SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und einen, *an dem* „verändert“ wird.

364.

Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als *Ursache*, zum Beispiel vom Blitz zu sagen: „er leuchtet“. Oder gar das Wörtchen „ich“. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als *Ursache des Sehens selbst* zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des „Subjekts“, des „Ichs“!

365.

Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich gibt es nicht Raum, noch Zeit. „Veränderungen“ sind nur Erscheinungen (oder Sinnesvorgänge für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Tatsache, daß es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das ~post hoc~ ein ~propter hoc~ ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich.

Aber Erscheinungen können nicht „Ursachen“ sein!

366.

*„Wille zur Macht“ und Kausalismus.* -- Psychologisch nachgerechnet, ist der Begriff „Ursache“ unser Machtgefühl vom sogenannten Wollen, -- unser Begriff „Wirkung“ der Aberglaube, daß dies Machtgefühl die Macht selbst sei, welche bewegt...Ein Zustand, der ein Geschehen begleitet und schon eine Wirkung des Geschehens ist, wird projiziert als „zureichender Grund“ desselben; -- das Spannungsverhältnis unsres Machtgefühls (die Lust als Gefühl der Macht), des überwundenen Widerstandes -- sind das Illusionen? -- Übersetzen wir den Begriff „Ursache“ wieder zurück in die uns einzig bekannte Sphäre, woraus wir ihn genommen haben: so ist uns keine *Veränderung* vorstellbar, bei der es nicht einen Willen zur Macht gibt. Wir wissen eine Veränderung nicht abzuleiten, wenn nicht ein *Übergreifen* von Macht *über andere Macht* statthat.

Die Mechanik zeigt uns nur Folgen, und dazu noch im Bilde (Bewegung ist eine Bilderrede). Die Gravitation selbst hat keine mechanische Ursache, da sie der Grund erst für mechanische Folgen ist.

Der Wille zur *Akkumulation von Kraft* ist spezifisch für das Phänomen des Lebens, für Ernährung, Zeugung, Vererbung, -- für Gesellschaft, Staat, Sitte, Autorität. Sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? -- und in der kosmischen Ordnung?

Nicht bloß Konstanz der Energie: sondern Maximalökonomie des Verbrauchs: so daß das *Stärkerwerdenwollen von jedem Kraftzentrum aus* die einzige Realität ist, -- nicht Selbstbewahrung, sondern Aneignen-, Daß Wissenschaft möglich ist, das soll uns ein Kausalitätsprinzip permanentes Gesetz der Dinge“ -- „Eine invariable Ordnung“? -- Weil etwas berechenbar ist, ist es deshalb schon notwendig?

Wenn etwas so und nicht anders geschieht, so ist darin kein „Prinzip“, kein „Gesetz“, keine „Ordnung“, sondern es wirken Kraftquanta, deren Wesen darin besteht, auf alle anderen Kraftquanta Macht auszuüben.

Können wir ein *Streben nach Macht* annehmen, ohne eine Lust- und Unlustempfindung, das heißt ohne ein Gefühl von der Steigerung und Verminderung der Macht? Der Mechanismus ist nur eine Zeichensprache für die *interne* Tatsachenwelt kämpfender und überwindender Willensquanta?

Alle Voraussetzungen des Mechanismus, Stoff, Atom, Schwere, Druck und Stoß sind nicht „Tatsachen an sich“, sondern Interpretationen mit Hilfe *psychischer* Fiktionen.

Das *Leben* als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch ein Wille zur Akkumulation der Kraft --: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden.

Das Leben als ein Einzelfall (Hypothese von da aus auf den Gesamtcharakter des Daseins --) strebt nach einem *Maximalgefühl von Macht*; ist essentiell ein Streben nach Mehr von Macht; Streben ist nichts anderes als Streben nach Macht; das Unterste und Innerste bleibt dieser Wille. (Mechanik ist eine bloße Semiotik der Folgen.)

d. Ich und Außenwelt.

367.

Der *Substanz*begriff eine Folge des *Subjekt*begriffs: *nicht* umgekehrt! Geben wir die Seele, „das Subjekt“, preis, so fehlt die Voraussetzung für eine „Substanz“ überhaupt. Man bekommt *Grade des Seienden*, man verliert *das* Seiende.

