SigPhi · Moses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

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zu erhalten. Bilder und Bilderſchrift fuͤhren zu Aberglauben und Goͤtzendienſt, und unſere alphabethiſche Schreiberey macht den Menſchen zu ſpekulativ. Sie legt die ſymboliſche Er⸗ kenntniß der Dinge und ihrer Verhaͤltniſſe gar zu offen auf der Oberflaͤche aus, uͤberhebt uns der Muͤhe des Eindringens und Forſchens, und macht zwiſchen Lehr und Leben eine gar zu wei⸗ te Trennung. Dieſen Maͤngeln abzuhelfen, gab der Geſetzgeber dieſer Nation das Feremonial⸗ geſetz. Mit dem alltaͤglichen Thun und Laſſen der Menſchen ſollten religioſe und ſittliche Er⸗ kenntniſſe verbunden ſeyn. Das Geſetz trieb fie war nicht zum Nachdenken an, ſchrieb ihnen blos Handlungen „ blos Thin und Laſſen vor. Die große Maxime dieſer Verfaſſung ſcheinet geweſen zu ſeyn: Die Menſchen muͤſſen zu Handlungen getrieben und zum Nachden⸗ ken nur veranlaſſet werden. Daher jede dieſer vorgeſchriebenen Handlungen, jeder Ge⸗ brauch, jede Zeremonie ihre Bedeutung, ihren gediegenen Sinn hatte, mit der ſpekulativen Ers kenntniß der Religion und der Sittenlehre in ges’ nauer Verbindung, ſtand, und dem Warheits⸗ for⸗ forſcher eine Veranlaſſung war, über jene geheis ligten Dinge felbft nachzudenken, oder von weis fen Männern Unterricht einzuholen. Die zur Gluͤckſeligkeit der Nation ſowohl als der einzel⸗ nen Glieder derſelben nuͤtzliche Wahrheiten ſoll⸗ ten von allem Bildlichen aͤußerſt entfernt ſeyn; denn dieſes war Hauptzweck, und Grundgeſetz der Verfaſſung. An Handlungen und Verrich⸗ tungen ſollten fie gebunden ſeyn, und dieſe ih⸗ nen ſtatt der Zeichen dienen, ohne welche ſie ſich nicht erhalten laſſen. Die Handlungen der Menſchen ſind voruͤbergehend, haben nichts Bleibendes, nichts Fortdaurendes, das, ſo wie die Bilderſchrift, durch Mißbrauch oder Miß⸗ verſtand zur Abgoͤkterey führen kann. Sie ha⸗ ben aber auch den Vorzug vor Buchſtabenzei⸗ chen, daß ſie den Menſchen nicht iſoliren, nicht zum einſamen, über Schriften und Bücher brüs _ tenden Geſchoͤpfe machen. Sie treiben vielmehr zum Umgange, zur Nachahmung und zum muͤnd⸗ lichen, lebendigen Unterricht. Daher waren der geſchriebenen Geſetze nur wenig, und auch dieſe ohne muͤndlichen Unterricht und Ueberlie⸗ ferung nicht ganz verſtaͤndlich, und es war ver⸗ = boten, boten, über dieſelbe mehr zu ſchreiben. Die ungeſchriebenen Geſetze aber, die mündliche U berlieferund, der lebendige Unterricht von Menſch zu Menſch, von Mund ins Herz, ſollte erklaͤ⸗ ren, erweitern, einſchraͤnken, und näher beſtim⸗ men, was in dem geſchriebenen Geſetze, aus weiſen Abſichten, und mit weiſer Maͤßigung un⸗ beſtimmt geblieben iſt. In allem, was der Juͤngling thun ſahe, in allen öffentlichen ſowohl als Privatverhandlungen, an allen Thoren und an allen Thuͤrpfoſten, wohin er die Augen, oder die Ohren wendete, fand er Veranlaſſung zum Forſchen und Nachdenken, Veranlaſſung einem aͤltern und weiſern Manne auf allen ſeinen Tritten zu folgen, ſeine kleinſten Handlungen und Verrichtungen mit kindlicher Sorgfalt zu beobachten, mit kindlicher Gelehrigkeit nachzuah⸗ men, nach dem Geiſte und der Abſicht biefer Verrichtungen zu forſchen, und den Unterricht einzuholen, deſſen ſein Meiſter ihn faͤhig und empfaͤnglich hielt. So war Lehre und Leben, Weisheit und Thaͤtigkeit, Spekulation und um, gang auf das Innigſte verbunden; oder ſo ſolltt es vielmehr der erſten Einrichtung und Abſicht zweiter Abſchn. 8 des des Geſetzgebers nach, ſeyn; aber, unerforſch⸗ lich find die Wege Gottes! auch hier ging es, nach einer kurzen Periode, den Weg des Ver⸗ derbniſſes. Nicht lange, ſo war auch dieſer glanzende Zirkel durchlaufen, und die Sachen kamen wieder nicht weit von der Tiefe zuruͤck, von welcher ſie ausgegangen waren, wie leider! ſeit vielen Jahrhunderten am Tage liegt. Schon in den erſten Tagen der ſo wunder⸗ vollen Geſetzgebung fiel die Nation in den ſuͤnd⸗ lichen Wahn der Aegyptier zurück, und verlange te ein Thierbild. Ihrem Vorgeben nach, wie es ſcheinet, nicht eigentlich als eine Gottheit zum Anbeten; hierinn wuͤrde der Hoheprieſter und Bruder des Geſetzgebers nicht gewillfahret haben, und wenn ſein Leben noch ſo ſehr in Ge⸗ fahr geweſen wäre. — Sie ſprachen blos von einem goͤttlichen Weſen, das ſie anfuͤhren und die Stelle Moſes vertreten ſollte, von dem ſie glaubten, daß er ſeinen Poſten verlaſſen haͤtte. Aron vermochte dem Andringen des Volks nicht länger zu widerſtehen, goß ihnen ein Kalb, und um ſie bey dem Vorſatze feſtzuhalten, dieſes Bild nicht, 1 den Ewigen allein sa Ku - zu zu verehren, rief er: morgen ſey dem Ewi⸗ gen zu Ehren ein Seft!. Aber am Feſttage, beym Tanz und Schmauſe, ließ der Poͤbel ganz andere Worte hoͤren: dieſes ſind deine Goͤt⸗ ter, Iſrael! die dich aus Aepypten gefuͤhrt haben! Nun war das Fundamentalgeſetz uͤber⸗ treten, das Band der Nation aufgelöfet. Ver⸗ nuͤnftige Vorſtellungen fruchten ſelten bey ei⸗ nem aufgewiegelten Poͤbel, wenn die Unord⸗ nung erſt eingeriſſen, und man weis zu welchen harten Maaßregeln der goͤttliche Geſetzgeber ſich hat entſchließen muͤſſen, das aufruͤhriſche Geſindel wieder zum Gehorſam zu bringen. Es verdienet indeſſen angemerkt, und bewundert zu werden, was die Vorſehung Gottes aus die⸗ ſem ungluͤcklichen Vorfalle ſelbſt fuͤr Vortheil zu ziehen, zu welcher erhabenen und ganz ih⸗ rer wuͤrdigen Abſicht ſie ihn n ge⸗ | wußt hat? | * Ich habe bereits oben angeführt, daß bas 5 Heidentum von der Macht der Gottheit noch erträglichere. Begriffe gehabt, als von ihrer Guͤte. Der gemeine Mann haͤlt Guͤte und G 2 nei⸗ neidet ſeden um den mindeſten Vorzug an Macht, Reichtum, Schoͤnheit, Ehre u. ſ. w., nur nicht um den Vorzug an Guͤtigkeit. und wie kann er auch dieſes, da es doch groͤßten⸗ theils nur von ihm ſelbſt abhaͤngt, den Grad von Sanftmuth zu erlangen, den er beneidens⸗ werth findet? Es gehoͤrt Nachſinnen dazu, wenn wir begreifen ſollen, daß Haß und Rach⸗ ſucht, Neid und Grauſamkeit, im Grunde nichts anders als Schwachheit, lediglich Wir⸗ kungen der Furcht find. Furcht, mit zufaͤlliger, unſicherer Ueberlegenheit verbunden, iſt die Mut⸗ ter aller dieſer barbariſchen Geſinnungen. Nur die Furcht macht grauſam und unverſoͤhnlich. Wer ſich ſeiner Ueberlegenheit mit Sicherheit bewußt iſt, findet weit groͤßre Gluͤckſeligkeit in Nachſicht und Verzeihung.

