SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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bloße Mundstücke zu sein (Homer).

Schrittweises Besitzergreifen von seinen hohen und stolzen Zuständen, Besitzergreifen von seinen Handlungen und Werken. Ehedem glaubte man sich zu ehren, wenn man für die höchsten Dinge, die man tat, sich nicht verantwortlich wußte, sondern -- Gott. Die Unfreiheit des Willens galt als das, was einer Handlung einen höheren Wert verlieh: damals war ein Gott zu ihrem Urheber gemacht...214.

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der *physiologischen Erschöpfung*, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen als die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine *höhere* Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor allem sollte man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen disziplinieren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben *muß*...Man glaubte in eine höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo alles aufhört, bekannt zu sein.

-- Der *Schein* einer höheren Macht...215.

Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder übermäßigen Reizung...Das Bedürfnis nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration des Begriffes „Schlaf“ in allen pessimistischen Religionen und Philosophien -- Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassenerschöpfung; der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis eines viel tieferen und längeren *Ruhenmüssens*...~In praxi~ ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt...216.

*Kritik der heiligen Lüge.* -- Daß zu frommen Zwecken die Lüge erlaubt ist, das gehört zur Theorie aller Priesterschaften, -- wie weit es zu ihrer Praxis gehört, soll der Gegenstand dieser Untersuchung sein.

Aber auch die Philosophen, sobald sie mit priesterlichen Hinterabsichten die Leitung des Menschen in die Hand zu nehmen beabsichtigen, haben sofort auch sich ein Recht zur Lüge zurecht gemacht: Plato voran. Am großartigsten ist die doppelte durch die typisch-arischen Philosophen des Vedânta entwickelte: zwei Systeme, in allen Hauptpunkten widersprüchlich, aber aus Erziehungszwecken sich ablösend, ausfüllend, ergänzend. Die Lüge des einen soll einen Zustand schaffen, in dem die Wahrheit des andern überhaupt *hörbar* wird...*Wie weit* geht die fromme Lüge der Priester und der Philosophen? -- Man muß hier fragen, welche Voraussetzungen zur Erziehung sie haben, welche Dogmen sie *erfinden* müssen, um diesen Voraussetzungen genug zu tun?

Erstens: sie müssen die Macht, die Autorität, die unbedingte Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben.

Zweitens: sie müssen den ganzen Naturverlauf in Händen haben, so daß alles, was den Einzelnen trifft, als bedingt durch ihr Gesetz erscheint.

Drittens: sie müssen auch einen weiter reichenden Machtbereich haben, dessen Kontrolle sich den Blicken ihrer Unterworfenen entzieht: das Strafmaß für das Jenseits, das „Nach-dem-Tode“, -- wie billig auch die Mittel, zur Seligkeit den Weg zu wissen.

Sie haben den Begriff des natürlichen Verlaufs zu entfernen: da sie aber kluge und nachdenkliche Leute sind, so können sie eine Menge Wirkungen *versprechen*, natürlich als bedingt durch Gebete oder durch strikte Befolgung ihres Gesetzes. -- Sie können insgleichen eine Menge Dinge *verordnen*, die absolut vernünftig sind, -- nur daß sie nicht die Erfahrung, die Empirie als Quelle dieser Weisheit nennen dürfen, sondern eine Offenbarung oder die Folge „härtester Bußübungen“.

Die *heilige Lüge* bezieht sich also prinzipiell: auf den *Zweck* der Handlung (-- der Naturzweck, die Vernunft wird unsichtbar gemacht: ein Moralzweck, eine Gesetzeserfüllung, eine Gottesdienstlichkeit erscheint als Zweck --): auf die *Folge* der Handlung (-- die natürliche Folge wird als übernatürliche ausgelegt, und, um sichrer zu wirken, es werden unkontrollierbare andere, übernatürliche Folgen in Aussicht gestellt).

Auf diese Weise wird ein Begriff von *Gut* und *Böse* geschaffen, der ganz und gar losgelöst von dem Naturbegriff „nützlich“, „schädlich“, „lebenfördernd“, „lebenvermindernd“ erscheint, -- er kann, insofern ein *anderes* Leben erdacht ist, sogar direkt *feindselig* dem Naturbegriff von Gut und Böse werden.

