die Gewogenheit gehabt, mir ihre Erin⸗ nerungen und Anmerkungen uͤber obige Geſpraͤ⸗ che, theils in Privatbriefen und theils in oͤf⸗ fentlichen Blaͤttern, zu Geſichte kommen zu laſſen. Nicht wenige derſelben habe ich bey die⸗ fer zwoten Auflage mit Nutzen gebraucht. Ich habe hier und da veraͤndert, an einigen Stellen mich deutlicher erklärt, und andere durch No- ten erlaͤutert. Dieſes iſt der einzige Dank, den dieſe wuͤrdige Maͤnner von mir erwarten. Aber alles habe ich nicht aus dem Wege raͤumen koͤn⸗ nen, was meinen Richtern anſtoͤßig geſchienen. Zum Theil haben mich ihre Gruͤnde nicht uͤber⸗ zeugt, und zum Theil giengen ihre Anforde⸗ rungen über meine Kraͤfte. Man erlaube, daß ich mich hier uͤber einige * von die⸗ ſer Art erkläre, ä Ueber⸗ 192 Anhang.
Ueber⸗ 192 Anhang.
Ueberhaupt muß ich bekennen, daß die Kunſt⸗ richter in Anſehung meiner eher nachſichtsvoll, als ſtrenge geweſen ſind. Ich habe mich uͤber keinen unbilligen Tadel zu beſchweren, vielleicht eher uͤber unbilliges Lob, davon mich die Selbſt⸗ erkenntniß verſichert, daß es uͤbertrieben iſt. Unmaͤßiges Lob pflegt mehr die Abſicht zu has ben andere zu demuͤthigen, als den Gegenſtand deſſelben anzuſpornen. Ich habe mir niemals in den Sinn kommen laſſen, Epoche in der Weltweisheit zu machen, oder durch ein eigenes Syſtem beruͤhmt zu werden. Wo ich eine be⸗ tretene Bahn vor mir ſehe, da ſuche ich keine neue zu brechen. Haben meine Vorgaͤnger die Bedeutung eines Worts feſtgeſetzt, warum ſollte ich davon abweichen? Haben fie eine Wahr⸗ heit ans Licht gebracht, warum ſollte ich mich ſtellen, als wüßte ich es nicht? Der Vorwurf der Sektirerey ſchreckt mich nicht ab, von an⸗ dern mit dankbarem Herzen anzunehmen, was ich bey ihnen brauchbares und nuͤtzliches finde. Ich geſtehe es, der Sektiergeiſt hat dem Fort⸗ gange der Weltweisheit ſehr geſchadet, aber er kann, meines Erachtens, von Liebe zur Wahr⸗ heit eher im Zaume gehalten werden, als die Neuerungsſucht. | Je⸗ Jedoch ich ſoll, ſelbſt in dem erſten Geſpraͤ⸗ che, allwo ich genauer beym Plato geblieben zu ſeyn vorgebe, Saͤtze aus Wolf und Baum. garten ohne Beweis vorausgeſetzt haben, die nicht jeder Leſer fo: ſchlechterdings annimmt. — Welches find denn dieſe Satze? Etwa, daß die Kraͤfte der Natur ſtets wirkſam find? Ich glaube, dieſer Satz ſey ſo alt, als die Weltweisheit ſelbſt. Man hat von je her ges wußt, daß ein wirkſames Ding, wenn es nicht gehemmet wird, die ihm angemeſſene Wirkung hervorbringt, und wenn es Widerſtand findet, ſo wirkt es in dieſen Widerſtand zuruͤck. Es iſt alſo niemals in Ruhe. Das Wort wirklich, ſeyn, wodurch man das Daſeyn andeutet, gibt nicht ohne Grund zu verſtehen, daß alles, was da iſt, auch wirklich ſeyn, d. i. etwas thun muͤſſe. Eine Kraft, die nicht wirkt, iſt eine Kraft, die nicht vorhanden iſt, denn das Koͤn⸗ nen, Vermoͤgen, u. ſ. w. find bloſſe Moͤglichkei⸗ ten, Begriffe, die nicht eher einen Gegenſtand haben, als wenn von wirklichen Kraͤften die Rede iſt, die auf eine gewiſſe Art angewendet ſind, in ſo weit fie ihrer Natur nach auch ans dern Anwendungen nicht widerſprechen. Man ſagt z. B. von einem Manne in Geſchaͤf. zZ N ten 194 Anhang. ten, er koͤnne auch dichten, er beſitze das Ver mögen dazu in einem vorzuͤglichen Grade. Wenn in dieſer Redensart Wahrheit ſeyn ſoll, ſo muß ſie folgende Bedeutung haben: die See⸗ lenkraͤfte dieſes Mannes, die izt mit der Vek⸗ waltung eines buͤrgerlichen Amts, u. ſ. w. be⸗ fchäftiget find, widerſprechen auch einer An. wendung nicht, wodurch gute Gedichte hervor⸗ kommen wuͤrden. Wenn von einer Kraft ge⸗ ſagt wird / fie wirke nur bey einer gewiſſen Ge⸗ legenheit; fo iſt die Frage! und wenn dieſe Gelegenheit fehlet, was geſchiehet? — Wirkt die Kraft alsdann gar nichts? — So iſt ſie ja in Abweſenheit der Gelegenheit eine bloſſe Moglichkeit zu wirken, und dieſe bloſſe Moͤg⸗ lichkeit ſoll doch auch vorhanden ſeyn? — Die Gelegenheiß kann nur die Anwendung der Kraͤſte abaͤndern, indem dieſe Anwendung nicht von der Kraft ſelbſt; ſondern von der Verbindung in welcher ſie mit andern Dingen ſtehet, ab⸗ haͤnget, aber die Gelegenheit kann keine Kraft erwecken / die aufgehoͤrt hat zu wirken, auch keine Kraft vernichten, die einmal vorhanden it. Wenn alſo geſagt wird: eine jede Kraft muͤſſe beſtaͤndig wirkſam ſeyn; ſo verſtehet es ſich von felbft, daß blos von urſpruͤnglichen Kraften 3 ans die Anhang. 195 die Rede iſt, nicht von * Anwendung auf beſondere Arten von Gegenſtaͤnden, wodurch Faͤhigkeiten entſtehen. Dieſe werden zuweilen, wiewohl etwas uneigentlich, auch Kraͤfte ge⸗ nennt; allein von ihnen iſt es offenbar, daß ſie nicht immer wirkſam ſeyn dürfen, und dieſes gefchiehet, wie vorhin ſchon beruͤhret worden, fo oft ſich von der urſpruͤnglichen Kraft begreiffen laßt, daß fie ihrer Natur nach auf eine gewiſſe Art von Gegenſtaͤnden zwar anwendbar, aber nicht immer angewendet ſeyn muͤſſe. So kann das Nachdenken bey einem Schlafenden, die Er⸗ findungsfraft bey einem Sinnlichbeſchaͤftigten, und die Urtheilskraft bey einem Bethoͤrten, eine Zeitlang ganz unthätig ſeyn. Aber alsdann iſt die ur ſpruͤngliche Kraft, von welcher dieſe Faͤ⸗ higkeiten, die zuweilen auch Kraͤfte heiſſen, bloſe Ableitungen find, nichts weniger als unthätig. Dieſe Begriffe leuchten der geſunden Vernunft ſo ſehr ein, daß ſie keines Beweiſes beduͤrfen, und die Weltweiſen aller Zeiten müffen fie ge dacht, nur zuweilen in Worten anders ausge⸗ druͤckt haben.
