SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

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irgend eine muͤßige Stunde „und macht fich be⸗ reit / die Wahrheit zu umarmen: ſo ſtehet uns abermals dieſer Stoͤrer unſerer Gluͤckſeligkeit/ der Leib, im Wege, und bietet uns feine Schat⸗ ten, ſtatt der Wahrheit, an. Die Sinne halten uns, wider unſern Dank, ihre Scheinbilder vor, und erfüllen die Seele mit Verwirrung, Dun⸗ kelheit / Traͤgheit und Aberwitz: und ſie ſoll in dieſem allgemeinen Aufruhr gruͤndlich nachden⸗ ken und die Wahrheit erreichen? unmöglich! Wir muͤſſen alſo die feligen Augenblicke abwar⸗ ten, in welchen Stille von Auſſen und Ruhe von Innen uns das Gluͤck verſchafft, den Leib vollig aus der Acht zu ſchlagen, und mit den Augen des Geiſtes nach der Wahrheit hinzuſehen. Aber wie ſelten, und wie kurz find auch dieſe feligen Augenblicke: 5 Wir ſehen ja deutlich, daß wir das Ziel unſe⸗ rer Wuͤnſche, die Weisheit, nicht eher erreichen werden, als nach unſerm Tode; beym Leben iſt keine Hoffnung dazu. Denn kann anders die Seele, ſo lange ſie im Leibe wohnet, die Wahr⸗ heit nicht deutlich erkennen, ſo muͤſſen wir ei⸗ nes von beiden ſetzen: entweder, wir werden fie niemals erkennen, oder, wir werden ſie nach unſerm Tode erkennen, weil die Seele alsdann N den Erſtes Geſprach. a den Leib verläßt, und vermuthlich in dem Fort⸗ gange zur Weisheit weit weniger aufgehalten. wird. Wollen wir uns aber in dieſem Leben zu jener ſeligen Erkenntniß vorbereiten, ſo muͤſſen wir unterdeſſen dem Leibe nicht mehr gewaͤhren, als was die Nothwendigkeit erfordert: wir muͤſ⸗ ſen uns ſeiner Begierden und Luͤſte enthalten, und uns, fo oft als moͤglich, im Nachdenken üben, bis es dem Allerhoͤchſten gefallen, wird, uns in Freyheit zu ſetzen. Alsdann konnen wir hoffen, von den Thorheiten des Leibes befreyet, die Quelle der Wahrheit, das allerhoͤchſte und vollkommenſte Weſen, mit lautern und heiligen Sinnen zu beſchauen, indem wir vielleicht an⸗ dere neben uns eben derſelben, Gluͤckſeligkeit ge nieſſen ſehen. — Dieſe Sprache, mein lieber Simmias! dürfen: die wahren Wiffendbegieris, gen unter einander führen, wenn ſie fich von, ihren Angelegenheiten beſprechen, und dieſe Mey⸗ nung müſſen fie auch deny, wie, m she | oder duͤnkt es 15 N Nicht das, BR Sokrates! F 7 Wenn aber dem alſo if, mein Sieber‘ hat ein ſolcher, der mir heute nachfolget, nicht groſe Hoffnung, da, wo wir hinkommen / beſſer als C5 % irgend⸗ — 0 net man den Tod.

— 42 Phaͤdon irgendwo, das zu erlangen, wornach er im ges: genwaͤrtigen Leben ſo ſehr gerungen???

ö Allerdings! ö Ich kann alſo meine Reise * mit * Pre antreten, und jeder Wahrheitlieben⸗ der mit mir / wenn er bedenkt, daß ihm ohne „Reinigung und Vorbereitung kein freyer Zutritt zu den Geheimniſſen der Weisheit verſtattet wird.

Dieſes kann N geleugnet werden/ ſprach | Smmian a Bug, u Die Reinigung aber iſt nichts anders; als die Entfernung der Seele von dem Sinnlichen, und anhaltende Uebung uͤber das Weſen und die Eigenſchaften der Seele ſelbſt Betrachtun⸗ gen anzuſtellen, ohne ſich darinn etwas, das nicht die Seele iſt, irren zu laſſen; mit einem Worte, die Bemuͤhung, ſowohl in dieſem als in dem zukuͤnſtigen Leben, die Seele von den Feſſeln des Leibes zu befreyen, damit ſie unge⸗ hindert ſich ſelbſt betrachten, und dadurch zur Erkenntniß der Wahrheit moͤge.

„Allerdings! Die Trennung des gelbes von der Seele nen⸗ Frey⸗ ö 5 u rs Gag. 13 Die wahren Liebhaber der Weisheit wenden alſo alle erfi unliche Muͤhe an, ſich dem Tode, ſo viel ſie koͤnnen, zu open. sg zu lernen. wu Eee | „ Es fehjeinet q. a a Waͤre es nun aber nicht hoͤchſt ungereimt, wenn ein Menſch, der in ſeinem ganzen Leben nichts ge⸗ lernet, als die Kunſt zu ſterben, wenn ein ſol⸗ cher / ſage ich, zuletzt ſich betruͤben wollte, da er den Tod ſich nahen ſi eht; wäre es nicht and eg; Anſtreitig. | Alſo, Simmias! muß den wahren Weltwei⸗ fen. der Tod niemals ſchrecklich, ſondern allezeit will. kommen ſeyn. Die Geſellſchaft des Leibes iſt ih⸗ nen bey allen Gelegenheiten beſchwehrlich: denn, wofern ſie den wahren Entzweck ihres Daſeyns, erfuͤllen wollen, ſo muͤſſen ſie ſuchen die Seele pom: Leibe zu trennen, und gleichſam in fi felof zu, verſammeln. Der Tod iſt dieſe⸗ Trennung, die laͤngſtgewuͤnſchte Befreyung von der Geſellſchaft des Leibes. Welche Ungereimtheit alſo, bey Her⸗ annahung deſſelben zu zittern, ſich zu betruͤben! Getroſt und froͤlich vielmehr muͤſſen wir dahin Be wo wir Hoffnung haben, unſere Liebe zu a umar⸗ a umar⸗ umarmen, ich meyne die Weisheit, und des uͤber⸗ laͤtigen Gefährten los zu werden, der uns ſo vie⸗ len Kummer verurſacht hat. Wie? gemeine und umwiſſende Leute, denen der Tod ihre Gebieterin⸗ nen / ihre Weiber oder ihre Kinder geraubt, wuͤn⸗ ſchen in ihrer Betruͤbniß nichts ſehnlicher, als die Oberwelt verlaſſen und zu dem Gegenſtande ihrer Liebe, oder ihrer. Begierden, hinabſteigen zu koͤn⸗ nen: und dieſe, die gewiſſe Hoffnung haben, ih⸗ re Liebe nirgend in ſolchem Glauben zu erblicken / als in jenem Leben, dieſe ſind voller Angſt? dieſe beben? und treten nicht vielmehr mit Freuden die Reiſe an? O nein! mein Lieber! nichts iſt unge⸗ reimter, als ein Welweiſer, der den Tod fürchtet, 5 „De Jupiter! gauz vortreüch, tie Simmias.