Auf diese Weise wird endlich das berühmte „*Gewissen*“ geschaffen: eine innere Stimme, welche bei jeder Handlung *nicht* den Wert der Handlung an ihren Folgen mißt, sondern in Hinsicht auf die Absicht und Konformität dieser Absicht mit dem „Gesetz“.

Die heilige Lüge hat also 1. einen *strafenden* und *belohnenden Gott* erfunden, der exakt das Gesetzbuch der Priester anerkennt und exakt sie als seine Mundstücke und Bevollmächtigten in die Welt schickt; -- 2.

ein *Jenseits des Lebens*, in dem die große Strafmaschine erst wirksam gedacht wird, -- zu diesem Zwecke die *Unsterblichkeit der Seele*; -- 3. das *Gewissen* im Menschen, als das Bewußtsein davon, daß Gut und Böse feststeht, -- daß Gott selbst hier redet, wenn es die Konformität mit der priesterlichen Vorschrift anrät; -- 4. die *Moral* als *Leugnung* alles natürlichen Verlaufs, als Reduktion alles Geschehens auf ein moralischbedingtes Geschehen, die Moralwirkung (das heißt die Straf- und Lohnidee) als die Welt durchdringend, als einzige Gewalt, als ~creator~ von allem Wechsel; -- 5. die *Wahrheit* als gegeben, als geoffenbart, als zusammenfallend mit der Lehre der Priester: als Bedingung alles Heils und Glücks in diesem und jenem Leben.

~In summa~: womit ist die moralische *Besserung* bezahlt? -- Aushängung der *Vernunft*, Reduktion aller Motive auf Furcht und Hoffnung (Strafe und Lohn); *Abhängigkeit* von einer priesterlichen Vormundschaft, von einer Formaliengenauigkeit, welche den Anspruch macht, einen göttlichen Willen auszudrücken; die Einpflanzung eines „Gewissens“, welches ein falsches *Wissen* an Stelle der Prüfung und des Versuchs setzt: wie als ob es bereits feststünde, was zu tun und was zu lassen wäre, -- eine Art Kastration des suchenden und vorwärtsstrebenden Geistes; -- ~in summa~: die ärgste *Verstümmelung* des Menschen, die man sich vorstellen kann, angeblich als der „gute Mensch“.

~In praxi~ ist die ganze Vernunft, die ganze Erbschaft von Klugheit, Feinheit, Vorsicht, welche die Voraussetzung des priesterlichen Kanons ist, willkürlich hinterdrein auf eine bloße *Mechanik* reduziert: die Konformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, -- *das Leben hat keine Probleme mehr*; -- die ganze Weltkonzeption ist beschmutzt mit der *Strafidee*; -- das Leben selbst ist, mit Hinsicht darauf, das *priesterliche* Leben als das ~non plus ultra~ der Vollkommenheit darzustellen, in eine Verleumdung und Beschmutzung des Lebens umgedacht; -- der Begriff „Gott“ stellt eine Abkehr vom Leben, eine Kritik, eine Verachtung selbst des Lebens dar; -- die Wahrheit ist umgedacht als die *priesterliche Lüge*, das Streben nach Wahrheit als *Studium der Schrift*, als Mittel, *Theolog zu werden*...217.

Die Priester sind die Schauspieler von irgend etwas Übermenschlichem, dem sie Sinnfälligkeit zu geben haben, sei es von Idealen, sei es von Göttern oder von Heilanden: darin finden sie ihren Beruf, dafür haben sie ihre Instinkte; um es so glaubwürdig wie möglich zu machen, müssen sie in der Anähnlichung so weit wie möglich gehen; ihre Schauspielerklugheit muß vor allem *das gute Gewissen* bei ihnen erzielen, mit Hilfe dessen erst wahrhaft überredet werden kann.

218.

Der Priester will durchsetzen, daß er als *höchster Typus* des Menschen gilt, daß er herrscht, -- auch noch über die, welche die *Macht* in den Händen haben, daß er unverletzlich ist, unangreifbar --, daß er die *stärkste Macht* in der Gemeinde ist, absolut nicht zu ersetzen und zu unterschätzen.

*Mittel*: er allein ist der *Wissende*; er allein ist der *Tugendhafte*; er allein hat die höchste *Herrschaft über sich*; er allein ist in einem gewissen Sinne Gott und geht zurück in die Gottheit; er allein ist die Zwischenperson zwischen Gott und den *andern*; die Gottheit straft jeden Nachteil, jeden Gedanken, wider einen Priester gerichtet.