Iſt etwa dieſer Satz Wolſiſch: daß alles Veraͤnderliche keinen Augenblik unveraͤndert bleibe? — Nicht doch, die Schriften des Pla⸗ 196 Anhang.
to find voll davon. Alle vergaͤngliche Dinge, ſagt dieſer Weltweiſe im Thaͤetetus und an vie⸗ len andern Stellen, ſind in beſtaͤndigem Wech⸗ ſel von Geſtalten, und bleiben keinen Augenblick ſich ſelbſt aͤhnlich. Er ſchreibt ihnen daher kein wirkliches Daſeyn; ſondern ein Entſtehen zu Y. Sie ſind nicht vorhanden, ſpricht er, ſondern entſtehen durch die Bewegung und Veränderung und vergehen. Dieſes iſt ein Hauptgrundſatz der platoniſchen Lehre, und hierauf gruͤndet ſich ſeine Theorie von dem wahren Daſeyn der allgemeinen unveraͤnderlichen Begriffe, fein Uns terſchied zwiſchen Wiſſenſchaft und Meynung, ſeine Lehre von Gott, und von der Glückſelig keit,. ganze Philoſophie. 2 | Alle Schulen der Alten ſind beſchaͤftiget ge. weſen, dieſen Satz zu beſtaͤtigen, oder zu wi⸗ derlegen. Man weiß das Gleichniß von einem Baume, der ſeinen Schatten auf ein vorbey⸗ Hieffendes Waſſer wirft. Der Schatten ſcheinet im⸗ ) Plotiuus ſagt: lam vero neque corpus omnino erit vllum, niſi animæ vis. extiterit. Nam “Air ſemper et in motu ipſa corporis na- | tura verſutur „ eitoque periturum eſt vniuer- „ fum, fi quæcunque ſunt fint corpora.
d u Anhang. 197 / immer derſelbe zu ſeyn, ob gleich der Grund, auf welchem er gezeichnet iſt, ſich beſtaͤndig fort⸗ bewegt. So, ſagten die Anhaͤnger des Plato, ſcheinen uns die Dinge Beſtaͤndigkeit zu haben, ob ſie gleich in ſtetem Wechſel ſind. Daß dieſe Lehren auch im Wolf und Baumgarten vor⸗ kommen, iſt kein Wunder, da ſie ſeit den Zei⸗ ten des Heraclitus und Pythagoras von jedem Weltweiſen haben unterſucht werden muͤſſen.
Ich wuͤrde durchaus antik geblieben ſeyn, wenn ich keine neueren Saͤtze brauchen dürfen, als dieſe.
Ich ſoll 4 meine ganze Demonſtration auf den Satz gegründet haben, dag empfinden, _ denken und wollen die einzigen Wirkungen der Seele ſi ſind und dieſer Satz ſoll auſſer der Schule, der ich anhaͤnge, nicht angenommen werden. Ja, ſetzt ein Kunſtrichter hinzu, wenn er auch von der Seele, als Seele, zugegeben wird; ſo kann er doch nicht von der Seele als Subſtanz gelten. Als Subſtanz muß ſie auch noch eine bewegende und widerſtehende Kraft haben, die mit der denkenden gar nichts gemein hat. Durch dieſe Unterſcheidung ſoll einer von meinen Hauptbeweiſen uͤber den Haufen fallen: denn die Seele kann nach dem Tode als Sub⸗ N 3 is ſtanz — 198 Anhang.
ſtanz wirkſam bleiben, ohne als Seele zu em⸗ | pfinden, zu denken und zu wollen.
Wir wollen ſehen! Mein Beweis, ſagt man, gruͤnde ſich auf einen Satz, der nicht wahr iſt, und ich? ich glaube, der Satz ſey wahr, aber mein Beweis gruͤnde ſich nicht darauf. Ob eine Subſtanz nur eine Grundkraft, oder meh⸗ rere haben koͤnne, ob denken und wollen aus einer, oder mehrern Grundthaͤtigkeiten flieſſen, ob die Seele den Leib bewege, oder nicht bewe⸗ ge, ob die Seele nach dem Tode ganz koͤrperlos ſeyn werde; dieſe und mehrere dahin einfchl& gende Unterſuchungen kann ich als unausge⸗ macht dahin geſtellt ſeyn laſſen. Fuͤr mich ha⸗ be ich zwar Partey genommen; allein die Be⸗ weiſe fuͤr die Unſterblichkeit der Seele ſollen mit ſo wenig andern Streitfragen, als moͤglich, ver⸗ wickelt bleiben. Das Vermoͤgen oder die Kraſt zu denken und zu wollen nenne ich Seele, und mein ganzer Beweis gruͤndet ſich auf folgendes Dilemma: Denken und Wollen ſind entweder Eigenſchaften des Zuſammengeſetzten, oder des Einfachen. Jenes wird im zweyten Geſpraͤche unterſucht. In dem erſten betrachte ich ſie als Eigenſchaften des einfachen Weſens. Die Ei⸗ genſchaften des einfachen Weſens ſind entweder 4 oder Modifikationen anderer Thaͤ⸗ .
