Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt.
Nicht „Fleiß“ im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, die es wie die Hühner machen, gackern und Eier legen und wieder gackern.
-- Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art *sind* als diese, welche nur etwas *können*, als die bloß „produktiven Menschen“, verwechseln wir uns nicht mit ihnen.
-- Die Lust an den *Formen*; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die Glieder streckt.
-- Das Wohlgefallen an den *Frauen*, als an einer vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Torheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist.
-- Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werte selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum mindesten symbolisch und im ganzen und großen sogar tatsächlich aufrechterhalten.
-- Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern.
-- Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten Versöhnlichkeit.
-- Der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung“, an der „Gemütlichkeit“, an der pöbelhaften Vertraulichkeit.
-- Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. *Seine* Bücher, *seine* Landschaften.
-- Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden!
-- Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen.
-- Wir schätzen die Guten gering, als Herdentiere: wir wissen, wie unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt.
-- Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.
630.
*Dem Wohlgeratenen*, der meinem Herzen wohltut, aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist -- an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat --, sei dies Buch geweiht.
Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen an etwas hört auf, wo das Maß des Zuträglichen überschritten wird; er errät die Heilmittel gegen partielle Schädigungen; er hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens; er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen; er wird stärker durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen; er sammelt instinktiv aus allem, was er sieht, hört, erlebt, zugunsten seiner Hauptsache, -- er folgt einem *auswählenden* Prinzip, -- er läßt viel durchfallen; er reagiert mit einer Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein gewollter *Stolz* angezüchtet haben, -- er prüft den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht; er ist immer in *seiner* Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt; er ehrt, indem er *wählt*, indem er *zuläßt*, indem er *vertraut*.
631.
*Was ist vornehm*? -- Daß man sich beständig zu repräsentieren hat.
Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nötig hat. Daß man das Glück der *großen Zahl* überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, Komfort, englisch-engelhaftes Krämertum ~à la~ Spencer. Daß man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmstenfalls noch aus sich selbst. Daß man der *großen Zahl* nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.
632.
Kein Lob haben wollen: man tut, was einem nützlich ist oder was einem Vergnügen macht oder was man tun *muß*.
633.
Was ist Keuschheit am Mann? Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm geblieben ist; daß er ~in eroticis~ weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.
634.
*Der „Ehrbegriff“*: beruhend auf dem Glauben an „gute Gesellschaft“, an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentieren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man unbedingt auf respektvollste Manieren hält seitens aller, mit denen man sich berührt (zum mindesten soweit sie nicht zu „*uns*“ gehören); daß man weder vertraulich, noch gutmütig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer ~inter pares~; daß man *sich immer repräsentiert*.
635.
Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die *Unordnung und Gemeinheit aus dem Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimat zu bauen*.
Die meisten freilich glauben, sie werden *höhere Naturen*, *wenn* jene schönen, ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen usw., alles Lesen und Theaterbesuchen. *Sie wollen sich formen lassen* -- das ist der Sinn ihrer Kulturarbeit! Aber die Starken, Mächtigen wollen *formen und nichts Fremdes mehr um sich haben*!
So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht, um *sich* zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu vergessen. Das „*Außer-sich-sein*“ als Wunsch aller Schwachen und 636.
„*Geradezu stoßen die Adler.*“ -- Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit 637.
Krieg gegen die weichliche Auffassung der „*Vornehmheit*“! -- ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die „Selbstzufriedenheit“ ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch, -- nichts von Schönseelensalbaderei --. Ich will einem *robusteren Ideale* Luft machen.
638.
*Die zwei Wege.* -- Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch *Kraft* im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese *Sklaverei der Natur* herbeizuführen.
Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst *auszubilden* zu etwas Neuem, Höherem. *Neue Aristokratie.* Dann werden eine Menge *Tugenden überlebt*, die jetzt *Existenzbedingungen* waren. -- Eigenschaften nicht mehr nötig haben, *folglich* sie verlieren. Wir haben die Tugenden nicht mehr *nötig*: *folglich* verlieren wir sie (-- sowohl die Moral vom „Eins ist not“, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure *Selbstbezwingung zu ermöglichen*, durch den Affekt einer ungeheuren Furcht:::).
