Anziehen nicht denken. -- Den Willen, sich einer Sache zu bemächtigen oder gegen ihre Macht sich zu wehren und sie zurückzustoßen -- *das* „verstehen“ wir: das wäre eine Interpretation, die wir brauchen könnten.
Kurz: die psychologische Nötigung zu einem Glauben an Kausalität liegt in der *Unvorstellbarkeit* eines *Geschehens ohne Absichten*: womit natürlich über Wahrheit oder Unwahrheit (Berechtigung eines solchen Glaubens) nichts gesagt ist! Der Glaube an ~causae~ fällt mit dem Glauben an τέλη (gegen Spinoza und dessen Kausalismus).
402.
Wir haben „Einheiten“ nötig, um *rechnen* zu können: deshalb ist nicht anzunehmen, daß es solche Einheiten *gibt*. Wir haben den Begriff der Einheit entlehnt von unserm „Ich“-Begriff, -- unserm ältesten Glaubensartikel. Wenn wir uns nicht für Einheiten hielten, hätten wir nie den Begriff „Ding“ gebildet. Jetzt, ziemlich spät, sind wir reichlich davon überzeugt, daß unsre Konzeption des Ich-Begriffs nichts für eine reale Einheit verbürgt. Wir haben also, um die mechanistische Welt theoretisch aufrecht zu erhalten, immer die Klausel zu machen, inwiefern wir sie mit zwei Fiktionen durchführen: dem Begriff der *Bewegung* (aus unsrer Sinnensprache genommen) und dem Begriff des *Atoms* (= Einheit, aus unsrer psychischen „Erfahrung“ herstammend): -- sie hat ein *Sinnenvorurteil* und ein *psychologisches Vorurteil* zu ihrer Voraussetzung.
Die Mechanik formuliert Folgeerscheinungen, noch dazu semiotisch, in sinnlichen und psychologischen Ausdrucksmitteln (daß alle Wirkung *Bewegung* ist; daß, wo Bewegung ist, *etwas* bewegt wird): sie berührt die ursächliche Kraft nicht.
Die *mechanistische* Welt ist so imaginiert, wie das Auge und das Getast sich allein eine Welt vorstellen (als „bewegt“), -- so, daß sie berechnet werden kann, -- daß ursächliche Einheiten fingiert sind, „Dinge“ (Atome), deren Wirkung konstant bleibt (-- Übertragung des falschen Subjektsbegriffs auf den Atombegriff).
*Phänomenal* ist also: die Einmischung des Zahlbegriffs, des Dingbegriffs (Subjektbegriffs), des Tätigkeitsbegriffs (Trennung von Ursachesein und Wirken), des Bewegungsbegriffs (Auge und Getast): wir haben unser *Auge*, unsre *Psychologie* immer noch darin.
Eliminieren wir diese Zutaten, so bleiben keine Dinge übrig, sondern dynamische Quanta, in einem Spannungsverhältnis zu allen andern dynamischen Quanten: deren Wesen in ihrem Verhältnis zu allen andern Quanten besteht, in ihrem „Wirken“ auf dieselben. Der Wille zur Macht nicht ein Sein, nicht ein Werden, sondern ein *Pathos* -- ist die elementarste Tatsache, aus der sich erst ein Werden, ein Wirken ergibt...403.
Der siegreiche Begriff „*Kraft*“, mit dem unsere Physiker Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen ich bezeichne als „*Willen zur Macht*“, das heißt als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die „Wirkung in die Ferne“ aus ihren Prinzipien nicht los; ebensowenig eine abstoßende Kraft (oder anziehende). Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle „Erscheinungen“, alle „Gesetze“ nur als *Symptome* eines *innerlichen* Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu diesem Ende bedienen. Am Tier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine Triebe abzuleiten; ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus dieser einen Quelle.
404.
Unsre Erkenntnis ist in dem Maße wissenschaftlich geworden, als sie Zahl und Maß anwenden kann. Der Versuch wäre zu machen, ob nicht eine wissenschaftliche Ordnung der Werte einfach auf einer *Zahl-* und *Maßskala der Kraft* aufzubauen wäre...Alle sonstigen „Werte“ sind Vorurteile, Naivitäten, Mißverständnisse. -- Sie sind überall *reduzierbar* auf jene Zahl- und Maßskala der Kraft. Das *Aufwärts* in dieser Skala bedeutet jedes *Wachsen an Wert*: das Abwärts in dieser Skala bedeutet *Verminderung des Wertes*.