*Mittel*: die *Wahrheit* existiert. Es gibt nur eine Form, sie zu erlangen, Priester werden. Alles, was *gut* ist, in der Ordnung, in der Natur, in dem Herkommen, geht auf die Weisheit der Priester zurück.

Das heilige Buch ist ihr Werk. Die ganze Natur ist nur eine Ausführung der Satzungen darin. Es gibt keine andere Quelle des *Guten*, als den Priester. Alle andere Art von Vortrefflichkeit ist *rang*verschieden von der des Priesters, zum Beispiel die des *Kriegers*.

*Konsequenz*: wenn der Priester der *höchste* Typus sein soll, so muß die *Gradation* zu seinen *Tugenden* die Wertgradation der Menschen ausmachen. Das *Studium*, die *Entsinnlichung*, das *Nichtaktive*, das *Impassible*, *Affektlose*, das *Feierliche*; -- Gegensatz: die *tiefste* Gattung Mensch.

Der Priester hat Eine Art Moral gelehrt: um selbst als *höchster Typus* empfunden zu werden. Er konzipiert einen *Gegensatz*typus: den Tschandala. *Diesen* mit allen Mitteln verächtlich zu machen, gibt die *Folie* ab für die Kastenordnung. -- Die extreme Angst des Priesters vor der *Sinnlichkeit* ist zugleich bedingt durch die *Einsicht*, daß hier die *Kastenordnung* (das heißt die *Ordnung* überhaupt) am wirft die Ehegesetzgebung *über den Haufen* -- 219.

*Zur Kritik des Manu-Gesetzbuches.* -- Das ganze Buch ruht auf der heiligen Lüge. Ist es das Wohl der Menschheit, welches dieses ganze System inspiriert hat? Diese Art Mensch, welche an die *Interessiertheit* jeder Handlung glaubt, war sie interessiert oder nicht, dieses System durchzusetzen? Die Menschheit zu verbessern -- woher ist diese Absicht inspiriert? Woher ist der Begriff des Bessern genommen?

Wir finden eine Art Mensch, die *priesterliche*, die sich als Norm, als Spitze, als höchsten Ausdruck des Typus Mensch fühlt: von sich aus nimmt sie den Begriff des „Besseren“. Sie glaubt an ihre Überlegenheit, sie *will* sie auch in der Tat: die Ursache der heiligen Lüge ist der *Wille zur Macht*...Aufrichtung der Herrschaft: zu diesem Zwecke die Herrschaft von Begriffen, welche in der Priesterschaft ein ~non plus ultra~ von Macht ansetzen. Die Macht durch die Lüge -- in Einsicht darüber, daß man sie nicht physisch, militärisch besitzt...Die Lüge als Supplement der Macht, -- ein neuer Begriff der „Wahrheit“.

Man irrt sich, wenn man hier *unbewußte* und *naive* Entwicklung voraussetzt, eine Art Selbstbetrug...Die Fanatiker sind nicht die Erfinder solcher durchdachten Systeme der Unterdrückung...Hier hat die kaltblütigste Besonnenheit gearbeitet; dieselbe Art Besonnenheit, wie sie ein Plato hatte, als er sich seinen „Staat“ ausdachte. -- „Man muß die Mittel wollen, wenn man das Ziel will“ -- über diese Politikereinsicht waren alle Gesetzgeber bei sich klar.

Wir haben das klassische Muster als spezifisch *arisch*: wir dürfen also die bestausgestattete und besonnenste Art Mensch verantwortlich machen für die grundsätzlichste Lüge, die je gemacht worden ist...Man hat das nachgemacht, überall beinahe: der *arische Einfluß* hat alle Welt verdorben...220.

Der *Philosoph* als Weiterentwicklung des *priesterlichen* Typus: -- hat dessen Erbschaft im Leibe; -- ist, selbst noch als Rival, genötigt, um dasselbe mit denselben Mitteln zu ringen wie der Priester seiner Zeit; -- er aspiriert zur *höchsten Autorität*.

Was gibt *Autorität*, wenn man nicht die physische Macht in den Händen hat (keine Heere, keine *Waffen* überhaupt...)? Wie gewinnt man namentlich die Autorität *über die*, welche die physische Gewalt und die Autorität besitzen? (Sie konkurrieren mit der Ehrfurcht vor dem Fürsten, vor dem siegreichen Eroberer, dem weisen Staatsmann.)

