SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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instinktiv *widersteht*, ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung dem Menschen als schädlich, gefährlich, Mißtrauen verdienend bewiesen: der plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel zum Beispiel) enthält ein *Urteil*. Insofern steht das *Schöne* innerhalb der allgemeinen Kategorie der biologischen Werte des Nützlichen, Wohltätigen, Leben-steigernden: doch so, daß eine Menge Reize, die ganz von fern an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns das Gefühl des Schönen, das heißt der Vermehrung von Machtgefühl, geben (-- nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindungen solcher Dinge oder ihre Symbole).

Hiermit ist das Schöne und Häßliche als *bedingt* erkannt; nämlich in Hinsicht auf unsre untersten *Erhaltungswerte*. Davon abgesehen ein Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. *Das* Schöne existiert so wenig als *das* Gute, *das* Wahre. Im Einzelnen handelt es sich wieder um die *Erhaltungsbedingungen* einer bestimmten Art von Mensch: so wird der *Herdenmensch* bei anderen Dingen das *Wertgefühl des Schönen* haben, als der *Ausnahme*- und Übermensch.

Es ist die *Vordergrundsoptik*, welche nur die *nächsten Folgen* in Betracht zieht, aus der der Wert des Schönen (auch des Guten, auch des Wahren) stammt.

Alle Instinkturteile sind *kurzsichtig* in Hinsicht auf die Kette der Folgen: sie raten an, was *zunächst* zu tun ist. Der Verstand ist wesentlich ein *Hemmungsapparat* gegen das Sofort-Reagieren auf das Instinkturteil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger.

sie haben immer den Verstand *gegen* sich --): aber im *höchsten Grade überredend*; sie appellieren an unsre Instinkte, dort, wo sie am schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, *bevor* noch der Verstand zu Worte kommt.

Die gewohntesten Schönheitsbejahungen *regen sich gegenseitig auf und an*; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, kristallisiert sich um „das einzelne Schöne“ noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, *objektiv* zu bleiben, respektive die interpretierende, hinzugebende, ausfüllende, dichtende Kraft auszuhängen (-- letztere ist jene Verkettung der Schönheitsbejahungen selber). Der Anblick eines „schönen Weibes“...

Also 1. das Schönheitsurteil ist *kurzsichtig*, es sieht nur die nächsten Folgen; 2. es *überhäuft* den Gegenstand, der es erregt, mit einem *Zauber*, der durch die Assoziation verschiedener Schönheitsurteile bedingt ist, -- der aber dem *Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist*. Ein Ding als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden -- (weshalb, beiläufig gesagt, die Liebesheirat die gesellschaftlich unvernünftigste Art der Heirat ist).

508.

*Der tragische Künstler.* -- Es ist die Frage der *Kraft* (eines Einzelnen oder eines Volkes), *ob* und *wo* das Urteil „schön“ angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der *aufgestauten Kraft* (aus dem es erlaubt ist, vieles mutig und wohlgemut entgegenzunehmen, vor dem der Schwächling *schaudert*) -- das *Macht*gefühl spricht das Urteil „schön“ noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt der Ohnmacht nur als *hassenswert*, als „häßlich“ abschätzen kann.

Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte als Gefahr, Problem, Versuchung, -- diese Witterung bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. („Das ist schön“ ist eine *Bejahung*).

Daraus ergibt sich, ins Große gerechnet, daß die *Vorliebe für fragwürdige und furchtbare Dinge* ein Symptom für *Stärke* ist: während der Geschmack am *Hübschen und Zierlichen* den Schwachen, den Delikaten zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet *starke* Zeitalter und Charaktere: ihr ~non plus ultra~ ist vielleicht die ~divina commedia~.

Es sind die *heroischen* Geister, welche zu sich selbst in der tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als *Lust* zu empfinden.

Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren, welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie tun, um die Tragödie sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre *eignen Wertgefühle* in sie hinein interpretieren: zum Beispiel den „Triumph der sittlichen Weltordnung“ oder die Lehre vom „Unwert des Daseins“ oder die Aufforderung zur „Resignation“ (-- oder auch halb medizinische, halb moralische Affektausladungen ~à la~ Aristoteles). Endlich: die *Kunst des Furchtbaren*, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute zum Beispiel der Grund für die *Schätzung* der Wagnerschen Kunst. Es ist ein Zeichen von *Wohl-* und *Machtgefühl*, wie weit einer den Dingen ihren furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und *ob* er überhaupt „Lösungen“ am Schluß braucht.

Diese Art *Künstlerpessimismus* ist genau das *Gegenstück zum moralisch-religiösen Pessimismus*, welcher an der „Verderbnis“ des Menschen, am Rätsel des Daseins leidet: dieser will durchaus eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit einem Wort, haben zu allen Zeiten die entzückenden *Visionen* nötig gehabt, um es auszuhalten (der Begriff „Seligkeit“ ist *dieses* Ursprungs).

Ein verwandter Fall: die Künstler der ~décadence~, welche im Grunde *nihilistisch* zum Leben stehen, *flüchten* in die *Schönheit der Form*, -- in die *ausgewählten* Dinge, wo die Natur vollkommen ward, wo sie indifferent *groß* und *schön* ist...(-- Die „Liebe zum Schönen“ kann somit etwas anderes als das *Vermögen* sein, ein Schönes zu *sehen*, das Schöne zu *schaffen*: sie kann gerade der Ausdruck von *Unvermögen* dazu sein.)

Die überwältigenden Künstler, welche einen *Konsonanzton* aus jedem Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit und Selbsterlösung noch den Dingen zugute kommen lassen: sie sprechen ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, -- ihr Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein.

Die *Tiefe des tragischen Künstlers* liegt darin, daß sein ästhetischer Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim Nächsten stehen bleibt, daß er die *Ökonomie im großen* bejaht, welche das *Furchtbare*, *Böse*, *Fragwürdige* rechtfertigt, und nicht nur -- rechtfertigt.

509.

Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch „der Gute“ im großen Gesamtschauspiel des Lebens eine Form der *Erschöpfung* darstellt: so werden sie der Konsequenz des Christentums die Ehre geben, welche den Guten als den *Häßlichen* konzipierte. Das Christentum hatte damit recht.

An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit, zu sagen, „das Gute und das Schöne sind eins“; fügt er gar noch hinzu, „auch das Wahre“, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich.

Wir haben die *Kunst*, damit wir *nicht an der Wahrheit zugrunde gehen*.

510.

*Was ist tragisch?* -- Ich habe zu wiederholten Malen den Finger auf das große Mißverständnis des Aristoteles gelegt, als er in zwei *deprimierenden* Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er recht, so wäre die Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des Pessimismus *gesundheitsschädlich* (-- denn daß man durch Erregung dieser Affekte sich von ihnen „purgiert“, wie Aristoteles zu glauben scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder Mitleid erregt, desorganisiert, schwächt, entmutigt: -- und gesetzt, Schopenhauer behielte recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen habe (das heißt eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine Kunst konzipiert, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete dann einen Auflösungsprozeß: der Instinkt des Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend. Christentum, Nihilismus, tragische Kunst, physiologische ~décadence~: das hielte sich an den Händen, das käme zur selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts -- *abwärts*...Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls.

Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich, indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion mißt. Und man bekommt als Ergebnis, was zuletzt nur die absolute Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: -- daß die Tragödie ein *~tonicum~* ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen *wollte*, wenn er die Gesamtdepression als tragischen Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (-- die zu seinem Verdruß nicht „resignierten“...) zu verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden: so ist das ~parti pris~, Logik des Systems, Falschmünzerei des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, welche Schopenhauern Schritt für Schritt seine ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit, die Erkenntnis und ungefähr alles willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat).

511.

