SigPhi · Moses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

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tesfuͤrchtige und gottvergeſſene Regierung hin⸗ durch, bis auf jene traurigen Zeiten herunter, in welchen der Stifter der chriſtlichen Religion den vorſichtigen Beſcheid ertheilte: gebet dem Kai⸗ fer, was des Baifers, und Gotte, was Gottes iſt. Offenbarer Gegenſatz, Colliſion der Pflichten! Der Staat ſtund unter fremder Bothmaͤßigkeit, empfing ſeine Befehle gleichſam von fremden Göttern, und die einheimiſche Re⸗ ligion mit einem Theile ihres Einfluſſes auf das buͤrgerliche Leben, hatte ſich noch erhalten.

Hier iſt Forderung gegen Forderung, Anſpruch gegen Anſpruch. „Wem ſollen wir geben? wem gehorchen?“ — So ertraget denn beide La ſten, fiel der Beſcheid aus, ſo gut ihr koͤnnet; dienet zweien Herren in Geduld und Ergeben⸗ heit: Gebet dem Kaiſer und gebet auch Gotte!

Jedendas Seine, nachdem die Einheit des In tereſſe nun zerſtört iſt! und Und noch itzt kann dem Haufe Jakobs kein weiſerer Rath ertheilt werden, als eben dieſer. Schicket euch in die Sitten und in die Verfaſ⸗ ſung des Landes, in welches ihr verſetzt ſeydz aber haltet auch ſtandhaft bey der Religion eu⸗ rer Väter. Traget beider Laſten, fo gut ihr köͤnnet! Man erſchweret euch zwar von der eis nen Seite die Buͤrde des buͤrgerlichen Lebens, um der Religion willen, der ihr treu bleibet, und von der andern Seite macht das Clima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsge⸗ ſetze, in mancher Betrachtung, laͤſtiger, als ſie ſind. Haltet nichts deſto weniger aus, ſtehet unerſchuͤttert auf dem Standorte, den euch die Vorſehung angewieſen, und laſſet alles uͤber euch ergehen, wie euch euer Geſetzgeber lange vorher verkuͤndiget hat. N | In der That ſehe ich nicht, wie diejenigen, die in dem Hauſe Jakobs geboren ſind, ſich auf irgend eine gewiſſenhafte Weiſe, vom Geſetze entledigen koͤnnen. Es iſt uns erlaubt, uͤber das Geſetz nachzudenken, ſeinen Geiſt zu erfor⸗ ſchen, hier und da, wo der Geſetzgeber keinen Grund angegeben, einen Grund zu vermuthen, a N 5 der der vielleicht an Zeit und Ort und Umftände ges bunden geweſen, vielleicht mit Zeit und Ort und Umſtaͤnden veraͤndert werden kann — wenn es dem allerhoͤchſten Geſetzgeber gefallen wird, uns ſeinen Willen daruͤber zu erkennen zu geben; fo laut, fo öffentlich, fo über alle Zweifel und Bedenklichkeit hinweg zu erkennen zu geben, als Er das Geſetz ſelbſt gegeben hat. So lange die⸗ ſes nicht geſchiehet, ſo lange wir keine ſo au⸗ thentiſche Befreyung vom Geſetze aufzuwelſen haben, kann uns unſere Vernuͤnfteley nicht von dem ſtrengen Gehorſam befreyen, den wir dem Geſetze ſchuldig ſind, und die Ehrfurcht vor Gott ziehet eine Graͤnze zwiſchen Spekulation und Ausübung, die kein Gewiſſenhafter uͤberſchreiten darf. Darum wiederhole ich meine vorausge⸗ ſchickte Proteſtation: Schwach und kurzſichtig iſt des Menſchen Auge! Wer kann fagen: ich bin in das Heiligtum Gottes gekommen, habe das Syſtem ſeiner Abſichten ganz durchſchauet, und weis ihnen Maaß und Ziel und Graͤnze zu beſtimmen? Ich kann vermuthen, aber nicht entſcheiden, aber nicht nach meiner Vermuthung handeln — Darf ich doch in menſchlichen Dingen Dingen mich nicht erdreiſten, aus eigener Ver⸗ muthung und Geſetzdeuteley, ohne Autoritaͤt des Geſetzgebers oder Geſetzverweſers, dem Ge⸗ ſetze zuwider zu handeln; um wie viel weniger in goͤttlichen Dingen? Geſetze, die mit Landei⸗ gentum und Landes einrichtung in nothwendiger Verbindung ſtehen, fuͤhren ihre Befreyung mit ſich. Ohne Tempel und Prieſtertum und auſſer⸗ halb Judaͤa, finden weder Opfer noch Reinigungs⸗ geſetz, noch prieſterliche Abgabe Statt, in ſo weit ſie vom Landeigentume abhaͤngen. Aber perſoͤnliche Gebote, Pflichten die dem Sohne Iſraels, ohne Ruͤckſicht auf Tempeldienſt und Landeigentum in Palaͤſtina, auferlegt worden ſind, muͤſſen, ſo viel wir einſehen koͤnnen, ſtrenge nach den Worten des Geſetzes beobachtet wer⸗ den, bis es dem Allerhoͤchſten gefallen wird, un⸗ ſer Gewiſſen zu beruhigen, und die Abſtellung derſelben laut und oͤffentlich bekannt zu machen.

