SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesamtgeschehen aus Lügen gestraft. Wir tun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen Unmoralität zu studieren...Die animalischen Funktionen sind ja prinzipiell millionenfach wichtiger als alle schönen Zustände und Bewußtseinshöhen: letztere sind ein Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen Funktionen. Das ganze *bewußte* Leben, der Geist samt der Seele, samt dem Herzen, samt der Güte, samt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-, Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor allem der *Lebenssteigerung*.

Es liegt so unsäglich viel mehr an dem, was man „Leib“ und „Fleisch“ nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette des Lebens fortzuspinnen, und so, *daß der Faden immer mächtiger wird* -- das ist die Aufgabe.

Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich verschwören, diese prinzipielle Aufgabe zu *verkehren*: wie als ob *sie* die Ziele wären!...Die *Entartung des Lebens* ist wesentlich bedingt durch die außerordentliche *Irrtumsfähigkeit des Bewußtseins*: es wird am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und *vergreift* sich deshalb am längsten und gründlichsten.

Nach den *angenehmen* und *unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins* abmessen, ob das Dasein *Wert* hat: kann man sich eine tollere Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: -- und angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!

Woran mißt sich objektiv der *Wert*? Allein an dem Quantum Die normale *Unbefriedigung* unsrer Triebe, zum Beispiel des Hungers, des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich durchaus noch nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen es *stärkt*, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große *Stimulans* des Lebens.

(Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus kleiner Unlustreize.)

440.

Der Schmerz ist etwas anderes als die Lust, -- ich will sagen, er ist *nicht* deren Gegenteil.

Wenn das Wesen der „Lust“ zutreffend bezeichnet worden ist als ein *Plusgefühl* von Macht (somit als ein Differenzgefühl, das die Vergleichung voraussetzt), so ist damit das Wesen der „Unlust“ noch nicht definiert. Die falschen Gegensätze, an die das Volk und *folglich* die Sprache glaubt, sind immer gefährliche Fußfesseln für den Gang der Wahrheit gewesen. Es gibt sogar Fälle, wo eine Art Lust bedingt ist durch eine gewisse *rhythmische Abfolge* kleiner Unlustreize: damit wird ein sehr schnelles Anwachsen des Machtgefühls, des Lustgefühls erreicht. Dies ist der Fall zum Beispiel beim Kitzel, auch beim geschlechtlichen Kitzel im Akt des Coitus: wir sehen dergestalt die Unlust als Ingrediens der Lust tätig. Es scheint, eine kleine Hemmung, die überwunden wird und der sofort wieder eine kleine Hemmung folgt, die wieder überwunden wird -- dieses Spiel von Widerstand und Sieg regt jenes Gesamtgefühl von überschüssiger, überflüssiger Macht am stärksten an, das das Wesen der Lust ausmacht.

Die Umkehrung, eine Vermehrung der Schmerzempfindung durch kleine eingeschobene Lustreize, fehlt: Lust und Schmerz sind eben nichts Umgekehrtes.

Der Schmerz ist ein *intellektueller* Vorgang, in dem entschieden ein Urteil laut wird, -- das Urteil „*schädlich*“, in dem sich lange Erfahrung aufsummiert hat. An sich gibt es keinen Schmerz. Es ist *nicht* die Verwundung, die weh tut; es ist die Erfahrung, von welchen schlimmen Folgen eine Verwundung für den Gesamtorganismus sein kann, welche in Gestalt jener tiefen Erschütterung redet, die Unlust heißt (bei schädigenden Einflüssen, welche der älteren Menschheit unbekannt geblieben sind, zum Beispiel von seiten neu kombinierter giftiger Chemikalien, fehlt auch die Aussage des Schmerzes, -- und wir sind verloren).

Im Schmerz ist das eigentlich Spezifische immer die lange Erschütterung, das Nachzittern eines schreckenerregenden Choks im zerebralen Herde des Nervensystems: -- man leidet eigentlich *nicht* an der Ursache des Schmerzes (irgendeiner Verletzung zum Beispiel), sondern an der langen Gleichgewichtsstörung, welche infolge jenes Choks eintritt. Der Schmerz ist eine Krankheit der zerebralen Nervenherde, die Lust ist durchaus keine Krankheit.