Kritik der „*Wirklichkeit*“: worauf führt die „*Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit*“, die Gradation des Seins, an die wir glauben? -- Unser Grad von *Lebens-* und *Machtgefühl* (Logik und Zusammenhang des Erlebten) gibt uns das Maß von „Sein“, „Realität“, „Nicht-Schein“.

*Subjekt*: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine *Einheit* unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir verstehen diesen Glauben als *Wirkung* Einer Ursache, -- wir glauben an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die „Wahrheit“, ist die Fiktion, als ob viele *gleiche* Zustände an uns die Wirkung eines Substrats wären: aber *wir* haben erst die „Gleichheit“ dieser Zustände *geschaffen*; das Gleich*setzen* und *Zurecht*machen derselben ist der *Tatbestand*, *nicht* die Gleichheit (-- diese ist vielmehr zu *leugnen* --).

368.

Psychologische Geschichte des Begriffs „*Subjekt*“. Der Leib, das Ding, das vom Auge konstruierte „Ganze“ erweckt die Unterscheidung von einem Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner gefaßt, hat zuletzt das „Subjekt“ übrig gelassen.

369.

und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas tut, etwas leidet, der etwas „hat“, der eine Eigenschaft „hat“.

370.

„Es wird gedacht: folglich gibt es Denkendes“: darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an den *Substanz*begriff schon als „wahr ~a priori~“ ansetzen: -- daß, wenn gedacht wird, es etwas geben muß, „das denkt“, ist einfach eine Formulierung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Tun einen Täter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches Postulat gemacht -- und *nicht nur konstatiert*...Auf dem Wege des Cartesius kommt man *nicht* zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem Faktum eines sehr starken Glaubens.

Reduziert man den Satz auf „es wird gedacht, folglich gibt es Gedanken“, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade das, was in Frage steht, die „*Realität* des Gedankens“, ist nicht berührt, -- nämlich in dieser Form ist die „Scheinbarkeit“ des Gedankens nicht abzuweisen. Was aber Cartesius *wollte*, ist, daß der Gedanke nicht nur eine *scheinbare Realität* hat, sondern eine *an sich*.

371.

Daß zwischen *Subjekt* und *Objekt* eine Art adäquater Relation stattfinde; daß das Objekt etwas sei, das *von innen gesehen* Subjekt wäre, ist eine gutmütige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maß dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über „Subjekt“ und „Objekt“ Aussagen, mit denen die Realität berührt würde!

-- 372.

Parmenides hat gesagt, „man denkt das nicht, was nicht ist“; -- wir sind am andern Ende und sagen, „was gedacht werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein.“ 373.

Ein Philosoph erholt sich anders mit anderem: er erholt sich zum Beispiel im Nihilismus. Der Glaube, *daß es gar keine Wahrheit gibt*, der Nihilistenglaube, ist ein großes Gliederstrecken für einen, der als Kriegsmann der Erkenntnis unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.

3. Metaphysik.

Die „wahre“ Welt.

374.

Tiefe Abneigung, in irgendeiner Gesamtbetrachtung der Welt ein für allemal auszuruhen. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

375.

Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir wollen uns *hüten*, den Niedrigen die *ihnen* nötige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!!

376.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des Wachstums oder des Untergehens.

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfnis der ~inertia~; die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter *nicht abstreiten wollen*!

377.

*Gegen* das Versöhnenwollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch jeder Versuch von Monismus.

378.

Die „Sinnlosigkeit des Geschehens“: der Glaube daran ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Mutlosigkeit und Schwäche, -- kein *notwendiger* Glaube.

Unbescheidenheit des Menschen --: wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu *leugnen*!

379.

Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge für das, was war, und das, was wird: -- man sieht nur das *Seiende*.

Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das *Imaginäre* aufgespart, als seine „Welt“.

380.

Die „wahre Welt“, wie immer auch man sie bisher konzipiert hat, -- sie war immer die scheinbare Welt *noch einmal*.

381.

Die „*wahre*“ und die „*scheinbare Welt*“.

A.

