SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

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Nun haben wir aber geſehen, daß es keinen beſtimmten Augenblick giebt, da man fügen kann, itzt ſtirbt das Thier. Die Aufſoͤſung der thieriſchen Maſchine hat ſchon lange vorher ih⸗ ren Anfang genommen, ehe noch ihre Wirkun⸗ gen ſichtbar geworden find; denn es fehlt nie mals an ſolchen thieriſchen Bewegungen, die der Erhaltung des Ganzen zuwider ſind; nur daß ſie nach und nach zunehmen, bis endlich alle Bewegungen der Theile nicht mehr zu einem einzigen Endzwecke harmoniren, ſondern eine jede ihren beſondern Endzweck angenommen hat: und alsdann iſt die Maſchine aufgelöfet. Die⸗ ſes geſchiehet ſo allmaͤhlig, in einer ſo ſteti⸗ gen Ordnung, daß jeder Zuſtand eine gemein⸗ ſchafthche Grenze des vorhergehenden und nach, folgenden Zuſtandes, eine Wirkung des vorher⸗ gehenden und eine Urſache des nachfolgenden E 4 Zu⸗ 72. * Phaͤdoeorn Zuſtandes zu nennen it. Haben wir 170 nicht eugeſanden 2 „et „ 7 Richtig! „ Wenn alſo der Tod des Körpers auch der Tod der Seele ſeyn ſoll! ſo muß es auch keinen Au⸗ genblick geben, da man jagen kann, itzt pen⸗ ſchwindet die Seele; ſondern nach und nach, wie die Bewegungen in den Theilen der Maſchi⸗ ne aufhoͤren zu einem einzigen Endzwecke zu har⸗ moniren, muß die Seele auch an Kraft und in⸗ nerer Wirkſamkeit abnehmen. Scheinet es dir nicht alſo? mein Cebeon | Vollkommen! 1 Aber ehe! welche wunderbare 8 un⸗ ſere Unterſuchung genommen hat! Sie ſcheinet ſich, wie ein Kunſtwerk meines Eltervaters De⸗ dalus, durch ein inneres Triebwerk von ihrer vorigen Stelle * zu * Wie ot | Wir haben angenommen 5 unſere Gegner be⸗ ſorgten, die Seele wuͤrde ploͤtzlich zernichtet wets den, und wollten zuſehen, ob dieſe Furcht ge⸗ gruͤndet ſey / oder nicht. Wir haben darauf un⸗ terſucht, in 8. ſte zernichtet wer⸗ Erſtes Grid 73 werden moͤchte; und dieſe Unterſuchung ſelbſt brachte uns auf das Widerſpiel der Voraus⸗ fung, daß fie nehmlich nicht plötzlich vernich⸗ tet werde, ſondern allmaͤhlig an innerer Kraft und Wirkſamlichkeit abnehme.. RN Deſto beſſer, antwortkte Etbes. So Pr 8 jene angenommene Aceh glechſam ſelbſt widerlegt. | Wir haben alſo nur noch dieſes zu unterſu⸗ Ps ob die innern Kraͤfte der Seele nicht fo allmaͤhlig vergehen koͤnnen, wie 1 ch die Theile der Maſchine wennen. a. | Richtig! | „5 ö 2 Laſſet uns dieſe getenen &ebieh Leid und Seele / die auch den Tod mit einander ge⸗ mein haben ſollen, auf ihrer Reife verfolgen, um zu ſehen, wo ſte zuletzt bleiben. So lange der Koͤrper geſund iſt, ſo lange die mehreſten Bewegungen der Maſchine auf die Erhaltung und das Wohlſeyn des Ganzen abzielen, die Werkzeuge der Empfindung auch ihre gehoͤrige Beſchaffenheit haben, fo beſitzt auch die Seele ihre - völlige Kraft, empfindet; denket, Tibet, verabscheut, begreiffet und will. Nicht?

D 5 | Uns 74 | * Phaͤdon⸗ AUnſtreitig! 4 1 6 Her Leib wird krank. Es auſſert ſich eine ſichtbare Mißhelligkeit zwiſchen den Bewegun⸗ gen, die in der Maſchine vorgehen, indem ihrer wele nicht mehr zur Erhaltung des Ganzen harmoniren, ſondern ganz beſondere und ſtrei⸗ tende, Endzwe e haben. Und die Seele?

Wie die Erfahrung lehret, wird ſie indeſſen ſchwächer, empfindet unordentlich, denkt falſch and handelt. öfters. wider ihren Dank.

Gut! Ich fahre fort. Der Leib ſirbt: das beißt alle Bewegungen ſcheinen nunmehr nicht mehr auf das Leben und die Erhaltung des Ganzen abzuzielen; aber innerlich mögen wohl noch einige ſchwache Lebenshewegungen vorge⸗ ben, die der Seele noch einige dunkele Vorſtel⸗ lungen verſchaffen: auf dieſe muß ſich. alſo die Kraft der Seele ſo lange alleine, Be Allerdings! 25 Die Verweſung folgt. Die Theile, die Bid her einen, gemeinſchaftlichen Endzweck gehabt, eine einzige Maſchine ausgemacht haben, bekom⸗ men itzt ganz verſchiedene Endzwecke, werden zu ee Tien zam verſchiedener Ma⸗ vi a ann un nn Maſchinen. Und die Seele? mein Cebes! wo wollen wir die laſſen? Ihre Maſchine iſt vers weſet. Die Theile, die noch von derſelben üb» rig ſind / find nicht mehr ihre, und machen auch kein Ganzes auh, das beſeelt werden koͤnn⸗ te. Hier ſind keine Gliedmaßen der Sinne, kei⸗ ne Werkzeuge des Gefuͤhls mehr, durch deren Vermittelung ſie irgend zu einer Empfindung ge⸗ langen könnte: Soll alſo alles in ihr öde ſeyn? Sollen alle ihre Empfindungen und Gedanken, ihre Einbildungen, ihre Begierden und Verab.