Daß der Schmerz die Ursache ist zu Gegenbewegungen hat zwar den Augenschein und sogar das Philosophenvorurteil für sich; aber in plötzlichen Fällen kommt, wenn man genau beobachtet, die Gegenbewegung ersichtlich früher als die Schmerzempfindung. Es stünde schlimm um mich, wenn ich bei einem Fehltritt zu warten hätte, bis das Faktum an die Glocke des Bewußtseins schlüge und ein Wink, was zu tun ist, zurücktelegraphiert würde. Vielmehr unterscheide ich so deutlich als möglich, daß erst die Gegenbewegung des Fußes, um den Fall zu verhüten, folgt und dann in einer meßbaren Zeitdistanz eine Art schmerzhafter Welle plötzlich im vordern Kopf fühlbar wird. Man reagiert also *nicht* auf den Schmerz. Der Schmerz wird nachher projiziert in die verwundete Stelle: -- aber das Wesen dieses Lokalschmerzes ist trotzdem nicht der Ausdruck der Art der Lokalverwundung; er ist ein bloßes Ortszeichen, dessen Stärke und Tonart der Verwundung gemäß ist, welche die Nervenzentren davon empfangen haben. Daß infolge jenes Choks die Muskelkraft des Organismus meßbar heruntergeht, gibt durchaus noch keinen Anhalt dafür, das *Wesen* des Schmerzes in einer Verminderung des Machtgefühls zu suchen.

Man reagiert, nochmals gesagt, *nicht* auf den Schmerz: die Unlust ist keine „Ursache“ von Handlungen. Der Schmerz selbst ist eine Reaktion, die Gegenbewegung ist eine andre und *frühere* Reaktion, -- beide nehmen von verschiedenen Stellen ihren Ausgangspunkt...441.

Man hat die Unlust verwechselt mit einer *Art* der Unlust, mit der der Erschöpfung; letztere stellt in der Tat eine tiefe Verminderung und Herabstimmung des Willens zur Macht, eine meßbare Einbuße an Kraft dar.

Das will sagen: es gibt a) Unlust als Reizmittel zur Verstärkung der Macht, und b) Unlust nach einer Vergeudung von Macht; im ersteren Falle ein ~stimulus~, im letztern die Folge einer übermäßigen Reizung...Die Unfähigkeit zum Widerstand ist der letzteren Unlust zu eigen: die Herausforderung des Widerstehenden gehört zur ersteren...Die Lust, welche im Zustand der Erschöpfung allein noch empfunden wird, ist das Einschlafen; die Lust im andern Falle ist der Sieg...Die große Verwechslung der Psychologen bestand darin, daß sie diese beiden *Lustarten* -- die des *Einschlafens* und die des *Sieges* -- nicht auseinanderhielten. Die Erschöpften wollen Ruhe, Gliederausstrecken, Frieden, Stille, -- es ist das *Glück* der nihilistischen Religionen und Philosophien; die Reichen und Lebendigen wollen Sieg, überwundene Gegner, Überströmen des Machtgefühls über weitere Bereiche als bisher. Alle gesunden Funktionen des Organismus haben dies Bedürfnis, -- und der ganze Organismus ist ein solcher nach Wachstum von Machtgefühlen ringender Komplex von Systemen -- -- -- 442.

Intellektualität des *Schmerzes*: er bezeichnet nicht an sich, was augenblicklich geschädigt ist, sondern welchen *Wert* die Schädigung hat in Hinsicht auf das allgemeine Individuum.

Ob es Schmerzen gibt, in denen „die Gattung“ und *nicht* das Individuum leidet --?

443.

„Die Summe der Unlust überwiegt die Summe der Lust: folglich wäre das Nichtsein der Welt besser als deren Sein“ -- „Die Welt ist etwas, das vernünftigerweise nicht wäre, weil sie dem empfindenden Subjekt mehr Unlust als Lust verursacht“ -- dergleichen Geschwätz heißt sich heute Pessimismus!

Lust und Unlust sind Nebensachen, keine Ursachen; es sind Werturteile *zweiten Ranges*, die sich erst ableiten von einem regierenden Wert, -- ein in Form des Gefühls redendes „nützlich“, „schädlich“, und folglich absolut flüchtig und abhängig. Denn bei jedem „nützlich“, „schädlich“ sind immer noch hundert verschiedene Wozu? zu fragen.