Die *Verführungen*, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art: a) eine *unbekannte* Welt: -- wir sind Abenteurer, neugierig, -- das Bekannte scheint uns müde zu machen (-- die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns „diese“ Welt als *bekannt* zu insinuieren...); b) eine *andre* Welt, wo es anders ist: -- es rechnet etwas in uns nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren Wert, -- vielleicht wird alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft...Die Welt, wo es anders, wo wir selbst -- wer weiß? -- anders sind...c) eine *wahre* Welt: -- das ist der wunderlichste Streich und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so vieles an das Wort „wahr“ ankrustiert, unwillkürlich machen wir's auch der „wahren Welt“ zum Geschenk: die *wahre* Welt muß auch eine *wahrhaftige* sein, eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben *müssen* (-- aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen Wesen geschieht --).

Der Begriff „die *unbekannte* Welt“ insinuiert uns *diese* Welt als „bekannt“ (als langweilig --); der Begriff „die *andre* Welt“ insinuiert, als ob die Welt *anders sein könnte*, -- hebt die Notwendigkeit und das Fatum auf (-- unnütz, sich der Begriff „die *wahre* Welt“ insinuiert diese Welt als eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, -- und *folglich* auch nicht unserm Nutzen zugetane Welt (-- unratsam, sich ihr anzupassen; *besser*: ihr widerstreben).

Wir *entziehen* uns also in dreierlei Weise „dieser“ Welt: a) mit unsrer *Neugierde*, -- wie als ob der interessantere Teil wo anders wäre; b) mit unsrer *Ergebung*, -- wie als ob es nicht nötig sei, sich zu ergeben, -- wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges sei; c) mit unsrer *Sympathie* und Achtung, -- wie als ob diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich...~In summa~: wir sind auf eine dreifache Weise *revoltiert*: wir haben ein ~x~ zur *Kritik* der „bekannten Welt“ gemacht.

B.

*Erster Schritt der Besonnenheit*: zu begreifen, inwiefern wir *verführt* sind, -- nämlich es könnte an sich exakt *umgekehrt* sein: a) die *unbekannte* Welt könnte derartig beschaffen sein, um uns Lust zu machen zu „dieser“ Welt, -- als eine vielleicht stupide und geringere Form des Daseins; b) die *andere* Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier keinen Austrag fänden, Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse dessen sein, was uns *diese* Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu machen; c) die *wahre* Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt weniger wert sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urteile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingierte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität?

Vor *allem*: wie kommen wir darauf, daß *nicht unsre* Welt die wahre ist?...zunächst könnte doch die andre Welt die „scheinbare“ sein (in der Tat haben sich die Griechen zum Beispiel ein *Schattenreich*, eine *Scheinexistenz* neben der *wahren* Existenz gedacht --). Und endlich: was gibt uns ein Recht, gleichsam *Grade der Realität* anzusetzen? Das ist etwas anderes als eine unbekannte Welt, -- das ist bereits *Etwas-wissen-wollen von der unbekannten*. Die „andere“, die „unbekannte“ Welt -- gut! aber sagen „wahre Welt“, das heißt „etwas *wissen* von ihr“, -- das ist der *Gegensatz* zur Annahme einer ~x~-Welt...~In summa~: die Welt ~x~ könnte in jedem Sinne langweiliger, unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.

Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe ~x~ Welten, das heißt jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist *nie behauptet worden*...C.

Problem: warum die *Vorstellung von der andern Welt* immer zum Nachteil, respektive zur Kritik „dieser“ Welt ausgefallen ist, -- worauf das weist? -- Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens ist, denkt das *Anders*sein immer als Niedriger-, Wertlosersein; es betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das Fremde...Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das „wahre Volk“ wäre...Schon, daß ein solches Unterscheiden möglich ist, -- daß man diese Welt für die „scheinbare“ und *jene* für die „wahre“ nimmt, ist symptomatisch.

Die Entstehungsherde der Vorstellung „andre Welt“: der Philosoph, der eine Vernunftwelt erfindet, wo die *Vernunft* und die *logischen* Funktionen adäquat sind: -- daher stammt die „wahre“ Welt; der religiöse Mensch, der eine „göttliche Welt“ erfindet: -- daher stammt die „entnatürlichte, widernatürliche“ Welt; der moralische Mensch, der eine „freie Welt“ fingiert: -- daher stammt die „gute, vollkommene, gerechte, heilige“ Welt.