Hat man erſt dieſes einſehen gelernt, ſo kann man nicht laͤnger Anſtand nehmen, Liebe fuͤr einen wenigſtens eben ſo erhabenen Vorzug zu halten als Macht, und dem allerhoͤchſten We⸗ ſen, dem man Allmacht zuſchreibt, auch Allguͤ⸗ tigkeit zuzutrauen; den Gott der Staͤrke auch für den Gott der Liebe zu erkennen. Aber wie weit weit war das Heidentum von dieſer Verfeine⸗ rung entfernt! Ihr findet in ihrer ganzen Goͤt⸗ terlehre, in allen Gedichten und andern Ueber⸗ bleibfeln der frühern Zeit keine Spur, daß fie irgend einer ihrer Gottheiten auch Liebe und Barmherzigkeit gegen die Menſchenkinder zuge⸗ ſchrieben haͤtten. „Sowohl das Volk,“ ſagt Herr Meiners“) von dem weiſeſten Staate der Griechen, „ſowohl das Volk, als der groͤßte „Theil feiner tapferſten Heerführer und weiſe⸗ „ſten Staatsmaͤnner, hielten die Götter, die fie „anbeteten, zwar für Weſen, die mächtiger als „Menſchen waͤren, die aber mit ihnen einerley „Beduͤrfniſſe, Leidenſchaften, Schwachheiten „und ſogar Laſter haͤtten. — Alle Goͤtter ſchie⸗ „nen den Athenienſern, fo wie den übrigen „Griechen, fo boͤsartig, daß fie ſich einbildeten: „ein auſſerordentliches oder langedauerndes „Gluͤck ziehe den Zorn und die Mißgunſt der „Goͤtter auf ſich, und werde durch ihre Veran⸗ „ftaltungen übern Haufen geworfen. Sie dach⸗ „ten ſich ferner eben dieſe Goͤtter ſo reitzbar, ) Geſchichte der Wiſſenſchaften in Griechenland und Rom. Zweiter Band. S. 77. 7 „daß fie alle Unglücksfäle für goͤttliche Strafen vanſahen, die ihnen nicht um allgemeiner Sit⸗ »tenverderbniß, oder einzelner großen Verbre⸗ „chen willen, ſondern wegen unbedeutender, — * vgewiſſen Gebraͤuchen und Feyerlichkeiten zuge⸗ „fickt wurden.. Im Homer ſelbſt, in dieſer ſanften, liebevollen Seele, war der Gedanke noch nicht aufgegluͤhet, daß die Götter aus Liebe verzeihen, daß ſie ohne Wohlwollen in ihrem himmlischen Wohnſttze nicht feelig ſeyn würden. And nun ſehe man, mit welcher Weisheit ö ber Geſetzgeber der Iſraeln ſich ihrer ſchreckli⸗ chen Vergehung gegen die Majeflät bedienet, um eine ſo wichtige Lehre dem menſchlichen Ge⸗ ſchlecht bekannt zu machen, und ihm eine Quelle des Troſtes zu eröfnen, aus welcher wir noch itzt ſchoͤpfen und uns erquicken. — Welch er⸗ habne und ſchauervolle Vorbereitung! Der Auf⸗ ruhr war gedaͤmpft, die Suͤnder zur Erkenntniß ihres ſtraͤftichen Vergehens gebracht, die Nas tion in Beſtuͤrzung, und der Geſandte Gottes, Moſes ſelbſt, ließ faſt den Muth ſinken: „Ach „Herr! fo lange Dein Unwillen ſich nicht legt, een El „laß laß uns nicht von dannen ziehen! Wodurch ſollte „wohl erkannt werden, daß ich und Deine Na⸗ „tion Wohlgewogenheit in Deinen Augen gefun⸗ „den? Iſt es nicht, wenn Du mit uns geheſt? „Nur dadurch werden wir uns, ich und Deine „Nation, von jeder andern unterſcheiden, wel⸗ „che auf dem Erdboden iſt.

