SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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„Sein Leben lassen für eine Sache“ -- großer Effekt. Aber man läßt für vieles sein Leben: die Affekte samt und sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache -- daß das Leben daran gesetzt wird, verändert nichts am Werte. Wie viele haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert -- und selbst, was schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen Dinge: zum Beispiel die Abenteuer der Spekulation, wenn man Philosoph, oder der Immoralität, wenn man tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will nichts riskieren, die andre will riskieren. Sind wir anderen Verächter des Lebens? Im Gegenteil, wir suchen instinktiv ein *potenziertes* Leben, das Leben in der Gefahr...Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein als die anderen. Pascal zum Beispiel wollte nichts riskieren und blieb Christ: das war vielleicht tugendhaft. -- *Man opfert immer.* 577.

„*Seinem Gefühle folgen?*“ -- Daß man, einem generösen Gefühle *nachgebend*, sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist wenig wert und charakterisiert nicht einmal. In der Fähigkeit dazu sind sich alle gleich -- und in der Entschlossenheit dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Korse einen honetten Menschen gewiß.

Die höhere Stufe ist, auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und die heroische Tat nicht auf Impulse hin zu tun, -- sondern kalt, ~raisonnable~, ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen dabei...Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die ~raison~ *durchgesiebt* sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie irgendein Affekt.

Die *blinde Nachgiebigkeit* gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der *größten Übel*.

Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte nicht besitzt, -- im Gegenteil, man hat sie im furchtbarsten Grade: aber daß man sie am Zügel führt...und auch das noch ohne Lust an dieser Bändigung, sondern bloß, weil...578.

Wo man die *stärkeren Naturen* zu suchen hat. -- Das Zugrundegehen und Entarten der *solitären* Spezies ist viel *größer* und furchtbarer: sie haben die Instinkte der Herde, die Tradition der Werte gegen sich; ihre Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutzinstinkte sind von vornherein nicht stark, nicht sicher genug, -- es gehört viel Gunst des Zufalls dazu, daß sie *gedeihen* (-- sie gedeihen in den niedrigsten und gesellschaftlich preisgegebensten Elementen am häufigsten; wenn man nach *Person* sucht, dort findet man sie um wieviel sicherer als in den mittleren Klassen!).

Der Stände- und Klassenkampf, der auf „Gleichheit der Rechte“ abzielt, -- ist er ungefähr erledigt, so geht der *Kampf* los gegen die *Solitärperson*. (In einem gewissen Sinne *kann dieselbe sich am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und entwickeln*: dann, wenn die gröberen Verteidigungsmittel nicht mehr nötig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.)

Die *Stärksten* müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Herde. Für sie ein Regime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der „Pflicht“ in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber kommt.

579.

Wogegen *ich* kämpfe: daß eine Ausnahmeart der Regel den Krieg macht, -- statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung für den Wert der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten.

580.

Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es ist fast ein Fragezeichen an seinem „*Recht* auf Philosophie“. Gerade deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen, hat er allem Mittleren den guten Mut zu sich selber zu erhalten.

581.

Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich tue, man sieht es, das Gegenteil: jeder Schritt weg von ihr führt -- so lehre ich -- ins *Unmoralische*.

582.

Die *Verkleinerung* des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine *stärkere* Art Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher *jede verstärkte* Art Mensch auf einem *Niveau der niedrigeren stand* -- -- --) 583.

Zeitweiliges Überwiegen der sozialen Wertgefühle begreiflich und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines *Unterbaus*, auf dem endlich eine *stärkere* Gattung möglich wird. -- Maßstab der Stärke: unter den *umgekehrten* Wertschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirtschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als *Züchtung*.

584.

Der Kampf gegen die *großen* Menschen, aus ökonomischen Gründen gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich entladen, sondern womöglich seiner Entladung *vorbeugen*: Grundinstinkt aller zivilisierten Gesellschaft.

585.

Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators der Menge geht, sich den Begriff „höhere Natur“ klarzumachen, dafür gibt Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so leidenschaftlich *bekämpft* -- daß „große Männer“, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner, Genies, Feldherren die Hebel und *Ursachen* aller großen Bewegungen sind -- wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Wertvolle an einem solchen „höheren Menschen“ liege eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu setzen: kurz, in ihrer Wirkung...Aber die „höhere Natur“ des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmitteilbarkeit, in der Rangdistanz, -- nicht in irgendwelchen Wirkungen: und ob er auch den Erdball erschütterte. -- 586.

Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität *nicht medioker* haben will und, statt an einem Ausnahmesein einen Triumph zu fühlen, *entrüstet* ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit und Miserabilität. *Man soll das nicht anders wollen!* und die Kluft *größer* aufreißen! -- Man soll die höhere Art *zwingen*, sich *abzuscheiden* durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat.

*Hauptgesichtspunkt*: *Distanzen* aufreißen, aber *keine Gegensätze schaffen*. Die *Mittelgebilde* ablösen und im Einfluß verringern: Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten.

587.

Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung der tatsächlichen Rangordnung und Wertverschiedenheit der Menschen, sondern wir wollen auch gerade das Gegenteil einer Anähnlichung, einer Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der Mensch böser werde, als er je war. Einstweilen leben wir noch selber einander fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nötig sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, -- wir werden folglich schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten kennen. Laufen wir uns aber über den Weg durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß wir uns verkennen oder wechselseitig betrügen.

588.

Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht weil er allein sein will, sondern weil er etwas ist, das nicht seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches Beiseitegehen für das Gewissen der Menge, -- heute sieht sich der Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur von seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft, vor sich selber zu „retten“ sucht, -- ja er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn tätig sind, und zwar im besten Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen Vereinsamung nötig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute not tun, damit ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber *oben* erhalte, inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit.

Jeder Versuch, es *in* der Gegenwart, *mit* der Gegenwart auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.

589.

Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der menschlichen Niederungen es eine *höhere, hellere Menschheit* gibt, die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (-- denn alles, was hervorragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller wäre als die Menschen da unten, sondern -- weil man *kälter*, *heller*, *weitsichtiger*, *einsamer* ist, weil man die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung des Daseins, weil man unter Wolken und Blitzen wie unter seinesgleichen lebt, aber ebenso unter Sonnenstrahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur in der Richtung *von oben nach unten* bewegt. Die Aspirationen *nach* der Höhe sind nicht die unsrigen. -- Die Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt, langsam genug.

590.

Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von Mißratenen, von Unglücksfällen und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche Geschichte -- die Geschichte des höchsten Menschen, des *Weisen*. -- Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtnis der Großen, denn die Halbgeratenen und Mißratenen verkennen sie und besiegen sie durch „Erfolge“. Jedesmal, wo „die Wirkung“ sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für den, der mit Schauder weiß, *daß das Schicksal der Menschheit am Geraten ihres höchsten Typus liegt*. -- Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen des Weisen nachgedacht und will meine frohe Überzeugung nicht verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird -- vielleicht nur für kurze Zeit.

591.

*Rangordnung*: Der die Werte *bestimmt* und den Willen von Jahrtausenden lenkt, dadurch, daß er die höchsten Naturen lenkt, ist 592.

Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge.

593.

Absolute Überzeugung: daß die Wertgefühle oben und unten *verschieden* sind; daß zahllose *Erfahrungen* den Unteren *fehlen*, daß von unten nach oben das Mißverständnis *notwendig* ist.

594.

Der Mensch hat, im Gegensatz zum Tier, eine Fülle *gegensätzlicher* Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. -- Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter *Rangordnungen* in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren *Widersprüchen* der Mensch nicht zugrunde geht. Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den *Reiz* für die Tätigkeit des Haupttriebes abgibt.

Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der Tat: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig *gegen*einander treibenden Instinkte (zum Beispiel Shakespeare), aber gebändigt.

595.