Hier heißt es offenbar: was Gott gebun⸗ den hat, kann der Menſch nicht loͤſen. Wenn auch einer von uns zur chriſtlichen Religion übers gehet; ſo begreife ich nicht, wie er dadurch ſein Zweyrer Abſchnitt. J Ge⸗ 5 Gewiſſen zu befreyen, und ſich von dem Joche des Geſetzes zu entledigen glauben kann? Jeſus von Nazareth hat ſich nie verlauten laſſen, daß er gekommen ſey, das Haus Jakob von dem Geſetze zu entbinden. Ja, er hat vielmehr mit ausdrücklichen Worten das Gegentheil geſagt; und was noch mehr iſt, hat ſelbſt das Gegen⸗ theil gethan. Jeſus von Nazareth hat ſelbſt nicht nur das Gefes' Moſes; ſondern auch die Satzungen der Rabbinen beobachtet, und was in den von ihm aufgezeichneten Reden und Handlungen dem zuwider zu ſeyn ſcheinet, hat doch in der That nur dem erſten Anblicke nach, dieſen Schein. Genau unterſuchet, ſtimmet alles nicht nur mit der Schrift, fondern auch mit der Ueberlieferung völlig überein. Wenn er gekommen iſt, der eingeriſſenen Heucheley und Scheinheiligkeit zu ſteuern; ſo wird er ſicher⸗ lich nicht das erſte Beyſpiel zur Scheinheiligkeit gegeben, und ein Geſetz durch Beyſpiel autori⸗ ſirt haben, das abgeſtellt und aufgehoben ſeyn ſollte. Aus ſeinem ganzen Betragen, ſo wie aus dem Betragen ſeiner Juͤnger in der erſten Zeit, leuchtet vielmehr der rabbiniſche Grund⸗ ſatz ſatz ſatz augenſcheinlich hervor: Wer nicht im Ber ſetze geboren iſt, darf ſich an das Geſetz nicht binden; wer aber im Geſetze geboren iſt, muß nach dem Geſetze leben, und nach dem Geſetze ſterben. Haben ſeine Nachfolger in fpätern Zeiten anders gedacht, und auch die Juden, die ihre Lehre annahmen, entbinden zu koͤnnen geglaubt; ſo iſt es ſicherlich ohne ſeine Autorität geſchehen. | Und ihr, lieben Brüder und Mitmenfchen!. die ihr der Lehre Jeſu folget, folltet uns verar? gen, wenn wir das thun, was der Stifter eu⸗ rer Religion ſelbſt gethan, und durch ſein Anſe⸗ hen bewahrt hat? Ihr ſolltet glauben, uns nicht bruͤderlich wieder lieben, euch mit uns nicht buͤrgerlich vereinigen zu koͤnnen, ſo lange wir uns durch das Zeremonialgeſetz aͤuſſerlich unter⸗ ſcheiden, nicht mit euch eſſen, nicht von euch heurathen, das, ſo viel wir einſehen koͤnnen, der Stifter eurer Religion ſelbſt weder gethan, noch uns erlaubt haben wuͤrde? — Wenn die⸗ ſes, wie wir von chriſtlich gefinnten Männern nicht vermuthen koͤnnen, eure wahre Geſin⸗ J2 nung nung ſeyn und bleiben ſollte; wenn die bar gerliche Vereinigung unter keiner andern Be⸗ dingung zu erhalten, als wenn wir von dem Geſetze abweichen, das wir. für uns noch für verbindlich halten; ſo thut es uns herzlich leid, was wir zu erklaͤren fuͤr noͤthig erachten: ſo muͤſſen wir lieber auf buͤrgerliche Vereinigung Verzicht thun; ſo mag der Menſchenfreund Dohm vergebens geſchrieben haben, und alles in dem leidlichen Zuſtande bleiben, in welchem es itzt iſt, oder in welchen es eure Menſchen⸗ liebe zu verſetzen, fuͤr · gut findet. Es ſtehet nicht bey uns, hierin nachzugeben; aber es ſtehet bey uns, wenn wir vechtfchaffen find, euch dennoch bruͤderlich zu lieben, und bruͤder⸗ lich zu flehen, unſere Laſten, ſo viel ihr koͤn⸗ net, ertraͤglich zu machen. Betrachtet uns, wo nicht als Brüder und Mitbürger, doch wenigſtens als Mitmenſchen und Miteinwohner des Landes. Zeiget uns Wege und gebet uns Mittel an die Hand, wie wir beſſere Menſchen und beſſere Miteinwohner werden koͤnnen, und laſſet uns, ſo viel es Zeit und Umſtaͤnde erlauben, die Rechte der Menſchheit mit genießen, Von dem Geſetze Geſetze koͤnnen wir mit gutem Gewiſſen nicht weichen, und was nuͤtzen 1 e ohne Gewiſſen?