Das *Gemeinsame* der drei Entstehungsherde: der *psychologische* Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.

Die „andre Welt“, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen, des religiösen, des moralischen Vorurteils.

Die „andre Welt“, wie sie aus diesen Tatsachen erhellt, als *ein Synonym des Nichtseins*, des Nichtlebens, des Nichtleben*wollens*...*Gesamteinsicht*: der Instinkt der *Lebensmüdigkeit*, und nicht der des Lebens, hat die „andre Welt“ geschaffen.

*Konsequenz*: Philosophie, Religion und Moral sind *Symptome der ~décadence~*.

382.

*Zur Psychologie der Metaphysik.* -- Diese Welt ist scheinbar: *folglich* gibt es eine wahre Welt; -- diese Welt ist bedingt: *folglich* gibt es eine unbedingte Welt; -- diese Welt ist widerspruchsvoll: *folglich* gibt es eine widerspruchslose Welt; -- diese Welt ist werdend: *folglich* gibt es eine seiende Welt: -- lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn ~A~ *ist*, so muß auch sein Gegensatzbegriff ~B~ *sein*). Zu diesen Schlüssen *inspiriert das Leiden*: im Grunde sind es *Wünsche*, es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginiert wird, eine *wertvollere*: das *Ressentiment* der Metaphysiker gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.

*Zweite* Reihe von Fragen: *wozu* Leiden?...und hier ergibt sich ein Schluß auf das Verhältnis der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1. Leiden als Folge des Irrtums: wie ist Irrtum möglich? 2. Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld möglich? (-- lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der Gesellschaft universaliert und ins „An-sich“ projiziert). Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß die *Freiheit zum Irrtum und zur Schuld* mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man *wozu*?...Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs, des Leidens ist also *gewollt*: *wozu*?

Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet, -- *weil* dem einen von ihnen eine Realität entspricht, „*muß*“ auch dem andern eine Realität entsprechen. „*Woher* sollte man sonst dessen Gegenbegriff haben?“ -- *Vernunft* somit als eine Offenbarungsquelle über An-sich-Seiendes.

Aber die *Herkunft* jener Gegensätze *braucht nicht notwendig* auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehen: es genügt, die *wahre Genesis* der Begriffe dagegenzustellen: -- diese stammt aus der praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren *starken Glauben* (man *geht daran zugrunde*, wenn man nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist das nicht „bewiesen“, was sie behauptet).

*Die Präokkupation durch das Leiden* bei den Metaphysikern: ist ganz naiv. „Ewige Seligkeit“: psychologischer Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid *nie* als letzte Wertfragen, -- es sind Begleitzustände: man muß beides *wollen*, wenn man etwas *erreichen* will -- darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme im Vordergrunde sehen. Auch die *Moral* hat *nur* deshalb für sie solche *Wichtigkeit*, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.

*Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrtum*: Ursache von Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück in der „Gewißheit“, im „Glauben“).

383.

*Kritik des Begriffes „wahre und scheinbare Welt“.* -- Von diesen ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingierten Dingen gebildet.

Die „Scheinbarkeit“ gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form ihres Seins; das heißt in einer Welt, wo es kein Sein gibt, muß durch den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt *identischer* Fälle geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich ist, usw.

: „Scheinbarkeit“ ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an der unsre *praktischen* Instinkte gearbeitet haben: sie ist für *uns* vollkommen wahr: nämlich wir *leben*, wir können in ihr leben: *Beweis* ihrer Wahrheit für uns...: die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen Vorurteile reduziert haben, existiert *nicht* als Welt „an sich“; sie ist essentiell Relationswelt: sie hat unter Umständen von jedem Punkt aus ihr *verschiedenes Gesicht*: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt -- und diese Summierungen sind in jedem Falle gänzlich *inkongruent*.

Das *Maß von Macht* bestimmt, welches Wesen das andre Maß von Macht hat: unter welcher Form, Gewalt, Nötigung es wirkt oder widersteht.

Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Konzeption gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu perzipieren, daß wir noch es *aushalten*...384.