Ein großer Mensch, -- ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile aufgebaut und erfunden hat -- was ist das? *Erstens*: er hat in seinem gesamten Tun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter auch die schönsten, „göttlichsten“ Dinge von der Welt. *Zweitens*: er ist *kälter*, *härter*, *unbedenklicher* und *ohne Furcht vor der „Meinung“*; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der „Achtung“ und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur „Tugend der Herde“ gehört. Kann er nicht *führen*, so geht er allein; es kommt dann vor, daß er manches, was ihm auf dem Wege begegnet, angrunzt. *Drittens*: er will kein „teilnehmendes“ Herz, sondern Diener, Werkzeuge; er ist im Verkehr mit Menschen immer darauf aus, etwas aus ihnen zu *machen*. Er weiß sich unmitteilbar: er findet es geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und *Willen*. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, welche keine Instanz über sich hat.

596.

Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens -- das bringen die Künstler noch am besten zustande: wenn einer aber Menschen dazu nötig hat (wie Lehrer, Staatsmänner usw.), da geht die Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar und Napoleon etwas ahnen von einem „interesselosen“ Arbeiten an ihrem Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die *größte Verantwortlichkeit* tragen und *nicht* daran *zerbrechen*. -- Bisher waren fast immer Inspirationstäuschungen nötig, um selbst den *Glauben an sein Recht und seine Hand* nicht zu verlieren.

597.

Die Revolution, Verwirrung und Not der Völker ist das Geringere in meiner Betrachtung, *gegen die Not der großen Einzelnen in ihrer Entwicklung*. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöte aller dieser *Kleinen* bilden zusammen keine *Summe*, außer im Gefühle von *mächtigen* Menschen. -- An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr: seinen Nutzen ziehen aus dem Nachteile vieler: -- das kann bei einem sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen *großen* Charakters sein, der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.

598.

Im *großen Menschen* sind die spezifischen Eigenschaften des Lebens -- Unrecht, Lüge, Ausbeutung -- am größten. Insofern sie aber *überwältigend* gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden und ins Gute interpretiert worden. Typus Carlyle als Interpret.

599.

Ob man nicht ein Recht hat, alle *großen* Menschen unter die *bösen* zu rechnen? Im einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, -- dergleichen täuscht, aus der Ferne gesehen. Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus, zum Beispiel die Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze und aus deren Gefühl gerade der große Mensch, *der Bogen mit der großen Spannung*, entsteht.

600.

Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale tragen, die ganze Art der *heroischen* Lastträger: o wie gern möchten sie einmal von sich selber ausruhen! wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!...Sie warten; sie sehen sich alles an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand errät, *inwiefern* sie warten...Endlich, endlich lernen sie ihre erste Lebensklugheit -- *nicht* mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an jedermann zu ertragen, jederlei zu ertragen -- kurz, noch ein wenig *mehr zu ertragen*, als sie bisher schon getragen haben.

601.

Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involviert *Unabhängigkeit*; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohltunwollen und „Gerechtigkeit“üben. Die geringen Geister haben zu *gehorchen*, -- können also nicht *Größe* haben.

602.

Die *Notwendigkeit* zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester ineinander verschlungenen „Maschinerie“ der Interessen und Leistungen *eine Gegenbewegung gehört*. Ich bezeichne dieselbe als *Ausscheidung eines Luxusüberschusses der Menschheit*: in ihr soll eine *stärkere* Art, ein höherer Typus ans Licht treten, der andre Entstehungs- und andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnittsmensch. Mein Begriff, mein *Gleichnis* für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort „Übermensch“.

Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist, entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesentum, die Instinktbescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des Menschen, -- eine Art *Stillstandsniveau des Menschen*. Haben wir erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamtverwaltung der Erde, dann *kann* die Menschheit als Maschinerie in deren Diensten ihren besten Sinn finden: -- als ein ungeheures Räderwerk von immer kleineren, immer feiner „anzupassenden“ Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssigwerden aller dominierenden und kommandierenden Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen an eine spezialisiertere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung, -- der Erzeugung des *synthetischen*, des *summierenden*, des *rechtfertigenden* Menschen, für den jene Machinalisierung der Menschheit eine Daseinsvorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem er seine *höhere Form, zu sein*, sich erfinden kann.

