namen belegt werden. Das gemeinſame Merkmal muß zu⸗ voͤrderſt, durch die Kraft der Aufmerkſamkeit, aus dem Gewebe, in welchem es verflochten iſt, here ausgehoben, und hervorſtechend gemacht were: den. Hierzu verhilft von der einen Seite die objektive Gewalt des Eindruks, den dieſes Merkmal auf uns zu machen fähig iſt; fo wie von unſerer Seite, das ſubjektive Intereſſe, das g wir an demſelben haben. Aber dieſes Heraus heben und Beachten des gemeinfamen Merk⸗ mals koſtet der Seele einige Anſtrengung. Nicht lange, ſo verſchwindet das Licht wieder, das die Aufmerkſamkeit auf dieſen Punkt des Gegen⸗ ſtandes geſammelt hatte, und er verlieret ſich in den Schatten der ganzen Maſſe, mit welcher er vereinigt iſt. Die Seele iſt nicht im Stande Zweiter Abſchu, 99 viel viel weiter zu kommen, wenn dieſe Anſtrengung eine Zeitlang anhalten, und gar zu oft wie⸗ berholt werden muß. Sie hat angefangen abs zuſondern; aber fie kann nicht denken. Wie iſt ihr zu rathen? — Die weiſe Vorſehung hat ihr ein Mittel ſehr nahe gelegt, deſſen ſie ſich zu al⸗ len Zeiten bedienen kann. Sie heftet das abgezo⸗ gene Merkmal, entweder durch eine natuͤrliche, oder willkuͤhrliche Ideenverbindung an ein ſinnli⸗ ches Zeichen, das, ſo oft ſein Eindruk erneuert wird, auch zugleich dieſes Merkmal, rein und unvermiſcht, wieder hervorbringt und beleuchtet. So ſind, wie bekannt, die aus natuͤrlichen und willkuͤhrlichen Zeichen zuſammengeſetzten Spra⸗ chen der Menſchen entſtanden, ohne welche fie ſich nur wenig vom unvernuͤnftigen Thiere haͤt⸗ ten unterſcheiden koͤnnen; weil der Menſch, ohne Hülfe der Zeichen, ſich kaum um einen Schritt vom Sinnlichen entfernen kann. I So wie die erſten Schritte zur bernünfttgen Erkenntnis gethan werden mußten, auf eben die Weiſe werden die Wiſſenſchaften noch itzt erweitert und mit Erfindungen bereichert, und daher iſt zuweilen die Erfindung eines Worts in 3 X 4 Er ben den Wiſſenſchaften von großer Wichtigkeit. Der erſte, der das Wort Natur erfunden, ſcheinet eben keine große Entdekkung gemacht zu haben. Gleichwohl hatten es ſeine Zeitgenoſſen ihm zu verdanken, daß fie den Gaukler, der fie eine Er⸗ ſcheinung in der Luft ſehen lies, beſchaͤmen, und ſagen konnten, fein Spiel ſey nichts Uebernatuͤr⸗ liches; ſondern eine Wirkung der Natur. Ge⸗ ſetzt, ſie wußten noch nichts Deutliches von den Eigenſchaften gebrochener Stralen, und wie durch dieſelben ein Bild in der Luft hervorges bracht werden fönne, — und wie weit reichet denn noch itzt unſere Erkenntnis hierin? Kaum um ‚einen Schritt weiter; denn von der Natur des Lichts ſelbſt und von ſeinen innern Beſtandthei len ſind wir noch wenig unterrichtet; — fo wuß⸗ ten ſie doch wenigſtens eine einzelne Erſcheinung auf ein allgemeines Naturgeſetz zuruͤckzubringen, und waren nicht genoͤthiget, jedem Spiele eine bei ſondere, freywilligelrſache zuzuſchreiben. So war es auch mit der neueren Entdeckung, daß die Luft eine Schwere habe. Wiſſen wir ſchon nicht die Schwere ſelbſt zu erklaren, ſo ſind wir doch 5 im Stande, die Beobachtung, daß E 2 die U die flüffigen Materien in luftleeren Röhren in die Höhe ſteigen, auf das allgemeine Geſetz der Schwere zu reduziren, das dem erſten An⸗ ſcheine nach, vielmehr die Fluͤſſigkeit ſinken ma⸗ chen ſollte. Wir koͤnnen begreiflich machen, wie durch das allgemeine Sinken, das wir nicht erklaͤren koͤnnen, in dieſem Falle hat ein Steigen hervorgebracht werden muͤſſen; und auch dieſes iſt ein Schritt weiter in der Erkenntnis. Es iſt alſo nicht jedes Wort in den Wiſſenſchaften ſo⸗ gleich fuͤr leeren Schall zu erklaͤren, wenn es nicht aus fruͤhern Elementarbegriffen hergeleitet werden kann. Genug, wenn es eine allgemeine Eigenſchaft der Dinge nur in ihrem wahren um⸗ fange bezeichnet. Der Ausdruck füge vacui wuͤrde nicht zu tadeln geweſen ſeyn, wenn er nicht allgemeiner geweſen waͤre, als die Beob⸗ achtung. Man fand, daß es Fälle gebe, wo die Natur nicht fo gleich das Leere anzufüllen eile; daher die Redensart nicht als leer, ſon⸗ dern als falſch zu verwerfen geweſen.