„Gott. Auch darinn will ich Dir willfah⸗ „ren; denn Du haft Gnade gefunden in meinen „Augen, und ich habe Dich namentlich zu mei⸗ „nem Liebling auserſehen.“ Mioſes. Durch dieſe troſtreichen Worte auf⸗ gerichtet, wage ich noch eine kuͤhnere Bitte! Ach „Herr! laß mich Deine Herrlichkeit ſchauen!

„Gott. Ich will meine Allguͤtigkeit vor „Dir voruͤberziehen laſſen, ) und mit dem „Namen des Ewigen Dir bekannt machen, „welchergeſtan ich gewogen bin, dem ich „gewogen bin, und mich erbarme, deſſen G4. ich 9) Weich großer Sinn! Du willſt meine ganze Hert⸗ lichkeit ſchauen; ich werde meine Güte. voruͤberzie⸗ hen laſſen. — Du wirft fie hinten nach erken⸗ nen. Von vorne her iſt ſie ſterblichen Augen nich ſichtbar. 6 fen ich mich erbarme. — Meine Erſcheinung „ſollſt Du von hinten nachſchauen; denn mein „Antlitz kann nicht geſehen werden.“ — Dar⸗ auf zog die Erſcheinung vor Moſe voruͤber, und ließ eine Stimme hoͤren: „Der Herr liſt, „war und wird ſeyn), ewiges Weſen, alls „mächtig, allbarmherzig, und allgnaͤdig; „langmuͤthig, von großer Zuld und Treue; „der feine Zuld dem tauſendſten Geſchlechte „noch aufbehaͤlt; der Miſſethat, Suͤnde „und Abfall verzeihet; aber nichts ohne „Ahndung hingeben läßt! N) — Wer iſt ſo abgehaͤrtetes Sinnes, daß er dieſes mit trocke⸗ nen Augen leſen; wer ſo unmenſchliches Her⸗ zens, daß er ſeinen Bruder noch haſſen, gegen feinen Bruder unverfönlich bleiben kann?

Zwar ſpricht der Ewige, daß er nichts ohne Ahndung wolle hingehn laſſen, und es iſt bekannt, daß dieſe Worte ſchon zu mancherley Mißverſtand und Mißdeutung Gelegenheit ge⸗ geben. Wenn ſie aber das vorige nicht voͤllig wider aufheben ſollen; ſo fuͤhren ſie unmittelbar auf nB. N. C. 33. v. 18. u. f. nach meiner mit hebräis, (den Lettern erſchienenen Ueberſetzung.

auf den großen Gedanken, den unſere Rabbinen darin gefunden, daß auch dieſes eine Eigen ſchaft der göttlichen Liebe ſey, dem Mens ſchen nichts ohne alle Ahndung hingehen zu laſſen. | Ein verehrungswuͤrdiger Freund, mit dem ich mich einſt in Religionsſachen unterhielt, legte mir die Frage vor: ob ich nicht wuͤnſchte, durch eine unmittelbare Offenbarung die Verſicherung zu haben, daß ich in der Zu⸗ runft nicht elend ſeyn wuͤrde? Wir ſtimme⸗ ten beide darin uͤberein, daß ich keine ewige Hoͤl⸗ lenſtrafe zu fürchten hätte; denn Gott kann kei⸗ nes ſeiner Geſchoͤpfe unaufhoͤrlich elend ſeyn laſſen. So kann auch kein Geſchoͤpf durch ſeine Handlungen die Strafe verdienen, ewig elend zu ſeyn. Daß die Strafe fuͤr die Suͤnde der be⸗ leidigten Majeſtaͤt Gottes angemeſſen, und alſo unendlich ſeyn muͤſſe, dieſe Hypotheſe hatte mein Freund, mit vielen großen Maͤnnern ſeiner Kir⸗ che, laͤngſt aufgegeben, und hierüber hatten wir uns nicht mehr zu ſtreiten. Der nur zur Hälfte richtige Begrif von Pflichten gegen Sott, hat den eben ſo ſchwankenden Begrif GS von von Beleidigung der Majeſtaͤt Gottes ver⸗ anlaſſet, und dieſer im buchſtaͤblichen Verſtande genommen, jene unſtatthafte Meynung von der Ewigkeit der Hoͤllenſtrafen zur Welt gebracht, deren fernerer Mißbrauch nicht viel weniger Menſchen in dieſen Leben wirklich elend gemacht, als ſie der Theorie nach, in jener Zukunft un⸗ gluͤkſelig machet. Mein philoſophiſcher Freund kam mit mir darin uͤberein, daß Gott den Men⸗ ſchen erſchaffen, zu ſeiner, d. i. des Menſchen Gluͤckſeligkeit, und daß er ihm Geſetze gege⸗ ben, zu feiner, d. i. des Menſchen Gluͤckſelig⸗ keit. Wenn die mindeſte Uebertretung dieſer Geeſetze, nach Verhaͤltniß der Majeſtaͤt des Ge; ſetzgebers beſtraft werden, und alſo ewiges Elend zur Folge haben ſoll; fo hat Gott dieſe Geſetze dem Menſchen zum Verderben gegeben. Ohne die Geſetze eines ſo unendlich erhabenen Weſens, wuͤrde der Menſch nicht haben ewig elend ſeyn dürfen: O wenn die Menſchen, ohne göttliche Geſetze, weniger elend ſeyn koͤnnten, wer zweifelt daran, daß ſie Gott mit dem Feuer ſeiner Geſetze verſchont haben wuͤrde, da es ſie fo unwiderbringlich verzehren muß? — Dieſes vorausgeſetzt, wurde die Frage meines Freun⸗ des naher beſtimmt: ob ich nicht wuͤnſchen muͤßte, durch eine Offenbarung verſichert zu ſeyn, daß ich im zukuͤnftigen Leben auch vom endlichen Elende befreyet ſeyn werde?

