Die Hadesfahrt. — Auch ich bin in der Unter- welt gewesen, wie Odysseus, und werde es noch öfter sein; und nicht nur Hammel habe ich geopfert, um mit einigen Todten reden zu können, sondern des eignen Blutes nicht geschont. Vier Paare waren es, welche sich mir, dem Opfernden nicht versagten: Epikur und Montaigne, Goethe und Spinoza, Plato und Rousseau, Pascal und Schopenhauer. Mit diesen muss ich mich auseinandersetzen, wenn ich lange allein gewandert bin, von ihnen will ich mir Recht und Unrecht geben lassen, ihnen will ich zuhören, wenn sie sich dabei selber unter- einander Recht und Unrecht geben. Was ich auch nur sage, beschliesse, für mich und Andere ausdenke: auf jene Acht hefte ich die Augen und sehe die ihrigen auf mich geheftet. — Mögen die Lebenden es mir verzeihen, wenn sie mir mitunter wie die Schatten vorkommen, so verblichen und verdriesslich, so unruhig und ach! so lüstern nach Leben: während Jene mir dann so lebendig scheinen, als ob sie nun, nach dem Tode, nimmermehr lebensmüde werden könnten. Auf die ewige Lebendig- keit aber kommt es an: was ist am „ewigen Leben" und überhaupt am Leben gelegen!
Zweite Abtheilung: Der Wanderer und sein Schatten.
Der Schatten: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben.
Der Wanderer: Es redet: wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist.
Der Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?
Der Wanderer: Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet: ich höre es, aber glaube es nicht.
Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist Alles vorbei.
Der Wanderer: Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kameele sah.
Der Schatten: Es ist gut, dass wir Beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Ge- spräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem Anderen Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiss man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, Etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit Jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren und dreimal zum Tropf.
Der Wanderer: Deine Genügsamkeit ist nicht schmeichelhaft für Den, welchem du sie eingestehst.
Der Schatten: Soll ich denn schmeicheln?
Der Wanderer: Ich dachte, der menschliche Schatten sei seine Eitelkeit; diese aber würde nie fragen: „soll ich denn schmeicheln?"
Der Schatten: Die menschliche Eitelkeit, soweit ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal that, ob sie reden dürfe: sie redet immer.
Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich freue, dich zu hören und nicht bloss zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nöthig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
Der Schatten: Und ich hasse Dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Licht- jünger sind, und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die uner- müdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntniss auf sie fällt, — jener Schatten bin ich auch.
Der Wanderer: Ich glaube dich zu verstehen, ob du dich gleich etwas schattenhaft ausgedrückt hast.' Aber du hattest Recht: gute Freunde geben sich hier und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständ- nisses, welches für jeden Dritten ein Räthsel sein soll.
Und wir sind gute Freunde. Desshalb genug des Vor- redens! Einige hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die Zeit, wo du auf sie antworten kannst, ist viel- leicht nur kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und Friedfertigkeit mit einander zusammenkommen.
Der Schatten: Aber die Schatten sind schüchterner als die Menschen: du wirst Niemandem mittheilen, wie wir zusammen gesprochen haben.
Der Wanderer: Wie wir zusammen gesprochen haben? Der Himmel behüte mich vor langgesponnenen schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato weniger Lust am Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust an Plato haben. Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit ergetzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein Ge- mälde mit lauter falschen Perspectiven: Alles ist zu lang oder zu kurz. — Doch werde ich vielleicht mittheilen dürfen, worüber wir übereingekommen sind?
Der Schatten: Damit bin ich zufrieden; denn Alle werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen: des Schattens wird Niemand gedenken.
Der Wanderer: Vielleicht irrst du, Freund! Bis jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten wahrgenommen als mich.
Der Schatten: Mehr den Schatten als das Licht? Ist es möglich?
Der Wanderer: Sei ernsthaft, lieber Narr! Gleich meine erste Frage verlangt Ernst. — ■ V X.
Vom Baum der Erkenntniss. — Wahrscheinlich- keit, aber keine Wahrheit: Freischeinlichkeit, aber keine Freiheit — diese beiden Früchte sind es, derentwegen der Baum der Erkenntniss nicht mit dem Baum des Lebens verwechselt werden kann.