ſcheuungen, Neigungen und Leidenſchaften ver⸗ ſchwunden ſeyn, und nicht die gerinſte Spur hinterlaſſen haben?? 6 8 Unmoͤglich ſprach Cebes. Was waͤre die⸗ ſes anders als eine völlige Zernichtung, und keine Zernichtung haben wir geſehen, ſteht in dem Vermögen. ‚der Natur, Was iſt alſo für Rath? meine Freunde! un tergehen kann die Seele in Ewigkeit nicht; denn der letzte Schitt, man mag ihn noch ſo weit hinaus ſchieben / waͤre immer noch vom Daſeyn zum Nicht, ein Sprung, der weder in dem Weſen eines einzelnen Dinges noch in dem ganzen Zuſammenhange gegruͤndet ſeyn kann. Sie wird alſo fortdauren, ewig vorhanden ſeyn. Soll 90 Phaͤdon Soll ſie vorhanden ſeyn, fo muß fie wirken und leiden; ſoll ſie wirken und leiden, ſo muß fie: Begriffe haben: denn empfinden, denken und wollen find die veinzigen Wirkungen und Leiden, die einem denkenden Weſen zukommen koͤnnen.

Die Begriffe nehmen allezeit ihren Anfang von einer ſinnlichen Empfindung; und wo ſollen finn⸗ liche Empfindungen herkommen, wenn keine Werkzeuge, keine ä der Sinne bol . find? a 2 Nichts ſcheinet kichttger, ſprach cebes / alß ö dieſe Folge von Schlüͤſſen, und gleichwohl leitet ſie zu einem offenbaren Widerſpruch.

Eines von beiden, fuhr Sokrates fort; | ent⸗ weder die Seele muß vernichtet werden, oder fie muß nach der W des Leibes noch Begriffe haben. Man iſt ſehr geneigt, dieſe beiden Faͤlle fuͤr unmoͤglich zu halten und gleich» wohl muß einer davon wirklich ſeyn. Laß ſehen, ob wir aus dieſem Labyrinthe keinen Ausgang finden koͤnnen! Von der einen Seite kann un⸗ ‘fer Geiſt natürlicher Weiſe nicht vernichtet wer⸗ den. Worauf gruͤndet ſich dieſe unmoͤglichkeit? — Seyd unverdroſſen, Freunde, mir durch dor⸗ nichte Gaͤnge zu folgen: ſie fuͤhren uns auf ei⸗ ne der * Gegenden die das Gemuͤth der .

der Menſchen jemals ergoͤtzt haben. Ankwortet mir! Hat uns nicht ein richtiger Begriff von Kraft und nakürlicher Veränderung auf die Fol ge geleitet, daß die n keine e wirken koͤnne?

Richtig...Von dieſer Seite iſt alſo 8 kein Ausgang zu hoffen und wir muͤſſen umkehren. Die Seele kann nicht vergehen, ſie muß nach dem Tode fortdauren, wirken, leiden, Begvif⸗ fe haben. Hier ſtehet und: die Unmoͤglichkeit im Wege, daß unfer Geiſt, ohne finnliche Ein⸗ druͤcke, Begriffe haben ſoll: aber wer leiſtet fuͤr dieſe Unmoͤglichkeit die Gewaͤhr?? Iſt es nicht bloß die Erfahrung, daß wir hier in dieſem Le⸗ ben niemals ohne fi wich emvracke haben den⸗ | ken können? e Nicht anders.

Was fuͤr Gründ haben wir aber, dieſe Er⸗ fahrung uͤber die Grenzen dieſes Lebens auszu⸗ dehnen, und der Natur ſchlechterdings die Moͤg⸗ lichkeit abzuſprechen, die Seele, ohne dieſen ge⸗ gliederten Leib, denken zu laſſen? Was mey⸗ neſt du? Simmias! wuͤrden wir einen Men⸗ ſchen nicht hoͤchſt laͤcherlich finden, der die Mauern 28 Phädan Mauern von Athen niemals verlaſſen haͤtte und aus ſeiner eigenen Erfahrung ſchlieſſen woll⸗ te, daß in allen Theilen des Erdbodens Tag und Nacht, Sommer und Winter, nicht arı= ders / als bey uns, abwechſelten?

Nichts waͤre ungereimter. ig Wenn ein Kind in Mutterleibe denken koͤnn⸗ te / wuͤrde es wohl zu bereden ſeyn, daß es der⸗ tinſt, von feiner. Wurzel abgeloͤſet, in freyer Luft das erquickende Licht der Sonne genieſſen werde? wuͤrde es nicht vielmehr aus feinen itzi⸗ gen Umſtaͤnden die Unmoͤglichkeit eines ſolchen Zuſtandes beweiſen zu können sionben? Zu Allem Anſehen nach.

Allem Anſehen nach.

Und wir Stödfinnigen, denken wir etwa ı ver⸗ nünftiger, wenn wir, in dieſes Leben eingeker⸗ kert, durch unſere Erfahrungen ausmachen wol⸗ len, was der Natur auch nach dieſem Leben moͤg⸗ lich ſey? — Ein einziger Blick in die unerſchoͤpf⸗ liche Mannigfaltigkeit der Natur kann uns von dem Ungrunde ſolcher Schluͤſſe überführen. Wie duͤrftig, wie ſchwach würde: fie ſeyn; wenn ihr Vermoͤgen nicht weiter reichete, als unſere Frey⸗ Erſtes Geſpraͤch. 70 gef!! „ e Wir können alſo mit gutem Grunde dieſe Er ſchrung verwerfen, indem wir ihr die ausge.

machte Uumoͤglichkeit entgegengeſetzt, daß un kt Geiſt untergehen ſollte. Homer läßt ſeinen Heid mit Recht ausrufen: Fuͤrwahr! auch in den Haͤuſern des Orkus webt noch die See⸗ le, wiewohl kein Leichnam dahin kömmt. 2) Die Begriffe, die uns Homer von dem Orkus, und von den Schatten, die hinunter wandeln, wache, ſcheinen zwar nicht überall mit der Wahrheit uͤbereinzukommen; aber dieſes iſt ge⸗ niß, meine Geliebten! unſer Geiſt fiegt über Tod und Verweſung, laͤßt den Leichnam zuruͤck, um hienieden in tauſend veraͤnderten Geſtalten die Abſichten des Allerhoͤchſten zu erfüllen, er aber erhebt ſich uͤber den Staub, und faͤhret fort, nach andern natürlichen, aber uͤberirr⸗ diſchen Geſezen, die Werke des Schoͤpfers zu beſchauen / und Gedanken von der Kraft des Unendlichen zu hegen. Erweget aber dieſes, ä 1 wel J Plato bat dieſen Vers des Homers anders verſtanden, als einige neuere Ausleger, und fübret ibn im 3. B. feiner Republick als ig. delhaft an. Man wird mir aber, hoffentlich ci Ruben, an dieſer Stelle die günfligere Auslc gung gelten zu laſſen.