Anhang. 199 Thaͤtigkeiten. Man geſtehet ein, daß Denken und Wollen nicht bloſſe Modifikationen anderer Kraͤfte; ſondern urſpruͤngliche Thaͤtigkeiten ſeyn muͤſſen. Eine, oder mehrere, das thut nichts; die einfachen Weſen moͤgen auch auſſer dem Denken und Wollen noch andere Kraͤfte haben, bewegende, widerſtehende, ſtoſſende und anzie⸗ hende, ſo viel man nur will, und Namen er⸗ denken kann. Genug, daß Denken und Wollen nicht bloſſe Abaͤnderungen dieſer ungenannten Kraͤfte; ſondern von ihnen unterſchiedene Grund⸗ thaͤtigkeiten find. Nun koͤnnen alle natürliche Kräfte nur Beſtimmungen abändern, nur Modi⸗ ſikationen mit einander abwechſelnd machen, nie⸗ mals aber Grundeigenſchaften und für fich beſte⸗ hende Thaͤtigkeiten der Dinge in Nichts verwan⸗ deln; daher kann die Kraft zu denken und zu wol⸗ len, oder koͤnnen die Kräfte zu denken und zu wol⸗ len niemals durch natürliche Veraͤnderungen ver⸗ nichtet werden, wenn ſie auch noch ſo viel von ihnen verſchiedene Kraͤfte zuruͤcklaſſen. Eine wun⸗ derthaͤtige Allmacht gehoͤrt dazu, ein ſolches Ver⸗ moͤgen hervorzubringen „oder zu zernichten. Daß durch alle Kraͤfte der Natur nichts wahr⸗ haftig zernichtet werden koͤnne, iſt, ſo viel ich weiß, von keinen Weltweiſen noch in Zweifel gezogen worden. Eine natuͤrliche Handlung, hat N 4 man * 200 Anhang.
man von je her geſagt, muß Anfang, Mittel und Ende haben, das heißt, es muß ein Theil der Zeit verſtreichen, bevor ſie vollendet wird. Dieſer Theil der Zeit mag ſo klein ſeyn, als man will, er verlaͤugnet doch niemals die Natur der Zeit, und hat aufeinanderfolgende Augenblicke. Sollen die Kraͤfte der Natur eine Wirkung her⸗ vorbringen; ſo müffen fie ſich dieſer Wirkung als maͤlig.nähern., und fie vorbereiten, bevor ſie er⸗ folget. Eine Wirkung aber, die nicht vorbereitet werden kann, die in einem Nu erfolgen muß, hört auf natuͤrlich zu ſeyn, kann nicht von Kraͤften hervorgebracht werden, die alles in der Zeit thun muͤſſen. Alle dieſe Saͤtze ſind den Alten nicht unbekannt geweſen, und ſie ſchienen mir in dem Raiſonnement des Plato) von den entgegenge⸗ ſetzten Zuſtaͤnden und den Uebergaͤngen von einem auf den andern, nicht undeutlich zu lie⸗ gen. Darum ſuchte ich ſie meinen Leſern nach Platons Weiſe, aber mit der unſern Zeiten an gemeſſenen Deutlichkeit, vorzutragen. Sie leuch⸗ ten zwar der gefunden Vernunft ziemlich ein; allein durch die Lehre von der Stetigkeit erlan⸗ gen ſie meines Erachtens einen hohen Grad der Gewißheit. Ich ergriff auch nicht ungern die e 5 ur Ge Im Phͤbon.
Anhang. 201 Gelegenheit, meine Leſer mit dieſer wichtigen Lehre bekannt zu machen, weil fie uns auf rich, tige Begriffe von den Veraͤnderungen des Leibes und der Seele fuͤhret, ohne welche man Tod und Leben, Sterblichkeit und Unſterblichkeit nicht aus dem rechten Geſichtspunkte betrachten kann. Wie aber? fragte man, kann wohl irgend eis ne Veränderung oyne alle Zernichtung vorgehen? Muß nicht die Beſtimmung einer Sache zernich⸗ tet werden, wenn die entgegengeſetzte Beſtim⸗ mung an ihr wirklich werden ſoll? Und wie iſt dieſes moͤglich, wenn die Kraͤfte der Natur nichts zernichten konnen? — Ich glaube, man miß⸗ braucht hier das Wort zernichten. Wenn ein harter Koͤrper weich, oder ein trockener feuchte wird; fo darf nicht etwa die Härte oder Troks kenheit zernichtet, und die Weichheit oder Feuch⸗ tigkeit dafür hervorgebracht werden. So kann auch ohne die geringſte Zernichtung das Lange kurz, das Kurze lang, das Kalte warm, und das Warme kalt, das Schöne. haͤßlich und das Haͤhliche ſchoͤn werden. Alle dieſe Modiſikatio⸗ nen ſind durch allmaͤlige Uebergänge mit einan⸗ der verbunden; und wir ſehen gar deutlich, daß ſie ohne die geringſte Zernichtung oder Hervor⸗ bringung mit einander abwechſeln koͤnnen. Ueber⸗ Haupt find die entgegengeſetzten Beſtimmungen, N 5 die I 202 Anhang.