2.
Die Vernunft der Welt. — Dass die Welt nicht der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist, lässt sich endgültig dadurch beweisen, dass jenes Stück Welt, welches wir kennen — ich meine unsre menschliche Vernunft —, nicht allzu vernünftig ist. Und wenn sie nicht allezeit und vollständig weise und rationell ist, so wird es die übrige Welt auch nicht sein; hier gilt der Schluss a minori ad majus, a parte ad totum, und zwar mit entscheidender Kraft.
3 „Am Anfang war." — Die Entstehung verherr- lichen — das ist der metaphysische Nachtrieb, welcher bei der Betrachtung der Historie wieder ausschlägt und durchaus meinen macht, am Anfang aller Dinge stehe das Werthvollste und Wesentlichste.
4.
Maass für den Werth der Wahrheit. — Für die Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer Besteigung durchaus kein Maassstab. Und in der Wissenschaft soll es anders sein! — sagen uns Einige, die für eingeweiht gelten wollen —, die Mühsal um die Wahrheit soll ge- rade über den Werth der Wahrheit entscheiden! Diese tolle Moral geht von dem Gedanken aus, dass die „Wahr- heiten" eigentlich Nichts weiter seien als Turngeräth- schaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten, — eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes.
5.
5.
Sprachgebrauch und Wirklichkeit. — Es giebt eine erheuchelte Missachtung aller der Dinge, welche thatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, aller nächsten Dinge. Man sagt zum Beispiel „man isst nur, um zu leben," — eine verfluchte Lüge, wie jene, welche von der Kinderzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hoch- schätzung der „wichtigsten Dinge" fast niemals ganz ächt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar durchaus auf diesen Gebieten an einen heuchlerisch über- treibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt wie jene verachteten nächsten Dinge. — Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist immerhin, dass man die nächsten Dinge zum Beispiel Essen Wohnen Sich -Kleiden Verkehren nicht zum Object des stätigen unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil diess für herabwürdigend gilt, seinen intellectuellen und künst- lerischen Ernst davon abwendet: so dass hier die Ge- wohnheit und die Frivolität über die Unbedachtsamen, namentlich über die unerfahrne Jugend, leichten Sieg haben; während andererseits unsere fortwährenden Ver- stösse gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns Alle, Jüngere und Ältere, in eine beschä- mende Abhängigkeit und Unfreiheit bringen — ich meine in jene im Grunde überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt.
6.
6.
Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Haupt- ursache. — Man trifft, wenn man sich umsieht, immer auf Menschen, welche ihr Leben lang Eier gegessen ha- ben, ohne zu bemerken, dass die länglichten die wohl- schmeckendsten sind, welche nicht wissen, dass ein Gewitter dem Unterleib förderlich ist, dass Wohlgerüche in kalter klarer Luft am stärksten riechen, dass unser Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes ungleich ist, dass jede Mahlzeit, bei der man gut spricht oder gut hört, dem Magen Nachtheil bringt. Man mag mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungs- sinn nicht zufrieden sein: um so mehr möge man zuge- stehen, dass die allernächsten Dinge von den Meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden. Und ist diess gleichgültig? — Man erwäge doch, dass aus diesem Mangel sich fast alle leibliche und seeli- sche Gebrechen der Einzelnen ableiten: nicht zu wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise, Vertheilung des Tags, Zeit und Auswahl des Verkehrs, in Beruf und Müsse, Befehlen und Gehorchen, Natur- und Kunstempfinden, Essen, Schlafen und Nachdenken; im Kleinsten und Alltäglichsten unwissend zu sein und keine scharfen Augen zu haben — Das ist es, was die Erde für so Viele zu einer „Wiese des Unheils" macht. Man sage nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen Unver^ nunft: vielmehr — Vernunft genug und übergenug ist da, aber sie wird falsch gerichtet und künstlich von jenen kleinen und allernächsten Dingen abgelenkt. Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht der Idealisten jeder Art, der gröberen und feineren, reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz Anderes an: auf das Heil der Seele, den Staatsdienst, die Förderung der Wissenschaft, oder auf Ansehen und Besitz, als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu erweisen, während das Bedürfniss des Einzelnen, seine grosse und kleine Noth innerhalb der vierundzwanzig Tagesstunden etwas Verächtliches oder Gleichgültiges sei. — Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hoch- müthige Vernachlässigung des Menschlichen zu Gunsten des Menschen und liebte es, mit einem Worte Homer's, an den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und Nachdenkens zu mahnen: Das ist es und nur Das, sagte er, „was mir zu Hause an Gutem und Schlimmem begegnet".