Nein! antwortete ich; dieſes Elend En nichts anders, als eine wohlverdiente Zuͤchti⸗ gung ſeyn, und ich will in der vaͤterlichen Haus⸗ haltung Gottes die Zuͤchtigung gern leiden, die ich verdiene. — „Wie aber? wenn der Allbarmherzige den „Menſchen auch die. Strafe erlaſ⸗ „fer wolle?“ Er wird es ſicherlich thun, ſo bald die Strafe zur Beſſerung des Menſchen nicht mehr unent⸗ behrlich feyn wird. Hievon überführt zu ſeyn, bedarf ich keiner unmittelbaren Offenbarung. Wenn ich die Geſetze Gottes uͤbertrete; fo macht das moraliſche Uebel mich ungluͤkſelig, und die Gerechtigkeit Gottes, d. i. ſeine allweiſe Liebe, ſuchet mich durch phyſiſches Elend zur ſittlichen Beſſerung zu leiten. So bald dieſes phyſiſche Elend, die Strafe für die Sünde, zu meiner Sinnes⸗ Sinnesänderung nicht mehr unentbehrlich iſt, bin ich, ohne Offenbarung, ſo gewiß als von meinem eigenen Daſeyn uͤberfuͤhret, daß mein Vater mir die Strafe erlaſſen werde. — Und im Gegenfalle: wenn dieſe Strafe zu meiner moraliſchen Beſſerung noch nuͤtzlich iſt, wuͤnſche ich auf keine Weiſe davon befreyet zu werden. In dem Staate dieſes vaͤterlichen Regenten lei⸗ det der Uebertreter keine andere Strafe, als die er ſelbſt zu leiden wuͤnſchen muß, wenn er die Wirkung und Folgen davon in ihrem wahren Lichte ſehen koͤnnte. | „Kann aber, verſetzte mein Freund, kann „Gott nicht gut finden, den Menſchen andern zum „Beyſpiele leiden zu laſſen, und iſt die Befrey⸗ „ung von dieſer exemplariſchen Strafe nicht „wuͤnſchenswerth?“ | „Nein, erwiderte ich: In dem Staate Got; „tes leidet kein Individuum blos andern zum „Beſten. Wenn dieſes geſchehen ſoll: ſo muß dieſe Aufopferung zum Beſten andrer dem Lei⸗ denden ſelbſt einen hoͤhern ſittlichen Werth ge⸗ ben; ſo muß es in Abſicht auf den innern Zu⸗ wachs ſeiner Vollkommenheit, ihm ſelbſt wich⸗ tig tig tig ſeyn, durch feine Leiden fo viel Gutes befoͤr⸗ dert zu haben. Und wenn dieſes iſt; fo kann ich einen ſolchen Zuſtand nicht fuͤrchten; ſo kann ich keine Offenbarung wuͤnſchen, daß ich niemals in dieſen Zuſtand des großmuͤthigen, meine Mitgeſchoͤpfe und mich ſelbſt begluͤckenden Wohlwollens verſetzt werden ſollte. Was ich zu fuͤrchten habe, iſt die Suͤnde ſelbſt. Habe ich die Sünde begangen; ſo iſt die goͤttliche Strafe eine Wohlthat fuͤr mich, eine Wirkung feiner väterlichen Allbarmherzigkeit. So bald fie aufhört Wohlthat für mich zu ſeyn; ſo bin ich verſichert, ſie wird mir erlaſſen. Kann ich wuͤnſchen, daß mein Vater ſeine zuͤchtigende Hand von mir abwende, bevor ſie gewirkt, was ſie hat wirken ſollen? Wenn ich bitte, daß mir Gott ein Vergehen ſoll ohne alle Ahndung hin⸗ gehen laſſen, weis ich wohl ſelbſt was ich bitte? Ach! ſicherlich, auch dieſes iſt eine Eigenſchaft der unendlichen Liebe Gottes, daß er kein Ver⸗ gehen der Menſchen ohne alle Ahndung hingehen laͤßt — — Sicherlich Allmacht Allmacht ift nur Gottes: und Dein iſt auch die Liebe, Herr! Wenn jedem Du nach feinem Thun vergölteft.

N Daß die Lehre von der Barmherzigkeit Got⸗ tes bey dieſer wichtigen Veranlaſſung zuerſt der Nation durch Moſen bekannt gemacht worden fep, bezeuget der Pſalmiſt ausdrüͤklich, an einem andern Orte, wo er dieſelben Worte aus der.