I 202 Anhang.
die durch natuͤrliche Veraͤnderungen an einer Sache moͤglich ſind, alle von der Art, daß zwi⸗ ſchen beyden aͤuſſerſten auch ein Mittel ſtatt fin det. Im Grunde ſind ſie nur durch das Mehr und Weniger von einander unterſchieden. Ver⸗ aͤndert gewiſſe Theile in ihrer Lage, bringet dieſe näher zuſammen, jene weiter von einander; ſo wird das Schöne haͤßlich / das Lange kurz, u. ſ. w. Verdunkelt dieſe Begriffe, und heitert jene auf, ſchwaͤchet dieſe Begierden / ſtaͤrket jene Neigun⸗ gen, ſo habet ihr die Einſichten und den Cha⸗ rakter eines Menſchen veraͤndert. Alles dieſes kann durch einen allmaͤligen Uebergang, ohne die geringſte Zernichtung, geſchehen, und ſolche Veraͤnderungen ſind der Natur allerdings moͤg⸗ lich. Aber zwo entgegengeſetzte Beſtimmungen, zwiſchen welchen es kein Mittel gibt, koͤnnen niemals natürlicher Weiſe auf einander folgen, und ich kenne kein Geſetz der Bewegung, das dieſem Satze zuwider ſeyn ſollte. Hieruͤber ver⸗ dienet der Pater Boſcovich ) nachgelefen zu werden, welcher das Geſetz der Stetigkeit in ein vortreſiches a geſezt hat. 5 Allein 9 In ſeiner Abhandlung de lege eontimni, h und in feinen Princ. phil. nat.
N 1 / Anhang. 203 Allein wozu alle dieſe ſtachelichten Unterſu⸗ chungen in einem ſokratiſchen Geſpraͤche? Sind ſie nicht fuͤr die einfaͤltige Manier des athenien⸗ ſiſchen Weltweiſen viel zu ſpitzfuͤndig?.
Ich antworte: man ſcheinet zu vergeſſen, daß ich dem Plato, und nicht dem enophon nach⸗ ahme. Dieſer letztere vermied alle Spitzfuͤndig⸗ keiten der Dialektik, und ließ ſeinen Lehrer und Freund dem geſunden ungekuͤnſtelten Menſchen⸗ verſtande folgen. In ſittlichen Materien iſt dieſe Methode unverbeſſerlich; allein in meta⸗ phyſiſchen Anterfuchungen führet fie nicht weit genug. Plato, der der Metaphyſik hold war, machte feinen Lehrer zum pythagoriſchen Welt weiſen, und ließ ihn in den dunkelſten Geheim⸗ niſſen dieſer Schule eingeweihet ſeyn. Wenn Xenophon auf ein Labyrinth ſtoͤßt; fo laͤßt er den Weiſen lieber ſchuͤchtern ausweichen, als ſich in Gefahr begeben. Plato hingegen fuͤhret ihn durch alle Kruͤmmungen und Irrgaͤnge der Dias lektik, und laßt ihn in Unterſuchungen fich ver⸗ tiefen, die weit uͤber die Sphaͤre des gemeinen Menſchenverſtandes ſind. Es kann ſeyn, daß Tenophon dem Sinne des Weltweiſen, der die Philoſophie von dem Himmel herunter geholt, treuer geblieben if. Ich mußte nichts deſtowe⸗ niger der Methode des Plato folgen, weil dieſe Ma⸗ 204 Anhang.
204 Anhang.
Materie, meines Erachtens, keine andere Be⸗ handlung leidet, und ich lieber ſubtil ſeyn, als von der Strenge des Beweiſes etwas vergeben wollte. Dieſe Sophiſterey hat ſich in unſern Tagen unter gar verſchiedenen Geſtalten gezeigt. Bald mit Spitzfuͤndigkeiten gewafnet, bald un⸗ ter der Larve der geſunden Vernunft, bald als Freundin der Religion, jetzt mit der Dreiſtigkeit eines vielwiſſenden Thraſymachus, dann wieder mit der unſchuldigen Laune eines nichtswiſſenden Sokrates. Mit allen dieſen Proteuskuͤnſten hat ſie geſucht, die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele ungewiß zu machen, und die Gruͤnde jetzt zu verſpotten, jetzt im Ernſte zu widerlegen. Wie ſollen die Freunde dieſer Wahrheit ſie ver⸗ theidigen? Durch ſokratiſche Unwiſſenheit kann man den Dogmatiker raſend machen, aber nichts feſtſetzen. Durch Gegenfpott wird niemand übers zeugt. Ihnen bleibt alſo kein anderer Weg, als die Gaukeleyen der Zweifelſuͤchtigen fuͤr das zu halten, was ſie ſind, und nach Vermögen zu beweiſen.
Daß ich dem Sokrates Gründe in den Mund gelegt, die ihm zu ſeiner Zeit, nach dem da⸗ maligen Zuſtande der Weltweisheit, nicht haben bekannt ſeyn koͤnnen, geſtehe ich in der Vorrede mit ausdruͤcklichen Worten. Ich nenne fogar b Anhang. 205 die neueren Weltweiſen namentlich, von denen ich das mehreſte entlehnt habe. Es konnte alſo meine Abſicht nicht geweſen ſeyn, den Neuern etwas von ihren Verdienſten um die Lehre von der Unſterblichkeit zu entziehen, und es den Al⸗ ten zuzulegen. Ueberhaupt iſt mein Sokrates nicht der Sokrates der Geſchichte. Jener lebte in Athen, unter einem Volke, welches das er⸗ ſte ſich um wahre Weltweisheit bekuͤmmerte, und zwar damals noch ſeit nicht langer Zeit. Weder die Sprache / noch die denkende Koͤpfe, waren noch zur Philoſophie gebildet. Er war ein Schuͤ⸗ ler von Weltweiſen, die ſelten einen Blick auf ihre Seele zuruͤckgeworfen, die alles eher als ſich ſelbſt zum Vorwurfe ihrer Betrachtungen ge⸗ macht haben. Daher mußte in der Lehre von der menſchlichen Seele und ihren Beſtimmungen noch die groͤſte Dunkelheit herrſchen. Die helle⸗ ſten Wahrheiten ſah man nur in der Ferne ſchimmern, ohne die Wege zu kennen, die zu ih⸗ nen hinfuͤhren. Ein Sokrates ſelbſt konnte in ſolchen Zeiten nicht mehr thun, als die Augen unverruͤckt auf dieſe einzelne Wahrheiten richten, und ſich in ſeinem Lebenswandel von ihnen lei⸗ ten laſſen. Die Evidenz philoſophiſcher Begriffs und ihr vernuͤnftiger Zuſammenhang iſt eing * der Zeit und er anhaltenden Bemuͤ. hung 20b Anhang.