Hier hat man den Schein und das Vorurteil wider sich. (Die Moralwerte sind ja nur *Scheinwerte*, verglichen mit den *physiologischen*.)
405.
„Die *Kraftempfindung* kann nicht aus Bewegung hervorgehen: Empfindung überhaupt kann nicht aus Bewegung hervorgehen.“ „Auch dafür spricht nur eine scheinbare Erfahrung: in einer Substanz (Gehirn) wird durch übertragene Bewegung (Reize) Empfindung erzeugt.
Aber erzeugt? Wäre denn bewiesen, daß die Empfindung dort noch gar nicht existiert? so daß ihr Auftreten als *Schöpfungsakt* der eingetretenen Bewegung aufgefaßt werden *müßte*? Der empfindungslose Zustand dieser Substanz ist nur eine Hypothese! keine Erfahrung!
-- Empfindung also *Eigenschaft* der Substanz: es gibt empfindende Substanzen.“ „Erfahren wir von gewissen Substanzen, daß sie Empfindung *nicht* haben? Nein, wir erfahren nur nicht, *daß* sie welche haben. Es ist unmöglich, die Empfindung aus der nicht empfindenden Substanz 406.
Ist jemals schon eine *Kraft* konstatiert? Nein, sondern *Wirkungen*, übersetzt in eine völlig fremde Sprache. Das Regelmäßige im Hintereinander hat uns aber so verwöhnt, daß wir uns *über das Wunderliche daran nicht wundern*.
407.
Eine Kraft, die wir uns nicht vorstellen können, ist ein leeres Wort und darf kein Bürgerrecht in der Wissenschaft haben: wie die sogenannte rein mechanische Anziehungs- und Abstoßungskraft, welche uns die Welt *vorstellbar machen will*, nichts weiter!
408.
Illusion, daß etwas *erkannt* sei, wo wir eine mathematische Formel für das Geschehene haben: es ist nur *bezeichnet, beschrieben*: nichts mehr!
409.
Wenn ich ein regelmäßiges Geschehen in eine *Formel* bringe, so habe ich mir die Bezeichnung des ganzen Phänomens erleichtert, abgekürzt usw. Aber ich habe kein „Gesetz“ konstatiert, sondern die Frage aufgestellt, woher es kommt, daß hier etwas sich wiederholt: es ist eine Vermutung, daß der Formel ein Komplex von zunächst unbekannten Kräften und Kraftauslösungen entspricht: es ist Mythologie, zu denken, daß hier Kräfte einem Gesetz gehorchen, so daß infolge ihres Gehorsams wir jedesmal das gleiche Phänomen haben.
410.
Die unabänderliche Aufeinanderfolge gewisser Erscheinungen beweist kein „Gesetz“, sondern ein Machtverhältnis zwischen zwei oder mehreren Kräften. Zu sagen, „aber gerade dies Verhältnis bleibt sich gleich!“ heißt nichts anderes als: „ein und dieselbe Kraft kann nicht auch eine andere Kraft sein.“ -- Es handelt sich nicht um ein *Nacheinander*, -- sondern um ein *Ineinander*, einen Prozeß, in dem die einzelnen sich folgenden Momente *nicht* als Ursachen und Wirkungen sich bedingen...Die Trennung des „Tuns“ vom „Tuenden“, des Geschehens von einem, der geschehen *macht*, des Prozesses von einem etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, *Substanz*, Ding, Körper, Seele usw. ist, -- der Versuch, das Geschehen zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungswechsel von „Seiendem“, von Bleibendem: diese alte Mythologie hat den Glauben an „Ursache und Wirkung“ festgestellt, nachdem er in den sprachlich-grammatischen Funktionen eine feste Form gefunden hatte.
411.