Schrift Moſes anfuͤhret, von welchen hier bie Rede iſt: Moſen zeigt er ſeine Weges ö Den Iſraeln ſein Thun. Allbarmherzig iſt der Zerr, allgnaͤdig, Aangmuͤthig und von großer Guͤte. Er wird nicht unaufhoͤrlich hadern; 23 Nicht ewiglich nachtragen feinen Groll. Er handelt nicht mit uns, nach unſten Sünden; Vergilt uns nicht nach unſrer Miſſethat. So hoch der Himmel iſt über der Erde; Waltet ſeine Liebe uͤber ſeine Verehrer.

So fern der Morgen iſt vom Abend; Entfernt er von uns unſere Schuld.

Wie Väter ihrer Kinder ſich erbarmen; Erbarmt der Herr ſich ſeiner Verehrer. 2 Denn er kennet unfere Bildung; N Sf eingedenk, daß wir nur Staub ſind. ) u.. m.

Nunmehr kann ich meine Begriffe vom Ju⸗ dentume der vorigen Zeit kurz zuſammenfaſſen and i in einen ene vereinigen. Das Juden *) Diefer ganze Pſalm ift überhaupt von aͤuſſerſt wich⸗ tigem Juhalte. Leſer, denen daran gelegen iſt, werden wohl thun, ihn ganz mit Aufmerkſamkeit durchtuleſen, und mit obiger Betrachtung zu ver⸗ gleichen. Er ſcheinet mir offenbar durch dieſe merk⸗ wuͤrdige Stelle in der Schrift veranlaſſet, und nichts anders zu ſeyn, als ein Ausbruch lebhafter Ruͤh⸗⸗ rung, in welche der Sänger durch Betrachtung die; ſes auſſerordentlichen Vorfalls gerathen iſt. Er fors.

dert daher im Eingange des Pſalms feine Seele zur N fſeherlichſten Dankſagung, wegen der göttlichen Ver heiſſung feiner Gnade und fo väterlichen Barmher⸗ digkeit auf: Benedeie, meine Seele! den Serrn! vergiß nicht aller feiner wohlthaten! r ver giebt Dir alle Deine Sünden; er heilet Deine Krankheiten alle; Er erloͤſet Dein Leben vom Untergange; er krönet Dich mit Liebe j Jubentum beſtand, oder 8 der Abſicht des Stifters nach, beſtehen, in 1) Religionslehren und Saͤtzen, oder 8 Warheiten von Gott, und ſeiner Regierung und Vorſehung, ohne welche der Menſch nicht aufgeflärt und glücklich ſeyn kann. Dieſe ſind nicht dem Glauben der Nation, unter Androhung ewiger oder zeitlicher Strafen, aufgedrungen; ondern der Natur und Evidenz ewiger Wahr⸗ heit gemaͤß, zur vernuͤnftigen Erkenntnis em⸗ pfohlen worden. Sie durften nicht durch un⸗ mittelbare Offenbarung eingegeben, durch Wort und Schrift, die nur itzt, nur hier verſtaͤndlich find, bekannt gemacht werden. Das allerhoͤch⸗ fie Weſen hat fie allen vernünftigen Geſchoͤpfen durch Sache und Begriff geoffenbaret, mit ei⸗ ner Schrift in die Seele geſchrieben, die zu al⸗ len Zeiten und an allen Orten leſerlich und ver⸗ ſtaͤndlich iſt. Daher 585 w — angeführte Sänger: Die Himmel erzählen die Majeſtaͤt Gottes, und feiner Hände Werk verkündet die Veſte.

Ein Tag ſtrömt dieſe Lehr dem andern iu; | Und Nacht n Unterricht der 1 Beine Lehre, keine Worte, Deren Stimme nicht vernommen werde. ueber den ganzen Erdball toͤnet ihre Saite: Jar Vortrag dringet bis an der Erden Ende, Dorthin, wo er der Sonn’ ihr Zelt aufſchlug, Ihre Wirkung iſt ſo allgemein, als der wohl⸗ thaͤtige Einfluß der Sonne, der, indem fie ihren Kreislauf durcheilt, Licht und Waͤrme uͤber den ganzen Erdball verbreitet; wie derſelbe Saͤn⸗ ger ſich an einem andern Orte noch deutlicher erklaͤrt: 0 Von Sonnenaufgang bis zum Niederzarge Preiſt man des Ewgen Namen.

oder wie der Prophet im Namen des Herrn ſpricht: Von Aufgang der Sonne bis zum Niedergange iſt mein Name unter Seiden berühmt, und an allen Orten wird meinem Namen geraͤuchert, dargebracht, auch reine Speiſegabe; denn mein Name iſt beruͤhmt unter Heiden. 2) Geſchichtswarheiten, oder Nachrichten von dem Schikſale der Vorwelt, hauptſaͤchlich von den Lebens umſtaͤnden der Stammvaͤter der Nas Zweiter Abſchn. 2 tion; 1.