Das Kunstwerk, wo es *ohne* Künstler erscheint, zum Beispiel als Leib, als Organisation (preußisches Offizierkorps, Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist.

Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk -- -- 512.

*Der Nihilismus der Artisten.* -- Die Natur grausam durch ihre Heiterkeit; zynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig gegen *Rührungen*. Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsre Sinne und unsre Einbildungskraft bewegt; wo wir nichts zu lieben haben, wo wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser nordischen Natur erinnert werden; -- und so auch in den Künsten. Wir ziehen vor, was nicht mehr uns an „Gut und Böse“ erinnert. Unsre moralistische Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer furchtbaren und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und der Kräfte. Das Leben ohne Güte.

Die Wohltat besteht im Anblick der großartigen *Indifferenz* der Natur gegen Gut und Böse.

Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin ~in historicis~, wo die Absenz der Gerechtigkeit selber noch mit großartiger Naivität sich zeigt, wo gerade die *Vollkommenheit* zum Ausdruck kommt --, und insgleichen in der *Natur* dorthin, wo der böse und indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der *Vollkommenheit* darstellt...Der nihilistische Künstler verrät sich im Wollen und Bevorzugen der *zynischen Geschichte, der zynischen Natur*.

513.

Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als *krankhaft* zu beurteilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, -- meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute „gesund“ genannt wird, ein niedrigeres Niveau von dem darstellt, was unter günstigen Verhältnissen gesund *wäre* --, daß wir relativ krank sind...Der Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns krankhaft wäre, ist bei ihm Natur -- -- Aber man wendet uns ein, daß gerade die *Verarmung* der Maschine die extravagante Verständniskraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugnis unsre hysterischen Weiblein.

Die *Überfülle* an Säften und Kräften kann so gut Symptome der partiellen Unfreiheit, von Sinneshalluzinationen, von Suggestionsraffinements mit sich bringen wie eine Verarmung an Leben --, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich...Vor allem ist die *Nach*wirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden Naturen nach ihren Nervenexzentrizitäten hat nichts mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht *abzubüßen* hat...Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne arm zu werden.

Wie man heute „Genie“ als eine Form der Neurose beurteilen dürfte, so vielleicht auch die künstlerische Suggestivkraft, -- und unsre *Artisten* sind in der Tat den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!!

Das aber spricht gegen „heute“, und nicht gegen die „Künstler“.

Die unkünstlerischen Zustände: die der *Objektivität*, der Spiegelung, des ausgehängten Willens...(das skandalöse Mißverständnis *Schopenhauers*, der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens nimmt)...Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: -- der Christ.

514.

Der *moderne* Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, -- er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung --, es sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt.

Diese Eitelkeit ist ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nötig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche Linderung verspricht. (*Unfähigkeit* zum Stolz und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nötig zu haben -- das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.)

Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen Krisen macht und das „Dramatische“ in die geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles Berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe studieren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden *verlangten* Charakter.

515.

Künstler sind *nicht* die Menschen der *großen* Leidenschaft, was sie uns und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt ihnen die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, *indem sie leben*; sie lauern sich auf, sie sind zu neugierig), und es fehlt ihnen auch die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. -- Mit einem Talent ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines Talents.

Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man sie darstellt: vielmehr, man *ist* mit ihr fertig, *wenn* man sie darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte, -- aus ~delicatezza~.)

516.

Verglichen mit dem *Künstler*, ist das Erscheinen des *wissenschaftlichen* Menschen in der Tat ein Zeichen einer gewissen Eindämmung und Niveauerniedrigung des Lebens (-- aber auch einer Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen *Wahr* und *Nützlich* beim Künstler Zeichen von Jugend, von „*Kinderei*“ sein mögen...Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz über sich, ihre Gleichgültigkeit gegen „ewige Werte“, ihr Ernst im „Spiele“, -- ihr Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; der Heilige und die Kanaille...Das *Nachmachen* als Instinkt, nicht allen Phasen zugehören?...Ja!

517.