gig 80 Phaͤdon meine Freunden! wenn unſere Seele, nach dem Tode ihres Leichnas 18, noch, lebet und denkt, wird ſie nicht auch alsdann „ fo, wie” in dieſem gegenwaͤrtigen Zuſtande, nach der Gluͤckſelig⸗ keit ſtreben? en Wahrſcheinlich duͤnkt ‚mich, ſprach Sim. mias; allein ich traue. meiner Vermuthung nicht mehr, und wuͤnſchte, deine Gruͤnde zuhören, Meine Gruͤnde ſind dieſe 7 verſetzte Sokra⸗ tes: Wenn die Seele denkt, ſo muͤſſen in ihr Begriffe mit, Begriffen abwechſeln, ſo muß ſie dieſe Begriffe gerne, jene ungerne, haben wol⸗ len, das heißt, einen Willen haben; hat ſie aber einen Willen, wohin kan dieſer anders zielen, als nach dem hoͤchſten Grade des N nach der Gluͤckſeligkeit?

Dieſes war allen deutlich. Aber wie? fuhr Sokrates fort: das Wohlſeyn eines Geiſtes f der nicht mehr für die Beduͤrfniſſe Tune S zu ſorgen hat, worinn beſtehet dieſes? Spei und Trank, Liebe und Wolluſt kann ihm uicht mehr behagen; was in dieſem Leben Gefühl, Gaumen, Augen und Ohren ergoͤtzt, iſt allda ſeiner, Achtung unwuͤrdig; kaum daß ihr noch eine ſchwache, vielleicht reupolle Erinnerung von.

den Wollüſten bleibet, die er in Geſellſchaft ſei⸗ nes Leibes genoſſen. Wird er wohl nach die⸗ ſen ſonderlich ſtreben? ö So wenig als ein vernuͤnftiger Mann nach den Taͤndeleyen der Kindheit, ſprach Simmias.

Wird etwa ein groſſes Vermoͤgen das Ziel ſeiner Wuͤnſche ſeyn?

Wie könnte dieſes in einem Zuſtande möglich ſeyn, wo, allem Anſehen nach, kein Eigenthum beſeſſen, kein Vermögen genoffen werden kann?

Die Ehrbegierde iſt zwar eine Leidenſchaft, die, dem Anſehen nach, dem abgeſchiedenen Geiſte noch bleiben kann; denn ſie ſcheinet wenig von den Leibesbeduͤrfniſſen abzuhaͤngen: allein, worinn kann der koͤrperloſe Geiſt den Vorzug ſetzen, der ihm Ehre bringen ſoll? Gewiß nicht in Macht, nicht in Reichthum, auch nicht in den Adel der Geburt: denn alle dieſe Thorheiten laͤßt er mit ſeinem Koͤrper auf der Erde zuruͤck.

Freylich!

Es bleibet ihm alſo nichts, als Weisheit, Tugendliebe und Erkenntniß der Wahrheit, was ihm einen Vorzug geben und uͤber ſeine Neben⸗ U 82 Pjahaͤdon Ehrbegierde ergoͤtzen ihn noch die geiſtigen ange⸗ nehmen Empfindungen, die die Seele auch auß Erden ohne ihren Koͤrper geneußt, Schoͤnheit, Ordnung, Ebenmaas, Vollkommenheit. Dieſe Empfindungen ſind der Natur eines Geiſtes ſo anerſchaffen, daß ſie ihn niemals verlaſſen koͤn⸗ nen. Wer alſo auf Erden für feine Seele Sor⸗ ge getragen, wer in dieſem Leben ſich in Weis⸗ heit, Tugend und Empfindung der wahren Schoͤnheit hat uͤben laſſen, der hat die groͤßten Hoffnungen, auch nach dem Tode in dieſen Uebun⸗ gen fortzufahren, und von Stufe zu Stufe ſich dem erhabenſten Urweſen zu naͤhern, welches die Quelle aller Weisheit, der Inbegrif aller Voll⸗ kommenheiten, und vorzugsweiſe die Schönheit ſelbſt iſt. Erinnert euch, meine Freunde! jener entzükten Augenblicke, die ihr genoſſen, fo oft eure Seele, von einer geiſtigen Schönheit hin⸗ geriſſen, den Leib ſamt ſeinen Beduͤrfniſſen ver⸗ gaß, und ſich ganz der himmliſchen Empfindung überließ. Welcher Schauer! welche Begeiſte⸗ rung! Nichts als die nähere Gegenwart einer Gottheit kann dieſe erhabenen Entzuͤckungen in uns erregen. Auch iſt in der That jeder Begrif einer geiſtigen Schönheit ein Blick in das Weſen der Gottheit; denn das Schoͤne, Ordentliche und Vollkounnene, das wir wahrnehmen, iſt ein — % ein — % Erſtes Geſpraͤh. 33 ein ſchwacher Abdruck deſſen, der die ſelbſtaͤn⸗ dige Schoͤnheit, Ordnung und Vollkommenheit iſt. Ich erinnere mich, dieſe Gedanken bey eis ner andern Gelegenheit deutlich genug auseinan⸗ der geſezt zu haben, und will gegenwaͤrtig nur dieſe Folge daraus herleiten: Wenn es wahr iſt, daß nach dieſem Leben Weisheit und Tugend unſern Ehrgeiz, und das Beſtreben nach geiſti i ger Schoͤnheit, Ordnung und Vollkommenheit unfere Begierden ausmachen: fo wird unſer fortdaurendes Daſeyn nichts als ein ununter⸗ brochenes Anſchauen der Gottheit ſeyn, ein himm⸗ liſches Ergoͤtzen, das, ſo wenig wir itzo davon begreiffen, den edlen Schweiß des Tugendhaften mit unendlichen Wucher belohnt. Was find al le Muͤhſeligkeiten dieſes Lebens gegen eine ſolche Ewigkeit! Was iſt Armuth, Verachtung und der ſchmaͤhlichſte Tod, wenn wir uns dadurch zu einer ſolchen Gluͤckſeligkeit vorbereiten koͤnnen! Nein, meine Freunde! wer ſich eines rechtſchaffenen Wandels bewußt iſt, kann ſich unmöglich betruͤ⸗ ben, indem er die Reiſe zu dieſer Seligkeit an⸗ tritt. Nur wer in ſeinem Leben Goͤtter und Menſchen beleidiget, wer ſich in viehiſcher Wol⸗ luſt herumgewaͤlzt, wer der vergoͤtterten Ehre Menſchenopfer geſchlachtet, und an anderer Elend fein Ergoͤtzen gefunden, der mag an der Schwel⸗ le des Todes zittern, indem er keinen Blick in das Vergangene ohne Reue, keinen in die Zu⸗ kunft ohne Furcht thun kann. Da ich aber, Dank ſey der Gottheit! mir keine von dieſen Vorwuͤrfen zu machen habe, da ich in meinem ganzen Leben die Wahrheit mit Eifer geſucht, und die Tugend uͤber alles geliebt habe: ſo freue ich mich / die Stimme der Gottheit zu hören, die mich von hinnen ruft, um in jenem Lichte zu genieſſen, wornach ich in dieſer Finſterniß ge⸗ ſtrebt habe. Ihr aber, meine Freunde! uͤber⸗ legt wohl die Gruͤnde meiner Hoffnungen, und wenn ſie euch uͤberzeugen, ſo ſegnet meine Rei⸗ ſe / und lebet ſo, daß euch der Todt dereinſt abrufe nicht mit Gewalt von hinnen ſchleppe. Vielleicht fuͤhret uns die Gottheit dereinſt in verklaͤrter Freundſchaft einander in die Arme. O! mit welchem Entzuͤcken wuͤrden wir uns alsdann des heutigen Tages erinnern!

