jetzt in Hörner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.
Fünf Worte von alten Sachen hörte ich gestern Nachts an der Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrübten trocknen Nachtwächtern.
„Für einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Väter thun diess besser!“— „Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder“—also antwortete der andere Nachtwächter.
„_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann’s beweisen, wenn er’s selber nicht beweist! Ich wollte längst, er bewiese es einmal gründlich.“ „Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen hätte! Beweisen fällt ihm schwer; er hält grosse Stücke darauf, dass man ihm glaubt.“ „Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die Art alter Leute! So geht’s uns auch!“— —Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so geschah’s gestern Nachts an der Garten-Mauer.
Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste nicht, wohin? und sank in’s Zwerchfell.
Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke, wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwächter also an Gott zweifeln höre.
Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch für alle solche Zweifel? Wer darf noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!
Mit den alten Göttern gieng es ja lange schon zu Ende:—und wahrlich, ein gutes fröhliches Götter-Ende hatten sie!
Sie „dämmerten“ sich nicht zu Tode,—das lügt man wohl! Vielmehr: sie haben sich selber einmal zu Tode—_gelacht_!
Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausgieng,—das Wort: „Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben mir!“— —ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eifersüchtiger vergass sich also: Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und riefen: „Ist das nicht eben Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen Gott giebt?“ Wer Ohren hat, der höre.— Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nämlich hatte er nur noch zwei Tage zu gehen, dass er wieder in seine Höhle käme und zu seinen Thieren; seine Seele aber frohlockte beständig ob der Nähe seiner Heimkehr.— Die Heimkehr Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thränen zu dir heimkehrte!
Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mütter drohn, nein lächle mir zu, wie Mütter lächeln, nun sprich nur: „Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst von mir davonstürmte?— —der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich das Schweigen! _Das_—lerntest du nun wohl?
Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen _verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!
Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_—lerntest du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst: -Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem wollen sie _geschont_ sein!
Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles hinausreden und alle Gründe ausschütten, Nichts schämt sich hier versteckter, verstockter Gefühle.
Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit.
Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen Dingen—gerade redet!
Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh Zarathustra? Als damals dein Vogel über dir schrie, als du im Walde standest, unschlüssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe:— —als du sprachst: mögen mich meine Thiere führen! Gefährlicher fand ich’s unter Menschen, als unter Thieren:—_Das_ war Verlassenheit!
Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest, unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter Durstigen schenkend und ausschenkend: —bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nächtlich klagtest „ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger als Nehmen?“—_Das_ war Verlassenheit!
Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und dich von dir selber forttrieb, als sie mit bösem Flüstern sprach: —als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen demüthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!“— Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zärtlich redet deine Stimme zu mir!
Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen mit einander durch offne Thüren.
Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der Zeit, als im Lichte.
Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.
Da unten aber—da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und Vorübergehn die beste Weisheit: _Das_—lernte ich nun!
Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der müsste Alles angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hände.
Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter ihrem Lärm und üblem Athem lebte!
Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerüche um mich! Oh wie aus tiefer Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige Stille!
Aber da unten—da redet Alles, da wird Alles überhört. Man mag seine Weisheit mit Glocken einläuten: die Krämer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen überklingeln!
Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fällt in’s Wasser, Nichts fällt mehr in tiefe Brunnen.
Alles bei ihnen redet, Nichts geräth mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?
Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war für die Zeit selber und ihren Zahn: heute hängt es zerschabt und zernagt aus den Mäulern der Heutigen.
Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehört es den Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.
Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lärm auf dunklen Gassen! Nun liegst du wieder hinter mir:—meine grösste Gefahr liegt hinter mir!
Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles Menschenwesen will geschont und gelitten sein.
Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und reich an kleinen Lügen des Mitleidens:—also lebte ich immer unter Menschen.
Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich _sie_ ertrüge, und gern mir zuredend „du Narr, du kennst die Menschen nicht!“ Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel Vordergrund ist an allen Menschen,—was sollen da weitsichtige, weit-süchtige Augen!
Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als mich: gewohnt zur Härte gegen mich und oft noch an mir selber mich rächend für diese Schonung.
Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehöhlt, dem Steine gleich, von vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu: „unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!“ Sonderlich Die, welche sich „die Guten“ heissen, fand ich als die giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lügen in aller Unschuld; wie _vermöchten_ sie, gegen mich—gerecht zu sein!
Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lügen. Mitleid macht dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nämlich ist unergründlich.