*Kritik des Mechanismus.* -- Entfernen wir hier die zwei populären Begriffe „Notwendigkeit“ und „Gesetz“: das erste legt einen falschen Zwang, das zweite eine falsche Freiheit in die Welt. „Die Dinge“ betragen sich nicht regelmäßig, nicht nach einer *Regel*: es gibt keine Dinge (-- das ist unsre Fiktion); sie betragen sich ebensowenig unter einem Zwang von Notwendigkeit. Hier wird nicht gehorcht: denn *daß etwas so ist, wie es ist*, so stark, so schwach, das ist nicht die Folge eines Gehorchens oder einer Regel oder eines Zwanges...Der Grad von Widerstand und der Grad von Übermacht -- darum handelt es sich bei allem Geschehen: wenn *wir*, zu unserm Handgebrauch der Berechnung, das in Formeln und „Gesetzen“ auszudrücken wissen, um so besser für uns! Aber wir haben damit keine „Moralität“ in die Welt gelegt, daß wir sie als gehorsam fingieren -- Es gibt kein Gesetz: jede Macht zieht in jedem Augenblick ihre letzte Konsequenz. Gerade, daß es kein Anderskönnen gibt, darauf beruht die Berechenbarkeit.
Ein Machtquantum ist durch die Wirkung, die es übt, und die, der es widersteht, bezeichnet. Es fehlt die Adiaphorie: die an sich denkbar wäre. Es ist essentiell ein Wille zur Vergewaltigung und sich gegen Vergewaltigung zu wehren. Nicht Selbsterhaltung: jedes Atom wirkt in das ganze Sein hinaus, -- es ist weggedacht, wenn man diese Strahlung von Machtwillen wegdenkt. Deshalb nenne ich es ein Quantum „*Wille zur Macht*“: damit ist der Charakter ausgedrückt, der aus der mechanischen Ordnung nicht weggedacht werden kann, ohne sie selbst wegzudenken.
Eine Übersetzung dieser Welt von Wirkung in eine *sichtbare* Welt -- eine Welt fürs Auge -- ist der Begriff „Bewegung“. Hier ist immer subintelligiert, daß *etwas* bewegt wird, -- hierbei wird, sei es nun in der Fiktion eines Klümpchenatoms oder selbst von dessen Abstraktion, dem dynamischen Atom, immer noch ein Ding gedacht, welches wirkt, -- das heißt, wir sind aus der Gewohnheit nicht herausgetreten, zu der uns Sinne und Sprache verleiten. Subjekt, Objekt, ein Täter zum Tun, das Tun und das, was es tut, gesondert: vergessen wir nicht, daß dies eine bloße Semiotik und nichts Reales bezeichnet. Die Mechanik als eine Lehre der *Bewegung* ist bereits eine Übersetzung in die Sinnensprache des Menschen.
412.
Die „Regelmäßigkeit“ der Aufeinanderfolge ist nur ein bildlicher Ausdruck, *wie als ob* hier eine Regel befolgt werde, kein Tatbestand.
Ebenso „Gesetzmäßigkeit“. Wir finden eine Formel, um eine immer wiederkehrende Art der Folge auszudrücken: damit haben wir *kein „Gesetz“ entdeckt*, noch weniger eine Kraft, welche die Ursache zur Wiederkehr von Folgen ist. Daß etwas immer so und so geschieht, wird hier interpretiert, als ob ein Wesen infolge eines Gehorsams gegen ein Gesetz oder einen Gesetzgeber immer so und so handelte: während es, abgesehen vom „Gesetz“, Freiheit hätte, anders zu handeln. Aber gerade jenes So-und-nicht-anders könnte aus dem Wesen selbst stammen, das nicht in Hinsicht erst auf ein Gesetz sich so und so verhielte, sondern als so und so beschaffen. Es heißt nur: etwas kann nicht auch etwas anderes sein, kann nicht bald dies, bald anderes tun, ist weder frei noch unfrei, sondern eben so und so. *Der Fehler steckt in der Hineindichtung eines Subjekts.* 413.
Zwei aufeinanderfolgende Zustände, der *eine* „Ursache“, der andere „Wirkung“ --: ist falsch. Der erste Zustand hat nichts zu bewirken, den zweiten hat nichts bewirkt.
Es handelt sich um einen Kampf zweier an Macht ungleichen Elemente: es wird ein Neuarrangement der Kräfte erreicht, je nach dem Maß von Macht eines jeden. Der zweite Zustand ist etwas Grundverschiedenes vom ersten (*nicht* dessen Wirkung): das Wesentliche ist, daß die im Kampf befindlichen Faktoren mit anderen Machtquanten herauskommen.
414.
Ich hüte mich, von chemischen „*Gesetzen*“ zu sprechen: das hat einen moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das Schwächere Herr, soweit dies eben seinen Grad von Selbständigkeit nicht durchsetzen kann, -- hier gibt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch weniger eine Achtung vor „Gesetzen“!
415.