— So bleiben die Woͤrter: Cohaͤſion der Koͤrper und allgemeine Gravitation, in den Wiſſenſchaf⸗ ten noch immer von großer Wichtigkeit; ob wir fie gleich noch nicht aus fruͤhern Grundbegriffen abzuleiten wiffen. Bevor der Herr von Saller das Geſetz der Reitzbarkeit entdeckte, wird fo mancher Beob⸗ achter die Erſcheinung ſelbſt in der organiſchen Natur lebendiger Geſchoͤpfe wahrgenommen ha⸗ ben. Allein ſie verſchwand in dem erſten Augen⸗ blick wieder, und zeichnete fich nicht genug von Nebenerfcheinungen aus, um die Aufmerkſam⸗ keit des Beobachters feſt zu halten. So oft die Bemerkung wiederkam, war ſie ihm eine ein⸗ zelne Wirkung der Natur, die ihn an die Menge der Fälle nicht erinnern konnte, in welchen er daſſelbe wahrgenommen hatte; ſie verlor ſich alſo gar bald wieder, ſo wie die vorhergegange⸗ nen, und ließ weiter kein merkliches Andenken in der Seele zuruck. Nur Sallern gelang es, dieſen Umſtand aus der Verbindung herauszu⸗ heben, ſeine Allgemeinheit gewahr zu werden, ihn mit einem Worte zu bezeichnen, und nun⸗ mehr hat er unſere Aufmerkſamkeit rege gemacht, und wir wiſſen jeden beſondern Fall, in welchem wir etwas aͤhnliches inne werden, auf ein unge meines Naturgeſetz hinzuleiten. f E 3 Die Cm) Die Bezeichnung der Begriffe iſt alfo doppelt nothwendig: einmal fuͤr uns ſelbſt, gleichſam als ein Gefaͤß, worinnen ſie verwahrt, und zum SGebrauch bey der Hand bleiben mögen, und for dann um unſere Gedanken anderen mittheilen zu koͤnnen. Nun haben die Laute, oder die hoͤr⸗ baren Zeichen, in letzterer Ruͤckſicht einigen Vor⸗ zug; denn wenn wir unſere Gedanken andern mittheilen wollen, ſo ſind die Begriffe ſchon in der Seele gegenwärtig, und wir fönnen, nach Erfordern, die Laute hervorbringen, durch wel⸗ che ſie bezeichnet und unſern Nebenmenſchen vernehmlich werden. So aber nicht in Abſicht auf uns ſelbſt. Wollen wir die abgeſonderten Begriffe zu einer andern Zeit wieder in der Seele erwecken und vermittelſt der Zeichen in Erinnerung bringen koͤnnen; ſo muͤſſen die Zei⸗ chen ſich von ſelbſt darbiethen, und nicht erſt auf unſere Willkuͤhr warten, die fie hervorrufe; ins dem dieſe ſchon die Ideen voraus etzt, deren wir uns erinnern wollen. Dieſen Vortheil verſchaf⸗ ſen die ſichtbaren Zeichen, weil: fie fortdauernd find, und nicht immer wieder hervorgebracht werden muͤſſen, um Eindruck zu machen.
km) „= Dieerflen fichtbaren Zeichen, deren ſich bie Menſchen zu Bezeichnung ihrer abgefonderten Bes \ griffe bedient haben, werden vermuthlich die Din⸗ ge ſelbſt geweſen ſeyn. Wie naͤmlich jedes Ding in der Natur einen eigenen Charakter hat, mit wel chem es ſich von allen uͤbrigen Dingen auszeichnet; ſo wird der ſinnliche Eindruck, den dieſes Ding auf uns macht, unſere Aufmerkſamkeit hauptſaͤchlich auf dieſes Unterſcheidungszzeichen lenken, die Idee deſſelben rege machen, und alſo zur Bezeichnung deſſelben gar fuͤglich dienen koͤnnen. So kann der Loͤwe ein Zeichen der Tapferkeit, der Hund | ein Zeichen der Treue, der Pfau ein Zeichen der ſtolzen Schönheit geworden ſeyn, und fü haben die erſten Aerzte lebendige Schlangen mit ſich gefuͤhrt, zum Zeichen daß ſie das Schädliche unn ſchaͤlich zu machen wuͤſten⸗ Mit der Zeit kann man es bequemer 8 haben, anſtatt der Dinge ſelbſt, ihre Bildniſſe in Koͤrpern oder auf Flaͤchen zu nehmen; end⸗ lch der Kürze halber ſich der umriſſe zu bedie⸗ nen, ſodann einen Theil des Umriſſes Statt des Ganzen gelten zu laſſen, und endlich aus hetero genen Theilen ein unfoͤrmliches, aber bedeu⸗ E 4 tungs⸗ 7 m) sungsvolles Ganze zuſammenzuſetzen;. dieſe Bezeichnungsart iſt die Sieroglyphik. Alles dieſes hat, wie man ſiehet, ſich gan; naturlich fo entwickeln koͤnnen; aber von der Hieroglyphik bis zu unſerer alphabetiſchen Schrift — dieſer Uebergang ſcheinet einen Sprung, und der Sprung mehr als gemeine Menſchenkraͤfte zu erfordern. Daß zwar, wie einige glauben, unſere al⸗ phabetiſche Schrift blos Zeichen der Laute, und nicht anders, als vermittelſt der Laute, auf Sa⸗ chen und Begriffe anzuwenden ſeyn ſollte, iſt voͤllig ohne Grund. Uns, die wir von den hoͤr⸗ baren Zeichen lebhaftere Vorſtellungen haben, bringet allerdings die Schrift auf die vernehm⸗ lichen Worte zuerſt. Uns alſo gehet der Weg von Schrift auf Sache, uͤber und durch die Spra⸗ che; aber deswegen iſt es nicht nothwendig alſo. Dem Taubgebornen iſt die Schrift unmittelbar Bezeichnung der Sachen, und