Mich selber verbergen und meinen Reichthum—_das_ lernte ich da unten: denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines Mitleidens, dass ich bei jedem wusste, —dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was ihm schon Geistes _zuviel_ war!
Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif,—so lernte ich Worte verschlucken. Ihre Todtengräber: ich hiess sie Forscher und Prüfer,—so lernte ich Worte vertauschen.
Die Todtengräber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn schlimme Dünste. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf Bergen leben.
Mit seligen Nüstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, _niest_ meine Seele,—niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
Also sprach Zarathustra.
Von den drei Bösen 1.
Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge,—jenseits der Welt, hielt eine Wage und _wog_ die Welt.
Oh dass zu früh mir die Morgenröthe kam: die glühte mich wach, die Eifersüchtige! Eifersüchtig ist sie immer auf meine Messbar für Den, der Zeit hat, wägbar für einen guten Wäger, erfliegbar für starke Fittige, errathbar für göttliche Nüsseknacker: also fand mein Traum die Welt:— Mein Traum, ein kühner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er doch zum Welt-Wägen heute Geduld und Weile!
Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache Tags-Weisheit, welche über alle „unendliche Welten“ spottet? Denn sie spricht: „wo Kraft ist, wird auch die _Zahl_ Meisterin: die hat mehr Kraft.“ Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig, nicht altgierig, nicht fürchtend, nicht bittend:— —als ob ein voller Apfel sich meiner Hand böte, ein reifer Goldapfel, mit kühl-sanfter sammtener Haut:—so bot sich mir die Welt:— —als ob ein Baum mir winke, ein breitästiger, starkwilliger, gekrümmt zur Lehne und noch zum Fussbrett für den Wegmüden: so stand die Welt auf meinem Vorgebirge:— —als ob zierliche Hände mir einen Schrein entgegentrügen,—einen Schrein offen für das Entzücken schamhafter verehrender Augen: also bot sich mir heute die Welt entgegen:— —nicht Räthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht Lösung genug, um Menschen-Weisheit einzuschläfern:—ein menschlich gutes Ding war mir heut die Welt, der man so Böses nachredet!
Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frühe heut die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum und Herzenströster!
Und dass ich’s ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und menschlich gut abwägen.— Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.
Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten verflucht und am schlimmsten beleu- und belügenmundet,—diese Drei will ich menschlich gut abwägen.
Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: _das_ wälzt sich zu mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertköpfige Hunds-Ungethüm, das ich liebe.
Wohlauf! Hier will ich die Wage halten über gewälztem Meere: und auch einen Zeugen wähle ich, dass er zusehe,—dich, du Einsiedler-Baum, dich starkduftigen, breitgewölbten, den ich liebe!— Auf welcher Brücke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Höchste Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich hinein, drei schwere Antworten trägt die andre Wagschale.
2.
Wollust: allen busshemdigen Leib-Verächtern ihr Stachel und Pfahl, und als „Welt“ verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie höhnt und narrt alle Wirr- und Irr-Lehrer.
Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-Ofen.
Wollust: für die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glück der Erde, aller Zukunft Dankes-Überschwang an das Jetzt.
Wollust: nur dem Welken ein süsslich Gift, für die Löwen-Willigen aber die grosse Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine.
Wollust: das grosse Gleichniss-Glück für höheres Glück und höchste Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe,— —Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib:—und wer begriff es ganz, _wie fremd_ sich Mann und Weib sind!
Wollust:—doch ich will Zäune um meine Gedanken haben und auch noch um meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und Schwärmer brechen!— Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme lebendiger Scheiterhaufen.
Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Völkern aufgesetzt wird; die Verhöhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und jedem Stolze reitet.
Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Höhlichte bricht und aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin übertünchter Gräber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.
Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und fröhnt und niedriger wird als Schlange und Schwein:—bis endlich die grosse Verachtung aus ihm aufschreie—, Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche Städten und Reichen in’s Antlitz predigt „hinweg mit dir!“—bis es aus ihnen selber aufschreie „hinweg mit _mir_!“ Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf zu selbstgenugsamen Höhen steigt, glühend gleich einer Liebe, welche purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.
Herrschsucht: doch wer hiesse es _Sucht_, wenn das Hohe hinab nach Macht gelüstet! Wahrlich, nichts Sieches und Süchtiges ist an solchem Gelüsten und Niedersteigen!
Dass die einsame Höhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnüge; dass der Berg zu Thale komme und die Winde der Höhe zu den Niederungen:— Oh wer fände den rechten Tauf- und Tugendnamen für solche Sehnsucht!