Zittern und voller Angſt feyn, wann der Tod winkt kann dieſes nicht fuͤr ein untruͤgliches Kenn⸗ zeichen genommen werden, daß man nicht die Mepeit, fondern den Leib, das Vermoͤgen, die Ehre oder alle drey zuſammen lebet? Me Gan untrüglich.

» Wem geziemet die Tugend, die wir Mannhaf.

ai nennen, mehr als dem Weltweiſen? Niemanden e er - und — Erſtes Geſpräͤch. 45 Und die Maͤßigkeit, dieſe Tugend, die in der Fertigkeit beſtehet, ſeine Begierden zu bezaͤhmen, und in ſeinem Thun und Laſſen eingezogen und ſttſam zu ſeyn, wird fie nicht vornehmlich bez dem zu ſuchen ſeyn, der ſeinen Leib nicht ach⸗ tet, und blos in der Weltweisheit lebt und webt?

Nothwendig / ſprach er.

Aller übrigen Menſchen Mannhaftigkeit und Maͤßigkeit wird dir ungereimt ſchemmen wenn du fie. näher betrachteſt. a Wie fo? mein Sokrates? Du weißt, verſetzte er, daß die mehreſten Men⸗ , Ehen den Tod für ein ſehr groſes ucbel N.

— Richtig ſprach er.