„Wie kann aber auf dieſe Weiſe die Pro⸗ „ phezeyung in Erfüllung kommen, daß dereinſt v nur ein Sirt und eine Heerde ſeyn ſoll?“ Lieben Bruͤder! die ihr es mit den Men⸗ ſchen wohlmeinet, laſſet euch nicht bethoͤren! Um dieſes allgegenwaͤrtigen Hirten zu ſeyn, braucht weder die ganze Heerde auf Einer Flur zu weiden, noch durch Eine Thuͤr in des Herrn Haus ein und auszugehen. Dieſes iſt weder dem Wunſch des Hirten gemaͤß, noch dem Gedeien der Heerde zutraͤglich. Ob man die Begriffe vertauſcht, oder gefliſſentlich zu ver⸗ wirren ſucht? Man ſtellet euch vor, Glaubens⸗ vereinigung ſey der naͤchſte Weg zur Bru⸗ derliebe und Bruderduldung „die ihr Gutherzi⸗ gen fo ſehylich wuͤnſchet. Wenn wir alle nur Einen Glauben haben, wollen verſchiedene euch einbilden; ſo koͤnnen wir uns einander des Glau⸗ bens, der Verſchiedenheit der Meinungen hal⸗ 1 nicht mehr haſſen; fo iſt Religions haſt und Verfolgungsſucht bey der Wurzel gefaßt und ausgerottet; ſo iſt der Heucheley die Geiſ⸗ ſel, und dem Fanatismus das Schwerdt aus der Hand gewunden, und die gluͤcklichen Tage treten ein, da es heißt: der Wolf wird mit dem Lamme wohnen, und der Leopard ne⸗ ben der Ziege u. ſ. w. — Sie, die Sanft⸗ muͤthigen, die dieſes in Vorſchlag bringen, ſind bereit Hand ans Werk zu legen; ſie wollen als Unterhaͤndler zuſammentreten und ſich die menſchenfreundliche Muͤhe geben, einen Glau⸗ bens vergleich zu Stande zu bringen; um wahr⸗ heiten wie um Rechte, wie um feiles Kaufſmanns⸗ gut, zu handeln, wollen fordern, bieten, din⸗ gen, abdrohen und abbitten, uͤbereilen und uͤberliſten, bis die Parteyen fi einander in die Hände ſchlagen, und der Vertrag zur Gluͤckſe⸗ ligkeit des menſchlichen Geſchlechts niederge⸗ ſchrieben werden kann. Viele, die ein ſolches Vorhaben zwar als chimaͤriſch und unaus⸗ fuͤhrbar verwerfen, ſprechen doch von der Glaubenseinigkeit, als von einem ſehr wuͤn⸗ ſchenswerthen Zuſtande, und bedauern das en EN mit Leidweſen, daß dieſer diefer Gipfel der Gluͤckſeligkeit, durch menſchliche Kräfte, nicht zu erreichen ſtehe. — Huͤtet euch, Menſchenfreunde! ſolchen Geſinnungen, ohne die genaueſte Pruͤfung, Gehoͤr zu geben.