Ich verachte diesen *Pessimismus der Sensibilität*: er ist selbst ein Zeichen tiefer Verarmung am Leben.

444.

Wie kommt es, daß die Grundglaubensartikel in der Psychologie allesamt die ärgsten Verdrehungen und Falschmünzereien sind? „*Der Mensch strebt nach Glück*“ zum Beispiel -- was ist daran wahr? Um zu verstehen, was „Leben“ ist, welche Art Streben und Spannung Leben ist, muß die Formel so gut von Baum und Pflanze als vom Tier gelten.

„Wonach strebt die Pflanze?“ -- aber hier haben wir bereits eine falsche Einheit erdichtet, die es nicht gibt: die Tatsache eines millionenfachen Wachstums mit eigenen und halbeigenen Initiativen ist versteckt und verleugnet, wenn wir eine plumpe Einheit „Pflanze“ voranstellen. Daß die letzten kleinsten „Individuen“ *nicht* in dem Sinn eines „metaphysischen Individuums“ und Atoms verständlich sind, daß ihre Machtsphäre fortwährend sich verschiebt -- das ist zu allererst sichtbar: aber strebt ein jedes von ihnen, wenn es sich dergestalt verändert, *nach Glück*? -- Aber alles Sichausbreiten, Einverleiben, Wachsen ist ein Anstreben gegen Widerstehendes; Bewegung ist essentiell etwas mit Unlustzuständen Verbundenes: es muß das, was hier treibt, jedenfalls etwas anderes wollen, wenn es dergestalt die Unlust will und fortwährend aufsucht. -- Worum kämpfen die Bäume eines Urwaldes miteinander? Um „Glück“? -- Um *Macht*!...Der Mensch, Herr über die Naturgewalten geworden, Herr über seine eigene Wildheit und Zügellosigkeit (die Begierden haben folgen, haben nützlich sein gelernt) -- der Mensch, im Vergleich zu einem Vormenschen, stellt ein ungeheures Quantum *Macht* dar, -- nicht ein Plus von „Glück“! Wie kann man behaupten, daß er nach Glück *gestrebt* habe?...445.

*Der Glaube an „Affekte“.* -- Affekte sind eine Konstruktion des Intellekts, eine *Erdichtung von Ursachen*, die es nicht gibt.

Alle körperlichen *Gemeingefühle*, die wir nicht verstehen, werden intellektuell ausgedeutet, das heißt ein *Grund* gesucht, um sich so oder so zu fühlen, in Personen, Erlebnissen usw. Also etwas Nachteiliges, Gefährliches, Fremdes wird *gesetzt*, als wäre es die Ursache unserer Verstimmung; tatsächlich wird es zu der Verstimmung *hinzugesucht*, um der *Denkbarkeit* unseres Zustandes willen. -- Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens werden als „Zorn“ *interpretiert*: die Personen und Sachen, die uns zum Zorn reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand.

-- Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der Anblick gewisser Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls hervorbringt und speziell irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung usw. mit sich bringt: also durch die Nachbarschaft. „Der Affekt wird erregt“, sagen wir dann.

In „Lust“ und „Unlust“ stecken bereits *Urteile*: die Reize werden unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht.

*Der Glaube an das Wollen.* Es ist Wunderglaube, einen Gedanken als Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die *Konsequenz der Wissenschaft* verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns *denkbar* gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen usw.

uns *denkbar* machen, das heißt sie *leugnen* und als *Irrtümer des Intellekts* behandeln.

446.