Die scheinbare Welt, das heißt eine Welt, nach Werten angesehen; geordnet, ausgewählt nach Werten, das heißt in diesem Falle nach dem Nützlichkeitsgesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und Machtsteigerung einer bestimmten Gattung von Animal.

Das *Perspektivische* also gibt den Charakter der „Scheinbarkeit“ ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische abrechnet! Damit hätte man ja die *Relativität* abgerechnet!

Jedes Kraftzentrum hat für den ganzen *Rest* seine *Perspektive*, das heißt seine ganz bestimmte *Wertung*, seine Aktionsart, seine Widerstandsart. Die „scheinbare Welt“ reduziert sich also auf eine spezifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Zentrum.

Nun gibt es gar keine andre Art Aktion: und die „Welt“ ist nur ein Wort für das Gesamtspiel dieser Aktionen. Die *Realität* besteht exakt in dieser Partikularaktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das Ganze...Es bleibt kein Schatten von *Recht* mehr übrig, hier von *Schein* zu reden...Die *spezifische Art zu reagieren* ist die einzige Art des Reagierens: wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles gibt.

Aber es gibt kein „*anderes*“, kein „wahres“, kein wesentliches Sein, -- damit würde eine Welt *ohne* Aktion und Reaktion ausgedrückt sein...Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reduziert sich auf den Gegensatz „Welt“ und „Nichts“ -- 385.

A.

Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resigniert, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt -- sie mag sein, wie sie will --, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis für sie.

Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis setzt man auch diesen Gegensatz nur an?...Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die Subjektivität real, essentiell ist?

Das „An sich“ ist sogar eine widersinnige Konzeption: eine „Beschaffenheit an sich“ ist Unsinn: wir haben den Begriff „Sein“, „Ding“ immer nur als *Relations*begriff...Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz „scheinbar“ und „wahr“ sich das korrelative Werturteil fortgepflanzt hat: „gering an Wert“ und „absolut wertvoll“.

Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine „wertvolle“ Welt; der Schein soll eine Instanz gegen den obersten Wert sein. Wertvoll an sich kann nur eine „wahre“ Welt sein...*Vorurteil der Vorurteile!* Erstens wäre an sich möglich, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaßen den Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein not täte, um leben zu können...Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: zum Beispiel in der Ehe.

Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch in ihren Erkenntnisgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für wertvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt...a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften. (Es könnte eben *bloß* eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur *unsere* scheinbare Welt...)

b) Die *wahre* Welt angenommen, so könnte sie immer noch die *geringere an Wert* für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem Erhaltungswert für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der *Schein* an sich ein Verwerfungsurteil begründete?)

c) Daß eine Korrelation bestehe zwischen den *Graden der Werte* und den *Graden der Realität* (so daß die obersten Werte auch die oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werte *kennen*: nämlich, daß diese Rangordnung eine *moralische* ist...Nur in dieser Voraussetzung ist die *Wahrheit* notwendig für die Definition alles Höchstwertigen.

B.

Es ist von kardinaler Wichtigkeit, daß man die *wahre Welt* abschafft.

Sie ist die große Anzweiflerin und Wertverminderung der *Welt, die wir sind*: sie war bisher unser gefährlichstes *Attentat* auf das Leben.

*Krieg* gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt fingiert hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die *moralischen Werte die obersten* seien.

Die moralische Wertung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen werden könnte als die Folge einer *unmoralischen* Wertung: als ein Spezialfall der realen Unmoralität: sie reduzierte sich damit selbst auf einen *Anschein*, und als *Anschein* hätte sie, von sich aus, kein Recht mehr, den Schein zu verurteilen.

C.

Der „Wille zur Wahrheit“ wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht.

Dies wäre damit zu beweisen, daß er sich aller *unmoralischen* Mittel bedient: die Metaphysiker voran -- Wir sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die moralischen Werte die obersten Werte seien. Die *Methodik der Forschung* ist erst erreicht, wenn alle *moralischen Vorurteile* überwunden sind: -- sie stellte einen Sieg über die Moral dar...386.