Wenn alſo dieſe / fo genannten tapfern · und mannhaften Leute, unerſchrocken ſterben, ſo ge⸗ ſchiehet es daß aus Sucht eines noch groͤßern Uebels. 0 | Nicht endet, Alſo ſind alle Mannhaften, auſſer den Welt⸗ weiſen, bloß aus Furcht unerſchrocken. Iſt aber eine Unerſchrockenheit aus ‚Sucht 8 Boch ungereimt? a Die in nicht ne. et Mit 48 Phaͤdon we - der Maͤßigkeit hat es dieſelbe Beſchaffen⸗ heit. Aus Unmaͤßigkeit leben ſie mäßig und ent, 5 — Man ſollte dieſes für unmöglich hal⸗ ten, und dennoch trifft es bey dieſer unvernünf⸗ tigen Maͤßigkeit voͤllig ein. Sie enthalten fich gewiſſer Wolluͤſte, um andere, nach welchen fie gieriger ſind, deſto ungeſtoͤrter genieſſen zu koͤn⸗ nen. Sie werden Herrn uͤber jene, weil ſie von dieſen Knechte ſind. Frage ſie, ſie werden dir frehlich ſagen » ſich von feinen Begierden beherr⸗ ſchen zu laſſen, ſey Unmaͤßigkeit; allein ſie ſelbſt haben die Herrſchaſt über gewiſſe Begierden nicht anders erlangt, als durch die Sklaverey gegen andere, die noch ausgelaſſener find. Heiſſet nun dieſes nicht ehe maln aus # uit ent⸗ ER ſeyn?? „ PA Allem Ansehen nach. | O. mein theurer Simmias! Wollust! pn Wolluſt, Schmerz gegen Schmerz, und Furcht gegen Furcht vertauſchen, gleichſam, wie Muͤn⸗ ze für ein groſes Stück viele kleine einwechſeln: dieß iſt nicht der Weg zur wahren Tugend. Die einzige Muͤnze / die gültig iſt und fuͤr welche man alles andere hingeben muß / iſt die Weisheit Mit dieſer ſchafft man ſich alle uͤbrigen Tugen⸗ den an: Tapferken / Maͤß iakeit / und — Erſtes Geſpräch. 42 keit. Ueber haupt bey der Weisheit iſt wahre Tu⸗ gend, wahre Herrſchaft über die Begierden, uber die Verab ſcheuungen, und über alle Leidenſchaft ten; ohne Weisheit aber erlanget man nichts, als einen Tauſch der Leidenſchaften gegen eine leidige Schattentugend, die dem Laſter Sklaven⸗ dienſte thun muß, und an ſich ſelbſt nichts Ge⸗ ſundes und Wahres mit ſich fuͤhret. Die wahre Tugend iſt eine Heiligung der Sitten, eine Rei⸗ migung des Herzens, kein Tauſch der Begier⸗ den. Gerechtigkeit, Maͤßigkeit, Mannhaftig⸗ keit, Weisheit, ſind kein Tauſch der Laſter gegen einander. Unſere Vorfahren, welche die Teles ten, oder die vollkommenen Verſoͤhnungsfeſte geſtiftet, muͤſſen, allem Anſehen nach, ſehr weiſe Maͤnner geweſen ſeyn: denn ſie haben durch die⸗ ſe Raͤthſel zu verſtehen geben wollen, daß, wer unverföhnt und ungeheiliget die Oberwelt vers läßt, die haͤrteſte Strafe auszuſtehen habe; der Gelaͤuterte und Verſöhnte aber nach ſeinem To⸗ de unter den Göttern wohnen werde. Die mit dieſen Verſoͤhnungsgeheimniſſen umgehen, pfle⸗ gen zu ſagen: Es giebt viele Thyrſustraͤgzer, aber wenig Begeiſterte: und meines Erachtens verſtehet man unter den Begeiſterten diejenigen, die ſich der wahren Weisheit gewiedmet. Ich bab in meinem Leben] nichts geſpaet / ſondern * we Phädon ee unabläßig geſteebt, einer von dieſen Begeiſterten zu ſeyn; ob mein Bemühen fruchtlos geweſen, oder in wie weit mir mein Vorhaben gelungen, werde ich da, wo ich hinkomme / am beſten erfah⸗ ren, und fo Gott will, in kurzer Zeit. — er Dieſes iſt meine Vertheidigung, Simmias und Cebes! warum ich meine beſten Freunde hie⸗ nieden ohne Betruͤbniß verlaſſe, und bey Heran⸗ nahung der Todesſtunde fo wenig zittere. Ich glaube / allda beffere Freunde und ein beſſeres Le⸗ ben zu finden, als ich hier zuruͤck laſſe, fo wenig auch dieſes beym gemeinen Haufen Glauben fins den wird. n Hatt nun meine ſehige — been ein. gang gefunden, als jene „ die ich vor den Rich⸗ tern der Stadt gehalten, u bin er ERROR er h Sokrates batte. 10 Cebes ergriff das Wort: Es if wahr, Sokrates! du haft dich vollkommen gerechtfertiget; allein was du von der Seele behaupteſt, muß vielen unglaub⸗ lich ſcheinen: denn ſie halten insgemein dafür, die Seele ſey nirgend mehr anzutreffen, ſo bald fie den Koͤrper verlaſſen, ſondern werde, gleich nach dem ner des ‚Menfchen, aufgeloͤſet und . zer⸗ zernichtet. Sie ſteige, wie ein Hauch, wie ein feiner Dampf, aus dem Körper, in die obere Luft, allwo ſie vergehe, und vollig aufhöre zu ſeyn. Koͤnnte es ausgemacht werden, daß die Seele für ſich beſtehen kann, und nicht noth⸗ wendig mit dieſem Leibe verbunden ſeyn muß; ſo hätten die Hoffnungen, die du dir macheſt, eis ne nicht geringe Wahrſcheinlichkeit; denn ſo bald es mit uns nach dem Tode beſſer werden kann: ſo hat der Tugendhafte auch gegruͤndete Hoff⸗ nungen, daß es mit ihm wirklich beſſer werden wird. Allein die Moͤglichkeit ſelbſt iſt ſchwer zu begreiffen, daß die Seele nach dem Tode noch denken, daß fie noch Willen und Verſtandeskraͤf. te haben ſoll; dieſes alſo, mein Sokrates! er⸗ fordert noch einigen Beweis.

Du Haft Recht, Cebes! ehe Sokrates. Allein was iſt zu thun? Wollen wir etwa überlegen, ob wir einen Beweis befinden tonnen oder ment?

Ich bin ſehr begierig ſprach Ceben, dene Ge⸗ we hierüber zu vernehmen, | Wenigfien kann derjenige erwiederte So⸗ krates, der unſere Unterredung hoͤret, und wenn es auch ein Komoͤdienſchreiber wäre, mir nicht dorwerfen. ich beſchaͤſtige mich mit Grillen, die pPhaͤdon. | D | weder 80 Phaͤdon ( bwbeder nuͤtzlich noch erheblich ſind. Die Unter⸗ fuchung / die wir itzt vorhaben, iſt vielmehr ſo wichtig, daß uns jeder Dichter gern erlauben wird um den Beyſtand einer Gottheit zu fe hen, bevor wir zum Werke ſchreiten.— Er ſchwieg / und ſaß eine Weile in Andacht vertieft; ſodann ſprach er: Doch, meine Freunde! mit fauterm Herzen die Wahrheit ſuchen, iſt die wuͤrdigſte Anbetung der einzigen Gottheit, die uns Beyſtand leiſten kann. Zur Sache alſo! Der Tod, o Cebes! iſt eine natürliche Veraͤnde⸗ rung des menfchlichen Zuſtandes; und wir wol⸗ len itzt unterſuchen / was bey dieſer Veraͤnde⸗ rung ſo wohl mit dem Leibe des Menſchen als mit ſeiner Seele vorgehet. Nicht?

Rich lig! * e „„Sollte es nicht rathſam ſeyn, erſt Überhaupt zu erforſchen / was eine natürliche Veranderung ft, und wie die Natur ihre Veränderungen nicht nur in Anſehung des Menſchen, ſondern. auch in Anſehung der Thiere, Pfanzen, und leblo⸗ ſen Dinge hervorzubringen pflegt? Mich duͤnkt, wie werden auf dieſe Weiſe näher zu unſerm Endzwecke kommen.

Der Ennfall ſcheinet nicht unglücklich, "ders Erſtes Gelpraͤch. S este: Cebrhn dur müſſen nalſp fte ae one er larung ſuchen / was Veraͤnderung ſey.