tion; von ihrer Erkenntniß des wahren Gottes, ihrem Wandel vor Gott; von ihren Vergehun⸗ gen ſelbſt und der vaͤterlichen Zuͤchtigung, die darauf gefolgt iſt; von dem Bunde, den Gott mit ihnen errichtet, und von der Verheiſſung, die er ihnen fo oft wiederholt: aus ihren Nachkom⸗ men dereinſt eine ihm geweihete Nation zu ma⸗ chen. Dieſe hiſtoriſche Nachrichten enthielten den Grund der Nationalverbindung, und als Geſchichtswarheiten koͤnnen ſie, ihrer Natur nach, nicht anders, als auf Glauben ange⸗ nommen werden. Autoritaͤt allein giebt ihnen die erforderliche Evidenz; auch wurden dieſe Nachrichten der Nation durch Wunder beſtaͤtiget, und durch eine Autorität unterſtuͤtzt, die hinrei⸗ chend war, den Glauben uͤber alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu fegen. 3) Geſetze, Vorſchriften, Gebote, Lebensre⸗ geln, die dieſer Nation eigen ſeyn, und durch deren Befolgung ſie ſowohl zur Nationalgluͤckſe⸗ ligkeit, als jedes Glied derſelben zur perſoͤnlichen Gluͤckſeligkeit gelangen ſollte. Der Geſetzge⸗ ber war Gott, und zwar Gott, nicht in dem Verhaͤltniſſe, als Schoͤpfer und Erhalter des = 5 Welt⸗ Weltalls; ſondern Gott, als Schutzherr und Bundesfreund ihrer Vorfahren, als Befreyer, Stifter und Anführer, als König und Ober⸗ haupt dieſes Volks; und er gab ſeinen Geſetzen die feyerlichſte Sanktion, oͤffentlich und auf eine nie erhoͤrte, wundervolle Weiſe, wodurch ſie der Nation und allen ihren Nachkommen, als unab⸗ änderliche Pflicht und Schadet ee worden find, 83 Ren Diefe Gefege wenden;geoffenbabet, b. 0 von Gott durch Worte und Schrift bekannt ge⸗ macht. Jedoch iſt nur das Weſentlichſte da⸗ von den Buchſtaben anvertrauet worden; und auch dieſe niedergeſchriebenen Geſetze ſind, ohne die ungeſchriebenen, muͤndlich uͤberlieferten und durch muͤndlichen, lebendigen Unterricht fortzu⸗ pflanzenden Erläuterungen, Einſchraͤnkungen und naͤheren Beſtimmungen, größtentheils uns verſtaͤndlich, oder mußten es mit der Zeit werden; weil alle Worte und Schriftzeichen kein Men⸗ ſchenalter hindurch ihren Sinn unverändert be⸗ halten. Sowohl die gefchriebenen, ads die ueſtfte benen Geſetze haben unmittelbar, als Vorſchrif⸗ 2 2 ten ten der Zandlungen und Lebensregeln, die Öffentliche und Privatgluͤckſeligkeit zum Ends zwecke. Sie find aber auch groͤßtentheils als eine Schriftart zu betrachten, und haben als Zeremonialgefege, Sinn und Bedeutung. Sie leiten den forſchenden Verſtand auf goͤttli⸗ che Warheiten; theils auf ewige, theils auf Geſchichtswarheiten, auf die ſich die Religion dieſes Volks gründete. Das Zeremonialgeſetz war das Band, welches Handlung mit Betrach⸗ tung, Leben mit Lehre verbinden ſollte. Das Zeremonialgeſetz ſollte zwiſchen Schule und Leh⸗ rer, Forſcher und Unterweiſer, perſoͤnlichen um⸗ gang, geſellige Verbindung veranlaſſen, zu Wetteifer und Nachfolge reizen und ermuntern; und dieſe Beſtimmung hat es in den erſten Zei⸗ ten wirklich erfuͤllt, bevor die Verfaſſung aus⸗ artete, und die Thorheit der Menſchen ſich aber⸗ mals ins Spiel miſchte, durch Mißverſtand und Mißleitung, das Gute in Boͤſes, das Nügliche in Schaͤdliches zu verwandeln. Staat und Religion war in dieſer urſpruͤng⸗ lichen Verfaſſung nicht vereiniget, ſondern eins; nicht verbunden, eben daſſelbe. Ver⸗ f haͤlt nißt haͤltniß des Menſchen gegen die Geſellſchaft und Verhaͤltniß des Menſchen gegen Gott trafen auf einen Punkt zuſammen, und konnten nie in Ge⸗ genſtoß gerathen. Gott, der Schoͤpfer und Erhalter der Welt, war zugleich der Koͤnig und Verweſer dieſer Nation, und er iſt ein Einiges weſen, das ſo wenig im Politiſchen, als im Metaphyſiſchen, die mindeſte Trennung, oder Vielheit zuläßt. Auch hat dieſer Regent keine Beduͤrfniſſe, und heiſchet nichts von der Nation, als was zu ihrem Beſten dienet, die Gluͤckſelig⸗ keit des Staats befoͤrdert; fo wie von der an⸗ dern Seite der Staat nichts fordern konnte, das den Pflichten gegen Gott zuwider, das nicht vielmehr von Gott, dem Geſetzgeber und Ge⸗ ſetzverweſer der Nation befohlen ſey. Daher gewann das Buͤrgerliche bey dieſer Nation ein heiliges und religioſes Anſehen, und jeder Buͤr⸗ gerdienſt ward zugleich ein wahrer Gottesdienſt. Die Gemeine war eine Gemeine Gottes, ihre An⸗ gelegenheiten waren Gottes, öffentliche Steuern waren Hebe Gottes, und bis auf die gering⸗ ſte Polizeyanſtalt, war alles gottesdienſtlich. 95 deren, die von den Öffentlichen Einfünfs H 3 ten H 3 ten ten lebten, hatten ihren Unterhalt von Gott. Sie ſollten kein Eigentum im Lande haben, denn Gott iſt ibr Eigentum. Wer auſſer⸗ halb Landes herumtreiben muß, der dienet fremden Goͤttern. Dieſes kann in verſchiede⸗ nen Stellen der Schrift nicht im buchſtaͤblichen Verſtande genommen werden, und bedeutet im Grund nicht mehr, als er iſt fremden politi⸗ ſchen Geſetzen unterworfen, die nicht, wie . ER en Und nun OR die Verbrechen. ber (ei vel wider das Anſehen Gottes, als des Geſetz⸗ gebers der Nation, war ein Verbrechen wider die Majeſtaͤt, und alſo ein Staatsverbrechen. Wer Gott laͤſterte, war ein Majeſtaͤtsſchaͤnder; wer den Sabbath freventlich entheiligte, hob, in ſo weit es an ihm lag, ein Grundgeſetz der buͤrgerlichen Geſellſchaft auf, denn auf der Ein feßuug dieſes Tages beruhete ein weſentlicher Theil der Verfaſſung. Der Sabbath ſey ein ewiger Bund zwiſchen mir und den Kindern Iſraels, ſpricht der Herr, ein immerwaͤhrendes Seien, daß der N A Ewige — Ewige in ſechs Tagen, u. ſ. w. Dieſe Vers: brechen alſo konnten, ja ſie mußten in dieſer Verfaſſung buͤrgerlich beſtraft werden; nicht als irrige Meinung, nicht als Unglaube; ſon⸗ dern als Unthäten, als freventliche Staats; verbrechen, die darauf abzielen, das Anſehen des Geſetzgebers aufzuheben, oder zu ſchwaͤchen, und dadurch den Staat ſelbſt zu untergraben. Und gleichwohl, mit welcher Gelindigkeit wurden dieſe Hauptverbrechen ſelbſt beſtraft! Mit welcher uͤberſchwaͤnglichen Nachſicht gegen menſchliche Schwachheit! Nach einem unge⸗ ſchriebenen Geſetze, konnte keine Leib⸗ und Les bensſtrafe verhaͤngt werden, wenn der Ver⸗ brecher nicht von zween unverdaͤchtigen Zeugen, mit Anfuͤhrung des Geſetzes, und unter Bedrohung der erordneten Strafe gewarnt worden; ja 15 Leib; und Lebens⸗ ſtrafen mußte der Verbrecher mit ausdruͤckli⸗ chen worten die Strafe anerkannt, über- nommen, und unmittelbar darauf, in Bey⸗ ſeyn derſelben Zeugen, das Verbrechen be⸗ gangen haben. Wie ſelten mußten die Blut⸗ he bey einer ſolchen Einrichtung ſeyn, und 24 wie _ - m ꝗü.ü U * wie mancherley Gelegenheit hatten bie Richter nicht, der traurigen Nothwendigkeit auszuwei⸗ chen, über ihr Mitgeſchoͤpf und Mitebenbild Gottes, den Stab zu brechen! Ein Singerich⸗ teter iſt, nach dem Ausdrucke der Schriſt, eine Geringſchaͤtzung Gottes. Wie ſehr mußten die Richter anſtehen, unterſuchen und auf Ent⸗ ſchuldigung bedacht ſeyn, bevor fie ein Halsge⸗ richts⸗Urtheil unterzeichneten! Ja, wie die Rabbinen ſagen, hat jedes Halsgericht, das fuͤr feinen guten Namen beſorgt iſt, darauf zu ſe⸗ hen, daß in einem Zeitraume von ſiebenzig Jah⸗ ren, nicht mehr als eine Perſon am Leben ge⸗ ſtraft werde. Hieraus erhellet, wie wenig man die moſai⸗ ſchen Geſetze und die Verfaſſung des Judentums kennen muß, um zu glauben, daß nach derſelben Kirchenrecht und Kirchenmacht autoriſtrt, oder Unglaube und Irrglaube mit zeitlichen Strafen zu belegen ſey. Der Sorfcher nach Licht und Wahrheit, ſowohl als Herr Moͤr⸗ ſchel, ſind alſo weit von der Warheit entfernt, wenn ſie glauben ich habe durch meine Ver⸗ nunftgruͤnde wider Kirchenrecht und Kirchen⸗ macht macht, das Judentum aufgehoben. Warheit kann nicht mit Warheit ſtreiten. Was das göttliche Geſetz gebietet, kann die nicht minder goͤttliche Vernunft nicht aufheben.