Er braucht die *Gegnerschaft* der Menge, der „Nivellierten“, das Distanzgefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von ihnen. Diese höhere Form des *Aristokratismus* ist die der Zukunft. -- Moralisch geredet, stellt jene Gesamtmaschinerie, die Solidarität aller Räder, ein Maximum in der *Ausbeutung des Menschen* dar: aber sie setzt solche voraus, deretwegen diese Ausbeutung *Sinn* hat. Im anderen Falle wäre sie tatsächlich bloß die Gesamtverringerung, *Wert*verringerung des Typus Mensch, -- ein *Rückgangsphänomen* im größten Stile.

-- Man sieht, was ich bekämpfe, ist der *ökonomische* Optimismus: wie als ob mit den wachsenden Unkosten aller auch der Nutzen aller notwendig wachsen müßte. Das Gegenteil scheint mir der Fall: *die Unkosten aller summieren sich zu einem Gesamtverlust*: der Mensch wird *geringer*: -- so daß man nicht mehr weiß, *wozu* überhaupt dieser ungeheure Prozeß gedient hat. Ein Wozu? ein *neues* Wozu? -- *das* ist es, was die Menschheit nötig hat.

603.

*Zur Rangordnung.* -- Was ist am typischen Menschen *mittelmäßig*?

Daß er nicht die *Kehrseite der Dinge* als notwendig versteht: daß er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entraten könne; daß er das eine nicht mit dem andern hinnehmen will, -- daß er den *typischen Charakter eines Dinges*, eines Zustandes, einer Zeit, einer Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Teil ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern *abschaffen* möchte. Die „Wünschbarkeit“ der Mittelmäßigen ist das, was von uns andern bekämpft wird: das *Ideal*, gefaßt als etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrigbleiben soll. Unsere Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachstum des Menschen auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der *höchste* Mensch, gesetzt, daß ein solcher Begriff erlaubt ist, *der* Mensch wäre, welcher *den Gegensatzcharakter des Daseins* am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige Rechtfertigung...Die gewöhnlichen Menschen dürfen nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters darstellen: sie gehen alsbald zugrunde, wenn die Vielfachheit der Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst, das heißt die Vorbedingung für die *Größe des Menschen*. Daß der Mensch besser *und* böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit...Die meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört vielleicht zur Ökonomie der Menschenentwicklung, daß der Mensch sich stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl, bloß Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hier und da der *ganze* Mensch entsteht, der Meilensteinmensch, welcher anzeigt, wie weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht *nicht* in einem Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren (-- wir haben zum Beispiel mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten noch nicht den *Menschen der Renaissance* wieder erreicht, und hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem *antiken Menschen* zurück).

604.

Die „*Reinigung des Geschmacks*“ kann nur die Folge einer *Verstärkung* des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute *repräsentiert* nur die Bildung; der Gebildete *fehlt*. Der große *synthetische Mensch* fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu einem Ziele unbedenklich ins Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der *vielfache* Mensch, das interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht das Chaos *vor* der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: -- *Goethe* als schönster Ausdruck des Typus (-- *ganz und gar kein Olympier!*).

605.

Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck -- für die *deutsche starke Art* charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit vorbehält.

606.

(~Revue des deux mondes~, 15. Februar 1887. *Taine* über Napoleon:) „Plötzlich entfaltet sich die ~faculté maîtresse~: der *Künstler*, eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus ~de sa gaine~; er schafft ~dans l'idéal et l'impossible~. Man erkennt ihn wieder als das, was er ist: der posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in Wahrheit, in Hinsicht auf die festen Konturen seiner Vision, die Intensität, Kohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner Meditation, die übermenschliche Größe seiner Konzeption, ist er ihnen gleich ~et leur égal: son génie a la même taille et la même structure, il est un des trois sprits souverains de la renaissance italienne~.“ Notabene -- -- Dante, Michelangelo, Napoleon.