Es koͤnnen Fallſtricke ſeyn, die der ohnmaͤchtig gewordene Fanatismus der Gewiſſensfreyheit legen will. Ihr wiſſet, dieſer Feind des Guten iſt von mancherley Geſtalt und Form; Loͤwen⸗ wut und Lammesart, Tanbeneinfalt und Schlan⸗ genliſt, keine Eigenſchaft iſt ihm ſo fremd, daß er ſie nicht entweder beſitze, oder anzunehmen verſtehe, um ſeine blutduͤrſtigen Abſichten zu er⸗ reichen. Da ihm, durch eure wohlthaͤtigen Be⸗ muͤhungen die offene Gewalt benommen iſt, ſo nimmt er vielleicht die Maske der Sanftmuth an, um euch zu hintergehen, heuchelt Bruder⸗ liebe, gleißet Menſchenduldung, und ſchmie⸗ det heimlich die Ketten ſchon, die er der Ver⸗ nunft anzulegen gedenkt, um ſie unverſehens wieder in den Pful der Barbaren zu ſtuͤrzen, aus der ihr fie zu ziehen angefangen.) 34° Man „) Auch die Ohngötteren hat, wie eine leidige Erfahrung lehrt, ihren Fanatismus. Zwar hat dieſer Man glaube nicht, daß dieſes eine blos ein⸗ gebildete Furcht ſey, die etwa Hypochondrie zur Mutter hat. Im Grunde kann eine Glaubens; vereinigung, wenn ſie je zu Stande kommen ſollte, keine andere als die unſeligſten Folgen für Vernunft und Gewiſſens freyheit haben. Denn geſetzt, man vereinige ſich uͤber die Glau⸗ bensformel, die man einzuführen und feſtzuſetzen a | denkt; dieſer vielleicht nie ohne eine Vermiſchung von innerer Ohngoͤtterey wuͤthend werden koͤnnen. Daß aber auch aͤuſſerer, offenbarer Atheismus fanatifch werden koͤnne, iſt fo unleugbar als ſchwer zu begreifen. So ſehr der Atheiſt, wenn er bündig ſeyn will, alles aus Eigennutz thun muß, und ſo wenig es dieſem gemaͤß zu ſeyn ſcheinet, wenn der Atheiſt Partey zu machen, und das Geheimniß nicht für ſich zu behalten ſuchet; ſo hat man ihn doch ſeine Lehren mit dem hitzigſten Enthuſiasmus predigen, und wuͤthend werden, ja verfolgen geſehen, wenn ſeine Predigt nicht Eingang finden wollte. Und ſchrecklich iſt der Eifer, wenn er einen erklaͤrten Atheiſten be⸗ feelt; wenn die Unfchuld einem Wuͤterich in. die Haͤnde faͤllt, der alles fuͤrchtet, nur keinen denkt; man bringe Symbolen zu Stande, wi⸗ der welche keine von den itzt in Europa herr⸗ ſchenden Religions parteyen etwas einzuwenden findet. Was iſt dadurch ausgerichtet? Etwa, daß ihr alle uͤber Religionswahrheiten eben daſſelbe denket? — Wer von der Natur des menſchlichen Geiſtes nur einigen Begriff hat, kann ſich dieſes nicht beykommen laſſen. Alſo bloß in den Worten, in der Formel laͤge die Uebereinſtimmung. Dazu wollen die Glaubens⸗ vereiniger ſich zuſammenthun; ſie wollen hier und da von den Begriffen etwas abzwacken, hier und da die Maſchen der Worte ſo lange erweitern, ſie ſo unbeſtimmt und weitſchichtig machen, daß ſich die Begriffe, ihrer innern Ver⸗ ſchiedenheit ungeachtet, noch zur Noth hinein⸗ zwaͤngen laſſen. Ein jeder verbaͤnde alsdann im Grunde mit denſelben Worten eine andere ihm eigene Meynung, und ihr ruͤhmtet euch, den Glauben der Menſthen vereiniget, die Heerde unter ihren einigen Hirten gebracht zu haben? O wenn dieſe allgemeine Gleißnerey uͤberall einen Endzweck haben ſoll; ſo fuͤrchte ich, man will den freygewordnen Geiſt der Menſchen nur vorerſt vorerſt wieder in Schranken eingefperrt haben: Das ſcheue Wild wird ſich alsdann ſchon fan⸗ gen, und den Kappzaum umwerfen laſſen. Bin⸗ det den Glauben nur erſt an Symbolen, die Meinung an Worte, ſo beſcheiden und nachge⸗ bend ihr immer wollet; ſetzet nur ein fir Mer mal die Artikel feſt: Wehe dem Elenden als⸗ dann, der einen Tag ſpaͤter koͤmmt, und auch an dieſen beſcheidenen, gelaͤuterten Worten etwas