wenn er ſein Ge⸗ hör erlangt, werden ihn in den erſten Zeiten ſicherlich die Schriftzeichen zuerſt auf die unmit⸗ telbar mit ihnen verbundenen Dinge, und ſodann „. auf die Laute bringen, bie ihnen entſprechen. Die Schwierigkeit, die ich mir beym Uebergange auf unſere Schrift vor⸗ ftelle, iſt eigentlich dieſe, daß man ohne Vorbe⸗ reitung und Anlaß hat den uͤberdachten Vorſatz faſſen muͤſſen, durch eine geringe Anzahl von Elementarzeichen und ihre moͤglichen Verſetzun⸗ gen eine Menge von Begriffen zu bezeichnen, die weder zu uͤberſehen, noch dem erſten An⸗ ſcheine nach, in Claſſen zu bringen, und dadurch zu umfaſſen ſcheinen mußten. Indeſſen ift auch hier der Gang des Verſtan⸗ des nicht ganz ohne Leitung geweſen. Da man ſehr oft Gelegenheit gehabt, Schrift in Rede und Rede in Schrift zu verwandeln, und alſo die hoͤrbaren Zeichen mit den ſichtbaren zu verglei⸗ chen; ſo kann man gar bald bemerkt haben, daß ſowohl in der Redeſprache dieſelben Laute, als in verſchiedenen hieroglyphiſchen Bildern dieſel⸗ ben Theile öfters wiederkommen, aber immer in anderer Verbindung, wodurch ſie ihre Bedeu⸗ tung vervielfältigen. Endlich wird man ge wahr worden ſeyn, daß die Laute, die der Menſch hervorbringen und vernehmlich machen en s unendlich an der Zahl nicht ſind, als b E 5 die die Dinge, welche durch fie bezeichnet werden, daß man den ganzen Umfang aller vernehmli⸗ chen Laute gar bald umfaſſen und in Claſſen ab⸗ theilen koͤnne. Und ſonach kann man dieſe Ein⸗ theilung, Anfangs unvollſtaͤndig verſucht, mik der Zeit ergänzt und immer verbeſſert, und jeder Claſſe ein ihr entſprechendes Schriftzeichen aus der Hieroglyphik zugeeignet haben. Es bleibt zwar auch ſo noch eine der herrlichſten Entde⸗ ckungen des menſchlichen Geiſtes; allein man ſie⸗ het doch wenigſtens, wie die Menſchen haben allmaͤhlig, ohne Flug der Erfindungskraft, dar⸗ auf gefuͤhrt werden koͤnnen, ſich das Unermeß⸗ liche als meßbar zu denken, gleichſam den ge⸗ ſtirnten Himmel in Figuren abzutheilen, und ſo jedem Sterne ſeinen Ort anzuweiſen, ohne die Anzahl der Sterne zu wiſſen. Ich glaube, bey den hoͤrbaren Zeichen war die Spur leichter zu entdecken, der man nur nachgehen durfte, um die Figuren wahrzunehmen, in welche ſich das un⸗ ermeßliche Heer der menſchlichen Begriffe brin⸗ gen ließe; und ſodann war es ſo ſchwer nicht mehr, die Anwendung davon auf die Schrift zu machen, und auch dieſe zu ſchichten, und in daſſen Eloffen abzutheilen. Mich duͤnkt daher, ein Volk von Taubgebornen, wuͤrde mehr Erfin⸗ dungskraft anzuſtrengen haben, von der Hiero⸗ glophik auf die alphabetiſche Schrift zu kommen; weil ſichs bey den Schriftzeichen nicht ſo leicht einſehen laͤßt, daß ſie einen faßlichen Umfang haben, und in Claſſen zu bringen ſeyen.
Ich bediene mich des Worts Claſſen, ſo oft von den Elementen der lautbaren Sprachen die Rede iſt; denn noch itzt in unſern lebendigen, ausgebildeten Sprachen, iſt die Schrift bey wei⸗ tem ſo mannigfaltig nicht, als die Rede, und wird daſſelbe Schriftzeichen in verſchiedener Verbin⸗ dung und Stellung verſchiedentlich geleſen und ausgeſprochen. Gleichwohl iſt es offenbar, daß wir durch den haͤufigen Gebrauch der Schrift unſere Redeſprache eintoͤniger, und nach Anleitung und Beduͤrfniß der Schrift, elementariſcher gemacht haben. Daher die Nationen, die der Schrift nicht kundig find, eine weit größere Mannigfaltigkeit in ihrer Redeſprache haben, und viele Laute in derſelben fo unbeſtimmt find, daß wir fie durch unſere Schriftzeichen nur ſehr unvollkommen ans zudeuten im Stande ſind. Man wird alſo An⸗ fangs fangs die Sachen haben im Ganzen nehmen, und eine Menge aͤhnlicher Laute, durch ein und eben daſſelbe Schriftzeichen bezeichnen müffen, Mit der Zeit aber werden feinere Unterſchiede wahrgenommen, und zu ihrer Bezeichnung meh⸗ rere Buchſtaben angenommen worden ſeyn. Daß aber unſer Alphabet aus einer Art von hierogly⸗ phiſcher Schrift entlehnt worden, iſt noch itzt an den mehreſten Zügen, und Namen des hebraͤiſchen Alphabets ) zu erkennen, und aus dieſen find, wie aus der Geſchichte offenbar iſt, alle uͤbrige uns bekannte Schriftarten entſtanden. Ein Phoͤnizier war es, der die Griechen in der 8 zu ſchreiben unterrichtete.