607.

Einsicht, welche den „freien Geistern“ *fehlt*: dieselbe *Disziplin*, welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen befähigt, *zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen*: -- der Zweifel, -- ~la largeur de cœur~, -- das Experiment.

608.

Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig: sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachstum in der Seligkeit der Liebe. Ich glaube, der, welcher etwas von den untersten Bedingungen jedes Wachstums in der Liebe erraten hat, wird Dante, als er über die Pforte seines Inferno schrieb: „auch mich schuf die ewige Liebe“, verstehen.

609.

Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich nichts vormachen.

610.

*Die Kriegerischen und die Friedlichen.* -- Bist du ein Mensch, der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle bliebe noch eine zweite Frage: Bist du ein Angriffskrieger oder ein Widerstandskrieger von Instinkt? Der Rest von Menschen, alles, was nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will „Freiheit“, will „gleiche Rechte“ --: das sind nur Namen und Stufen für ein und dasselbe. Dorthin gehen, wo man nicht nötig hat, sich zu wehren, -- solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie genötigt sind, Widerstand zu leisten: sie wollen Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg mehr gibt. Schlimmstenfalls sich unterwerfen, gehorchen, einordnen: immer noch besser als Krieg führen, -- so rät es zum Beispiel dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen Kriegern gibt es etwas wie Bewaffnung in Charakter, in Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder Eigenschaft: die „Waffe“ ist im ersten Typus, die Wehr im zweiten am besten entwickelt.

Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hilfsmittel und Tugenden sie nötig haben, um es auszuhalten, -- um selbst obzusiegen.

611.

Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren und anzugreifen? Was bleibt von seinen *Affekten* übrig, wenn die ihm abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat?

612.

Man muß von den Kriegen her lernen: 1. den Tod in die Nähe der Interessen zu bringen, für die man kämpft -- das macht *uns* ehrwürdig; 2. man muß lernen, *viele* zum Opfer bringen und seine Sache wichtig genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3. die starre Disziplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehen.

613.

„Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter“ -- auch ein Symbolon und Kerbholzwort, an dem sich Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verraten und erraten.

614.

Nicht „das Glück folgt der Tugend“, -- sondern der Mächtigere bestimmt *seinen glücklichen Zustand erst als Tugend*.

Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen.

Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt *gegen* alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, aufgezwungen.

Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wiederkommen und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel, die er anwenden *mußte*, korrumpiert worden und hatte die Noblesse des Charakters *verloren*. Unter einer andern Art Menschen sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar *schlecht werden müßte*.

615.

Der große Mensch ist notwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß dies die Größe ausmacht: etwas Großes *wollen* und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder Art Überzeugung gehört zur *Stärke seines Willens*. So ist es jenem „aufgeklärten Despotismus“ gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt.

Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Mut auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich Überzeugungen, sie *braucht* sie selbst, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das Bedürfnis nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem in Ja und Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche. Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist notwendig eine kleine Art Mensch. Hieraus ergibt sich, daß „Freiheit des Geistes“, das heißt Unglaube als Instinkt, Vorbedingung der Größe ist.

616.

Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in einer überreichen, plastischen, wiederherstellenden Kraft. *Der starke Mensch.* 617.

*Der Begriff „starker und schwacher Mensch“* reduziert sich darauf, daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist -- er ist eine Summe: im andern *noch wenig* -- (-- unzureichende Vererbung, Zersplitterung des Ererbten). Die Schwäche kann ein *Anfangs*phänomen sein: „*noch Der Ansatzpunkt ist der, *wo große Kraft ist*, wo Kraft *auszugeben* ist. Die Masse, als die Summe der *Schwachen*, reagiert *langsam*; wehrt sich gegen vieles, für das sie zu schwach ist, -- von dem sie keinen Nutzen haben kann; schafft *nicht*, geht nicht voran.

Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und meint, „die Masse tut's“. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Tätigen und der Masse liegen -- eine *chronologische* Differenz.