Die verschiedenen Arten Not, durch deren Zucht der Mensch geformt ist: Not lehrt arbeiten, denken, sich zügeln.
Die *physiologische* Reinigung und Verstärkung. Die *neue Aristokratie* hat einen Gegensatz nötig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten.
*Die zwei Zukünfte der Menschheit*: 1. die Konsequenz der Vermittelmäßigung; 2. das bewußte Abheben, Sich-Gestalten.
Eine Lehre, die eine *Kluft* schafft: sie erhält die *oberste und die niedrigste Art* (sie zerstört die mittlere).
Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen *nichts* gegen die Notwendigkeit einer neuen Aristokratie.
639.
Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viele Hoffnung: es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst intelligenten Herdenmasse. Es steht vor der Tür, daß die Bewegungen zur Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.
640.
Gesamtanblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis zum Exzeß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, -- ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzenchaos. Wie möchte sich aus ihm eine *stärkere* Art herausheben? Eine solche mit *klassischem* Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur Furchtbarkeit, der Mut zur psychologischen *Nacktheit* (-- Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit...). Um sich aus jenem Chaos zu dieser *Gestaltung* emporzukämpfen -- dazu bedarf es einer *Nötigung*: man muß die Wahl haben, entweder zugrunde zu gehen oder *sich durchzusetzen*. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind die *Barbaren* des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren sozialistischen Krisen sichtbar werden und sich konsolidieren, -- es werden die Elemente sein, die der *größten Härte gegen sich selber* fähig sind und den *längsten Willen* garantieren können.
641.
Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden?
Und *wozu* soll „der Mensch“ als Ganzes -- und nicht mehr ein Volk, eine Rasse -- gezogen und gezüchtet werden?
Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstlerwille höchsten Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie *fehlen*; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, *warum* sie fehlen, und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger im Wege steht als das, was man jetzt in Europa geradewegs „*die Moral*“ nennt: wie als ob es keine andere gäbe und geben dürfte, -- jene vorhin bezeichnete Herdentiermoral, die mit allen Kräften das allgemeine grüne Weideglück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, „wenn alles gut geht“, sich auch noch aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: „Gleichheit der Rechte“ und „Mitgefühl für alles Leidende“ -- und das Leiden selber wird von ihnen als etwas genommen, das man schlechterdings *abschaffen* muß. Daß solche „Ideen“ immer noch modern sein können, gibt einen üblen Begriff von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies unter den *umgekehrten* Bedingungen geschehen ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungskraft unter langem Druck und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebenswille bis zu einem unbedingten Willen zur Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der Rechte, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst, Teufelei jeder Art, kurz, der Gegensatz aller Herdenwünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus Mensch notwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den Menschen ins Hohe, statt ins Bequeme und Mittlere züchten will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten -- die zukünftigen *Herren der Erde* -- muß, um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst *eine neue Art* angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird -- eine neue Herrenart und -Kaste -- dies begreift sich ebensogut als das lange und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine *Umkehrung der Werte* für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zweck bei ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien Geistern -- freilich wohl zu einer neueren Art von „freien Geistern“ als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesamten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens *logisch* nötigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und gegen das „Herdentier“ kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle Herdeninstinkte und Herdenvorsichten einschläfern; zu dritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt -- es ist das Werk des *neuen* Kolumbus, des deutschen Geistes -- mutig *fortgesetzt* wird (-- denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung).
In der alten Welt nämlich herrschte in der Tat eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute, -- er war bisher allein „der wohlgeratene Mensch“. Die Verführung aber, welche vom Altertum her auf wohlgeratene, das heißt auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.
2. Der züchtende Gedanke.
642.
Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme Frage vielleicht: sie sei denen ins Ohr gesagt, welche ein Recht auf solche fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der Typus „Herdentier“ jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten *Züchtung* des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen?
Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn jemand käme, der sich ihrer *bediente* -- dadurch, daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung der Sklaverei (-- das muß die europäische Demokratie am Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch sie emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu *ihren* Fernsichten? Zu *ihren* Aufgaben?
643.
Ich glaube, ich habe einiges aus der Seele des höchsten Menschen *erraten*; -- vielleicht geht jeder zugrunde, der ihn errät: aber wer ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu *ermöglichen*.
Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als *maßgebend* nehmen für alle unsere Wertschätzung -- und nicht *hinter* uns die Gesetze unseres Handelns suchen!
644.
*Könnten* wir die günstigsten Bedingungen *voraussehen*, unter denen Wesen entstehen von höchstem Werte! Es ist tausendmal zu kompliziert und die Wahrscheinlichkeit des Mißratens *sehr groß*: so begeistert es nicht, danach zu streben! -- Skepsis. -- Dagegen: Mut, Einsicht, Härte, Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu Hilfe kommen. -- 645.
Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Herdentieres vorwärtstreiben, treiben auch die Entwicklung des Führertiers.
646.
So viel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und seltener Menschen abhängig gemacht hätte von der Zustimmung der vielen (einbegriffen, daß diese *wüßten*, welche Eigenschaften zur Größe gehören und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) -- nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! -- Daß der Gang der Dinge *unabhängig* von der Zustimmung der allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der Erde eingeschlichen hat.
647.
*Nicht* die Menschen „besser“ machen, *nicht* zu ihnen auf irgendeine Art Moral reden, als ob „Moralität an sich“ oder eine ideale Art Mensch überhaupt gegeben sei: sondern *Zustände schaffen*, unter denen *stärkere Menschen nötig sind*, welche ihrerseits eine Moral brauchen und folglich *haben* werden!
Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen: *die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich*. Und leider *gar nichts Liebenswürdiges*!
648.
Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß: denn die Moral war im wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, jene prachtvolle Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu vernichten. Denn in der Tat konsumiert eine derartige Entwicklung eine solche ungeheure Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß eine *umgekehrte* Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren, zarteren, mittleren Existenzen haben nötig, Partei zu machen *gegen* jene Glorie von Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten Fülle verurteilen und womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche Tendenz ist daher der Moral zu eigen, insofern sie die Typen des Lebens überwältigen will.
649.
Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer *despotischer Moralen*: sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.
650.
Die Urwaldvegetation „Mensch“ erscheint immer, wo der Kampf um die Macht am längsten geführt worden ist. Die *großen* Menschen.
Urwaldtiere die *Römer*.
651.
*Aus der Kriegsschule der Seele.* (Den Tapfern, den Frohgemuten, den Enthaltsamen geweiht.)
Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten schließt der große Stil das Gefällige aus.
In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg: er härtet ab, er macht Muskel.
Die tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was man nötig hat.
Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr *erreicht* mich -- ein Land ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der *Dürre* nicht zu verschmachten.
652.
*Ersatz* der Moral durch den *Willen* zu unserem Ziele, und *folglich* zu dessen *Mitteln*.
653.
Es bedarf einer Lehre, stark genug, um *züchtend* zu wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden.
Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europas. -- Die Vernichtung der sklavenhaften Wertschätzungen. -- Die Herrschaft über die Erde als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. -- Die Vernichtung der Tartüfferie, welche „Moral“ heißt (das Christentum als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin). -- Die Vernichtung des ~suffrage universel~: das heißt des Systems, vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren vorschreiben. -- Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit und ihrer Geltung.
(Die Einseitigen, Einzelne -- Völker; Fülle der Natur zu erstreben durch Paarung von Gegensätzen: Rassenmischungen dazu.) -- Der neue Mut -- keine apriorischen Wahrheiten (*solche* suchten die an Glauben Gewöhnten!), sondern *freie* Unterordnung unter einen herrschenden Gedanken, der seine Zeit hat, zum Beispiel Zeit als Eigenschaft des Raumes usw.
654.
-- Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem der religiöse, das heißt gott*bildende*, Instinkt mitunter zur Unzeit lebendig wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das Göttliche offenbart!...So vieles Seltsame ging schon an mir vorüber in jenen zeitlosen Augenblicken, die ins Leben herein wie aus dem Monde fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist und wie jung man noch sein wird...Ich würde nicht zweifeln, daß es viele Arten Götter gibt...Es fehlt nicht an solchen, aus denen man einen gewissen Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf...Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriff „Gott“...Ist es nötig, auszuführen, daß ein Gott sich mit Vorliebe jenseits alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten weiß? jenseits auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die Aussicht *frei*, -- mit Goethe zu reden. -- Und um für diesen Fall die nicht genug zu schätzende Autorität Zarathustras anzurufen: Zarathustra geht so weit, von sich zu bezeugen, „ich würde nur an einen Gott glauben, der zu *tanzen* verstünde“...Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! -- Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt weder an alte noch neue Götter. Zarathustra sagt, er *würde* --; aber Zarathustra *wird* nicht...Man verstehe ihn recht.
Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der „großen Menschen“.
655.
Und wie viele neue *Ideale* sind im Grunde noch möglich! -- Hier ein kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; der Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von irgendeinem Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermutigt selbst durch Trübsal -- denn Trübsal *erhält* den Glücklichen --; einen kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: -- dies, wie sich von selbst versteht, das Ideal eines schweren, zentnerschweren Geistes, eines *Geistes der Schwere*.
656.
Der große Mensch fühlt seine *Macht* über ein Volk, sein zeitweiliges Zusammenfallen mit einem Volk oder einem Jahrtausend: -- diese *Vergrößerung* im Gefühl von sich als *~causa~* und *~voluntas~* wird *mißverstanden* als „Altruismus“ --: es drängt ihn nach *Mitteln* der Mitteilung: alle großen Menschen sind *erfinderisch* in solchen *Mitteln*. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie wollen eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das Chaos zu sehen.
Mißverständnis der Liebe. Es gibt eine *sklavische* Liebe, welche sich unterwirft und weggibt: welche idealisiert und sich täuscht, -- es gibt eine *göttliche* Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte Jene ungeheure *Energie der Größe* zu gewinnen, um durch Züchtung und andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißratener den zukünftigen Menschen zu gestalten und *nicht zugrunde* zu gehen an dem Leid, das man *schafft* und dessengleichen noch nie da war! -- 657.
Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moralaufputzung der Affekte Widerwillen macht: *die nackte Natur*; wo die *Machtquantitäten* als *entscheidend* einfach zugestanden werden (als *rangbestimmend*); wo der *große Stil* wieder auftritt als Folge der *großen Leidenschaft*.
658.
Die *Lust* tritt auf, wo Gefühl der Macht.
Das *Glück*: in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und des Siegs.
Der *Fortschritt*: die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen Wollen: alles andere ist Mißverständnis, Gefahr.
659.
Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu *achten*: alles andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die andern auf: denn das gerade verzeihen sie am letzten. „Wie? Ein Mensch, der sich selbst achtet?“ -- Das ist etwas anderes als der blinde Trieb, sich selbst zu *lieben*: nichts ist gewöhnlicher in der Liebe der Geschlechter wie in der Zweiheit, welche „Ich“ genannt wird, als *Verachtung* gegen das, was man liebt: -- der Fatalismus in der Liebe.
660.
*Mein neuer Weg zum „Ja“.* -- Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich alles, was bisher philosophiert hat, anders ansehen: -- die *verborgene* Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich ans Licht. „Wieviel Wahrheit *erträgt*, wieviel Wahrheit *wagt* ein Geist?“ -- dies wurde für mich der eigentliche Wertmesser. Der Irrtum ist eine *Feigheit*...jede Errungenschaft der Erkenntnis *folgt* aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich...Eine solche *Experimentalphilosophie*, wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeit des grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch -- bis zu einem *dionysischen Jasagen* zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl --, sie will den ewigen Kreislauf: -- dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehen --: meine Formel dafür ist *~amor fati~*.
Hierzu gehört, die bisher *verneinten* Seiten des Daseins nicht nur als *notwendig* zu begreifen, sondern als wünschenswert: und nicht nur als wünschenswert in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren Komplemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen, als der mächtigeren, fruchtbareren, *wahreren* Seiten des Daseins, in denen sich sein Wille deutlicher ausspricht.
Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein *bejahte* Seite des Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Wertung stammt und wie wenig sie verbindlich für eine dionysische Wertabmessung des Daseins ist: ich zog heraus und begriff, *was* hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Herde andrerseits, und jener dritte, der *Instinkt der meisten* gegen die Ausnahmen --).