hung vieler nachdenkenden Koͤpfe, die die Wahr⸗ heit aus verſchiedenen Geſichtspunkten betrach⸗ ten, und dadurch von allen Seiten ins Licht ſetzen. wu;. 2 Nach fo manchen barbarifchen Jahrhunderten, die auf jenen ſchönen Morgen der Philoſophie gefolgt ſind, Jahrhunderte, in welchen die menſchliche Vernunft dem Aberglauben und der Tyranney hat froͤhnen muͤſſen, hat die Welt⸗ weisheit endlich beſſere Tage erlebt. Alle Theile der menſchlichen Erkenntniß haben durch eine gluͤckliche Beobachtung der Natur anſehnliche Progreſſen gemacht. Unſere Seele ſelbſt haben wir auf dieſem Wege beſſer kennen lernen. Durch eine genauere Beobachtung ihrer Wir. kungen und Leiden hat man mehrere Data feſt⸗ geſetzt / und daraus lieſſen ſich, vermittelſt einer bewährten Methode, auch richtigere Folgen zie⸗ hen. „Die vornehmſten Wahrheiten der natuͤr⸗ lichen Religion haben durch dieſe Verbeſſerung der Philoſophie eine Evidenz erlangt, die alle Einſichten der Alten verdunkelt / und wie in den Schatten zuruͤckwirſt. Noch hat zwar die Phi⸗ loſophie ihren hellen Mittag nicht erreicht, in welchem ſie vielleicht unſere Enkel dereinſt erbli⸗ ken werden; allein man müßte auf die Verdien⸗ ſte feiner Zeitgenoſſen ſehr neidiſch ſeyn, wenn e | | man Anhang. 207 man den Neuern nicht in Abficht auf die Philoſo⸗ phie groſſe Vorzuͤge einraͤumen wollte. Ich habe niemals den Plato mit den Neuern, und beyde mit den duͤſtern Koͤpfen der mittlern Zeiten ver⸗ gleichen koͤnnen, ohne der Vorſehung zu dan, ken, daß fie mich in dieſen gluͤcklichern Tagen hat gebohren werden laſſen. ä Als ich über die Unſterblichkeit der Seele nach. zudenken hatte, und es mir einige Muͤhe koſtete, Glauben von Ueberzeugung zu unterſcheiden j fiel mir der Gedanke ein: durch welche Gründe wuͤrde ein Sokrates in unſern Tagen ſich und feinen Freunden die Unſterblichkeit beweiſen Eins nen? Ein Freund der Vernunft, wie er war, wuͤrde ganz gewiß von andern Weltweiſen mit Dank angenommen haben, was in ihrer Lehre auf Vernunft. gegründet iſt, fie möchten uͤbri⸗ gend einem Lande, oder einer Religionspartey zugehoͤren, welcher ſie wollten. Man kann in Abſicht auf Vernunftwahrheiten mit jemanden uͤbereinſtimmen, und dennoch verſchiedenes un⸗ glaubwuͤrdig finden, das er auf Glauben ars nimmt. Da die bruͤderliche Duldung der poli⸗ tiſchen Welt fo ſehr empfohlen wird; fo muͤſſen ſie n, der RBabefek billig zuerſt unter fich he⸗ \ as. Anhang.
he⸗ \ as. Anhang.
hegen. Was des Glaubens iſt / wollen wir dem Gewiſſen und der Beruhigung eines jeden uͤber⸗ laſſen, ohne uns zu Richtern daruͤber aufzu⸗ werfen. Aus wahrer Menſchenliebe wollen wir da nicht ſtreiten, wo das Herz lauter ſpricht, als die Vernunft, und zu dem allgnaͤdigen Gott das Zutrauen haben, daß er uns alle rechtfer⸗ tigen wird, wenn uns unſer Gewiſſen rechtfer⸗ tiget. Aber die Vernunftwahrheiten wollen wir mehr als bruͤderlich theilen, wir wollen fie, wie das Licht der Sonne, gemeinſchaftlich genieſſen. Hat es dich, Bruder! eher beleuchtet, als mich; ſey vergnuͤgt, aber nicht ſtolz darauf, und, was noch unmenſchlicher ware, ſucht mir es nicht gar zu verſtellen.— — Der dieſe, oder jene Wahrheit ins Licht ge ſetzt hat, war deines Vaterlandes, deines Glau⸗ bens? Gut! Es iſt angenehm, mit den Wohl thaͤtern des menfthlichen Geſchlechts in einem engern Verhaͤltniſſe zu ſtehen. Aber deswegen iſt das, was deine Landsleute, deine Glaubens genoſſen herausgebracht, nicht minder eine Wohlthat, die uns allen beſchieden iſt. Die griechiſche Weisheit hat auch Barbaren genuͤtzt, euch / die he erſt fit far Zeit dieſen Na⸗ men * Anhang. 209 men nicht mehr verdienet, euch ſelbſt hat ſie aus der Barbarey befreyen helfen. Die Weis⸗ heit kennet ein allgemeines Vaterland, eine all⸗ gemeine Religion, und wenn ſie gleich Abthei⸗ lungen duldet; ſo billiget fie doch das Unholde⸗ Menſchenfeindliche derſelben nicht, das ihr zum Grunde eurer politiſchen Einrichtungen gelegt habet. — So wuͤrde, duͤnkt mich, ein Mann, wie Sokrates in unſern Tagen denken, und aus dieſem Geſichtspunkte angeſehen, duͤrfte ihm der Mantel der neuern Weltweisheit, den ich ihm umgehangen, ſo unſchicklich nicht laſſen.