Alle dieſe verſchiedenen Modifikationen der Schrift und Bezeichnungsarten muͤſſen auch auf den Fortgang und Verbeſſerung der Begriffe, Meinungen und Kenntniſſe verſchiedentlich ges wirkt haben. Von der einen Seite zu ihrem Vortheil. Die Beobachtungen, Verſuche und f Betrach⸗ ) Als & Rind, I Haus, 1 Kamel, 1 Thüre, lus,] Fiſch, d Stuͤtze, Unterlage, y Auge, D Mund, p Affe, V Zähne, — iR, Betrachtungen in aſtronomiſchen, oͤkonomiſchen, moraliſchen und religioſen Dingen wurden ver⸗ vielfaͤltiget, ausgebreitet, erleichtert und den Nachkommen aufbehalten. Sie ſind die Zellen, in welche die Bienen ihren Honig ſammlen, und zum Genuſſe für ſich und andere aufbewah⸗ ren. — Allein, wie es in menſchlichen Dingen allezeit gehet. Was die Weisheit hier bauet, ſuchet die Thorheit dort ſchon wieder einzureiſ⸗ ſen, und mehrentheils bedient ſie ſich derſelben Mittel und Werkzeuge. Mißverſtand von der einen, und Misbrauch von der andern Seite verwandelten das, was Verbeſſerung des menſch⸗ lichen Zuſtandes ſeyn ſollte, in Verderben und Verſchlimmerung. Was Einfalt und Unwiſſen⸗ heit war, ward nunmehr Verfuͤhrung und Irr⸗ tum. Von der einen Seite Mißverſtand: der große Haufe war von den Begriffen, die mit dieſen ſinnlichen Zeichen verbunden ſeyn ſollten, gar nicht, oder nur halb unterrichtet. Sie ſahen die Zeichen nicht als bloſſe Zeichen an; ſondern hielten fie für die Dinge ſelbſt. So lange man ſich noch der Dinge ſelbſt, oder ihrer Bildniſſt und Umriſſe flat der Zeichen bediente, war bier Ä 8 fer EN f EN f ſer Irrtum leicht moͤglich. Die Dinge Ga auſſer ihrer Bedeutung, auch ihre eigene Reali⸗ tät. Die Münze war zugleich Waare, die ih⸗ ren eigenen Gebrauch und Nützen hat; daher der Unwiſſende deſto leichter ihren Werth als Muͤnze, verkennen und unrichtig angeben konnte. Die hieroglyphiſche Schrift konnte zwar zum Theil dieſen Irrtum benehmen, oder beguͤn⸗ ſtigte ihn wenigſtens fo ſehr nicht, als die Um riſſe; denn dieſe waren aus heterogenen und übel paſſenden Theilen zuſammengeſetzt; unförmliche nnd widerſinnige Geſtalten, die kein eigenes Daſeyn in der Natur haben, und alſo, wie man denken ſollte, nicht fuͤr Schrift genommen werden konnten. Allein dieſes raͤthſelhafte und fremde in der Zuſammenſetzung ſelbſt gab dem Aberglauben Stof zu mancherley Erdichtung und Fabel. Heucheley und muthwilliger Mißbrauch waren von der andern Seite geſchaͤftig, und ga⸗ ben ihm Maͤhrchen an die Hand, die er zu erfin⸗ den, nicht ſinnreich genug war. Wer einmal Gewicht und Anſehen ſich erworben, möchte ſol⸗ ches, wo nicht vermehren, doch wenigſtens gern erhalten. Wer einmal auf eine Frage eine be : friedis friedigende Antwort gegeben, möchte ſolche gern niemals ſchuldig bleiben. Da iſt keine Fratze fo ungereimt, keine Poſſe ſo poſſenhaft, zu der man nicht ſeine Zuflucht nimmt, keine Fabel ſo vernunftlos, die man der Einfalt nicht einzubil⸗ den ſuchet, um nur auf jedes Warum? alſo⸗ fort mit einem Darum zur Hand ſeyn zu koͤn⸗ nen. Unausſprechlich bitter wird das Wort: ich weis nicht! wenn man ſich erſt als ein vielviffender, oder gar alleswiſſender angekuͤndi⸗ get hat; insbeſondere, wenn Stand und Amt und Wuͤrde von uns zu fordern ſcheinet, daß wir wiſſen ſollen. Ach! wie manchem mag das Herz ſchlagen, wenn er itzt auf dem Punkte iſt, Gewicht und Anſehen zu verlieren, oder an der Wahrheit zum Verraͤther zu werden; und wie wenige beſitzen die Klugheit des Sokrates, ſelbſt in den Fällen, wo man etwas mehr weis, als ſein Naͤchſter, immer noch die erſte Antwort ſeyn zu laſſen: ich weis nichts! damit man ſich ſelbſt Verlegenheit erſpars, und auf den Fall, da ein ſolches Bekenntniß noͤthig ſeyn wuͤrde, die Selbſtdemuͤthigung zum voraus leichter gemacht € Indeſſen — € Indeſſen — Indeſſen ſiehet man, wie hieraus hat Thies dienſt, und Bilderdienſt, Goͤtzen und Menfchens dienſt, Fabeln und Maͤhrchen entſtehen koͤnnen, "und wenn ich dieſes ſchon nicht für die einzige Quelle der Mythologie ausgebe; ſo glaube ich doch, daß es zur Entſtehung und Fortpflanzung aller dieſer Albernheiten ſehr viel hat beytragen koͤnnen. Insbeſondere laͤßt ſich hieraus eine Bemerkung erklaͤren, die Hr. Pr. Meiners ir⸗ gend wo in ſeinen Schriften gemacht hat. Er will durchgehends bemerkt haben, daß bey den urſpruͤnglichen Nationen, ſolchen naͤmlich, die ſich ſelbſt gebildet, und ihre Kultur keiner an⸗ dern Nation zu verdanken haben, mehr Thier⸗ dienſt als Menſchendienſt, im Schwange gewe⸗ ſen, ja lebloſe Dinge weit eher als Menſchen goͤttlich verehrt und angebetet worden ſeyn. Ich ſetze die Richtigkeit der Bemerkung voraus, und laſſe den philoſophiſchen Geſchichtsforſcher dafuͤr die Gewaͤhr leiſten. Ich will reiehen fie zu erklaren?