Würde irgendein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft fehlen, wenn das Weib, wenn das *Werk des Weibes* darin fehlte? Geben wir die Ausnahme zu -- sie beweist die Regel -- das Weib bringt es in allem zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in Memoiren, selbst in der delikatesten Handarbeit, die es gibt, kurz, in allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil es darin sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen Kunstantrieb gehorcht, den es besitzt, -- es will *gefallen*...Aber was hat das Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten Künstlers zu schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit zugesteht als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Wert zugesteht, es sei denn, daß es Form zu werden weiß (-- daß es sich preisgibt, daß es sich öffentlich macht --). Die Kunst, so wie der Künstler sie übt -- begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf alle ~pudeurs~?...Erst mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene Schwenkung zur Literatur gewagt (-- ~vers la canaille plumière écrivassière~, mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, es künstlert, es verliert an Instinkt. *Wozu doch?* wenn man fragen darf?

518.

Man ist um den Preis Künstler, daß man das, was alle Nichtkünstler „Form“ nennen, als *Inhalt*, als „die Sache selbst“ empfindet. Damit gehört man freilich in eine *verkehrte Welt*: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu etwas bloß Formalem, -- unser Leben eingerechnet.

519.

Zur Charakteristik des *nationalen Genius* in Hinsicht auf Fremdes und Entlehntes. -- Der *englische* Genius vergröbert und vernatürlicht alles, was er empfängt; der *französische* verdünnt, vereinfacht, logisiert, putzt auf; der *deutsche* vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisiert; der *italienische* hat bei weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als herausgezogen: als der *reichste* Genius, der am meisten zu verschenken hatte.

520.

Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen „Genie“ als Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermütigster Vollkommenheit, wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf-, sechsmal fast in jeder seiner ~bouffonneries~ erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas anderes verstehen.

-- 521.

*Pessimismus in der Kunst?* -- Der Künstler liebt allmählich die Mittel um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen gibt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie, die Nuance des Tons: das *Distinkte*, wo sonst, im Normalen, alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; -- die Wirkung der Kunstwerke ist die *Erregung des kunstschaffenden Zustands*, des Rausches.

Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre *Daseinsvollendung*, ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich *Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins*...Was bedeutet eine *pessimistische Kunst*? Ist das nicht eine ~contradictio~? -- Ja. -- Schopenhauer *irrt*, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt *nicht* „Resignation“...Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen, ist selbst schon ein Instinkt der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht...Es gibt keine pessimistische Kunst...Die Kunst bejaht. Hiob bejaht. -- Aber Zola? Aber die Goncourts? -- Die Dinge sind häßlich, die sie zeigen: aber *daß* sie dieselben zeigen, ist aus *Lust an diesem Häßlichen*...Hilft nichts! ihr betrügt euch, wenn ihr's anders behauptet. -- Wie erlösend ist Dostoiewsky!

522.

Es sind die Ausnahmezustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: so daß es nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein.

Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur „Person“ gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen überhaupt anhaften: 1. der *Rausch*: das erhöhte Machtgefühl; die innere Nötigung, aus den Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen; 2. die *extreme Schärfe* gewisser Sinne: so daß sie eine ganz andre Zeichensprache verstehen -- und schaffen, -- dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint --; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles dessen, was Zeichen zu geben weiß --; ein Bedürfnis, sich gleichsam loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch hundert Sprachmittel zu reden, -- ein *explosiver* Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann als unfreiwillige *Koordination dieser Bewegung* zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), -- als eine Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von innen wirkender starker Reize --; Unfähigkeit, die Reaktion zu *verhindern*; der Hemmungsapparat gleichsam *ausgehängt*. Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von *Vaskularveränderungen* und folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion.

Die *suggestive* Kraft der Musik, ihre „~suggestion mentale~“; -- 3. das *Nachmachen-müssen*: eine extreme Irritabilität, bei der sich ein gegebenes Vorbild kontagiös mitteilt, -- ein Zustand wird nach Zeichen schon erraten und *dargestellt*...Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder --, eine gewisse *Willens*aushängung...(Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein nach außen hin, -- das Reich der *zugelassenen* Reize ist scharf umgrenzt.

Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, -- dergestalt, daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswert ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, -- vom Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritiker --) einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft *verarme*...Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man soll vom Künstler, der *gibt*, nicht verlangen, daß er Weib wird, -- daß er „*empfängt*“.

Unsere Ästhetik war insofern bisher eine Weibsästhetik, als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen „was ist schön?“ formuliert haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler...Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein notwendiger Fehler: denn der Künstler, der anfinge, sich zu begreifen, würde sich damit *vergreifen*, -- er hat nicht zurückzusehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. -- Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein, -- andernfalls ist er halb und halb, ist er „modern“.

523.

Das Rauschgefühl, tatsächlich einem *Mehr von Kraft* entsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen; -- die „Verschönerung“ ist eine Folge der *erhöhten* Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines *siegreichen* Willens, einer gesteigerten Koordination, einer Harmonisierung aller starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts.

Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das *Wahrnehmen* solcher Vereinfachung das Kraftgefühl...Spitze der Entwicklung: der große Stil.

Die Häßlichkeit bedeutet *~décadence~ eines Typus*, Widerspruch und mangelnde Koordination der inneren Begehrungen, -- bedeutet einen Niedergang an *organisierender* Kraft, an „Willen“, psychologisch geredet.

Der Lustzustand, den man *Rausch* nennt, ist exakt ein hohes Machtgefühl...Die Raum- und Zeitempfindungen sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst *wahrnehmbar*; die *Ausdehnung* des Blicks über größere Mengen und Weiten; die *Verfeinerung des Organs* für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten; die *Divination*, die Kraft des Verstehens auf die leiseste Hilfe hin, auf jede Suggestion hin: die „intelligente“ *Sinnlichkeit* --; die *Stärke* als Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung, als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod...Alle diese Höhenmomente des Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt als Suggestion für den andern: -- dergestalt sind schließlich Zustände ineinander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (-- zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich koordiniert. Was gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie und das Mitleid (-- ebenfalls normal koordiniert...). Frühling, Tanz, Musik: -- alles Wettbewerb der Geschlechter, -- und auch noch jene Faustische „Unendlichkeit im Busen“.

Die Künstler, wenn sie etwas taugen, sind (auch leiblich) stark angelegt, überschüssig, Krafttiere, sensuell; ohne eine gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken...Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines Künstlers, -- und jedenfalls hört auch bei Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf...Die Künstler sollen nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen sein.

524.

Die Zustände, in denen wir eine *Verklärung* und *Fülle* in die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigne Fülle und Lebenslust zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. *Drei* Elemente vornehmlich: der *Geschlechtstrieb*, der *Rausch*, die *Grausamkeit*, -- alle zur ältesten *Festfreude* des Menschen gehörend, alle insgleichen im anfänglichen „Künstler“ überwiegend.

Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer *Erregung jener Sphären*, wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: -- und eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen und Begierden ist der *ästhetische Zustand*. Letzterer tritt nur bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden Fülle des leiblichen ~vigor~ überhaupt fähig sind; in ihm ist immer das ~primum mobile~. Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (zum Beispiel ein Gelehrter) kann absolut nichts von der Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nötigung des Reichtums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch nichts.

„*Vollkommenheit*“: -- in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe insonderheit) verrät sich naiv, was der tiefste Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Wertvollere überhaupt anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen *nach welchem* Status er eigentlich *strebt*. Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichtum, das notwendige Überschäumen über alle Ränder...525.