Wenn wir etwas tun, so entsteht ein *Kraftgefühl*, oft schon vor dem Tun, bei der Vorstellung des zu Tuenden (wie beim Anblick eines Feindes, eines Hemmnisses, dem wir uns *gewachsen* glauben): immer begleitend. Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der Handlung, es sei „die Kraft“. Unser Glaube an Kausalität ist der Glaube an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei wir Kraft und Kraftgefühl identifizieren. -- Nirgends aber bewegt die Kraft die Dinge; die empfundene Kraft „setzt nicht die Muskeln in Bewegung“. „Wir haben von einem solchen Prozeß keine Vorstellung, keine Erfahrung.“ „Wir erfahren ebensowenig wie die Kraft als Bewegendes die *Notwendigkeit* einer Bewegung.“ Die Kraft soll das Zwingende sein! „Wir erfahren nur, daß eins auf das andre folgt, -- weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß eins auf das andre folgt.“ Die Kausalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges in den Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses „Begreifen“ entsteht dadurch, das heißt, wir haben uns den Vorgang angemenschlicht, „bekannter“ gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit *Kraftgefühl verbundenen menschlichen Erzwingens*.

447.

Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was gibt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im Vergleich zu dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der scharfsinnigste Mechaniker und speziell über die Formeln unterrichtet, die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser „Wissen“ und unser „Tun“ in diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen Reichen. -- Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch -- was heißt das? Hier ist alles *gewußt*, was zur Durchführung des Planes gehört, weil alles befohlen werden muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an die Not des Augenblicks, Maß der Kraft usw.

448.

Die Wissenschaft fragt *nicht*, was uns zum Wollen trieb: sie *leugnet* vielmehr, daß *gewollt* worden ist, und meint, daß etwas ganz anderes geschehen sei -- kurz, daß der Glaube an „Wille“ und „Zweck“ eine Illusion sei. Sie fragt nicht nach den *Motiven* der Handlung, als ob diese uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie zerlegt erst die Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen und sucht die Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung -- aber nicht im Fühlen, Empfinden, Denken. *Daher* kann sie nie die Erklärung geben: die Empfindung ist ja eben ihr Material, *das erklärt werden soll*. -- Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, *ohne* zu Empfindungen als Ursache zu greifen: denn das hieße ja: *als Ursache* der Empfindungen die *Empfindungen* ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht gelöst.

Also: entweder *kein* Wille -- die Hypothese der Wissenschaft --, oder *freier* Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir uns nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese *bewiesen* wäre.

Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung gebaut, daß der freie Wille *Ursache sei von jeder Wirkung*: erst daher haben wir das Gefühl der Kausalität. Also darin liegt auch das Gefühl, daß jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache -- wenn der Wille die Ursache ist. „Unsre Willensakte sind *nicht notwendig*“ -- das *liegt* im Begriff „*Wille*“. Notwendig ist die Wirkung nach der Ursache -- so fühlen wir. Es ist eine *Hypothese*, daß auch unser Wollen in jedem Falle ein Müssen sei.

449.

Unfreiheit oder Freiheit des Willens? -- Es gibt *keinen* „*Willen*“: das ist nur eine vereinfachende Konzeption des Verstandes, wie „Materie“.

*Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich vorbereitet sein, bevor sie gewollt werden.* Oder: der „Zweck“ tritt im Gehirn *zumeist* erst auf, wenn alles vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck 450.

Wir haben von alters her den Wert einer Handlung, eines Charakters, eines Daseins in die *Absicht* gelegt, in den Zweck, um dessentwillen getan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, -- gesetzt nämlich, daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine Entwertung sich vorzubereiten: „Alles hat keinen Sinn“, -- diese melancholische Sentenz heißt „aller Sinn liegt in der Absicht, und gesetzt, daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn“. Man war jener Schätzung gemäß genötigt gewesen, den Wert des Lebens in ein „Leben nach dem Tode“ zu verlegen, oder in die fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck -- ~progressus in infinitum~ gekommen: man hatte endlich nötig, sich einen Platz in dem „Weltprozeß“ auszumachen (mit der dysdämonistischen Perspektive vielleicht, daß es der Prozeß ins Nichts sei).

Dem gegenüber bedarf der „*Zweck*“ einer strengeren Kritik: man muß einsehen, daß eine Handlung *niemals verursacht wird durch einen Zweck*; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten anderer, und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn etwas auf einen Zweck hin getan wird, etwas Grundverschiedenes und andres geschieht; daß in bezug auf jede Zweckhandlung es so steht, wie mit der angeblichen Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Teil hat „Zweck“, hat „Sinn“ --; daß ein „Zweck“ mit seinen „Mitteln“ eine unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als „*Wille*“ zwar kommandieren kann, aber ein System von gehorchenden und eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten lauter feste Größen setzen (das heißt, wir imaginieren ein System von zweck- und mittelsetzenden *klügeren*, aber engeren Intellekten, um unserm einzig bekannten „Zweck“ die Rolle der „Ursache einer Handlung“ zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen --).