Es gibt nichts *Unveränderliches* in der Chemie: das ist nur Schein, ein bloßes Schulvorurteil. Wir haben das Unveränderliche *eingeschleppt*, immer noch aus der Metaphysik, meine Herren Physiker.
Es ist ganz naiv von der Oberfläche abgelesen, zu behaupten, daß der Diamant, der Graphit und die Kohle identisch sind. Warum? Bloß weil man keinen Substanzverlust durch die Wage konstatieren kann! Nun gut, damit haben sie noch etwas gemein; aber die Molekülarbeit bei der Verwandlung, die wir nicht sehen und wägen können, macht eben aus dem einen Stoff etwas andres, -- mit spezifisch anderen Eigenschaften.
416.
Das „Sein“ -- wir haben keine andere Vorstellung davon als „*leben*“.
-- Wie kann also etwas Totes „sein“?
2. Die organische Natur.
417.
Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen Ernährungsvorgang, heißen wir „*Leben*“. Zu diesem Ernährungsvorgang, als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen, Vorstellen, Denken, das heißt 1. ein Widerstreben gegen alle anderen Kräfte; 2. ein Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3.
ein Abschätzen in bezug auf Einverleibung oder Abscheidung.
418.
Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. „Leben“ wäre zu definieren als eine dauernde Form von *Prozessen* der *Kraftfeststellungen*, wo die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt, aufgelöst. „Gehorchen“ und „Befehlen“ sind Formen des Kampfspiels.
419.
Bei der Entstehung der Organismen denkt sich der Mensch *zugegen*: was ist bei diesem Vorgange mit Augen und Getast wahrzunehmen gewesen? Was ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen?
Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein *Geschehen für Auge und Getast* zurechtlegen, folglich als Bewegungen: er will *Formeln* finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen zu *vereinfachen*.
*Reduktion alles Geschehens* auf den Sinnenmenschen und Mathematiker.
Es handelt sich um ein *Inventarium der menschlichen Erfahrungen*: gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das *menschliche Auge und Begriffsvermögen*, der ewige Zeuge aller Dinge gewesen sei.
420.
Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, -- daß es seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moralnarkose, von einem Recht des Individuums, sich zu *verteidigen*; im gleichen Sinne dürfte man auch von seinem Rechte *anzugreifen* reden: denn *beides* -- und das Zweite noch mehr als das Erste -- sind Nezessitäten für jedes Lebendige: -- der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder gar des „freien Willens“, sondern die *Fatalität* des Lebens selbst.
Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen Körper, eine aufwärtsstrebende „Gesellschaft“ ins Auge faßt. Das Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstverteidigung) ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte „Recht“ gelangt: ein Recht wird durch Verträge erworben, -- aber das Sich-wehren und Sich-verteidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfnis, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr und Kolonisation, als Recht bezeichnen, -- Wachstumsrecht etwa. Eine Gesellschaft, die, endgültig und ihrem *Instinkt* nach, den Krieg und die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie und Krämerregiment...In den meisten Fällen freilich sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.
421.
Die Physiologen sollten sich besinnen, den „*Erhaltungstrieb*“ als einen kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor allem will etwas Lebendiges seine Kraft *auslassen*: die „Erhaltung“ ist nur eine der Konsequenzen davon. -- Vorsicht vor *überflüssigen* teleologischen Prinzipien! Und dahin gehört der ganze Begriff „Erhaltungstrieb“.
422.
„Der Wert des Lebens.“ -- Das Leben ist ein Einzelfall; man muß *alles* Dasein rechtfertigen und *nicht* nur das Leben, -- das rechtfertigende Prinzip ist ein solches, aus dem sich das Leben erklärt.
Das Leben ist nur *Mittel* zu etwas: es ist der Ausdruck von Wachstumsformen der Macht.
423.
Man kann die unterste und ursprünglichste Tätigkeit im Protoplasma nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor allem, es „erhält sich“ damit nicht, sondern *zerfällt*...Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses Sich-*nicht*-erhalten-wollen zu erklären: „Hunger“ ist schon eine Ausdeutung nach ungleich komplizierteren Organismen (-- Hunger ist eine spezialisierte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der Arbeitsteilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes).
424.
Die Teilung eines Protoplasmas in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist Folge einer Ohnmacht.
Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen aufgehen, ist Zeugung die Folge eines Hungers.
425.
Spott über den falschen „*Altruismus*“ bei den Biologen: die Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als purer Vorteil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe.