Den Beweis, daß die Materie nicht denken koͤnne, im zweyten Geſpraͤche, haben folgende Betrachtungen veranlaſſet. Carteſius hat ge⸗ zeigt, daß Ausdehnung und Vorſtellungen von ganz verſchiedener Natur find, und daß die Eis genſchaften des denkenden Weſens ſich nicht durch Ausdehnung und Bewegung erklaͤren laſ⸗ ſen. Ihm war dieſes Beweiſes genug, daß fie nicht eben derſelben Subſtanz zugeſchrieben wer⸗ den koͤnnen: denn nach einem bekannten Grundſatze dieſes Weltweiſen kann eine Eigenſchaft, die ſich nicht durch die Idee einer Sache deut⸗ lich begreiffen laͤßt, dieſer Sache nicht zukom.
O men.
2io Anhang.
men. Allein dieſer Grundſatz ſelbſt hat viel— fältigen Widerſpruch gefunden; und was die Eigenſchaften des ausgedehnten und denkenden Weſens betrifft, ſo hat man den Beweis ge⸗ fordert, daß fie nicht nur von disparater Na⸗ tur Mid, ſondern ſich einander widerſprechen. Von Eigenſchaften, die ſich einander ſchnur⸗ ſtracks widerſprechen, find wir verſichert, daß fie nicht eben dem Subjekte zukommen konnen; allein von Etgenſchaften, die nichts mit einan⸗ der gemein haben, ſchien dieſes fo ausgemacht noch nicht. | i Alls ich die Immaterialitaͤt zu erweiſen hats te, ſtieß ich auf dieſe Schwierigkeit; und ob ich gleich der Meynung bin / daß der Grundſatz des Carteſius, deſſen ich vorhin erwahnt, gar wohl aufſſer Zweifel geſetzt werden könnte; fü ſah ich mich dennoch nach einer Beweisart um, die mit weniger Schwierigkeit nach der ſokrati⸗ ſchen Methode abgehandelt werden koͤnnte. Ein Beweis des Plotinus, den einige Neuere wei ter ausgefuhrt haben, ſchien mir dieſe Bequem; lichteit zu verſprechen. ne „Einer. jeden Seele, ſchließt Plotinus “), vwohnet ein Leben (ein inneres Bewußtſeyn) ) Ennead. 14. Lib. VII. er Anhang. 411 »bey. Wenn nun die Seele ein koͤrperliches „Weſen ſeyn follte, fo müßten die Theile, aus „welchen dieſes koͤrperliche Weſen beſtehet, ent⸗ „weder ein jeder, oder nur einige, oder gar „feine derfelben ein Leben (inneres Bewußtſeyn) „haben. Hat nur ein einziger Theil Leben; fo viſt dieſer Theil die Seele. Mehrere ſind uͤber⸗ 4 zſluͤßig. Soll aber jeder Theil insbeſondere des Lebens beraubt ſeyn; ſo kann ſolches auch „durch die Zuſammenſetzung nicht erhalten wer⸗ „den: denn viele lebloſe Dinge machen zuſam⸗ „men kein Leben aus, viele verſtandloſe Dinge vkeinen Verſtand.
In der Folge wiederholt Plotinus denſelben Schluß / mit einiger Veraͤnderung: „Iſt die See⸗ „le koͤrperlich, wie ſtehet es um die Theile dieſes „denkenden Koͤrpers? Sind ſie auch Seelen? „Und die Theile dieſer Theile? Gehet dieſes an⸗ v ders immer fo fort; ſo ſiehet man ja, daß die „Größe zum Weſen der Seele nichts beytraͤgt, „welches doch geſchehen muͤßte, wenn die Seele eine körperliche Größe hätte, In unſerm Fall „würde jedem Theile die Seele ganz beywoh⸗ „nen, da bey einer koͤrperlichen Größe kein Theil „dem Sanden an Vermoͤgen gleich ſeyn kann.
„Sind aber die Theile keine Seelen; ſo wird „auch aus Theilen, die keine Seele ſind, keine „Seele zuſammengeſetzt werden koͤnnen.. — Dieſe Gruͤnde haben allen Schein der Wahrheit; allein zur voͤlligen Ueberzeugung fehlt ihnen noch vieles. Plotinus ſetzet als unzweifelhaft voraus, daß aus unlebenden Theilen kein le⸗ bendes Ganze, aus undenkenden Theilen kein denkendes Ganze zuſammengeſetzt werden koͤn⸗ ne. Warum aber kann aus unregelmaͤßigen Theilen ein regelmaͤßiges Ganze, aus harmo⸗ nieloſen Toͤnen ein harmoniſches Concert, aus unmaͤchtigen Gliedern ein maͤchtiger Staat zu⸗ ſammengeſetzt werden?
Ich wußte auch, daß nach dem Syſtem jener Schule, der ich zu ſehr anhaͤngen ſoll, bie Be⸗ wegung aus ſolchen Kraͤften, die nicht Bewe⸗ gung ſind, und die Ausdehnung aus Eigen⸗ ſchaften der Subſtanzen, die etwas ganz an⸗ ders / als Ausdehnung ſind, entſpringen ſollen. Dieſe Schule alſo kann den Satz des Plotinus gewiß nicht in allen Faͤllen gelten laſſen; und gleichwohl ſcheinet derſelbe in Abſicht auf das denkende Weſen ſeine voͤllige Richtigkeit zu ha⸗ ben. Ein denkendes Ganze aus undenkenden Theilen duͤnkt einem jeden der geſunden Ver⸗ nunft zu widerſprechen. N | u; um — — Anhang. 213 um von dieſem Satz alſo uͤberzeugt zu ſeyn, war noch zu unterfuchen, welche Eigenfchaften dem Ganzen zukommen koͤnnen, ohne daß ſie den Beſtandtheilen zukommen, und welche nicht.