Die *Sinnlichkeit* in ihren Verkleidungen: 1. als Idealismus „Plato“), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegelbild schaffend, wie die Geliebte im speziellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend --: 2. in der Religion der Liebe: „ein schöner, junger Mann, ein schönes Weib“, irgendwie göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele --: 3. in der *Kunst*, als „schmückende“ Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen gibt, so legt die Sinnlichkeit des Künstlers in ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält -- dergestalt *vollendet* er ein Objekt („idealisiert“ es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in bezug auf das Weib empfindet, *kommt dessen Bemühen nach Idealisierung entgegen*, indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen *übt sie Scham*, Zurückhaltung, Distanz -- mit dem Instinkt dafür, daß damit das idealisierende Vermögen des Mannes *wächst*.

(-- Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie errät, daß gerade die *naive wirkliche Schamhaftigkeit* den Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv -- aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anrät. Ein willentliches *die-Augen-über-sich-geschlossen-halten*...Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, *wird* sie unbewußt.)

526.

Was der Rausch alles vermag, der „Liebe“ heißt, und der noch etwas anderes ist als Liebe! -- Doch darüber hat jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens *wächst*, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt; es gibt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie zum Beispiel der Tanz und andere gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen *Kraftstücken* zu befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht -- und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesamte Gefäß-, Nerven- und Muskelsystem mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit den kombinierten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. -- Und wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!...Es gibt Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat man alle weiblichen ~pudeurs~...Diese jungen Geschöpfe, die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!...Gelegenheit, Faust zu zitieren...Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, -- o wie gut sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, *weil* sie das wissen! -- Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist ihr *dritter* kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie an ihren Gott glauben: -- und wer widerriete ihnen diesen Glauben!

Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! -- Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.

527.

Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die Transfigurationskraft des Rausches geht? -- Die „Liebe“ ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas anderes sich an ihrer Stelle zu finden scheint, -- ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel der Circe...Hier macht Mensch und Tier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligenliebe „erlöster Seelen“, bleibt in der Wurzel eins: ein Fieber, das Gründe hat, sich zu transfigurieren, ein Rausch, der gut tut, über sich zu lügen...Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfiguriert, stärker, reicher, vollkommener, man *ist* vollkommener...Wir finden hier die *Kunst* als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt „Liebe“: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, -- Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt...Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehenzubleiben: sie tut mehr als bloß imaginieren: sie verschiebt selbst die Werte. Und nicht nur, daß sie das *Gefühl* der Werte verschiebt: der Liebende *ist* mehr wert, ist stärker. Bei den Tieren treibt dieser Zustand neue Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor allem neue Bewegungen, neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesamthaushalt ist reicher als je, mächtiger, *ganzer* als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel an Großmut und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andererseits wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten, und selbst zur Kunst tut sich ihm die Tür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und Musik übrig?...~L'art pour l'art~ vielleicht: das virtuose Gequak kaltgestellter *Frösche*, die in ihrem Sumpfe desperieren...Den ganzen *Rest* schuf die Liebe...528.

Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen tätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, -- sie redet zu dieser Art von feiner Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff „Laie“ ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Spezies des Guthörigen.

Alle Kunst wirkt *tonisch*, mehrt die Kraft, entzündet die Lust (das heißt das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen des Rausches an, -- es gibt ein eigenes Gedächtnis, das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück.

Das Häßliche, das heißt der Widerspruch zur Kunst, das, was *ausgeschlossen* wird von der Kunst, ihr *Nein*: -- jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagiert der ästhetische Mensch mit seinem *Nein*. Das Häßliche wirkt *depressiv*: es ist der Ausdruck einer Depression. Es *nimmt* Kraft, es verarmt, es drückt.. Das Häßliche *suggeriert* Häßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es gibt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: -- Schwere, Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert: -- Gegensatz einer göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden.

Der ästhetische Zustand hat einen Überreichtum von *Mitteilungsmitteln* zugleich mit einer extremen *Empfänglichkeit* für Reize und Zeichen.

Er ist der Höhepunkt der Mitteilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, -- er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen so gut als die Gebärdenund Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere Vermögen sind subtilisiert aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln.

Jede reife Kunst hat eine Fülle Konvention zur Grundlage: insofern