Wenn die Menſchen die Dinge ſelbſt, oder ihre Bildniſſe und Umriſſe Zeichen der Begriffe er laſſen; fo fönnen fie zu Bezeichnung mora⸗ cher liſcher eigenſchaften keine Dinge bequemer und bedeutender finden, als die Thiere. Die Urſa⸗ chen ſind eben dieſelben, die mein Freund Leſ⸗ ſing, in ſeiner Abhandlung von der Fabel, an⸗ giebt, warum Aeſop die Thiere zu ſeinen han⸗ delnden Weſen in der Apologue gewaͤhlt hat. Jedes Thier hat ſeinen beſtimmten, auszeich⸗ nenden Charakter, und kuͤndiget ſich dem erſten Anblicke gleich von dieſer Seite an, indem die ganze Bildung deſſelben mehrentheils auf dieſes eigentuͤmliche Unterſcheidungszeichen hinweiſet. Dieſes Thier iſt behende, jenes ſcharfſichtig; die⸗ ſes ſtark, jenes gelaſſen; dieſes treu, und den Menſchen ergeben, jenes falſch, oder liebt die Freyheit u. ſ. w. Ja die lebloſen Dinge ſelbſt haben in ihrem Aeußern mehr Beſtimmtheit, als der Menſch dem Menſchen. Dieſer ſagt, dem erſten Anblicke nach, nichts, oder vielmehr al⸗ les. Er beſitzet dieſe Eigenſchaften alle, ſchließt keine derſelben wenigſtens völlig aus, und das Mehr oder Weniger davon zeigt er nicht ſogleich an der Oberflaͤche. Sein unterſcheidender Cha⸗ rakter faͤllt alſo nicht in die Augen, und er iſt zweiter ihm 7 In zweiter ihm 7 In zu Bezeichnung moraliſcher Begriffe und Eigens ſchaften das unbequemſte Ding in der Natur. Noch itzt koͤnnen in den bildenden Kuͤnſten die Perſonen der Goͤtter und Helden nicht beſſer angedeutet werden, als vermittelſt der thieri⸗ ſchen oder lebloſen Bilder, die man ihnen zuge⸗ ſellt. Iſt ſchon eine Minerva von einer Juno der Bildung nach unterſchieden, ſo zeichnen ſie ſich gleichwohl durch die thieriſchen Merkmale, die ihnen zugegeben werden, weit beffer aus. Auch der Dichter, wenn er von ſittlichen Eigen⸗ ſchaften in Metaphern und Allegorien reden will, nimmt mehrentheils ſeine Zuflucht zu den Thie⸗ ren. Löwe, Tyger, Adler, Stier, Juchs, Hund, Bar, Wurm, Taube, alles dieſes ſpricht, und die Bedeutung ſpringet in die Augen. Daher wird man zuerſt auch die Eigenſchaften des Ans betungswuͤrdigſten durch dergleichen Zeichen has ben anzudeuten und ſinnlich zu machen geſucht. In der Nothwendigkeit dieſe abgezogenſten Bes griffe an ſinnliche Dinge zu heften, und an ſol⸗ che ſinnliche Dinge, die am wenigſten vieldeu⸗ tig ſind, wird man thieriſche Bilder haben waͤh⸗ len, oder aus ihnen welche zuſammenſetzen muͤſ: ſen.
ſen. Und wir haben geſehen, wie ein fo uns ſchuldiges Ding, eine bloſſe Schriftart, in den Haͤnden der Menſchen gar bald ausarten, und in Abgoͤtterey uͤbergehen kann. Natuͤrlich alſo wird alle urfprüngliche Abgoͤtterey mehr Thier⸗ dienſt, als Menſchendienſt ſeyn. Menſchen konnten zur Bezeichnung goͤttlicher Eigenſchaf— ten gar nicht gebraucht werden, und die Vergoͤt⸗ terung derſelben mußte von einer ganz andern Seite kommen. Es mußten etwan Helden und Eroberer, oder Weiſe, Geſetzgeber und Prophe⸗ ten aus einer glücklichen und früher gebildeten Weltgegend heruͤber gekommen ſeyn, und ſich durch außerordentliche Talente ſo hervorgethan, ſo erhaben gezeigt haben, daß man ſie als Boten der Gottheit, oder als die Gottheit ſelbſt verehr⸗ te. Daß dieſes aber weit fuͤglicher bey Natios nen eintreffen kann, die ihre Kultur nicht ſich ſelbſt, ſondern andern zu verdanken haben, laßt, ſich leicht begreifen; weil, wie das gemeine Sprichwort lautet, ein Prophet in ſeiner Heimat ſelten zu außerordentlichem Anſehen ge⸗ langet. — Und ſonach waͤre die Bemerkung des Herrn Meiners, eine Art von Beſtaͤtigung für meine Hypotheſe, daß das Beduͤrfniß der Schriftzeichen die erſte Veranlaſſung zur.