Ich erriet damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch notwendig nach einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen ausdenken müßte: *höhere Wesen*, jenseits von Gut und Böse, jenseits von jenen Werten, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, der Herde und der meisten nicht verleugnen können, -- ich suchte nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte (die Begriffe „heidnisch“, „klassisch“, „vornehm“ neu entdeckt und hingestellt --).
661.
*Der menschliche Horizont.* -- Man kann die Philosophen auffassen als solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu *erproben*, wie weit sich der Mensch *erheben* könne, -- besonders Plato: wie *weit* seine Kraft reicht. Aber sie tun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in der *Entwicklung* und unter „günstigen Umständen“. Aber sie begriffen nicht genug, was günstige Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze „Mensch“ am prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der Historie nötig.
662.
Grundgedanke: die neuen Werte müssen erst geschaffen werden -- das bleibt uns nicht *erspart*! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein.
Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [zum Beispiel Griechen] gezüchtet wurden: diese Art „Zufall“ *bewußt wollen*.)
663.
*Gesetzgeber der Zukunft.* -- Nachdem ich lange und umsonst mit dem Worte „Philosoph“ einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte -- denn ich fand viele entgegengesetzte Merkmale --, erkannte ich endlich, daß es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen gibt: 1. solche, welche irgendeinen großen Tatbestand von Wertschätzungen (logisch oder moralisch) feststellen wollen; 2. solche, welche *Gesetzgeber* solcher Wertschätzungen sind.
Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu bemächtigen, indem sie das mannigfach Geschehende durch Zeichen zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, -- sie dienen der Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner Zukunft zu verwenden.
Die Zweiten aber sind *Befehlende*; sie sagen: „So soll es sein!“ Sie bestimmen erst das „Wohin“ und „Wozu“, den Nutzen, *was* Nutzen der Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese zweite Art von Philosophen gerät selten; und in der Tat ist ihre Lage und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie vom Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete, das „Gute“, wie *er* es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern das „Gute an sich“, der ewige Schatz, den nur irgendein Mensch namens Plato auf seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr „du sollst“ darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie „ich will“, -- nur als dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur als „Eingebung“ ist ihre Gesetzgebung der Werte eine *tragbare* Bürde, unter der ihr Gewissen *nicht* zerbricht.
Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Mohammeds, dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines „Gottes“ oder „ewiger Werte“ sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der Anspruch des Gesetzgebers neuer Werte zu einer neuen und noch nicht erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch „zur rechten Zeit“ durch irgendeinen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum Beispiel, indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, oder sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung, eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn.
Manchem mag es in der Tat gelingen, auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbststunde der Reife, wo sie *mußten*, was sie nicht einmal „wollten“: -- und die Tat, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und ungewollt vom Baume als eine Tat ohne Willkür, fast als Geschenk. -- 664.
Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich heraufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis zum Nutzen dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht erraten werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohnes vorwärts, andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber niemand darf es wissen.
665.
Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben.
666.
Der *größte* Kampf: dazu braucht es einer neuen *Waffe*.
Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor die *Konsequenz* stellen, ob sein Wille zum Untergang „will“.
Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!
667.
Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe?
Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist mühsam und im kleinen erworben worden durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung auf weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es gibt Menschen, welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen Reichtums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind -- weil auf Grund glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle die erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt.
Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund -- mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen.
668.
Im allgemeinen ist jedes Ding *so viel wert, als man dafür bezahlt hat*. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isoliert nimmt; die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältnis zu dem, was er selbst dafür getan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man seine Geschlechtsvorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte einer ungeheuren Aufsparung und Kapitalsammlung von Kraft durch alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch soviel *gekostet* hat und *nicht*, weil er wie ein Wunder als Gabe des Himmels und „Zufalls“ dasteht, wurde er groß: -- „Vererbung“ ein falscher Begriff. Für das, was einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.
669.
*Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält.* Sich ein Recht auf Ausnahmehandlungen zugestehen; als Versuch der Selbstüberwindung und der Freiheit.
Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein.
Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen.
Sich nicht mitteilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmut.
Gehorchen lernen in der Weise, daß es eine Probe für die Selbst-Aufrechterhaltung abgibt. Kasuistik des Ehrenpunktes ins feinste getrieben.