Zuerſt fiel in die Augen, daß ſolche Eigenſchaf⸗ ten, welche von der Zuſammenſetzung und An⸗ ordnung der Theile herruͤhren, den Beſtand⸗ theilen nicht nothwendig zukommen. Von die⸗ ſer Art iſt Figur, Groͤße, Ordnung, Harmonie, die elaſtiſche Kraft, die Kraft des Schießpul⸗ vers u. d. g. — Sodann fand ſich auch, daß oͤfters Eigenſchaften der Beſtandtheile Erſchei⸗ nungen im Ganzen hervorbringen, die, unſe⸗ rer Vorſtellung nach, von ihnen völlig unter ſchieden ſind. Die zuſammengeſetzten Farben ſcheinen uns den einfachen unaͤhnlich zu ſeyn. Wir fuͤhlen die zuſammengeſetzten Gemuͤthsbe⸗ wegungen ganz anders, als die einfachen, aus welchen ſie beſtehen. Wohlriechende Theile, die gehaͤuft werden, erzeugen einen ganz verſchieden ſcheinenden, zuweilen ſehr un⸗ angenehmen Geruch, ſo wie im Gegentheil durch Vermiſchung uͤbelriechender Gummen ein angenehmer Geruch erhalten werden / kann (ſ. Halleri Phyſiol. T. V. p. 169. 170.) Der Dreyklang in der Tonkunſt, wenn er zu⸗ gleich angeſtimmt wird, thut eine ganz andere O 3 N Wir⸗ j 214 Anhang. Wirkung als die einzelnen Töne, aus welchen er beſtehet.
Die Eigenſchaften des Zuſammengefetzten als fo, die den Beſtandtheilen nicht nothwendig zukommen, fiieſſen entweder aus der Anord⸗ nung und Zuſammenſetzung. dieſer Theile ſelbſt, oder ſind bloße Erſcheinungen, naͤmlich die Ei⸗ genfchaften und Wirkungen der Beſtandtheile, die unſere Sinne nicht aus einander ſetzen und unterſcheiden koͤnnen, ſtellen ſich uns im Gan⸗ zen anders vor, als ſie wirklich ſind. Nun⸗ mehr machte ich die Anwendung von dieſer Bea trachtung auf den Satz des Plotinus.
Das Vermoͤgen zu denken kann keine Eigen⸗ ſchaft von dieſer Art ſeyn: denn alle dieſe Ei⸗ genſchaften ſind offenbar Wirkungen des Den⸗ kungsvermoͤgens, oder ſetzen daſſelbe zum vor⸗ aus. Die Zuſammenſetzung und Anordnung der Theile erfordert ein Vergleichen und Ge⸗ geneinanderhalten dieſer Theile, und die Er⸗ ſcheinungen ſind nicht ſowohl in den Sachen auſſer uns, als in unſerer Vorſtellung anzu⸗ treffen. Beyde Arten ſind alſo Wirkungen der Seele, und koͤnnen das Weſen derſelben nicht . aus⸗ Anhang. 215 ausmachen. Daher kann aus undenkenden Theilen kein denkendes Ganze mſammengeſctt N Ä Auch der andere Theil des Beweiſes erfor⸗ derte eine weitere Ausfuͤhrung. Es hat Welt⸗ weiſe gegeben, die den Atomen der Koͤrper dunkle Begriffe zugeſchrieben, woraus dann, ihrer Meynung nach, im Ganzen klare und deutliche Begriffe entſpringen. Hier war zu beweiſen, daß dieſes unmöglich ſey, und daß wenigſtens einer von dieſen Atomen fo deutliche, ſo wahre, ſo lebendige u. ſ. w. Begriffe haben muͤßte, als der ganze Menſch. Ich bediente mir zu dieſem Behufe, den Satz, den Herr Plouquet ſo ſchoͤn ausgefuͤhrt, daß viele gerin⸗ gere Grade zuſammen keinen ſtaͤrkern Grad ausmachen. Es giebt naͤmlich eine Groͤße der Menge (quantitas extenſiva), die in der Men⸗ ge der Theile beſtehet, aus welcher ſie zuſam⸗ mengeſetzt iſt, und eine Groͤße der Kraft (quan- titas intenſiva), die auch Grad genennt wird. Wenn mehrere Theile hinzukommen, ſo nimmt die Groͤße von der erſten Art zu: aber der Grad erfordert eine innerliche Verſtaͤrkung, keine groͤ⸗ ſere Ausbreitung. Man gieſſe lauliches Waſſer zu laulichem Waſſer; ſo wird die Menge des O 4 Waſ⸗ 216 Anhang.
216 Anhang.
Waſſers, aber nicht der Grad der Waͤrme ver⸗ mehret. Viele Koͤrper, die ſich mit einer glei⸗ chen Geſchwindigkeit bewegen, machen, wenn fie zuſammenhaͤngen, eine größere Maſſe, aber keine größere Geſchwindigkeit aus. Der Grad iſt in jedem Theile ſo groß, als im Ganzen: daher kann die Menge der Theile den Grad nicht veraͤndern. Wenn dieſes geſchehen ſoll; ſo muͤſſen die Wirkungen der Menge in Eine concentrirt werden, da denn an innerer Staͤrke ſo viel gewonnen werden kann, als die Aus⸗ dehnung abgenommen. So koͤnnen viele ſchwa⸗ che Lichter Eine Stelle ſtaͤrker beleuchten, viele Brennſpiegel Einen Koͤrper ſtaͤrker in Brand ſetzen. Je mehr Merkmale ein und eben daſ⸗ ſelbe Subject an einem Gegenſtande wahr⸗ nimmt, deſto klaͤrer wird die Vorſtellung dieſes Subjects von dieſem Gegenſtande. Es folget hieraus ſehr natürlich, daß alle dunkele Begrif⸗ fe der neben einander ſeyenden Atomen zuſam⸗ men keinen deutlichen, ja nicht einmal einen minder dunkeln Begriff ausmachen Können, wenn ſie nicht in einem Subjecte concentrirt, von eben demſelben einfachen Weſen geſammelt und gleichſam uͤberſehen werden.