teren geweſen. 8 Bey Beurtheilung der Religionsbegriffe 5 ner ſonſt noch unbekannten Nation muß man ſich, aus eben der Urſache, huͤten, nicht alles mit eigenen heimiſchen Augen zu ſehen, um nicht Goͤtzendienſt zu nennen, was im Grunde vielleicht nur Schrift iſt. Man ſtelle ſich vor, ein zweiter Omhya, der von dem Geheimniß der Schreibekunſt nichts wüßte, wuͤrde plöglich, obs - ne ſich nach und nach an unfere Ideen zu gewoͤh⸗ nen, aus ſeinem Welttheile in irgend einen der bil! derfreyeſten Tempel von Europa — um das Bey⸗ ſpiel auffallender zu machen — in den Tempel der Providenz verſetzt. Er faͤnde alles leer von Bildern und Verzierung; nur dort auf der wei⸗ ßen Wand einige ſchwarze Züge ) die vielleicht das Ohngefaͤhr dahin geſtrichen. Doch nein! die ganze Gemeine ſchauet auf dieſe Züge mit EN A faltet die Hände zu ihnen, richtet zu ) Die Worte: Gott, allweiſe, aunächig / all guͤtig, belohnt das Gute, zu ihnen die Anbetung. Nun fuͤhret ihn eben fo ſchnell und eben fo plotzlich nach Othaiti zu⸗ rück, und laſſet ihn feinen neugierigen Landesleu⸗ ten von den Religionsbegriffen des D. Philan⸗ tropins Bericht abſtatten. Werden ſie den abge⸗ ſchmackten Aberglauben ihrer Mitmenſchen nicht zugleich belachen und bedauern, die ſo tief geſun⸗ ken ſind, ſchwarzen Zuͤgen auf weiſſem Grunde göttliche Ehre zu erzeigen? — Aehnliche Fehler moͤgen unſere Reiſenden ſehr oft begehen, wenn ſie uns von der Religion entfernter Voͤlker Nach⸗ richt ertheilen. Sie muͤſſen ſich die Gedanken und Meinungen einer Nation ſehr genau bekannt machen, bevor fie mit Zuverlaͤßigkeit ſagen koͤn⸗ nen, ob die Bilder bey ihr noch den Geiſt der Schrift haben, oder ſchon in Abgoͤtterey aus⸗ geartet ſind. Die Eroberer Jeruſalems fanden bey Pluͤnderung des Tempels die Cherubim auf der Lade des Bundes, und hielten fie für die Gögenbilder der Juden. Sie ſahen alles mit barbariſchen Augen, und aus ihrem Geſichts⸗ punkte. Ein Bild der goͤttlichen Vorſehung und obwaltenden Gnade nahmen ſie, ihrer Sitte nach, fuͤr Bild der Gottheit, für Gott⸗ 83 heit heit ſelber, und freueten ſich ihrer Entdeckung. So lachen die Leſer noch itzt über die indiani⸗ ſchen Weltweiſen, die dieſes Welttall von Ele⸗ - phanten tragen laſſen; die Elephanten auf eine große Schildkroͤte ſtellen, dieſe von einem un⸗ geheuren Baͤren halten, und den Baͤr auf einer unermeßlichen Schlange ruhen laſſen. Die gu⸗ ten Leute haben wohl an die Frage nicht gedacht: worauf ruhet denn die unermeßliche Schlange? Nun leſet in der Schaſta der Gentoos ſelbſt die Stelle, in welcher ein Sinnbild dieſer Art beſchrieben wird, das wahrſcheinlicher Weiſe zu dieſer Sage Gelegenheit gegeben hat. Ich ent⸗ lehne ſie aus dem zweiten Theil der Nachrich⸗ ten von Bengalen und dem Kaiſertum In⸗ doſtan von J. 3. Sollwell, der ſich in den hei⸗ ligen Büchern der Gentoos hat unterrichten laß⸗ ſen, und im Stande war mit den Augen eines eingebornen Braminen zu ſehen. So lauten die 955 im achten Abſchnitte: modu und Rytu (zwey Ungeheuer, Zwies tracht und Aufcube,) waren uͤberwun⸗ f den, und nun trat der Ewige aus der Uns, ſicht⸗ ſcchtbarkeit hervor, und Glorie non ihn von allen Seiten. Der Ewige ſprach: du Birma, (Schoͤpfungs⸗ kraft)! erſchaffe und bilde alle Dinge der neuen Schoͤpfung, mit dem Geiſte, den ich dir einhauche. — Und du, Biſtnu, (Er⸗ haltungskraft)! beſchuͤtze und erhalte die erſchaffenen Dinge und Formen, nach mei⸗ ner Vorſchrift. — Und du, Sieb, (erſtoͤ⸗ rung, Umbildung)! verwandele die Din⸗ ge der neuen Schöpfung, und bilde fie um, mit der Kraft, die ich dir verleihen werde.