426.
„Nützlich“ im Sinne der darwinistischen Biologie -- das heißt: im Kampf mit anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon das *Mehrgefühl*, das Gefühl des *Stärkerwerdens*, ganz abgesehen vom Nutzen im Kampf, der eigentliche *Fortschritt*: aus diesem Gefühle entspringt erst der Wille zum Kampf, -- 427.
„Nützlich“ in bezug auf die Beschleunigung des Tempos der Entwicklung ist ein anderes „Nützlich“ als das in bezug auf möglichste Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.
428.
*Gegen den Darwinismus.* -- Der Nutzen eines Organs erklärt *nicht* seine Entstehung, im Gegenteil! Die längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.
Was ist zuletzt „nützlich“? Man muß fragen „in bezug *worauf* nützlich?“ Zum Beispiel was der *Dauer* des Individuums nützt, könnte seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält, könnte es zugleich festhalten und stillstellen in der Entwicklung.
Andererseits kann ein *Mangel*, eine *Entartung* vom höchsten Nutzen sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann eine *Notlage* Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf das Maß herunterschraubt, bei dem es *zusammenhält* und sich nicht vergeudet. -- Das Individuum selbst als Kampf der Teile (um Nahrung, Raum usw.): seine Entwicklung geknüpft an ein *Siegen*, *Vorherrschen* einzelner Teile, an ein *Verkümmern*, „Organwerden“ anderer Teile.
Der Einfluß der „äußeren Umstände“ ist bei Darwin ins Unsinnige *überschätzt*: das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure gestaltende, von innen her formenschaffende Gewalt, welche die „äußeren Umstände“ *ausnützt, ausbeutet*...Die von innen her gebildeten *neuen* Formen sind *nicht* auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf der Teile wird eine neue Form nicht lange *ohne* Beziehung zu einem partiellen Nutzen stehen und dann, dem *Gebrauche* nach, sich immer vollkommener ausgestalten.
429.
*Anti-Darwin.* -- Was mich beim Überblick über die großen Schicksale des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegenteil vor Augen zu sehen von dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen *will*: die Selektion zugunsten der Stärkeren, Besserweggekommenen, den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegenteil greift sich mit Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der höher geratenen Typen, das unvermeidliche Herrwerden der mittleren, selbst der *unter-mittleren* Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist, neige ich zum Vorurteil, daß die Schule Darwins sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung wiedererkenne, gibt uns das Mittel an die Hand, warum gerade die Selektion zugunsten der Ausnahmen und Glücksfälle nicht statthat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn sie organisierte Herdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der Schwachen, die Überzahl gegen sich haben. Mein Gesamtaspekt der Welt der Werte zeigt, daß in den obersten Werten, die über der Menschheit heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektionstypen, die Oberhand haben: vielmehr die Typen der ~décadence~, -- vielleicht gibt es nichts Interessanteres in der Welt als dieses *unerwünschte* Schauspiel...So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur *Moral* formulieren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr wert als die Ausnahmen; die ~décadence~-Gebilde mehr als die Mittleren; der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben -- und das Gesamtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt: „besser *nicht* sein, als sein“.
Gegen die Formulierung der Realität zur Moral *empöre* ich mich: deshalb perhorresziere ich das Christentum mit einem tödlichen Haß, weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu geben...Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knien vor der Realität vom *umgekehrten* Kampf ums Dasein, als ihn die Schule Darwins lehrt, -- nämlich ich sehe überall die obenauf, die übrigbleibend, die das Leben, den Wert des Lebens kompromittieren. -- Der Irrtum der Schule Darwins wurde mir zum Problem: wie kann man blind sein, um gerade *hier* falsch zu sehen?
Daß die *Gattungen* einen Fortschritt darstellen, ist die unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie ein *Niveau* dar. Daß die höheren Organismen aus den niederen sich entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind, -- ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung einen Vorteil abgibt, zum mindesten nicht für eine so lange Zeit: diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige Veränderung derartig stark geworden ist.
Ich finde die „Grausamkeit der Natur“, von der man so viel redet, an einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie schont und schützt und liebt ~les humbles~.
~In summa~: das Wachstum der *Macht* einer Gattung ist durch die Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger garantiert als durch die Präponderanz der mittleren und niederen Typen...In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle Zahlverminderung.
430.