„Schenkende Tugend“—so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.
Und damals geschah es auch,—und wahrlich, es geschah zum ersten Male!—dass sein Wort die _Selbstsucht_ selig pries, die heile, gesunde Selbstsucht, die aus mächtiger Seele quillt:— —aus mächtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehört, der schöne, sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird: —der geschmeidige überredende Leib, der Tänzer, dessen Gleichniss und Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen Selbst-Lust heisst sich selber: „Tugend.“ Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich alles Verächtliche.
Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht—das ist feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche und wer auch die kleinsten Vortheile aufliest.
Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt auch Weisheit, die im Dunklen blüht, eine Nachtschatten-Weisheit: als welche immer seufzt: „Alles ist eitel!“ Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwüre statt Blicke und Hände will: auch alle allzu misstrauische Weisheit,—denn solche ist feiger Seelen Art.
Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefällige, der Hündische, der gleich auf dem Rücken liegt, der Demüthige; und auch Weisheit giebt es, die demüthig und hündisch und fromm und schnellgefällig ist.
Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer giftigen Speichel und böse Blicke hinunterschluckt, der All-zu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgenügsame: das nämlich ist die knechtische Art.
Ob Einer vor Göttern und göttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor Menschen und blöden Menschen-Meinungen: _alle_ Knechts-Art speit sie an, diese selige Selbstsucht!
Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch ist, unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen küsst.
Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise und Müde witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige, überwitzige Priester-Narrheit!
Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmüden und wessen Seele von Weibs- und Knechtsart ist,—oh wie hat ihr Spiel von jeher der Selbstsucht übel mitgespielt!
Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, _dass_ man der Selbstsucht übel mitspiele! Und „selbstlos“—so wünschten sich selber mit gutem Grunde alle diese weltmüden Feiglinge und Kreuzspinnen!
Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, _der grosse Mittag_: da soll Vieles offenbar werden!
Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: „Siehe, er kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!“ Also sprach Zarathustra.
Vom Geist der Schwere 1.
Mein Mundwerk—ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und Feder-Füchsen.
Meine Hand—ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wänden, und was noch Platz hat für Narren-Zierath, Narren-Schmierath!
Mein Fuss—ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich über Stock und Stein, kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei allem schnellen Laufen.
Mein Magen—ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten Lammfleisch. Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.
Von unschuldigen Dingen genährt und von Wenigem, bereit und ungeduldig zu fliegen, davonzufliegen—das ist nun meine Art: wie sollte nicht Etwas daran von Vogel-Art sein!
Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art: und wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog und verflog sich nicht schon meine Feindschaft!
Davon könnte ich schon ein Lied singen—- und _will_ es singen: ob ich gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.
Andre Sänger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle weide, ihre Hand gesprächig, ihr Auge ausdrücklich, ihr Herz wach:—Denen gleiche ich nicht.— 2.
Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen —als „die Leichte.“ Der Vogel Strauss läuft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen kann.
Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so _will_ es der Geist der Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich selber lieben:—also lehre _ich_.
Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen stinkt auch die Eigenliebe!
Man muss sich selber lieben lernen—also lehre ich—mit einer heilen und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.
Solches Umherschweifen tauft sich „Nächstenliebe“: mit diesem Worte ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die aller Welt schwer fielen.
Und wahrlich, das ist kein Gebot für Heute und Morgen, sich lieben _lernen_. Vielmehr ist von allen Künsten diese die feinste, listigste, letzte und geduldsamste.
Für seinen Eigener ist nämlich alles Eigene gut versteckt; und von allen Schatzgruben wird die eigne am spätesten ausgegraben,—also schafft es der Geist der Schwere.
Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit: „gut“ und „böse“ —so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen vergiebt man uns, dass wir leben.
Und dazu lässt man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei Zeiten wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der Schwere.
Und wir—wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten Schultern und über rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns: „Ja, das Leben ist schwer zu tragen!“ Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er nieder und lässt sich gut aufladen.
Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu viele _fremde_ schwere Worte und Werthe lädt er auf sich,—nun dünkt das Leben ihm eine Wüste!
Und wahrlich! Auch manches _Eigene_ ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nämlich ekel und schlüpfrig und schwer erfasslich—, —also dass eine edle Schale mit edler Zierath fürbitten muss. Aber auch diese Kunst muss man lernen: Schale _haben_ und schönen Schein und kluge Blindheit!