7° Zwei Trostmittel. — Epikur, der Seelen-Be- schwichtiger des späteren Alterthums, hatte jene wunder- volle Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu finden ist, dass zur Beruhigung des Gemüths die Lösung der letzten und äussersten theoretischen Fragen gar nicht Nietzsche, Werke Band III. T, nöthig sei. So genügte es ihm, Solchen, welche „die Götterangst" quälte, zu sagen: „wenn es Götter giebt, so bekümmern sie sich nicht um uns" — statt über die letzte Frage, ob es Götter überhaupt gebe, unfrucht- bar und aus der Ferne zu disputiren. Jene Position ist viel günstiger und mächtiger: man giebt dem Andern einige Schritte vor und macht ihn so zum Hören und Beherzigen gutwilliger. Sobald er sich aber anschickt das Gegentheil zu beweisen — dass die Götter sich um uns kümmern —, in welche Irrsale und Dorngebüsche muss der Arme gerathen, ganz von selber, ohne die List des Unterredners, der nur genug Humanität und Feinheit haben muss, um sein Mitleiden an diesem Schauspiele zu verbergen. Zuletzt kommt jener Andere zum Ekel, dem stärksten Argument gegen jeden Satz, zum Ekel an seiner eigenen Behauptung; er wird kalt und geht fort mit derselben Stimmung, wie sie auch der reine Atheist hat: „was gehen mich eigentlich die Götter an! hole sie der Teufel!" — In andern Fällen, namentlich wenn eine halb physische, halb moralische Hypothese das Gemüth verdüstert hatte, widerlegte er nicht diese Hypothese, sondern gestand ein, dass es wohl so sein könne: aber es gebe noch eine zweite Hypothese, um dieselbe Erscheinung zu erklären; vielleicht könne es sich auch noch anders verhalten. Die Mehrheit der Hypothesen genügt auch in unserer Zeit noch, zum Beispiel über die Herkunft der Gewissensbisse, um jenen Schatten von der Seele zu nehmen, der aus dem Nachgrübeln über eine einzige, allein sichtbare und dadurch hundertfach über- schätzte Hypothese so leicht entsteht. — Wer also Trost zu spenden wünscht, an Unglückliche, Übelthäter, Hy- pochonder, Sterbende, möge sich der beiden beruhigenden Wendungen Epikur's erinnern, welche auf sehr viele Fragen sich anwenden lassen. In der einfachsten Form würden sie etwa lauten: erstens, gesetzt es verhält sich so, so geht es uns Nichts an; zweitens: es kann so sein, es kann aber auch anders sein.
8.
8.
In der Nacht. — Sobald die Nacht hereinbricht, verändert sich unsere Empfindung über die nächsten Dinge. Da ist der Wind, der wie auf verbotenen Wegen umgeht, flüsternd, wie Etwas suchend, verdrossen, weil er's nicht findet. Da ist das Lampenlicht, mit trübem röthlichen Scheine, ermüdet blickend, der Nacht ungern widerstrebend, ein ungeduldiger Sclave des wachen Men- schen. Da sind die Athemzüge des Schlafenden, ihr schauerlicher Tact, zu der eine immer wiederkehrende Sorge die Melodie zu blasen scheint — wir hören sie nicht, aber wenn die Brust des Schlafenden sich hebt, so fühlen wir uns geschnürten Herzens, und wenn der Athem sinkt und fast in's Todtenstille erstirbt, sagen wir uns „ruhe ein Wenig, du armer gequälter Geist!" — wir wünschen allem Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe: die Nacht überredet zum Tode. — Wenn die Menschen der Sonne entbehrten und mit Mondlicht und Öl den Kampf gegen die Nacht führten, welche Philosophie würde um sie ihre Schleier hüllen! Man merkt es ja dem geistigen und seelischen Wesen des Menschen schon zu sehr an, wie es durch die Hälfte Dunkelheit und Sonnen-Entbehrung, von der das Leben umflort wird, im Ganzen verdüstert ist.
9- Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist. — Ober dem Einen steht die Nothwendigkeit in der Gestalt seiner Leidenschaften, über dem Andern als Gewohnheit zu hören und zu gehorchen, über dem Dritten als logisches Gewissen, über dem Vierten als Laune und muthwilliges Behagen an Seiten- sprüngen. Von diesen Vieren wird aber gerade da die Freiheit ihres Willens gesucht, wo Jeder von ihnen am festesten gebunden ist: es ist als ob der Seidenwurm die Freiheit seines Willens gerade im Spinnen suche. Woher kommt diess? Ersichtlich daher, dass Jeder sich dort am meisten für frei hält, wo sein Lebensgefühl am grössten ist, also, wie gesagt, bald in der Leiden- schaft, bald in der Pflicht, bald in der Erkenntniss, bald im Muthwillen. Das, wodurch der einzelne Mensch stark ist, worin er sich belebt fühlt, meint er unwillkürlich, müsse auch immer das Element seiner Freiheit sein: er rechnet Abhängigkeit und Stumpfsinn, Unabhängigkeit und Lebensgefühl als nothwendige Paare zusammen. — Hier wird eine Erfahrung, die der Mensch im gesell- schaftlich-politischen Gebiete gemacht hat, fälschlich auf das allerletzte metaphysische Gebiet übertragen: dort ist der starke Mann auch der freie Mann, dort ist lebendiges Gefühl von Freude und Leid, Höhe des Hoffens, Kühn- heit des Begehrens, Mächtigkeit des Hassens das Zubehör der Herrschenden und Unabhängigen, während der Unterworfene, der Sclave gedrückt und stumpf lebt. — Die Lehre von der Freiheit des Willens ist eine Erfindung der herrschenden Stände.
Keine neuen Ketten fühlen. — So lange wir nicht fühlen, dass wir irgend wovon abhängen, halten wir uns für unabhängig: ein Fehlschluss, welcher zeigt, wie stolz und herrschsüchtig der Mensch ist. Denn er nimmt hier an, dass er unter allen Umständen die Ab- hängigkeit, sobald er sie erleide, merken und erkennen müsse, unter der Voraussetzung, dass er in der Unab- hängigkeit für gewöhnlich lebe und sofort, wenn er sie ausnahmsweise verliere, einen Gegensatz der Empfin- dung spüren werde. — Wie aber, wenn das Umgekehrte wahr wäre: dass er immer in vielfacher Abhängigkeit lebt, sich aber für frei hält, wo er den Druck der Kette aus langer Gewohnheit nicht mehr spürt? Nur an den neuen Ketten leidet er noch: — „Freiheit des Willens" heisst eigentlich Nichts weiter als keine neuen Ketten fühlen.
ii.
ii.
Die Freiheit des Willens und die Isolation der Facta. — Unsere gewohnte ungenaue Beobach- tung nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als Eins und nennt sie ein Factum: zwischen ihm und einem an- dern Factum denkt sie sich einen leeren Raum hinzu, sie isolirt jedes Factum. In Wahrheit aber ist all unser Handeln und Erkennen keine Folge von Facten und leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluss. Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit der Vorstellung eines beständigen einartigen un- getheilten untheilbaren Fliessens unverträglich: er setzt voraus, dass jede einzelne Handlung isolirt und untheilbar ist; er ist eine Atomistik im Bereiche des Wollens und Erkennens. — Gerade so wie wir Charaktere ungenau verstehen, so machen wir es mit den Facten: wir sprechen von gleichen Charakteren, gleichen Facten: beide giebt es nicht. Nun loben und tadeln wir aber nur unter dieser falschen Voraussetzung, dass es gleiche Facta gebe, dass eine abgestufte Ordnung von Gattungen der Facta vorhanden sei, welcher eine abgestufte Werth Ordnung entspreche: also wir isoliren nicht nur das einzelne Factum, sondern auch wiederum die Gruppen von angeblich gleichen Facten (gute böse mitleidige neidische Handlungen u. s. w.) — beidemal irrthümlich. — Das Wort und der Begriff sind der sicht- barste Grund, wesshalb wir an diese Isolation von Hand- lungs- Gruppen glauben: mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das Wesen derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch fortwährend verführt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt von einander, untheilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische Mythologie in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens, das heisst der gleichen Facten und der isolirten Facten, — hat in der Sprache seinen beständigen Evangelisten und Anwalt.