*Anti-Darwin.* -- Die *Domestikation des Menschen*: welchen definitiven Wert kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen definitiven Wert? -- Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.
Die Schule Darwins macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegenteil zu überreden: sie will, daß die *Wirkung der Domestikation* tief, ja fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat sich nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung durch Domestikation -- oder aber die Degenereszenz. Und alles, was der menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in seinen Naturzustand zurück. Der Typus bleibt konstant: man kann nicht Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich imaginiert man ein *beständiges Wachstum der Vollkommenheit für die Wesen*. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient wie den Starken; daß die List die Kraft oft mit Vorteil sich suppliert; daß die *Fruchtbarkeit* der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den *Chancen der Zerstörung* steht...Man teilt der *natürlichen Selektion* zugleich langsame und unendliche Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vorteil sich vererbt und sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während die Erblichkeit so kapriziös ist...); man betrachtet die glücklichen Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen, und man erklärt, daß sie durch den *Einfluß des Milieus* erlangt seien.
Man findet aber Beispiele *der unbewußten Selektion* nirgendswo (ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die extremen mischen sich in die Masse. Alles konkurriert, seinen Typus aufrechtzuerhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben...Wenn sie Orte bewohnen, wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem Milieu an.
Man hat die *Auslese der Schönsten* in einer Weise übertrieben, wie sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht!
Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Kreaturen, das Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen von jeder zufälligen Begegnung profitieren und sich ganz und gar nicht wählerisch zeigen. -- Modifikation durch Klima und Nahrung: -- aber in Wahrheit absolut gleichgültig.
Es gibt keine *Übergangsformen*. -- Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes Fundament. Jeder Typus hat seine *Grenze*: über diese hinaus gibt es keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.
*Meine Gesamtansicht.* -- *Erster Satz*: der Mensch als Gattung ist *nicht* im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird *nicht* gehoben.
*Zweiter Satz*: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem andern Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren...
Sondern alles zugleich und übereinander und durcheinander und gegeneinander. Die reichsten und komplexesten Formen -- denn mehr besagt das Wort „höherer Typus“ nicht -- gehen leichter zugrunde: nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest.
Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Not oben: letztere haben eine kompromittierende Fruchtbarkeit für sich. -- Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die *höheren Typen*, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zugrunde. Sie sind jeder Art von ~décadence~ ausgesetzt: sie sind extrem, und damit selbst beinahe schon ~décadents~...Die kurze Dauer der Schönheit, des Genies, des Cäsar ist ~sui generis~: dergleichen vererbt sich nicht. Der *Typus* vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein „Glücksfall“...Das liegt an keinem besonderen Verhängnis und „bösen Willen“ der Natur, sondern einfach am Begriff „höherer Typus“: der höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Komplexität, -- eine größere Summe koordinierter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. Das „Genie“ ist die sublimste Maschine, die es gibt, -- folglich die zerbrechlichste.
*Dritter Satz*: die Domestikation (die „Kultur“) des Menschen geht nicht tief...Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenereszenz (Typus: der Christ). Der „wilde“ Mensch (oder, moralisch ausgedrückt: der *böse* Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur -- und, in gewissem Sinne, seine Wiederherstellung, seine *Heilung* von der „Kultur“...431.
*Grundirrtümer* der bisherigen Biologen: es handelt sich *nicht* um die Gattung, sondern um *stärker auszuwirkende* Individuen. (Die vielen sind nur Mittel.)
Das Leben ist *nicht* Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern Wille zur Macht, der von innen her immer mehr „Äußeres“ sich unterwirft und einverleibt.
Diese Biologen *setzen* die moralischen Wertschätzungen *fort* (-- der „an sich höhere Wert des Altruismus“, die Feindschaft gegen die Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die Rang- und Ständeordnung).
432.
Die *Individuation*, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurteilt, zeigt das beständige Zerfallen von eins in zwei und das ebenso beständige Vergehen der Individuen *auf den Gewinn von wenig* Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedesmal ab („der Leib“).
Das Grundphänomen: *unzählige Individuen geopfert um weniger willen*: als deren Ermöglichung. -- Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz so steht es mit den *Völkern* und *Rassen*: sie bilden den „Leib“ zur Erzeugung von einzelnen *wertvollen Individuen*, die den großen Prozeß fortsetzen.
433.