Mich düͤnkt, ſprach Sokrates, wir 6 ein Ding habe ſich veraͤndert, wenn unter zwöen entgegengeſetzten Beſtimmungen, die ihm zukom⸗ nen können, 95 17 g A 955 die andere anfaͤngt wirklich u fenn, choͤn und lich N gerecht And ua, 2 und Bil, Tag 0 Nacht, chf afen und machen find dieſeß icht entge e efehte Beſtinmimgen, die bey, M er und e un ® Sache moͤglich fa, Ne Wenn eine Roſe welkt 10 bees Geſtalt herliret: ſagen wir alsdann mt, be habe ſch peraͤndert Rinicı aan Ja, und wenn ein ungerechte Men feine Lebens, alt verändern will, muß er nicht eine entgegen⸗ gesetzte annehmen, und gerecht werden? en „Wenn anders; Auch. umgekehrt, wenn durch eine 1 tung etwas entſtehen ſoll, ſo muß vorhin das Widerſpiel davon da geweſen ſeyn. So wird es Tag, nachdem es vorhin Nacht gemeſen, und 2 Daz hin⸗ „* he b Phaͤdon hinwiederum Nacht nachdem Wborhin Tag ge⸗ weſen; ein Ding wird ſchoͤn / groß y ſchwer / an⸗ ſehnlich u. ſ. w. nachdem es vorhin haͤßlich, klein, leicht, unanſhnlich sewefen * e 3 alt. Ja! „ ar 744 Eine Veränderung heißt alſo iberhaup 115 anders, dis zie Abwechselung ber beneide ten Beſif mungen, die an einem Dinge moͤg⸗ — ſind. Wollen wir es bey dieſer Ertlärsin N laſſen? 2. Cebes chan, noch unenke Eine Kleinigkeit, mein leber Sokrates! Das Wort entgegengeſetzte macht mir einiges Bes denken. Ich ſollte nicht glauben, daß ſchnur⸗ ſtracks entgegengeſetzte Zuſtaͤnde nn auf einander folgen koͤnnten. 8 * Richtig 4 yerſetzte Sokrates. Wir fehen auch, daß die Natur in allen ihren Veraͤnderungen ei⸗ nen Mittelzuſtand zu "finden weiß, der ihr gleich.

ſam zum Uebergange dienet, von einem Zuſtan⸗ de auf den entgegengeſetzten zu kommen. Die Nacht folgt z. B. guf den Tag, vermittelſt der Abenddemmerung, ſo wie der Tag auf die Bun eremielt der Wm, Nicht?

Franc. Ba.

— Erſtes Geſpräch. 33 Dns Große wird in der Natur fein, vermit⸗ telſt der allmaͤligen Abnahme, und das kleine hinwiederum - groß, en des HN. t Richtig.. Ar g | Wenn wir auch i in gewiſſen Fällen dieſem uchw⸗ gange keinen beſondern Namen gegeben: ſo iſt doch nicht zu zweifeln, daß er wirklich vorhan⸗ den ſeyn muͤſſe / wenn ein Zuftand natürlicher Weiſe init ſeinem Widerſpiel abwechſeſff fol? denn muß nicht eine Veraͤnderung, die natürlich ‚yon ſoll, durch die Kräfte, die in die Natur ge⸗ igt ſind, hervorgebracht werden 72 Wie tönnte fie ſonſt nalirlich bein?

Diese urſprüngliche Kräfte aber find PR wirk⸗ ' ſam, ſteis lebendig: denn wenn ſie nur einen Augenblick entſchliefen, ſo wuͤrde ſie nichts als dit Allmacht zur Thaͤtigkeit aufwecken koͤnnen. Was aber nur die Allmacht thun kann, wollen MM dieſes natuͤrlich nennen?

Wie könnten wir? ſprach cebes.

Was die natürlichen Kräfte also! itzt Berhorheiny gen, mein Lieber! daran haben fig ſchon von je her gearbeitet; denn ſie waren niemals muͤßig, nur vos ihre Wirkung erſt nach und nach fi chtbar ge⸗ D 3. wor⸗ f N 1 fr worden. Die Kraft ber Natub b. Bf ER die Tageszeiten veraͤnderr, arbeitet ſthon itzt daram nach einiger Zeit die Nacht auf den Horizont zu führen: aber ſie nimmt ihren Weg durch. Mits tag und Abend, welches die Uebergaͤnge ſind von der Geburt des Tages bis if fee 755 Im Schlafe ſelbſt arbeiten” die Leben en ken an der kuͤnftigen Erwachung, ſo pe ſe pachenden Zustande den künftigen Sa 5 — bereiten.

Dieſes iſt nicht zu e Und überhaupt, | wenn ein Zuſtand teen Weiſe auf ſein Widerſpiel erfolgen foll, wie ſol⸗ ches bey allen natürlichen Veranderungen ge⸗ ſchiehet: ſo muͤſſen die ſtets wirkſamen Kräfte der Natur ſchon vorher an dieſer Veraͤnderung gearbeitet, und den vorhergehenden Zuͤſtand gleichſam mit dem zukuͤnſtigen beſchwaͤngert ha⸗ ben. Folgt nicht heraus, daß die Natur alle mittlern Zuſtaͤnde n itnehmen muß, wenn ſie ei⸗ nen Zuſtand mit ſeinem ee abifen will?

Ganz unleugbar.

Uberlege es wohl, mein Freund! damit her⸗ nach kein Zweifel entſtehe, ob nicht Anfangs zu die nachgegeben worden. Wir erfordern zu je; a der rs } Erſtes Geſpräch. 55 der natürlichen Veränderung dreyerley: einen vorhergehenden Zuſtand des Dinges, das ver⸗ aͤndert werden ſoll; einen darauf folgenden, der jenem entgegengeſetzt iſt; und einen Uebergang, oder die zwiſchen beiden liegenden Zuſtaͤnde, die der Natur von einem auf den andern gleichſam den Weg bahnen. Wird dieſes zugegeben?

Ja, ja! rief Cebes. Ich ſehe nicht ab, wie man an dieſer Wahrheit ſollte Zweifeln koͤnnen.