Die Grundirrthümcr. — Damit der Mensch irgend eine seelische Lust oder Unlust empfinde, muss er von einer dieser beiden Illusionen beherrscht sein: entweder glaubt er an die Gleichheit gewisser Facta, gewisser Empfindungen: dann hat er durch die Ver- gleichung jetziger Zustände mit früheren und durch Gleich- oder Ungleichsetzung derselben (wie sie bei aller Erinnerung stattfindet) eine seelische Lust oder Unlust; oder er glaubt an die Willens-Freiheit, etwa wenn er denkt „diess hätte ich nicht thun müssen", „diess hätte anders auslaufen können", und gewinnt daraus ebenfalls Lust oder Unlust. Ohne die Irrthümer, welche bei jeder seelischen Lust und Unlust thätig sind, wäre niemals ein Menschenthum entstanden — dessen Grundempfindung ist und bleiben wird, dass der Mensch der Freie in der Welt der Unfreiheit sei, der ewige W u n d e r thäter, sei es dass er gut oder böse handelt, die erstaunliche Ausnahme, das Überthier, der Fast- Gott, der Sinn der Schöpfung, der Nichthinwegzudenkende, das Losungs- wort des kosmischen Räthsels, der grosse Herrscher über die Natur und Verächter derselben, das Wesen, das seine Geschichte Weltgeschichte nennt! — Vanitas vanüatum hovio.
Zweimal sagen. — Es ist gut, eine Sache sofort doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und einen linken Fuss zu geben. Auf Einem Beine kann die Wahr- heit zwar stehen; mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen.
Der Mensch der Komödiant der Welt. — Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als der Mensch ist, bloss um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der Mensch sich für den Zweck des ganzen Welt -Daseins ansieht und die Menschheit ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission sich zufrieden giebt. Hat ein Gott die Welt geschaffen, so schuf er den Menschen zum Affen Gottes, als fortwährenden Anlass zur Erheiterung in seinen allzulangen Ewigkeiten. Die Sphärenmusik um die Erde herum wäre dann wohl das Spottgelächter aller übrigen Geschöpfe um den Menschen herum. Mit dem Schmerz kitzelt jener gelangweilte Unsterbliche sein Lieblingsthier, um an den tragisch- stolzen Gebärden und Auslegungen seiner Leiden, über- haupt an der geistigen Erfindsamkeit des eitelsten Ge- schöpfes seine Freude zu haben — als Erfinder dieses Erfinders. Denn wer den Menschen zum Spaasse er- sann, hatte mehr Geist als dieser, und auch mehr Freude am Geist. — Selbst hier noch, wo sich unser Menschen- thum einmal freiwillig demüthigen will, spielt uns die Eitelkeit einen Streich, indem wir Menschen wenigstens in dieser Eitelkeit etwas ganz Unvergleichliches und Wunderhaftes sein möchten. Unsere Einzigkeit in der Welt! ach, es ist eine gar zu unwahrscheinliche Sache! Die Astronomen, denen mitunter wirklich ein erdent- rückter Gesichtskreis zu Theil wird, geben zu verstehen, dass der Tropfen Leben in der Welt für den gesammten Charakter des ungeheuren Oceans von Werden und Ver- gehen ohne Bedeutung ist: dass ungezählte Gestirne ähnliche Bedingungen zur Erzeugung des Lebens haben wie die Erde, sehr viele also — freilich kaum eine Handvoll im Vergleich zu den unendlich vielen, welche den lebenden Ausschlag nie gehabt haben oder von ihm längst genesen sind: dass das Leben auf jedem dieser Gestirne, gemessen an der Zeitdauer seiner Existenz, ein Augenblick, ein Aufflackern gewesen ist, mit langen, langen Zeiträumen hinterdrein, — also keineswegs das Ziel und die letzte Absicht ihrer Existenz. Vielleicht bildet sich die Ameise im Walde ebenso stark ein, dass sie Ziel und Absicht für die Existenz des Waldes ist, wie wir diess thun, wenn wir an den Untergang der Menschheit in unserer Phantasie fast unwillkürlich den Erduntergang anknüpfen: ja wir sind noch bescheiden, falls wir dabei stehn bleiben und nicht zur Leichenfeier des letzten Sterblichen eine allgemeine Welt- und Götterdäm- merung veranstalten. Der unbefangenste Astronom selber kann die Erde ohne Leben nicht anders empfinden als wie den leuchtenden und schwebenden Grabhügel der Menschheit.