Mit der moralischen Herabwürdigung des ~ego~ geht auch noch, in der Naturwissenschaft, eine Überschätzung der *Gattung* Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ~ego~: man hat eine falsche Distinktion gemacht. Das ~ego~ ist hundertmal *mehr* als bloß eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die *Kette selbst*, ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum der Gattung *geopfert* wird, ist durchaus kein Tatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation.
434.
Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vorteil der *Gattung*, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des eigenen Vorteils: das ist nur *Schein*.
Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den *geschlechtlichen Instinkt* nimmt, ist nicht eine *Folge* von dessen Wichtigkeit für die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des Individuums und sein höchstes Interesse folglich, *seine höchste Machtäußerung* (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurteilt, sondern von dem Zentrum der ganzen Individuation).
435.
Der Gesichtspunkt des „Werts“ ist der Gesichtspunkt von *Erhaltungs-, Steigerungsbedingungen* in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens.
Es gibt keine dauerhaften letzten Einheiten, keine Atome, keine Monaden: auch hier ist „das Seiende“ erst von uns *hineingelegt* (aus praktischen, nützlichen, perspektivischen Gründen).
„*Herrschaftsgebilde*“; die Sphäre des Beherrschenden fortwährend wachsend oder unter der Gunst und Ungunst der Umstände (der Ernährung --) periodisch abnehmend, zunehmend.
„Wert“ ist wesentlich der Gesichtspunkt für das Zunehmen oder Abnehmen dieser herrschaftlichen Zentren („Vielheiten“ jedenfalls; aber die „Einheit“ ist in der Natur des Werdens gar nicht vorhanden).
Die Ausdrucksmittel der Sprache sind unbrauchbar, um das „Werden“ auszudrücken: es gehört zu unserm *unablöslichen Bedürfnis der Erhaltung*, beständig eine gröbere Welt von Bleibendem, von „Dingen“ usw. zu setzen. Relativ dürfen wir von Atomen und Monaden reden: und gewiß ist, daß die *kleinste Welt an Dauer die dauerhafteste ist*...Es gibt keinen Willen: es gibt Willenspunktationen, die beständig ihre Macht mehren oder verlieren.
3. Der Mensch als Naturwesen.
436.
Der Mensch.
Am *Leitfaden des Leibes*. -- Gesetzt, daß die „*Seele*“ ein anziehender und geheimnisvoller Gedanke war, von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben -- vielleicht ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch anziehender, noch geheimnisvoller. Der menschliche *Leib*, an dem die ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte „Seele“. Es ist zu allen Zeiten besser an den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz, unser gewissestes Sein, kurz, unser ~ego~ geglaubt worden als an den Geist (oder die „Seele“ oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine Gedanken als „eingegeben“, seine Wertschätzungen als „von einem Gott eingeblasen“, seine Instinkte als Tätigkeit im Dämmern zu fassen -- für diesen Hang und Geschmack des Menschen gibt es aus allen Altern der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen, „das kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf“. -- Umgekehrt haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als Täuschung (und zwar als überwundene und abgetane Täuschung) zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Tatsächlichkeit anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse teils bei Paulus, teils in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was bedeutet zuletzt *Stärke des Glaubens*? Deshalb könnte es immer noch ein sehr dummer Glaube sein! -- Hier ist nachzudenken: -- Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist?
Gesetzt, die Vielheit und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären Irrtümer -- welches Mißtrauen würde dies gegen den Geist erregen, der uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat? Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am gründlichsten auch den Glauben an die Autorität des Geistes!
437.
Der Leib als Herrschaftsgebilde.
Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der Zellen und Gewebe).
Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich durch *Herunterdrückung* eines niederen auf eine Funktion.
Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.
„Ernährung“ nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des Willens zur Macht.
Die „Zeugung“, der Zerfall, eintretend bei der Ohnmacht der herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisieren.
Die *gestaltende* Kraft ist es, die immer neuen „Stoff“ (noch mehr „Kraft“) vorrätig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines Organismus aus dem Ei.
„Mechanistische Auffassung“: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.
Der „Zweck“. Auszugehen von der „Sagazität“ der Pflanzen.
Begriff der „Vervollkommnung“: *nicht* nur größere Kompliziertheit, sondern größere *Macht* (-- braucht nicht nur größere Masse zu sein --).
Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes Werkzeug).
438.
In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus ist der uns *bewußt* werdende Teil ein bloßes Mittel: und das bißchen „Tugend“, „Selbstlosigkeit“ und ähnliche Fiktionen werden auf eine