ENDE des erſten Geſpraͤchs.

ua Zwer⸗ Zweytes Geſpraͤch.

m nn nn nfer Lehrer hatte ausgeredet, und ging, wie in Gedanken vertieft, im Zimmer auf und nieder: wir ſaßen alle und ſchwiegen, und dach⸗ ten der Sache nach. Nur Cebes und Simmias ſprachen leiſe mit einander. Sokrates ſahe ſich um und fragte: Warum fo leiſe? meine Freun⸗ de! Sollen wir nicht erfahren, was an den vorgebrachten Vernunftgruͤnden zu verbeſſern ſey? Ich weiß wohl, daß ihnen zur völligen Deut⸗ lichkeit noch verſchiedenes fehlet. Wenn ihr euch alſo jetzo von andern Dingen unterhaltet, ſo mag es gut ſeyn / redet ihr aber von der Mate⸗ rie, die wir vorhaben, ſo entdecket uns immer eure Einwuͤrfe und Zweifel, damit wir ſie ge⸗ meinſchaftlich unterſuchen, und entweder heben, oder ſelbſt mit zweifeln moͤgen. Simmias ſprach: Ich muß dir geſtehen, Sokrates! daß wir beide Einwuͤrfe zu machen haben, und uns ſchon lange einer den andern antreiben, ſie vor⸗ iubringen, weil beide gerne deine Widerlegung 86 Phaͤdon 86 Phaͤdon hören möchten, ein jeder aber ſich ſcheuet, dir bey jetziger Widerwaͤrtigkeit beſchwerlich zu fal⸗ len. Als Sokrates dieſes hoͤrete, laͤchelte er, und ſprach: Ey! wie ſchwer, o Simmias! wer⸗ de ich andere Menſchen bereden koͤnnen, daß ich meine Umſtaͤnde fuͤr ſo mißlich nicht halte, da ihr mir es noch immer nicht glauben koͤnnet, und beſorget, ich moͤchte izt unmuthiger und verdrießlicher ſeyn als ich vormals geweſen bin. Man ſaget von den Schwaͤnen, daß fie, nahe an ihrem Ende, lieblicher ſingen, als in ihrem ganzen Leben. Wenn dieſe Voͤgel, wie es heißt, dem Apoll geheiliget ſind, ſo wuͤrde ich ſagen, daß ihr Gott ſie in der Todesſtunde einen Vor⸗ ſchmack von der Seligkeit jenes Lebens empfin⸗ den läßt, und daß fie ſich an dieſem Gefühl ers goͤtzen, und fingen. Mit mir verhaͤlt es ſich eben ſo. Ich bin ein Prieſter dieſes Gottes: und in Wahrheit! er hat meiner Seele ein ah⸗ nendes Gefuͤhl von der Seligkeit nach dem To⸗ de eingeprägt, das allen Unmuth vertreibt, und mich, nahe an meinem Tode, weit heiterer ſeyn läßt, als in meinem ganzen Leben. Eroͤfnet mir alſo ohne Bedenken eure Zweifel und Ein⸗ wuͤrfe. Fraget, was ihr zu fragen habt, ſo lan⸗ ge es die eilf Maͤnner noch erlauben. — Gut!