Birma, Biſtnu und Sieb vernahmen die Worte des Ewigen, buͤckten ſich und bezeigten Gehorſam.
Alſofort ſchwamm Birma auf die Oberflaͤche des Johala (Meerestiefe,) und die Kin⸗ der Modu und KRytu flohen und verſchwan⸗ den, als er erſchien. N Als durch den Geiſt des Birma die Bewer gungen der Tiefen ſich legten, verwandelte ſich Biſtnu in einen maͤchtigen Baͤr (Zei⸗ chen der Staͤrke, bey den Gentoos, weil er in Verhaͤltniß feiner Größe das ſtaͤrkſte 84 Thier Tyier iſt), flieg hinab in die Tiefen des Johala, und zog mit ſeinen Hauhern Murto (die Erde) ans Licht. — Sodann entſprangen aus ihm freywillig eine maͤch⸗ tige Schildkroͤte (Zeichen der Beſtaͤndig⸗ keit bey den Gentoos) und eine maͤchtige Schlange (derſelben Zeichen der Weisheit) Und Biftnu richtete die Erde auf dem Ruͤk⸗ ken der Schildkroͤte auf, und ſetzte Murto auf das Haupt der Schlange u. ſ. w.
Alles dieſes findet man bey ihnen auch in Bildern vorgeſtellt, und man ſiehet, wie leicht ſolche Sinnbilder und Bilderſchrift zu Irrtuͤ⸗ mern verleiten koͤnnen.
Die Geſchichte der Menſchheit hat wirklich, wie bekannt, einen Zeitraum von vielen Jahr⸗ hunderten zuruͤckgelegt, in welchen ein wirkli⸗ cher Goͤtzendienſt faſt auf dem ganzem Erdboden zur herrſchenden Religion geworden. Die Bil⸗ der hatten ihren Werth als Zeichen verloren. Der Geiſt der Wahrheit, der in ihnen aufbe⸗ wahrt werden ſollte, war verduftet, und das ſchale Vehikulum, das zuruͤckblieb, in verderb⸗ liches Gift verwandelt, Die Begriffe von der Gottheit, die in den Volksreligionen ſich noch erhielten, waren von Aberglauben ſo entſtellt, von Heucheley und Pfaffenliſt ſo verderbt, daß man mit Grunde zweifeln konnte: ob nicht Ohn⸗ goͤtterey der menſchlichen Gluͤckſeligkeit weniger ſchaͤdlich, ob ſo zu ſagen, die Gottloſigkeit ſelbſt nicht weniger gottlos ſey, als eine ſolche Reli⸗ gion. Menſchen, Thiere, Pflanzen, die ſcheuß⸗ lichſten und veraͤchtlichſten Dinge in der Natur wurden angebetet und als Gottheiten verehrt; oder vielmehr als Gottheiten gefuͤrchtet. Denn von der Gottheit hatten die öffentlichen Volks⸗ religionen der damaligen Zeiten keinen andern Begriff, als von einem furchtbaren Weſen, das uns Erdbewohnern an Macht uͤberlegen, leicht zum Zorne zu reitzen, und ſchwer zu verſoͤhnen iſt. Zur Schmach des menſchlichen Verſtandes und Herzens wußte der Aberglaube die unver⸗ traͤglichſten Begriffe mit einander zu verbinden, Menſchenopfer und Thierdienſt neben einander gelten zu laſſen. In den praͤchtigſten, nach allen Regeln der Kunſt erbaueten und ausgezierten Tempeln, ſahe man, wie Plutarch ſich ausdruͤckt, zur Schande der Vernunft, ſich nach der Gott⸗ eit J heit um, die hier angebetet würde, und fand auß dem Altare eine ſcheußliche Meerkatze; und die⸗ ſem Unthiere wurden bluͤhende Juͤnglinge und Mädchen geſchlachtet. So tief hatte die Ab⸗ goͤtterey die menſchliche Natur erniedriget! Man ſchlachtete Menfeben, wie der Prophet in eis ner emphatiſchen Antitheſe ſich ausdruͤckt, man ſchlachtete Nenſchen, um fie dem angebe teten Viehe zu opfern.
Hier und da wagten es a die Philos - ſophen, ſich dem allgemeinen Verderbniß zu wis derſetzen, und oͤffentlich, oder durch geheime Anſtalten, die Begriffe zu reinigen und aufzu⸗ klaͤren. Sie verſuchten es, den Bildern ihre alte Bedeutung wieder zu geben, oder auch neue unterzulegen, und dadurch dem todten Leichnam gleichſam ſeinen Geiſt wieder einzu⸗ hauchen. Aber vergeblich! Auf die Religion des Volks hatten ihre vernuͤnftigen Erklaͤrungen keinen Einfluß. So gierig der ungebildete Menſch nach Erklaͤrung zu ſeyn ſcheint, ſo unzufrieden iſt er, wenn ſie ihm in ihrer wahren Einfalt gegeben wird. Was ihm verſtaͤndlich iſt, wird ihm gar bald zum ueberdruſe, und veraͤchtlich, ® und und er gehet immer nach neuen, geheimnißvol⸗ len, unerklaͤrbaren Dingen aus, die er mit verdoppeltem Wohlgefallen beherziget. Seine Wißbegier will immer geſpannt, niemals befrie⸗ diget ſeyn. Der oͤffentliche Vortrag fand alſo bey den größten Haufen kein Gehör, oder viel.