Zuletzt: warum könnte nicht „ein Zweck“ eine *Begleiterscheinung* sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige Handlung hervorrufen -- ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses Zeichenbild, das uns zur Orientierung dient dessen, was geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, *nicht* als dessen Ursache? -- Aber damit haben wir den *Willen selbst* kritisiert: ist es nicht eine Illusion, das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseinserscheinungen nur Enderscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem Hintereinander innerhalb einer Bewußtseinsfläche sich bedingend? Dies könnte eine Illusion sein. -- 451.

Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber *weiter zurück* liegt eine Vorgeschichte, die *weiter hinaus* deutet: die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren *späteren* Tatsache. Die *kürzeren* und die *längeren* Prozesse sind nicht getrennt -- 452.

Theorie des *Zufalls*. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes Wesen äußerst klug und schöpferisch *fortwährend* (diese *schaffende* Kraft gewöhnlich übersehen! nur als „*passiv*“ begriffen).

Ich erkannte die *aktive Kraft*, das Schaffende inmitten des Zufälligen: -- Zufall ist selber nur *das Aufeinanderstoßen der schaffenden Impulse*.

453.

Die *überschüssige* Kraft in der *Geistigkeit*, *sich selbst* neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des „Individuums“.

Wir sind *mehr* als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.

454.

Der bisherige Mensch -- gleichsam ein Embryo des Menschen der Zukunft; -- *alle* gestaltenden Kräfte, die auf *diesen* hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, *je mehr es zukunftsbestimmend ist, Leiden*. Dies ist die tiefste Auffassung des *Leidens*: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. -- Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen -- in Wahrheit fließt etwas fort *unter* den Individuen. *Daß* es sich einzeln fühlt, ist der *mächtigste Stachel* im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für *sein* Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber zerstören.

IV. Die Gesellschaft -- ein Machtwille.

1. Der Mensch als geselliges Wesen.

455.

Das „Ich“ unterjocht und tötet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es raubt und ist gewalttätig. Es will sich regenerieren -- Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.

456.

Das Individuum ist etwas ganz *Neues* und *Neuschaffendes*, etwas Absolutes, alle Handlungen ganz *sein* eigen.

Die Werte für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich selber: weil er auch die überlieferten Worte sich *ganz individuell deuten* muß. Die *Auslegung* der Formel ist mindestens persönlich, wenn er auch keine Formel schafft: als *Ausleger* ist er immer noch schaffend.

457.

Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich.

Die *zunehmende „Vermenschlichung“* in dieser Tendenz besteht darin, daß immer *feiner* empfunden wird, wie schwer der andere wirklich *einzuverleiben* ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr *entfremdet*, -- also ihn weniger unterwerfbar macht.

458.

Der *Individualismus* ist eine bescheidene und noch unbewußte Art des „Willens zur Macht“; hier scheint es dem Einzelnen schon genug, *freizukommen* von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates oder der Kirche). Er setzt sich *nicht als Person* in Gegensatz, sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die Gesamtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv *gleich* an *mit jedem Einzelnen*; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesamtheit.

Der *Sozialismus* ist bloß ein *Agitationsmittel des Individualismus*: er begreift, daß man sich, um etwas zu erreichen, zu einer Gesamtaktion organisieren muß, zu einer „Macht“. Aber was er will, ist nicht die Sozietät als Zweck des Einzelnen, sondern die Sozietät als *Mittel zur Ermöglichung vieler Einzelnen*: -- das ist der Instinkt der Sozialisten, über den sie sich häufig betrügen (-- abgesehen, daß sie, um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische Moralpredigt im Dienste des Individualegoismus: eine der gewöhnlichsten Falschheiten des *neunzehnten* Jahrhunderts.

Der *Anarchismus* ist wiederum bloß ein *Agitationsmittel des Sozialismus*; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu faszinieren und zu terrorisieren: vor allem -- er zieht die Mutigen, die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten.