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die *Dinge an sich* beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es *gäbe* ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum *nicht erkannt werden*! Etwas Unbedingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer „sich irgendwozu in Bedingung setzen“ -- --; ein solch Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen*wollen* und dem Verlangen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht *ist*, also auch gar nicht erkannt werden kann. -- Erkennen heißt „sich in Bedingung setzen zu etwas“: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen -- -- es ist also unter allen Umständen ein *Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen* (*nicht* ein *Ergründen* von Wesen, Dingen, „An-sichs“).

387.

Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre „Dinge“: denkt man andre „Dinge“ weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften, das heißt, *es gibt kein Ding ohne andre Dinge*, das heißt, es gibt kein „Ding an sich“.

388.

Das „Ding an sich“ widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle „Eigenschaften“, alle „Tätigkeiten“ eines Dinges wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns *hinzufingiert* ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften, Tätigkeiten).

389.

„Dinge, die eine Beschaffenheit *an sich* haben“ -- eine dogmatische Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.

390.

Daß die Dinge eine *Beschaffenheit an sich* hätten, ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist *eine ganz müßige Hypothese*: es würde voraussetzen, daß das *Interpretieren* und *Subjektsein* *nicht* wesentlich sei, daß ein Ding, aus allen Relationen gelöst, noch Ding sei.

Umgekehrt: der anscheinende *objektive* Charakter der Dinge: könnte er nicht bloß auf eine *Graddifferenz* innerhalb des Subjektiven hinauslaufen? -- daß etwa das Langsam-Wechselnde uns als „objektiv“ dauernd, seiend, „an sich“ sich herausstellte, -- daß das Objektive nur ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre *innerhalb* des Subjektiven?

391.

Ein „Ding an sich“ ebenso verkehrt wie ein „Sinn an sich“, eine „Bedeutung an sich“. Es gibt keinen „Tatbestand an sich“, sondern *ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Tatbestand geben kann*.

Das „was ist das?“ ist eine *Sinnsetzung* von etwas anderem aus gesehen. Die „*Essenz*“, die „*Wesenheit*“ ist etwas Perspektivisches und setzt eine Vielheit schon voraus. Zugrunde liegt immer „was ist das für *mich*?“ (für uns, für alles, was lebt usw.).

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr „was ist das?“ gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer noch nicht „definiert“.

Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine *Meinung* über das „Ding“. Oder vielmehr: das „*es gilt*“ ist das eigentliche „*es ist*“, das einzige „das ist“.

Man darf nicht fragen: „*wer* interpretiert denn?“ sondern das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein „Sein“, sondern als ein *Prozeß*, ein *Werden*) als ein Affekt.

Die Entstehung der „Dinge“ ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff „Ding“ selbst ebenso als alle Eigenschaften. -- Selbst „das Subjekt“ ist ein solches Geschaffenes, ein „Ding“ wie alle andern: eine Vereinfachung, um die *Kraft*, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das *Vermögen* im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Tun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Tun (Tun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Tuns) zusammengefaßt.

392.

Der faule Fleck des Kantschen Kritizismus ist allmählich auch den gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner Unterscheidung „*Erscheinung*“ und „*Ding an sich*“, -- er hatte sich selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf eine *Ursache* der Erscheinung als unerlaubt ablehnte -- gemäß seiner Fassung des Kausalitätsbegriffs und dessen *rein intraphänomenaler* Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon vorwegnimmt, wie als ob das „Ding an sich“ nicht nur erschlossen, sondern *gegeben* sei.

393.

Es liegt auf der Hand, daß *weder* Dinge an sich miteinander im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, *noch* Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergibt, daß der Begriff „Ursache und Wirkung“ innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, *nicht anwendbar* ist. Die Fehler Kants --...Tatsächlich stammt der Begriff „Ursache und Wirkung“, psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, -- die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an „*Seelen*“ (und *nicht* an Dinge). Innerhalb der mechanischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und Zeit) reduziert sich jener Begriff auf die mathemathische Formel -- mit der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals etwas begriffen, wohl aber etwas bezeichnet, *verzeichnet* wird.

394.

Gegen den *Wert* des Ewig-Gleichbleibenden (von Spinozas Naivität, Descartes' ebenfalls) den Wert des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange ~vita~ -- III. Die Natur -- ein Machtwille.

1. Die anorganische Natur.

395.

Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können durch nichts verhindern, bloße *Quantitätsdifferenzen* als etwas von Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als *Qualitäten*, die nicht mehr aufeinander reduzierbar sind. Aber alles, wofür nur das Wort „Erkenntnis“ Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt alle unsre Wertempfindungen (das heißt eben unsre Empfindungen) gerade an den Qualitäten haften, das heißt an unsren, nur uns allein zugehörigen perspektivischen „Wahrheiten“, die schlechterdings nicht „erkannt“ werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in einer anderen Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen und Werte allgemeine und vielleicht konstitutive Werte sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.

396.

Unser „Erkennen“ beschränkt sich darauf, *Quantitäten* festzustellen; aber wir können durch nichts hindern, diese Quantitätsdifferenzen als *Qualitäten* zu empfinden. Die Qualität ist eine *perspektivische* Wahrheit für *uns*; kein „An sich“.

Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb deren sie funktionieren, das heißt, wir empfinden groß und klein im Verhältnis zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zugrunde gehen: -- das heißt, wir empfinden auch *Größenverhältnisse* in bezug auf unsre Existenzermöglichung als *Qualitäten*.

397.

Von den *Weltauslegungen*, welche bisher versucht worden sind, scheint heutzutage die *mechanistische* siegreich im Vordergrund zu stehen.

Ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei denn, wenn er mit Hilfe mechanistischer Prozeduren errungen ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die „Vernunft“ und die „Zwecke“, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß bei gehöriger Zeitdauer alles aus allem werden kann; man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die „anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale“ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen gibt sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Beziehung stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche werden könne: ich meine zu jenem, auf dem man pfeift, wenn man in höchsten Nöten ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht „erklären“, man wird die ~actio in distans~ nicht los: -- man hat den Glauben an das Erklären-können selber verloren und gibt mit sauertöpfischer Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären möglich ist, daß die dynamische Weltauslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes“, den Klümpchenatomen, in kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität -- 398.

Der mechanistische Begriff der „*Bewegung*“ ist bereits eine Übersetzung des Originalvorgangs in die *Zeichensprache von Auge und Getast*.

Der Begriff „*Atom*“, die Unterscheidung zwischen einem „Sitz der treibenden Kraft und ihr selber“, ist eine *Zeichensprache aus unsrer Es steht nicht in unserem Belieben, unser Ausdrucksmittel zu verändern: es ist möglich zu begreifen, inwiefern es bloße Semiotik ist. Die Forderung einer *adäquaten Ausdrucksweise* ist *unsinnig*: es liegt im Wesen einer Sprache, eines Ausdrucksmittels, eine bloße *Relation* auszudrücken...Der Begriff „Wahrheit“ ist *widersinnig*. Das ganze Reich von „wahr -- falsch“ bezieht sich nur auf Relationen zwischen Wesen, nicht auf das „An sich“...Es gibt kein „Wesen an sich“ (die *Relationen* konstituieren erst Wesen --), so wenig es eine „Erkenntnis an sich“ geben kann.

399.

*Druck* und *Stoß* etwas unsäglich Spätes, Abgeleitetes, Unursprüngliches. Es setzt ja schon etwas voraus, das *zusammenhält* und drücken und stoßen *kann*! Aber woher hielte es zusammen?

400.

*Gegen* das physikalische *Atom*. -- Um die Welt zu begreifen, müssen wir sie berechnen können; um sie berechnen zu können, müssen wir konstante Ursachen haben; weil wir in der Wirklichkeit keine solchen konstanten Ursachen finden, *erdichten* wir uns welche -- die Atome.

Dies ist die Herkunft der Atomistik.

Die Berechenbarkeit der Welt, die Ausdrückbarkeit alles Geschehens in Formeln -- ist das wirklich ein „Begreifen“? Was wäre wohl an einer Musik begriffen, wenn alles, was an ihr berechenbar ist und in Formeln abgekürzt werden kann, berechnet wäre? -- Sodann die „konstanten Ursachen“, Dinge, Substanzen, etwas „Unbedingtes“ also; *erdichtet* -- was hat man erreicht?

401.

„Anziehen“ und „Abstoßen“ in rein mechanischem Sinne ist eine vollständige Fiktion: ein Wort. Wir können uns ohne eine *Absicht* ein