Laa ſehen, erwiederte Sokrates, ob dir folgen⸗ des eben fo unleugbar ſcheinen wird. Mich duͤnkt) alles veraͤnderliche koͤnne keinen Augenblick unveraͤndert bleiben; ſondern, indem die Zeit ohne zu ruhen forteilet, und das Kuͤnftige be ſtaͤndig zu dem Vergangenen zuruͤck ſendet, ſo verwandelt ſie auch zugleich alles Veraͤnderliche, und zeigt es jeden Augenblick unter einer neuen Geſtalt. Biſt du nicht auch dieſer Meynung? Geben! > Sie iſt wenigftend wahrſcemlch. 5 Mir ſcheinet ſie unwiderſprechlich. Denn al⸗ les Veraͤnderliche, wenn es eine Wirklichkeit, und kein bloſer Begriff iſt, muß eine Kraft ha- ben, etwas zu thun, und ein Geſchicke, etwas zu leiden. Run mag es thun oder leiden, fo / 2% 56 Phaͤdon wird etwas an ihm anders, als es vorhin ge⸗ weſen; und da die Kraͤſte der Natur niemals in Ruhe find: was koͤnnte den Strom der Vergaͤng⸗ lichkeit nur einen Augenblick in ſeinem Lauffe hemmen?

Itzt bin ich uͤberzeugt. | Das thut der Wahrheit keinen Eintrag, daß uns gewiſe Dinge oft eine Zeit lang unverändert fcheinen; denn ſcheinet uns doch auch eine Flam⸗ me eben dieſelbe, und dennoch iſt ſie nichts an⸗ ders, als ein Feuerſtrom, der aus dem brennen⸗ den Körper ohne Unterlaß empor ſteigt, und un, ſichtbar wird. Die Farben kommen unſern Au⸗ gen öſters wie unverändert vor, und gleichwohl wechſelt beftändig neues Sonnenlicht mit dem vo⸗ rigen ab. Wann wir aber die Wahrheit ſuchen, ſo muͤſſen wir die Dinge nach der Wirklichkeit, nicht aber nach dem Sinnenſchein beurtheilen.

Beym Jupiter! verſetzte Cebes, dieſe Wahrheit öffnet uns eines fo neue als reizende Ausſicht in die Natur der Dinge. Meine Freunde! fuhr er fort, indem er ſich zu uns wandte, die Anwen⸗ dung von dieſer Lehre auf die Natur unſerer See⸗ le ſcheinet die wichtigſten Folgen zu verſprechen.

Ich habe noch einen einzigen Satz voraus zu ſchicken, verſetzta Sokrates, ehe ich auf dieſe An» Erſtes Shäh, 37 wendung komme. Das Veraͤnderliche, haben wir eingeſtanden, kann keinen Augenblick unver⸗ aͤn dert bleiben; ſondern, fo wie die vergangene Zeit aͤlter wird, ſo waͤchſt auch die aneinander haͤngende Reihe der Abaͤnderungen, die da gewe⸗ fen find. Nun uͤberlege, Cebes! folgen die Au⸗ genblicke der Zeit in einer getzennien, oder Iſtaͤti⸗ gen Reihe auf einander?

Ich begreiffe nicht, ſprach Cebes, was ſa⸗ gen willſt.

Beyſpiele werden dir meine Gedanken deutli⸗ f cher machen. Die Flaͤche des ſtillen Waſſers ſcheinet uns in einem fortzugehen, und jedes Waſ⸗ ſertheiſchen mit denen, die um ihn ſind, gemein⸗ ſchaftliche Grenzen zu haben; da hingegen ein Sandhuͤgel aus vielen Koͤrnlein beſtehet, deren jedes ſeine eigene Grenzen hat. Nicht?

Dieſes iſt begreifich, — | Wenn ich das Wort Cebes aus ſpreche, folgen hier nicht zwo vernehmliche Sylben auf einander, . zwiſchen welchen keine dritte anzutreffen iſt?

Richtig!

Das Wort Cebes alſo gehet nicht in einem fort; ſondern die Sylben, aus welchen es beſtehet, folgen in einer unſtaͤtigen Verbindung auf einan⸗ ber, und jeder hat ihre eigene Grenzen.

D 5 Rich⸗ Richtig! ' Aber in dem Begriffe f den mein Geiſt mit die⸗ ſem Worte verbindet, giebt es auch hier Theile die ihre eigene Grenzen haben?

— Und mit Recht, denn alle Theile und Merk⸗ male eines zuſammengeſetzten Begriffes flieffen fo - in einander, daß fich keine Grenzen angeben laſ⸗ fen, wo dieſes aufhoͤrt, jenes anfängt, ſie ma⸗ chen alſo zuſammen ein ſtaͤtiges Ganze aus; da hingegen jede Sylbe ihre beſtimmten Grenzen — hat, und ihrer viele, die zuſammenkommen, ein Wort ausmachen, in einer unſtaͤtigen Reihe auf einander folgen.

Dieſes iſt vollkommen deutlich.

Ich frage Alfo von der Zeit: Iſt fie mit dem ausgeſprochenen Wort, oder mit dem Begriffe zu vergleichen? Folgen ihre Augenblicke in einer ſtaͤ. tigen, oder unſtaͤtigen Ordnung auf einander?

In einer ſtaͤtigen, erwiederte Cebes. | Freylich, verſetzte Simmias; denn durch die Folge unſerer Begriffe erkennen wir ja die Zeit; wie iſt es alſo möglich, daß die Natur der Folge in der Zeit und in den Begriffen nicht einerley ſeyn ſollte 3 | Die * Erſts Geſptach. 50 Die Theile der Zeit, fuht Sokrates fort, ge⸗ hen alſo in einem fort / und haben „ liche Grenzen? N Richtig?: Ze Das kleinſte Zeittheilchen iſt eine ſolche Folge | don Augenblicken, laͤßt ſich in noch kleinere Thei⸗ te zerlegen, die immer noch alle Eigenfigaften Ä der 7 behalten. Nicht?.