Nur indem sie den Glauben erwecken, eine höhere, stärkere Gewalt in den Händen zu haben, -- *Gott* --. Es ist nichts stark genug: man hat die Vermittlung und die Dienste der Priester *nötig*. Sie stellen sich als unentbehrlich *dazwischen*: -- sie haben als Existenzbedingung nötig, 1. daß an die absolute Überlegenheit ihres Gottes, daß *an ihren Gott* geglaubt wird, 2. daß es keine andern, keine direkten Zugänge zu Gott gibt. Die *zweite* Forderung allein schafft den Begriff der „Heterodoxie“; die *erste* den des „Ungläubigen“ (das heißt, der an einen *andern* Gott glaubt --).

2. Christentum.

221.

-- Die *Kirche* ist exakt das, wogegen Jesus gepredigt hat -- und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte -- 222.

Man soll das Christentum als *historische Realität* nicht mit jener einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die *andern* Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohnegleichen, wenn solche Verfallsgebilde und Mißformen, die „christliche Kirche“, „christlicher Glaube“ und „christliches Leben“ heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen.

Was hat Christus *verneint*? -- Alles, was heute christlich heißt.

223.

Die ganze christliche Lehre von dem, was geglaubt werden *soll*, die ganze christliche „Wahrheit“ ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegenstück von dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat.

Das gerade, was im *kirchlichen* Sinn das Christliche ist, ist das *Antichristliche* von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Tatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.

Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein...224.

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das „Himmelreich“ im Herzen, und findet die Mittel *nicht* in der Observanz der jüdischen Kirche --; er rechnet selbst die Realität des Judentums (seine Nötigung, sich zu erhalten) für nichts; er ist rein *innerlich*. -- Ebenso macht er sich nichts aus den sämtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungslehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als „vergöttlicht“ zu fühlen -- und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: „*es liegt nichts an Sünde*“ ist sein Haupturteil.

Sünde, Buße, Vergebung, -- das gehört alles nicht hierher...das ist ein eingemischtes Judentum, oder es ist heidnisch.

225.

Das *Himmelreich* ist ein Zustand des Herzens (-- von den Kindern wird gesagt, „denn ihrer ist das Himmelreich“), nichts, was „über der Erde“ ist. Das Reich Gottes „kommt“ nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, etwas, das eines Tages da wäre und tags vorher nicht: sondern es ist eine „Sinnesänderung im Einzelnen“, etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist...226.

Der *Schächer am Kreuz*: -- wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urteilt: „so wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte“, hat er das Evangelium bejaht: und damit *ist er im Paradiese*...227.

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem göttlichen Leben gegenüber: nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn eines „verewigten Petrus“, einer ewigen Personalfortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigtuerei der „Person“: wie kann er gerade *die* verewigen wollen?

Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgendeine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

228.

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straflehre hineingemengt: es ist alles damit verdorben.

Insgleichen ist die *Praxis* der ersten *~ecclesia militans~*, des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als *geboten*, als *voraus* festgesetzt dargestellt...Die nachträgliche Verherrlichung des tatsächlichen *Lebens* und *Lehrens* der ersten Christen: wie als ob alles *so vorgeschrieben*...bloß *befolgt* wäre...Nun gar die *Erfüllung* der *Weissagungen*: was ist da alles gefälscht und zurecht gemacht worden!

229.

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode -- das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.

Das *vorbildliche Leben* besteht in der Liebe und Demut; in der Herzensfülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Rechtbehaltenwollen, auf Verteidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Not, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; niemandem sich verbunden haben: die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.

Nachdem die Kirche die *ganze christliche Praxis* sich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welches Jesus bekämpft und verurteilt hatte, sanktioniert hatte, mußte sie den Sinn des Christentums irgendwo anders hinlegen: in den *Glauben* an unglaubwürdige Dinge, in das Zeremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen ganz unbeträchtlich und fast *ausgeschlossen* vom ersten Christentum -- kommt jetzt in den Vordergrund.

Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judentum; der Asketismus; das beständige Richten und Verurteilen, die Rangordnung usw.