Trotz alledem: der *Individualismus* ist die *bescheidenste* Stufe des Willens zur Macht.

* * * * * Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man mehr: es tritt die *Sonderung* heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne setzt sich nicht ohne weiteres mehr gleich, sondern er *sucht nach seinesgleichen*, -- er hebt andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die *Glieder-* und *Organbildung*: die verwandten Tendenzen sich zusammenstellend und sich als Macht betätigend: zwischen diesen Machtzentren Reibung, Krieg, Erkenntnis beiderseitiger Kräfte, Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von *Austausch der Leistungen*.

Am Schluß: eine *Rangordnung*.

Rekapitulation: 1. Die Individuen machen sich frei; 2. sie treten in Kampf, sie kommen über „Gleichheit der Rechte“ überein 3. ist das erreicht, so treten die tatsächlichen *Ungleichheiten der Kraft* in eine *vergrößerte Wirkung* (weil im großen ganzen der Friede herrscht und viele kleine Kraftquanta schon Differenzen ausmachen, solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisieren sich die Einzelnen zu *Gruppen*; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von neuem.

Man will *Freiheit*, solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu ihr), will man „*Gerechtigkeit*“, das heißt *gleiche Macht*.

459.

Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um *obenauf* zu bleiben, das ist das Maß der *Freiheit*, sei es für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form der Individualfreiheit, der Souveränität wüchse demnach mit großer Wahrscheinlichkeit nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten, wo das „Individuum“ bis zu jener Vollkommenheit *reif*, das heißt *frei* wird, wo der klassische Typus des *souveränen Menschen* erreicht ist: o nein! das waren niemals humane Zeiten!

Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf -- oder unten, wie ein Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben, um Tyrann, das heißt *frei* zu werden. Es ist kein kleiner Vorteil, hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen, damit kommt man zur „Freiheit der Bewegung“.

460.

Unsre neue „Freiheit“. -- Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu empfinden, wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir *nicht* in ein System von „Zwecken“ eingespannt sind! Insgleichen, daß der Begriff „Lohn“ und „Strafe“ nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern nur in der Perspektive der Erhaltungstendenzen gewisser Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (-- jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische Gefängnis und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)

461.

Die „wachsende Autonomie des Individuums“: davon reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die ~race moutonnière~ ansehen, die sie selber sind!...Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunftssoziologen! Das Individuum ist stark geworden unter *umgekehrten* Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und Verkümmerung des Menschen, ihr *wollt* sie selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid *derart*, daß ihr eure Herdentierbedürfnisse wirklich als *Ideal* empfindet!

Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!

462.

Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das *Individualistische* und die *Forderung gleicher Rechte*: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit: -- diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, wie schnell sie leidet, daß jeder andere ihm gleichgestellt gelte, daß er nur ~inter pares~ sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisiert, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehen. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständnis; die ganz „großen“ Erfolge gibt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massenerfolg immer eigentlich ein *kleiner* Erfolg ist: weil ~pulchrum est paucorum hominum~.

Alle Moralen wissen nichts von „Rangordnung“ der Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeindegewissen. Das Individualprinzip lehnt die *ganz großen* Menschen ab und verlangt unter ungefähr gleichen das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und zivilisierten Kulturen -- also erwarten kann, sein Teil Ehre zurückzubekommen --, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es gibt dem Zeitalter einen Anstrich von *grenzenloser Billigkeit*. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wut ohne Grenzen *nicht* gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die *vornehmen* Menschen, welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (zum Beispiel über alles und jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist *antiaristokratisch*.

Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder „Stadt-sein“ wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Offizierkorps und Beamtentum; oder Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der *kleinen Eitelkeit* nötig ist.

463.

*Erster Gesichtspunkt*: inwiefern die *Mitgefühls-* und *Gemeinschaftsgefühle* die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur Zeit, wo das Personalselbstgefühl, die Initiative der Wertsetzung im einzelnen noch gar nicht möglich ist.

*Zweiter Gesichtspunkt*: inwiefern die *Höhe des Kollektivselbstgefühls*, der Stolz auf die Distanz des Clans, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittlung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des *Individualselbstgefühls* ist: namentlich insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu *repräsentieren*: -- er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich als *Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit* fühlt.