Es ſcheiner.

er ES giebt alſo auch keine zween Augenblick die ſich einander die nächſten ſind, das heißt, zwiſchen welchen ſich nicht noch ein dritter gedenken ließe?

Dieſes folget aus dem Zugeſtandenen. Gehen die Bewegungen und ſuͤberhaupt alle Veränderungen in der Natur nicht mit der at in gleichen Schritten. Sie folgen alſo, wie die gel, in einer tigen | Verbindung auf einander? Richtig! „ Es wird daher auch keine een Zufände 9 ge, ben, die fich einander die naͤchſten ud, das heißt, iwiſchen welchen nicht noch ein dritter auf fen ſey?

Es 60 den Es feine alſo. est. Rn Unſern Sinnen kömmt es freylich ſo vor, als wenn die Veraͤnderungen der Dinge ruͤckweiſe ge⸗ ſchahen, indem fie ſolche nicht eher / als nach merklichen Zwiſchenzeiten wahrnehmen; allein die Natur geht nichts deſto weniger ihren Weg, und verändert die Dinge almalig / und in einen ſtaͤtigen Folge auf einander. Der kleinſte Theil dieſer Folge iſt ſelbſt eine Folge von Veraͤnde⸗ rungen; und man mag zween Zuſtaͤnde fo dicht an einander ſetzen, als man will, fo giebt es im⸗ mer noch einen Uebergang dazwiſchen, der fie nit einander verbindet, der der Natur von einem auf den andern gleichſam den Weg zeigt. 96 begreiffe dieſes alles ſehr wohl, ſprach Cebes. Meine Freunde! rief Sokrates, itzt iſt es Zeit, Bu unſerm Vorhaben zu naͤhern. Wir haben Gruͤnde geſammelt, die fuͤr unſere Ewigkeit ſtrei⸗ ten ſollen, und ich verſpreche mir einen gewiſſen Sieg. Wollen wir aber nicht, nach Gewohn⸗ heit der Feldherrn ehe wir zum Treffen kommen, unſere Macht noch einmal uͤberſehen, um ihre Staͤrke und Schwäche del genauer kennen zu lernen? 25 N Apollodorus bath ſehr um eine Kur Bis dente; Die 1 Erſtes Gefpräch, t Die Saͤtze, ſprach Sokrates / deren Richtig⸗ keit wir nicht mehr in Zweifel stehen, find dieſe: 1) Zu einer jeden natürlichen Veraͤnderung wird dreyerley erfordert: 1) Ein Zuſtand eines veraͤnderlichen Dinges, der aufhören, 2) ein anderer, der ſeine Stelle vertreten fol, und 3) die mittlern Zuftände, oder der Uebergang, damit die Veraͤnderung nicht plötzlich, ſondern allmaͤhlig geſchehe.

2) Was veraͤnderlich iſt, bleibt keinen Augen⸗ blick / ohne witklich verändert zu werden.

39 Die Folge der Zeit geheti in einem fort, und es giebt keine zween Augenblicke, die fih 2 einander die naͤchſten ſind.

Ay Die Folge der Veränderungen tzmmt mit der Folge der Zeit überein, und iſt ebenfalls ſo ſtaͤtig, ſo aneinanderhaͤngend, daß man Feine Zuftände angeben kann, die ſich ein⸗ ander die naͤchſten waͤren, oder zwiſchen welchen nicht ein Uebergang Statt finden ſollte. Sind wir nicht über dieſe Punkte * einig worden?

Jia! ſprach Cebes.

} Leben und Tod, mein lieber Cebes! verſetzte Bm find entgegengefee Zuftände: Nicht?

Freylich!

6 Phaͤdn Freylich! 2 und das Sterben der Wein: vom geben | gum Tode? a Dieſe große Virhreng uff vetmuthlich die Seile ſowohl als den Leid:: denn beide Weſen ſtan⸗ den in dieſem Leben in der genaueſten Verbindung.

Allem Anſehen nach.. 85 5 Was mit dem Leibe ah; dieſer wichigen Be⸗ gebenhei vorgehet, kann uns die Beobachtung lehren; denn das A, gedehnte bleibt unſern Sinnen gegenwaͤrtig: aber wie, wo, und was die Seele nach dieſem Leben ſeyn wird, muß bloß durch die Vernunft ausgemacht werden; denn die Seele hat durch den Tod das Mittel verlo⸗ ten / den wenſchlichen Sinnen gegenwärtig zu ſeyn.

N Richtig! | | , Wollen wir nicht, mein Theuerſter! erſt das r N alle feine Veränderungen ver⸗ olgen, und he tnach, wo möglich, das. Unſicht, bare mit dem Sichtbaren vergleichen? Ce, Das ſcheint der beſte Weg, den wir eine 12 knnen, ech Cebes, =.

Erſtes Gera 63 ſtaͤndig Trennungen und Zuſammenſetzungen vor, die zum Theil auf die Erhaltung, zum Theil aber auf den Untergang der thieriſchen Maſchine ab⸗ zielen. Tod und Leben fangen bey der Geburt des Thieres ſchon an gleichſam mit einander in ringen.

Dieß zeigt die taͤgliche Erfahrung.

Wie nennen wir den Zuſtand, fragte Sokra.

10 in welchem alle Veraͤnderungen, die in der lebendigen Maſchine vorgehen, mehr auf das Wohlſeyn, als auf den Untergang des Leibes abs zielen? Nennen wir ihn nicht die Geſundhen?