230.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Kruditäten umgesetzt: 1. der Gegensatz „wahres Leben“ und „falsches“ Leben: mißverstanden als 2. der Begriff „ewiges Leben“ im Gegensatz zum Personalleben der Vergänglichkeit als „Personalunsterblichkeit“; 3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als „Wunder der Transsubstantiation“; 4. die „Auferstehung --“ als Eintritt in das „wahre Leben“, als „wiedergeboren“; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt; 5. die Lehre vom Menschensohn als dem „Sohn Gottes“, das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die „zweite Person der Gottheit“ -- gerade das *weggeschafft*: das Sohnverhältnis jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten; 6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich, daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes gibt als die von Christus gelehrte *Praxis des Lebens*) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgendeine wunderbare *Abzahlung* der *Sünde* zu glauben habe, welche nicht durch den Menschen, sondern durch die Tat Christi bewerkstelligt ist: Damit mußte „Christus am Kreuze“ neu gedeutet werden. Dieser Tod war an sich durchaus *nicht* die Hauptsache...er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe 231.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christentum Unendliches zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei...Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehen, wäre möglich, *erstens*, daß sie sich irrten über den Wert dessen, was sie dem Christentum verdanken: Überzeugungen beweisen nichts für das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen...Es wäre *zweitens* möglich, daß, was dem Christentum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche usw. Der Begriff „Urheber“ ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheitsursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgendwann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, -- am Anfang...Man denke, mit welcher *Freiheit* Paulus das Personalproblem Jesus behandelt, beinahe eskamotiert -- jemand, der gestorben ist, den man nach seinem Tode wiedergesehen hat, jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde...Ein bloßes „Motiv“: die Musik macht *er* dann dazu...232.

Ein Religionsstifter *kann* unbedeutend sein, -- ein Streichholz, nichts *mehr*!

233.

Wie eine *Ja-sagende* arische Religion, die Ausgeburt der *herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Manus. (Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant, daß es in der Kriegerkaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester.)

Wie eine *Ja-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der *herrschenden* Klasse, aussieht: das Gesetzbuch Muhammeds, das alte Testament in den älteren Teilen. (Der *Muhammedanismus*, als eine Religion für *Männer*, hat eine tiefe Verachtung für die Sentimentalität und Verlogenheit des Christentums...einer Weibsreligion, als welche er sie fühlt --.)

Wie eine *Nein-sagende* semitische Religion, die Ausgeburt der *unterdrückten* Klasse, aussieht: das Neue Testament (-- nach indisch-arischen Begriffen: eine *Tschandala-Religion*).

Wie eine *Nein-sagende* arische Religion aussieht, gewachsen unter den *herrschenden* Ständen: der Buddhismus.

Es ist vollkommen in Ordnung, daß wir keine Religion *unterdrückter* arischer Rassen haben: denn das ist ein Widerspruch: eine Herrenrasse ist obenauf oder geht zugrunde.

234.

Natürlichen, das Unschuldsgefühl im Natürlichen, „die Natürlichkeit“.

*Christlich* ist das Neinsagen zum Natürlichen, das Unwürdigkeitsgefühl im Natürlichen, die Widernatürlichkeit.

„Unschuldig“ ist zum Beispiel Petronius: ein Christ hat im Vergleich mit diesem Glücklichen ein für allemal die Unschuld verloren. Da aber zuletzt auch der *christliche* ~status~ bloß ein Naturzustand sein muß, sich aber nicht als solchen begreifen darf, so bedeutet „*christlich*“ eine zum Prinzip erhobene *Falschmünzerei der psychologischen Der christliche Priester ist von Anfang an der Todfeind der Sinnlichkeit: man kann sich keinen größeren Gegensatz denken, als die unschuldig-ahnungsvolle und feierliche Haltung, mit der zum Beispiel in den ehrwürdigsten Frauenkulten Athens die Gegenwart der geschlechtlichen Symbole empfunden wurde. Der Akt der Zeugung ist das Geheimnis an sich in allen nicht-asketischen Religionen: eine Art Symbol der Vollendung und der geheimnisvollen Absicht der Zukunft: der Wiedergeburt, Unsterblichkeit.

236.