Nicht Unglaube, nicht falſche Lehre und Irr⸗ kum, ſondern freventliches Vergehen wider die Majeſtaͤt des Geſetzgebers, freche Unthaten wider die Grundgeſetze des Staats und der buͤr⸗ gerlichen Verfaſſung wurden gezuͤchtiget, und nur alsdann gezuͤchtiget, wenn der Frevel in ſeiner Ausgelaſſenheit alles Maß überfchritt, und dem Aufruhr nahe kam; wenn ſich der Ver⸗ brecher nicht ſcheuete, von zweyen Mitbuͤrgern ſich das Geſetz vorhalten, die Strafe androhen zu laſſen, ſa die Strafe zu uͤbernehmen und in ihrem Angeſichte das Verbrechen zu begehen. Hier wird der religioſe Boͤſewicht ein freventli⸗ cher Majeftärsfchänder, ein Staatsverbrecher. Auch haben, wie die Rabbinen ausdruͤcklich ſa⸗ gen, mit Ferſtörung des Tempels, alle Leib⸗ und Lebensſtrafen, ja auch Geld buſſen, in ſo weit ſie blos national ſind, aufgehoͤret Rechtens zu ſeyn. Vollkommen nach meinen Grundſatzen, und ohne dieſelben unerklaͤrbar! Die bürgerlichen Bande der Nas tion waren aufgelöfet, religiofe Vergehungen waren feine Staatsverbrechen mehr, und die Religion, als Religion kennet keine Strafen, keine andere Buſſe, als die der reuevolle Suͤn⸗ der ſich freywillig auferlegt. Sie weis von keinem Zwange, wirkt nur mit dem Stabe ge⸗ linde, wirkt nur auf Geiſt und Herz. Man verſuche es, dieſe Behauptung der Rabbinen, ohne meine Grundſaͤtze, vernuͤnftig zu erklaͤren!