Wie anders? 25 b Hingegen werden die thierischen Veränderun- gen, welche die Aufloͤſung der großen Maſchine verurſachen, durch Krankheiten vermehret, oder auch durch das Alter, welches die natürlichſte nn genennt werden kann.

Richtig 1 Das Verderben nimmt durch unmerffiche Gra⸗ de allmaͤlig zu. Endlich zerfalt das Gebäude, und Jöfet ſich in feine kleinſten Theile auf. Aber was geſchieht? Hören dieſe Theile auf, veräͤn⸗ dert zu werden? Hoͤren ſie auf, zu wirken und a leiden? Gehen ſie ganz verloren? g — 64 Pthaͤdon Es ſcheinet nicht, verſetzte Cebes.

Unmoͤglich, mein Wertheſter! erwiederte So⸗ Trates, wenn das wahr iſt, woruͤber wir einig geworden: denn giebt es wohl ein Mittel zwi⸗ ſchen Seyn und Nichtſeyn?

Keines wege. 5 Seyn und Nichtſeyn wären alſo zween Zuſtaͤn⸗ de / die unmittelbar auf einander folgen, die ſich einander die naͤchſten ſeyn müßten: wir haben aber geſehen, daß die Natur keine ſolche Veraͤnderun⸗ gen, die plöslich und ohne Uebergang geſchehen muͤſſen, hervorbringen kann. Erinnerſt du dich wohl noch dieſes Satzes? | Sehr wohl, ſprach Cebes.

Alſo kann die Natur weder ein Daſeyn, noch eine Zernichtung zuwege bringen?

Daher gehet bey der Auftöſung des thieriſchen Leibes nichts verloren. Die zerfallenen Theile fahren fort, zu ſeyn, zu wirken, zu leiden, zu⸗ ſammen geſetzt und getrennt zu werden, bis fie fich durch unendliche Uebergänge in Theile eines an⸗ dern Zuſammengeſetzten verwandeln. Manches wird Staub, manches wird zur Feuchtigkeit, dirſes ſteig in die Luft / jenes geht in eine Page f Erſtes Geſpraͤch. 65 über wandelt van der Plänzenm ein lebendiges Thier., und verlaͤßt das Arent unf einem Wur⸗ me zur Nahrung zu dienen. N dieſes nicht der Erfahrung“ gemas?. Tr. 0 Bollkommen - mein Sokratesl antworten Cebes und Simpnias zugleic h.. Wir ſehen alſo, meine Freunde daß Tod und Leben, in ſo weit ſie den Leib angehen, in der Natur nicht fo getrennt find, als ſie in unſern Sinnen ſcheinen, Sie ſind Glieder einer ſteti⸗ gen Reihe von Veründerungen, die durch ſtu⸗ fenweiſe Uebergaͤnge mit einander auf das ge⸗ naueſte verbunden find. Es giebt keinen Aus genblick, da man, nach aller Strenge, ſagen Könnte: Jetzt ſtirbt das Thier; ſo wenig man, nach aller Strenge / ſagen kann: Itzt ward es krank, oder itzt ward es wieder geſund. Frey⸗ lich muͤſſen die Veränderungen anſern Sinnen, nach einer geraumen Zwiſchenzeit, 75 mertber wer⸗ en; aber genug, wir wiſſen, daß N ie es in der That nicht ſeyn können. | Ich beſinne mich jetzt auf ein Beyſbiel, das dieſen Satz erläutern wird. Unſere Augen, die er einen gewiſen en eingeſchraͤnkt find‘, - unter — unterſchieden, gar deutlich Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht, und es iſt uns, als wenn dieſe Zeitpunkte von den v uͤbrigen getrennt und abgeſondert waͤren. Wer aber den ganzen Erdboden betrachtet, erkennet gar deutlich, daß die Umwaͤlzungen von Tag und Nacht ſtetig an einander haͤngen, und alſo jeder Augenblick der Zeit Morgen und Abend, Mies, an Miteer⸗ nacht zugleich ſey. „il Homer hat nur, als Dichter, die Frepheit, ſeiner Goͤtter Verrichtungen nach den Tagszei⸗ ten einzutheilen: als ob jemand, der nicht in einen engen Bezirk auf dem Erdboden einge⸗ ſchraͤnkt iſt) die Tageszeiten noch wirklich ges trennte Epochen waͤren, und es nicht vielmehr zu jeder Zeit ſo wohl Morgen als Abend waͤre. Es iſt den Dichtern erlaubt, den Schein für die Wahrheit zu nehmen: allein der Wahrheit zu Folge muͤßte Aurora mit ihren Roſenſingern be⸗ ſtaͤndig die Thore des Himmels offen halten, und ihren gelben Mantel unaufhörlich von einem Hr. te zum andern ſchleppen, ſo wie die Götter) wenn fie nur des Nachts ſchlafen wollen, gar nicht oder beſtäͤndig ſchafen müſſen.— = ee So laſſen f ch auch, im Ganzen betrachtet, die Tobe der Woche nicht Aterſchedei denn das eres Geſpräch. 67 das Stetige und Aneinanderhaͤngende laͤßt ſich nur in der Einbildung, und nach den Vorſpie⸗ gelungen der Sinne, in beſtimmte und abge⸗ ſonderte Theile zertrennen; der Verſtand aber ſiehet gar wohl, daß man da nicht ſtehen blei⸗ ben muß, wo keine wirkliche Abtheilung. iſt. Iſt dieſes e meine Freunde Gar ſehr, erwiederte Simmias!