*Buddha gegen den „Gekreuzigten“.* -- Innerhalb der nihilistischen Religionen darf man immer noch die *christliche* und die *buddhistische* scharf auseinanderhalten. Die *buddhistische* drückt einen *schönen Abend* aus, eine vollendete Süßigkeit und Milde, -- es ist Dankbarkeit gegen alles, was hinten liegt; miteingerechnet, was fehlt: die Bitterkeit, die Enttäuschung, die Ranküne; zuletzt: die hohe geistige Liebe; das Raffinement des philosophischen Widerspruchs ist hinter ihm, auch davon ruht es aus: aber von diesem hat es noch seine geistige Glorie und Sonnenuntergangsglut. (-- Herkunft aus den obersten Kasten --.)

Die *christliche* Bewegung ist eine Degenereszenzbewegung aus Abfallsund Ausschußelementen aller Art: sie drückt *nicht* den Niedergang einer Rasse aus, sie ist von Anfang an eine Aggregatbildung aus sich zusammendrängenden und sich suchenden Krankheitsgebilden...Sie ist deshalb *nicht* national, *nicht* rassebedingt: sie wendet sich an die Enterbten von überall; sie hat die Ranküne auf dem Grunde gegen alles Wohlgeratene und Herrschende: sie braucht ein *Symbol*, welches den Fluch auf die Wohlgeratenen und Herrschenden darstellt...Sie steht im Gegensatz auch zu aller *geistigen* Bewegung, zu aller Philosophie: sie nimmt die Partei der Idioten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus. Ranküne gegen die Begabten, Gelehrten, Geistig-Unabhängigen: sie errät in ihnen das *Wohlgeratene*, das *Herrschaftliche*.

237.

Im Buddhismus überwiegt dieser Gedanke: „Alle Begierden, alles, was Affekt, was Blut macht, zieht zu Handlungen fort“ -- nur insofern wird *gewarnt* vor dem Bösen. Denn Handeln -- das hat keinen Sinn, Handeln hält im Dasein fest: alles Dasein aber hat keinen Sinn. Sie sehen im Bösen den Antrieb zu etwas Unlogischem: zur Bejahung von Mitteln, deren Zweck man verneint. Sie suchen nach einem Wege zum Nichtsein, und *deshalb* perhorreszieren sie *alle* Antriebe seitens der Affekte. Zum Beispiel ja nicht sich rächen! ja nicht feind sein! -- Der Hedonismus der Müden gibt hier die höchsten Wertmaße ab. Nichts ist dem Buddhisten ferner als der jüdische Fanatismus eines Paulus: Nichts würde mehr seinem Instinkt widerstreben als diese Spannung, Flamme, Unruhe des religiösen Menschen, vor allem jene Form der Sinnlichkeit, welche das Christentum mit dem Namen der „Liebe“ geheiligt hat. Zu alledem sind es die gebildeten und sogar übergeistigten Stände, die im Buddhismus ihre Rechnung finden: eine Rasse, durch einen Jahrhunderte langen Philosophenkampf abgesotten und müde gemacht, nicht aber *unterhalb aller Kultur* wie die Schichten, aus denen das Christentum entsteht...Im Ideal des Buddhismus erscheint das Loskommen auch von Gut und Böse wesentlich: es wird da eine raffinierte Jenseitigkeit der Moral ausgedacht, die mit dem Wesen der Vollkommenheit zusammenfällt, unter der Voraussetzung, daß man auch die guten Handlungen bloß *zeitweilig* nötig hat, bloß als *Mittel*, -- nämlich, um von *allem* Handeln loszukommen.

238.

Eine *nihilistische* Religion wie das Christentum, einem greisenhaft-zähen, alle starken Instinkte überlebt habenden Volke entsprungen und gemäß -- Schritt für Schritt in andre Milieus übertragen, endlich in die jungen, *noch gar nicht gelebt habenden* Abendglückseligkeit Barbaren, Germanen gepredigt! Wie mußte das alles erst germanisiert, barbarisiert werden! *Solchen*, die ein *Walhall* geträumt hatten --: die alles Glück im Kriege fanden! -- Eine *über*nationale Religion in ein Chaos hineingepredigt, wo *noch nicht einmal* Nationen da waren --.

239.

Diese *nihilistische* Religion sucht sich die ~décadence~-*Elemente* und Verwandtes im Altertum zusammen; nämlich: a) die Partei der *Schwachen* und *Mißratenen* (den Ausschuß der antiken Welt: Das, was sie am kräftigsten von sich stieß...); b) die Partei der *Vermoralisierten* und *Antiheidnischen*; c) die Partei der *Politisch-Ermüdeten* und Indifferenten (blasierte Römer...), der *Entnationalisierten*, denen eine Leere geblieben war; d) die Partei derer, die sich satt haben, -- die gern an einer *unterirdischen* Verschwörung mitarbeiten -- 240.