erwiederte Simmias, ich werde alſo den An⸗ fang machen, und Cebes mag folgen. Ich habe nur noch eine einzige Erinnerung voraus zu ſchicken: Wenn ich Zweifel wider die Unſterb⸗ lichkeit der Seele errege, ſo geſchieht es nicht wi⸗ der die Wahrheit dieſer Lehre, ſondern wider ih⸗ re vernunftmäßige Erweislichkeit, oder vielmehr wider den Weg, welchen du, o Sokrates! ges waͤhlt haſt, uns durch die Vernunft davon zu uͤberzeugen. Im uͤbrigen nehme ich dieſe troſt⸗ volle Lehre von ganzem Herzen nicht nur ſo an, wie du ſie uns vorgetragen, ſondern ſo, wie ſie uns von den aͤlteſten Weiſen iſt uͤberliefert wor⸗ den, einige Verfaͤlſchungen ausgenommen, die von den Dichtern und Fabelerfindern hinzuge⸗ than worden ſind. Wo unſere Seele keinen Grund der Gewißheit findet, da trauet fie ſich den beruhigenden Meynungen, wie Fahrzeugen auf dem bodenloſen Meere, an, die ſie bey hei⸗ term Himmel ſicher durch die Wellen dieſes Le⸗ bens hindurch fuͤhren. Ich fuͤhle es, daß ich der Lehre von der Unſterblichkeitz und von der Vergeltung nach unſerm Tode nicht widerſpre⸗ chen kann, ohne unendliche Schwierigkeiten ſich erheben zu ſehen, ohne alles, was ich je fuͤr wahr und gut gehalten, feiner Zuverlaͤßigkeit beraubt zu ſehen. Iſt unſere Seele ſterblich! ſo iſt die Vernunft ein Traum, den uns Jupi⸗ F 4 ter 88 | Phaͤdon | w ter geſchikt hat, uns Elende zu hinterge hen; ſo fehlet der Tugend aller Glanz, der ſie un⸗ ſern Augen goͤttlich macht; ſo iſt "Das. Schöne und Erhabene, das Sittliche ſo wohl als das Phyſiſche, kein Abdruck goͤttlicher Vollkommen⸗ heiten (denn nichts vergaͤngliches kann den ſchwaͤchſten Stral göttlicher Vollkommenheit faß⸗ fen); fo find wir, wie das Vieh, hieher geſezt worden, Futter zu ſuchen und zu fierben; ſo wird es in wenigen Tagen gleich viel ſeyn, ob ich eine Zierde, oder Schande der Schöpfung geweſen, ob ich mich bemuͤhet, die Anzahl der Gluͤckſeligen, oder der Elenden zu vermehren; ſo hat der verworfenſte Sterbliche ſo gar die Macht, ſich der Herrſchaft Gottes zu entziehen, und ein Dolch kann das Band aufdoͤſen, wel⸗ ches den Menſchen mit Gott verbindet. Iſt un⸗ ſer Geiſt vergaͤnglich, ſo haben die weiſeſten Ge⸗ ſetzgeber und Stifter der menſchlichen Geſell⸗ ſchaften uns oder ſich ſelbſt betrogen; ſo hat das geſamte menſchliche Geſchlecht ſich gleichſam verabredet, eine Unwahrheit zu hegen, und die Betruͤger zu verehren, die ſolche erdacht haben; ſo iſt ein Staat freyer, denkender Weſen nicht mehr, als eine Heerde vernunftloſes Viehes, und der Menſch — ich entſetze mich, ihn in die⸗ * Riedrigkeit zu betrachten! Der Hoffnung zur Un⸗ Unſterblichkeit beraubt, iſt dieſes Wunderge⸗ ſchoͤpfe das elendeſte Thier auf Erden, das zu ſeinem Ungluͤcke uͤber ſeinen Zuſtand nachden⸗ ken, den Tod fuͤrchten, und verzweifeln muß. Nicht der allguͤtige Gott, der ſich an der Gluͤck⸗ ſeligkeit feiner Geſchoͤpfe ergoͤzt, ein ſchadenfro⸗ hes Weſen muͤßte ihn mit Vorzuͤgen begabt ha⸗ ben, die ihn nur bejammernswerther machen. Ich weiß nicht, welche beklemmende Angſt ſich meiner Seele bemeiſtert, wenn ich mich an die Stelle der Elenden ſetze, die eine Vernichtung fuͤrchten. Die bittere Erinnerung des Todes muß alle ihre Freuden vergaͤllen. Wenn ſie der Freundſchaft genieſſen, wenn ſie die Wahr⸗ heit erkennen, wenn ſie die Tugend ausuͤben, wenn ſie den Schoͤpfer verehren, wenn ſie uͤber Schoͤnheit und Vollkommenheit in Ent⸗ zuͤckung gerathen wollen: ſo ſteiget der ſchreck⸗ liche Gedanke der Zernichtung, wie ein Ge⸗ ſpenſt, in ihrer Seele empor, und verwandelt die gehoffte Freude in Verzweiflung. Ein Hauch, der ausbleibt, ein Pfulsſchlag, der ſtille ſtehet, beraubt ſie aller dieſer Herrlichkeiten: das Gott verehrende Weſen wird Staub, Moder und Verweſung. Ich danke den Goͤttern, daß ſie mich von dieſer Furcht befreyet, die alle Wol⸗ luͤſte meines Lebens mit Skorpionſtichen unter⸗ ö F 5 bre⸗ 90 | Phäͤdon brechen wuͤrde. Meine Begriffe von der Gott⸗ heit, von der Tugend, von der Wuͤrde des Menſchen, und von dem Verhaͤltniſſe, in wel⸗ chem er mit Gott ſtehet, laſſen mir keinen Zwei⸗ fel mehr über feine Beſtimmung. Die Hoffs nung eines zukuͤnftigen Lebens loͤſet alle dieſe Schwierigkeiten auf, und bringet die Wahrhei⸗ ten, von welchen wir auf ſo mancherley Weiſe überzeuget find, wieder in Harmonie. Sie rechtfertiget die Gottheit, ſetzet die Tugend in ihren Adel ein, giebt der Schoͤnheit ihren Glanz, der Wolluſt ihre Reizung, verſuͤſſet das Elend, und macht ſelbſt die Plagen dieſes Lebens in unſern Augen verehrenswerth: indem wir alle Begebenheiten hienieden mit den unendlichen Reihen von Folgen vergleichen, die durch die⸗ ſelben veranlaſſet werden. Eine Lehre, die mit ſo vielen bekannten und ausgemachten Wahr⸗ heiten in Harmonie ſtehet, und durch welche wir ſo ungezwungen eine Menge von Schwie⸗ rigkeiten gehoben ſehen, findet uns ſehr geneigt, ſie anzunehmen; bedarf beynahe keines fernern Bewelſes. Denn wenn gleich von dieſen Gruͤn⸗ den, einzeln genommen, vielleicht keiner den hoͤchſten Grad der Gewißheit mit ſich fuͤhret: ſo überzeugen fie uus doch, zuſammen genom⸗ men, mit einer ſo ſiegenden Gewalt, daß ſie uns 1 uns völlig beruhigen, und alle unſere Zweifel aus dem Felde ſchlagen. Allein, mein lieber Sokrates! die Schwierigkeit ift, alle dieſe Grüne de, ſo oft wir es wuͤnſchen, mit der gehoͤrigen Lebhaftigkeit gegenwaͤrtig zu haben, um ihre Harmonie mit Einleichtung zu uͤberſchauen. Wir ſind zu allen Zeiten, und in allen Umſtaͤn⸗ den dieſes Lebens, ihres Beyſtandes benoͤthi⸗ get; aber nicht alle Zeiten, nicht alle Umſtaͤn, de dieſes Lebens vergoͤnnen uns die Ruhe und Beſonnenheit der Seele, uns aller dieſer Gruͤn⸗ de lebhaft zu erinnern, und die Kraft der Wahr⸗ heit zu fuͤhlen, die ihrem Zuſammenhange ein⸗ geflochten iſt. So oft wir uns einen Theil der⸗ ſelben entweder gar nicht, oder nicht mit der erforderlichen Lebhaftigkeit vorſtellen, ſo verlie⸗ ret die Wahrheit von ihrer Staͤrke, und unſere Seelenruh iſt in Gefahr. Wenn aber jener Weg, den du, o Sokrates! einſchlaͤgſt, uns durch eis ne einfache Reihe von unumſtoͤßlichen Gründen zur Wahrheit fuͤhret: ſo koͤnnen wir hoffen, uns des Beweisthumes zu verſichern, und ihn zu allen Zeiten in unſerer Gewalt zu haben. Ei⸗ ne Kette deutlicher Schluͤſſe laͤßt ſich leichter in die Gedanken zuruͤck bringen, als jene Ueber⸗ einſtimmung der Wahrheiten, die gewiſſermaſ⸗ fen ihre eigene Gemuͤthsbeſchaffenheiten erfordert.