Mit dem Leben und Tode der Thiere und Pflanzen verhaͤlt es ſich gleichfalg, nicht anders, In der Folge von Veraͤnderungen/ die, daſſelbe Ding erlitten, fängt ſich, nach dem urtheile unſerer Sinne, da eine Epoche an, wo- uns das Ding wuͤrklich als Pflanze oder als Thier in die Sinne faͤllt, und dieſes nennen wir das Aufkeimen der Pflanze, und die Geburt des Thieres. Den zweyten Zeitpunkt, da, wo ſich N die thieriſchen oder pflanzigten Bewegungen un⸗ ſern Sinnen entziehen, nennen wir den Tod; und den dritten, wann endlich die thieriſchen oder pflanzigten Formen verſchwinden und unſchein⸗ bar werden, nenney wir den Untergang, die Verweſung des Thieres oder der Pflanze. In der Natur aber find alle dieſe Veraͤnderungen Glieder einer ununterbrochenen Kette, allmaͤh⸗ ige Auswickelungen, und Einwickelungen deſ⸗ E 2 ſelben es Phaͤdon felben Dinges / das ſich in unzaͤhlige Geſtalten einhuͤlet und einkleidet. Iſt Reran noch Ei gend ein“ Zweifel? u 18 Gt. N n geringßen nicht / verſetzte cebes. is Wenn wir ſagen fuhr Sokrates ber, die Seele ſtirbt, fo muͤſſen wir eines von beiden ſetzen! Entweder alle ihre Kraͤfte und Vermoͤ⸗ gen, ihre. Wirkungen und Leiden hoͤren plotzlich auf, fie‘ derſchwidet gleichſam in einem Ru; oder ſie eiter wie der Leib“, allmsählige Vet⸗ wandelungen)! unzählige Umkleidungen, die ein einer ſtetigen Reihe fortgehen / und in dieſer Rei⸗ he giebt es eine Epoche / „ wo ſie tee menſchli⸗ che Seele mehr „ ſondern etwüls änders gewöt⸗ den it? fo’ fie der Leib, nach unzaͤhligen Ver⸗ aͤnderüſigen aufhoͤret! ein menſchlicher Leib zu fan, und in Staub; Luft / Pfanze, oder auch in Theile eifies andern Thieres berwandelt wird. Giebt es einen dritten Fall, wie die Seele ſter⸗ ben kann, einen Fall mehr, alt plotzuch odet allmaͤhig?

Nein „erwiederte Cebes. Dieſe cube ar: Mine ganz. | Güt, ſptach Sokrates. Die alſo noch RN in, ob die Seele nicht ſterblich ſeyn koͤnnte, moͤ⸗ mögen waͤhlen, mob ſie beſorgen, ſie möchte plotzlich verſchwinden, oder nach und nach das, jenige aufhoͤren zu ſeyn / was fie war. Will Les bes nicht ihre Stelle vertreten, und dieſe Wahl uͤber ſich nehmen? 3 Die Frage iſt ob jene die Sache ihres Sach⸗ walters wuͤrben gelten laſſen. Mein Rath waͤ⸗ re, wir uͤberlegten bejde Faͤlle; denn wenn ſie auf meine Wahl Verzicht thäten, N und fh ans ders erklären ‚foltten; ſo dürfte morgen, niemand mehr da ſeyn, der fie teidgelege, kann, je Mein leber Cebes! berfehte Sokrates, Gries chenland it ein weitläuftiges Reich, und auch unter den Barbaren muß es viele geben, denen dieſe Unterſuchung. am Herzen liegt. — Doch es ſey! laßt uns. beide Faͤlle unterſuchen. Der ers ſte war: Vielleicht vergehet die Seele ploͤtzlich verſchwindet jn einem Nu. An und fuͤr fich iſt dieſe Todesart moͤglich. Hann ‚fie aber von der Natur hervorgebracht werden? 555 Keinesweges: wenn das wahr. 1, was wir vorhin zugegeben, daß die Natur keine Zernich⸗ tung hervorbringen koͤnne.

und sahen wir dieſes nicht mit Recht zuge⸗ N E 3 geben?

\ 20 Ptahaͤdon geben? fragte Sokrates. Zwiſchen Seyn und Nichtſeyn iſt eine entſetzliche Kluft, die von der allmaͤhlich wirkenden Natur der Dinge 1 uͤber⸗ ſprungen werden kann.

Ganz recht, verſetzte cebes. Wie aber 7 wenn fie von einer uͤbernatuͤrlichen Macht, von einer Gottheit, zernichtet würde?. - O mein Theureſter! rief Sokrates ag f ' wie gluͤcklich, wie wohl verſorgt ſind wir, wenn wir nichts als die unmittelbare Hand des einzig en Wunderthaͤters zu fuͤrchten haben! Was wir be⸗ ſorgten, war, ob die Natur unſerer Seele nicht an und für ſich ſelbſt ſterblich ſey; und dieſe Be⸗ ſorgniß ſuchen wir durch Gründe zu vereitelt; ob aber Gott, der allguͤtige Schoͤpfer und Er halter der Dinge, ſie durch ein Wunderwerk zernichten werde? — Nein, Cebes! laß uns lieber befuͤrchten, die Sonne wuͤrde uns in Eis verwandlen, ehe wir von der ſelbſtaͤndigen Guͤ⸗ te eine grundböfe Handlung, die Zernichtung durch ein Wunderwerk, befuͤrchten wollen.

Ich bedachte es nicht, ſprach Cebes, daß mein Einwurf beynahe eine Laͤſterung fey.

Die eine Todesart, die pfloͤtzliche Zernichtung ſchreck uns alfd nicht mehr, fuhr Sokrates fort; 0 Erſtes Geſpraäch. 2 fort; denn fie iſt der Natur ummöglich, Doch überlegt auch folgendes, meine. Freunde! Ge fegt, fie waͤre nicht unmoͤglich, fo iſt die Frage: wann? zu welcher, ſoll unſere Seele vers ſchwinden? Vermuthlich zu der Zeit, da der Koͤrper ihrer nicht mehr bedarf, in dem 9 blicke des Todes? | Allem Anfehen nach,