~A.~ In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll...~B.~ In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem *morbiden* Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht...sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren -- die ~décadents~ aller Art -- Man hat hier zwischen ~A~ und ~B~ streng zu scheiden. Im *Fall* ~A~ ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (-- es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im *Fall* ~B~ ist es ein Symptom der Krankheit selbst, *vermehrt* die ~décadence~; hier wirkt es einem *korroborierenden* System der Behandlung entgegen, hier ist es der Krankeninstinkt *gegen* das, was ihm heilsam ist -- 241.

Das *christlich-jüdische Leben*: hier überwog *nicht* das Ressentiment.

Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben -- sowohl die *Glut* der *Liebe*, als die des *Hasses*.

Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird man *aggressiv*; man verdankt den Sieg des Christentums seinen Verfolgern.

Die *Asketik* im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.

Das *hypochondrische* Christentum, die Gewissenstierquälerei und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben *das* ist sein Wesen: Christentum ist ein Typus der ~décadence~.

242.

Die Realität, auf der das Christentum sich aufbauen konnte, war die kleine *jüdische Familie* der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen füreinander, mit ihrem verborgenen und in Demut verkleideten Stolz der „Auserwählten“, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat.

*Das als Macht erkannt zu haben*, diesen *seligen* Zustand als mitteilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben -- ist das *Genie* des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer „jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses“, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der *Gemeindeselbsterhaltung* unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische Propaganda -- das erriet er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art *kleiner Leute*: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten („Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch“).

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Prinzip der *Liebe* her: es ist eine *leidenschaftlichere* Seele, die hier unter der Asche von Demut und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christentum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht getan hat, so ist es eine *Erhöhung der Temperatur der Seele* bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperaturerhöhung...Es versteht sich, daß eine solche Übertragung *nicht* stattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich, -- und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe ekelerregend (-- ich *sehe* diese schlechten Manieren, wenn ich das Neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Not mit dem hier redenden Typus des niederen Volkes verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden...Es ist eine Probe davon, ob man etwas *klassischen Geschmack* im Leibe hat, wie man zum Neuen Testament steht (vergleiche Tacitus); wer davon nicht revoltiert ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich etwas von ~foeda superstitio~ empfindet, etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was klassisch ist. Man muß das „Kreuz“ empfinden wie Goethe -- 243.

*Reaktion der kleinen Leute*: -- Das höchste Gefühl der Macht gibt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.

„Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden ‚Kinder Gottes‘, Gott liebt uns und will gar nichts von uns als Liebe“; das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Tun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; -- aus Liebe tut man nichts Schlimmes, man tut viel mehr, als man aus Gehorsam und Tugend täte.

Hier ist das Herdenglück, das Gemeinschaftsgefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als *Summe des Lebensgefühls* empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als „Auserwählte“.

Tatsächlich hat der Mensch nochmals eine *Alteration der Persönlichkeit* erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein „Evangelium“, -- diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen --: er meinte, daß Gott vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. -- „Gott kommt zu den Menschen“, der „Nächste“ wird transfiguriert, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). *Jesus ist der Nächste*, so wie dieser zur Gottheit, zur *Machtgefühl erregenden* Ursache umgedacht wurde.

244.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, -- daß man nichts zu tun hat, als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums nichts weiter, als die *typische Sozialistenlehre*.

Eigentum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrtümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt...Alles typisch für die Sozialistenlehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die „Herren“, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte...(Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken...Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk ~en mangeant~ Appetit bekommen hat...)

245.

Wogegen ich protestiere? Daß man nicht diese kleine friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als *Maß des Menschen*.

*Bacon von Verulam* sagt: ~Infimarum virtutum apud vulgus laus est, mediarum admiratio, supremarum sensus nullus.~ Das Christentum aber gehört, als Religion, zum ~vulgus~; es hat für die höchste Gattung ~virtus~ keinen Sinn.

246.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den *kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben*, als ob es etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat es zu teuer bezahlen müssen: denn sie haben die wertvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen