SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

Page 15 of 20

Gefahr. Aber er *will* sie auch: er *will* das große Ziel und darum auch dessen Mittel.

470.

Das *Verbrechen* gehört unter den Begriff „Aufstand wider die gesellschaftliche Ordnung“. Man „bestraft“ einen Aufständischen nicht: man *unterdrückt* ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande nichts zu verachten, -- und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch zu sein, erniedrigt an sich noch nicht den Wert eines Menschen. Es gibt Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte, weil er an unsrer Gesellschaft etwas empfindet, gegen das der Krieg not tut: -- wo er uns aus dem Schlummer weckt.

Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes tut an einem Einzelnen, ist nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im Kriegszustand ist: die Tat als bloßes Symptom.

Man soll den Begriff „Strafe“ reduzieren auf den Begriff: Niederwerfung eines Aufstandes, Sicherheitsmaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht *Verachtung* durch die Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, -- ein Mann des Muts.

Man soll insgleichen die Strafe nicht als Buße nehmen; oder als eine Abzahlung, wie als ob es ein Tauschverhältnis gebe zwischen Schuld und Strafe, -- die Strafe reinigt nicht, *denn* das Verbrechen beschmutzt nicht.

Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur *Rasse des Verbrechertums* gehört. In letzterem Falle soll man ihm den Krieg machen, noch bevor er etwas Feindseliges getan hat (erste Operation, sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn kastrieren).

Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren noch den niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachteil anrechnen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein revoltierter Instinkt, die Ranküne des ~déclassé~ oft nicht sich zum Bewußtsein gelangt, ~faute de lecture~), daß er unter dem Eindruck der Furcht, des Mißerfolgs seine Tat verleumdet und verunehrt: von jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgibt und seiner Tat durch eine Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine Beraubung, während es ihm am Blute lag).

Man soll sich hüten, den Wert eines Menschen nach einer einzelnen Tat zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die Hautrelieftaten ganz besonders insignifikant. Wenn unsereiner kein Verbrechen, zum Beispiel keinen Mord, auf dem Gewissen hat -- woran liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben.

Und täten wir es, was wäre damit an unserm Werte bezeichnet? An sich würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute, unter Umständen einen Menschen zu töten. Fast in allen Verbrechen drücken sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und wertvollsten Bestandteil des russischen Volkes. Wenn bei uns der Verbrecher eine schlecht ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so gereicht dies unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in der Zeit der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine eigne Art von Tugend, -- Tugend im Renaissancestile freilich, ~virtù~, moralinfreie Tugend.

Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere Entwürdigung und Schädigung als irgendein Verbrechen.

471.

Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse Bußen an verächtliche Menschen (Sklaven zum Beispiel) geknüpft wurden. Die, welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen, und schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes.

472.

Im alten Strafrecht war ein *religiöser* Begriff mächtig: der der sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich das *los*, für was man so viel hat leiden *wollen*. Gesetzt, daß an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so gibt es hinterdrein eine *Erleichterung* und ein *Aufatmen*, das wirklich einer neuen Gesundheit, einer Wiederherstellung nahekommt. Man hat nicht nur seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden, -- „rein“...Heute isoliert die Strafe noch mehr als das Vergehen; das *Verhängnis* hinter einem Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus...Von jetzt ab gibt es einen Feind mehr.

Das ~jus talionis~ *kann* diktiert sein durch den Geist der Vergeltung (das heißt durch eine Art Mäßigung des Racheinstinktes); aber bei *Manu* zum Beispiel ist es das Bedürfnis, ein Äquivalent zu haben, um zu *sühnen*, um religiös wieder „frei“ zu sein.

473.

Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren Strafgesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe tun sollen gemäß der Größe des Verbrechens -- und so wollt ihr's ja alle im Grunde! -- nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: -- das heißt, es dürfte eine *vorherige* Bestimmung der Strafe für ein Vergehen, es dürfte einen Strafkodex *gar nicht geben*? Aber in Anbetracht, daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Gradskala seiner Lust und Unlust festzustellen, so würde man ~in praxi~ wohl auf das Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich -- -- 474.

Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche, wie alle moralische Wissenschaft, noch nicht einmal in der Windel liegt!

Man verkennt zum Beispiel immer noch, auch unter frei sich dünkenden Juristen, die älteste und wertvollste *Bedeutung* der Strafe -- man kennt sie gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die Völkervergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als „Philosophie des Rechtes“ vorstellen, und die sämtlich vom gegenwärtigen Menschen abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in bezug auf seine rechtlichen Wertschätzungen, daß er die verschiedensten *Ausdeutungen* erlaubt.

475.

Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zugrunde gehen sollen, so hätten sie viele Gesetze.

476.

„Lohn und Strafe“. -- Das lebt miteinander, das verfällt miteinander.

Heute will man nicht belohnt sein, man will niemanden *anerkennen*, der straft...Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man *will* etwas, man hat Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, *wenn man sich verträgt*, -- wenn man einen *Vertrag* macht.

Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen „Vertrag“ gemacht hat: -- der Verbrecher ist ein *Vertragsbrüchiger*...Das wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und *prinzipielle* Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden...477.

Die *Gegenseitigkeit*, die Hinterabsicht auf Bezahltwerden-wollen: eine der verfänglichsten Formen der Werterniedrigung des Menschen. Sie bringt jene „Gleichheit“ mit sich, welche die Kluft der Distanz als Die Zeiten, wo man mit *Lohn* und *Strafe* den Menschen *lenkt*, haben eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei *Kindern*...Inmitten unsrer späten Kultur ist die Fatalität und die Degenereszenz etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe *aufhebt*...Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche *Bestimmen* der Handlung durch Lohn- und Strafaussicht. In alten Rassen sind die Impulse so *unwiderstehlich*, daß eine bloße Vorstellung ganz ohnmächtig ist; -- nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen *müssen*: diese extreme Irritabilität der ~décadents~ macht solche Straf- und *Besserungs*systeme vollkommen sinnlos.

Der Begriff „Besserung“ ruht auf der Voraussetzung eines normalen und starken Menschen, dessen Einzelhandlung irgendwie wieder *ausgeglichen* werden soll, um ihn *nicht* für die Gemeinde zu *verlieren*, um ihn nicht als *Feind* zu haben.

2. Der Staat.

479.

Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich *verantwortlich*. Die Vielheiten sind erfunden, um Dinge zu tun, zu denen der Einzelne nicht den Mut hat. Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal *aufrichtiger* und *belehrender* über das Wesen des Menschen als das Individuum, welches zu schwach ist, um den Mut zu seinen Begierden zu haben...Der ganze „Altruismus“ ergibt sich als *Privatmannklugheit*: die Gesellschaften sind nicht „altruistisch“ gegen einander...Das Gebot der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbarliebe erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: „Alle uns angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns *deren* Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.“ Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der Mensch als Gesellschaft viel *naiver* ist als der Mensch als „Einheit“.

Die „Gesellschaft“ hat die *Tugend* nie anders gesehen, denn als Mittel der Stärke, der Macht, der Ordnung.

Wie einfältig und würdig sagt es Manu: „Aus eigner Kraft würde die Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die Furcht vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und jeden im ruhigen Besitz des Seinen läßt.“ 480.

Ihr habt alle nicht den Mut, einen Menschen zu töten oder auch nur zu peitschen oder auch nur zu --, aber die ungeheure Maschine von *Staat* überwältigt den Einzelnen, so daß er die Verantwortlichkeit für das, was er tut, ablehnt (Gehorsam, Eid usw.).

-- Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates *tut*, geht wider seine Natur.

-- insgleichen alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im Staate *lernt*, geht wider seine Natur.

Das wird erreicht durch die *Arbeitsteilung* (so daß niemand die ganze Verantwortlichkeit mehr hat): der Gesetzgeber -- und der, der das Gesetz ausführt; der Disziplinlehrer -- und die, welche in der Disziplin hart und streng geworden sind.

481.

Der *Staat* oder die organisierte *Unmoralität*, -- *inwendig*: als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; *auswendig*: als Wille zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache.

Wie wird es erreicht, daß er eine *große Menge* Dinge tut, zu denen der *Einzelne* sich nie verstehen würde? -- Durch Zerteilung der Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch *Zwischenlegung* der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Aufrechterhaltung des Stolzes, der Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, -- kurz aller typischen Züge, welche dem Herdentypus *widersprechen*.

482.

Versuch meinerseits, die *absolute Vernünftigkeit* des gesellschaftlichen Urteilens und Wertschätzens zu begreifen (natürlich frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen).

: den Grad von *psychologischer Falschheit* und Undurchsichtigkeit, um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu *heiligen* (um sich für sie das *gute Gewissen* zu schaffen).

: den Grad von *Dummheit*, damit eine gemeinsame Regulierung und Wertung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der Bildungselemente, Dressur).

: den Grad von *Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit*, um die Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, -- um ihnen selbst das schlechte Gewissen zu geben, so daß diese innerlich an ihrer Ausnahmehaftigkeit krank sind.

483.

Damit etwas bestehen soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also ein *Werk* bestehen bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit usw. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, Verehrung, Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantiert sind, wenn ich jenes *Werk* (zum Beispiel die πόλις) garantiere. *Moral* ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine *Versklavung* der Einzelnen etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive von unten nach oben ganz andere Ausdrücke geben wird als die von oben nach unten.

Ein Machtkomplex: wie wird er *erhalten*? Dadurch, daß viele Geschlechter sich ihm opfern.

484.

Das *Kontinuum*: „Ehe, Eigentum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie, Volk, Staat“ sind Kontinuen niederer und höherer Ordnung. Die Ökonomik derselben besteht in dem *Überschusse* der *Vorteile* der ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die *Nachteile*: die größeren Kosten der Auswechslung der Teile oder der Dauerbarmachung derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Teile, welche doch vielfach unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und nicht unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vorteil besteht darin, daß die Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste gespart werden. *Nichts ist kostspieliger als ein Anfang.* „Je größer die Daseinsvorteile, desto größer auch die Erhaltungs- und Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zugrunde zu gehen.“ 485.

Kritik der „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit vor dem Gesetz“: was eigentlich damit *weggeschafft* werden soll? Die Spannung, die Feindschaft, der Haß. -- Aber ein Irrtum ist es, daß dergestalt „*das Glück*“ *gemehrt* wird: die Korsen zum Beispiel genießen mehr Glück als die Kontinentalen.

486.

Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden verdorben. Der „Staat“, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der *große Mensch* fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor *jeder* Willenskraft, die befiehlt, in den Staub fallen.

487.

Man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf „Glück“: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem niedrigsten Wurm.

488.

„*Die Erlösung von aller Schuld*.“ Man spricht von der „tiefen Ungerechtigkeit“ des sozialen Pakts: wie als ob die Tatsache, daß dieser unter günstigen, jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß dieser mit diesen Eigenschaften, jener mit jenen geboren wird. Von seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird dekretiert: „Wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften, verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die unvermeidlichen *Folgen* einer sekulären Unterdrückung der Schwachen durch die Starken“; sie schieben ihren Charakter den herrschenden Ständen ins Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird tugendhaft vor Entrüstung --, man will nicht umsonst ein schlechter Mensch, eine Kanaille geworden sein.

Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich, soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungspessimismus.

Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr, *Schuldige* in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die ~décadents~ jeder Art, sind in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren Vernichtungsdurst zu löschen (-- was an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nötig, das heißt eine Theorie, auf welche hin sie die Tatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins auf irgendeinen Sündenbock *abwälzen* können.

Dieser Sündenbock kann Gott sein -- es fehlt in Rußland nicht an solchen Atheisten aus Ressentiment --, oder die gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder die Vornehmen, oder überhaupt *Gutweggekommene* irgendwelcher Art. „Es ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden: denn damit hat man die andern enterbt, beiseite gedrückt, zum Laster, selbst zur *Arbeit* verdammt...Was kann ich dafür, miserabel zu sein! Aber irgendwer muß etwas dafür können, *sonst wäre es nicht auszuhalten*!“...Kurz, der Entrüstungspessimismus *erfindet* Verantwortlichkeiten, um sich ein *angenehmes* Gefühl zu schaffen -- Rache...„Süßer als Honig“ nennt sie schon der alte Homer. -- Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständnis, will sagen Verachtung, findet, das macht das Stück *Christentum*, das uns allen noch im Blute steckt: so daß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas christlich riechen...Die Sozialisten appellieren an die christlichen Instinkte; das ist noch ihre feinste Klugheit...Vom Christentum her sind wir an den abergläubischen Begriff der „Seele“ gewöhnt, an die „unsterbliche Seele“, an die Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder jene Umstände, ins „Irdische“ gleichsam hineingefallen ist, „Fleisch“ geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige denn *bedingt* wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten, Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren *Werk*. Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transzendent gemacht; es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen.

In der Tat hat erst das Christentum das Individuum herausgefordert, sich zum Richter über alles und jedes aufzuwerfen; der Größenwahn ist ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja *ewige* Rechte gegen alles Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft!

Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas Unsterbliches, etwas Göttliches: eine *Seele*!

Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich noch weit tiefer ins Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von der „*Gleichheit der Seelen vor Gott*“. In ihm ist das Prototyp aller Theorien der *gleichen Rechte* gegeben: man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst zu nehmen, ihn *praktisch* zu nehmen! -- will sagen politisch, demokratisch, sozialistisch, entrüstungspessimistisch.

Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der *Instinkt der Rache* gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache wurde in Jahrtausenden dermaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor allem aber die *Moral* mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht hat, so weit hat er den Bazillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat *das Dasein* überhaupt *um seine Unschuld gebracht*: nämlich dadurch, daß er jedes So-und-so-sein auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnisvollste *Fälschung* in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche *Nützlichkeit* der Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die Urheber jener Psychologie -- der Willenspsychologie -- hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen, -- sie wollten *Gott* ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke wurde der Mensch „frei“ gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte Psychologie widerlegt.

Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir Halkyonier zumal mit aller Kraft den *Schuldbegriff* und *Strafbegriff* aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutz zu reinigen, -- in wem müssen wir unsere natürlichsten Antagonisten sehen?

Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen Entrüstungspessimisten ~par excellence~, welche eine Mission daraus machen, ihren Schmutz unter dem Namen „Entrüstung“ zu heiligen...Wir andern, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen, möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß niemand dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, -- daß niemand *schuld* an ihm ist...Es fehlt ein Wesen, das dafür verantwortlich gemacht werden könnte, daß jemand überhaupt da ist, daß jemand so und so ist, daß jemand unter diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist. -- *Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt*...Wir sind *nicht* das Resultat einer ewigen Absicht, eines Willens, eines Wunsches: mit uns wird *nicht* der Versuch gemacht, ein „Ideal von Vollkommenheit“ oder ein „Ideal von Glück“ oder ein „Ideal von Tugend“ zu erreichen, -- wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich das Alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor allem: niemand *könnte* es: man *kann* das Ganze nicht richten, messen, vergleichen oder gar verneinen! Warum nicht? -- Aus fünf Gründen, allesamt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel, *weil es nichts gibt außer dem Ganzen*...Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins.

489.

Wie mir die Sozialisten lächerlich sind mit ihrem albernen Optimismus vom „guten Menschen“, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst die bisherige „Ordnung“ abgeschafft hat und alle „natürlichen Triebe“ losläßt.

Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewalttat in dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht zugesteht. „‚Ich und meine Art‘ will herrschen und übrigbleiben: wer entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet“ -- ist Grundgefühl jeder alten Gesetzgebung.

Man haßt die Vorstellung einer *höheren Art* Menschen mehr als die Monarchen. Antiaristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als Maske -- 490.

Ich bin abgeneigt 1. dem Sozialismus, weil er ganz naiv vom „Guten, Wahren, Schönen“ und von „gleichen Rechten“ träumt (-- auch der Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal); 2. dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind, wodurch das Herdentier sich zum Herrn macht.

491.

Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Teil eine Entfesselung von Kräften. Vor allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von *Schwächen*.

492.

„Der Wille zur Macht“ wird in demokratischen Zeitaltern dermaßen gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das soll Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! -- Als ob das nicht gerade die größten *Verächter* der Ehre wären!...Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die Genüsse zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehen: -- er versteht dieses Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus!

493.

Der moderne Sozialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus schaffen: *Jeder* absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist nicht aufgefunden bisher.

494.

Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung usw.“ oder „bei den Vielen“ -- gibt es ein *oligarchisches* Regiment oder ein *demokratisches*.

Das *Königtum* repräsentiert den Glauben an einen ganz Überlegenen, einen Führer, Retter, Halbgott.

Die *Aristokratie* repräsentiert den Glauben an eine Elite-Menschheit und höhere Kaste.

Die *Demokratie* repräsentiert den *Unglauben* an große Menschen und an Elite-Gesellschaft: „Jeder ist jedem gleich“. „Im Grunde sind wir allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel.“ 495.

*Aus der Zukunft des Arbeiters.* -- Arbeiter sollten wie *Soldaten* empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber keine Bezahlung!

Kein Verhältnis zwischen Abzahlung und *Leistung*! Sondern das Individuum, *je nach seiner Art*, so stellen, daß es das *Höchste leisten* kann, was in seinem Bereich liegt.

496.

Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; -- aber *über* ihnen, sich durch Bedürfnislosigkeit auszeichnend, die *höhere Kaste*: also ärmer und einfacher, doch im Besitz der Macht.

Für die *niederen* Menschen gelten die umgekehrten Wertschätzungen; es kommt darauf an, in sie die „Tugenden“ zu pflanzen. Die absoluten Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die übrigen dürfen *gehorchen*: und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht abhängig von großen Menschen, sondern von „*Prinzipien*“ erscheinen.

497.

*Meine „Zukunft“*: -- eine stramme Polytechnikerbildung. Militärdienst: so daß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Offizier ist, er sei sonst, wer er sei.

498.

Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europas soll nicht mehr lange dauern! Gibt es irgendeinen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen Wert könnte es haben, jetzt, wo alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die *geistige Unselbständigkeit* und Entnationalisierung in die Augen springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten der eigentliche Wert und Sinn der jetzigen Kultur liegt!...Und das „neue Reich“, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet: die Gleichheit der Rechte und der Stimmen.

Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts taugt; diese Kultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der Die wirtschaftliche Einigung Europas kommt mit Notwendigkeit -- und ebenso, als Reaktion, die *Friedenspartei*...Eine Partei des *Friedens*, ohne Sentimentalität, welche sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört; eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit; alsbald die *große* Partei. Gegnerisch gegen die *Rach-* und *Nachgefühle*.

Eine *Kriegspartei*, mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend -- 499.

*Die Aufrechterhaltung des Militärstaates* ist das allerletzte Mittel, die *große Tradition* sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten hinsichtlich des *obersten Typus* Mensch, des *starken Typus*. Und alle *Begriffe*, die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen daraufhin sanktioniert erscheinen (zum Beispiel Nationalismus, Schutzzoll).