auszuſetzen findet! Er iſt ein Friedens⸗ ſtoͤrer! Zum Scheiterhaufen mit im Bruͤder! iſt es euch um wahre Gottſelig⸗ keit zu thun; fo laſſet uns keine Uebereinſtim⸗ mung luͤgen, wo Mannigfaltigkeit offenbar Plan und Endzweck der Vorſehung iſt. Keiner von uns denkt und empfindet vollkommen fo, wie ſein Nebenmenſch; warum wollen wir denn einander durch truͤgliche Worte hintergehen? Thun wir dieſes ſchon leider! in unſerm taͤgli⸗ chem Umgange, in unſern Unterhaltungen, die von keiner ſonderlichen Bedeutung ſind; warum denn noch in ſolchen Dingen, die unſer zeitli⸗ ches und ewiges Wohl, unſere ganze Beſtim⸗ e mung mung angehen. Warum uns einander in den wichtigſten Angelegenheiten unſers Lebens durch Mummerey unkenntlich machen, da Gott einem jeden nicht umſonſt feine eigenen Geſichtszuͤge ein⸗ geprägt hat? Heißt dieſes nicht, fo viel an uns liegt, ſich der Vorſehung widerſetzen, den Zweck der Schöpfung, wenn es moͤglich iſt, vereiteln; unſerm Beruf, unſerer Beſtimmung in dieſem und jenem Leben gefliſſentlich zuwider handeln? — Regenten der Erde! wenn es einem unbe⸗ deutenden Mitbewohner derſelben vergoͤnnt iſt, ſeine Stimme bis zu euch zu erheben; trauet den Raͤthen nicht, die euch mit glatten Worten zu einem ſo ſchaͤdlichen Beginnen verleiten wol⸗ len. Sie. ſind etweder ſelbſt verblendet, und ſehen den Feind der Menſchheit nicht, der im Hinter halt lauret, oder ſuchen euch zu verblenden. Es iſt gethan, um unſer edelſtes Kleinod, um die Freiheit zu denken, wenn ihr ihnen Gehoͤr gebet! um eurer und unſerer aller Gluͤckſelig⸗ keit willen, Glaubensvereinigung ift nicht Tos leranz; iſt der wahren Duldung grade entge⸗ gen! Um eurer und unſerer Gluͤckſeligkeit wil⸗ len, gebet euer vielvermoͤgendes Anſehen nicht her, *.

her, irgend eine ewige wahrheit, ohne we die bürgerliche Gluͤckſeligkeit beſtehen kann, ein Geſetz; irgend eine dem Staate ee tige Religionsmeinung in Landesverordnung zu verwandeln! Haltet auf Thun und Laſſen der denſchen; ziehet dieſes vor den Nichter- ſtuhl weiſer Geſetze, und uͤberlaſſet uns das Denken und Reden, wie es uns unſer aller Vater, zum unveraͤuſſerlichen Erbgute beſchie⸗ den, als ein unwandelbares Recht eingegeben hat. Iſt etwa die Verbindung zwiſchen Recht und Meinung zu verjaͤhret, und der Zeitpunkt noch nicht gekommen, daß ſie, ohne beſorgli⸗ chen Schaden, voͤllig aufgehoben werden koͤnne; fo ſuchet wenigſtens ihren verderblichen Eins fluß, ſo viel an euch iſt, zu mildern, dem zu grau gewordenen Vorurtheile *) weiſe Schran⸗ ken zu ſetzen. Bahnet einer gluͤcklichen Nachkom⸗ menſchaft wenigſtens den Weg zu jener Hoͤhe der Cultur, zu jener allgemeinen Nersbendal⸗ . 8 dung, „) Leider! hoͤren wir auch ſchon den Congreß in Amerika das alte Lied anſtimmen, und von einer herrſchenden Religion ſprechen.

dung, nach welcher die Vernunft noch immer vergebens ſeufzet! Belohnet und beſtrafet keine Lehre, locket und beſtechet zu keiner Religions⸗ meinung! Wer die oͤffentliche Gluͤckſeligkeit nicht ſtoͤhret, wer gegen die buͤrgerlichen Ge⸗ ſetze, gegen euch und ſeine Mitbuͤrger rent⸗ ſchaffen handelt, den laſſet ſprechen, wir er denkt, Gott anrufen nach ſeiner oder ſeiner Vaͤter Weiſe, und ſein ewiges Heil ſuchen, wo er es zu finden glaubet. Laſſet nieman⸗ den in euern Staaten Herzenskuͤndiger und Gedankenrichter ſeyn; niemanden ein Recht ſich anmaßen, das der Allwiſſende ſich allein vorbehalten hat! Wenn wir dem Kaiſer ge⸗ ben, was des Kaifers iſt; fo gebet ihr ſelbſt Gotte, was Gottes iſt! Liebet die Wahr⸗ heit! Liebet den Frieden!