„Wozu nun, hoͤre ich manchen Leſer fragenz „wozu dieſe Weitlaͤuftigkeit, uns etwas ſehr „bekanntes zu ſagen? Das Judentum war eis „ne Hierokratie, eine kirchliche Regierung, ein „Prieſterſtaat, eine Theokratie, wenn ihr wol⸗ „let. Wir kennen die Anmaßungen ſchon, die „fich. eine ſolche Verfaſſung erlaubt.“ Nicht doch! alle dieſe Kunſtnamen werfen auf die Sache ein falſches Licht, das ich vers meiden mußte. Wir wollen immer nur claſſi⸗ fieiren, in Fächer abtheilen. Wenn wir nur wiſſen, in welches Fach ein Ding einzutragen ſey; ſo ſind wir zufrieden, ſo unvollſtaͤndig der Begriff auch uͤbrigens ſeyn mag, den wir das von haben. Warum ſuchet ihr ein Geſchlechts⸗ wort, fuͤr ein einzelnes Ding, das kein Ge⸗ ſchlecht hat, das mit nichts ſchichtet, mit nichts unter eine Rubrik zu bringen iſt? Dieſe Ver⸗ faſſung iſt ein einziges Mal da geweſen: nennet ſie die moſaiſche Verfaſſung, bey ihrem Ein⸗ zelnamen. Sie iſt verſchwunden, und iſt dem Allwiſſenden allein bekannt, bey welchem Volke und in welchem Jahrhunderte ſich etwas Aehn⸗ liches wieder wird ſehen laſſen. | So wie es, nach dem Plato, einen irdi⸗ ſchen und auch einen himmliſchen Amor geben ſoll, ſo giebt es auch, koͤnnte man ſagen, ei⸗ ne irdiſche und eine himmliſche Politik. Neh⸗ met einen flatterhaften Abentheurer, einen Gunſteroberer, wie ihn das Pflaſter jeder | Hauptſtadt darbeut, und unterhaltet ihn von dem Liede der Cieder Salomons, oder von der Liebe der erſten Unſchuld im Paradieſe, wie ſie Milton beſchreibt; Er wird glauben, ihr ſchwaͤrmet, oder wollt euere Lektion aufſagen, wie ihr das Herz einer Sproͤden durch platoniſche Liebkoſungen zu beſtuͤrmen verſtehet. Eben ſo wenig wird euch ein Politiker nach der Mode 7 ver⸗ verſtehen, wenn ihr von der Einfalt und fittlichen Großheit jener urſpruͤnglichen Verfaſſung redet. le jener in der Liebe nur die Befriedigung der gemeinen Luͤſternheit kennet; ſo ſpricht dieſer in der Staatsklugheit blos von Macht, Geldum⸗ lauf, Handlung, Gleichgewicht, Volksmenge, und die Religion iſt ihm ein Mittel, deſſen ſich der Geſetzgeber bedienet, den unbaͤndigen Men⸗ ſchen im Zaume zu halten, und der Prieſter, um ihn auszuſaugen, und fein Mark zu verzehren. Dieſen falſchen Geſichtspunkt, aus welchem wir das wahre Intereſſe der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft zu betrachten gewohnt ſind, mußte ich meinem Leſer aus den Augen ruͤcken. Ich habe ihm die ſerhalb den Gegenſtand bey keinen Na⸗ men genennet; ſondern ſelbſt mit ſeinen Eigen⸗ ſchaften und Beſtimmungen darzuſtellen geſucht. Wenn wir mit geradem Blick auf denſelben hin⸗ ſchauen, werden wir, wie jener Weltweiſe von der Sonne ſagte, in der Achten Politik eine Gottheit erblicken, wo gemeine Augen einen Stein ſehen. Ich habe geſagt, daß die moſaiſche Verfaßs ſung nicht lange in ihrer erſten Lauterkeit be⸗ . ſtanden.

* ſtanden. Schon zu den Zeiten des Propheten Samuel gewann das Gebaͤude einen Riß, der ſich immer weiter aufthat, bis die Theile vollig zerfielen. Die Nation verlangte einen ſichtba⸗ ren, fleiſchlichen König zum Regenten. Es ſen nun, daß die Prieſterſchaft, wie von den Soͤh⸗ nen des Hohenprieſters in der Schrift erzaͤhlt wird, ſchon angefangen ihr Anſehen bey dem Volke zu mißbrauchen, oder daß der Glanz einer benachbarten Hofhaltung die Augen geblen⸗ det; genug, fie forderten einen Rönig, wie alle andere Voͤlker haben. Der Prophet, den dieſes kraͤnkte, ſtellte ihnen vor, was ein menſchlicher König ſey, der feine eigne Beduͤrf⸗ niſſe hat, und ſie nach Wohlgefallen erweitern kann, und wie ſchwer ein ſchwacher Sterblicher zu befriedigen ſey, dem man das Recht der Gottheit einraͤumet. Umſonſt, das Volk bes ſtand auf ſeinen Vorſatz, erhielt ſeinen Wunſch, und erfuhr, was ihnen der Prophet angedrohet hatte. Nun war die Verfaſſung untergraben; die Einheit des Intereſſe aufgehoben; Staat und Religion nicht mehr eben daſſelbe, und Col⸗ liſton der pflichten war ſchon nicht mehr unmoͤg⸗ lich.

„ lich. Indeſſen mußte fie noch immer ſelten ſeyn, | ſo lange ‚der König ſelbſt nicht nur von der Nas tion war, ſondern auch den Geſetzen des Vater⸗ landes gehorchte. Aber nun verfolge man die Geſchichte, durch mancherley Schickſale und Ver⸗ aͤnderungen, durch manche gute und boͤſe, got⸗