Aus 92 Phaͤdon Aus dieſer Urſache trage ich kein Bedenken, dir alle die Zweifel entgegen zu ſetzen, die der ent⸗ ſchloſſenſte Leugner der Unſterblichkeit vorbrin⸗ gen koͤnnte. Wo ich dich recht verſtanden ha⸗ bes, ſo war dein Beweis etwa folgender: Seele und Körper ſtehen in der genaueſten Verbin⸗ dung; dieſer wird allmaͤhlig in ſeine Theile auf⸗ gelöfet, jene muß entweder vernichtet werden, oder Vorſtellungen haben. Durch natuͤrliche Kraͤfte kann nichts zernichtet werden; daher kann unſere Seele, natuͤrlicher Weiſe, niemals aufhoͤren Begriffe zu haben. Wie aber, mein lieber Sokrates! wenn ich durch aͤhnliche Gruͤn⸗ de beweiſe, daß die Harmonie fortdauren muͤſ⸗ ſe, wenn man auch die Leyer zerbraͤche, oder daß die Symmetrie eines Gebaͤudes noch vor⸗ handen ſeyn muͤſſe, wenn auch alle Steine von einander geriſſen, und zu Staub zermalmet wer⸗ den ſollten? Die Harmonie ſo wohl, als die Symmetrie, wuͤrde ich ſagen, iſt etwas: nicht? Man wuͤrde mir dieſes nicht laͤugnen: jene ſte⸗ het mit der Leyer und dieſe mit dem Gebaͤude in genauer Verbindung: auch dieſes muͤßte man zugeben. Vergleichet die Leyer oder das Ge⸗ baͤude mit dem Koͤrper, und die Harmonie oder Symmetrie mit der Seele: ſo haben wir erwie⸗ fen, daß das Saitenſpiel länger dauren muͤſſe, au als als die Saiten, das Ebenmaas laͤnger, als das Gebaͤude. Nun iſt dieſes in Abſicht auf die Har⸗ monie und Symmetrie hoͤchſt ungereimt; denn da ſie die Art und Weiſe der Zuſammenſetzung andeuten: ſo koͤnnen ſie nicht laͤnger dauren, as die Zuſammenſetzung ſelbſt.

Ein Gleiches laßt ſich von der Geſundheit be⸗ haupten: Sie iſt eine Eigenſchaft des geglieder⸗ ten Koͤrpers, und nirgends anders anzutreffen, als wo die Verrichtungen dieſer Glieder zur Er⸗ haltung des Ganzen abzielen; ſie iſt ein Eigen⸗ thum des Zuſammengeſezten, und verſchwin⸗ det, wenn das Zuſammengeſezte in ſeine Theile aufgeloͤſet wird. Mit dem Leben hat es wahr⸗ ſcheinlicher Weiſe eine aͤhnliche Bewandniß. Das Leben einer Pflanze hoͤret auf, fo bald die Bewegungen in den Theilen derſelben zur Auf⸗ loͤſung des Ganzen abzielen. Das Thier hat vor der Pflanze die Gliedmaſſen der Sinne und die Empfindung, und endlich der Menſch die Vernunft voraus. Vielleicht iſt dieſe Empfin⸗ dung in den Thieren, und ſelbſt die Vernunft des Menſchen, nichts als Eigenſchaften des Zuſammengeſezten, ſo wie Leben, Geſundheit, Harmonie, u. ſ. w. die ihrer Natur und Bes ſchaffenheit nach nicht hunger dauren koͤnnen, als / 94 Phaͤdon als die Zuſammenſetzungen, von denen ſie uns zertrennlich ſind. Reichet die Kunſt des Baues hin, Pflanzen und Thieren Leben und Geſund⸗ heit zu geben, fo kann eine höhere Kunſt viel⸗ leicht dem Thiere Empfindung, und dem Mens ſchen Vernunft verleihen. Wir Bloͤdſinnigen begreiffen jenes ſo wenig, als dieſes. Des ge⸗ ringſten Blaͤttchens kunſtreiche Bildung uͤber⸗ ſteigt alle menſchliche Vernunft, enthaͤlt Ge⸗ heimniſſe, die des Fleiſſes und der Scharffins nigkeit unſerer ſpaͤteſten Nachkommen doch ſpot⸗ ten werden: und wir wollen vorſchreiben, was durch die Organiſation erhalten werden kann, und was nicht? Wollen wir der Allmacht oder der Weisheit des Schoͤpfers Grenzen ſetzen? Ei⸗ nes von beiden, daͤchte ich, muͤſſen wir nothwendig, wenn unſere Nichtigkeit entſchei⸗ den ſoll, daß die Kunſt des Allmaͤchtigen ſelbſt kein Vermoͤgen zu empfinden und zu denken durch die Bildung der feinſten Materie her⸗ vorbringen koͤnne.