Bescheidenheit des Menschen. — Wie wenig Lust genügt den Meisten, um das Leben gut zu finden, wie bescheiden ist der Mensch!
Worin Gleichgültigkeit noth thut. — Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissen- schaft über die ersten und letzten Dinge einmal end- gültig feststellen wird, und bis dahin auf die herkömm- liche Weise denken (und namentlich glauben!) — wie diess so oft angerathen wird. Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus nur Sicherheiten haben zu wollen, ist ein religiöser Nachtrieb, nichts Besseres, — eine versteckte und nur scheinbar skeptische Art des „me- taphysischen Bedürfnisses", mit dem Hintergedanken verkuppelt, dass noch lange, lange Zeit keine Aussicht auf diese letzten Sicherheiten vorhanden und bis dahin der „Gläubige" im Recht ist, sich um das ganze Gebiet nicht zu kümmern. Wir haben diese Sicherheiten um die aller- äussersten Horizonte gar nicht nöthig, um ein volles und tüchtiges Menschenthum zu leben: ebensowenig als die Ameise sie nöthig hat, um eine gute Ameise zu sein. Vielmehr müssen wir uns darüber in's Klare bringen, woher eigentlich jene fatale Wichtigkeit kommt, die wir jenen Dingen so lange beigelegt haben: und dazu brauchen wir die Historie der ethischen und religiösen Empfindungen. Denn nur unter dem Einfluss dieser Empfindungen sind uns jene allerspitzesten Fragen der Erkenntniss so erheblich und furchtbar geworden: man hat in die äussersten Bereiche, wohin noch das geistige Auge dringt, ohne in sie einzudringen, solche Begriffe wie Schuld und Strafe (und zwar ewige Strafe!) hineinverschleppt: und diess um so unvorsichtiger, je dunkler diese Bereiche waren. Man hat seit Alters mit Verwegenheit dort phantasirt, wo man Nichts feststellen konnte, und seine Nachkommen überredet, diese Phan- tasien für Ernst und Wahrheit zu nehmen, zuletzt mit dem abscheulichen Trumpfe: dass Glauben mehr werth sei als Wissen. Jetzt nun thut in Hinsicht auf jene letzten Dinge nicht Wissen gegen Glauben noth, sondern Gleichgültigkeit gegen Glauben und angebliches Wissen auf jenen Gebieten! — Alles Andere muss uns näher stehen als Das, was man uns bisher als das Wichtigste vorgepredigt hat — ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Loos hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Curiosa lauten mögen. Ebensowenig wie diese Fragen der Re- ligiösen gehen uns die Fragen der philosophischen Dog- matiker an, mögen sie nun Idealisten oder Materialisten oder Realisten sein. Sie allesammt sind darauf aus, uns zu einer Entscheidung auf Gebieten zu drängen, wo weder Glauben noch Wissen noth thut; selbst für die grössten Liebhaber der Erkenntniss ist es nützlicher, wenn um alles Erforschbare und der Vernunft Zugäng- liche ein umnebelter trügerischer Sumpfgürtel sich legt, ein Streifen des Undurchdringlichen, Ewig -Flüssigen und Unbestimmbaren. Gerade durch die Vergleichung mit dem Reiche des Dunkels am Rande der Wissens -Erde