*Dritter Gesichtspunkt*: inwiefern diese Formen der *Entselbstung* tatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters.

*Vierter Gesichtspunkt*: inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde *anerzieht* und *erlaubt*, welche er nicht um seiner selbst willen sich zugestehen würde.

~In summa~: die Kollektivselbstgefühle sind die große Vorschule der Personal*souveränität*. Der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.

464.

Die *maskierten* Arten des Willens zur Macht: 1. Verlangen nach *Freiheit*, Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, Frieden, *Koordination*. Auch der Einsiedler, die „Geistesfreiheit“. In niedrigster Form: Wille überhaupt, dazusein, „Selbsterhaltungstrieb“.

2. Die *Einordnung*, um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht zu befriedigen: die *Unterwerfung*, das Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei dem, der die Gewalt hat; die *Liebe*, als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, -- um über ihn zu herrschen.

3. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem *höheren* Rang zu gehören als die tatsächlich Gewalthabenden; die Anerkennung einer Rangordnung, die das *Richten* erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurteilung; die Erfindung *neuer Werttafeln* (Juden: klassisches Beispiel).

465.

Zum „Macchiavellismus“ der Macht.

Der *Wille zur Macht* erscheint a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur „*Freiheit*“: bloß das *Loskommen* scheint das Ziel (moralisch-religiös: „nur seinem eignen Gewissen verantwortlich“; b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf den Willen zur „*Gerechtigkeit*“, das heißt zu dem *gleichen Maß von Rechten*, wie die herrschende Art sie hat; c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Mutigsten als „*Liebe* zur Menschheit“, zum „Volk“, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; „Selbstopferung“ usw.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit einem großen Quantum Macht, dem man *Richtung zu geben vermag*: der Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (-- auch die Geschlechtsliebe gehört hierher: sie *will* die Überwältigung, das In-Besitz-nehmen, und sie *erscheint* als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur die Liebe zu seinem „Werkzeug“, zu seinem „Pferd“, -- seine Überzeugung davon, daß ihm das und das *zugehört*, als einem, der imstande ist, *es zu benutzen*).

466.

*Berichtigung des Begriffs „Egoismus“.* -- Hat man begriffen, inwiefern „Individuum“ ein Irrtum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der *ganze Prozeß* in gerader Linie ist (nicht bloß „vererbt“, sondern er selbst --), so hat das Einzelwesen eine *ungeheuer große Bedeutung*. Der Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt *nachläßt*, -- wo das Individuum sich einen Wert erst im Dienst für andere sucht, kann man sicher auf Ermüdung und *Entartung* schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens einen *zweiten* Wert zu schaffen, im Dienste *anderer* Egoismen. Meistens aber ist er nur *scheinbar*: ein *Umweg* zur Erhaltung des *eigenen Lebensgefühls, Wertgefühls*. -- 467.

Die *Kunstgriffe*, um Handlungen, Maßregeln, Affekte zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr „statthaft“, -- auch nicht mehr „schmackhaft“ sind: die *Kunst* „macht sie uns schmackhaft“, die uns in solche „entfremdete“ Welten eintreten läßt; der *Historiker* zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Soziologie; die „*Unpersönlichkeit*“ (so daß wir als *Media* eines Kollektivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten -- Richterkollegien, Jury, Bürger, Soldat, Minister, Fürst, Sozietät, „Kritiker“ --) gibt uns das Gefühl, *als ob wir ein Opfer brächten*...468.

*Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben* -- ist das mein unwillkürliches Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern er der *starke Mensch* ist? (Das Urteil *Dostoiewskys* über die Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)

469.

Wir lernen in unsrer zivilisierten Welt fast nur den verkümmerten Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine Tat verkleinernd und verleumdend, einen *mißglückten Typus von Verbrecher*; und wir widerstreben der Vorstellung, daß *alle großen Menschen Verbrecher waren* (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das Verbrechen zur Größe gehört (-- so nämlich geredet aus dem Bewußtsein der Nierenprüfer und aller derer, die am tiefsten in große Seelen *hinuntergestiegen* sind --). Die „Vogelfreiheit“ von dem Herkommen, dem Gewissen, der Pflicht -- jeder große Mensch kennt diese seine