Du ſiehſt, mein lieber Sokrates! was dei⸗ nen Schuͤlern zur völligen unwankenden Ueber⸗ zeugung noch fehlet. Iſt die Seele beym Le⸗ ben etwas, das der Allmaͤchtige auſſer dem Koͤr⸗ per und ſeiner Bildung geſchaffen und mit ihm ver⸗ verbunden hat: ſo hat es ſeine Richtigkeit, daß die Seele auch nach dem Tode fortdauren und Vorſtellungen haben muͤſſe, allein wer leiſtet fuͤr jenes die Gewaͤhr? die Erfahrung ſcheinet vieb mehr das Gegentheil auszuſagen. Das Ver⸗ moͤgen zu denken wird gebildet mit dem Koͤrper, Ä waͤchßt mit demſelben, und leidet mit demſel⸗ ben aͤhnliche Veraͤnderungen. Jede Krankheit in dem Körper wird von Schwäche, Zerruͤt⸗ tung oder Unvermoͤgen in der Seele begleitet. Vornehmlich ſtehen die Verrichtungen des Ge⸗ hirns und der Eingeweide in ſo genauer Ver⸗ bindung mit der Wirkſamkeit des Denkungs⸗ vermoͤgens, daß man ſehr geneigt iſt, beide aus einet Quelle herzuleiten, und alſo das Un⸗ ſichtbare durch das Sichtbare zu erklaͤren; ſo wie man Licht und Wärme einer einzigen Ur⸗ ſache zuſchreibt, weil ſie in ihren Verändernu⸗ gen fo ſehr uͤbereinſtimmen.

Simmias ſchwieg, und Cebes ergrif des Wort. Unſer Freund Simmias, ſprach er, ſcheinet nur das ſicher beſitzen zu wollen, was ihm verſprochen worden; ich aber, mein lieber Sokrates! moͤchte gern mehr haben, als du uns zugeſagt. Wenn deine Beweiſe auch wider alle Einwuͤrfe gerne werden, ſo folget doch nichts — nichts — 96 Phaͤdon nichts mehr aus denſelben, als daß unſere See⸗ le nach dem Hintritt unſers Körpers fortdauret und Vorſtellungen hat; aber wie fortdauret? vielleicht ſo, wie ſie im Schwindel, in einer Ohnmacht, oder im Schlafe fortdauret. Die Seele des Schlafenden muß nicht ganz ohne Begriffe ſeyn; die Gegenſtaͤnde umher muͤſſen durch ſchwaͤchere Eindruͤcke auf ſeine Sinne wir⸗ ken, und in feiner Seele wenigſtens ſchwache Empfindungen erregen, ſonſt wuͤrden ſtaͤrkere und ſtaͤrkere Eindruͤcke ihn nicht aufwecken koͤn⸗ gen ). Aber was find dieſes für Begriffe? Ein dunkles Gefuͤhl ohne Bewußtſeyn, ohne Erinnerung ein vernunſtloſer Zuſtand, in welchem wir uns des Vergangenen nicht erin⸗ nern, und deſſen wir uns auch in Zukunft nie wieder beſinnen. Sollte nun unſere Seele mit der Trennung von dem Leibe in eine Art von Schlaf oder Hinbruͤten verſinken, und nie wie⸗ der aufwachen, was haͤtten wir durch ihre nme gewonnen? Ein vernunftlofed Das Ä ſeyn ) Wenn mächtige Eindrücke lebhafte Empfin⸗ dungen erregen; ſo muͤſſen die ſchwaͤchſten ſelbſt nicht ganz ohne Wirkung ſeyn; ſondern Empfin⸗ dungen veranlaſſen, die nur dem Grade der Lehe bhaftigkeit nach von jenen unterſchieden find, ſeyn iſt von der Unſterblichkeit, die du hoffeſt, noch weiter entfernt, als die Gluͤckſeligkeit der Thiere von der Gluͤckſeligkeit eines Gott erken⸗ nenden Geistes. Wenn das, was ihm nach dem wiederfaͤhret, uns angehen, und ſchon hie, nieden Furcht oder Hoffnung in uns erregen ſoll: fo muͤſſen wir ſelbſt, die wir uns allhier unſer bewußt ſind, noch in jenem Leben dieſes Selbſt⸗ gefuͤhl behalten, und uns des Gegenwaͤrtigen erinnern konnen. Wir muͤſſen das, was wir ſeyn werben, mit dem, was wir jetzt find, ver⸗ gleichen, und darüber urtheilen koͤnnen. Jay wo ich dich recht verſtanden, mein lieber So⸗ krates! ſo erwarteſt du nach dem Tode ein def ſeres Leben, eine gröffere Erleuchtung des Ver⸗ ſtandes, edlere und erhabnere Bewegungen des Herzens, als dem beglücktefien Sterblichen auf Erden zu Theile worden: worauf gruͤndet ſich dieſe ſchmeichelnde Hoffnung? Der Mangel al, les klaren Vewußtſeyns iſt für unſere Seele, we⸗ nigſtens für eine kurze Zeit, ein nicht unmoͤglichet Zuſtand; hiervon uͤberzeugt uns die taͤgliche Er⸗ fahrung. Wie, wenn ein ſolcher nach dem Tode in Ewigkeit fortdauren ſollte? 8 Zwar haft du uns vorhin gezeigt daß alles Veraͤnderliche unaufhoͤrlich verändert werden Phaͤdon. G muͤſſe / muͤſſe, und aus dieſer Lehre leuchtet ein Stral der Hoffnung, daß meine Beſorgniß ungegruͤn⸗ det ſey. Denn, wenn die Reihe der Veraͤnde⸗ rungen, die unſerer Seele bevorſtehen, ins Un⸗ endliche fortgehen, ſo iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß ſie nicht beſtimmt ſey, in Ewigkeit fort zu ſinken, und von ihrer goͤttlichen Schoͤnheit im⸗ mer mehr und mehr zu verlieren; ſondern daß fie fi), wenigſtens mit der Zeit, auch erheben und die Stuffe wieder einnehmen werde, auf welcher fie ſchon in der Schöpfung geſtanden, nehmlich eine Betrachterinn der Werke Gottes zu ſeyn. Und mehr als einen hohen Grad der Wahrſcheinlichkeit braucht es nicht, uns in der Vermuthung zu beſtaͤrken, daß dem Tugend⸗ haften ein beſſeres Leben bevorſtehet. Indeſſen, mein lieber Sokrates! wuͤnſche ich auch dieſen Punkt von dir beruͤhret zu ſehen, weil ich weiß/ daß alle Worte, die du heute ſprichſt, ſich tief in meine Seele eingraben, und von fe chem Andenken ſeyn werden. * Wir horten alle dhſnehm zu, and wie wir uns nachher geſtanden, nicht ohne Unwil len, daß man uns eine Lehre zweifelhaft und ungewiß machte, von welcher wir fo fehr übers zeugt zu ſeyn 9 »Nicht nur duk Lehre / ſon⸗ fondern alles, was wir wußten und glaubten, ſchien uns damals ungewiß und ſchwankend zu werden, da wir ſahen, daß entweder wir die Gabe nicht beſizen, Wahrheit von Irrthum zu unterſcheiden, oder daß ſie an und fuͤr ſich ſelbſt nicht zu unterſcheiden ſeyn müßten, L cchekrates. | Mich wundert es nicht, mein lieber Phaͤ⸗ don! daß ihr ſo dachtet: mir ſelbſt ward, ine dem ich dir zuhoͤrte, nicht anders zu Muthe.

Die Gründe des Sokrates hatten mich ‚völlig überführt, und ich ſchien verfichert, daß ich fie niemals wuͤrde in Zweifel ziehen koͤnnen; allein des Simmias Einwurf macht mich wieder zweifelhaft, und ich erinnere mich, daß ich, vormals eben der Meynung geweſen, daß die Kraft zu denken eine Eigenſchaft des Zuſam⸗ mengeſetzten ſeyn, und ihren Grund in einer feinen Organiſation oder Harmonie der Thei⸗ le haben koͤnne. Aber ſage mir, lieber Phaͤ⸗ don! wie hat Sokrates dieſe Einwuͤrfe aufs genommen? ward er ſo verdruͤßlich darüber, als ihr, oder begegnete er ihnen mit feiner gewoͤhn⸗ lichen Sanftmuth? und hat feine Antwort euch Gnuͤge gethan, oder nicht? Ich moͤchte dieſes alles gern fo umſtaͤndlich als möglich von dir vernehmen. | 100 Pthaͤdon Dhadon.

Habe ich den Sokrates jemals bewundert, mein lieber Echekrates! ſo war es gewiß bey dieſer Gelegenheit. Daß er eine Widerlegung in Bereitſchaft hatte, iſt eben nichts unerwar⸗ tetes von ihm. Was mir bewundernswuͤrdig fchien, war erſtlich die Guͤtigkeit, Freundlich⸗ keit und Sanftmuth, womit er das Vernuͤnf⸗ teln dieſer jungen Leute aufgenommen; ſodann wie ſchnell er gemerkt, was für Eindruͤcke die Einwuͤrfe auf uns gemacht, wie er uns zu Huͤl⸗ fe eilete, wie er uns gleichſam von der Flucht Zzuruͤck rief / zur Gegenwehr aufmunterte, und ſelbſt zum Sete anfuͤhrte.

Sechelrates, * Wie war diet phaͤdon. | Das will ich dir erzehlen. Ich ſaß ihm zur Rechten neben dem Bette, auf einem niedrigen Seſſel, er aber etwas höher als ich. Er er⸗ griff mein Haupt, und ſtreichelte mir die Haas re; die in den Nacken herunter hangen; wie er denn gewohnt war, zuweilen mit meinen Lo⸗ cken zu ſpielen: Morgen, ſprach er, Phaͤdon!

duͤrfteſt duͤrſteſt du wohl dieſe Locken auf das Grab ei⸗ nes Freundes ſtreuen. Allem Anſehen nach, erwiederte ich. O! thue es nicht, verſetzte er. Warum denn das? fragte ich. Noch heute, führ er fort, muͤſſen wir beyde unſer Haar abs ſchneiden, wenn unſer ſchoͤnes Lehrgebaͤude ſo dahin ſtirbt, und wir nicht im Stande ſind, es wieder aufzuwecken. Und wenn ich an deiner Stelle waͤre, und man haͤtte mir eine ſolche Lehre zu Grunde gerichtet: ſo wuͤrde ich, wie jener Argiver, ein Geluͤbde thun, nicht eher mein Haupthaar wieder wachſen zu laſſen, bis ich des Simmias und Cebes Gegengruͤnde beſiegt Hätte. Man pflegt zu ſagen, ſprach ich: Ser⸗ rules ſelbſt richtet wider zween nichts aus. So rufe denn, weil es noch helle iſt, mich dei⸗ nen Jolaus, zu Huͤlfe, verſetzte er. Gut! ſprach ich, ich will FH zu Huͤlfe rufen; aber nicht wie Herkules ſeinen Jolaus, ſondern wie Jolaus den Herkules. Das thut nichts zur Sache, er⸗ wiederte er. Vor allen Dingen muͤſſen wir uns vor ein em gewiſſen Fehltritt in acht nehmen. Vor welchem? fragte ich. Daß wir nicht Vera nunfthaſſer werden; ſprach er, ſo wie gewiſſe Leute Menſchenhaſſer werden. Kein groͤßeres Ungluͤck koͤnnte uns wiederfahren! — Der Ver⸗ nunfthaß und der Menſchenhaß pflegen auf eis ne aͤhnliche Weiſe zu entſtehen. Der Menſchen, 63 haß 102 Phaͤdon