mehr von Seiten des Aberglanbens und der Heucheley den hatnaͤckigſten Widerſtand, und empfing ſeinen gewoͤhnlichen Lohn, Verachtung, oder Haß und Verfolgung. Die geheimen An⸗ ſtalten und Vorkehrungen, in welchen die Rechte der Wahrbeit einigermaßen! aufrecht erhalten werden ſollten, gingen zum Theil, ſelbſt den Weg der Corruption, und wurden zu Pflanz⸗ ſchulen alles Aberglaubens, aller Laſter und al⸗ ler Abſcheulichkeiten. — — Eine gewiſſe Schu⸗ le der Weltweiſen faßte den kuͤhnen Gedanken, die abgeſonderten Begriffe der Menſchen von al⸗ lem bildlichen und bildaͤhnlichen zu entfernen, und an ſolche Schriftzeichen zu binden, die ihrer Natur nach, fuͤr nichts anders genommen wer⸗ den koͤnnen, an Zahlen. Da die Zahlen an und fuͤr ſich ſelbſt nichts vorſtellen, mit keinem ffunlichen Eindrucke in R | ſtehen, fiehen, fo follte man glauben, fie wären feiner Miß deutung fähig; man müßte fie für willkuͤhr⸗ liche Schriftzeichen der Begriffe nehmen, oder als unverſtaͤndlich dahin geſtellt ſeyn laſſen. Ä Hier ſollte man meinen, kann der roheſte Vers ſtand nicht Zeichen mit Sachen verwechſeln, und aller Mißbrauch waͤre durch dieſen feinen Kunſt⸗ begriff verhuͤtet. Wem die Zahlen nicht ver⸗ ſtaͤndlich find, dem find fie leere Figuren. Wen ſie nicht aufklaͤren, den koͤnnen fie wenigſtens nicht verfuͤhren. |.
So konnte ſich der große Stifter dieſer Schus le bereden. Allein gar bald gieng in dieſer Schule ſelbſt der Unverſtand ſeinen alten Gang. Unzufrieden mit dem, was man ſo verſtaͤndlich, ſo begreiflich fand, ſuchte man in den Zahlen ſelbſt eine geheime Kraft, in den Zeichen aber⸗ mals eine unerflärbare Realitaͤt, wodurch aber⸗ mals ihr Werth als Zeichen verloren ging. Man glaubte, oder machte wenigſtens andere glauben, daß in dieſen Zahlen alle Geheimniſſe der Natur und der Gottheit verborgen lägen, ſchrieb ihnen wunderthaͤtige Kraft zu, und woll⸗ te durch und vermittelſt derſelben nicht nur die Neu⸗ * Neu⸗ und Wißbegierde der Menſchen, ſondern ihre ganze Eitelkeit, ihr Streben nach hohen unerreichbaren Dingen, ihren Vorwitz und ih⸗ re Habſucht, ihren Geitz und ihren Wahnſinn befriedigen. Mit einem Worte, die Thorheit hatte abermals die Anſchlaͤge der Weisheit ver⸗ eitelt, und das wieder vernichtet, oder gar zu ihrem Gebrauche verwendet, was dieſe zu beſſerm Endzwecke angeſchaft hatte. und nun bin ich im Stande meine Vermu⸗ thung von der Beſtimmung des Zeremonialge⸗ ſetzes im Judentume deutlicher zu machen. — Die Stammoaͤter unſerer Nation, Abraham, Iſaak und Jakob, ſind dem Ewigen treu geblie⸗ ben, und haben lautere, von aller Abgoͤtterey entfernte Religionsbegriffe bey ihren Familien und Nachkommen zu erhalten geſucht. Und nun waren dieſe ihre Nachkommen von der Vor ſehung auserſehen, eine prieſterliche Nation zu ſeyn; das iſt, eine Nation, die durch ihre Einrichtung und Verfaſſung, durch ihre Geſetze, Handlungen, Schickſale und Veraͤnderungen immer auf geſunde unverfaͤlſchte Begriffe von Sott und feinen Eigenſchaften hinweiſe, ſolche unter — — unter Nationen gleichſam durch ihr bloſſes Da⸗ ſeyn, unaufhoͤrlich lehre, rufe, predige und zu erhalten ſuche. Sie lebten unter Barbaren und Goͤtzendienern im aͤußerſten Druck und das Elend hatte ſie beynahe, gegen die Wahrheit ſo fuͤhllos gemacht, als ihre Unterdruͤcker der Wer bermuth. Gott befreiete ſie aus dieſem ſklavi⸗ ſchen Zuſtande, durch außerordentliche Wunder⸗ thaten, ward der Erretter, Anfuͤhrer, König, Geſetzgeber und Geſetzverweſer dieſer von ihm gebildeten Nation, und legte ihre ganze Ver⸗ faſſung ſo an, wie es die weiſen Abſichten ſei⸗ ner Vorſehung erforderten. Schwach und kurz⸗ ſichtig iſt des Menſchen Auge! Wer kann ſagen, ich bin in das Heiligtum Gottes gekommen, ha⸗ be ſeinen Plan ganz überfehen, weis feine Ab⸗ ſichten, Maß und Ziel und Graͤnze zu beſtim⸗ men? Aber erlaubt iſt dem beſcheidenen Forſcher zu muthmaßen, aus dem Erfolge zu ſchließen, wenn er nur beſtaͤndig eingedenk iſt, das er nichts als vermuthen kann. Eu Wir haben geſehen, was für Schwierigkeit es hat, die abgeſonderten Begriffe der Religion unter den Menſchen durch fortdauernde Zeichen zu