Die 4 Anhang. 217 Die mehreſten Gruͤnde meines dritten Ge⸗ ſpraͤchs find. aus Baumgartens Metaphyſik und Reimarus vornehmſten Wahrheiten d natuͤrlichen Religion entlehnt. Von dem Be⸗ weiſe aus der Harmonie unſerer Pflichten und Rechte habe ich bereits in dem Vorberichte erin⸗ nert, daß ich ihn noch nirgend gefunden habe. Ich ſetze dabey zum voraus, daß die Todes⸗ ſtrafen in gewiſſen Fallen Rechtens find, Nun ſcheinet aber der Marquis Beccaria in ſeiner Abhandlung von den Verbrechen und Strafen dieſen Satz in Zweifel zu ziehen. Da dieſer Weltweiſe der Meynung iſt, daß ſich das Recht zu ſtrafen einzig und allein auf den geſellſchaft⸗ lichen Vertrag gruͤnde, woraus denn die Un⸗ rechtmaͤßigkeit der Todesſtrafen freylich folget; ſo habe ich die Meynung ſelbſt, in dieſer zwoten Aufage, in einer Anmerkung zu widerlegen ge. ſucht. Der Marquis ſelbſt kann ſich nicht ent⸗ brechen, die Todesſtrafe in einigen Fällen für unvermeidlich zu halten. Er will zwar eine Art von Nothrecht daraus machen: allein das Nothrecht muß ſich auf eine natürliche Befugniß gruͤnden, ſonſt iſt es bloſe Gewaltthaͤtigkeit. Ueberhaupt iſt wohl der Satz nicht in Zweifel zu ziehen, daß alle Vertraͤge in der Welt kein O 5 neues 218 Anhang.
neues Recht erzeugen; ſondern unvollkommene 8. 55 in vollkommene verwandeln. Wenn alſo ie Befugniß zu ſtrafen nicht in dem Rechte der Natur gegruͤndet waͤre; ſo koͤnnte ſolches durch keinen Vertrag hervorgebracht werden. Geſetzt aber, das Recht zu ſtrafen fey, ohne Vertrag, ein unvollkommenes Recht, wiewohl ich dieſes fuͤr ungereimt halte; ſo verlieret mein Beweis dennoch nichts von ſeiner Buͤndigkeit: denn vor dem Richterſtuhle des Gewiſſens ſind die unvoll⸗ kommenen Rechte eben ſo kraͤftig, die unvoll⸗ kommenen Pflichten eben ſo verbindlich, als die vollkommenen. Ein unvollkommenes Recht, je⸗ manden am Leben zu ſtrafen, ſetzet wenigſtens eine unvollkommene Obliegenheit voraus, dieſe Strafe zu leiden. Dieſe Obliegenheit waͤre aber ungereimt, wenn unſere Seele nicht unſterblich In der Neuen Biblioth. der ſchoͤnen Wiſ⸗ ſenſchaften (B. VI.) findet ſich eine ausfuͤhr⸗ liche Anzeige und Beurtheilung des Phaͤdons, die vortreſſiche Anmerkungen enthält, Die Ge danken uͤber das philoſophiſche Dialog, die der Recenſent vorausſchickt, Können zum Muſter dienen, wie ein Kunſtrichter ſich als Sachver⸗ ſtaͤndigen rechtfertigen ſollte, bevor er meiſtert.— Das Anhang. 219 Das Anhang. 219 Daſelbſt wird wider den Beweis von der Col-⸗ liſion der Pfichten erinnert, daß er einen Cir⸗ N kel enthalte. „Daß es eine Pficht ſey, wird“ „geſagt (S. 331.) für irgend jemanden der „Erhaltung unſers Lebens zu entſagen, wiſſen „wir ja nirgends anders her, als weil wir hoͤ⸗ „here Endzwecke als das Leben zu kennen glau⸗ „ben: wuͤrde dieſes als ein Irrthum bewieſen; „fo fielen jene Pflichten weg, und mit ihnen „zugleich der Widerſpruch.,, Ich glaube hier⸗ durch auf keinerley Weiſe widerlegt zu ſeyn. Der Beweis kann verſchiedene Wege nehmen, die ohne Zirkel zum Ziele führen, Einmal ge⸗ he man von der Verbindlichkeit zum geſelligen Leben aus. Dieſe kann unabhängig von der Unſterblichkeit der Seele erwieſen werden, gruͤn⸗ det ſich alfo, wie alle moraliſche Wahrheiten, auf metaphyſiſche Saͤtze. Der Ausführung, hievon wird man mich hoffentlich uͤberheben, da ſie mich offenbar zu weit fuͤhren wuͤrden, und dieſe Saͤtze von andern ſchon hinlaͤnglich bearbeitet worden ſind. Nun kann keine menſch⸗ liche Geſellſchaft beſtehen, wenn das Ganze nicht in gewiſſen Vorfaͤllen das Recht hat, das Leben eines ihrer Glieder dem gemeinen Beſten aufzuopfern. Dieſen Satz hat Epikur, Spi⸗ noza 220 Anhang. | E noza und Hobbes nicht laͤugnen können, ob ſie gleich keine hoͤhere Endzwecke, als das Leben, erkennen wollten. Sie ſahen wohl ein, daß kein geſelliges Leben unter den Menſchen ſtatt finden koͤnne, wenn dem Ganzen dieſes Recht nicht eingeraͤumt wuͤrde. Allein da die Begriffe von Recht und Pflicht nicht entwickelt genug waren, ſo merkte man nicht, daß dieſes Recht auch auf Seiten des Buͤrgers die Pficht voraus ſetzet, ſich dem Wohl des Ganzen auf zuopfern, und daß dieſe Pflicht der Natur nicht gemäß fen, wenn die Seele nicht unſterb⸗ lich iſt.
Ich kann auch, wie in dem letzten Gefpräs che geſchehen iſt, von der Gerechtigkeit eine Be leidigung zu ahnden, ausgehen, die in der That auch im Stande der Natur dem Mens ſchen zukommen muß, wie in der Note zu S. 195. ausgefuͤhrt worden. Der Recenſent macht zwar wider meine Gruͤnde folgende Erinnerung. „Das Recht der Wiedervergeltung in dem na⸗ „türlichen Zuſtande, und das Recht zu ſtrafen »in der bürgerlichen Geſellſchaft find in der „That zwey verſchiedene Rechte. Das erſte be⸗ „ziehet ſich blos auf die Perſon, die beleidiget „hat, ihr das Vermögen und den Willen zu Anhang. 221