Die *Werte der Schwachen* sind obenan, weil die Starken sie übernommen haben, um damit zu *leiten*.

618.

Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maßstab bleibt die Effloreszenz des Leibes, die Sprungkraft, Mut und Lustigkeit des Geistes -- aber natürlich auch, *wieviel von Krankhaftem er auf sich nehmen und überwinden kann*, -- gesund *machen* kann. Das, woran die zarteren Menschen zugrunde gehen würden, gehört zu den Stimulansmitteln der *großen* Gesundheit.

619.

Die Lehre μηδὲν ἄγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft, -- nicht an die Mittelmäßigen. Die ἐγκράτεια und ἄσκησις ist nur eine *Stufe* der Höhe: höher steht die „goldene Natur“.

„*Du sollst*“ -- unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden des Christentums und der Araber, in der Philosophie Kants (es ist gleichgültig, ob einem Oberen oder einem Begriff).

Höher als „du sollst“ steht: „*Ich will*“ (die Heroen); höher als „ich will“ steht: „*Ich bin*“ (die Götter der Griechen).

Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am *Maß* aus, -- sind weder einfach, noch leicht, noch maßvoll.

620.

Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte weg, und vermöge ihrer verfeinerten Überkultur interessiert sie sich für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw.

621.

Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen „von“ und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von „Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es erst etwas, *das den Geist adelt*. -- Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.

622.

Eine Kriegserklärung der *höheren Menschen* an die Masse ist nötig!

Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen!

Alles, was verweichlicht, sanft macht, das „Volk“ zur Geltung bringt oder das „Weibliche“, wirkt zugunsten des ~suffrage universel~, das heißt der Herrschaft der *niederen* Menschen. Aber wir wollen Repressalien üben und diese ganze Wirtschaft (die in Europa mit dem Christentum anhebt) ans Licht und vors Gericht bringen.

623.

Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden Kaste entstehen als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger *Mangel* an *Prinzipien* dafür.

624.

Der eigentlich *königliche* Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck Alkuins des Angelsachsen): ~prava corrigere, et recta corroborare, et sancta sublimare~.

625.

~Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne volent point en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux étourneaux...Planer au-dessus et avoir des griffes, voilà le lot des grands génies.~ ~Galiani.~ 626.

Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind, und daß sie gern in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: -- sie haben andere Mittel nötig, das Leben zu ertragen, als andere Menschen; denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschenverachtung als an ihrer Menschenliebe). -- Das leidendste Tier auf Erden erfand sich -- das *Lachen*.

627.

Weshalb der Philosoph *selten* gerät. Zu seinen Bedingungen gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zugrunde richten: 1. eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften; er muß eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels an sich; 2. er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der Zersplitterung; 3. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit); 4. er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist); 5. äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.

628.

*Typus*: Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem Reichtum heraus: welche nicht gibt, um zu nehmen, -- welche sich nicht damit *erheben* will, daß sie gütig ist; -- die *Verschwendung* als Typus der wahren Güte, der Reichtum an *Person* als Voraussetzung.

629.

Was ist *vornehm*?

-- Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, fernhält, vor Verwechslung schützt.

-- Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mit dem eine stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen Neugierde schützt.

-- Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es gibt nicht zu viel wertvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem Wertvollen. Wir bewundern schwer.

-- Das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit.

-- Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber -- Balzac hat es verraten, dieser typisch -- Unser Zweifel an der Mitteilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben.

-- Die Überzeugung, daß man nur gegen seinesgleichen Pflichten hat, gegen die andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur ~inter pares~ auf Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist.

-- Die Ironie gegen die „Begabten“, der Glaube an den Geburtsadel auch im Sittlichen.

-- Immer sich als den fühlen, der Ehren zu *vergeben* hat: während nicht häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte.

-- Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des Inkognitos. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte schon aus Anstandsgründen sich nur als Mensch in der Welt bezeigen.

-- Die Fähigkeit zum ~otium~, der unbedingten Überzeugung, daß ein