500.

Moral wesentlich als *Wehr*, als Verteidigungsmittel; insofern ein Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch).

Der ausgewachsene Mensch hat vor allem *Waffen*: er ist *angreifend*.

Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und Platten Federn und Haare).

501.

*Grundfehler*: die Ziele in die Herde und *nicht* in einzelne Individuen zu legen! Die Herde ist Mittel, nicht *mehr*! Aber jetzt versucht man, *die Herde als Individuum* zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, -- tiefstes Mißverständnis!!! Insgleichen das, was herdenhaft macht, die Mitgefühle, als die *wertvollere* Seite unsrer Natur zu charakterisieren!

V. Kunst -- ein Machtwille.

502.

„Schönheit“ ist deshalb für den Künstler etwas außer aller Rangordnung, weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: -- daß keine Gewalt mehr not tut, daß alles so leicht *folgt, gehorcht*, und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht -- das ergötzt den Machtwillen des Künstlers.

503.

*Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“.* I.

Die Konzeption des Werkes, auf welche man in dem Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn...Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt. *Wir haben Lüge nötig*, um über diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu *leben*...Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins.

Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft -- sie werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hilfe wird ans Leben *geglaubt*. „Das Leben *soll* Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr als alles andere *Künstler* sein. Und er *ist* es auch: Metaphysik, Religion, Moral, Wissenschaft -- alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur *Verneinung* der „Wahrheit“. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstlervermögen des Menschen ~par excellence~ -- er hat es noch mit allem, was ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück *Genie der Lüge* sein!

Daß der Charakter des Daseins *verkannt* werde -- und höchste Geheimabsicht hinter allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlertum ist. Vieles niemals sehen, vieles falsch sehen, vieles hinzusehen: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“ -- lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben, lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von Macht! Wieviel Künstlertriumph im Gefühl der Macht!...Der Mensch ward wieder einmal Herr über den „*Stoff*“, -- Herr über die Wahrheit!...Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht, er genießt die Lüge als seine Macht...II.

Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens.

Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Die Kunst als die *Erlösung des Erkennenden*, -- dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch-Erkennenden.

Die Kunst als die *Erlösung des Handelnden*, -- dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht, sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden.

Die Kunst als die *Erlösung des Leidenden*, -- als Weg zu Zuständen, wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine Form der großen Entzückung ist.

III.

Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht als oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, „metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Schein: -- letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, das heißt *zum Schaffen*: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet).

Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert, aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der *tragisch-dionysische* Zustand.

IV.

Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das „göttlicher“ ist als die Wahrheit: die *Kunst*. Niemand würde, wie es scheint, einer radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen Nein*tun* noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort reden als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er -- er hat es erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! -- daß die Kunst *mehr wert* ist als die Wahrheit.

In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntnis, dies Artistenevangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen *metaphysische* Tätigkeit...“ 504.

Das Phänomen „Künstler“ ist noch am leichtesten *durchsichtig*: -- von da aus hinzublicken auf die *Grundinstinkte der Macht* usw.! Auch der Religion und Moral!

„Das Spiel“, das Unnützliche -- als Ideal des mit Kraft Überhäuften, als „kindlich“. Die „Kindlichkeit“ Gottes, παῖς παίζων.

505.

Unsre Religion, Moral und Philosophie sind ~décadence~-Formen des Menschen.

506.

In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge „dieser Welt“, -- sie liebten ihre Sinne. „Entsinnlichung“ zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständnis oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritanergewissens leben -- leben *dürfen*, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr nötig: es ist ein Merkmal der Wohlgeratenheit, wenn einer gleich Goethe mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an „den Dingen der Welt“ hängt: -- dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch *der Verklärer des Daseins* wird, wenn er sich selbst verklären lernt.

507.

Biologischer Wert des *Schönen* und des *Häßlichen*. -- Was uns