Abermals trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird nie errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig magerer—oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!
Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft lügt der Geist über die Seele. Also schafft es der Geist der Schwere.
Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist _mein_ Gutes und Böses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht „Allen gut, Allen bös.“ Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt gar die beste heisst. Solche nenne ich die Allgenügsamen.
Allgenügsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste Geschmack! Ich ehre die widerspänstigen wählerischen Zungen und Mägen, welche „Ich“ und „Ja“ und „Nein“ sagen lernten.
Alles aber kauen und verdauen—das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-a sagen—das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist!— Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es _mein_ Geschmack,—der mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tüncht, der verräth mir eine weissgetünchte Seele.
In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide gleich feind allem Fleisch und Blute—oh wie gehen Beide mir wider den Geschmack! Denn ich liebe Blut.
Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und speit: das ist nun _mein_ Geschmack,—lieber noch lebte ich unter Dieben und Meineidigen. Niemand trägt Gold im Munde.
Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste Thier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte nicht lieben und doch von Liebe leben.
Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu werden oder böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten bauen.
Unselig heisse ich auch Die, welche immer _warten_ müssen,—die gehen mir wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und andren Länder- und Ladenhüter.
Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus, —aber nur das Warten auf _mich_. Und über Allem lernte ich stehn und gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.
Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen:—man erfliegt das Fliegen nicht!
Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss sitzen dünkte mich keine geringe Seligkeit,— —gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht zwar, aber doch ein grosser Trost für verschlagene Schiffer und Schiffbrüchige!— Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.
Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen,—das gieng mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.
Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen:—und wahrlich, auch antworten muss man _lernen_ auf solches Fragen! Das aber—ist mein Geschmack: —kein guter, kein schlechter, aber _mein_ Geschmack, dessen ich weder Scham noch Hehl mehr habe.
„Das—ist nun _mein_ Weg,—wo ist der eure?“ so antwortete ich Denen, welche mich „nach dem Wege“ fragten. _Den_ Weg nämlich—den giebt es nicht!
Also sprach Zarathustra.
Von alten und neuen Tafeln 1.
Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?
—die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen gehn.
Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen, dass es _meine_ Stunde sei,—nämlich der lachende Löwe mit dem Taubenschwarme.
Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber.— 2.
Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und böse sei.
Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von „Gut“ und „Böse“ .
Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist, _das weiss noch Niemand_:—es sei denn der Schaffende!
—Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren Sinn giebt und ihre Zukunft: Dieser erst _schafft_ es, _dass_ Etwas gut und böse ist.
Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Stühle umwerfen, und wo nur jener alte Dünkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen über ihre grossen Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlöser.
Über ihre düsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als schwarze Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.
An ihre grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern—und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende Herrlichkeit.
Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter über all ihr Grosses und Kleines—, dass ihr Bestes so gar klein ist! Dass ihr Bösestes so gar klein ist!—also lachte ich.
Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich!—meine grosse flügelbrausende Sehnsucht.
Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen: da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes Entzücken: —hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich aller Kleider schämen:— —dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und stammle: und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch Dichter sein muss!— Wo alles Werden mich Götter-Tanz und Götter-Muthwillen dünkte, und die Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurückfliehend:— —als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Götter, als das vieler Götter:— Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dünkte, wo die Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der Freiheit spielte:— Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und Zweck und Wille und Gut und Böse:— Denn muss nicht dasein, _über_ das getanzt, hinweggetanzt werde? Müssen nicht um der Leichten, Leichtesten willen—Maulwürfe und schwere Zwerge dasein?— 3.
Dort war’s auch, wo ich das Wort „Übermensch“ vom Wege auflas, und dass der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse, —dass der Mensch eine Brücke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenröthen: —das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich über den Menschen aufhängte, gleich purpurnen zweiten Abendröthen.
Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nächten; und über Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes Gezelt.
Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und zusammen zu tragen, was Bruchstück ist am Menschen und Räthsel und grauser Zufall,— —als Dichter, Räthselrather und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_—, schaffend zu erlösen.
Das Vergangne am Menschen zu erlösen und alles „Es war“ umzuschauen, bis der Wille spricht: „Aber so wollte ich es! So werde ich’s wollen—“ —Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung heissen. -— Nun warte ich _meiner_ Erlösung—, dass ich zum letzten Male zu ihnen gehe.
Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will ich untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schüttet sie da in’s Meer aus unerschöpflichem Reichthume,— —also, dass der ärmste Fischer noch mit _goldenem_ Ruder rudert! Diess nämlich sah ich einst und wurde der Thränen nicht satt im Zuschauen.— Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue 4.
Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brüder, die sie mit mir zu Thale und in fleischerne Herzen tragen?— Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen Nächsten nicht! Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss.
Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung.- da siehe _du_ zu!
Aber nur ein Possenreisser denkt: „der Mensch kann auch _übersprungen_ werden.“ Überwinde dich selber noch in deinem Nächsten: und ein Recht, das du dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine Vergeltung.
Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher _kann_ sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!
5.
Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts _umsonst_ haben, am wenigsten das Leben.
Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen das Leben sich gab,—wir sinnen immer darüber, _was_ wir am besten _dagegen_ geben!
Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: „was _uns_ das Leben verspricht, das wollen _wir_—dem Leben halten!“ Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt.
Und—man soll nicht geniessen _wollen_!
Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_—, aber man soll eher noch nach Schuld und Schmerzen _suchen_!— 6.
Oh meine Brüder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind wir Erstlinge.
Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle zu Ehren alter Götzenbilder.
Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell:—wie sollten wir nicht alte Götzenpriester reizen!
_In uns selber_ wohnt er noch, der alte Götzenpriester, der unser Bestes sich zum Schmause brät. Ach, meine Brüder, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!
Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hinüber.— 7.
Wahr sein—das _können_ Wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht!
Am wenigsten aber können es die Guten.
Oh diese Guten!—Gute Menschen reden nie die Wahrheit; für den Geist ist solchermaassen gut sein eine Krankheit.
Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach, ihr Grund gehorcht; wer aber gehorcht, der hört sich selber nicht!
Alles, was den Guten böse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine Wahrheit geboren werde: oh meine Brüder, seid ihr auch böse genug zu _dieser_ Wahrheit?
Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der Überdruss, das Schneiden in’s Lebendige—wie selten kommt _das_ zusammen! Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!
_Neben_ dem bösen Gewissen wuchs bisher alles _Wissen_! Zerbrecht, zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!
8.
Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Geländer über den Fluss springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: „Alles ist im Fluss.“ Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. „Wie? sagen die Tölpel, Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch _über_ dem Flusse!“ „_Über_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die Brücken, Begriffe, alles „Gut“ und „Böse“: das ist Alles fest!“— Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbändiger: dann lernen auch die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tölpel sprechen „Im Grunde steht Alles stille“ —, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut Ding für unfruchtbare Zeit, ein guter Trost für Winterschläfer und Ofenhocker.
„Im Grund steht Alles still“—: _dagegen_ aber predigt der Thauwind!
Der Thauwind, ein Stier, der kein pflügender Stier ist,—ein wüthender Stier, ein Zerstörer, der mit zornigen Hörnern Eis bricht! Eis aber— _bricht Stege_!
Oh meine Brüder, ist _jetzt_ nicht Alles _im Flusse_? Sind nicht alle Geländer und Stege in’s Wasser gefallen? Wer _hielte_ sich noch an „Gut“ und „Böse“?
„Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!“—Also predigt mir, oh meine Brüder, durch alle Gassen!
8.
Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Böse. Um Wahrsager und Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.
Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man „Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!“ Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und _darum_ glaubte man „Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!“ Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden: und _darum_ ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden!
10.
„Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!“—solche Worte hiess man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die Schuhe aus.
Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Todtschläger in der Welt, als es solche heilige Worte waren?
Ist in allem Leben selber nicht—Rauben und Todtschlagen? Und dass solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben widersprach und widerrieth?—Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir die alten tafeln!
11.
Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist preisgegeben,— —der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das kommt und Alles, was war, zu seiner Brücke umdeutet!
Ein grosser Gewalt-Herr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.
Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden:—wer vom Pöbel ist, dessen Gedenken geht zurück bis zum Grossvater,—mit dem Grossvater aber hört die Zeit auf.
Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen, dass der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.
Darum, oh meine Brüder, bedarf es eines _neuen Adels_, der allem Pöbel und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort schreibt „edel“.
Vieler Edlen nämlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!
Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: „Das eben ist Göttlichkeit, dass es Götter, aber keinen Gott giebt!“ 12.
Oh meine Brüder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr sollt mir Zeuger und Züchter werden und Säemänner der Zukunft,— —wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen könntet gleich den Krämern und mit Krämer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen Preis hat.
Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selber hinaus will,—das mache eure neue Ehre!
Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt—was liegt noch an